Operation Mekong (2016)

mekong

Originaltitel: Méigōng Hé Xíngdòng
Regie: Dante Lam
Drehbuch: Dante Lam, Kang Ki-chu, Lau Siu-kwan
Kamera: Yuen Man Fung
Musik: Henry Lai, Kwan Fai Lam, Julian Chan
Laufzeit: 124 Minuten
Darsteller: Zhang Hanyu, Eddie Peng, Feng Wenjuan, Baoguo Chen, Chun Sun, Carl Ng, Kenneth Low, Ha Yu, Vithaya Pansringarm, Xudong Wu, Jian Zhao, Mandy Wei
Genre: Thriller
Produktionsland: China, Thailand
FSK: ab 18 Jahre

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Auf dem Mekong werden die Leichen gefunden, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit Drogengeschäften im sogenannten Goldenen Dreieck von Laos, Myanmar und Thailand zu tun haben. Um die Morde aufzuklären, wird eine Spezialeinheit in das Gebiet geschickt. Die Spuren führen geradewegs zu Drogenbaron Naw Khar, der sein Hoheitsgebiet mit Terror und Gewalt unterjocht und beherrscht. Das Team soll seine im Dschungel gelegene Basis vernichten und die Verantwortlichen gefangennehmen.

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„Operation Mekong“ ist ein astreiner und knallharter Actionfilm, der sich dennoch von anderen Genrebeiträgen abhebt. Ich kann nicht einmal genau erklären, woran es liegt, aber ich fühlte mich bei diesem Film anders unterhalten als zum Beispiel bei einem „Expendables“-Abenteuer. Der Grund liegt wahrscheinlich in der Inszenierungsweise, denn Dante Lam ist Chinese und arbeitet nicht wie ein europäischer oder amerikanischer Regisseur, sondern eher wie John Woo. Herausgekommen ist auf jeden Fall ein sehenswerter Film, der einen die Zeit vergessen lässt und teilweise erfrischende Akzente für das Actionkino setzt. Spektakuläre Stunts und Autoverfolgungsjagden lassen das Herz eines jeden Actionfreunds höher schlagen, aber dennoch unterbrechen immer wieder ruhigere Szenen und atemberaubende Landschaftsaufnahmen das Feuerwerk. Dadurch entsteht eine angenehme Mixtur aus wilden Schießereien und nachdenklich stimmenden Bildern, die hervorragend unterhält.

An manchen Stellen hatte ich allerdings Schwierigkeiten, die Personen auseinander zu halten, das muss ich ehrlich zugeben. Das lag zum einen daran, dass die Schauspieler teilweise vermummt agierten und sich oftmals auch sehr ähnlich sahen. Trotzdem habe ich den Film verstanden, was letztendlich auch das Wichtigste ist. 😉
Da der Film teilweise auf wahren Begebenheiten basiert, wirkt der Plot natürlich weitaus schockierender und beeindruckender. Der fast eine halbe Stunde andauernde Showdown entwickelt sich dann eher schon zu einer Blockbusterinszenierung, die es allerdings wirklich schafft, dass man die Zeit vergisst. Sicherlich wirkt „Operation Mekong“ an einigen Stellen wie übertriebenste Propganda, aber darüber kann / sollte man ruhig hinwegsehen, denn man wird, wie gesagt, mit einem ordentlichen Actioner belohnt, der unglaublich viel Spaß macht.

Was ebenfalls einen Großteil der hervorragenden Atmosphäre ausmacht, ist nicht nur der professionelle Inszenierungsstil, sondern auch die bombastische Filmmusik der Herren Henry Lai, Kwan Fai Lam und Julian Chan. Auch wenn man merkt, dass an einigen Stellen schamlos von Scores von Hans Zimmer oder auch Brian Tyler „geklaut“ wurde (oftmals fühlt man sich an Hans Zimmers genialen Soundtrack zu „The Rock“ erinnert), so klingen die Kompositionen definitiv auch nach dem Film noch nach, so stilsicher und passend sind sie eingesetzt. Insgesamt ist „Operation Mekong“ ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Fazit: Actionreicher Bombastthriller mit ausgefallenen Stunts und tollen Aufnahmen.

