Kemper, Ralf (Regisseur)

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Ralf Kemper ist Musiker, Sänger, Gitarrist, Komponist, Regisseur und Cutter. Bis 2007 war er Mitglied der Band „Die Schnitter“, die über 500 Konzerte in Deutschland und der Schweiz aufführten, und wandte sich nach dieser Zeit dem Filmen zu. Kemper arbeitete von Super 8 über MiniDV bis hin zum heutigen 4K Video mit fast allem, was im Videobereich möglich ist. Auf Spielfilme spezialisiert produzierte er bislang 6 Langfilme und einige Kurzfilme als Produzent, Regisseur, Kameramann und Cutter. Seit 2004 veranstaltet Kemper das älteste Trashfilm-Festival Europas „Der phantastische Trashfilm“, das 2016 bereits zum elften Mal stattfindet. Film-Besprechungen freut sich auf ein Interview mit dem vieltalentierten Künstler.

1. Dein Kurzfilm „Alptraumfieber“ ist ein sehr atmosphärischer Film, der auch die Stilmittel des Found Footage Genres nutzt. Magst Du persönlich Found Footage?

Ich mag Found Footage ganz gern. In letzter Zeit ertappe ich mich allerdings immer wieder dabei, wie ich „Ach nein, nicht schon wieder…“ bei Filmen des Genres sage (zuletzt bei „Katakomben“). Dennoch nutze ich dieses Stilmittel immer wieder für eigene Projekte. „Alptraumfieber“ (https://vimeo.com/137847304) konnte für mich nur funktionieren wenn ich Found Footage einbaue. Eigentlich war es mir bei der Produktion wichtig, auf die Gefahren hinzudeuten, die bei Verabredungen über das Internet entstehen. Wo Du nie weißt, wer hinter einem Usernamen steht. Und genau dafür war Found Footage in diesem Fall herrlich geeignet. Meine Found Footage Lieblingsfilme sind übrigens „REC“ und „Blair Witch Project“.

2. Wie kam es eigentlich genau dazu, dass Du den Weg eingeschlagen hast, Filme zu inszenieren und produzieren?

Den Weg hat mir letztendlich die Technik geebnet. Da ich in den 70` igern aufgewachsen bin, war Film immer gegenwärtig. Immerhin war das die Hochzeit der Super 8 Filmerei und auch bei uns zu Hause wurde viel gefilmt. Meine erste Super 8 Kamera bekam ich mit 14 und bin sofort mit meinen Freunden in den Kasseler Bergpark Wilhelmshöhe, um einen Vampirfilm zu drehen. Filmschnipsel davon habe ich heute noch. Ich habe damals viele, viele Meter Film mit Super 8 gedreht. Für mein Projekt „Toxic Lullaby“ konnte ich davon profitieren. Da gibt es Szenen, die mit meiner guten alten S8 Kamera gedreht wurden.
Aber zurück zu meinem Weg. Nach der Super 8 Zeit kam die VHS Zeit. Da habe ich dann lieber Musik gemacht und meine Liebe zum Film hatte bis 1999 Pause.
Als die Digitalkameras dann auf den Markt kamen und Schnittsysteme erschwinglich wurden hat das in mir die Leidenschaft zum Film wiedererweckt. In 2000 habe ich mit einem Freund (der bei meinem ersten Vampirfilm ein Opfer spielte) die erste digitale Produktion „Ein Weihnachtslied“ realisiert. Ein Found Footage Film über eine Gruppe Zivilisten, die einen Bunker wegen einer Zombieepidemie herrichten sollen. Die digitalen Möglichkeiten des Filmschneidens haben mich sofort in den Bann gezogen. Musste ich bei Super 8 noch mit Schere und Kleber arbeiten, wo das verfügbare Material immer kürzer wurde, konnte ich digital 100 mal die gleiche Stelle bearbeiten ohne den Verlust eines einzigen Bildes.
Das ist nach wie vor das fantastische am Filmemachen; der Filmschnitt. Beim Schnitt kann ich sogar die Story noch beeinflussen. Immer vorausgesetzt, dass ich genügend Material zur Verfügung habe, kann ich Geschichten aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Das macht mir am Filmemachen am meisten Spaß. Die aktuelle Version von „Alptraumfieber“ ist beispielsweise die vierte Schnittversion.

