Crypto (2019)

crypto

Originaltitel: Crypto
Regie: John Stalberg jr.
Drehbuch: Jeffrey Ingber
Kamera:  Pieter Vermeer
Musik: Nima Fakhrara
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Beau Knapp, Alexis Bledel, Luke Hemsworth, Kurt Russell, Jeremie Harris, Vincent Kartheiser, Jill Hennessy
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Der junge Banker Marty, der „Unstimmigkeiten“ innerhalb des Unternehmens aufspüren soll,  wird „strafversetzt“ – und zwar in seine alte Heimatstadt.
Dort soll er die Zweigstelle seines Unternehmens unter die Lupe nehmen und kommt einem gigantischen Schwindel auf die Spur …

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Wenn ich ehrlich bin, war ich auf den vorliegenden „Crypto“ in erster Linie erst einmal neugierig, weil Kurt Russell mitspielte. Als ich dann sah, dass Luke Hemsworth, der Bruder von Chris Hemsworth mitwirkte, war die Erwartungshaltung dann sogar noch größer. Doch schon innerhalb der ersten halben Stunde hat mich dann Beau Knapp mit seiner Schauspielerei vollkommen in den Bann gezogen. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mich der Schauspieler in dieser Rolle so sehr fasziniert. Knapp spielt seine Rolle sehr souverän und vor allem glaubwürdig. Und das macht den ganzen Film durchgängig Spaß. Und auch wenn mich die Handlung ein wenig abgeschreckt hat (es geht um Internetwährungen wie beispielsweise Bitcoins), weil ich Befürchtungen hatte, sie nicht wirklich zu verstehen, so muss ich letzten Endes dann doch zugeben, dass ich zumindest das meiste davon kapiert habe. 😉

„Crypto“ hat durchgängig, aber vor allem in der zweiten Hälfte, eine sehr tolle Atmosphäre, was vielleicht daran liegt, dass man es hier nicht nur mit einem Thriller zu tun hat, sondern auch mit einer Familiengeschichte. Gerade letztere hat mich sehr überzeugt und mir auch außerordentlich gut gefallen. Das Zusammenspiel zwischen Knapp und Hemsworth ist sehr gut und auch Kurt Russell als Vater macht eine gute Figur. Es ist immer wieder schön, Kurt Russell in einer neuen Rolle zu sehen.
Der Plot des Films ist nachvollziehbar und der Spannungsbogen wird konsequent aufrechterhalten bis zum spannenden Finale. Es ist vor allem das Gesamtbild, das letztendlich „Crypto“ zu einem wirklich spannenden und sehenswerten Film macht, der zudem das hochaktuelle Thema der Internetwährung(en) behandelt. An einigen Stellen wird einem da schon bewusst, welche Auswirkungen solch ein Zahlungssystem auf die Gesellschaft hat.

„Crypto“ ist der zweite Langfilm von Regisseur John Stahlberg jr. und er beweist, dass er ein gutes Händchen für eine saubere Inszenierung hat. Inszenatorisch lässt sich nämlich an „Crypto“ nichts bemängeln. Der Aufbau des Plots ist gut gelungen, die Charakterisierungen der Protagonisten ebenfalls und, wie oben schon erwähnt, wird der Spannungsaufbau stetig nach oben gehalten. Vielen dürfte der Film eventuell dennoch nicht so zusagen, da er nicht wirklich ins Mainstream-Schema passt, sondern einen eigenen Weg geht. Für mich war „Crypto“ jedenfalls eine absolute Überraschung, vor allem durch den wirklich tollen Hauptdarsteller Beau Knapp. Außerdem konnte der Film mit ein paar wirklich unerwarteten Wendungen auftrumpfen, mit denen man so nicht gerechnet hätte.

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Fazit: Spannender Plot mit tollen Darstellern, allen voran Beau Knapp.

