Im Herzen der See (2015)

herzendersee

Originaltitel: In The Heart Of The Sea
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Charles Leavitt
nach dem Roman „Im Herzen der See – Die letzte Fahrt des Walfängers Essex“ von Nathaniel Philbrick
Kamera: Anthony Dod Mantle
Musik: Roque Baños
Laufzeit: 121 Minuten
Darsteller: Chris Hemsworth, Ben Whishaw, Cillian Murphy, Tom Holland, Brendan Gleeson, Frank Dillane, Charlotte Riley, Paul Anderson, Benjamin Walker
Genre: Abenteuer, Literatur
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Kapitän George Pollard ist mit seiner Besatzung, darunter der erste Steuermann Owen Chase, mit der „Essex“ unterwegs auf Walfang im Pazifik. Bei einem der Fangmanöver wird die „Essex“ von einem Pottwal gerammt und sinkt. Die Überlebenden kämpfen verzweifelt auf den Weiten des Meeres ums Überleben. Einer der Überlebenden, Tom Nickerson; war als Schiffsjunge dabei und berichtet viele Jahre später dem Romanautor Herman Melville die Geschichte. Melville wird von den Ereignissen zu seinem Roman „Moby Dick“ inspiriert.

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Ähnlich wie in James Camerons „Titanic“-Verfilmung wird hier eine Geschichte aus der Vergangenheit durch die Erzählung eines gealterten Zeitzeugen geschildert. Dieses Konzept funktioniert auch hier hervorragend und nimmt den Zuschauer vom ersten Augenblick an gefangen. Wie unter Hypnose lauscht man der Geschichte und nimmt an einem ganz großen, spektakulären Abenteuer teil.
Ron Howard hat auch hier wieder ein feines Gespür dafür, nicht alles zu übertreiben, wie es in so manch neuem Film die Regel ist, sondern die Spezialeffekte auch nur dann einzusetzen, wenn sie eben notwendig sind. Herausgekommen ist ein unglaublich atmosphärischer Abenteuerfilm, der den „Geist“ jener Zeit hervorragend und glaubhaft rüberbringt.

Auch schauspielerisch konnte mich der Film überzeugen. Allen voran Chris Hemsworth, der hier wieder einmal beweisen kann, dass er nicht nur „Thor“ darstellen kann. Überaus glaubwürdig und authentisch spielt er seine Rolle und man kann ihm die Freude und den „Spaß“ richtig ansehen. Brendan Gleeson als Erzähler ist unglaublich gut und irgendwie, obwohl er als Erwachsener eine Nebenrolle spielt, Träger des ganzen Films. Man sieht sein Gesicht während der ganzen Geschichte vor seinem inneren Auge, als säße er einem gegenüber, um die Abenteuer auf der „Essex“ zu erzählen.  Genau diese Art der Erzählweise hat mir absolut gefallen.

Die Musikuntermalung mit Roque Banos‘ Klängen könnte nicht besser sein. Sehr wuchtig und emotional begleitet die Musik die Protagonisten und den Zuschauer auf ihrer Reise. Der Soundtrack passt unheimlich gut zu den wunderbaren Landschaftsaufnahmen und spektakulären Bildern, die natürlich auch des öfteren durch Computer erzeugt wurden, aber nie so aufdringlich wirken wie in den heutzutage beliebten Comic-Verfilmungen.
Wer allerdings einen reinen Walfänger-Abenteuer-Film erwartet, wird unter Umständen enttäuscht sein, denn Howard erzählt eine völlig andere Geschichte als nur die eines gigantischen Wals. Es geht um Schiffbruch, ums Überleben und um Freundschaft. Es ist eigentlich die Geschichte eines Schiffsunglücks und nicht die eines Kampfes zwischen einem Wal und einem Seemann.
Ich war auf jeden Fall begeistert von der Inszenierung, den teils tollen Kamerafahrten und den wirklich gut gemachten Spezialeffekten, die aus meiner Sicht immer nur Träger der Handlung waren und nicht der Effekte willen eingesetzt wurden. Bei Filmen wie „Im Herzen der See“ finde ich es nach wie vor gut, dass man nun die Möglichkeit hat, solche Effekte per Computer herstellen zu können. Dadurch können Geschichten dieser Art überzeugend und spannend erzählt werden.

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Fazit: Optischer Bilderrausch mit einer tollen Schauspielerriege und einer exzellent erzählten Geschichte. Abenteuer pur!

© 2016 Wolfgang Brunner

Interview mit der Schauspielerin Dela Dabulamanzi

Dela3 © Tom Wagner

Dela Dabulamanzi wurde 1980 in Köln geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung an der Reduta Schauspielschule und
bestand die Sat 1 Actors Class. Im Jahr 2012 erhält Dabulamanzi den INTHEGA-Preis für „Licht im Dunkeln“
und wird für ihre Rolle in „SchwarzWeißLila“ am Grips-Theater in Berlin für den Ikarus-Preis nominiert.
Sie ist seit 2003 in Kurz- und Langfilmen sowohl im Kino als auch Fernsehen zu sehen.
Aber sie steht auch auf Theaterbühnen wie zum Beispiel im Ballhaus Naunynstrase und Atze Musiktheater (beide in Berlin) am Theater Konstanz und ab Winter 2016 im Hamburger Winterhuder Fährhaus.
Dela Dabulamanzi ist Teil des afrodeutschen Künstlerkollektivs Label Noir, das sich zur Aufgabe gemacht hat,  einen künstlerischen Raum zu schaffen, in dem die Hautfarbe oder die Herkunft schwarzer SchauspielerInnen nicht darauf beschränkt wird, nur Fremdheit und Exotik darzustellen. Hinter der Vereinigung steht das Verlangen nach einem Theater, in dem die SchauspielerInnen nicht nur ihre Hautfarbe, sondern schlichtweg ihr Menschsein verkörpern dürfen.
Dabulamanzi arbeitet immer wieder mal auch noch als Synchronsprecherin.
Film-Besprechungen durfte dem vielseitigen Talent einige Fragen stellen.