© 2019 Wolfgang Brunner

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Nomis (2018)

nomis

Originaltitel: Nomis
Alternativtitel: Night Hunter
Regie: David Raymond
Drehbuch: David Raymond
Kamera: Michael Barrett
Musik: Alex Lu
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Henry Cavill, Ben Kingsley, Alexandra Daddario, Stanley Tucci, Brendan Fletcher, Minka Kelly, Nathan Fillion
Genre: Thriller
Produktionsland: USA, Kanada
FSK: ab 16 Jahre

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Seit mehreren Jahren sucht sich ein Serienkiller junge Frauen über das Internet, um sie sexuell zu missbrauchen. Cop Marshall kommt mit Unterstützung des radikalen Coopers, der zusammen mit seiner Tochter Jagd auf diese Kinderschänder macht und diese durch Selbstjustiz bestraft, einem Verdächtigen auf die Spur. Es handelt sich um den psychisch gestörten Simon, der offensichtlich mehrere Identitäten annehmen kann. Doch ganz so einfach, wie es auf den ersten Anschein aussieht, ist es doch nicht …

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Keine fünf Minuten dauert es, bis Regisseur David Raymond den Zuschauer mit seinem Psychothriller in den Bann zieht. Man fühlt sich, natürlich aufgrund der Thematik Serienkiller, in der ein oder anderen Szene an „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert, die in diesem Genre Meilensteine darstellen. Doch auch „Nomis“ bewegt sich in diese Richtung, was vor allem am geschickten inszenierten Plot  und zum anderen an einer phänomenalen Schauspielleistung von Brendan Fletcher liegt. Dazu aber später noch. Zuerst einmal bedarf es einer Schilderung, wie atmosphärisch „Nomis“ daherkommt. Durch die Figur des behinderten Simon stellt sich sofort eine bedrückende Stimmung ein, die sich durch den kompletten Film zieht. „Nomis“ ist düster, an einigen Stellen unglaublich brutal und in seiner Charakterzeichnung der Protagonisten tiefgehender als so manch andere Genrebeitrag. „Nomis“ macht Spaß, wenn man das bei dieser Art Thematik so nennen kann, und lässt die Zeit nur so dahinfliegen.

Henry Cavill und Ben Kingsley spielen fantastisch und man nimmt ihnen ihre Rollen uneingeschränkt ab. Ebenso können Alexandra Daddario und Stanley Tucci absolut überzeugen und verleihen dem Film einen authentischen Charme. Brendan Fletcher stiehlt jedoch allen die Show, wenn er in den psychisch behinderten und gestörten Simon zum Besten gibt. Das Szenario erinnert natürlich ein wenig an „Split“, in dem ein Serienkiller ebenfalls verschiedene Identitäten annimmt, aber „Nomis“ konzentriert sich eher nur auf zwei Seiten des Killers: eine böse und eine hilflose. Dieses doppelt Ich wird von Fletcher unglaublich intensiv dargestellt und man kann an manchen Stellen gar nicht glauben, dass dieser Mann nicht tatsächlich eine geistige Behinderung hat. Für mich war diese Darstellung oscarreif, so dass der Film weitaus mehr Beachtung verdient hätte, als ihm bisher widerfahren ist.

„Nomis“ folgt natürlich gewissen cineastischen Regeln, in dem sich zum Beispiel am Ende des Films ein Endkampf / Showdown entwickelt, den man natürlich in fast jedem Thriller auf ähnliche Art zu sehen bekommt. Da hätte man sich von den Machern etwas mehr Mut und eine unkonventionellere Vorgehensweise gewünscht, aber nach diesen Regeln / Vorgaben funktioniert anscheinend das Filmgeschäft. Nichtsdestotrotz stellt dieser „Makel“ ein Jammern auf hohem Niveau dar und tut dem Gesamtergebnis keinen Abbruch. „Nomis“ ist im Thrillergenre ein Höhepunkt des Produktionsjahres 2018 und man darf gespannt sein, ob, wann und vor allem was David Raymond hier nachlegt und ob er die selbst hochgelegte Messlatte wieder erreicht. „Absence of War“ soll der Actionthriller heißen, an dem er gerade arbeitet. Auf alle Fälle ist David Raymond ein Name, den man sich merken sollte, denn mit „Nomis“ hat er einen hervorragenden, atmosphärischen, intelligenten und spannenden Thriller abgeliefert, der sich wohltuend vom Einheitsbrei abhebt.

