Interview mit dem Schauspieler Jerry Kwarteng

Jerry3d© Paul Partyzimmer

Jerry Kwarteng wurde 1976 in Hamburg geboren und ist dort auch aufgewachsen. Er lebte in den USA, verbrachte über 5 Jahre in Barcelona und kehrte dann wieder in seine Heimat Deutschland zurück.

Jerry Kwarteng ist Schauspieler und lebt heute in Berlin.

Film-Besprechungen freut sich, dem sympathischen Norddeutschen ein paar Fragen stellen zu dürfen.

1. Du hast ja mittlerweile in einigen Filmen mitgespielt. Ist die Schauspielerei noch immer die Erfüllung eines Traumes oder ist die Arbeit mittlerweile zur Routine geworden?

Die Schauspielerei ist für mich auf jeden Fall mein Traum. Sogar mehr als ein Traum, denn sie ist eher meine Leidenschaft. Meines Erachtens muss Schauspielen auch Leidenschaft sein, denn die Branche ist zu hart und schwierig, als dass man einfach durchhält und versucht, darin zu bestehen, wenn man keine Leidenschaft gegenüber seinem Beruf hat. Es gibt nur sehr wenige Kollegen, die wirklich von Ihrem Beruf leben können. Wenn die Motivation für diesen Job nicht Leidenschaft ist, dann wird man wohl kaum bestehen. Daher muss man immer am Ball bleiben, so dass Routine in der Art eigentlich nicht aufkommen kann.

2. An der Frage nach Vorbildern komme ich nicht vorbei. Es interessiert mich einfach zu sehr. Also, welche Idole hast Du?

Die gute Frage nach den Vorbildern. Ich muss gestehen: Ich habe tatsächlich keine direkten Vorbilder, aber Menschen, die mich inspirieren. Ich bewundere sehr die Arbeit von Idris Elba, Sidney Portier, Denzel Washington, Terrence Howard und Viola Davis. Ich bin aber nicht nur durch Ihre Arbeit beeindruckt, sondern auch von Ihrem Einsatz in unserer Branche, dieselben Chancen im Filmbereich für schwarze Schauspieler zu schaffen, wie sie für weiße existieren. Ich finde den Einsatz vor der Kamera genauso wichtig, wie hinter der Kamera. Denn bedauerlicherweise sieht man in Deutschland noch zu wenig Schwarze in „normalen“ Rollen. Ich finde es sehr wichtig, dass man uns schwarze Deutsche auch als solche in der TV-Landschaft sieht.

3. Gut oder böse? Welche Charakterdarstellung liegt Dir mehr? Was fordert Dich mehr heraus?

Jede Rolle hat Ihre Herausforderung. Ich gehe an meine Rollenvorbereitung nicht auf eine Weise heran, dass ich sage, diese Person ist böse oder gut. Wann immer man eine Figur zum Leben erwecken möchte, muss man einen Zugang zu dieser Rolle finden, die es einem dann möglich macht, die Rolle ehrlich zu spielen. Ich finde es spannend, eine Figur zu spielen, die für Ihre Handlungen Gründe und Rechtfertigungen findet. Ich glaube nicht, dass Menschen von vorneherein gut oder böse sind. Es sind ja die Handlungen der Person, die für uns gut oder böse sind. Es gibt Kausalketten und Entscheidungen dieses fiktiven Charakters, die diesen an den Punkt seines Lebens bringen. Und wir schauen einen bestimmten Moment dem Leben dieser Person zu. Genau das in der Figur zu entdecken, darin liegt für mich das Spannende bei jeder Rolle. 

4. Gibt es Rollen, die Du auf keinen Fall annehmen würdest?

Hmm. Man ist ja nicht immer in der Situation, dass man es sich leisten kann, Rollen abzulehnen. Mittlerweile muss die Rolle aber auch tatsächlich etwas zu erzählen haben. Damit meine ich nicht, dass die Rolle viel Text haben muss, sondern dass diese Person auch eine Entwicklung durchmacht. Dann achte ich darauf, dass ich nicht dieselben Rollen öfter spiele. Ich versuche bei den Angeboten, die ich erhalte, genau jene herauszufiltern, die ein gewisses Kribbeln bei mir verursachen. Ist mein Interesse geweckt, besitzt die Rolle dann auch was, was ich erzählen möchte. Die einzigen Rollen, die ich tatsächlich sofort ablehne würde, wären Rollen, die Schwarze wie vor Jahrzehnten im TV darstellten, nämlich als einfältige, Vodoo-praktizierende Wilde.  So etwas bräuchte man mir nicht anbieten.

5. Mit welcher Hauptrolle würde sich Dein größter Wunsch erfüllen?

Ich hätte tatsächlich ein großes Interesse in einer Action-Serie mitzuwirken. Ich mag Serien wie „Luther“, „24“ oder „Hustle“.  Aber auch Filme, in der Figuren zusammenhalten, egal auf welcher Seite des Gesetzes sie nun gerade stehen. Wie bei den Filmen „Takers“ oder „Fast and Furious“. Die Hauptrolle in so einem Action-Konzept zu sein, das wäre schon fantastisch. Allerdings wäre es auch ein Kinderwunsch von mir, einmal in einem Star Wars Film mitzuspielen. Genauso würde ich bei einer kleinen Rolle in „Game of Thrones“ total ausrasten.

