Pestilenz (2019)

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Originaltitel: Pestilenz
Regie: Thomas Grieser
Drehbuch: Thomas Grieser
Kamera: –
Musik: Jet Noir (End Title)
Laufzeit: 70 Minuten
Darsteller: Sabrina Arnds, Christina Moni, , Thomas Grieser,  Thomas Goersch, Shawn C. Phillips, Marco Klammer, Manfred Treusch
Genre: Horror, Gore, Amateurfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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In einem abgelegenen Dorf scheint die Pest wieder ausgebrochen zu sein. Ein Filmteam macht sich auf den Weg, um Genaueres herauszufinden, zumal auch ein Gerücht umgeht, dass der Ausbruch der Krankheit nicht auf natürlichem Weg, sondern auf übernatürliche Weise ausgelöst wurde.

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Es fällt mittlerweile nicht mehr leicht, Found Footage, und gerade solche, die ein Debüt darstellen, zu bewerten. Zu viele Filme dieser Art haben den Markt seit „Blair Witch Project“ überschwemmt, als dass man noch genauer differenzieren könnte, wo echtes Potential dahintersteckt. Und dann kommt auch schon ein neuer Film aus Deutschland, der wieder in der Found Footage-Sparte angesiedelt ist. Thomas Griesers Film hebt sich handlungstechnisch so gut wie gar nicht von anderen Genrebeiträgen ab, was aber erstens gar nicht wirklich verwunderlich und zweitens auch gar nicht schlimm ist. Wer sich auf solche Filme einlässt, weiß sowieso, was ihn erwartet. Aber eines kann man „Pestilenz“ auf alle Fälle zugute halten: Es steckt enorm viel Herzblut drin. Und das merkt man in so ziemlich jeder Einstellung, so dass man dem Film einen gewissen Reiz und Charme absolut nicht absprechen kann.

Und da komme ich auch schon an den Punkt, an dem ich den Film im Grunde genommen trotz seiner kleinen Macken gut heiße, denn die Darsteller sind so mit Herz bei der Sache, dass es wirklich Spaß macht, ihnen dabei zuzusehen. Sicherlich wirkt die ein oder andere Szene laienhaft, aber genau das macht wiederum ein Stück Authentizität aus, denn, wenn man sich auf den Film einlassen kann, trägt genau diese sympathische Amateurhaftigkeit dazu bei, dass man die Story zumindest halbwegs wahr hält. „Pestilenz“ reiht sich im Grunde genommen in die Flut der Low Budget Found Footage Horrorfilme ein, ohne wirklich etwas Neues zu bieten. Das muss aber bei einem Film, der mit äußerst geringem Budget gedreht wurde, auch gar nicht sein. Ausschlaggebend sind bei solchen Projekten immer das Engagement und das Talent, eine Geschichte publikumstauglich in Szene zu setzen. Und das ist Thomas Grieser auf alle Fälle gelungen. Was ein wenig „störend“ auffällt, ist die Szene, in der die Filmemacher zwei Leichen am Wegesrand finden und sie ausgiebig filmen. Es sind sichtbar Puppen, die wir zu sehen bekommen (was im Grunde genommen bei solcherart Herzblut-Amateur-Filmen kein Problem für mich darstellt). Aber die Kamera wird zum einen sehr nahe und zum anderen sehr lange auf diese billig wirkenden Leichen gerichtet, dass es knapp an der Grenze zu „peinlich“ erscheint. Ich will damit keineswegs sagen, dass mir diese Einstellungen nicht gefallen haben, aber man hätte sie durchaus effektiver inszenieren können, in dem man sie kürzer und nicht so detailliert gestaltet hätte. Gestört haben sie mich dennoch nicht.