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Fazit: Atmosphärisch, intelligent, spannend. Mit einem hervorragenden Brendan Fletcher.

© 2019 Wolfgang Brunner

Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen (2018)

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Originaltitel: Acusada
Regie: Gonzalo Tobal
Drehbuch: Ulises Porra, Gonzalo Tobal
Kamera: Fernando Lockett
Musik: Rogelio Sosa
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Lali Espósito, Gael Garcia Bernal, Leonardo Sbaraglia, Inés Estévez, Daniel Fanego, Gerardo Romano, Martina Campos
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Argentinien
FSK: ab 12 Jahre

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 Zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihrer besten Freundin muss sich die junge Dolores vor Gericht verteidigen,da sie unter Mordverdacht steht. Während ihre Eltern das Mädchen auf den Prozess vorbereiten, kämpft Dolores mit den Dämonen ihrer Vergangenheit.

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Gonzalo Tobas Gerichtsfilm braucht nicht lange, um den Zuschauer in einen hypnotischen Sog zu ziehen, dem man bis zum Ende des Dramas nicht mehr entkommen kann. In einer wunderbar ruhigen, aber nichtsdestotrotz sehr spannenden und emotionalen Weise lässt uns der Regisseur an den Problemen und der Gefühlswelt der Protagonistin teilhaben. Präzise, aber dennoch ein wenig undurchschaubar, präsentiert Tobas den Mordfall, der den Fall des „Engels mit den Eisaugen“, Amanda Knox, als Ausgangsidee benutzt. Lali Espósito zeigt eine wirklich beeindruckende darstellerische Leistung, die sie konstant durch den ganzen Film aufrechterhält. Aber nicht nur sie, sondern auch das komplette Ensemble kann durchwegs mit seinem Agieren überzeugen.

Es ist vor allem die ruhige, und im Grunde genommen absolut unspektakuläre Inszenierung, die diesen Film so intensiv und authentisch wirken lässt. Keine reißerischen Szenen, kein blutiger Mord, der detailliert zeigt, wie jemand sein Leben verliert und keine atemberaubende Gerichtsverhandlung, bei der mit allen Mitteln um die Schuld oder Unschuld der Angeklagten gekämpft wird. Untermalt von einer fantastischen, atmosphärischen Musik wendet sich Regisseur Gonzalo Tobas vielmehr der Psyche der Protagonistin zu und zeigt, wie man innerhalb der Familie mit den Verdächtigungen umgeht. Das Ganze wirkt dabei so echt, dass man tatsächlich in manchen Momenten vergisst, einer erfundenen Geschichte beizuwohnen. Für viele ist dieser gemächliche Inszenierungsstil mit Sicherheit ein ganz großer Minuspunkt, der in der heutigen Kinowelt, in der es nur noch um „größer, besser, bombastischer“ geht, keine Chance und auch keinen Bestand hat. Für Filminteressierte, die sich für Schauspielerei und inszenatorische Feinheiten begeistern können, wird „Verurteilt“ ein kleiner Höhepunkt sein.

Wer Tobas‘ Vorgängerfilm „Der unsichtbare Gast“ kennt, weiß, was ihn bei „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ erwartet. Ein gefühlvolles Drama, das zwar eine schreckliche Tat erzählt, sich aber eigentlich auf etwas völlig anderes konzentriert: nämlich das Innenleben eines Menschen, der mit seinen Problemen nicht klar kommt.
Durch seine raffinierte Erzählweise wird der Film in keiner Sekunde langweilig, weil man mit der Protagonistin (und auch deren Familie) mitfiebert und wissen möchte, was wirklich geschehen ist. „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ ist einer jener Ausnahmefilme, die bedeutend mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zukommt. Wer großes Erzählkino mag, wird an diesem Drama / Thriller nicht vorbeikommen.