1. Zuerst einmal würde mich brennend interessieren, welche Person oder welches Ereignis der Auslöser war, warum Du Schauspielerin geworden bist.

Es gab tatsächlich keinen konkreten Auslöser. Im Alter von 5 Jahren hatte ich schon 3 klare Berufswünsche: Stewardess, Ärztin oder Schauspielerin. Stewardess fiel mit 16 weg, da nach einer Kanadareise die Flugangst bei mir einsetzte, die ich mit Mühe und Not wieder los wurde. Ärztin schied kurz darauf auch aus, als ich bei ’ner Klassenkameradin, dessen Vater Pharmazeut war, mir sämtliche Bildbänder über Krankheiten reingezogen habe und da ist die romantische Vorstellung dieser Form der Nächstenliebe ganz schnell verflogen. Und da ich eh sehr früh in Theater AGs aktiv war, blieb nur noch das Schauspielen übrig. Und was alle 3 Berufe für mich verbindet: Meinem Gegenüber eine bessere Zeit zu bereiten.

2. Du machst auch Synchronisationen. Achtest Du bei dieser Arbeit auch darauf, wie die Schauspielerinnen agieren? Ertappst Du Dich manchmal dabei, dass Du denkst: ‚Das hätte ich jetzt aber anders gemacht.‘?

Ich muß drauf achten, wie die Schauspielerinnen agieren, da ich ja das Spiel von ihnen abnehme. Es ist aber nicht immer gefragt, es eins zu eins abzunehmen. Und die eigene Note kommt sowieso immer mit hinzu. Ehrlich gesagt gab es eine Produktion, wo ich mich bei dem Gedanken ertappte, es anders umzusetzen, als die Schauspielerin es tat. Schließlich gibt es viele Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen bzw. eine Figur darzustellen. Doch zu 99% empfinde ich eher Demut, lang erarbeitete Figurenarbeit in Minutenschnelle zu synchronisieren. Ich hege dabei den Anspruch, die Arbeit der Kollegen bestmöglichst zu übersetzen. Insbesondere bei meiner Rolle „Crazy Eyes“ in „Orange is the New Black“ denke ich mir oft : „Alter, Uzo Aduba spielt die Rolle so genial, wie kann ich dem denn gerecht werden“ – mit dem Regieteam denke ich aber, daß wir das Beste rausgeholt haben bzw. noch tun.

3. Was spielt sich in Deinem Kopf ab, wenn etwas nicht so geklappt hat, wie Du Dir das vorgestellt hast? Frustration oder eher ‚Jetzt erst recht‘?

Früher noch Frust und Angst. Mit der Erfahrung aber eher eine Gelassenheit, da man nur durch Sackgassen die Figur erst kennenlernen kann. Ich reagiere aber sehr allergisch drauf, wenn einem nicht der Raum gewährt wird, um probieren zu können. Es ist vermessen zu denken, daß ein Schauspieler auf Knopfdruck funktioniert. Eine Figur muß sich entwickeln. Beim Theater geht nach der Premiere das Eigenleben der Figur doch auch erst richtig los. Ich erarbeite mir für einen Charakter im Vorfeld,  einen variationsreichen Fahrplan, und dann muß man durch Austausch mit der Regie die Haltestellen gemeinsam festlegen. Beim Casting kriegt man aber schon ein Gespür dafür, wie die Kommunikation funktioniert, und wenn man besetzt wurde, ist eh die halbe Miete drin.

4. Was gehört zu Deinem Alltag als Schauspielerin, außer dem Schauspielen selbst?

FB abhängig sein, Emails checken, mal die Homepages updaten, Kameratraining für die Zeit zwischen den Jobs, mal wieder neue Schauspielerporträts machen, ich sollte mehr auf Premieren und Partys präsent sein, was wichtig in dem Job ist, aber wenn ich in Stimmung bin, bin ich phasenweise gerne unterwegs. Und sonst selber Projekte auf den Weg bringen. Derzeit arbeiten wir an der Umsetzung von Hedda Gabler unter der Regie von John Gould Rubin, an einer Drehbuchadaption von der wunderbaren Sharon Dodua Otoo, die den diesjährigen Ingeborg Bachmann Preis gewonnen hat. Dann an einer Theaterreihe mit Filmelementen über 30 Jahre Schwarze Bewegung in Deutschland, und vor kurzem habe ich ein Projekt abgeschlossen: „ Die Gelegenheit“, das in Zusammenarbeit u.a. mit Label Noir, SFC, E.o.t.o . und BDS (Black Diaspora School) ISD, Amadeu Antonio Stiftung stattgefunden hat und da habe ich ein Drehbuchabend und -workshop veranstaltet.