Mit einer Laufzeit von knapp siebzig Minuten kommt auch keine Langeweile auf, da (vielleicht bis auf das Ende)  nie „Zeit geschunden“ wird, um mit Gewalt die Dauer eines Langfilms zu erreichen. Die Story wird vorangetrieben und man möchte wissen, was hinter dem Geheimnis steckt. Der Spannungsbogen wird von Grieser also konsequent hochgehalten und hält den Zuschauer bei der Stange. Um noch einmal auf die SchauspielerInnen zurückzukommen: Sie machen durchwegs ihre Sache gut und spielen sehr natürlich. Bei manchen Szenen, in denen sie sich gegenseitig anzicken, bekommt man auch schon mal ein Grinsen auf die Lippen. Sabrina Arnds Darstellung wirkt anfangs ein wenig unbeholfen, was aber letztendlich irgendwie dann doch wieder zu einem Sympathiepunkt führt. Ihr Agieren wird aber im Verlaufe des Films zunehmend besser. Thomas Grieser in der Hauptrolle konnte mich überwiegend auch überzeugen, ebenso wie Christina Moni. Thomas Goerschs Auftritt ist leider ein wenig kurz geraten, da hätte ich mir ein wenig mehr gewünscht, hat er mir doch in Marian Doras „Reise nach Agatis“ ganz gut gefallen. Aber zumindest in der Kürze konnte er ein glaubwürdiges Bild seiner Figur vermitteln. Letztendlich hatte ich bei „Pestilenz“ einen ähnlichen Spaß wie seinerzeit bei Marcel Walz‘ „Raw“-Reihe. Und ebenso bin ich der Meinung, dass sich „Pestilenz“ hinter seinem Ur-Vorbild „Blair Witch Project“ nicht zu verstecken braucht.

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Fazit: Ruhig inszenierter Found Footage-Film, der sich nah an diverse Vorbilder anlehnt, aber dennoch eigenständig überzeugen kann. Wer einen Jump Scare-Grusler erwartet, wird enttäuscht sein, wer aber einen deutschen mit absolut Herzblut gedrehten Genre-Beitrag unterstützen will, sollte einen Blick riskieren.

© 2019 Wolfgang Brunner

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What’s wrong with you? (2019)

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Originaltitel: What’s wrong with you?
Regie: Sebastian Zeglarski
Drehbuch: Sebastian Zeglarski, Master W
Kamera: Paul Maximilian von Preuss, Markus Innocenti, Ms. Perfect, Resa Elstner
Musik: Axl Wild Productions, European Breakwdown, Donner Music
Laufzeit: 78 Minuten
Darsteller: Sebastian Zeglarski, Missy,  Markus Innocenti, A. Kolnik, Uwe Kolnik, Christian Nowak, Thynomite, Amok Pia
Genre: Horror, Gore, Amateurfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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Ein Mann wird durch einen Schicksalsschlag vollkommen aus der Bahn geworfen. Sein Leben gerät aus den Fugen, als er mit den Abgründen seiner Seele konfrontiert wird. Seine  Existenz besteht nur noch aus Wahnvorstellungen und Albträumen. Und immer wieder taucht ein geheimnisvoller maskierter Mann  auf. Realität und Halluzinationen vermischen sich immer mehr. Was stimmt nicht mit dem Mann nicht?

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Es gibt Amateurfilme und es gibt Filme, die von Menschen gedreht werden, die man (fälschlicherweise 😉 ) als Amateurfilmer bezeichnet. „What’s wrong with you“ ist genau so ein Beispiel, denn Regisseur und Hauptdarsteller Sebastian Zeglarski hat ein unglaublich cineastisches Gefühl dafür, eine magische und hypnotische Geschichte zu erzählen. Wenn man bedenkt mit welch geringem Budget Zeglarski diesen Film auf die Beine gestellt hat, fragt man sich unweigerlich, wie das Ergebnis wohl ausgesehen hätte, hätte mehr Geld zur Verfügung gestanden. Fakt ist, dass „What’s wrong with you“ eine innovative Reise ins Innere, ins Seelenleben, eines Menschen ist. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass man es filmisch nicht hätte besser ausdrücken können, was in solch einem Menschen gedanklich vorgeht.