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Fazit: Großartig erzähltes Drama, das durch seine ruhige Inszenierung punkten kann.

© 2019 Wolfgang Brunner

Domino – A Story of Revenge (2019)

domino

Originaltitel: Domino
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Petter Skavlan
Kamera: José Luis Alcaine
Musik: Pino Donaggio
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Carice van Houten, Guy Pearce, Søren Malling, Nicolas  Bro, Paprika Steen
Genre: Action, Thriller
Produktionsland: Dänemark
FSK: ab 16 Jahre

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Der Partner von Polizist Christian wird in Kopenhagener durch ein ISIS-Mitglied namens Imran ermordet. Christian jagt den Mörder, um den Tod seines Freundes zu rächen. Dabei gerät er immer tiefer in die terroristischen Machenschaften der ISI und schon bald beginnt für ihn ein Wettlauf gegen die Zeit, denn es geht plötzlich nicht mehr nur um Rache an seinem Partner, sondern darum, sein eigenes Leben zu behalten.

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Brian De Palma ist zurück! Auch wenn seine Filme der 90er und 2000er Jahre ansprechend und teilweise brillant waren, so besaßen sie nicht mehr den Charme seiner besten Werke wie „Schwarzer Engel“, „Carrie“ oder an erster Stelle „Dressed To Kill“.
Sieht man sich die ersten Minuten von „Domino“ an, denkt man, der Meisterregisseur wäre am Ende seiner Karriere angekommen und bringt nur noch zweitklassige Filme zustande. Doch weit gefehlt. Es dauert nicht lange und der typische Brian De Palma-Touch, den man in vielen seiner letzten Filme vermisst hat, tritt auf. Das liegt vielleicht auch am grandiosen Score von Pino Donaggio, der einen sofort wieder in die „goldene Ära“ des Regisseurs zurückwirft. Die Musik untermalt das Geschehen auf optimalste Weise und beschwört eine unglaubliche Stimmung hervor, deren Bann sich man nicht entziehen kann.

Aber nicht nur inszenatorisch und musikalisch kann „Domino“ auf ganzer Linie überzeugen. Auch die Schauspieler und der Plot vermögen zu faszinieren. Alle Akteure machen ihre Sache sehr gut und spielen überzeugend ihre Charaktere. Man nimmt ihnen jede Handlung und Äußerung ab. Die Handlung ist erschreckend realistisch und regt zum Nachdenken an. Sicherlich spielt De Palma mit Klischees, aber leider treffen die meisten dieser Dinge in der Realität zu. Religiöse Fanatiker, die über Leichen gehen, um ihren Glauben zu untermauern, sind heutzutage an der Tagesordnung und „Domino“ rückt diese „Bedrohung“ ein Licht, das einem an manchen Stellen wirklich unwohl wird. Der Plot ist auf alle Fälle äußerst zeitgemäß verfasst und spiegelt eine Welt wider, in der wir uns tatsächlich befinden. Die Thematik hat mich schon sehr betroffen gemacht und bei mir Angst vor solchen Menschen verursacht. Da hat Drehbuchautor Petter Skavlan, bekannt durch seine Skripts für „Sofies Welt“ und dem hervorragenden „Kon Tiki“, ganze Arbeit geleistet.