5. Du bist Mitglied der Gruppen „Schwarze Filmschaffende in Deutschland“ und „Label Noir“. Wie intensiv ist es, sich mit diesen Projekten neben der Schauspielerei zu befassen.

So intensiv, dass ich ehrlich gesagt, keinen Bock habe, mich damit zu befassen. Es ist kein Projekt, es ist eine Notwendigkeit und Überlebensstrategie. Es geht ja gerade nicht nebenher, es ist ein fester Bestandteil meines Berufes und meines alltäglichen Lebens und ich hasse es. Ich hasse es, ein Politikum zu sein, und ich hasse es, dass mein Sohn und Millionen anderer Kinder mit ihrer Geburt zum Politikum gemacht werden. Und alle anderen auch ein Politikum sind, diese sich aber selber nicht als solches wahrnehmen. Es ist einfach alles absurd. War es nicht Bukowski, der gesagt hat, dass der Mensch aus Blut, Wasser und Scheisse besteht? Kann man sich nicht einfach auf diese Gemeinsamkeit besinnen und dass wir alle keinen Plan haben, was nach dieser Nummer hier auf Erden passiert. Wir haben alle Minderwertigkeitskomplexe, und ja die tun weh, aber die mit einem ethnischen und genderbezogenen etc. Feindbild ausgleichen zu wollen, lässt einen geistig nicht wachsen. Und wenn da noch Narzissmus hinzukommt, na denn „Good Morning dear so called civilisation“.  Um aber auf Deine Frage  konkret zurückzukommen, es ist schön und aufbauend, zu sehen, dass sich da ein so großes kreatives Netzwerk entwickelt, das sich weitgehendst unterstützt. In diesem Rahmen hatte ich im Juni den Drehbuchabend „Die Gelegenheit“ im moviemento Kino veranstaltet. An diesem Abend wurden unglaublich tolle, spannende Bücher von Autoren vorgestellt,  die dann von SchauspielerInnen in einer szenischen Lesung präsentiert wurden. Und es ist einfach empowernd, wenn sich politisch geprägte Erfahrungswelten  mit deiner decken. Die junge neue frische Generation an FilmemacherInnen wird die Landschaft aufmischen und alltägliche, spannende Geschichten und Biografien auf die Mattscheibe bringen. 

6. Wie verbringst Du Deine Freizeit? Wo findest Du am besten Entspannung?

Als noch relativ frischgebackene Mutter, mein Sohn ist 2 Jahre alt, ist er die beste Entspannung ever. Entspannung hat für mich eine neue Dimension bekommen. Ich verstehe es nun auf privater Ebene, was das tatsächliche Einlassen bedeutet. Wirklich im Moment zu sein. Der Beruf erfordert es, aber du hast tausend Rädchen im Kopf, die laufen und permanent überprüfen, was Du gerade spielst. Als Eltern sind die Instinkte sowieso permanent aktiv, die dafür Sorge tragen, dass beim Raufen hoffentlich nichts passiert und mit so einem kleinen Menschen darf ich die Zeit stehen lassen, spazierengehen, die Berliner Bären auf den Autokennzeichen zählen … Und seit kurzem treibe ich wieder Sport: Fitnessboxen (geil!). Außerdem Handwerken , Musik hören, bei nem Glas Rotwein oder Cremant mit Freunden Zeit verbringen.

7. Welche fünf Bücher und welche fünf Filme würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen und warum?

Das ist jetzt aber eine Zustandsbeschreibung, nächste Woche kann die Liste anders ausschauen:

Bücher:
Lichtjahre von James Salter : 
Eine wunderbar erzählte Liebesgeschichte, über die Liebe auf Zeit

Set this house in order von Matt Ruff: Cool und kurzweilig geschriebenes Buch über multiple Persönlichkeiten

Alle Bücher von Chimamanda Ngozi Adichie: Ich habe dabei das Gefühl, immer etwas mehr über mich zu erfahren und somit auch über die Welten, zwischen denen ich lebe

Sammelband der Glaubensbücher (Bibel, Koran, Thora …):  Da hab ich mal endlich Zeit, die zu lesen, und die Ruhe drüber zu sinnieren, um festzustellen, daß die wohl mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.

Filme:
Blue Valentine: So wie das Leben spielt: Du hast alles Glück dieser Welt, aber Du scheiterst trotzdem. Weil Dein Glück nicht das Glück des andern sein muß.

L.A. Crash: Zutiefst real, mit Hoffnung auf Besserung

Toni Erdmann: Lass Deinen inneren Clown nicht vor die Hunde gehen; Und ein so ehrliches Vater Tochter Porträt, das mich einfach sehr unterhalten und bewegt hat.

Kevin Hart: Brauch ja noch was zu lachen.🙂

Netflix: Selbst auf ’ner einsamen Insel gibt es W-Lan.😉

8. Welcher Mensch steckt in Dir? Was sind Deine Wünsche, Hoffnungen und Ziele?

Was für eine Frage (hehe)! Das versuche ich auch gerade herauszufinden. Es steckt eine gute und friedliche Seele in meinem Körper, die in Situationen, in der sie das Gefühl hat, sich behaupten zu müssen, mal verquert rüberkommt. Ansonsten bin ich ziemlich gelassen, und hasse es, wenn diese als Prinzipienlosigkeit interpretiert wird. Es gibt das Lied von Tony Allen, daß mich seit langem begleitet: „ Don’t take my kindness for weakness“.

