Baer, Harry (Schauspieler)

Harry Baer© Daniel Sonnentag

 

Harry Baer, Jahrgang 1947, begann seine Filmkarriere an der Seite von Rainer Werner Fassbinder, wo er vor und auch hinter der Kamera mitwirkte. Heute ist er als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig.
Unter der Regie von Hans Jürgen Syberberg übernahm er Anfang der 70er Jahre die Hauptrolle des König Ludwig II im Film „Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“ und 1980 den Part des Hausbesitzers in Werner Schroeters „Palermo oder Wolfsburg“.
Harry Baer ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und stellvertretender Chefredakteur des Internetportals regie.de

 

Film-Besprechungen freut sich, ein Interview mit einem langjährigen Wegbegleiter von Rainer Werner Fassbinder zu präsentieren.

1. Durch Deine jahrelange Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder kanntest Du ihn so gut wie wahrscheinlich kein anderer. Eine Frage bleibt daher für mich unvermeidlich, obwohl sie Dir bestimmt schon oft gestellt wurde: Wie war die Arbeit mit ihm? Was machte ihn aus?

Das mag schon sein, dass ich ihn gut kannte, zumindest bei der Arbeit. Privat war ich nicht immer dabei, auch logisch, oder? Am meisten hat mich seine Zärtlichkeit den Darstellern gegenüber beeindruckt, die konnte aber auch schon mal ins Gegenteil ausarten, da war er dann eher unlustig. Die Arbeit mit ihm machte eigentlich die meiste Zeit Spaß, aber bei seinem höllischen Tempo, war nicht immer Zeit zum Lachen. Und zu lachen hatte auch nicht jeder was, wenn der Herr ungnädig wurde.

2. Welchen Film aus der Fassbinder-Ära, in dem Du mitgespielt hast, magst Du am liebsten und warum?

Eigentlich natürlich WILDWECHSEL, aber den hat ja kaum einer gesehen, weil der F.X. Kroetz den Film seit 1973 nicht freigibt. Da hatte ich neben der Eva Mattes die männliche Hauptrolle. Also bleibt nur LOLA übrig, welches der einzige Film von RWF ist, der wirklich humorvoll ist. Meine kleine Rolle darin ist zwar nett, aber nicht unbedingt wegweisend. Und IN EINEM JAHR MIT DREIZEHN MONDEN ist sein radikalster Film, einfach genial, der tut weh beim Ansehen. Da war er in Frankfurt. War leider nicht dabei. DIE DRITTE GENERATION ist auch ne Komödie, aber die versteht auch nicht jeder. Da bin ich wieder mit von der Partie und sogar richtig gut.

3. Du stehst seit über 40 Jahren vor der Kamera. Was unterscheidet Deiner Meinung nach die „alten“ Filme von den „neuen“?

Erstens in der Unart vieler Regisseure einfach ohne Ende zu drehen, weil ja heute nicht mehr mit Filmmaterial gedreht wird, was damals viel Geld gekostet hat und zweitens wird heute viel zu viel produziert, weil die vielen Förderungen in Deutschland die Qualität dieses Kulturgutes in Gefahr bringen.

4. Du hast ein Buch über die „Deutsche Eiche“, das Gasthaus in München geschrieben. Ich als Münchner war auch des öfteren dort und habe diese Zeit als sehr gut in Erinnerung. Die Faschingsbälle dort waren geradezu legendär.
War es für Dich schwierig über diese alten Zeiten zu schreiben, die wahrscheinlich in dieser Art nie mehr kommen werden?

Ich hatte mit vielen Leuten Interviews geführt, die ich dann in Berlin wie ein Puzzle zusammengesetzt habe. Dabei bin ich des Öfteren laut lachend oder tieftraurig und heulend durch meine Wohnung gelaufen.

5. Welche Bücher liest Harry Baer?

Joseph Roth, Karl Kraus und so manches andere…

6. Deine Filmografie reicht von Drama über Komödie bis hin zu Krimi. Welches Genre liegt Dir als Schauspieler am meisten und welches als Zuschauer?

Als Schauspieler natürlich der Bösewicht, weil immer nur gut sein, das kann jeder spielen. Also gute Kriminalfilme reizen mich schon sehr, auch als Zuschauer. Aber natürlich lache ich gerne über satte Komödien, die sind aber leider nicht so oft zu sehen.

7. Welche Rolle wäre die größte Herausforderung für Dich?

So etwas wie Michel Serrault in EIN KÄFIG VOLLER NARREN spielt. Da hätte ich ernsthafte Probleme. Die größte Herausforderung wäre der Himmler, der war nämlich gut zu seiner Familie und zu seinem Schäferhund. Und gleichzeitig hat er Millionen auf dem Gewissen, dieser widerliche Massen-Mörder. Hoffentlich bleibt mir das erspart.

8. Was war die schlimmste Situation, die Du während einer Dreharbeit erlebt hast?

Bei I PATRONI DELLA CITTÀ (1976) hat mir ein Pyrotechniker ins Auge geschossen, weil er die Rechnung Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel nicht bedacht hatte. Ich hatte aber sehr viel Glück und musste erst 25 Jahre später operiert. werden. Jeden Tag kam ein Krankenpfleger, der mir mit ein netten „Buon Giorno“ die Salbe ins Auge geschmiert hat, und dann die Augenklappen wieder verschlossen hat. So einsam war ich noch nie. Das Krankenhaus in Rom kann ich wirklich nur empfehlen, ohne Ironie gesagt!

9. Und was war die komischste?

1987 durfte ich eine von zwei Leichen in HELSINKI NAPOLI ALL NIGHT LONG spielen. Der finnische Hauptdarsteller wird uns aber nicht los, was immer er auch anstellt. Nach mehren Drehtagen wurde ich vom Team nicht mehr beachtet, die sind über mich gestiegen als ich sei eine Requisite. Das war hart.

10. Könntest Du Dir vorstellen, einen anderen Beruf als den des Schauspielers auszuüben? Welcher wäre es?

Ich würde gerne mehr schreiben. Schriftsteller vielleicht.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Beantwortung meiner Fragen und wüsche Dir alles Gute für Deine Zukunft.

Wer mehr über Harry Baer und seine Filme erfahren möchte, sollte sich mal auf seiner Homepageumschauen.
© 2014 Harry Baer / Wolfgang Brunner

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