Wer erinnert sich nicht an die magische Szene aus „Dressed To Kill“, wenn die sexuell frustrierte Hausfrau Kate Miller durchs Museum irrt und immer wieder auf einen attraktiven Unbekannten stößt, der sie nicht aus den Augen lässt. Diese Passage wird untermalt von Pino Donaggios eindringlicher Musik und gleicht dadurch fast schon einer opernhaften Inszenierung. Eine ähnliche Szene gibt es auch in „Domino“: Wenn ein Selbstmordattentäter versucht, sich in einer gefüllten Stierkampfarena selbst in die Luft zu jagen, fühlt man sich an Brian De Palmas Meisterleistung aus „Dressed To Kill“ erinnert. Auch hier gehen Score und hypnotische Inszenierung eine Symbiose ein, die einen die Welt um sich herum vergessen lässt. Das ist ganz großes Kino ohne jeglichen Effekte-Schnickschnack. Hier zählt das Können von Regisseur, Filmmusikkomponist und Schauspielern. Solche Szenen machen süchtig und ich weiß schon jetzt, dass ich „Domino“ nicht nur einmal sehen werde. Der Film war eine absolut positive Überraschung für mich, die ich nicht so schnell vergessen werde. Brian De Palma kann es immer noch – und wie!

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Fazit: Fantastische Rückkehr von Brian De Palma zu seinen Wurzeln.

© 2019 Woilfgang Brunner

Pestilenz (2019)

pestilenz

Originaltitel: Pestilenz
Regie: Thomas Grieser
Drehbuch: Thomas Grieser
Kamera: –
Musik: Jet Noir (End Title)
Laufzeit: 70 Minuten
Darsteller: Sabrina Arnds, Christina Moni, , Thomas Grieser,  Thomas Goersch, Shawn C. Phillips, Marco Klammer, Manfred Treusch
Genre: Horror, Gore, Amateurfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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In einem abgelegenen Dorf scheint die Pest wieder ausgebrochen zu sein. Ein Filmteam macht sich auf den Weg, um Genaueres herauszufinden, zumal auch ein Gerücht umgeht, dass der Ausbruch der Krankheit nicht auf natürlichem Weg, sondern auf übernatürliche Weise ausgelöst wurde.

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Es fällt mittlerweile nicht mehr leicht, Found Footage, und gerade solche, die ein Debüt darstellen, zu bewerten. Zu viele Filme dieser Art haben den Markt seit „Blair Witch Project“ überschwemmt, als dass man noch genauer differenzieren könnte, wo echtes Potential dahintersteckt. Und dann kommt auch schon ein neuer Film aus Deutschland, der wieder in der Found Footage-Sparte angesiedelt ist. Thomas Griesers Film hebt sich handlungstechnisch so gut wie gar nicht von anderen Genrebeiträgen ab, was aber erstens gar nicht wirklich verwunderlich und zweitens auch gar nicht schlimm ist. Wer sich auf solche Filme einlässt, weiß sowieso, was ihn erwartet. Aber eines kann man „Pestilenz“ auf alle Fälle zugute halten: Es steckt enorm viel Herzblut drin. Und das merkt man in so ziemlich jeder Einstellung, so dass man dem Film einen gewissen Reiz und Charme absolut nicht absprechen kann.

Und da komme ich auch schon an den Punkt, an dem ich den Film im Grunde genommen trotz seiner kleinen Macken gut heiße, denn die Darsteller sind so mit Herz bei der Sache, dass es wirklich Spaß macht, ihnen dabei zuzusehen. Sicherlich wirkt die ein oder andere Szene laienhaft, aber genau das macht wiederum ein Stück Authentizität aus, denn, wenn man sich auf den Film einlassen kann, trägt genau diese sympathische Amateurhaftigkeit dazu bei, dass man die Story zumindest halbwegs wahr hält. „Pestilenz“ reiht sich im Grunde genommen in die Flut der Low Budget Found Footage Horrorfilme ein, ohne wirklich etwas Neues zu bieten. Das muss aber bei einem Film, der mit äußerst geringem Budget gedreht wurde, auch gar nicht sein. Ausschlaggebend sind bei solchen Projekten immer das Engagement und das Talent, eine Geschichte publikumstauglich in Szene zu setzen. Und das ist Thomas Grieser auf alle Fälle gelungen. Was ein wenig „störend“ auffällt, ist die Szene, in der die Filmemacher zwei Leichen am Wegesrand finden und sie ausgiebig filmen. Es sind sichtbar Puppen, die wir zu sehen bekommen (was im Grunde genommen bei solcherart Herzblut-Amateur-Filmen kein Problem für mich darstellt). Aber die Kamera wird zum einen sehr nahe und zum anderen sehr lange auf diese billig wirkenden Leichen gerichtet, dass es knapp an der Grenze zu „peinlich“ erscheint. Ich will damit keineswegs sagen, dass mir diese Einstellungen nicht gefallen haben, aber man hätte sie durchaus effektiver inszenieren können, in dem man sie kürzer und nicht so detailliert gestaltet hätte. Gestört haben sie mich dennoch nicht.