Und ansonsten in der Zeit des gesellschaftlichen und politischen Positionierungszwangs, lerne ich meine Weiblichkeit neu kennen und feiere sie. Das setzt unglaubliche Kräfte frei. Und mit dieser positiven Kraft, die zur Ressource wird, erlebe ich mehr Selbstliebe und mit dieser Selbstliebe nehme ich mein Gegenüber mit mehr Humor und weniger Verbissenheit wahr und auch an. Das ist meine kleine persönliche und praktische Erleuchtung. Und diese Erleuchtung impliziert die Wünsche, Hoffnungen und Ziele, die ich habe.

9.  Welchen Schauspieler, Musiker oder wen auch immer würdest Du gerne einmal persönlich treffen?

Es gibt so viele positive spannende Menschen mit interessanten Perspektiven aufs Leben, da lass ich mich doch immer wieder gerne überraschen.

Auf der andern Seite aber gern den ein oder anderen machtbesessenen Politiker / Lobbyist auf den heißen Stuhl setzen und immer wieder die Frage stellen: Was fühlst Du, wenn …?

10. Welche(r) SchauspielerIn war schuld daran, dass Du diesen Beruf gewählt hast?

Meine Familie, alles Schauspieler … you know what I mean …

11. Was sind die fünf wichtigsten Dinge in Deinem Leben?

Familie & Freunde, meine Gesundheit, meine Wohnung, mein Cappuchino am Morgen, ach ja, und mein deutscher Pass.

Ich bedanke mich für die Beantwortung Deiner Fragen und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute.

© 2016  Wolfgang Brunner / Dela Dabulamanzi

 

A World Beyond (2015)

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Originaltitel: Tomorrowland
Regie: Brad Bird
Drehbuch: Damon Lindelof, Brad Bird
Kamera: Claudio Miranda
Musik: Michael Giacchino
Laufzeit: 130 Minuten
Darsteller: George Clooney, Britt Robertson, Hugh Laurie, Raffey Cassidy, Kathryn Hahn, Tim McGraw, Keegan-Michael Key, Chris Bauer, Thomas Robinson
Genre: Science Fiction
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Es existiert eine hochtechnisierte, bessere Welt in einem Paralleluniversum. Durch Zufall findet das junge Mädchen Casey den Eingang in diese exotische Welt und ist von ihr geradezu besessen. Als sie erfährt, dass diese Welt in Gefahr ist, sucht sie Hilfe bei Frank, einem älteren Mann, der vor fünfzig Jahren bereits in diese Parallelwelt getreten ist und den Herrscher dort kennt.

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Alleine schon die strohdumme deutsche Eigenart, den amerikanischen Originaltitel „Tomorrowland“ mit „A World Beyond“ ins „Deutsche“ zu „übersetzen, macht mich wütend. Wer ist für so einen Schwachmaten-Müll eigentlich verantwortlich?
Aber gut, das nur mal nebenbei bemerkt, denn diese idiotische Tatsache hat mit dem Film ja nichts zu tun.

Nun zum Film: Es ist ein Disney-Familienfilm, und das ist von der ersten Minute an unübersehbar. Der Einstieg, also die ersten fünf Minuten, sind nicht wirklich der Brüller, sondern eher etwas nervig geraten. Aber hat man die erst mal überstanden, geht es sehr interessant und amüsant los. Der Aufbau der Story ist Regisseur Brad Bird wirklich gut gelungen und auch die Komik funktioniert durchaus. Doch leider verstrickt er sich im Laufe des Films immer mehr in unlogische Handlungsstränge, die den guten Ansatz leider konstant zerstören.
Sicherlich muss man sich vor Augen halten, dass es sich um einen Familienfilm handelt, aber dazu ist er eigentlich zu brutal und vor allem auch zu kompliziert. Die Thematik eines Paralleluniversum wird nämlich bei weitem nicht so genau erklärt, wie es eigentlich sein sollte, um der Handlung folgen zu können. Da hat man schon als Erwachsener manchmal Schwierigkeiten, der vermeintlichen Logik des Plots zu folgen.

Man ist bemüht, einen anspruchsvollen Film für die ganze Familie zu zeigen, der auch eine ernste Botschaft vermitteln soll. Aber irgendwie klappt das Ganze nicht. Die Story hakt an allen Ecken und Kanten und leider bekommt man das, was man wirklich sehen will (nämlich das ‚Tomorrowland‘) nicht oft zu sehen. Das ist zum einen sehr schade und zum anderen verliert man gegen Ende hin immer mehr die Lust, dem Ganzen zu folgen. Leider leidet darunter auch die Spannung und die Neugier, die sich während der ersten Hälfte des Films aufgebaut hat.
Das Potential wurde hier definitv nicht genutzt und man hätte sich vielleicht einfach entscheiden sollen, ob man einen echten Kinder- und Familienfilm macht oder eben das Thema ernster und „erwachsener“ angeht.
Die Story beziehungsweise Grundidee ist toll, aber leider wurde sie nicht gut genug umgesetzt, um überzeugend zu wirken. Die Spezialeffekte sind teilweise atemberaubend, können aber den Film -übrigens genauso wenig wie Superstar George Clooney- leider nicht retten.