„What’s wrong with you“ erinnerte mich in seinen besten Momenten an Kultfilme von Jörg Buttgereit, Olaf Ittenbach oder sogar Peter Greenaway. In philosophisch anmutenden, verklärten Traumsequenzen lässt uns Regisseur Zeglarski am Innenleben eines kaputten, kranken und auch verzweifelten Menschen teilhaben. An vielen Stellen bekam ich eine Gänsehaut und konnte mich überhaupt nicht satt sehen an diesen fantastischen, surrealen Bildern, die auf einen einstürmen. Der Film hat  in manchen Szenen einen hohen Gewaltanteil, der aber erfreulicherweise nie den Mittelpunkt der Geschichte einnimmt. Und genau das ist es, was mich an diesem Film so fasziniert, denn Sebastian Zeglarski geht es in erster Linie um den Menschen und die psychologische Seite seiner Existenz. Die teils brutalen und auch abartigen Szenen wirken niemals abstoßend, sondern fügen sich geschickt in das Gesamtbild des Films ein .Nebenbei bemerkt sind diese Spezialeffekte extrem gut gelungen.

Die Schauspieler mögen zwar in manchen Einstellungen etwas amateurhaft wirken, aber das macht in diesem Fall überhaupt nichts, sondern unterstreicht sogar die Authentizität. Ich bin mit keinen Erwartungen an diesen Film herangegangen, was wahrscheinlich mein Glück war, denn ich bekam etwas zu sehen, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Unbedingt zu erwähnen ist auch noch die fantastische Musikuntermalung, die mich unweigerlich an die Werke von Marian Dora erinnert hat. Trotz der „schlimmen“, deprimierenden Geschichte und den brutalen Goreszenen werden die Bilder von melancholischen Melodien untermalt, die emotional berühren. Diese Mischung ist es letztendlich auch, die diesen Film zu einem Must See im Amateurfilmbereich für mich macht. Manchmal habe ich mir gedacht, „What’s wrong with you“ könnte tatsächlich als Extra auf der DVD eines Peter Greenaway Films sein, das zeigt, wie die Anfänge dieses genialen Regisseurs waren. Sebastian Zeglarski hat für mich auf jeden Fall das Zeug dazu, genau solch ein intellektueller und innovativer (Kult-)Regisseur zu werden. Vor allem, wenn man ihm das nötige Budget zur Verfügung stellen würde. Eines ist für mich gewiss: „What’s wrong with you“ hat sich schlagartig in die Top Ten meiner liebsten Independent- und Amateurfilme hochkatapultiert. Ich werde mir diesen Film definitiv noch öfter ansehen. Und das sollte jeder tun, der sich für Filmhandwerk mit Herzblut interessiert.

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Fazit: Innovativ, melancholisch, brutal und … einfach großartig. Muss man gesehen haben.

© 2019  Wolfgang Brunner

Ben is back (2018)

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Originaltitel: Ben is Back
Regie: Peter Hedges
Drehbuch: Peter Hedges
Kamera: Stuart Dryburgh
Musik: Dickon Hinchliffe
Laufzeit: 103 Minuten
Darsteller: Julia Roberts, Lucas Hedges, Kathryn Newton, Courtney B. Vance, Tim Guinee, Mia Fowler, Melissa van der Schyff
Genre: Drama
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahre

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Völlig unerwartet steht der 19-jährige Ben Weihnachten vor der Tür seiner Familie. Er müsste sich eigentlich in einer Entzugsklinik befinden und  hofft, dass er zusammen mit  seiner Mutter sein Drogenproblem endlich in den Griff bekommt. Bens Vater möchte ihn umgehend in die Klinik zurückschicken, aber seine Mutter kann ihn dazu bewegen, zumindest für 24 Stunden seinem Aufenthalt zuzustimmen. In dieser Zeit kommt mehr aus Bens Leben ans Tageslicht, als der Familie lieb ist.

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Julia Roberts macht ihre Arbeit enorm gut. Man nimmt ihr sämtliche Handlungsweisen uneingeschränkt ab und sie überzeugt auch absolut in ihrer emotionalen Ausdrucksweise. Mit diesem Film beweist sie erneut, dass sie noch immer eine begnadete Schauspielerin ist. Aber auch Lucas Hedges in der Rolle des Ben wirkt äußerst glaubwürdig und verkörpert den drogensüchtigen Junky genauso überzeugend wie den bemitleidenswerten und liebevollen Bruder und Sohn. „Ben is back“ ist ein sehr authentisches Drama, das neben den Auswirkungen des Drogenkonsums, und den damit einhergehenden strafrechtlichen Entwicklungen, auch noch zeigt, zu welchen familiären Problemen so eine Sucht führen kann. Schauspielerisch und inszenatorisch ist an diesem Drama nichts auszusetzen.