Mit einer Laufzeit von knapp siebzig Minuten kommt auch keine Langeweile auf, da (vielleicht bis auf das Ende)  nie „Zeit geschunden“ wird, um mit Gewalt die Dauer eines Langfilms zu erreichen. Die Story wird vorangetrieben und man möchte wissen, was hinter dem Geheimnis steckt. Der Spannungsbogen wird von Grieser also konsequent hochgehalten und hält den Zuschauer bei der Stange. Um noch einmal auf die SchauspielerInnen zurückzukommen: Sie machen durchwegs ihre Sache gut und spielen sehr natürlich. Bei manchen Szenen, in denen sie sich gegenseitig anzicken, bekommt man auch schon mal ein Grinsen auf die Lippen. Sabrina Arnds Darstellung wirkt anfangs ein wenig unbeholfen, was aber letztendlich irgendwie dann doch wieder zu einem Sympathiepunkt führt. Ihr Agieren wird aber im Verlaufe des Films zunehmend besser. Thomas Grieser in der Hauptrolle konnte mich überwiegend auch überzeugen, ebenso wie Christina Moni. Thomas Goerschs Auftritt ist leider ein wenig kurz geraten, da hätte ich mir ein wenig mehr gewünscht, hat er mir doch in Marian Doras „Reise nach Agatis“ ganz gut gefallen. Aber zumindest in der Kürze konnte er ein glaubwürdiges Bild seiner Figur vermitteln. Letztendlich hatte ich bei „Pestilenz“ einen ähnlichen Spaß wie seinerzeit bei Marcel Walz‘ „Raw“-Reihe. Und ebenso bin ich der Meinung, dass sich „Pestilenz“ hinter seinem Ur-Vorbild „Blair Witch Project“ nicht zu verstecken braucht.

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Fazit: Ruhig inszenierter Found Footage-Film, der sich nah an diverse Vorbilder anlehnt, aber dennoch eigenständig überzeugen kann. Wer einen Jump Scare-Grusler erwartet, wird enttäuscht sein, wer aber einen deutschen mit absolut Herzblut gedrehten Genre-Beitrag unterstützen will, sollte einen Blick riskieren.

© 2019 Wolfgang Brunner

Tödliche Beute 2: The Deadliest Prey (2013)

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Originaltitel: Deadliest Prey
Regie: David A. Prior
Drehbuch: David A. Prior
Kamera: Eric A. Wahl
Musik: Tim Heintz, Tim James, Steve McClintock
Laufzeit: 77 Minuten
Darsteller: Ted Prior, David Campbell, Fritz Matthews, Michael Charles Prior, Cat Tomeny, Tara Kleinpeter
Genre: Action
Produktionsland: USA
FSK: ab 18 Jahre

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Fast 30 Jahre sind vergangen seit der irre Colonel Hogan den Elitesoldaten Mike Danton entführte, jagte und seine Frau tötete. Doch nun ist Hogan aus dem Knast zurück und will die Fehde fortführen. Kann der gealterte Danton trotz jahrzentelangem Rückzug ins Privatleben sich noch einmal einer Übermacht an Söldnern erwehren?