Es wurde viel zu viel hineingepackt und viel zu wenig logisch erklärt (was man durchaus hätte tun können). Die Botschaft der Weltrettung misslingt und wirkt eher künstlich und nicht richtig überlegt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Film ab der Hälfte etwa kippt und sich immer weiter ins fast schon Lächerliche begibt. Die gezeigte Zukunftswelt erscheint einem wie ein riesiger Vergnügungspark, ohne dass auch weltliche und zwischenmenschliche Probleme und/oder Lösungen eingegangen wird. Solch eine Welt würde es niemals geben … aber das wäre gar nicht mal das Schlimmste, denn es handelt sich ja schließlich um einen Film.
Die Musik von Michael Giacchino ist zwar in Ordnung, bleibt aber auch nicht wirklich im Gedächtnis.
Der größte Fehler, der bei dieser Produktion passiert ist, ist der, dass man sich nicht für eine gerade Linie entscheiden konnte und einen Mischmasch aus Disney-Familienkomödie mit einem Schuss ernster Science Fiction gedreht hat, der wohl nur das popkornkauende Mainstream-Publikum begeistern wird, das sich keinerlei Gedanken über Handlung macht, sondern nur die Effekte bestaunt.
Schade, denn das hätte durchaus mehr werden können …😦

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Fazit: Unausgegorener Mix aus Familien-Unterhaltungs-Klamauk und ernstzunehmender (aber unlogischer) Science Fiction. Schade, denn Potential wäre dagewesen.

© 2016 Wolfgang Brunner

Filmprojekt „Forest Of Fear“

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Da vereinen sich still und leise ein paar Menschen, deren Namen man schon seit einiger Zeit im Gedächtnis behalten hat, um eine Kombination aus Slasher-Film und Found-Footage-Horror auf die Beine zu stellen.😉
„Forest Of Fear“ ist der Titel des Projekts, bei dem es um eine Gruppe geht, die sich in ein abgelegenes Waldgebiet gegibt,  um dort ein seltenes Tier zu filmen. Sie ahnen allerdings nicht, dass sie es  mit einer alten düsteren und vergessenen Legende zu tun haben. Schon bald beginnt ein brutaler und blutiger Kampf um Leben und Tod für die Menschen.

„Forest Of Fear“ wäre Joe Beers Regiedebüt und in Anbetracht von Cast und Crew, die, bis auf wenige Ausnahmen, schon bestätigt sind, verspricht das Projekt recht interessant zu werden. Da wäre zum einen schon einmal die Hauptrolle des Manuel, die von keinem geringeren als Daeg Faerch gespielt wird, der in Rob Zombies Remake des John Carpenter-Klassikers „Halloween“ den jungen Michael Myers spielte. Neben Will Smith war Faerch auch als in einem kurzen Auftritt als Punker in „Hancock“ zu sehen.
Kristina Kostiv, die zuletzt in dem fantastischen Horrorstreifen „German Angst“ zu sehen war und demnächst in der Neuinterpretation von „The Corpse Grinders“  unter der Regie von Timo Rose ihr Können zeigt, wird ebenfalls mit von der Partie sein wie Gioele Viola (aktueller Film Marcel Walz‘ „Blood Feast“).
Und als maskierter Bösewicht Valenton Wolf hat sich Andreas Rimkus angetragen.🙂
Gastauftritte von Nick Príncipe, Mike Mendez und weiteren Gästen sind geplant und wenn alles gut geht, wird die Stimme einer legendären Horrorfilm-Ikone in einer Schwarzeinblendung am Anfang den Zuschauer vor dem Film warnen.
Mit dabei sind voraussichtlich noch Laura-Sofie Bakowsky, Chris Friedling und Ralph Steiger.

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Editor wird Kai E. Bogatzki sein, den man von „La Petite Mort 2 – Nasty Tapes“, „Blood Feast“ (2016) und Timo Roses „Reeperbahn“ und „Nature“ kennt.  Außerdem habe ich erst vor kurzem über sein erstes Langfilm-Projekt „Scars of Xavier“ berichtet.

Co-Autorin ist Annika Strauss, die man  als Buchautorin und Schauspielerin kennt.
Die Spezialeffekte übernimmtz Frank Schröter, der bereits an Filmen wie „Alien Vs Predator“, „Resident Evil“ oder auch „German Angst“ beteiligt war.
Produzent ist John Lepper, der u.a die Found-Footage Filme MOTH und BE MY CAT: A FILM FOR ANNE produziert hat.

Klingt alles ziemlich gut, würde ich sagen, oder?
Gedreht wird im Schwarzwald, wo ja bereits einige Legenden und Grimm’sche Märchen beheimatet sind. Nun gesellt sich also noch die Legende von Valentin Wolf dazu, der vor 20 Jahren von seiner Mutter in den Wäldern ausgesetzt wurde, wo er wie ein Tier aufwuchs. Valentin ist eine Missgeburt, halb Mensch halb Wolf, und wurde deshalb von seiner Mutter im Stich gelassen. Nun erzählt man sich, dass diese Missgestalt von Wanderern, Förstern und Jägern gesehen wurde.