3. Du hast E-Gitarre in der Kasseler Band „Die Schnitter“ gespielt und auch gesungen. Hat Musik immer noch eine wichtige Bedeutung für Dich und welche?

Ich spiele immer zwischen den Produktionsphasen Gitarre oder Schlagzeug. Das entspannt. Die Musik selbst ist sehr wichtig bei dem Entstehungsprozess meiner Projekte. Da gibt es zum Beispiel einen Song der Band „Mad Monks“, mit denen ich 2004 auf der Bühne stand. Er hat mich beim Schreiben von „Überfall der Mörderrucksäcke“ stark inspiriert und wurde dann auch zur musikalischen Untermahlung der Titel Credits. Musik beeinflusst das Bild. Ich bevorzuge handgemachte Gitarrenmusik. Das gefällt mir in Filmen, die ich sehe, und das gefällt mir noch mehr in Filmen, die ich mache. Dabei arbeite ich bei meinen Projekten am liebsten mit befreundeten, regionalen Musikern zusammen.

4. Gab es schon einmal einen Punkt, an dem Du dachtest, Du würdest ein Projekt nicht „stemmen“?

Ich würde sagen mehrmals schon beinahe. „Toxic Lullaby“ (https://vimeo.com/ondemand/toxiclullabyeloise) war eine Gratwanderung von dem, was wir machen wollten und machen konnten. In der Vorproduktion lief alles nach Plan, viele Departments waren besetzt. Als es dann an die Dreharbeiten ging, sind einige Leute leider überfordert gewesen und abgesprungen. Also mussten wenige viel stemmen. Es hat dennoch funktioniert und Mut gemacht für zukünftige Produktionen.
Mit diesem Hintergrund bin ich in die Produktion von „Damned On Earth“ gegangen. Wir wollten alles besser machen, aber es lief ähnlich ab wie bei Toxic und die Produktion gestaltete sich von Monat zu Monat schwieriger. Wir mussten so viele Szenen aus dem Script streichen, beziehungsweise umschreiben, weil die Umsetzung einfach nicht möglich war. Das Ganze zog sich sehr lange hin und die Postproduktion dauerte über ein Jahr. Da gab es viele Momente, an denen ich aufgeben wollte. Der Film ist dann trotzalledem fertig geworden. Nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber so ist das eben.

5. John Carpenter oder Steven Spielberg? Warum?

Ganz klar John Carpenter, weil er seine Ideen mit wesentlich weniger Budget umsetzt als Spielberg.

6. Könntest Du Dir vorstellen, einmal ein anderes Genre als Horror zu bedienen? Wenn ja, für welches Genre würdest Du Dich entscheiden?

Science Fiction fasziniert mich. Und zwar alles, was in den Weiten des Weltraums spielt. Das kommt sicher daher, dass ich mit Kirk, Spock und der USS Enterprise aufgewachsen bin. Ich habe sogar ein SciFi Drehbuch in der Schublade. Allerdings wäre eine Produktion wesentlich teurer als meine bisherigen Produktionen und so warte ich da lieber auf bessere Tage, bevor tolle Ideen mal wieder budgetbedingt aus dem Script gestrichen werden müssen.

7. Welches literarische Werk würdest Du am liebsten verfilmen? Oder sind Literaturverfilmungen gar nicht Dein Fall?

Ich bin nicht so der Fan von Literaturverfilmungen. Ich lese sehr viel und bin meist enttäuscht, wenn ich dann eine Verfilmung sehe. Aber es gibt in der Tat ein Buch, welches ich gern verfilmen würde. „Fast tot“ von Ralph Hasselberger. Das beste Zombiebuch, das ich bisher gelesen habe. Mit tollen Charakteren, realistischen Szenarien und einer Portion schwarzem Humor, der gerade noch passend ist. Das einzige Problem, was einer Verfilmung im Wege steht, ist die Ansiedlung der Handlung in Marburg und Gießen und dass die Story den Ausbruch der Seuche beschreibt. Eine Zombiefilmproduktion in den besagten Städten wird doch eher sehr schwer umzusetzen sein und würde wahrscheinlich nicht zwingend gefördert werden. Da ich mit dem Autor schon oft gearbeitet habe, würde die Zusammenarbeit bei einer Verfilmung seines Buches sicher fruchten, aber wir müssten ein wirklich großes Budget zusammentragen.