6. Welche Filme sieht Jerry Kwarteng privat?

Ich bin ein absoluter Filmfreak. Ich schaue aber nicht nur Filme und Serien, weil ich sie gut finde, sondern schaue mir auch an, wie die Macher das Projekt umgesetzt haben. Von den Dialogen bis hin zur Kamera. Im Moment schaue ich mehr Serien. Ich habe mir zu diesem Zweck Netflix und Amazon Prime besorgt und schaue im Moment „Daredevil“, „Penny Dreadful“, „House of Cards“ und „Better call Saul“. Das sind ganz fantastische Serien, die mit sehr viel Liebe entwickelt wurden.

Ich schaue wirklich querbeet durch die Genres und finde überall wirklich tolle Arbeiten. Und es ist nicht so, dass ich nur amerikanische Produktion schaue. Es gibt nämlich auch tolle deutsche Produktionen, die ich sehr genossen habe. Wie „Weinberg“ und“Deutschland 83″. Sehr gerne schaue ich „Letze Spur Berlin“. Ich mag Geschichten mit einem Twist.

7. Könntest Du Dir vorstellen, auch einmal auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen? Welche Projekte würden uns erwarten?

Hui. Ich bin nicht sicher, ob das für mich in den Sternen steht. Allerdings entwickle ich gerne Ideen für Geschichten. Mir fehlen in unserer TV-Landschaft oft Geschichten, die unsere Vielfalt in Deutschland zeigen. Wenn ich durch Hamburg, Berlin oder Köln laufe, sehe ich so viele, unterschiedliche Menschen. Die haben doch alle Geschichten, die uns interessieren könnten. Oft finde ich diese besondere Vielfalt aber nicht in unseren Filmen und TV-Produktionen wieder. Ich finde das sehr schade, denn man limitiert sich von vorneherein darauf, gewisse Geschichten nicht zum Leben zu erwecken. Teil an den Erlebnissen unterschiedlicher Charaktere zu haben, ist doch spannend und dazu gehört auch die Vielfalt unserer Gesellschaft. Das ist doch, was Film ausmacht. Der Besuch bei Menschen in einem ihrer Momente und wir fühlen uns dadurch mit Ihnen verbunden, in dem wir an deren Erlebnissen teilhaben. Das erweitert auch unseren Horizont. Und genau solche Geschichten reizen mich. Da ich Action sehr gerne mag, gäbe es da wohl auch immer eine ordentliche Portion davon, wenn ich doch mal in einem Regiestuhl Platz nehmen würde … 🙂

8. Die Kinos werden immer mehr von computergenerierten Effekte-Orgien überschwemmt. Wie siehst Du die Zukunft des „künstlerischen, echten“ Films?

Ich finde Effekte bis zu einem gewissen Grad unglaublich beeindruckend. Wie sie bei „Star Wars“ oder den Marvel- Filmen zum Einsatz kommen, ist ganz fantastisch. Allerdings auch nur in solchen Filmen machen diese für mich auch Sinn. Hat aber die ganze Geschichte keinen Sinn, sind auch die tollen Effekte kein Grund für mich, ins Kino zu gehen. Sehr enttäuscht war ich beispielsweise bei der Trilogie von „Der Hobbit“. Dort haben mich die Effekte und Kameratechnik sogar sehr gestört und die Stimmung kaputt gemacht. Wie toll man Effekte erleben, kann ist beispielsweise bei den Filmen der Matrix-Reihe. Ich empfand den ersten unglaublich bezüglich Stimmung und Story. Die beiden anderen waren in der Story zwar immer noch total super, aber die Stimmung war durch diese ganzen Effekte für mich einfach weg. Ich finde wichtig, dass die staatlichen Institutionen darauf achten, dass die Genres nicht aussterben. Die kleinen Boutique Filme haben Ihren besonderen Charme, der Thriller lebt von der Story und nicht von Effekten, die klassische Komödie kommt auch ohne Effekte aus und das sind auch die Filme, die immer noch den Zuschauer erreichen. Also ich glaube nicht, dass der effektbehaftete Film irgendwann den „echten“ Film ablösen wird. Dafür ist das Bedürfnis des Zuschauers, von einer Geschichte berührt zu werden, zu groß.

9. Wäre Theater eine Alternative zur Filmschauspielerei für Dich?

Ich muss gestehen, dass ich als Jugendlicher sehr gerne Theater gespielt habe. Ich bin allerdings ein Filmschauspieler. Was jetzt nicht bedeutet, dass ein Ausflug ins Theater nun nicht mehr stattfinden wird. Aber in diese Richtung treibe ich meine Karriere nicht.

10. Wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiß ja nicht einmal, wo ich nächsten Monat sein werde. Ich plane nicht so weit voraus. Ich schaue auch nicht so weit in die Zukunft, denn das würde mich hemmen. Ich versuche grundsätzlich, eine Person zu sein, auf die ich stolz sein kann. Eine Person, die für seine Familie da ist, Freunde unterstützt, offen und ehrlich zu seinen Mitmenschen ist. Ich bin ein Mensch, der neuen Möglichkeiten generell zugeneigt ist und ich bin jemand, der hoffentlich in 10 Jahren auch noch seinen Job machen darf.

Ich würde mich freuen, wenn ich in meinen Job weiter international und an interessanten Projekten arbeiten darf. Das darf gerne auch schon vorher passieren.

11. Was sind die fünf wichtigsten Dinge in Deinem Leben?

Das ist schnell beantwortet: meine Familie, Gesundheit, meine Freunde, die Freiheit zu tun, was ich möchte und meine Leidenschaft für meinen Job. Genau in der Reihenfolge…

Film-Besprechungen bedankt sich ganz herzlich für das nette Interview und wünscht Dir alles erdenklich gute für Deine private und berufliche Zukunft.

© 2016 Jerry Kwarteng / Wolfgang Brunner

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