© 2020 Wolfgang Brunner

Der Schrecken der Medusa (1977)

medusa

Originaltitel: The Medusa Touch
Regie: Jack Gold
Drehbuch: John Briley
nach einem Roman von Peter Van Greenaway
Kamera:  Arthur Ibbetson
Musik: Michael J. Lewis
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Richard Burton, Lino Ventura, Lee Remick, Harry Andrews, Alan Badel, Jeremy Brett, Derek Jacobi, Gordon Jackson, Narie-Christine Barrault
Genre: Thriller, Mystery
Produktionsland: Großbritannien, Frankreich
FSK: ab 12 Jahre

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Der Schriftsteller John Morlar bring seit seiner Kindheit Unheil und Tod über Menschen, die ihn physisch und psychisch verletzen.Als der telekinetisch veranlagte Morlar  überfallen wird und nur knapp dem Tod entkommt, ermittelt Kommissar Brunel. Während er den Täter sucht, gerät Brunel immer mehr in einen mysteriösen Sog aus Horror und Katastrophen. Offensichtlich gehen diese Ereignisse vom klinisch toten Morlar aus,der in seinem Krankenbett dahinvegetiert und nur noch starke Gehirnaktivitäten zeigt.

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Es ist schon eine Zeit her, dass ich diesen Film gesehen habe. Ich hatte „Die Schrecken der Medusa“ als sehr guten Mystery-Thriller in Erinnerung und war daher absolut erstaunt, wie gut er mir heute noch gefiel. Ich muss zugeben, dass er mich sogar noch mehr begeistert hat wie anno dazumal. Die Atmosphäre dieses Films ist unglaublich intensiv. Hinzu kommt eine meisterliche Darstellung von Lino Ventura. Richard Burton, der sich damals bereits auf das Ende seiner erfolgreichen Karriere zubewegte, konnte mich lange nicht so überzeugen wie Ventura. Zu diesem Gespann gesellt sich dann noch Lee Remick, die in ihrer Rolle als Psychiaterin absolut überzeugen kann. „Die Schrecken der Medusa“ ist ein Film für genau diese Schauspieler, der davon lebt, wie diese Akteure in ihren Rollen aufgehen.

Die Mischung aus Kriminal-, Mystery-, Horror- und Katastrophenfilm ist derart gelungen, dass man sie nicht mehr so schnell vergisst. In dieser Art und Kombination dürfte „Der Schrecken der Medusa“ auch einmalig in der Filmbranche sein. Kongenial von der Musik Michael J. Lewis’ untermalt, versinkt der Zuschauer, sofern er sich auf das Szenario einlassen kann, in einem hypnotischen Strudel, der ihn bis zum Ende nicht mehr loslässt. Man fühlt sich bei einigen Szenen immer wieder mal an Richard Donners „Das Omen“ erinnert, aber Jack Golds Mysterythriller geht letztendlich dann doch einen vollkommen anderen Weg. Vor allem das kompromisslose Finale hat es in sich. Typisch für solcherart Filme wird hier ein Anti-Happy-End serviert, das man nicht mehr so schnell vergisst. Gold inszeniert dieses Szenario oscarreif und verbindet Effekte, beklemmende Einstellungen und den bereits erwähnten, mehr als passenden Score zu einem apokalyptischen Weltuntergang, der Gänsehaut beschert.

Mehrere Jahrzehnte sind seit der Veröffentlichung von „Die Schrecken der Medusa“ vergangen, der Film wurde zum wiederholten Mal im Fernsehen gezeigt und dennoch hat sich das Warten auf diese bearbeitete Version gelohnt. Der Film ist nach wie vor ein exzellent gespieltes und inszeniertes Weltuntergangsdrama, das als Kriminalfall beginnt und über telekinetischen Horror und Psychoterror zur Apokalypse führt. Dass der Thriller in die Jahre gekommen ist, sieht man unter anderem an der Kleidung der Darsteller, den Autos und den abgerundeten, altmodischen Fernsehgeräten. Doch genau dies versprüht in der heutigen Zeit einen unwiderstehlichen Charme. „Der Schrecken der Medusa“ ist beeindruckend, düster und mitreißend. Was will man mehr von einem Film?
Für mich ein Beweis, dass man früher auch schon gute, wenn sogar nicht manchmal bessere Filme als heutzutage, drehte.

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Fazit: Beeindruckender und äußerst atmosphärischer Genremix.

