Kirsten, Sven (Kameramann)

Sven's weathered face
© Sven Kirsten

Sven Kirsten wurde 1955 in Hamburg als Sohn eines der Mitbegründer des Plattenlabels Europa geboren. Nach dem Filmstudium in Berlin und zwei Jahren als Kameraassistent wanderte er 1981 nach Los Angeles aus, wo er noch heute lebt.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Kameramann verfasste Kirsten drei Bücher über den Tiki-Stil. Durch seine Pionierarbeit bei der Wiederentdeckung dieser Stilform aus den 50er und 60er Jahren wurde er hauptsächlich in den USA bekannt. Derzeit findet noch bis 28. September 2014 in Paris eine Ausstellung im Museum des Quai Branly über die Tiki-Pop-Kultur statt.
Ich freue mich, dem Kameramann und Kunstbuchautor ein paar Fragen stellen zu dürfen:

 

1. Welcher Film, bei dem Du Kamera geführt hast, war der schwierigste für Dich?

Ich würde sagen: “Doppelgaenger”, mit der jungen Drew Barrymore. Das war mein zweiter Spielfilm, nach “Mistress” mit Robert De Niro. Der war auch relativ “Low Budget”, aber ich war mehr gestresst, weil der Regisseur so ein Arsch war.  Sogar Drew wollte nicht mehr aus ihrem Wohnwagen rauskommen am Ende. Ich bin sehr geduldig und kann Stress gut wegstecken, aber irgendwann hatte ich die Nase voll von den Leuten in der Hollywood Low Budget Szene, die alle dachten, sie wären der nächste Spielberg, und habe lieber RTL Movies gedreht, wo ich mit Respekt behandelt wurde UND wusste, dass das Geld auf der Bank war.

2. Welche Kameramänner / -frauen würdest Du zu Deinen Vorbildern zählen?

Hmmm…die Klassiker wie James Wong Howe und Gabriel Figueroa. Im “New Hollywood”: Caleb Deshanel und dann John Seale …und einige der Kameraleute, für die ich als Gaffer gearbeitet habe: Bill Pope und Robert Elswitt zum Beispiel.

3. Was waren deine prägenden Erfahrungen?

Ich hatte das Glück, Anfang der 80er aus dem AFI (American Film Institute) rauszukommen, als es in LA so richtig mit den Musikvideos losging. Ich war erst Beleuchter, dann Best Boy und dann Gaffer, und habe bestimmt über 100 Music Clips mitgemacht. Das Gute war, dass jeder einen eigenen Look haben musste, sonst war’s langweilig – man war praktisch gezwungen, zu experementieren. Das war die beste Filmschule überhaupt. Ich habe mit so vielen verschiedenen Kameraleuten gearbeitet, jeder mit einem anderen Stil, wie mit Derek Wolski zum Beispiel, und mit Regisseuren wie David Fincher.

4. Deine Kameraarbeit bei Robert Sigls „School’s Out“-Filmen erinnerte an Hitchcocks Kameramann Robert Burks, besonders im zweiten Teil. Welche Filme inspirieren Dich bei Deiner Arbeit?

Ich bin ein Freund des “Eye Candy”, des “Augenschmauses”, und versuche Bilder zu machen und den Leute zu zeigen, die man sich einfach gerne anschaut. Das ist dann oft eine Einfachheit, ohne Schnörkel und viel Rock’n’Roll.  Bei den „School’s Out“- Filmen hatte ich viel Spass, weil Robert Sigl so ein visueller Regisseur ist , da konnte ich auf meine extremere Musikvideo-Erfahrung zurückgreifen. Robert ist ein echter Cineast, der sein Genre kennt und liebt: er sollte Kinofilme machen! Ein Kameramann kann mit so einem visuellen Regisseur noch bessere Arbeit machen.

5. Welche Filme sieht Sven Kirsten privat?

Oh … Da erfülle ich das Männer-Klischee: Ich gehe gern mit meinem Sohn ins Kino und gucke Action-Filme, sogar so Sachen wie Marvel-Verfilmungen. Ich hatte schon als Teenager in Hamburg Marvel-Comics gesammelt, da gab’s die aber nur in Schwarz-Weiss, aber dadurch kam der graphische Stil von Jack Kirby und dem Silver Surfer bedeutend besser raus.  Neulich habe ich mir mal wieder ein paar 60er Jahre Samurai Filme ausgeliehen: eins meiner Lieblings-Genres. Was für Kompositionen das sind! Und das in Schwarz/Weiss Cinemascope!

6. Neben Deinem Beruf als Kameramann schreibst Du auch Sachbücher über die Tiki-Pop-Kultur. Du giltst als Pionier bei der Wiederentdeckung dieser exotischen Modewelle. Wie kam es dazu?