Auch der Spannungsbogen entwickelt sich stetig nach oben, sodass es dem Zuschauer in keiner Minute langweilig wird. Der Film hätte sogar gut und gerne noch eine halbe Stunde länger dauern dürfen, um noch detaillierter auf die Spannungen und Probleme innerhalb dieser Familie einzugehen. Es gibt zum Beispiel eine Szene in diesem Film, in der Ben eine Selbsthilfegruppe aufsucht und seine Mutter ihn begleitet. Diese Momente sind sehr eindringlich gefilmt und lassen den Zuschauer – zumindest ging es mir so – eine Weile nicht mehr los. „Ben is back“ macht nachdenklich, lässt den Zuschauer allerdings nicht nur hilflos und deprimiert zurück, sondern vermittelt auch in gewisser Weise Hoffnung. Und genau diese Mischung ist es auch, die diesen Film aus meiner Sicht sehr glaubwürdig und eben auch eindringlich macht. Man kann nämlich durchaus vieles im Leben erreichen oder Fehler beheben, wenn man sich entsprechend Mühe gibt und vor allem nicht aufgibt.

Dem ein oder anderen mag vielleicht die Entwicklung in der zweiten Hälfte des Films nicht zusagen, da sie sich dann vom Drama fort- und eher in Richtung Thriller bewegt. Mir persönlich hat dieser Richtungswechsel allerdings nicht wirklich viel ausgemacht, da die Mutter-Sohn-Beziehung weiterhin noch im Vordergrund stand. Sicherlich wollte man damit einen Weg einschlagen, um den Film auch massentauglich  und nicht zu einem besonderen ArtHouse Drama zu machen, das nur eine bestimmtes Publikum anspricht. Alles in allem bekommt man hier auf alle Fälle einen sehr guten Film mit bemerkenswerten Schauspielerleistungen geboten, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Fazit: Sehenswertes, sehr authentisches Familiendrama, das auf unkitschige Weise zu Herzen geht.

©2019 Wolfgang Brunner

Das Wundern des jungen Ulysses (2019)

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Originaltitel: Das Wundern des jungen Ulysses
Regie: René Wiesner
Drehbuch: René Wiesner
Kamera: René Wiesner
Musik: Stephan Ortlepp
Laufzeit: 17 Minuten
Darsteller: –
Genre: Kurzfilm, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine verlassene Wohnung, in der ein schlimmes Schicksal ihre Spuren hinterlässt.

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Ein neuer Kurzfilm von René Wiesner, der mich natürlich sehr neugierig macht, da ich seinen letzten Film „Ossarium“ sehr gelungen und gut fand. „Das Wundern des jungen Ulysses“ beginnt auf ähnliche Weise und man weiß lange Zeit nicht, was einen erwartet und um was es in diesem Kurzfilm eigentlich geht. Man betrachtet die verlassene Wohnung, sieht den Bildern zu und lässt plötzlich seine eigenen Gedanken schweifen. Man erinnert sich an Begebenheiten des eigenen Lebens, zieht sozusagen Bilanz, während man darauf wartet, dass etwas in Wiesners neuem Film passiert. Aber es geht ruhig weiter, wie es auch begonnen hat. Und irgendwann ist es dann soweit und die Magie dieser melancholischen Bilder, übrigens genial untermalt von Stephan Ortlepp, packt einen, zieht einen in den Bann und lässt einen nicht mehr los. Und während man weiter über den Film (und auch sich selbst) nachdenkt, erschließen sich von einem Moment auf den anderen immer mehr Perspektiven, die der Film aufzeigt. Man befindet sich irgendwann in einem Strudel, dem man nicht mehr entkommen kann.