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Fortsetzungen haben es immer schwer. Einerseits möchte man die Geschichte des Vorgängers weitererzählen und zeitgleich genug Eigenheiten an den Tag legen um interessant und frisch zu bleiben, andererseits muss man darauf achten nicht zu sehr vom Original abzuweichen und eventuelle Fans zu enttäuschen. Keine einfache Situation. Besonders schwer ist es dann allerdings, wenn sich der erste Teil nach vielen Jahren als Klassiker etabliert hat. Wenn ich von filmischen Klassikern mit dubiosen Fortsetzungen spreche, denkt man nun sicherlich an Filme wie Carrie (1976), Die Vögel (1963) und Basic Instinct (1992), wobei die meisten Fortsetzungen zurecht relativ schnell in einem Gedankenloch verschwunden sind. Doch Klassiker können auch in Nischen entstehen. Das Original des hier besprochenen Films stammt nämlich aus der Kategorie des So-Bad-It’s-Good-Subgenres, die auch als Trashfilm bekannt ist. Nun könnte man annehmen, dass Deadly Prey (1987) – eine liebenswerte und höllisch unterhaltsame Variante des ebenso tollen Phantom Kommando (1985) – einen besseren Stand hätte. Das filmische Grundgerüst steht ja bereits und da man aus Fehlern lernt, sollten nun nur noch Ecken und Kanten geschliffen werden um einen vernünftigen Film zu erhalten. Auch hier gibt es zwei Möglichkeiten in die das Ganze gehen kann: Entweder sind die Filmemacher sich darüber bewusst, dass das Original Trash ist und treiben das Spiel noch weiter ins Extreme oder sie versuchen eine legitime Fortsetzung zu drehen. Leider wird am häufigsten die erste Möglichkeit bedient. Fortsetzungen zu Filmen wie Samurai Cop (1991) oder auch Hobgoblins (1988) sind bereits kurz nach dem Erscheinen in der Versenkung verschwunden, weil die Prämisse das Machen eines schlechten Films gewesen ist ohne dabei zu bedenken was die Originale so sehenswert macht, nämlich die Ungewolltheit des Ganzen! Das Versagen einer Filmcrew, der unfähige Regisseur, das miserable Skript, die Ambitionen und die hehren Ideen, die finanziell Unumsetzbar sind. All diese Faktoren sind es, die man einfach nicht planen kann, die in mysteriöser Weise zusammenspielen und an der Erschaffung von eben jenen Filmen mitwirken. Das filmische Pendant zum Autounfall. Ein Elendstourismus bei dem man sich in der Schmach anderer suhlt. Das ist auch vollkommen legitim, bösartig wird es nur, wenn man über, und nicht mit dem Film lacht.

Was hat es nun mit Tödliche Beute 2 – The Deadliest Prey (2013) auf sich? Dieser Film ist eines der wenigen Beispiele, welches sich in die zweite Kategorie einordnet oder es zumindest versucht. Hätte ich vor Sichtung des Films noch empfohlen es lieber sein zu lassen, habe ich hier das Gefühl, dass der Film durchaus den gleichen Geist wie das Original inne hat. Zwar sind viele Einstellungen und ganze Szenen mehr oder weniger kopiert, gibt es doch genug eigenes um den Zuschauer bei Laune zu halten. Die charmante Naivität ist spürbar. Vielleicht liegt dies daran, dass sowohl vor, als auch hinter der Kamera viele bekannte Gesichter zu finden sind. Dies mag ein Grund sein, warum zwar hier und da ein Augenzwinkern (leider) nicht fehlen darf, aber gleichzeitig jede Art des Zynismus fern bleibt.

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Fazit: Solide Fortsetzung zu einem Trashfilmklassiker. Wer das Original mag, kann hier durchaus einen Blick riskieren.

© 2019 René Wiesner

What’s wrong with you? (2019)

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Originaltitel: What’s wrong with you?
Regie: Sebastian Zeglarski
Drehbuch: Sebastian Zeglarski, Master W
Kamera: Paul Maximilian von Preuss, Markus Innocenti, Ms. Perfect, Resa Elstner
Musik: Axl Wild Productions, European Breakwdown, Donner Music
Laufzeit: 78 Minuten
Darsteller: Sebastian Zeglarski, Missy,  Markus Innocenti, A. Kolnik, Uwe Kolnik, Christian Nowak, Thynomite, Amok Pia
Genre: Horror, Gore, Amateurfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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Ein Mann wird durch einen Schicksalsschlag vollkommen aus der Bahn geworfen. Sein Leben gerät aus den Fugen, als er mit den Abgründen seiner Seele konfrontiert wird. Seine  Existenz besteht nur noch aus Wahnvorstellungen und Albträumen. Und immer wieder taucht ein geheimnisvoller maskierter Mann  auf. Realität und Halluzinationen vermischen sich immer mehr. Was stimmt nicht mit dem Mann nicht?