Beer hat vor, einen atmosphärischen Film zu schaffen, der sich von  anderen Found Footage-Produktionen abhebt, in dem er neue Wege geht. Alleine die Kombination aus Found Footage und Slasher könnte tatsächlich ein sehenswertes Ergebnis hervorbringen, das neuen Wind in das Genre bringt. Auch soll Musik eingesetzt werden, was natürlich einer tollen Stimmung definitv zugute kommen würde. Ich bin wirklich sehr gespannt darauf, wie Beer den Zuschauern das Fürchten lehren will, zumal er nur gezielte, dafür aber realistische, brutale Effekte einsetzen will, die nicht übertrieben blutig, sondern eben auf einer autenthischen Ebene schockieren sollen. Aber eben nicht nur … und vielleicht gelingt ihm dadurch tatsächlich eine Mischung aus hartem Splatter-Slasher-Horror und einer gruseligen Atmosphäre, die vielen solcher Produktionen abhanden gekommen ist. Denn meist sieht man nur „langweilige“ Wackelkamerafahrten oder man wird von blutigen Splattereffekten überrollt. Eine Mischung aus beidem wäre tatsächlich etwas Neues.

Und es gibt einen neuen Teaser aus dem Jahr 2016, der ebenfalls neugierig auf das Projekt macht:

Ich freu mich jedenfalls auf diesen Film. Die Dreharbeiten werden in Kürze beginnen.

© 2016 Wolfgang Brunner

It’s Alive (2008)

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Originaltitel: It’s Alive
Regie: Josef Rusnak
Drehbuch: Larry Cohen, Paul Sopocy, James Portolese
Kamera: Wedigo von Schultzendorff
Musik: Nicholas Pike
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Bijou Phillips, James Murray, Raphaël Coleman, Owen Teale, Skye Bennett, Ty Glaser, Arkie Reece, Todd Jensen
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahre

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Lenore Harker  ist im sechsten Monat schwanger und  zieht deswegen zu ihrem Freund Frank, der mit seinem kleinen Bruder Chris in einem verlassenen Landhaus wohnt. Alles scheint perfekt, nur noch das Baby fehlt noch zum Glück. Die Wehen setzen verfrüht ein und das Baby kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Doch kaum hat das Kind das Licht der Welt erblickt, ermordet es das Krankenhauspersonal im Kreißsaal, um sich danach zu seiner unter Narkose stehenden Mutter ins Bett zu legen. Die Polizei steht vor einem Rätsel und sucht den Mörder. Lenore und Frank kehren unwissend mit ihrem Baby zurück ins Landhaus, wo die Morde nach einer Weile weitergehen. Und es sind nicht nur Tiere, hinter denen das Killerbaby her ist …

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Wenn man Larry Cohens Kultklasiker-Trilogie um die mordenden Babys kennt, geht man wahrscheinlich mit einer gewissen Erwartungshaltung an ein Remake heran. So erging es auch mir. Ich fand alle drei Teile der Wiegen-Reihe ganz gut (nachzulesen hier: Die Wiege des Bösen„, „Die Wiege des Satans„, „Die Wiege des Schreckens) und war wirklich gespannt, wie man die Story mit der heutigen Technik in Bezug zum Beispiel auf die Spezialeffekte umsetzen würde.
Viele mögen diese Wiederverfilmung nicht, ich hingegen fand sie gar nicht mal so schlecht und an bestimmten Stellen sogar um einiges besser als das Original.
Gerade der Anfang hat mich richtig überzeugt und fasziniert. Die Musik vermittelte die Stimmung wie in 80er Jahren Horrorfilmen und erweckte leichte Nostalgie in mir. Der deutsche Regisseur Josef Rusnak, den viele vielleicht noch durch den von Roland Emmerich produzierten Cyber-Thriller „The 13th Floor“ in Erinnerung haben, inszenierte einen optisch ansprechenden Horrorthriller. Die Bilder wirken stylisch edel und ziehen sich erfreulicherweise durch den ganzen Film. Alleine diese Optik hebt „It’s Alive“ gegenüber den Originalen hervor.

Der Plot ist nicht innovativer als der der Originale, aber auch nicht unbedingt schlechter. Man merkt sofort, dass Larry Cohen seine Hände mit im Spiel und am Drehbuch mitgearbeitet hatte, denn sein „Geist“ steckt irgendwie auch in diesem Film. Fast könnte man meinen, er hätte sogar riesigen Spaß gehabt, seinem Kultfilm auf moderne Art und Weise noch einmal Leben einzuhauchen. Die sozialkritische Botschaft kam nicht so zur Geltung wie in den alten Filmen, aber man kann nicht alles haben.😉
Insgesamt konnte mich das Remake aufgrund seiner Inszenierung durchaus überzeugen. Auch die Darsteller lieferten durchschnittliche bis gute Arbeit ab, da kann man eigentlich nichts aussetzen.

Viele finden diese Neuinterpretation schlecht und mies in Szene gesetzt. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen, obwohl ich natürlich weitaus bessere Streifen gesehen habe. Aber Rusnak verspritzt erfrischend wenig Blut und schafft dennoch eine gute Atmosphäre. Wahrscheinlich ist genau diese Blutarmut und die relativ ruhige Herangehensweise vielen Horrorfilm-Fans ein Dorn im Auge.
Am Ende gibt es einen Brand, der wirklich cool in Szene gesetzt wurde und dem leider doch etwas schwachen Ende wieder einen Pluspunkt verschafft. Insgesamt fand ich das Thema weitaus weniger trashig behandelt wie in den Originalen und dennoch kann Rusnak einen leichten Hauch von Trash mit seinem Film versprühen. Das macht mir „It’s Alive“ sympathisch, wenngleich er defintiv nicht in den Olymp meiner Lieblings-Horror-Filme aufsteigt, sondern im annehmbaren, durchaus sehenswerten, Mittelmaß dahindümpelt.