Ich möchte es fast schon als kleines filmisches Wunder bezeichnen, was René Wiesner da inszeniert hat. Denn so minimalistisch und banal „Die Wunder des jungen Ulysses“ auf den ersten Blick daherkommen mag, umso bombastischer entwickelt er sich zu einem konsequenten, dramatischen Ende, das ab einem gewissen Moment fast schon wie eine Bombe im Kopf des Zuschauers detoniert. Wiesner hat es mit seinem Kurzfilm tatsächlich geschafft, mich über Tage hinweg zu beschäftigen. Immer wieder geistern diese „einfachen“ Bilder durch meinen Kopf und ich meine fast, Ortlepps unheilschwangere, düstere Töne zu hören. „Das Wundern des jungen Ulysses“ verwundert, fasziniert und schockiert eher erst, nachdem man den Film gesehen hat. Sicherlich breitet sich während der Sichtung bereits ein mulmiges Gefühl in der Magengegend aus, wenn man langsam aber sicher bemerkt, um was es geht. Aber weitaus beeindruckender ist dieser Effekt, nachdem der Film zu Ende ist und man darüber nachzudenken beginnt.

Dieser Kurzfilm zeigt wieder einmal, dass man mit wenig finanziellen Mitteln etwas auf die Beine stellen kann, das nachhaltig Wirkung zeigt. Dramaturgisches Geschick, filmisches Inszenierungsvermögen und vor allem die Fähigkeit, eine Geschichte erzählen zu können. Und das, obwohl im Grunde genommen nicht einmal jemand mitspielt.  Ich muss sagen, dass mich dieser Kurzfilm geflasht hat. Es bedarf schon einer gewissen Feinfühligkeit, sich solche einem Thema anzunehmen und dies dann auch noch unspektakulär und ruhig in Szene zu setzen. Gerade diese Zurückhaltung in der Inszenierung verschafft dem Zuschauer ein weitaus beklemmenderes Gefühl, als hätte man das Thema reißerisch (und brutal) aufgearbeitet. Wieder einmal hat mich René Wiesner mit seinem filmischen Können überzeugen können, dieses Mal vielleicht sogar am meisten von all seinen kreativen Arbeiten. Ich bin schon sehr gespannt, was wir in Zukunft noch von ihm zu sehen bekommen. Auf alle Fälle volle Punktzahl für „Das Wundern des jungen Ulysses“.

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Fazit: Minimalistisches, aber gerade deswegen umso eindringlicheres Kurzfilm-Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner

Mary Shelley (2017)

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Originaltitel: Mary Shelley
Regie: Haifaa Al-Mansour
Drehbuch: Haifaa Al-Mansour, Emma Jensen, Connor McPherson
Kamera: David Ungaro
Musik: Amelia Warner
Laufzeit: 120 Minuten
Darsteller: Elle Fanning, Maisie Williams, Joanne Froggatt, Douglas Boothe, Stephen Dillane, Tom Sturridge, Bel Powley, Ben Hardy
Genre: Filmbiografie
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahre

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Mary, die selbst Geschichten schreibt, verliebt sich in den Dichter Percy Bysshe Shelley. Eines Tages eröffnet sie ihren Freunden im Haus von Lord Byron ihre Idee eines Romans um eine von den Toten wiederauferstandene Kreatur. Doch die Gesellschaft hat zu jener Zeit keinen Sinn für eine Frau, die sich als Schriftstellerin verdingt.

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Ich war sehr gespannt auf diese Filmbiografie, zumal mich seinerzeit Ken Russells ausgefallener Historientrip „Gothic“, der zumindest jene „berühmte“ Nacht in Lord Byrons Haus behandelt, total begeistert hat. Umso mehr interessierte mich, wie dieses Mal unter der Regie einer Frau an diese Lebensgeschichte herangegangen wird. „Mary Shelley“ ist anders als Ken Russells Film, wirkt aber gleichzeitig auch irgendwie wie eine Erweiterung seiner Gedankengänge. Es ist schwer zu erklären, wenn man den Film (oder beide Filme) nicht gesehen hat. Regisseurin Haifaa Al-Mansour widmet sich in ihrem Film ebenfalls „nur“ einem Ausschnitt in Shelleys Leben, was aber durchaus legitim ist, da es sich schließlich um jene Zeitspanne handelt, in der die ersten Ideen zu „Frankenstein“ in den Gedanken der jungen Autorin entstanden sind, bis hin zur Niederschrift des weltweit bekannten Romans.

