Fenster Blau (2016)

fensterblau

Originaltitel: Fenster Blau
Regie: Sheri Hagen
Drehbuch: Zoe und Sheri Hagen
Kamera: Michael Tötter
Musik: Alexander Precht
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Emilio Sakraya, Kristin Alia Hunold, Dietrich Hollinderbäumer, Marko Dyrlich, Anne Zander, Hund Collie, Eyk Kauly
Genre: Drama, Literatur
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Mitten im eisigen Winter kommt Ljöscha auf der Insel Norderney an. Er ist auf der Suche nach der Wahrheit in seiner Vergangenheit. Ljöscha trifft seinen Großvater, der ihn aber abweist. Doch schließlich siegt die Neugier und er möchte wissen, was mit seiner Tochter ist. An einem anderen Ort verschanzen sich ein älterer Mann und ein junges Mädchen in einer Wohnung. Er ist der Vater des Mädchens, aber er liebt sie verbotenerweise. Beide Schicksale hängen zusammen und Ljöscha kämpft zusammen mit seinem Großvater gegen die Vergangenheit, die beide immer wieder einholt …

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Da sieht man sich einen Film an, geht mit keiner besonderen Erwartungshaltung heran und wird mit einer Wucht gepackt, die einen umhaut. Sheri Hagens zweiter Langfilm orientiert sich an dem prämierten Theaterstück „Muttermale Fenster Blau“ der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann. Sheri Hagen steht eigentlich vor der Kamera, beweist aber mit „Fenster Blau“ ein dermaßen  eindrucksvolles Gespür für Dramaturgie und künstlerische Inszenierung, dass es einem die Sprache verschlägt. Ich möchte den Film als Meisterwerk und Rückkehr des deutschen Autorenfilms bezeichnen, so sehr haben mich Geschichte, Bilder und Schauspielleistungen in den Bann gezogen. Der Film wirkt wie ein wahr gewordener Albtraum aus Ängsten und Depressionen, aber auch voller Sehnsüchte, Hoffnungen und Liebe. Es ist schlichtweg genial, wie Hagen diese Gratwanderung zusammen mit ihrer Crew meistert und einen hoffnungsvollen und zugleich verstörenden Film auf Zelluloid bannt.

„Fenster Blau“ ist ein Kammerspiel, das auf eine Weise inszeniert wurde, als hätte ein „deutscher Peter Greenaway“ die Hände im Spiel gehabt. Voller Botschaften (ob sinnvoll oder sinnfrei sei einfach mal dahingestellt), die sich durch den gesamten Film ziehen und permanent zum Nachdenken anregen, aber auch zu Wut, Hilflosigkeit und Trauer. Es ist grandios, wie die Schauspieler allesamt diese Woge an Emotionen durch die knapp eineinhalb Stunden transportieren und greifbar machen. Man möchte an einigen Stellen laut losschreien wie der Protagonist Ljöscha, an anderen würde man den hilflosen, zerrissenen Großvater am liebsten in den Arm nehmen oder sich von ihm in den Arm nehmen lassen. Das Gespann Emilio Sakraya (aktuell: „Heilstaetten“ und „4 Blocks“) und Dietrich Hollinderbäumer (zuletzt in „Angst – Der Feind in meinem Haus“ zu sehen) funktioniert hervorragend, ebenso wie das Agieren zwischen Kristin Alia Hunold („Dem Horizont so nah“) und Marko Dyrlich (unter anderem mit dabei in „Babylon Berlin“). Es ist alles so intensiv, so natürlich, so lebensecht. Trotz des überaus ernsten Themas spürt man die Begeisterung der Beteiligten in jeder Filmminute. Ich ziehe meinen Hut vor den Darstellern. Emilio Sakraya fährt so authentisch aus der Haut, dass man eine Gänsehaut bekommt. Dietrich Hollinderbäumer zeigt sich äußerlich roh und innerlich einfühlsam, das ist eine grandiose Leistung, die die beiden Schauspieler da abliefern. Kristin Alia Hunold spielt die kindlich wirkende und innerlich zerstörte Lena, im positiven Sinne, glänzend theatralisch, während Marko Dyrlich sichtlich unwohl seinen Charakter darstellt. Auch hier kann man nur sagen: imposant! Da können sich so manche „Stars“ eine Scheibe abschneiden.

Zu den schauspielerischen Glanzleistungen gesellen sich  aussagekräftige Bildkompositionen und ein grandioser Score, die den Film zu einem echten Erlebnis machen. Man möchte trotz der oftmals unangenehmen Situationen, die geschildert werden, den Schauplatz und die Charaktere nicht mehr verlassen, denn man fühlt sich wohl oder unwohl mit ihnen und kann ihre Emotionen in jeder Hinsicht nachvollziehen. Sheri Hagen hat aus meiner Sicht ein Meisterwerk erschaffen, das mich nachhaltig beeindruckt und noch lange beschäftigen wird. Sie hat Sasha Marianna Salzmanns Theaterstück eine Tiefe verliehen, die seinesgleichen sucht. Alles ist in schwarz-weiß gehalten, nur die Farbe Blau wird sichtbar. Wie in „Pleasantville“ spielt die Regisseurin dieses Stilmittel bis zum Ende konsequent aus, beeinflusst den Zuschauer bis hin zum Happy End, das letztendlich kein Happy End ist. Oder doch?
„Fenster Blau“ ist ein Film zum Nachdenken, aber auch zum Träumen, bei dem man sich auf sich selbst besinnen kann. „Fenster Blau“ ist ein Film für die große Leinwand, ein unvergessliches emotionales Erlebnis, schlichtweg ganz, ganz großes Kino. Wo sind all die Preise, die dieser Film, dessen Schauspieler und Crew, verdient hat?
Ich kann meine Begeisterung schwer zurückhalten, aber eigentlich will ich das auch gar nicht. 😉 Man muss diesen Film gesehen haben!

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Fazit: Ganz großes Kino aus Deutschland. Wunderbar inszeniert und mit beeindruckenden Schauspielerleistungen.

© 2018 Wolfgang Brunner

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The Broken (2008)

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Originaltitel: The Broken
Regie: Sean Ellis
Drehbuch: Sean Ellis
Kamera: Angus Hudson
Musik: Guy Farley
Laufzeit: 93 Minuten
Darsteller: Lena Headey, Ulrich Thomsen, Melvil Poupaud, Michelle Duncan, Asier Newman, Richard Jenkins, Darren Elliot Holmes, Howard Ward
Genre: Thriller, Horror
Produktionsland: Großbritannien, Frankreich
FSK: ab 16 Jahren

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Gina traut ihren Augen nicht, als sie eines Tages sich selbst in einem Wagen vorbeifahren sieht. Sie verfolgt die Doppelgängerin und findet in deren Wohnung Bilder von sich und ihrem Vater. Von der Entdeckung völlig verstört, verursacht Gina auf der Heimfahrt einen Unfall, den sie nur knapp überlebt. Als sie im Krankenhaus aufwacht, erinnert sie sich nur noch bruchstückhaft an die Ereignisse. Doch immer mehr Fragmente setzen sich wie ein Puzzle zusammen und Gina sieht sich in einem schrecklichen Alptraum wieder, der anscheinend zur Realität geworden ist.

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Sean Ellis setzt mit „The Broken“ den Weg konsequent fort, den er 2006 mit „Cashback“ begann. Surreal, lynchesk und verstörend erzählt er die Geschichte einer Frau, die nicht mehr weiß, was Realität und Halluzination ist. Geschickt verwebt Ellis die Ebenen und lässt auch den Zuseher ratlos und irritiert zurück. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack, aber wer sich auf derartige Filme einlassen kann, wird mit einem mitreißenden Thriller belohnt, der durch eine künstlerische Optik besticht.