Ich beschreibe mich als “visuellen Junkie”, das heisst, ich brauche einen steten Fluss von Bildern, die mich inspirieren. Als ich die ersten Photos von diesen spiessigen Amerikanern neben diesen absurden Götzenbildern fand, war es Liebe auf den ersten Blick. Ich habe dann nach mehr Material gesucht und festgestellt, dass das alles irgendwie verschwunden war, und nie vorher beschrieben wurde. Das hat meine Sammelleidenschaft entfacht und irgendwann war ich dann der Spezialist für Tiki und musste ein Buch darüber machen. Das entfachte dann dieses ganze Revival und ich hatte ein Hobby gefunden.

7. Was macht Sven Kirsten in seiner Freizeit, sofern vorhanden?

Siehe oben: Die Tiki-Szene in LA ist gross und reicht von Kunst bis hin zu Cocktails. Es gibt hier mehrere Tiki Bars und immer wieder Events wie zum Beispiel das Tiki Oasis Festival in San Diego nächstes Wochenende. Ich mache gerne “urbane Archäologie” und suche nach Spuren der Tiki Kultur in den Vororten und vergessenen Plätzen von LA und Amerika. Am besten ist es, wenn ich beide Passionen miteinander verbinden kann, wie zum Beispiel dieses Frühjahr: Da habe ich einen TV-Film in Lissabon gedreht und  auch zwei 70er Jahre Tiki Bars entdeckt und fotografiert.

8. Was war ausschlaggebend für Dich, Kameramann zu werden?

Ich wollte eigentlich Künstler werden und habe mich zuerst für Grafik interessiert. Dann habe ich aber früh erkannt. dass ich als introvertierter Norddeutscher mein Künstlerdasein zu leicht in einem Elfenbeinturm verbringen könnte und dass ich raus und mit Menschen zu tun haben müsste. Ich lebte gerade in Berlin und bin immer ins Arsenal Kino gegangen, wo ich komplette Retrospektiven von Genres und Regisseuren geguckt habe. Da erschien mir das Teamwork in einem Filmteam als guter Weg, um aus mir raus zu kommen.

9. Welche Tipps würdest Du jungen Menschen mit auf den Weg geben, wenn Sie Deinen Beruf als Kameramann anstreben?

  1. Eine gute Filmschule ist immer ein guter Weg, um Leute kennen zu lernen, die sich später mit Jobs helfen. Als ich nach LA kam, kannte ich niemanden im Business, aber nach dem AFI (American Film Institute) haben wir uns aus der Kameraklasse gegenseitig angeheuert und so kam man dann rein ins Gewerbe.
  1. Versuche dich schon auf der Filmschule, oder gleich danach, mit einem guten Regisseur zu liieren.  Am richtigen Ort zur richtigen Zeit heisst das Glückspiel, so wie das Robert Richardson mit Oliver Stone oder Ballhaus mit Fassbinder gut getroffen hat. Ich arbeite für das Fernsehen, habe jetzt aber schon seit 10 Jahren den gleichen Regisseur und kann auf über 25 Jahre kontinuierliche Arbeit als freier Kameramann zurückschauen – das können nicht so viele aus meiner AFI Klasse sagen.
  1. Lerne Licht setzen und arbeite als Gaffer (O.B.) Nur wenn du selber die Lampe hinstellst, weisst du auch,  was sie tut. Ich habe mich auch immer hinterher ins Telecine (heute: Grading) gesetzt, um das Resultat zu sehen. Ich habe natürlich auf Film gelernt und immer das ganze Licht mit meinem Spectra gemessen. Heute ist das alles viel einfacher: You see, what you get. Aber die Fähigkeit, schnell und sparsam ein Set so auszuleuchten, dass es wie ein Hollywoodfilm aussieht, ist ein begehrtes Talent.

10. Was sind die fünf wichtigsten Dinge in Deinem Leben?

  1. Eye candy wie Kunst, Architektur und Design.
  2. Meine Frunde und meine Familie: Meine Frau Naomi, mein Sohn Diego, und meine Freunde in LA.
  3. Mein Heim in Silverlake, das mittlerweile ein kleines Tiki Museum ist und einen Blick auf den Silverlake hat, wo jeden Abend die Sonne hinter den Hügeln untergeht. Man glaubt, man ist irgendwo in Italien und nicht 10 Minuten von Downtown LA entfernt.
  4. Mein Job als Kameramann: Ich komme viel  herum und sehe viel Neues und treffe nette Leute.
  5. Mein Hobby als Tiki Archäologe lässt mich den Stress in der Filmproduktion ausgleichen.

Ich bedanke mich ganz herzlich, dass Du Dir für die Beantwortung meiner Fragen Zeit genommen und so informative, interessante Antworten gegeben hast. Ich wünsche Dir alles Gute für Deine Arbeit als Kameramann und Deine Karriere als Buchautor.

Wer sich für Sven Kirstens Tiki-Bücher interessiert, sollte sich den Trailer für die Pariser Ausstellung ansehen:

 

© 2014 Sven Kirsten / Wolfgang Brunner

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s