Die junge Elle Fanning, die vielen in den Hauptrollen der Kinoerfolge „Super 8“ oder jüngst „The Neon Demon“ bekannt sein dürfte, meistert die Hauptrolle mit Bravour. Es macht riesigen Spaß, ihr bei der Verkörperung von Mary Shelley zuzusehen. Aber auch alle anderen Darsteller sind sehr treffend ausgewählt und machen ihre Arbeit exzellent. Regisseurin Haifaa Al-Mansour zeichnet ein sehr emotionales, melancholisches Bild der jungen Schriftstellerin, die sich seinerzeit sehr rebellisch benahm und daher gegen gängige Konventionen verstieß. Der Film ist sehr künstlerisch und schwelgt teilweise in wunderbaren Bildern, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen. Man hätte vielleicht sogar mehr aus der Geschichte machen, man hätte aber auch bedeutend weniger herausholen können. Daher empfinde ich „Mary Shelley“ als absolut empfehlenswerte Filmbiografie, die sich absolut sehen lassen kann. Mit persönlich hat vor allem der immer wieder sehr ruhige Inszenierungsstil gefallen, der ein wenig an einen ArtHouse-Film erinnerte.

Mit viel Atmosphäre (neblige Landschaften und Friedhöfe) und einer sehr opulenten Ausstattung kann „Mary Shelley“ auf ganzer Linie überzeugen, wenn man sich darauf einlassen kann, dass es in erster Linie um den Menschen und nicht um die Erschaffung des berühmten Romans geht. Tom Sturridge in der Rolle des Lord Byron hat mich richtiggehend begeistert. Seine Launen, Wutausbrüche und das exzentrische Verhalten habe ich ihm in jeder Sekunde abgenommen. Das ist echte Schauspielkunst, die der junge Mann da abgeliefert hat.
„Mary Shelley kam mir oftmals vor, als hätten Jane Campion und Peter Greenaway gemeinsam einen Film erschaffen. Manche Aufnahmen besitzen eine unglaubliche Ästhetik,  die man nicht so schnell vergisst. Haifaa Al-Mansour hat die damalige Situation bezüglich Frauenrecht und -gleichberechtigung in eine filmische Biografie verpackt und dem Film damit eine noch heute aktuelle Bedeutung gegeben. „Mary Shelley“ zeigt, dass die junge Frau und Schriftstellerin eine Art Wegbereiterin für den Kampf um Gleichberechtigung der Frauen war. Die zentrale Aussage des Film ist, dass man (vor allem als Frau) für so manche  Ideale kämpfen muss.

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Fazit: Wunderschön fotografierter und inszenierter Lebensabschnitt einer mutigen Frau.

© 2019 Wolfgang Brunner

One Percent – Streets of Anarchy (2017)

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Originaltitel: 1 %
Alternativtitel: Outlaws
Regie: Stephen McCallum
Drehbuch: Matt Nable
Kamera: Shelley Farthing-Dawe
Musik: Chris Cobilis
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Ryan Corr, Abbey Lee, Simone Kessell, Josh McConville, Aaron Pedersen, Sam Parsonson, Eddie Baroo, Jacqui William, Matt Nable
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Knuck ist Anführer des kriminellen Motorradclubs mit dem klangvollen Namen „Copperheads“. Während er im Knast saß hatte sein Stellvertreter Paddo die Leitung über den Club und veränderte in dieser Zeit ein paar der eingefahrenen Strukturen. Als Knuck wieder auf freiem Fuß ist, kommt es unausweichlich zu einem Streit zwischen den beiden, aus dem nur einer von ihnen als Sieger hervorgehen kann.

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„One Percent“ wirbt mit dem deutschen ( 🙂 ) Untertitel „Streets of Anarchy“, was wohl einen dezenten Hinweis auf die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ darstellen und ein entsprechendes Publikum anlocken soll. Wie nicht anders zu erwarten, hinkt dieser Vergleich natürlich, denn der Film wirkt nur auf den ersten Anschein wie ein uninspirierter Abklatsch. „One Percent“ ist auch nicht in erster Linie ein Biker-Film, wie es das Cover suggeriert, sondern vielmehr ein Drama, das im Bikermilieu spielt. Während der ersten 20 Minuten war ich mir des öfteren nicht ganz sicher, ob mir der Film gefallen und zusagen würde, denn es wurde massivst mit vulgären Ausdrücken um sich geworfen. Das wirkte anfangs definitiv etwas störend auf mich und könnte den ein oder anderen Zuseher dazu veranlassen, den Film tatsächlich abzuschalten. Aber man sollte sich einfach darauf einlassen, denn ab einem gewissen Zeitpunkt wird einem klar, dass genau diese Ausdrucksweise das Milieu, in dem der Film angesiedelt ist, wiedergibt. Vor allem kommt dadurch auch eine besondere Dramatik auf, wenn man sich der Geschichte des behinderten Bruders des Protagonisten widmet.