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Fazit: Überraschenderweise ganz annehmbare moderne Variante des alten Trash-Kultklassikers von Larry Cohen. Auf jeden Fall in sehenswerter, edler Optik in Szene gesetzt.

© 2016 Wolfgang Brunner

Tut – Der größte Pharao aller Zeiten (2015)

TUT

Originaltitel: Tut
Regie: David von Ancken
Drehbuch: Michael Vickerman, Peter Paige & Bradley Bredeweg
Kamera: Christopher La Vasseur
Musik: Jeff Russo
Laufzeit: 6 Folgen á 45 Minuten
Darsteller: Ben Kingsley, Avan Jogia, Sybilla Deen, Alexander Siddig, Kylie Bunbury, Peter Gadiot, Iddo Goldberg, Nonso Anozie
Genre: Action, Serie
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahre

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Politische Intrigen, Machtspiele und Kriege begleiten das kurze Leben des legendären Pharaos Tutanchamun. Schon als Kind besteigt er den Thron und muss sich gegen private und kriegerische Bedrohungen zur Wehr setzen.

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Die von David van Ancken inszenierte Miniserie über einen der bekanntesten (nicht unbedingt größten) Pharao bietet absolut gelungene, aufwändige und interessante Unterhaltung. Es wurde meines Erachtens zwar gut recherchiert, aber der historischen Handlung natürlich (und glücklicherweise) eine Portion erfundener Geschehnisse hinzugefügt, um einen annehmbaren Plot um die Person des jungen Herrschers aufzubauen.
Manches kommt leider viel zu kurz. Da hätten die Macher ruhig Mut zeigen können und die Serie auf die doppelte Länge ausbauen können, denn so verlieren sich leider viele Handlungsstränge und Ideen einfach oder werden mit ein paar Sätzen abgehandelt. Das wirkt bisweilen etwas unbefriedigend und hätte man sich die Mühe gemacht, die Serie weiter auszubauen, wäre mit Sicherheit ein weitaus beeindruckenderes Ergebnis zustande gekommen. Aber beeindruckend ist die Story dennoch, denn man wird glaubhaft in die prächtige Welt der Ägypter entführt und nimmt am Leben und sämtlichen privaten und politischen Intrigen teil.

Avan Jogiam in der titelgebenden Hauptrolle hätte nicht besser ausgewählt werden können. Er stellt die jugendlichen Schwächen des jungen Pharaos hervorragend den harten und skrupellosen Befehlstönen eines Erwachsenen gegenüber. Hinzu kommt das leicht androgyne Aussehen, das Jogiam unglaublich schön wirken lässt. Der Schauspieler agiert absolut hervorragend und es stellte sich für mich wieder einmal unweigerlich die Frage, warum man solche Talente noch nie in einem „großen“ Film gesehen hat.
Obwohl Weltstar Ben Kingsley an seiner Seite spielt, lässt sich Jogiam nicht einschüchtern und stiehlt Kingsley so manches Mal eindeutig die Show. Man hört hoffentlich, wie sehr mich dieser junge Schauspieler in dieser Rolle begeistert und überzeugt hat.
Aber auch die anderen Schauspieler überzeugten durch die Bank und gaben der Mini-Serie gute Charaktere, die aber, wie bereits oben erwähnt, durchaus noch viel mehr ausgebaut hätten werden können. Das Potential dazu wäre auf jeden Fall da gewesen.

Wer einen historisch fundierten Film über das Leben von Tutanchamun erwartet, sollte sich vor Augen halten, dass es sich hier um Fernsehunterhaltung mit historischem Hintergrund handelt. Ich möchte die Serie nicht unbedingt als seicht einstufen, aber im Grunde genommen wird das Leben dieses Mannes in eine unterhaltsame Story verpackt. Das Leben dieses Pharaos hätte sicherlich bedeutend epischer und historisch korrekter dargestellt werden können, aber die Macher haben sich nun mal für diesen Weg entschieden. Und der ist auch nicht schlecht, sondern einfach nur auf Unterhaltung konzipiert.
Untermalt wird das ägyptische Drama von einer hervorragenden, manchmal richtig epischen Musik, die aus der Feder von Jeff Ruso stammt, der übrigens auch die Musik zur Serie „Fargo“ komponierte. Sie passt grandios zu den Schlacht-, Liebes- und Actionszenen. Vor allem das „Main Theme“ bleibt bereits nach der ersten Folge schon im Ohr.
Die Ausstattung der Serie wirkt bombastisch und wird dem Thema gerecht. Man kann sich gut vorstellen, dass das Leben zu jener Zeit genau so stattgefunden hat. Die Masken wirken sehr bunt, was aber wohl auch der Realität von damals entsprach. Insgesamt hat mir die Serie, alleine schon aufgrund des Hauptdarstellers und der hervorragenden Musik, absolut gefallen. Aber ich hätte mir eine zweite Staffel gewünscht, um dem Leben des Pharaos und den Charakteren mehr Platz zu geben. So wirkt die Serie irgendwie „unfertig“ und auch leicht unbefriedigend.

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Fazit: Ansprechend inszenierte Miniserie mit einem exzellenten Hauptdarsteller und einer passenden, epischen Musik. Nur leider zu kurz.