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Es gibt Amateurfilme und es gibt Filme, die von Menschen gedreht werden, die man (fälschlicherweise 😉 ) als Amateurfilmer bezeichnet. „What’s wrong with you“ ist genau so ein Beispiel, denn Regisseur und Hauptdarsteller Sebastian Zeglarski hat ein unglaublich cineastisches Gefühl dafür, eine magische und hypnotische Geschichte zu erzählen. Wenn man bedenkt mit welch geringem Budget Zeglarski diesen Film auf die Beine gestellt hat, fragt man sich unweigerlich, wie das Ergebnis wohl ausgesehen hätte, hätte mehr Geld zur Verfügung gestanden. Fakt ist, dass „What’s wrong with you“ eine innovative Reise ins Innere, ins Seelenleben, eines Menschen ist. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass man es filmisch nicht hätte besser ausdrücken können, was in solch einem Menschen gedanklich vorgeht.

„What’s wrong with you“ erinnerte mich in seinen besten Momenten an Kultfilme von Jörg Buttgereit, Olaf Ittenbach oder sogar Peter Greenaway. In philosophisch anmutenden, verklärten Traumsequenzen lässt uns Regisseur Zeglarski am Innenleben eines kaputten, kranken und auch verzweifelten Menschen teilhaben. An vielen Stellen bekam ich eine Gänsehaut und konnte mich überhaupt nicht satt sehen an diesen fantastischen, surrealen Bildern, die auf einen einstürmen. Der Film hat  in manchen Szenen einen hohen Gewaltanteil, der aber erfreulicherweise nie den Mittelpunkt der Geschichte einnimmt. Und genau das ist es, was mich an diesem Film so fasziniert, denn Sebastian Zeglarski geht es in erster Linie um den Menschen und die psychologische Seite seiner Existenz. Die teils brutalen und auch abartigen Szenen wirken niemals abstoßend, sondern fügen sich geschickt in das Gesamtbild des Films ein .Nebenbei bemerkt sind diese Spezialeffekte extrem gut gelungen.

Die Schauspieler mögen zwar in manchen Einstellungen etwas amateurhaft wirken, aber das macht in diesem Fall überhaupt nichts, sondern unterstreicht sogar die Authentizität. Ich bin mit keinen Erwartungen an diesen Film herangegangen, was wahrscheinlich mein Glück war, denn ich bekam etwas zu sehen, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Unbedingt zu erwähnen ist auch noch die fantastische Musikuntermalung, die mich unweigerlich an die Werke von Marian Dora erinnert hat. Trotz der „schlimmen“, deprimierenden Geschichte und den brutalen Goreszenen werden die Bilder von melancholischen Melodien untermalt, die emotional berühren. Diese Mischung ist es letztendlich auch, die diesen Film zu einem Must See im Amateurfilmbereich für mich macht. Manchmal habe ich mir gedacht, „What’s wrong with you“ könnte tatsächlich als Extra auf der DVD eines Peter Greenaway Films sein, das zeigt, wie die Anfänge dieses genialen Regisseurs waren. Sebastian Zeglarski hat für mich auf jeden Fall das Zeug dazu, genau solch ein intellektueller und innovativer (Kult-)Regisseur zu werden. Vor allem, wenn man ihm das nötige Budget zur Verfügung stellen würde. Eines ist für mich gewiss: „What’s wrong with you“ hat sich schlagartig in die Top Ten meiner liebsten Independent- und Amateurfilme hochkatapultiert. Ich werde mir diesen Film definitiv noch öfter ansehen. Und das sollte jeder tun, der sich für Filmhandwerk mit Herzblut interessiert.

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Fazit: Innovativ, melancholisch, brutal und … einfach großartig. Muss man gesehen haben.

© 2019  Wolfgang Brunner