©2020 Wolfgang Brunner

Operation Mekong (2016)

mekong

Originaltitel: Méigōng Hé Xíngdòng
Regie: Dante Lam
Drehbuch: Dante Lam, Kang Ki-chu, Lau Siu-kwan
Kamera: Yuen Man Fung
Musik: Henry Lai, Kwan Fai Lam, Julian Chan
Laufzeit: 124 Minuten
Darsteller: Zhang Hanyu, Eddie Peng, Feng Wenjuan, Baoguo Chen, Chun Sun, Carl Ng, Kenneth Low, Ha Yu, Vithaya Pansringarm, Xudong Wu, Jian Zhao, Mandy Wei
Genre: Thriller
Produktionsland: China, Thailand
FSK: ab 18 Jahre

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Auf dem Mekong werden die Leichen gefunden, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit Drogengeschäften im sogenannten Goldenen Dreieck von Laos, Myanmar und Thailand zu tun haben. Um die Morde aufzuklären, wird eine Spezialeinheit in das Gebiet geschickt. Die Spuren führen geradewegs zu Drogenbaron Naw Khar, der sein Hoheitsgebiet mit Terror und Gewalt unterjocht und beherrscht. Das Team soll seine im Dschungel gelegene Basis vernichten und die Verantwortlichen gefangennehmen.

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„Operation Mekong“ ist ein astreiner und knallharter Actionfilm, der sich dennoch von anderen Genrebeiträgen abhebt. Ich kann nicht einmal genau erklären, woran es liegt, aber ich fühlte mich bei diesem Film anders unterhalten als zum Beispiel bei einem „Expendables“-Abenteuer. Der Grund liegt wahrscheinlich in der Inszenierungsweise, denn Dante Lam ist Chinese und arbeitet nicht wie ein europäischer oder amerikanischer Regisseur, sondern eher wie John Woo. Herausgekommen ist auf jeden Fall ein sehenswerter Film, der einen die Zeit vergessen lässt und teilweise erfrischende Akzente für das Actionkino setzt. Spektakuläre Stunts und Autoverfolgungsjagden lassen das Herz eines jeden Actionfreunds höher schlagen, aber dennoch unterbrechen immer wieder ruhigere Szenen und atemberaubende Landschaftsaufnahmen das Feuerwerk. Dadurch entsteht eine angenehme Mixtur aus wilden Schießereien und nachdenklich stimmenden Bildern, die hervorragend unterhält.

An manchen Stellen hatte ich allerdings Schwierigkeiten, die Personen auseinander zu halten, das muss ich ehrlich zugeben. Das lag zum einen daran, dass die Schauspieler teilweise vermummt agierten und sich oftmals auch sehr ähnlich sahen. Trotzdem habe ich den Film verstanden, was letztendlich auch das Wichtigste ist. 😉
Da der Film teilweise auf wahren Begebenheiten basiert, wirkt der Plot natürlich weitaus schockierender und beeindruckender. Der fast eine halbe Stunde andauernde Showdown entwickelt sich dann eher schon zu einer Blockbusterinszenierung, die es allerdings wirklich schafft, dass man die Zeit vergisst. Sicherlich wirkt „Operation Mekong“ an einigen Stellen wie übertriebenste Propganda, aber darüber kann / sollte man ruhig hinwegsehen, denn man wird, wie gesagt, mit einem ordentlichen Actioner belohnt, der unglaublich viel Spaß macht.

Was ebenfalls einen Großteil der hervorragenden Atmosphäre ausmacht, ist nicht nur der professionelle Inszenierungsstil, sondern auch die bombastische Filmmusik der Herren Henry Lai, Kwan Fai Lam und Julian Chan. Auch wenn man merkt, dass an einigen Stellen schamlos von Scores von Hans Zimmer oder auch Brian Tyler „geklaut“ wurde (oftmals fühlt man sich an Hans Zimmers genialen Soundtrack zu „The Rock“ erinnert), so klingen die Kompositionen definitiv auch nach dem Film noch nach, so stilsicher und passend sind sie eingesetzt. Insgesamt ist „Operation Mekong“ ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Fazit: Actionreicher Bombastthriller mit ausgefallenen Stunts und tollen Aufnahmen.