Schauspielerisch gibt es an „One Percent“ absolut nichts auszusetzen. Auch die Frauen haben tragende Rollen inne, aber vor allem Josh McConville, der den Part des besagten behinderten Bruders übernommen hat, kann durch seine hervorragende Performance absolut überzeugen und auch begeistern. In meinen Augen ist er letztendlich auch die tragende Figur und daher heimliche Hauptrolle dieses Dramas. Im Nachhinein betrachtet, gewinnt der Film eine ganz außergewöhnliche Bedeutung für mich, da er mich in seiner konsequenten Tragik manchmal an den grandiosen „Gilbert Grape“ mit Leonardo diCaprio erinnert. „One Percent“ wird diejenigen enttäuschen, die einen reinen Motorradfilm erwarten, denn dafür sind viel zu wenig Bikeraufnahmen vorhanden. Wer allerdings ein handfestes Drama fürs Massenpublikum erwartet, wird ebenso enttäuscht sein, da sich der Film überwiegend abseits des Mainstream bewegt. So stellt „One Percent“ für mich irgendwie einen Art Filmhybrid aus Drama und Action dar, der nicht jedermanns Sache ist. Aber, wie bereits erwähnt, durchhalten lohnt sich auf alle Fälle und „One Percent“ ist auch ein Film, der definitiv hängenbleibt. Stephen McCallums Film mag auf den ersten Blick etwas oberflächlich und ohne Konzept wirken, brennt sich aber dennoch – so war es zumindest bei mir – ins Gedächtnis, weil er sehr realitätsnah inszeniert ist. Die Beziehung der beiden Brüder stellt für mich auf jeden Fall den Mittelpunkt der ganzen Geschichte dar und endet in einem äußerst dramatischen Finale.

Für mich ist „One Percent“ nach anfänglichen Schwierigkeiten ein Film, den man sich ohne weiteres öfters ansehen kann. Um noch einmal auf den Vergleich mit „Sons of Anarchy“ zurückzukommen: Der vorliegende „One Percent“ kann natürlich aufgrund seiner geringen Laufdauer nicht mit einer entsprechenden Tiefe aufwarten. Dennoch sind die Charaktere absolut toll ausgearbeitet und auch entsprechend gespielt. In keiner einzigen Minute hatte ich das Gefühl, einer Direct to DVD-Veröffentlichung zuzusehen. Die Inszenierung, die Schnitte und das Agieren der Schauspieler wirkten auf mich niemals wie ein B-Movie. Man sollte sich vielleicht auf diesen Film einlassen, ohne Vergleiche mit „Sons of Anarchy“ anzustellen, wenngleich diese vielleicht sogar vom Regisseur beabsichtigt waren. Als eigenständiger Film funktioniert „One Percent“ auf alle Fälle und kann optimal und professionell unterhalten. Ich habe ihn auf alle Fälle genossen.

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Fazit: An die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ angelehntes, aber sehenswertes Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner

Dust Devil (1992)

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Originaltitel: Dust Devil
Regie: Richard Stanley
Drehbuch: Richard Stanley
Kamera: Steven Chivers
Musik: Simon Boswell
Laufzeit: 87 Minuten / Final Cut: 108 Minuten
Darsteller: Robert John Burke, Chelsea Field, Zakes Mokae, John Matshikiza, Rufus Swart, William Hotkins, Terry Norton, Russell Copley, Marianne Sägebrecht
Genre: Horror, Mystery
Produktionsland: Südafrika, Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

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Ein Dämon aus alten Legenden durchstreift in Form eines Gestaltwandlers  die Wüste Namibias. Er sucht Opfer, denn mit jedem Mord wachsen seine Kräfte.
Die junge Wendy flieht vor ihrem tyrannischen Ehemann und begegnet dem geheimnisvollen Wanderer und verliebt sich in ihn.
Währenddessen begibt sich ein ortsansässiger Cop auf die Suche nach dem „Dust Devil“, um ihn ein für alle Mal auszulöschen.