© 2016 Wolfgang Brunner

Baskin (2015)

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Originaltitel: Baskin
Regie: Can Evrenol
Drehbuch: Can Evrenol, Cem Özüduru, Erçin Sadıkoğlu, Eren Akay
Kamera: Alp Korfali
Musik: JF (Ulas Pakkan & Volkan Akaalp)
Laufzeit: 97 Minuten (uncut)
Darsteller: Mehmet Cerrahoğlu, Ergun Kuyucu, Görkem Kasal, Muharrem Bayrak
Genre: Thriller, Horror
Produktionsland: Türkei
FSK: JK geprüft

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Eine Sondereinheit der Polizei gerät im Keller eines Gebäudes durch eine Falltür in eine düstere, schockierende Unterwelt. Durch dunkle Tunnel betreten sie eine Welt, die eine wahr gewordene Hölle aus einem Alptraum zu sein scheint. Furchterregende Gestalten machen Jagd auf sie und eine blutige Auseinandersetzung entsteht.

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Ein Horror-Thriller aus der Türkei? Ich ging mit gemischten Gefühlen an diesen Film heran und wurde absolut positiv überrascht. Klar, die Handlung ist wirklich nicht das Nonplusultra und wirkt, wenn man genauer darüber nachdenkt, erst einmal wie an den Haaren herbeigezogen. Aber das tut der extrem düsteren Atmosphäre und den teils wirklich schockierenden Szenen keinen Abbruch.
Es dauert ein wenig, bis der Film Fahrt aufnimmt, aber genau das hat mir gefallen. Man lernt erst die Männer und ihre Freundschaft zueinander, bevor es ans Eingemachte geht. Und das tut es!

Die Atmosphäre dieses türkischen Horrorfilms ist durchgehend düster und bedrohlich. Von der Inszenierung her erinnert die Höllenfahrt ein wenig an die alten italienischen Meister wie Mario Bava, Lucio Fulci oder gar Dario Argento. Aber auch ein Hauch David Lynch, was die Surrealität des Plots betrifft, ist mit dabei. So manches Mal fühlt man sich auch in die 80er Jahre zurückversetzt. Hin und wieder kam mir auch die irreale Stimmung von „Hellraiser“ in den Sinn, wobei „Baskin“ einen völlig anderen Weg geht, der dann schon eher in Richtung „The Green Inferno“ von Eli Roth führt. Die Schauspieler sind völlig in Ordnung und machen aus meiner Sicht ihre Sache sehr gut. Leider fehlt es an manchen Stellen ein wenig an Logik, hat aber für mich dennoch nicht die Auswirkung gehabt, dass ich keinen Spaß mehr an dem blutigen Trip hatte.
Es gab, wie schon in dem erwähnten „The Green Inferno“ ein paar Szenen, die mir wie ein Schlag in die Magengrube vorkamen: unausweichliche, unheimliche, brutale Stellen, die wirklich schonungslos schockieren. Das nimmt einen als Zuschauer mit und man kann die Angst und Verzweiflung der Protagonisten hautnah spüren.

Regisseur Can Evrenol lässt den Film wie einen (Alp-)Traum ablaufen, surreal und an manchen Stellen (gewollt?) unlogisch. Denn vielleicht ist es gerade diese fehlende Logik, die „Baskin“ zu diesem außergewöhnlichen und schockierenden Horrortrip macht, denn wer kennt nicht das schreckliche Gefühl, wenn man aus einem wirklich, wirklich schlimmen Alptraum erwacht? Genau so eine bedrohliche Stimmung vermittelt Evrenol und zieht einen damit sofort in seinen Bann. Oft denkt man sich, wann denn dieser Alptraum endlich ein Ende findet, und dennoch kann man nicht genug davon bekommen. Mein Respekt an den Regisseur für diese oft an die Schmerzgrenze gehenden Momente. Aber nicht nur mit provokanten Verstümmelungen und gruseligen Schockmomenten kann der türkische Horrorfilm punkten, denn auch die visuelle Seite ist keineswegs zu verachten. Wie bereits erwähnt, setzt Evrenol sehr düstere Farben ein, die durch den geschickten Einsatz von Licht noch einmal verstärkt werden. Das Szenario vermittelt von Anfang an Unheil und deprimierende Aussichtslosigkeit, die noch lange im Gedächtnis haften bleibt.
Vor allem der Anführer der Kreaturen, auf die die Polizisten treffen, jagte mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das ist wirklich extremst gruselig inszeniert.

Auch wenn ich durchaus begeistert bin von „Baskin“, bin ich mir ziemlich sicher, dass einige nicht so empfinden werden wie ich. Ich sehe schon die ratlosen Gesichter vor mir, die nichts mit dem mystischen Plot anfangen können und sich einfach einen geradlinigeren Film gewünscht hätten. Aber ich bin der Meinung, dass es bereits genug geradlinige Filme gibt, und man sich durchaus auch einmal auf einen „traumhaften“ und visionären Trip a la Clive Barker begeben kann. Und genau das bekommt man mit „Baskin“ geboten. Für mich ein große, überraschende Entdeckung, die ich mit Sicherheit noch öfter ansehen werde.

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Fazit: Brutal, schockierend und auf gewisse Art und Weise visionär. „Baskin“ wird allerdings die Lager spalten und auf der einen Seite euphorische Begeisterung und auf der anderen enttäuschte Ratlosigkeit verursachen. Ich neige fast zu euphorischer Begeisterung.

© 2016 Wolfgang Brunner