© 2019 Wolfgang Brunner

Nomis (2018)

nomis

Originaltitel: Nomis
Alternativtitel: Night Hunter
Regie: David Raymond
Drehbuch: David Raymond
Kamera: Michael Barrett
Musik: Alex Lu
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Henry Cavill, Ben Kingsley, Alexandra Daddario, Stanley Tucci, Brendan Fletcher, Minka Kelly, Nathan Fillion
Genre: Thriller
Produktionsland: USA, Kanada
FSK: ab 16 Jahre

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Seit mehreren Jahren sucht sich ein Serienkiller junge Frauen über das Internet, um sie sexuell zu missbrauchen. Cop Marshall kommt mit Unterstützung des radikalen Coopers, der zusammen mit seiner Tochter Jagd auf diese Kinderschänder macht und diese durch Selbstjustiz bestraft, einem Verdächtigen auf die Spur. Es handelt sich um den psychisch gestörten Simon, der offensichtlich mehrere Identitäten annehmen kann. Doch ganz so einfach, wie es auf den ersten Anschein aussieht, ist es doch nicht …

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Keine fünf Minuten dauert es, bis Regisseur David Raymond den Zuschauer mit seinem Psychothriller in den Bann zieht. Man fühlt sich, natürlich aufgrund der Thematik Serienkiller, in der ein oder anderen Szene an „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert, die in diesem Genre Meilensteine darstellen. Doch auch „Nomis“ bewegt sich in diese Richtung, was vor allem am geschickten inszenierten Plot  und zum anderen an einer phänomenalen Schauspielleistung von Brendan Fletcher liegt. Dazu aber später noch. Zuerst einmal bedarf es einer Schilderung, wie atmosphärisch „Nomis“ daherkommt. Durch die Figur des behinderten Simon stellt sich sofort eine bedrückende Stimmung ein, die sich durch den kompletten Film zieht. „Nomis“ ist düster, an einigen Stellen unglaublich brutal und in seiner Charakterzeichnung der Protagonisten tiefgehender als so manch andere Genrebeitrag. „Nomis“ macht Spaß, wenn man das bei dieser Art Thematik so nennen kann, und lässt die Zeit nur so dahinfliegen.

Henry Cavill und Ben Kingsley spielen fantastisch und man nimmt ihnen ihre Rollen uneingeschränkt ab. Ebenso können Alexandra Daddario und Stanley Tucci absolut überzeugen und verleihen dem Film einen authentischen Charme. Brendan Fletcher stiehlt jedoch allen die Show, wenn er in den psychisch behinderten und gestörten Simon zum Besten gibt. Das Szenario erinnert natürlich ein wenig an „Split“, in dem ein Serienkiller ebenfalls verschiedene Identitäten annimmt, aber „Nomis“ konzentriert sich eher nur auf zwei Seiten des Killers: eine böse und eine hilflose. Dieses doppelt Ich wird von Fletcher unglaublich intensiv dargestellt und man kann an manchen Stellen gar nicht glauben, dass dieser Mann nicht tatsächlich eine geistige Behinderung hat. Für mich war diese Darstellung oscarreif, so dass der Film weitaus mehr Beachtung verdient hätte, als ihm bisher widerfahren ist.

„Nomis“ folgt natürlich gewissen cineastischen Regeln, in dem sich zum Beispiel am Ende des Films ein Endkampf / Showdown entwickelt, den man natürlich in fast jedem Thriller auf ähnliche Art zu sehen bekommt. Da hätte man sich von den Machern etwas mehr Mut und eine unkonventionellere Vorgehensweise gewünscht, aber nach diesen Regeln / Vorgaben funktioniert anscheinend das Filmgeschäft. Nichtsdestotrotz stellt dieser „Makel“ ein Jammern auf hohem Niveau dar und tut dem Gesamtergebnis keinen Abbruch. „Nomis“ ist im Thrillergenre ein Höhepunkt des Produktionsjahres 2018 und man darf gespannt sein, ob, wann und vor allem was David Raymond hier nachlegt und ob er die selbst hochgelegte Messlatte wieder erreicht. „Absence of War“ soll der Actionthriller heißen, an dem er gerade arbeitet. Auf alle Fälle ist David Raymond ein Name, den man sich merken sollte, denn mit „Nomis“ hat er einen hervorragenden, atmosphärischen, intelligenten und spannenden Thriller abgeliefert, der sich wohltuend vom Einheitsbrei abhebt.

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Fazit: Atmosphärisch, intelligent, spannend. Mit einem hervorragenden Brendan Fletcher.

© 2019 Wolfgang Brunner

Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen (2018)

verurteilt

Originaltitel: Acusada
Regie: Gonzalo Tobal
Drehbuch: Ulises Porra, Gonzalo Tobal
Kamera: Fernando Lockett
Musik: Rogelio Sosa
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Lali Espósito, Gael Garcia Bernal, Leonardo Sbaraglia, Inés Estévez, Daniel Fanego, Gerardo Romano, Martina Campos
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Argentinien
FSK: ab 12 Jahre

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 Zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihrer besten Freundin muss sich die junge Dolores vor Gericht verteidigen,da sie unter Mordverdacht steht. Während ihre Eltern das Mädchen auf den Prozess vorbereiten, kämpft Dolores mit den Dämonen ihrer Vergangenheit.