8. Auch wenn „Damned On Earth“ noch relativ neu ist, kannst Du schon etwas über Deinen nächsten geplanten Film erzählen?

Ich arbeite derzeit an 4 Ideen, die zum Teil auch schon in Drehbüchern ganz gut vorgeformt sind. Wie oben schon erwähnt, gibt es ein Drehbuch aus dem Science Fiction Comedy Bereich. Und kein Geheimnis ist, dass es ein fertiges Drehbuch zu einer Fortsetzung von „Toxic Lullaby“ gibt. Ich schreibe grade an einer Found Footage Geschichte, die nur über eine Webcam erzählt wird, und an einem Projekt, das fest in der Nordhessischen Region angesiedelt ist, wo es im weitesten Sinne um Hexen geht.
Was, oder ob überhaupt etwas davon ein potentielles Projekt werden wird, ist natürlich ungewiss. Ich hoffe, ich kann dies Jahr noch in eine Vorproduktionsphase gehen … ich bin selbst gespannt welches Projekt es werden wird.

9. Wie siehst Du die Zukunft des deutschen Films?

Ich glaube, dass sich da in Zukunft einiges tun wird. Durch mein Festival „Der phantastische Trashfilm“ (tff.spontitotalfilm.com) sehe ich die Werke vieler Filmemacher. Da bei dem Festival der Focus auf „phantastischer Film“ liegt, laufen da nicht nur „schlechte“ Filme. Ganz im Gegenteil: Die Digitaltechnik erlaubt talentierten Filmemachern ihr Potenzial zu zeigen, ohne das sie große Produzenten im Rücken haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es einige gibt, von denen wir in Zukunft mehr sehen werden. Dazu kommt, dass Filmemacher ihre Filme online On Demand, abseits der großen Anbieter, verkaufen oder verleihen können. Da geht das Geld direkt an die Filmemacher und nicht an Labels und Studios (meine letzte Produktion „Damned On Earth“ kann man zum Beispiel hier finden https://vimeo.com/ondemand/damnedonearth).
Natürlich werden die großen Studios gegensteuern und weiterhin versuchen, den Markt mit ihren Produkten zu steuern. Aber früher oder später werden die Konsumenten Lust auf neue Ideen und Produktionen bekommen. Und dann kommt die Stunde der Indifilmer

10. Verrätst Du uns Deinen größten beruflichen Wunsch / Traum?

Mein Wunsch ist das der Low- und Nobudget Filmbereich mehr Beachtung findet. Allein schon die Tatsache, dass ein Film nicht auf einer Scheibe veröffentlicht wird und nur online angeboten, macht ihn für 90% der Onlineportale, Magazine und Blogs so uninteressant, dass der Film nicht einmal eine Erwähnung erfährt. Deshalb, man möge mir es verzeihen, habe ich die Links zu meinen Filmen on Demand direkt in das Interview eingebaut. Ich musste die bittere Erfahrung machen, dass kaum auf die Veröffentlichungen meiner Filme on Demand reagiert wurde. Bei den VÖ`s über DVD sah das noch ganz anders aus. Und da liegt die bittere Ironie des Ganzen. An den DVD´s verdienen meist andere.

11. Die fünf wichtigsten Dinge in Deinem Leben sind …?

Meine Familie
Freiheit
Musik
Film
Trash

Film-Besprechungen bedankt sich bei Dir für die interessanten Antworten und wünscht, dass sich all Deine Träume erfüllen. Viel Erfolg bei den nächsten Projekten.

© 2015 Ralf Kemper / Wolfgang Brunner

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