Lena Headey kann vollends überzeugen, ebenso wie der fabelhafte Richard Jenkins, den ich in seiner Rolle als Nathaniel Fisher senior in der umwerfenden Serie „Six Feet Under“ überaus schätze. Immer wieder fühlt man sich an die Werke von David Lynch erinnert, obwohl Ellis bedeutend horrorlastiger zu Werke geht. Manche Stellen sind geradezu innovativ und unvergesslich, andere hingegen fordern nach mehr Ideenreichtum. „The Broken“ zählt für mich auf alle Fälle zu jenen Ausnahmefilmen wie zum Beispiel „Under The Skin“, die einen Weg abseits des Mainstream einschlagen und absolut zu begeistern vermögen.

„The Broken“ basiert sehr freizügig auf der Novelle „William Willson“ von Edgar Allan Poe. Am Anfang werden die letzten Zeilen der Geschichte eingeblendet („Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.“), die den Inhalt des Films besser nicht hätten ausdrücken können.
Sean Ellis ist wieder ein bemerkenswerter Film gelungen, der mutig einen eigenen Weg geht und nicht für das breite Publikum geschaffen ist. Kino zum Nachdenken und selbst Interpretieren!

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Fazit: Bedrückend, verstörend und visuell verblüffend, ist „The Broken“ ein außergewöhnlicher Film, der fasziniert und den Zuschauer zu eigenen Interpretationen motiviert. Auf jeden Fall ansehen!

© 2015 Wolfgang Brunner

The Living And The Dead (2006)

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Originaltitel: The Living And The Dead
Regie: Simon Rumley
Drehbuch: Simon Rumley
Kamera: Milton Kam
Musik: Richard Chester
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Roger Lloyd-Pack, Leo Bill, Kate Fahy, Sarah Ball, Neil Conrich
Genre: Horror, Drama, Thriller
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahren (uncut)

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Als der ehemalige Lord Donald Brocklebank seine finanzielle Situation in den Griff bekommen muss, bleibt ihm nichts anders übrig, als seine kranke, bettlägerige Frau zusammen mit seinem schizophrenen Sohn James alleine zurückzulassen. Er stellt eine Krankenschwester für eine geraume Zeit ein, aber James möchte seinem Vater beweisen, dass er trotz seiner Krankheit in der Lage ist, sich um sich selbst und seine todkranke Mutter zu kümmern, und lässt die Krankenschwester verschwinden. Anfangs klappt die Pflege seiner Mutter noch ganz gut, bis James dann plötzlich zwischen Fantasie und Realität nicht mehr unterscheiden kann und die Situation immer mehr außer Kontrolle gerät.

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Vor sieben Jahren sah ich diesen Film das erste Mal und er hat mich damals umgehauen. Heute ist meine Begeisterung zwar nicht mehr so groß, aber dennoch halte ich „The Living And The Dead“ nach wie vor für einen unglaublich intensiven und schockierenden Film.
Die Idee und vor allem Leo Bills Darstellung des schizophrenen James ist oscarreif. Da fällt mir im Moment nur noch Leonardo diCaprio in „Gilbert Grape“ ein, der  mich in seiner Rolle als behinderter Arnie Grape auf gleiche Weise fasziniert hat wie hier Leo Bill. Die Verkörperung des Kranken ist dermaßen autenthisch, dass man sich desöfteren fragt, ob der Schauspieler womöglich selbst krank ist. 😉 Leo Bill gebührt meine volle Hochachtung vor dieser schauspielerischen Glanzleistung.

Aber auch die Inszenierung hat es in sich. Die beklemmende Atmosphäre wurde absolut gelungen in Szene gesetzt und man fiebert und leidet mit den Protagonisten. Gerade die Situationen, in denen gut Gemeintes zu Schlechtem/Bösem wird, sind schlicht genial. Alles andere als langweilig, geschweige denn langatmig, begleitet man den schizophrenen James bei seinen Bemühungen Gutes zu tun, um sich selbst und seine Mutter bestmöglich zu versorgen. Das ist herzerweichend und schockierend in gleichem Maße.

„The Living And The Dead“ ist ein Ausnahmefilm. Thriller, Drama und ein Touch Horrorfilm in einem, verpackt in die brisante Psychostudie eines jungen Mannes, der bedauerns- und verachtenswert in einem ist. Teilweise sind visionäre (Kamera-)Einstellungen zu entdecken, wenn der Kranke zum Beispiel den Bezug zur Realität verliert und in zeitrafferähnlichen Sprüngen versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, um seiner Mutter zur Seite stehen zu können. Der Film hinterlässt den Zuschauer verstört und ratlos, man weiß nicht, was man darüber denken soll. Simon Rumley ist ein befremdliches Drama gelungen, das sich weit abseits alltäglicher Filme befindet und mit Sicherheit polarisiert. Verstörend und faszinierend zu gleichen Teilen hämmern sich die Bilder (und die Handlung) ins Gehirn des Zuschauers. Am stärksten dafür verantwortlich ist aber mit Sicherheit das brillante Agieren Leo Bills.

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Fazit: Packend, verstörend, faszinierend und befremdlich. Ein Ausnahmefilm mit einem fantastischen Hauptdarsteller und einer unheimlich beunruhigenden Handlung.

© 2015 Wolfgang Brunner

Schramm (1993)

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Originaltitel: Schramm
Regie: Jörg Buttgereit
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Franz Rodenkirchen
Kamera: Manfred O. Jelinski
Musik: Max Müller, Gundula Schmitz
Laufzeit: 65 Minuten
Darsteller: Florian Koerner von Gustorf, Monika M, Micha Brendel, Carolina Harnisch, Xaver Schwarzenberger, Gerd Horvath, Michael Brynntrup
Genre: Drama, Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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Lothar Schramm ist ein schüchterner, einsamer Mann, der nur soziale Kontakte zu seiner Nachbarin pflegt. Unfähig, eine Beziehung mit einer Frau zu führen, gibt Schramm seiner dunklen Seite nach und tötet Menschen, um sie nackt zu fotografieren, damit er sich anschließend zumindest mit diesen Bildern sexuell stimulieren kann.

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Für die einen uninspirierter, sinnloser Müll, für die anderen ein künstlerisches und schockierendes Porträt eines Serienkillers. Ich gehöre zu den anderen ;), denn ich finde Buttgereits Low-Budget-Produktion absolut interessant und gelungen. „Schramm“ gehört für mich auch zu den wenigen Ausnahmen, die zeigen, was man mit wenig Geld auf die Beine stellen kann.
Keine Frage: Man sieht Buttgereits Film desöfteren an, dass er mit geringem Aufwand gedreht wurde. Aber vielleicht ist es genau diese Tatsache, die diesen Trip in die menschlichen Abgründe so realitätsnah macht. Der Zuschauer rückt dem Protagonisten buchstäblich auf den Leib, nimmt an seinem abgedrehten , unbefriedigenden und intimen Leben teil, als wäre er ein Voyeur. Das erinnerte mich stark an „Cannibal“.

Schonungslos wird gezeigt, wie ein Mann mit seiner Sexualität umgeht, die er ohne Partner ausleben muss. Man bekommt einen Einblick in den tristen Alltag eines Mannes, der mit aller Gewalt sexuelle Befriedigung und körperliche Liebe erlangen will. Völlig unpornografisch bekommt der Zuschauer nicht nur den Penis des Protagonisten in Großaufnahme zu sehen, sondern nimmt auch an außergewöhnlichen „Selbstbefriedigungen“ teil.

Ich habe Buttgereits Film etwa ein Jahr nach dessen Entstehung das erste Mal gesehen und war damals einerseits schockierend fasziniert und andererseits enttäuscht, weil ich ein unperfektes „Machwerk“ serviert bekam, dass im ersten Moment „stümperhaft“ auf mich wirkte. Heute, circa 20 Jahre später, sehe ich „Schramm“ plötzlich mit völlig anderen Augen und erkenne sehr wohl die künstlerischen Ambitionen, die Buttgereit (aus meiner Sicht ziemlich gut) verfolgt. Filmkenner ahnen, welche Regiegrößen als Vorbilder dienten, wobei Buttgereit ganz klar seinen eigenen Weg geht. An einigen Stellen dachte ich tatsächlich, ich sehe gerade einen Film von Lars von Trier.

„Schramm“ polarisiert. Unspektakulär werden vereinzelt Splatterelemente in die ansonsten triste, bedrückende und deprimierende Handlung eingestreut und rütteln den Zuseher für Sekunden wach. Florian Koerner von Gustorf spielt die Rolle des einerseits sympathischen und bemitleidenswerten, andererseits kaltblütigen Vergewaltigers und Mörders Lothar Schramm nüchtern und augenscheinlich emotionslos, wobei dennoch erstaunlicherweise Gefühle im Zuschauer freigesetzt werden. In oft ästhethischen Bildern zeigt „Schramm“, wie ein verzweifelter Mann immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und erzwungenem Sex fällt, aus dem es letztendlich kein Entkommen gibt. Durch den hervorragend auf die Bilder abgestimmten Soundtrack kommt eine sehr bedrückende Stimmung zustande, die sich durch den gesamten Film zieht. Ich würde „Schramm“ als verstörendes, surrealistisches und visionäres kleines Meisterwerk völlig abseits des Mainstreams bezeichnen.

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Fazit: Beklemmende, düstere und absolut realistische Charakterstudie eines verzweifelten Mannes, der auf der Suche nach Liebe und Sex nur Gewalt und Tod findet.

© 2015 Wolfgang Brunner

Borgman (2013)

Borgman-Poster

Originaltitel: Borgman
Regie: Alex van Warmerdam
Drehbuch: Alex van Warmerdam
Kamera: Tom Erisman
Musik: Vincent van Warmerdam
Laufzeit: 113 Minuten
Darsteller: Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Jeroen Perceval, Alex van Warmerdam, Tom Dewispelaere, Sara Hjort Ditlevsen, Elve Lijbaart, Dirkje van der Pijl
Genre: Psychothriller, Mystery
Produktionsland: Niederlande, Belgien, Dänemark
FSK: ab 16 Jahren

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Der Landstreicher Borgman findet nach anfänglicher Ablehnung Unterschlupf bei der Familie van Schendel. Immer mehr mischt er sich fast unmerklich in das Familienleben ein und zieht die Ehefrau in einen mysteriösen Bann aus sexueller Lust und unbestimmbarer Faszination. Das Leben der van Schendels gerät mit der Zeit völlig aus den Fugen …

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„Borgman“ ist Psychothriller, Familiendrama, Mystery und horrormäßiger Home Invasion Film in einem. Von allem etwas und von allem gar nichts. Van Warmerdams bereits achter Spielfilm wandelt auf den Pfaden von David Lynch, Peter Greenaway oder Michal Haneke (vor allem „Bennys Video“ und „Funny Games“ lassen grüßen) und ist dennoch eigenständig und vor allem auch eigenwillig.

Was der Zuschauer hier zu sehen bekommt, verstört, verwirrt, fasziniert und erschreckt. Da werden menschliche Tiefen ausgelotet, die abstoßend und hypnotisierend gleichermaßen sind. van Warmerdam spielt mit dem Zuschauer und zieht ihn durch seine kompromisslose Inszenierung von Anfang an in seinen Bann, wo er ihn  bis zum Ende des Film fest im Griff behält. „Borgman“ lässt nicht los, auch wenn er für viele (ungeduldige) Zuschauer ab einem gewissen Punkt langatmig wirken mag. In lynchesker Weise hinterlässt der Film eine Unmenge an offenen Fragen, in die wohl jeder etwas anderes hineininterpretiert, was mich unweigerlich an „Twin Peaks“ oder „Lost Highway“, um nur zwei Beispiele von David Lynch zu nennen, erinnert.

„Borgman“ ist ein innovativer Real-Alptraum, der auf kühne Weise den Zerfall eines Ehepaares und einer Familie schildert, voller sexueller Obsessionen und schockierender Brutalität. Dennoch mischt van Warmerdam  auch Einflüsse einer absurden, bizzaren Komödie  oder Mystery-Elemente in seine skurrile Fabel. Das Ergebnis ist ein unheimlicher Trip in die Abgründe der menschlichen Psyche. Und auch wenn man den Film nicht versteht, so versteht man ihn in gewisser Weise tief in seinem Inneren irgendwie doch … Minuten später dann auch wieder nicht …

Fest steht, dass der holländische Film, der bei der Oscarverleihung 2014 für die Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“ ausgewählt (aber dann leider nicht nominiert) wurde, ein selten gewordenes Erlebnis ist. Fernab vom Mainstream spielen die Schauspieler allesamt ein glaubwürdiges Spiel, allen voran „Borgman“ Jan Bijvoet, der in seiner Rolle so richtig aufgeht und einem in so mancher Einstellung Angst einjagt.

Dass das Kinoplakat sofort an das wohl bekanntestes Werk des Malers Johann Heinrich Füssli (auch bekannt unter dem Namen Henry Fuseli) mit dem Titel „Nachtmahr“ erinnert, ist mit Sicherheit beabsichtigt, denn „Borgman“ ist genau so ein Alptraum.

Wer eine logische Handlung und ein aufklärendes Ende erwartet, sollte die Finger von diesem Werk lassen. Wer sich für neue Filmideen und professionelle Inszenierungen interessiert, sollte sich diese Perle nicht entgehen lassen. Ich bin der Meinung, „Borgman“ muss man einfach gesehen haben.

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Fazit: Verstörender Alptraum, der erschreckt, schockiert, fasziniert und verwirrt. „Borgman“ sollte man gesehen haben!

© 2015 Wolfgang Brunner

Montana Sacra – Der heilige Berg (1973)

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Originaltitel: The Holy Mountain
Regie: Alejandro Jodorowsky
Drehbuch: Alejandro Jodorowsky
Kamera: Rafael Corkidi
Musik: Don Cherry, Ronald Fangipane, Alejandro Jodorowsky
Laufzeit: 114 Minuten
Darsteller: Alejandro Jodorowsky, Horácio Salinas, Juan Ferrara, Adriana Page, Burt Kleiner u.v.m
Genre: Kunstfilm, Experimentalfilm
Produktionsland: Mexiko/USA
FSK: ab 18 Jahren

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Als ein Dieb einen hohen Turm erklimmt, trifft er dort in einem riesigen Regenbogenzimmer auf einem Alchemisten. Dieser ist im Begriff eine Gruppe von Leuten um sich zu versammeln, um sich auf die Reise zum „heiligen Berg“ zu machen. Dieser Berg soll das Geheimnis der Unsterblichkeit bergen. Begleitet werden sie von einer siebenköpfigen Gruppe. Jeder von ihnen muss sein Ego aufgeben, um das Geheimnis des Berges ergründen zu können …

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Wow! Was war das denn? Ist das Kunst oder kann das weg? Auf der Suche nach dem Extremen bin ich auf diesen Film gestoßen. Also ich habe ja schon einige verstörende und/oder surreale Filme gesehen aber sowas noch nie.  Die Story ist eigentlich schnell erzählt – und doch wieder nicht! Doch bevor ich über die Story berichten gilt es vorher einiges wissenswertes über den Regisseur zu erfahren der dieses „Kunstwerk“ auf die Beine gestellt hat.

Alejandro Jodorowsky ist für mich einer der schrägsten Regisseure aller Zeiten. Sein künstlerisches Schaffen zu beschreiben ist nicht einfach, denn es gibt kaum etwas, das dieser Mann nicht gemacht hat. Er ist Schriftsteller, Dichter, Musiker, arbeitete an mehreren Comics, inszenierte Theaterstücke und ist Regisseur von Filmen gewesen, bei denen man sich kaum vorstellen kann, dass es Leute gab, die diese finanziell unterstützten. Es sind Filme, die sich nicht nur weit abseits vom Mainstream bewegen, sondern Jodorowsky erschuf mit seinen Arbeiten fast so etwas wie ein neues Genre. Da seine Filme meist im höchsten Maße surrealistisch sind, kann man oft nur schwer verstehen, was Jodorowsky einem wirklich erzählen möchte. Seine Hauptcharaktere sind meist Außenseiter und die Welt, in der sie leben, gleicht einem verrückten Labyrinth.

Auch die Enstehungsgeschichte des Filmes ist ziemlich spektakulär. So soll Alejandro Jodorowsky mehrere Tage vor Drehstart ohne Schlaf unter der Aufsicht eines Zen-Meisters verbracht haben und das Drehbuch unter dem Einfluss von LSD geschrieben haben. Außerdem soll er mehrere Wochen lang mit der Crew des Filmes in einer Art Kommune gelebt haben, wo die Schauspieler ebenfalls unter Einfluss von Drogen spirituelle Erfahrungen machen sollten. Doch genug der Vorabinformationen, jetzt will ich versuchen, den Film zu beschreiben.

Es fällt mir nicht leicht, den Film irgendeinem bekannten Schema zuzuordnen. Dazu ist er viel zu ungewöhnlich. Wenn man sich den Trailer ansieht, ahnt man schon, warum dieser Film eigentlich außerhalb jeder Kritik steht. Ihn als eine „traumartige Reise“ oder einen „Trip“ zu bezeichnen ist noch nett gemeint. „Der heilige Berg“ ist unkonventionell und ohne Zweifel mutig. Einige Dinge, die dieser Film zeigt, könnte man heute so nicht mehr drehen. Auch wie der Film mit einigen anderen Dingen umgeht, wäre heutzutage undenkbar. Obwohl „Der heilige Berg“ immer wieder Elemente enthält, die man als zynische Satire und Gesellschaftskritik auffassen kann, wird bis zum Schluß nie wirklich klar, was der Regisseur uns eigentlich sagen will, ob er nun ein Thema behandelt oder mehrere.

Auf jeden Fall präsentiert Jodorowsky mit diesem Film ein äußerst skurilles und kontroverses Szenario und lässt dabei teils radikale Anspielungen auf Kirche, Sexualität und Gewalt erkennen. Es ist schon ein gehöriger Spagat zwischen Genialität und dem puren Wahnsinn  den ich mir da angesehen habe und der mich mit völlig gemischten Gefühlen zurückgelassen hat. Mehrmals war ich kurz davor auszuschalten. Aber das Ende fand ich gut! 🙂

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Fazit: Das ist so einer der Filme, bei denen es unglaublich stark auf den eigenen Geschmack ankommt. Ich könnte es durchaus verstehen, wenn manch einer die DVD nach spätestens 10 Minuten stoppt. Ich glaube, man sollte bei diesem Film nicht unbedingt nach logischen Erklärungen oder dem eigentlichen Sinn der Abläufe suchen, sondern vielmehr die gewaltige Bildsprache des Szenarios auf sich wirken lassen. Denn bildgewaltig ist der Film allemal, das muss man ihm lassen. Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob ich den Film jemals wieder ansehen werde oder ob ich ihn guten Gewissens weiter empfehlen kann. Ist das Kunst oder kann das weg? Ich weiß es nicht.