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Gonzalo Tobas Gerichtsfilm braucht nicht lange, um den Zuschauer in einen hypnotischen Sog zu ziehen, dem man bis zum Ende des Dramas nicht mehr entkommen kann. In einer wunderbar ruhigen, aber nichtsdestotrotz sehr spannenden und emotionalen Weise lässt uns der Regisseur an den Problemen und der Gefühlswelt der Protagonistin teilhaben. Präzise, aber dennoch ein wenig undurchschaubar, präsentiert Tobas den Mordfall, der den Fall des „Engels mit den Eisaugen“, Amanda Knox, als Ausgangsidee benutzt. Lali Espósito zeigt eine wirklich beeindruckende darstellerische Leistung, die sie konstant durch den ganzen Film aufrechterhält. Aber nicht nur sie, sondern auch das komplette Ensemble kann durchwegs mit seinem Agieren überzeugen.

Es ist vor allem die ruhige, und im Grunde genommen absolut unspektakuläre Inszenierung, die diesen Film so intensiv und authentisch wirken lässt. Keine reißerischen Szenen, kein blutiger Mord, der detailliert zeigt, wie jemand sein Leben verliert und keine atemberaubende Gerichtsverhandlung, bei der mit allen Mitteln um die Schuld oder Unschuld der Angeklagten gekämpft wird. Untermalt von einer fantastischen, atmosphärischen Musik wendet sich Regisseur Gonzalo Tobas vielmehr der Psyche der Protagonistin zu und zeigt, wie man innerhalb der Familie mit den Verdächtigungen umgeht. Das Ganze wirkt dabei so echt, dass man tatsächlich in manchen Momenten vergisst, einer erfundenen Geschichte beizuwohnen. Für viele ist dieser gemächliche Inszenierungsstil mit Sicherheit ein ganz großer Minuspunkt, der in der heutigen Kinowelt, in der es nur noch um „größer, besser, bombastischer“ geht, keine Chance und auch keinen Bestand hat. Für Filminteressierte, die sich für Schauspielerei und inszenatorische Feinheiten begeistern können, wird „Verurteilt“ ein kleiner Höhepunkt sein.

Wer Tobas‘ Vorgängerfilm „Der unsichtbare Gast“ kennt, weiß, was ihn bei „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ erwartet. Ein gefühlvolles Drama, das zwar eine schreckliche Tat erzählt, sich aber eigentlich auf etwas völlig anderes konzentriert: nämlich das Innenleben eines Menschen, der mit seinen Problemen nicht klar kommt.
Durch seine raffinierte Erzählweise wird der Film in keiner Sekunde langweilig, weil man mit der Protagonistin (und auch deren Familie) mitfiebert und wissen möchte, was wirklich geschehen ist. „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ ist einer jener Ausnahmefilme, die bedeutend mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zukommt. Wer großes Erzählkino mag, wird an diesem Drama / Thriller nicht vorbeikommen.

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Fazit: Großartig erzähltes Drama, das durch seine ruhige Inszenierung punkten kann.

© 2019 Wolfgang Brunner

Domino – A Story of Revenge (2019)

domino

Originaltitel: Domino
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Petter Skavlan
Kamera: José Luis Alcaine
Musik: Pino Donaggio
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Carice van Houten, Guy Pearce, Søren Malling, Nicolas  Bro, Paprika Steen
Genre: Action, Thriller
Produktionsland: Dänemark
FSK: ab 16 Jahre

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Der Partner von Polizist Christian wird in Kopenhagener durch ein ISIS-Mitglied namens Imran ermordet. Christian jagt den Mörder, um den Tod seines Freundes zu rächen. Dabei gerät er immer tiefer in die terroristischen Machenschaften der ISI und schon bald beginnt für ihn ein Wettlauf gegen die Zeit, denn es geht plötzlich nicht mehr nur um Rache an seinem Partner, sondern darum, sein eigenes Leben zu behalten.