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„Dust Devil“ ist ein zwar in die Jahre gekommener Kultklassiker, der aber bis heute nichts von seinem außergewöhnlichen Reiz verloren hat. Mit einer wilden Mischung aus Horror-Thriller, Mystik und Western schafft es dieser kurzweilige Film auch heute noch absolut zu faszinieren. In hypnotischen Bildern erzählt Regisseur Richard Stanley die Reise eines Wesens aus alten Legenden aus einer anderen Dimension in unserer Realität. Wenn man sich die ersten 10 Minuten von „Dust Devil“ ansieht, fühlt man sich unwillkürlich an eine Umsetzung von Stephen Kings Roman „Schwarz“, dem ersten Teil seiner „Dunklen Turm“- Reihe erinnert. Genauso habe ich mir nämlich zum Beispiel die Hauptperson Roland vorgestellt und nicht wie in der Verfilmung „Der dunkle Turm“. Aber zurück zu „Dust Devil“. Stanley schafft es von der ersten Minute an, die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Das liegt vor allem am wunderbaren Agieren des Hauptdarstellers Robert (John) Burke, aber auch an den visuell einwandfreien Aufnahmen, mit denen der Regisseur seine Geschichte erzählt. Hinzu kommt der stimmige und unglaublich atmosphärische Score von Simon Boswell, der das Geschehen auf optimalste Weise untermalt. Seine Mischung aus mystischen, sphärischen Klängen und musikalischen Westernmotiven ist auch ohne Film absolut hörenswert.

Koch Media liegt mit diesem Mediabook sowohl die knapp eineinhalbstündige Kinofassung als auch den eine Stunde und 48 Minuten dauernden Final Cut vor. Gerade letzteren sollten sich Fans dieses Films unbedingt ansehen, denn die ohnehin schon komplexe Handlung wird in diesen zwanzig Minuten weitaus mehr vertieft. Man hätte diesen Plot auch gut und gerne auf drei Stunden ausdehnen können und es wäre nicht langweilig geworden. Die neuen Szenen wurden übrigens, nicht wie man es bei solchen Projekten gewohnt ist, lediglich mit deutschen Untertiteln versehen, sondern sogar neu synchronisiert. Allerdings standen wohl die Originalsprecher und -sprecherinnen nicht mehr zur Verfügung, so dass man in diesen wenigen Szenen auffällig hörbar andere Stimmen vernimmt. Ich persönlich fand das allerdings gar nicht wirklich schlimm.
Was mir bei dieser erneuten Sichtung (ich habe „Dust Devil“ das letzte Mal vor etwa fünfundzwanzig Jahren gesehen) aufgefallen ist, sind die teilweise wirklich krassen Splatter- und Goreeinlagen, bei denen ich mich fragte, warum der Film eine FSK 16- Freigabe erhalten hat. Aber das leidige Thema  FSK hat hier nichts verloren. Freunde von Goreszenen werden bei „Dust Devil“ definitiv ihren Spaß haben, zumal die Effekte allesamt handgemacht und ohne Hilfe von Computer(programmen) angefertigt wurden.

„Dust Devil“ ist für mich heute mehr denn je ein zeitlose Kultklassiker, den man sich immer wieder mal ansehen kann (und auch sollte), denn solche Filme sind in der heutigen Zeit eher selten geworden. Obwohl „Dust Devil“ Anfang der 90er Jahre entstand, wirkt er an manchen Stellen wie ein Werk aus den „goldenen 80er Jahren“. Wer diese kleine Perle noch nicht kennt, sollte dies unbedingt nachholen, zumal es nun eine mehr als würdige Veröffentlichung auf Blu-Ray durch Koch Media gibt.

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Fazit: Tolle Mediabook-Veröffentlichung eines heimlichen Kultfilms. Absolut sehenswert.

©2019 Wolfgang Brunner