© 2015 Lucas Dämmig

Hard Candy (2005)

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Originaltitel: Hard Candy
Regie: David Slade
Drehbuch: Brian Nelson
Kamera: Jo Willems
Musik: Harry Escott, Molly Nyman
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Ellen Page, Patrick Wilson, Sandra Oh
Genre: Psychothriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: keine Jugendfreigabe

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Der erfolgreiche Modefotograf Jeff und die 14-jährige Hayley lernen sich im Internet kennen. Beim ersten Treffen im Coffeeshop ist Jeff sehr angetan von dem aufgeweckten und charmanten Mädchen. Allerdings überrascht es ihn, dass Hayley sich kein bisschen scheut, mit ihm nach Hause zu gehen. In seinem Apartment angekommen, mag der Fotograf seinen Augen kaum trauen, denn Hayley legt den Vorwärtsgang ein: Nicht nur, dass sie beginnt, an der Bar Cocktails zu mischen – bald bietet sie sich auch für erotische Fotos an. Da kann Jeff natürlich nicht Nein sagen. Doch schon am Beginn des Shootings fängt Jeff an, sich seltsam zu fühlen. Kurz darauf wird er ohnmächtig…

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„Hard Candy“ ist einer der kontroversesten Filme, die ich je gesehen habe. Nicht nur, weil er ein Tabuthema behandelt, sondern auch, weil er genügend Stoff zum Nachdenken beinhaltet. Außerdem ist es ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel mit einer gelungenen Inszenierung. Hier wird die Rolle des Täters und des Opfers öfters getauscht. Als Zuschauer fühlt man sich regelrecht hin und her gerissen. Man weiß nicht so recht, auf welche Seite man sich schlagen soll. Und genau dieser Aspekt macht den Film interessant. Gut, die Ausgangssituation ist unglaubwürdig und auch die Handlungen der beiden Charaktere sind nicht immer logisch, aber das finde ich hier ausnahmsweise mal nicht ganz so schlimm. Die vermeintlich unschuldige Ellen Page zeigt eine wirklich grandiose Leistung. Anfänglich noch lieb und clever, wird sie langsam zu einer richtig perfiden und durchgeknallten Jugendlichen. Ebenso kann Patrick Wilson dem charmanten, aber dennoch unglücklichen Playboy genau die Seele vermitteln, die er benötigt. Beide Charaktere durchlaufen eine Wende. Während Hayley ihr wahres Gesicht schon recht bald offenbart, wird die Geschichte von Jeff erst nach und nach erzählt. Das ist ein dramaturgischer Kniff, welcher viel zur Spannung beiträgt. Durch diese Erzählweise ist es schwer, ihn einzuordnen und bis zum Schluss ist nicht ganz klar, ob er jetzt pädophil ist oder nicht. Generell erfährt man als Zuschauer erst recht spät, was eigentlich Sache ist.

Es ist schon ziemlich erstaunlich: Mit gerade mal 2 Akteuren und einer Location schafft es Regisseure David Slade den Zuschauer an einem spannungsgeladenen Film teilhaben zu lassen, welcher nie wirklich ins Stocken gerät. Doch gibt es da ein paar Ungereimtheiten gegen Ende hin.  Besonders die Handlungen von Jason sind nicht immer ganz glaubwürdig und die Entscheidung am Ende ist nicht wirklich nachvollziehbar. Vielleicht wäre sie das, wenn man mehr auf die Beziehung zwischen ihm und seiner Ex-Freundin eingegangen wäre. Auch Hayley wird als ein bisschen zu übermächtig dargestellt. Zwar behält sie nicht immer die Oberhand, aber sie ist doch diejenige, welche die Zügel in der Hand hat. Sie hat alles feinsäuberlich geplant und so funktioniert auch das Meiste, was sie sich vorgenommen hat.

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Fazit: Wenn es ein Film schafft, den Zuschauer die ganze Spieldauer lang unter Spannung zu halten, dann hat er schon Lob verdient. Der Film ist zwar ein eindeutiges Statement gegen Pädophilie, aber dadurch, dass er dieses Thema in Zusammenhang mit Selbstjustiz bringt, wird er sicherlich nicht jedem gefallen. Anderseits greift Slade damit auch geschickt das oftmals angesprochene Bedürfnis nach höheren Strafen von pädophilen Straftätern auf. Denn viele werden vielleicht, ehe sie sich versehen, Mitleid mit dem in die Falle gegangenen Jeff bekommen.

© 2014 Lucas Dämmig