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Brian De Palma ist zurück! Auch wenn seine Filme der 90er und 2000er Jahre ansprechend und teilweise brillant waren, so besaßen sie nicht mehr den Charme seiner besten Werke wie „Schwarzer Engel“, „Carrie“ oder an erster Stelle „Dressed To Kill“.
Sieht man sich die ersten Minuten von „Domino“ an, denkt man, der Meisterregisseur wäre am Ende seiner Karriere angekommen und bringt nur noch zweitklassige Filme zustande. Doch weit gefehlt. Es dauert nicht lange und der typische Brian De Palma-Touch, den man in vielen seiner letzten Filme vermisst hat, tritt auf. Das liegt vielleicht auch am grandiosen Score von Pino Donaggio, der einen sofort wieder in die „goldene Ära“ des Regisseurs zurückwirft. Die Musik untermalt das Geschehen auf optimalste Weise und beschwört eine unglaubliche Stimmung hervor, deren Bann sich man nicht entziehen kann.

Aber nicht nur inszenatorisch und musikalisch kann „Domino“ auf ganzer Linie überzeugen. Auch die Schauspieler und der Plot vermögen zu faszinieren. Alle Akteure machen ihre Sache sehr gut und spielen überzeugend ihre Charaktere. Man nimmt ihnen jede Handlung und Äußerung ab. Die Handlung ist erschreckend realistisch und regt zum Nachdenken an. Sicherlich spielt De Palma mit Klischees, aber leider treffen die meisten dieser Dinge in der Realität zu. Religiöse Fanatiker, die über Leichen gehen, um ihren Glauben zu untermauern, sind heutzutage an der Tagesordnung und „Domino“ rückt diese „Bedrohung“ ein Licht, das einem an manchen Stellen wirklich unwohl wird. Der Plot ist auf alle Fälle äußerst zeitgemäß verfasst und spiegelt eine Welt wider, in der wir uns tatsächlich befinden. Die Thematik hat mich schon sehr betroffen gemacht und bei mir Angst vor solchen Menschen verursacht. Da hat Drehbuchautor Petter Skavlan, bekannt durch seine Skripts für „Sofies Welt“ und dem hervorragenden „Kon Tiki“, ganze Arbeit geleistet.

Wer erinnert sich nicht an die magische Szene aus „Dressed To Kill“, wenn die sexuell frustrierte Hausfrau Kate Miller durchs Museum irrt und immer wieder auf einen attraktiven Unbekannten stößt, der sie nicht aus den Augen lässt. Diese Passage wird untermalt von Pino Donaggios eindringlicher Musik und gleicht dadurch fast schon einer opernhaften Inszenierung. Eine ähnliche Szene gibt es auch in „Domino“: Wenn ein Selbstmordattentäter versucht, sich in einer gefüllten Stierkampfarena selbst in die Luft zu jagen, fühlt man sich an Brian De Palmas Meisterleistung aus „Dressed To Kill“ erinnert. Auch hier gehen Score und hypnotische Inszenierung eine Symbiose ein, die einen die Welt um sich herum vergessen lässt. Das ist ganz großes Kino ohne jeglichen Effekte-Schnickschnack. Hier zählt das Können von Regisseur, Filmmusikkomponist und Schauspielern. Solche Szenen machen süchtig und ich weiß schon jetzt, dass ich „Domino“ nicht nur einmal sehen werde. Der Film war eine absolut positive Überraschung für mich, die ich nicht so schnell vergessen werde. Brian De Palma kann es immer noch – und wie!

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Fazit: Fantastische Rückkehr von Brian De Palma zu seinen Wurzeln.

© 2019 Woilfgang Brunner

One Percent – Streets of Anarchy (2017)

one-percent

Originaltitel: 1 %
Alternativtitel: Outlaws
Regie: Stephen McCallum
Drehbuch: Matt Nable
Kamera: Shelley Farthing-Dawe
Musik: Chris Cobilis
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Ryan Corr, Abbey Lee, Simone Kessell, Josh McConville, Aaron Pedersen, Sam Parsonson, Eddie Baroo, Jacqui William, Matt Nable
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Knuck ist Anführer des kriminellen Motorradclubs mit dem klangvollen Namen „Copperheads“. Während er im Knast saß hatte sein Stellvertreter Paddo die Leitung über den Club und veränderte in dieser Zeit ein paar der eingefahrenen Strukturen. Als Knuck wieder auf freiem Fuß ist, kommt es unausweichlich zu einem Streit zwischen den beiden, aus dem nur einer von ihnen als Sieger hervorgehen kann.

