The House At The End Of Time (2013)

TheHouseAtTheEndOfTime

Originaltitel: La casa del fin de los tiempos
Buch und Regie: Alejandro Hidalgo
Kamera: Cezary Jaworski
Musik: Yoncarlos Medina
Laufzeit: 101 Minuten
Darsteller: Ruddy Rodríguez, Rosmel Bustamante, Gonzalo Cubero,
Guillermo García, Héctor Mercado
Genre: Horror
Herstellungsland: Venezuela
FSK: ab 16 Jahren

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Eines Nachts verschwindet Dulces Sohn spurlos und ihr Mann wird brutal ermordet aufgefunden. Weil auf der Tatwaffe ihre Fingerabdrücke gefunden werden, wird Dulce zu lebenslanger Haft verurteilt. 30 Jahre später wird sie aus dem Gefängnis entlassen und in ihr altes Haus zurückgebracht, wo sie, unter Beobachtung gestellt, über die Vorfälle von damals nachdenkt. Doch Dulce ist nicht allein, denn die Geister ihrer Vergangenheit sind ebenfalls noch in dem Haus. Zusammen mit einem Priester will Dulce das Rätsel ergründen, durch das sie ihren Sohn und Mann vor 30 Jahren verloren hat.

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„Das Haus am Ende der Zeit“ ist das Debüt eines jungen, venezuelanischen Filmemachers namens Alejandro Hidalgo. Diesen Namen sollte man sich unbedingt merken, denn was er mit seinem Erstling abgeliefert hat, ist eine filmische Wucht sondergleichen. Man könnte fast meinen, dass der visionäre Christopher Nolan (u.a. „The Dark Knight“-Trilogie, „Inception“ und „Interstellar“) einen Horrorfilm gedreht hat. Es ist unglaublich, mit welcher Raffinesse hier ein Plot kreiert wurde, der zum Ende hin mit einem wahren Feuerwerk an A-ha-Effekten und emotionalen Achterbahnfahrten aufgelöst wird. Klar werden jetzt wieder die ewigen Nörgler daher kommen und über die vermeintlichen Logiklöcher der wirren Handlung diskutieren, aber keiner von ihnen kann mir die Genialität dieses emotionalen Meisterwerks absprechen. „The House At The End Of Time“ ist bestes Kino: gefühlvoll, spannend, unheimlich, visionär und atemberaubend beeindruckend. Selten habe ich so eine atmosphärisch stimmige Mixtur aus Old School-Grusel, intelligenter Handlung und tollen Schauspielern gesehen.

Hidalgo hat ein inszenatorisches Gespür wie ein Profi. Wie er die Handlungen im Verlaufe des Films verwebt ist ein wahrer Geniestreich, der den Zuschauer schlichtweg verblüfft und ihm den Atem raubt. An einer Stelle habe ich mich sogar selbst dabei erwischt, wie ich vollkommen sprachlos den Kopf schüttelte, als ich die Zusammenhänge erkannte. Ich kann meine Begeisterung schwer unterdrücken, denn noch immer geistern die Überschneidungen der Szenen aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch meine Gedanken. Man muss sich auf den Film einlassen, das ist keine Frage, um die komplexe Struktur zu durchschauen. Mainstream-Publikum wird dabei Schwierigkeiten haben, denn eine geradlinige Erzählweise, der man ohne viel nachzudenken folgen kann, fehlt. Der Zuseher, der sich in den Zeitwirbel fallen lässt, wird mit einem wahren Wunder belohnt, das sich ins Gedächtnis frisst, wie es schon lange kein Horrorfilm mehr geschafft hat.

Hidalgo spielt mit einer Leichtigkeit mit Raum und Zeit, als wäre absolut nichts daran kompliziert. Und genau das ist es, was mich immer wieder an Nolan denken lässt: komplizierte Dinge auf völlig unkomplizierte Art darzustellen beziehungsweise darstellen zu können. Schauspielerisch bewegt sich der Film auf absolut hohem Niveau und kann sich getrost mit weitaus bekannteren Streifen messen. Ich möchte mich sogar insoweit ein wenig nach vorne beugen, in dem ich „The House At The End Of Time“ sogar einen bedeutend höheren Status zuspreche, als es thematisch ähnliche Großproduktionen wie zum Beispiel „The Others“ oder „The Sixth Sense“. Hidalgos Debüt ist ein Juwel unter der Masse an Horrorfilmen, und wenn man zu der überaus gekonnten Inszenierung, dem mehr als genialen Plot und den durchwegs fähigen Schauspielern noch das relativ geringe Budget berücksichtigt, so kann man diesen Film ohne Einschränkungen als „absolutes Meisterwerk“ bezeichnen.
Wer blutige Effekte und / oder Mainstreamkino erwartet, sollte die Finger davon lassen. Leider suggeriert das Plakat einen Film im Stil von „Insidious“ oder anderen Haunted House-Filmen, was in diesem Falle aber nicht zutrifft und in die Irre führt. Wer einem künstlerisch ambitionierten Film mit einem feinfühligen, gefühlvollen Plot offen ist, wird mit einem unglaublich beeindruckenden Ergebnis belohnt. So, dann mache ich mal Schluss und sehe mir „The House At The End Of Time“ gleich nochmal an. 😉
Und, wie nicht anders zu erwarten, plant Hollywood schon ein Remake dieses Ausnahmefilms und versucht, wie so oft, die Lorbeeren, die eigentlich dem ursprünglichen Macher zustünden, in Form einer (wahrscheinlich wieder einmal)  seelenlosen Neuverfilmung für sich einzuheimsen.

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Fazit: Visionär, spannend, gruselig, emotional … Mir fehlen einfach die Worte für diese geniale Achterbahnfahrt.

© 2017  Wolfgang Brunner

Doctor Strange (2016)

Originaltitel: Doctor Strange
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: Jon Spaihts, Scott Derrickson, C. Robert Cargill
Kamera: Ben Davis
Musik: Michael Giacchino
Laufzeit: 115 Minuten
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Tilda Swinton, Chiwetel Ejiofor, Mads Mikkelsen, Rachel McAdams, Benedict Wong, Michael Stuhlbarg, Benjamin Bratt, Scott Adkins
Genre: Abenteuer, Science Fiction
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Nach einem schlimmen Autounfall verliert der Neurochirurg Dr. Strange fast beide Hände. Nicht nur sein Ehrgeiz, sondern auch das Verlangen, seinen Beruf weiter auszuführen, führen ihn nach Tibet, wo er eine alternative Heilungsmethode sucht. Eine geheimnisvolle Frau lehrt ihn, dass es nicht nur die eine Wirklichkeit gibt, in der die Menschheit lebt, sondern noch andere Realitäten existieren. Dr. Strange lernt schnell und findet sich bald in einem schrecklichen Kampf zwischen verschiedenen Dimensionen …

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Wer andere Rezensionen von mir schon gelesen hat, weiß, dass ich Comicverfilmungen zwar ansehe (und teilweise auch mag), aber eher abgeneigt bin, wenn das meiste vom Film nur noch CGI-Effekte ausmacht. Demzufolge ging ich mit keinen besonders großen Erwartungen an „Doctor Strange“ heran. Und so kam es, dass mich diese Marvel-Comic-Adaption fast vom Hocker katapultierte. 🙂
Interessanterweise spielen aber genau in diesem Film, der mich so begeistert hat, genau jene Effekte eine Rolle, die ich in der Regel bei jedem derartigen Film verdamme, sogar eine sehr große Rolle, wenn nicht sogar die Hauptrolle. Ein Widerspruch? Eindeutig, das gebe ich zu. Aber hier geht es um einen der wenigen Ausnahmefilme, bei denen die Effekte die echte Geschichten hinter dem Plot so grandios unterstützen, dass einem die Luft wegbleibt. Sicherlich bekommt man auch bei „Doctor Strange“ die comictypischen Zutaten serviert, aber zugleich auch eine auf esoterischer Ebene verpackte Handlung, die zum Nachdenken anregt und einen auch noch nach dem Film beschäftigt.

Regisseur Scott Derrickson reiht sich mit seiner atemberaubenden Comicadaption fast schon in die Reihen visionärer Regisseure wie Christopher Nolan oder auch Jonathan Glazer. Sicherlich sind die Filme der Regisseure nicht miteinander zu vergleichen, aber eines haben sie alle gemeinsam, nämlich bisher Ungesehenes auf visionäre, atemberaubende Art auf der Leinwand zu zeigen.
Dr. Stephen Strange ist zudem ein Superheld, der sich von den anderen Superhelden aus dem Marvel-Universum unterscheidet. Er besitzt geistige Macht, setzt sein Gehirn als Waffe ein und zeigt sich als Herrscher über Raum und Zeit. Ein Thema, das eines Christopher Nolan würdig wäre, aber von Scott Derrickson gleichermaßen souverän und bildgewaltig inszeniert wurde. Visuell enorm beeindruckend und mit einer brachialen, dennoch Ohrwurm-tauglichen Filmmusik von Michael Giacchino untermalt, setzt „Doctor Strange“ die Meßlatte für künftige (Comic-)Verfilmungen mit Grips extrem hoch. Man wird süchtig nach den Aufnahmen, die entfernt an „Inception“ von Christopher Nolan  und „Die Reise ins Labyrinth“ von Jim Henson und dennoch irgendwie ein ganz eigenes Universum öffnen. Gerade die Verfolgungs- und Kampfsequenz am Ende des Films wirkte wegweisend auf mich wie seinerzeit die „Matrix“-Filme.

Für mich eher weniger ein Marvel-Film, sondern eher eine spannende Interpretation möglicher Paralleluniversen. Die Comicvorlage kenne ich nicht, wie auch die aller anderen Marvel und DC-Verfilmungen, und kann daher nur den Film beurteilen. Und der ist einfach nur grandios!

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Fazit: Noch nie gesehene visuelle, esoterische Achterbahnfahrt in Paralleluniversen. Ausnahmefilm in Sachen nervige CGI-Effektorgien, denn hier passen die Effekte.

© 2017 Wolfgang Brunner

Der Mieter (1927)

lodger

Originaltitel: The Lodger
Alternativtitel: The Lodger – A Story Of The London Fog / The Case Of Jonathan Drew
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch:  Eliot Stannard
Kamera: Baron Ventimiglia
Musik: –
Laufzeit: 70 Minuten
Darsteller: Marie Ault, Arthur Chesney, June Tripp, Malcolm Keen, Ivor Novello
Genre: Thriller
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 12 Jahren

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Bereits sieben Frauen wurden in London ermordet aufgefunden. Oft wurde ein seltsamer Mann beobachtet, der die untere Hälfte seines Gesichts mit einem Schal versteckt. Eines Tages erscheint bei Daisys Eltern ein Mann, auf den genau diese Beschreibung passt, und der darum bittet, ein Zimmer mieten zu dürfen.
Obwohl Daisys Eltern weiterhin den Verdacht hegen, dass der Unbekannte der Mörder sein könnte, freundet sich ihre Tochter mit ihm an. Und dann geschieht ein weiterer Mord …

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Hitchcocks „Der Mieter“ ist ein wahnsinnig ausdrucksstarker Stummfilm, der eine bedrohliche Atmosphäre sondergleichen schafft. Da erkennt man schon in fast jeder Einstellung den Meisterregisseur, der er eines Tages sein würde. Die Kameraeinstellungen, die fast schon visionäre Bildersprache, ist außergewöhnlich und zeigt, dass Hitchcock seiner Zeit voraus war. Auch wenn sich Hitchcock einige Ideen anderer Stummfilme zunutze macht, schafft er jedoch auch mit diesem, einem seiner ersten Filme, einen eigenen Stil, der wegweisend für seine Zukunft ist.

Das Spiel mit Hell und Dunkel wird hier geschickt angewendet und lässt den Zuschauer nicht mehr aus einem hypnotischen Sog los. Auch wenn der Film fast 90 Jahre auf dem Buckel hat, konnte er mich noch immer absolut begeistern. Es ist schon erstaunlich, wie einen in der heutigen Zeit noch ein Stummfilm derart in seinen Bann ziehen kann. Hitchocks „Der Mieter“ tut das.
Die Bildkompositionen sind unglaublich intensiv und auch hier werden Kameraeinstellungen benutzt, die damals nicht an der Tagesordnung waren. Hitchcock ging von Anfang an seinen eigenen Weg.
Es ist unübersehbar, dass hier die Geschichte von Jack The Ripper zugrunde liegt. Aber der Plot führt den Zuseher an der Nase herum, kann mit überraschenden Wendungen aufwarten, mit denen man nicht rechnet. Das macht Spaß und kommt zu der hervorragenden Inszenierung noch hinzu.

„Der Mieter“ ist für mich der erste „echte“ Hitchcock. Er ist jene Art von Film, die den Weltruhm des Regisseurs eingeleitet haben, denn bereits hier sieht man seine Experimentierfreudigkeit, die zur damaligen Zeit kein anderer Regisseur zeigte. Der Spannungsbogen ist in diesem Film sehr geradlinig gezogen und führt zu einem dramatischen Finale, wie es besser nicht sein könnte.
In diesem Stummfilm-Kleinod ist alles drin, was ein Film braucht: Spannung, Atmosphäre, ein wenig Grusel, Mord und jede Menge Gefühle. Hitchocks Thriller vom Anfang seiner Karriere zeigt das große Potential, das in dem damals 28-Jährigen steckte.

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Fazit: Mit unglaublicher Atmosphäre und einem stetig steigenden Spannungsbogen zeigt Alfred Hitchcock in einem seiner frühen Filme einen Kriminalfall, der den Zuschauer, obwohl es „nur“ ein Stummfilm ist, vollkommen in seinen Bann zieht.

© 2015 Wolfgang Brunner

Twixt (2011)

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Originaltitel: Twixt
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Francis Ford Coppola
Kamera: Mihai Malaimare Junior
Musik: Dan Deacon, Osvaldo Golijov
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Val Kilmer, Bruce Dern, Elle Fanning, Joanne Whalley, Ben Chaplin, Don Novello, David Paymer, Alden Ehrenreich
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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Hall Baltimore schreibt Hexenromane. Als er in einer kleinen Stadt eine Lesung abhält, lernt er den dortigen Sheriff kennen, der ihm von einem Massenmord in der Vergangenheit erzählt. Neugierig geworden, macht sich Baltimore auf die Spurensuche und recherchiert.
Noch in der gleichen Nacht träumt er von einem der ermordeten Mädchen und trifft auf den Geist von Edgar Allan Poe. In seinen Träumen erfindet Baltimore eine Vampirgeschichte, von  der er bald nicht mehr weiß, ob sie wirklich nur erfunden oder sogar wahr ist.

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Val Kilmer ist etwas dick geworden und seine Gesichtszüge erinnern oftmals an Jeff Bridges in „König der Fischer“. Das aber nur am Rande, denn Kilmer spielt seine Rolle wirklich gut.
Coppolas Spätwerk ist eine Mischung aus atmosphärischen Horrorfilm und intelligentem Thriller. Die Stimmung und die wunderbaren Bilder erinnern an alte Horrorfilme und verbreiten eine gruselige Atmosphäre, wie man sie schon lange nicht mehr in derartigen Filmen gesehen hat.
Die Gothic-Elemente haben mich manchmal an „The Lost Boys“ erinnert, aber „Twixt“ kann man mit diesem Film dennoch nicht vergleichen.
Der in die Jahre gekommene Bruce Dern als Sheriff hat mich, wie Val Kilmer, vollkommen überzeugt. Überhaupt kann man an den Schauspielern absolut nichts bemängeln.

Die Handlung ist nicht unbedingt der große Wurf, aber alleine die Inszenierung ist es wert, sich diesen Gothic-Horror-Thriller anzusehen. Da wird mit dunklen, farblosen Kulissen gespielt, in die sich (wie einst bei „Pleasantville“) farbige Tuper einschleichen. Visuell ist der Film eine wahre Freude und ein kleines Kunstwerk.
Es gibt eine Szene, in der Val Kilmer als Schriftsteller verzweifelt versucht, den Anfang eines Romans zu schreiben. Ich habe mich selten so amüsiert, denn (ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen) manchmal ist es wirklich nicht leicht, den Einstieg in eine Geschichte zu finden. Das wurde hier wirklich sehr treffsicher und lustig dargestellt.

Auf der Blu Ray gibt es eine Version des Films, in der gegen Ende des Films zwei kurze Szenen in 3D gezeigt werden. Obwohl es etwas seltsam anmutet, mitten im Film für ein paar Minuten eine 3D-Brille aufzusetzen, zeigen die beiden Szenen tatsächlich Wirkung, während der Rest des Films in „schlichtem“ 2D gedreht wurde. Die dreidimensionalen Einschübe hatten durchaus ihren Reiz.

Insgesamt hat Coppola zwar kein Meisterwerk abgeliefert, aber „Twixt“ ist ein absolut sehenswertes visuelles Erebnis, das nicht nur durch seine fantastischen Bilder, sondern auch mit bemerkenswerten Schauspielern überzeugen kann.

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Fazit: Visuell überwältigend und manchmal fast schon visionäres Alterswerk des Kultregisseurs Francis Ford Coppola. Val Kilmer als erfolgloser Schriftsteller überzeugt auf ganzer Linie.

© 2015 Wolfgang Brunner

Under The Skin (2013)

under the skin

Originaltitel: Under The Skin
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer, Walter Campbell
nach dem Roman „Die Weltenwanderin“ von Michel Faber
Kamera: Dan Landin
Musik: Mica Levi
Laufzeit: 107 Minuten
Darsteller: Scarlett Johansson, Joe Szula, Kryštof Hádek, Adam Pearson, Paul Brannigan, Michael Moreland
Genre: Science Fiction
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

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Laura ist auf der Suche nach Männern. Die Frau ist allerdings nicht von dieser Welt und ihre Opfer bekommen nicht das, was sie nach Lauras Verführungskünsten eigentlich erwarten. Denn die Außerirdische ist hungrig …
Doch je länger sie auf der Erde verweilt und die Männer immer besser kennenlernt, tauchen Zweifel in Laura auf, ob sie das richtige tut. Sie versucht, aus ihrem natürlichen Kreislauf auszubrechen.

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„Under The Skin“ macht mich (noch immer) sprachlos. Sowohl während des Films als auch im Nachhinein erscheinen mir die Bilder, die Ausnahmeregisseur Jonathan Glazer da präsentiert, wie aus einer anderen Dimension, die wir einerseits nicht begreifen können, aber andererseits von ihnen erfüllt werden, als wären sie eine Offenbarung.

Das klingt wahrscheinlich ziemlich abgehoben, was ich da schreibe, aber „Under The Skin“ ist eine filmische Erfahrung, wie es seinerzeit Samuel R. Delanys „Dhalgren“ für mich in literarischer Form war. Scarlet Johannsons Schauspiel ist grandios und bleibt so nachhaltig im Gedächtnis, dass es schon fast unheimlich ist.
Der ganze Film ist unheimlich. Unheimlich in Bezug auf gruselig, aber auch unheimlich, wenn man bedenkt, was und vor allem in welcher Form diese Geschichte erzählt wird. Glazer schafft es, den Zuschauer derart in den Bann zu ziehen, dass man manchmal nahe dran ist, vollkommen zu vergessen, ein Mensch zu sein. Man fühlt die Emotionen des Aliens und fängt sogar teilweise an, in der gleichen Art wie es zu denken. Und DAS ist wahrlich unheimlich!

„Under The Skin“ ist eine Reise, die wie ein Drogenrausch auf den Zuschauer wirkt. Vorausgesetzt natürlich, man lässt sich auf Glazer geniales, visuelles Feuerwerk ein. Im Arthaus-Stil, mit einer Prise David Lynch, David Cronenberg  und Nicholas Roeg, begleiten wir in wirren, aber ausgesprochen überirdisch schönen Bildern, das männermordende Alien durch die schottischen Highlands. Doch Glazer schafft es tatsächlich, uns die uns bekannte Welt durch die Augen eines fremden Eindringlings sehen zu lassen. Das ist wirklich enorm beeindruckend! Man sieht die Menschen durch die Augen eines Aliens, man spürt förmlich die  Unsicherheit seines eigenen Verhaltens und empfindet Verstörung, aber auch Hoffnung. In dieser Hinsicht ist „Under The Skin“ ein wahrliches Meisterwerk.
Ich bin versucht, „Under The Skin“ einfach „Die Frau, die vom Himmel fiel“ zu nennen, weil mich die ganze Inszenierung tatsächlich sehr an Nicholas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ mit David Bowie in der Hauptrolle erinnerte. Doch Glazer geht einen riesigen Schritt weiter und verzaubert uns durch geschickt über den Film verstreute visuelle Explosionen, die es in sich haben.

Diese surrealen Aufnahmen erreichen oftmals kubricksche „2001„-Dimensionen und könnten visionärer nicht sein. In einer wagemutigen Inszenierung entfernt sich Jonathan Glazer noch weiter als mit seinen bisherigen Filmen vom Mainstream und lässt uns mit staunenden, offenen Mündern zurück. Natürlich nur die Zuseher, die sich auf das filmische Experiment einlassen. Die anderen, die sich auf einen unterhaltsamen Filmabend mit Chips und Bier eingestellt haben, werden spätestens nach einer halben Stunde eingeschlafen sein und somit einen filmischen Triumph, der seinesgleichen sucht, verpassen.

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Fazit: Visionärer und visuell einzigartiger Alien-Roadmovie, der einem nachhaltig im Gedächtnis haften bleibt und für mich einen Genre-Meilenstein darstellt. Scarlett Johannson in ihrer bisher besten Rolle überzeugt ohne Einschränkungen und lässt uns die reale Welt vergessen. Muss man einfach gesehen haben! Ein ganz großer, künstlerischer  Film und für mich einer der wichtigsten Science Fiction-Filme der letzten Jahre.

© 2014 Wolfgang Brunner