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„One Percent“ wirbt mit dem deutschen ( 🙂 ) Untertitel „Streets of Anarchy“, was wohl einen dezenten Hinweis auf die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ darstellen und ein entsprechendes Publikum anlocken soll. Wie nicht anders zu erwarten, hinkt dieser Vergleich natürlich, denn der Film wirkt nur auf den ersten Anschein wie ein uninspirierter Abklatsch. „One Percent“ ist auch nicht in erster Linie ein Biker-Film, wie es das Cover suggeriert, sondern vielmehr ein Drama, das im Bikermilieu spielt. Während der ersten 20 Minuten war ich mir des öfteren nicht ganz sicher, ob mir der Film gefallen und zusagen würde, denn es wurde massivst mit vulgären Ausdrücken um sich geworfen. Das wirkte anfangs definitiv etwas störend auf mich und könnte den ein oder anderen Zuseher dazu veranlassen, den Film tatsächlich abzuschalten. Aber man sollte sich einfach darauf einlassen, denn ab einem gewissen Zeitpunkt wird einem klar, dass genau diese Ausdrucksweise das Milieu, in dem der Film angesiedelt ist, wiedergibt. Vor allem kommt dadurch auch eine besondere Dramatik auf, wenn man sich der Geschichte des behinderten Bruders des Protagonisten widmet.

Schauspielerisch gibt es an „One Percent“ absolut nichts auszusetzen. Auch die Frauen haben tragende Rollen inne, aber vor allem Josh McConville, der den Part des besagten behinderten Bruders übernommen hat, kann durch seine hervorragende Performance absolut überzeugen und auch begeistern. In meinen Augen ist er letztendlich auch die tragende Figur und daher heimliche Hauptrolle dieses Dramas. Im Nachhinein betrachtet, gewinnt der Film eine ganz außergewöhnliche Bedeutung für mich, da er mich in seiner konsequenten Tragik manchmal an den grandiosen „Gilbert Grape“ mit Leonardo diCaprio erinnert. „One Percent“ wird diejenigen enttäuschen, die einen reinen Motorradfilm erwarten, denn dafür sind viel zu wenig Bikeraufnahmen vorhanden. Wer allerdings ein handfestes Drama fürs Massenpublikum erwartet, wird ebenso enttäuscht sein, da sich der Film überwiegend abseits des Mainstream bewegt. So stellt „One Percent“ für mich irgendwie einen Art Filmhybrid aus Drama und Action dar, der nicht jedermanns Sache ist. Aber, wie bereits erwähnt, durchhalten lohnt sich auf alle Fälle und „One Percent“ ist auch ein Film, der definitiv hängenbleibt. Stephen McCallums Film mag auf den ersten Blick etwas oberflächlich und ohne Konzept wirken, brennt sich aber dennoch – so war es zumindest bei mir – ins Gedächtnis, weil er sehr realitätsnah inszeniert ist. Die Beziehung der beiden Brüder stellt für mich auf jeden Fall den Mittelpunkt der ganzen Geschichte dar und endet in einem äußerst dramatischen Finale.

Für mich ist „One Percent“ nach anfänglichen Schwierigkeiten ein Film, den man sich ohne weiteres öfters ansehen kann. Um noch einmal auf den Vergleich mit „Sons of Anarchy“ zurückzukommen: Der vorliegende „One Percent“ kann natürlich aufgrund seiner geringen Laufdauer nicht mit einer entsprechenden Tiefe aufwarten. Dennoch sind die Charaktere absolut toll ausgearbeitet und auch entsprechend gespielt. In keiner einzigen Minute hatte ich das Gefühl, einer Direct to DVD-Veröffentlichung zuzusehen. Die Inszenierung, die Schnitte und das Agieren der Schauspieler wirkten auf mich niemals wie ein B-Movie. Man sollte sich vielleicht auf diesen Film einlassen, ohne Vergleiche mit „Sons of Anarchy“ anzustellen, wenngleich diese vielleicht sogar vom Regisseur beabsichtigt waren. Als eigenständiger Film funktioniert „One Percent“ auf alle Fälle und kann optimal und professionell unterhalten. Ich habe ihn auf alle Fälle genossen.

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Fazit: An die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ angelehntes, aber sehenswertes Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner