One Percent – Streets of Anarchy (2017)

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Originaltitel: 1 %
Alternativtitel: Outlaws
Regie: Stephen McCallum
Drehbuch: Matt Nable
Kamera: Shelley Farthing-Dawe
Musik: Chris Cobilis
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Ryan Corr, Abbey Lee, Simone Kessell, Josh McConville, Aaron Pedersen, Sam Parsonson, Eddie Baroo, Jacqui William, Matt Nable
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Knuck ist Anführer des kriminellen Motorradclubs mit dem klangvollen Namen „Copperheads“. Während er im Knast saß hatte sein Stellvertreter Paddo die Leitung über den Club und veränderte in dieser Zeit ein paar der eingefahrenen Strukturen. Als Knuck wieder auf freiem Fuß ist, kommt es unausweichlich zu einem Streit zwischen den beiden, aus dem nur einer von ihnen als Sieger hervorgehen kann.

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„One Percent“ wirbt mit dem deutschen ( 🙂 ) Untertitel „Streets of Anarchy“, was wohl einen dezenten Hinweis auf die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ darstellen und ein entsprechendes Publikum anlocken soll. Wie nicht anders zu erwarten, hinkt dieser Vergleich natürlich, denn der Film wirkt nur auf den ersten Anschein wie ein uninspirierter Abklatsch. „One Percent“ ist auch nicht in erster Linie ein Biker-Film, wie es das Cover suggeriert, sondern vielmehr ein Drama, das im Bikermilieu spielt. Während der ersten 20 Minuten war ich mir des öfteren nicht ganz sicher, ob mir der Film gefallen und zusagen würde, denn es wurde massivst mit vulgären Ausdrücken um sich geworfen. Das wirkte anfangs definitiv etwas störend auf mich und könnte den ein oder anderen Zuseher dazu veranlassen, den Film tatsächlich abzuschalten. Aber man sollte sich einfach darauf einlassen, denn ab einem gewissen Zeitpunkt wird einem klar, dass genau diese Ausdrucksweise das Milieu, in dem der Film angesiedelt ist, wiedergibt. Vor allem kommt dadurch auch eine besondere Dramatik auf, wenn man sich der Geschichte des behinderten Bruders des Protagonisten widmet.

Schauspielerisch gibt es an „One Percent“ absolut nichts auszusetzen. Auch die Frauen haben tragende Rollen inne, aber vor allem Josh McConville, der den Part des besagten behinderten Bruders übernommen hat, kann durch seine hervorragende Performance absolut überzeugen und auch begeistern. In meinen Augen ist er letztendlich auch die tragende Figur und daher heimliche Hauptrolle dieses Dramas. Im Nachhinein betrachtet, gewinnt der Film eine ganz außergewöhnliche Bedeutung für mich, da er mich in seiner konsequenten Tragik manchmal an den grandiosen „Gilbert Grape“ mit Leonardo diCaprio erinnert. „One Percent“ wird diejenigen enttäuschen, die einen reinen Motorradfilm erwarten, denn dafür sind viel zu wenig Bikeraufnahmen vorhanden. Wer allerdings ein handfestes Drama fürs Massenpublikum erwartet, wird ebenso enttäuscht sein, da sich der Film überwiegend abseits des Mainstream bewegt. So stellt „One Percent“ für mich irgendwie einen Art Filmhybrid aus Drama und Action dar, der nicht jedermanns Sache ist. Aber, wie bereits erwähnt, durchhalten lohnt sich auf alle Fälle und „One Percent“ ist auch ein Film, der definitiv hängenbleibt. Stephen McCallums Film mag auf den ersten Blick etwas oberflächlich und ohne Konzept wirken, brennt sich aber dennoch – so war es zumindest bei mir – ins Gedächtnis, weil er sehr realitätsnah inszeniert ist. Die Beziehung der beiden Brüder stellt für mich auf jeden Fall den Mittelpunkt der ganzen Geschichte dar und endet in einem äußerst dramatischen Finale.

Für mich ist „One Percent“ nach anfänglichen Schwierigkeiten ein Film, den man sich ohne weiteres öfters ansehen kann. Um noch einmal auf den Vergleich mit „Sons of Anarchy“ zurückzukommen: Der vorliegende „One Percent“ kann natürlich aufgrund seiner geringen Laufdauer nicht mit einer entsprechenden Tiefe aufwarten. Dennoch sind die Charaktere absolut toll ausgearbeitet und auch entsprechend gespielt. In keiner einzigen Minute hatte ich das Gefühl, einer Direct to DVD-Veröffentlichung zuzusehen. Die Inszenierung, die Schnitte und das Agieren der Schauspieler wirkten auf mich niemals wie ein B-Movie. Man sollte sich vielleicht auf diesen Film einlassen, ohne Vergleiche mit „Sons of Anarchy“ anzustellen, wenngleich diese vielleicht sogar vom Regisseur beabsichtigt waren. Als eigenständiger Film funktioniert „One Percent“ auf alle Fälle und kann optimal und professionell unterhalten. Ich habe ihn auf alle Fälle genossen.

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Fazit: An die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ angelehntes, aber sehenswertes Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner

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Central Park (2017)

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Originaltitel: Central Park
Regie: Justin Reinsilber
Drehbuch: Justin Reinsilber
Kamera: Eun-ah Lee
Musik: Andre Fratto
Laufzeit: 90 Minuten
Darsteller: Justin Reinsilber, Grace Van Patten, Justiin A. Davis, Deema Aitken, Ruby Modine, Guillermo Arribas, Michael Lombardi, Sarah Mezzanotte, Pauline Walsh
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: USA
FSK: ab 18 Jahre

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Sechs Freunde planen eine Nacht voller Spaß. Der Schulalltag ist langweilig und das Familienleben schier unerträglich. Daher wollen sich Harold und seine Freunde nachts im Central Park treffen. Doch ein rachsüchtiger Killer lauert ihnen auf, der sie  umzubringen will, um die Sünden seiner Vergangenheit zu bezahlen.

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„Central Park“ wird als Hommage an die guten alten Slasherfilme der 80er Jahre angepriesen. Bei solchen Vergleichen denkt man natürlich unweigerlich an Klassiker wie „Freitag der 13“ oder „Halloween“, um nur die bekanntesten Vertreter zu nennen. Der Vergleich hinkt auch nicht wirklich, denn „Central Park“ reiht sich tatsächlich in diese Art von Horrorfilmen ein. Er ist ein wenig nostalgisch gemacht und bringt daher die Stimmung der damaligen Filme auf jeden Fall rüber. Allerdings wartet man vergebens auf einen waschechten Slasherfilm, der, zumindest in meinen Augen, auch einen gewissen Anteil an Splatterelementen beinhalten sollte. Und da schlägt Regisseur Justin Reinsilber irgendwie einen anderen Weg ein. „Central Park“ geizt nämlich mit solchen Kills. Lediglich an zwei Stellen rechtfertigt sich eine FSK 18-Freigabe, ansonsten sieht man in Filmen, die ab 16 Jahren freigegeben sind, weitaus brutalere Morde.
Das heißt jetzt aber nicht unbedingt, dass dieser Film schlecht ist. Er ist nur etwas anders, als man aufgrund der Vergleiche, die geäußert wurden, erwartet hätte.

Was mir persönlich sehr positiv aufgefallen ist, ist der langsame Aufbau des Plots. Der Regisseur lässt sich bei der Entwicklung der Charaktere Zeit. Es vergeht gut die Hälfte des Films, bevor überhaupt etwas in Richtung Horror passiert. Leider wird alleine diese Tatsache die meisten Horrorfans enttäuschen. „Central Park“ ist eben kein Film, der nur blutiger und brutaler Kills wegen gedreht wurde. Es kam mir des Öfteren vor, dass der Regisseur in erster Linie das Leben von Jugendlichen in einer Großstadt beschreiben wollte. Und dies ist ihm auch sehr gut gelungen. Der Killer in „Central Park“ erschien mir allerdings ziemlich einfallslos und ist meiner Meinung nach weit davon entfernt, zu einer Kultfigur zu werden. Und auch die Auflösung des Ganzen hat mich nicht hundertprozentig überzeugt, obwohl sie von der Idee her gar nicht einmal so schlecht ist.
„Central Park“ ist dennoch ein empfehlenswerter Film, den man sich ansehen sollte. Denn gerade aufgrund seiner relativ ruhigen Inszenierung schafft er eine ganz eigene Stimmung, an die man auch noch denkt, wenn der Film schon längst zu Ende ist. Ich werde mir „Central Park“ auf jeden Fall  noch einmal ansehen, denn trotz meiner Kritikpunkte hat er mir gut gefallen. Vor allem, weil er sich eben von anderen Filmen dieser Art ein wenig abhebt.

„Central Park“ bietet nicht wirklich Neues zum Thema Horror- und/oder Slasherfilm. Aber vielleicht ist es gerade diese Tatsache, die den Film zu einer modernen Variante des nostalgischen und leicht verklärten Rückblicks in eine andere Filmzeit, nämlich die der 80er Jahre, macht. Und vielleicht ist es auch genau dieser Punkt, warum mich dieser Film auf eine besondere Art und Weise nicht mehr loslässt. „Central Park“ versucht nämlich nicht, mit aller Macht irgendwelche Gore-Effekte des Genres zu toppen oder das Publikum auf noch ausgeklügeltere Weise zu schockieren, sondern geht im Grunde genommen einen ganz simplen Weg, nämlich den des guten alten Horrorfilms. Wer es schafft, an diesen Film nicht mit allzu hohen Erwartungen heranzugehen, dürfte durchaus seinen Spaß daran haben. Wer eines Splatterorgie oder extrem blutige Spezialeffekte erwartet, sollte vielleicht lieber die Finger davon lassen. Denn die Enttäuschung könnte letztendlich doch zu groß sein.

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Fazit: Old School Horror, der relativ unblutig daherkommt, aber dennoch sehenswert ist.

©2019 Wolfgang Brunner

Nachtfalken (1981)

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Originaltitel: Nighthawks
Regie: Bruce Malmuth
Drehbuch: David Shaber
Kamera: James A. Contner
Musik: Keith Emerson
Laufzeit: 97 Minuten
Darsteller: Sylvester Stallone, Billy Dee Williams, Rutger Hauer, Lindsay Wagner, Persis Khambatta, Nigel Davenport, Joe Spinell
Genre: Thriller
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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‚Wulfgar‘, einer der gefürchtetste Terroristen Europas, macht sich ohne Vorwarnung in New York City bemerkbar, wo er einen Anschlag verübt. Deke DaSilva  und Sergeant Matthew Fox  erhalten den Auftrag, Wulfgar zu finden und zur Strecke zu bringen, bevor er einen weiteren Anschlag verüben kann. Ein brutales Katz-und-Maus-Spiel beginnt …

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„Nachtfalken“ gehört zu jenen Filmen, die seinerzeit bei ihrem Erscheinen unterschätzt wurden und teilweise auch heute noch unterschätzt werden. Das mag bei dem vorliegenden Thriller verschiedene Ursachen haben. Zum einen könnte es zum Beispiel daran liegen, dass von Sylvester Stallone zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg etwas anderes erwartet wurde und zum anderen wirkte der Plot wohl im Grunde genommen unrealistisch. Denn keiner hätte damals gedacht, dass solche Attentate, wie im Film gezeigt, in den USA möglich wären. „Nachtfalken“ ist in meinen Augen ein ganz besonderer Film, weil er nämlich Stallone in einer für ihn eigentlich untypischen Rolle zeigt, die aber wie ihm auf den Leib geschnitten wirkt. Auch sein Äußeres – man bekommt Stallone mit Vollbart zu sehen, der ihm übrigens ziemlich gut steht, hebt diesen Film von all seinen anderen ab.

Das Zusammenspiel mit Billy Dee Williams, mit dem er übrigens noch immer nach so vielen Jahrzehnten gut befreundet ist, wirkt auch heute noch äußerst sympathisch. Die beiden verstehen sich einfach und das sieht man auch. Interessant ist hier auch auch, Williams einmal in einer komplett anderen Rolle als der von Lando Calrissian aus „Star Wars“ zu sehen. Das macht richtig Spaß. Der Copthriller bietet neben diesen beiden Darstellern auch noch einen jungen Rutger Hauer, der ebenfalls absolut in seiner Rolle passt und den man ein Jahr später in seiner bekanntesten Rolle, nämlich als Replikant in Ridley Scotts Klassiker „Blade Runner“, zu sehen bekam. Insgesamt verstreicht der Film wie im Fluge, weil sehr viel geboten wird. Was außerdem noch äußerst attraktiv in meinen Augen ist, ist die Tatsache, dass hier sehr unspektakulär ein spektakulärer Fall gezeigt wird. Keine Computeranimationen sind zusehen, sondern nur echte, handgemachte Effekte. Hinzu kommt ein äußerst passender Score von Keith Emerson, der sowohl den film passend untermalt wie auch einen Einblick in den damaligen Zeitgeist gibt. Das verhält sich aber nicht nur mit der Filmmusik so, sondern auch mit der Ausstattung des gesamten Films. „Nachtfalken“ ist eine Zeitreise in eine andere Filmära und die 80er Jahre. Auch das Wiedersehen mit Joe Spinell, der den irren Mörder im Kultfilm „Maniac“ von William Lustig darstellt, macht ungemein Spaß.

Koch Media hat diesen Film nun endlich in einem schicken Mediabook auf den Markt gebracht, bei dem sich die Bildbearbeitung angenehm bemerkbar macht. Man sieht „Nachtfalken“ sicherlich sein Alter an, aber in einigen Einstellungen ist es sehr gut gelungen, das Bestmögliche aus dem Material herauszuholen. „Nachtfalken“ ist ein Zeitdokument in Sachen Copthriller und erfährt vielleicht durch diese Neuveröffentlichungen endlich wieder mehr Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar die Aufmerksamkeit, die der Film damals bei seinem Erscheinen verdient hätte. „Nachtfalken“ ist ein typischer Retrofilm der 80er Jahre, den man keinesfalls mit ähnlichen Filmen aus der heutigen Zeit vergleichen sollte. Man muss und sollte sich auf diesen Film einlassen, um den gewissen Flair, den die heutigen Filme eben leider oftmals nicht mehr oder zumindest nicht in dieser Art besitzen, voll zu genießen.

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Fazit: Routiniertes Actionkino mit gutgelaunten Darstellern.

© 2019 Wolfgang Brunner

Galveston – Die Hölle ist ein Paradies (2018)

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Originaltitel: Galveston
Regie: Mélanie Laurent
Drehbuch: Jim Hammett
Kamera: Dagmar Weaver-Madsen
Musik: Marc Chouarain
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: Ben Foster, Elle Fanning, Lili Reinhart, Adepero Oduye, Robert Aramayo, Maria Valverde, Beau Bridges
Genre: Drama, Thriller, Literatur
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Roy ist Profikiller und lebt irgendwie am Limit: Drogen und die Angst vor Lungenkrebs begleiten ihn durchs Leben. Für den in schmutzige Geschäfte verwickelten Stan  erledigt er so manch Drecksarbeit. Doch bei seinem letzten Auftrag geht einiges schief und er wird zur Flucht mit der jungen Prostituierten Rocky gezwungen,  die noch dazu ihre kleine Schwester mit hineinzieht. Ausgerechnet Roys Heimatstadt Galveston wird zum letzten Zufluchtsort für das ungleiche Trio, das von Stans Killern gejagt wird …

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Was für ein Film! Ohne jegliche Spezialeffekte, sondern nur mit atemberaubenden Schauspielerleistungen kann dieses Drama uneingeschränkt auftrumpfen. Es ist unglaublich, und aus meiner Sicht schon oscarreif, wie Ben Foster seine Rolle in diesem Drama meistert. Schon nach den ersten Minuten weiß man, was dieser Film bietet. Ein intensives Drama, dass einem wirklich den Atem nimmt. Ruhig und intensiv, aber dennoch mitreißend und voller Action. Es ist ein wirklich gelungener Genremix, den Mélanie Laurent nach einem Drehbuch von Jim Hammett in Szene gesetzt hat. Jim Hammet hat das Script nach seiner eigenen Romanvorlage (die er unter seinem richtigen Namen Nic Pizzolatto veröffentlicht hat) verfasst und dürfte den meisten Film- und Serienfanatikern durch seine Vorlage für „True Detectives“ bekannt sein.

„Galveston“ ist in erster Linie ein Roadmovie, in dem sich aber neben einer actionreichen, teilweise gewalttätigen Handlung auch ein Drama und eine sehr poetische und nachdenklich stimmende Liebesgeschichte verbirgt. Gerade letztere hat es mir persönlich angetan und mich sehr gefesselt und emotional berührt. Ein Hauch von „Lolita“ vermischt sich mit dem dramatischen Lebensabschnitt der beiden Protagonisten, die sich ihre Zuneigung nicht immer direkt zu verstehen geben. Genau das macht aber den Reiz jenes Aspekts dieses Films aus. Man fühlt und leidet mit den beiden, fühlt sich schlecht und glücklich gleichermaßen und beginnt immer wieder einen Hoffnungsschimmer inmitten all der sinnlosen Gewalt zu entdecken. „Galveston“ hätte gut und gerne auch aus der Feder von Larry Brown stammen können, der seinen Protagonisten ähnliche Steine in den Lebensweg legt. Die Lebensumstände erscheinen auch hier hoffnungslos, aber dennoch steckt der Plot seltsamerweise irgendwie doch voller Hoffnung. Es ist eine Gratwanderung, die sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch absolut gelungen ist.

 „Galveston“ ist, wenn man sich darauf einlässt beziehungsweise einlassen kann, ein unglaublich emotionaler Film, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Der französischen Regisseurin Mélanie Laurent rechne ich hoch an, dass sie den Stoff konsequent ohne Hollywood-Touch inszeniert hat und schonungslos auf ein Ende hinarbeitet, mit dem der Durchschnittskinogänger mit Sicherheit nicht rechnet. Alleine aus diesem Grund, und natürlich den fulminanten Leistungen der Schauspieler – allen voran Ben Foster – ist „Galveston“ ein absolutes Muss für Filminteressierte. Diesen Film kann ich ohne Einschränkungen zu den Streifen zählen, die ich mir vierundzwanzig Stunden nach der Erstsichtung sofort wieder ansehen könnte. Energiegeladen und eindringlich, mit diesen beiden Wörtern lässt sich die Atmosphäre von „Galveston“ vielleicht am besten beschreiben. Der Spannungsbogen des Films entwickelt sich nach einem kurzen Intro, das der Beschreibung der Personen und der jeweiligen Situationen, in denen sie sich befinden, dient, zu einem Wirbelsturm aus den verschiedensten Emotionen. Bis hin zum dramatischen und ergreifenden Finale.
Dem Film wird immer wieder vorgeworfen, er vertiefe nicht genug die Charaktere, weswegen man ihnen nie genug nahekäme, um ihre Gefühle zu verstehen. Das kann ich definitiv nicht bestätigen. Beide Charaktere wuchsen mir ans Herz und ich konnte, gerade im letzten Drittel, die Liebe zwischen ihnen förmlich spüren. „Galveston“ ist für mich ein grandioser Film.

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Fazit: Roadmovie mit einer emotionaler Wucht, die zwischen den Bildern steckt.

© 2019 Wolfgang Brunner

Das Haus der Vergessenen (1991)

Haus der Vergessenen Mediabook

Originaltitel: The People under The Stairs
Regie: Wes Craven
Drehbuch: Wes Craven
Kamera: Sandi Sissel
Musik: Don Peake
Laufzeit: 102 Minuten
Darsteller: Brandon Adams, Everett McGill, Wendy Robie, A. J. Langer, Ving Rhames, Sean Whalen, Bill Cobbs
Genre: Horror, Komödie
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Der 13-jährige Fool will seiner todkranken Mutter und der gesamten Familie helfen und sucht nach Möglichkeiten, zu Geld zu kommen. Zusammen mit LeRoy bricht er in ein Haus ein, in dem sich angeblich Gold befinden soll. Doch die Bewohner, ein psychopathisches Geschwisterpaar, entdecken die Eindringlinge und schotten das gesamte Haus ab, so dass es kein Entkommen für Fool und seinen Kumpel gibt. Während sie nach einem Ausweg suchen, entdecken sie seltsame Mitbewohner, die von den Geschwistern im Keller gefangen gehalten werden …

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Wes Cravens „Das Haus der Vergessenen“ ist ein vollkommen zu Unrecht unterschätzter Film, der inmitten von Erfolgen wie „Nightmare On Elm Street“ oder „Die Schlange im Regenbogen“ schlichtweg in Cravens Filmografie untergegangen ist. Vielleicht lag es daran, dass sich der Film trotz seiner sozialkritischen Aspekte nicht genau zwischen hartem Splatter und vollkommen überdrehter Horrorkomödie entscheiden konnte. Cravens Publikum hatte wahrscheinlich einen ernsteren Film erwartet und ließ sich dadurch nicht auf die schrägen Slapstick-Einlagen ein. „Das Haus der Vergessenen“, dessen Originaltitel „The People Under The Stairs“ aus meiner Sicht übrigens viel besser passt, wurde zu einem vergessenen, kleinen Meisterwerk des Kultregisseurs. Denn, wenn man sich auf die absurde Situationskomik dieses Films einlassen kann, wird man mit einem Feuerwerk an Unterhaltungskino belohnt. Sicherlich mag der ein oder andere Effekt das heutige Publikum nicht mehr aus den Socken hauen, aber im Zuge der Retrowelle könnte „Das Haus der Vergessenen“ doch wieder bestimmt bei einigen punkten.

Wes Craven hat, wie so oft in seinen Filmen (und wie unter anderem auch seine geschätzten Regiekollegen George A. Romero oder John Carpenter), auch hier eine Ausgangssituation erschaffen, die einen Pseudo-sozialkritischen Aspekt vorschiebt, um dann letztendlich in einem Horrorszenario zu enden. Doch bei „Das Haus der Vergessenen“ ging Craven einen Weg, wie ihn Peter Jackson einst auch bei seinem Kultfilm „Braindead“ einschlug, in dem er nämlich Horror- und Splatterelemente mit komödiantischen Einlagen vermischte. Man kann „Das Haus der Vergessenen“ eigentlich nicht ernst nehmen. Und man sollte es auch nicht tun, denn zuviel des Unterhaltungswertes gingen verloren, täte man es. 😉
Die hundert Minuten fliegen nur so dahin, was schon einmal unter die positiven Aspekte des Film fällt, und es macht unglaublich Spaß den Protagonisten zuzusehen. Da wären nämlich zum einen die psychopathischen Geschwister, dargestellt vom „Twin Peaks“-Ehepaar Everett McGill und Wendy Robie, die sich während der Handlung in skurrile Figuren verwandeln, die nicht mehr ernstgenommen werden können. Gegen Ende des Film haben sie sich von bedrohlichen Feinden in Karikaturen verwandelt, die aus einem „Tom und Jerry“-Comic entsprungen sein könnten. Daneben glänzt der junge Farbige Brandon Adams (den man übrigens aus Michael Jacksons „Moonwalker“ kennt) in einer sympathischen Hauptrolle, die an so manch einen Horrorfilm der „goldenen 80er Jahre“ erinnert, in denen Teenager die tragenden Rollen spielten. Die Musik von Don Peake unterstreicht diesen Eindruck zusätzlich.

Koch Media hat dieses Kleinod wieder aus der Versenkung geholt und in einem wunderschönen Mediabook  veröffentlicht, das dem Film absolut gerecht wird und ihn genau so behandelt, wie er schon die vergangenen Jahre hätte behandelt werden sollen. „Das Haus der Vergessenen“ ist sozusagen ein „Partyfilm“, ein spannender Zeitvertreib, bei dem man sich zwischendurch auch hervorragend amüsieren kann, wenn man Everett McGill zum Beispiel dabei zusieht, wie er in voller S/M-Ledermontur sein eigenes Haus zerballert und dabei hysterisch rumschreit. Diese Skurrilität ist es auch, die neben der noch immer (zumindest für mich) gelungenen Atmosphäre, diesen Film aus- und zu etwas Besonderem macht. Sicherlich ist „Das Haus der Vergessenen“ nicht Wes Cravens Meisterwerk, aber es ist auf alle Fälle innovativ und mutig, indem es nämlich damals durch seine schrägen Figuren und Charakterzeichnungen dem Horrorgenre neue Impulse gab.
Warum dieser Film allerdings über Jahrzehnte hinweg sogar indiziert war, kann ich absolut nicht nachvollziehen. Wie oben schon erwähnt, ist dieser Film einfach viel zu überdreht und überzogen inszeniert, als dass er jugendgefährdend sein könnte, zumal auch noch ein jugendlicher Held im Vordergrund steht. Für mich immer wieder sehenswert und in dieser perfekten Ausstattung, die dieses Mediabook bietet, sowieso.

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Fazit: Überdrehte Charaktere in einem atmosphärischen Horrorthriller. Seinerzeit innovative, aber leider missverstandene Perle eines Kultregisseurs.

© 2018 Wolfgang Brunner

Anon (2018)

Anon

Originaltitel: Anon
Regie: Andrew Niccol
Drehbuch: Andrew Niccol
Kamera: Amir Mokri
Musik: Christophe Beck
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Clive Owen, Amanda Seyfried, Colm Feore, Sonya Walger, Mark O’Brien, Joe Pingue, Iddo Goldberg
Genre: Science Fiction, Thriller
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
FSK: ab 12 Jahre

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In einer Welt, in der die Privatsphäre eines Menschen praktisch nicht mehr existiert, trifft Detektiv Sal Frieland auf eine Frau, die sich gegen diese Art von Gläsernheit schützen kann und sogar die Erinnerungen von Menschen manipulieren kann. Frieland will unbedingt ihre wahre Identität enträtseln …

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Schon nach den ersten Minuten merkt man, dass man einen neuen Film von Andrew Niccol sieht. Zu sehr erinnert das Set seiner dystopischen Zukunftsvision an den unglaublich guten „Gattaca“. Doch noch ein anderer Kultfilm fiel mir nach den ersten zehn Minuten immer wieder ein, als ich die betörend faszinierenden Bilder in Verbindung mit der sehr atmosphärischen Musik von Christophe Beck auf mich einwirken ließ: Ridley Scotts „Blade Runner“. Vielleicht lag es tatsächlich an den ruhigen Klavierklängen, die mich sehr oft an die elektrisierende Verfilmung von Phillip K. Dicks Kultroman denken ließen, es kann aber auch durchaus sein, dass die Kulissen und die ruhige Inszenierung daran schuld war, dass mir dieser Film immer wieder in den Sinn kam. „Anon“ kann zwar nicht mit „Blade Runner“ verglichen werden, aber die Atmosphäre kam den schon sehr nahe, zumal es sich auch hier um eine Mordermittlung in einer zukünftigen Welt handelte.

Andrew Niccol hat zudem noch eine faszinierende Mischung aus Film Noir und moderner Science Fiction-Mär geschaffen, in dem er nämlich eine High Tech-Welt mit „alten“ Kulissen miteinander verband. In der einen Sekunde sieht man modernste Computergrafiken und in der nächsten Oldtimer-Wagen, in denen kettenrauchende Ermittler sitzen. Gerade diese Gegensätze machen „Anon“ zu einem ganz besonderen Film, der nämlich zum einen wie eine Hommage an die alten Detektivfilme wirkt und zum anderen den technisch aktuellsten Stand der heutigen Zeit zeigt. Der Plot regt definitiv zum Nachdenken an, was die Entwicklung der Technik mit uns Menschen macht. Die Privatsphäre leidet schon jetzt in Zeiten der sozialen Netzwerke ungemein und wenn man genauer darüber nachdenkt, wird einem klar, dass Niccols Zukunftsvision fast schon zur Realität geworden ist. Der Film zeigt auf, wie es enden könnte, wenn Regierungen die Bürger immer mehr zu gläsernen Menschen machen.  „Anon“ ist beklemmend und beängstigend, bietet aber trotz seiner kritischen Momente auch gute, spannende und kurzweilige Unterhaltung. Er reiht sich aus meiner Sicht in beklemmende Zukunftsvisionen wie zum Beispiel „Her“ oder „I Origins“ ein und bleibt, zumindest bei mir, im Gedächtnis haften.

Schauspielerisch konnte Clive Owen absolut überzeugen, während Amanda Seyfried nicht immer glaubwürdig wirkte, was aber durchaus auch an ihrer Rolle liegen könnte. „Anon“ mag auf viele Zuseher lahm wirken, weil er sehr wenig Action bietet. Aber genau diese Art von Zukunftsvisionen ist es doch, die uns absolut glaubwürdig vor Augen hält, wie die Welt von Morgen aussehen könnte. Und „Anon“ ist nicht weit entfernt von diesem Szenario. Mit wirklich starken und stylischen Bildern nimmt uns der Regisseur absolut gefangen und lässt seine Vision noch eine Weile, nachdem der Film geendet hat, nachwirken. „Anon“ ist ein Film, der nicht für Blockbuster-Zuschauer gemacht ist, sondern sich an das ArtHouse-Publikum wendet. Niccols Film wirkt auf den ersten Blick steril und emotionslos, wenn man aber zwischen den Bildern genau hinsieht, entdeckt man jede Menge (verlorener) Gefühle. Zudem unterstreicht diese sterile Inszenierung die Ängste der Menschen, die fast keine Geheimnisse mehr für sich behalten können. Für mich war „Anon“ eine wirklich düstere Dystopie, die mich zum einen sehr gut unterhalten und zum anderen auch beschäftigt hat.
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Fazit: Stylische Zukunftsvision, in der Privatsphäre nicht mehr existiert. Glaubhafte Mischung aus SF-Thriller und Film Noir.

© 2018 Wolfgang Brunner

Skinless (2013)

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Originaltitel: The Ballad Of Skinless Pete
Regie: Dustin Mills
Drehbuch: Dustin Mills, Brandon Skalkil
Kamera: Dustin Mills
Musik: Dustin Mills
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Brandon Skalkil, Erin R. Ryan, Dave Parker, Allison Egan
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: USA
FSK: keine Prüfung

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Dr. Peter Peele, selbst an Krebs erkrankt, hat ein Heilmittel gegen die Krankheit entwickelt.Allerdings scheitern die weiteren Experimente an finanzierungswilligen Geldgebern, so dass sich Peele entschließt, das Serum an sich selbst zu testen. Ihm ist nicht klar, welch ein Monster er dadurch erschafft. Als dann auch noch seine Kollegin Dr. Alice Cross auftaucht, nimmt die schreckliche Entwicklung des Versuches dramatische Ausmaße an.

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„Skinless“ trägt im Original einen weitaus besseren und geeigneteren Titel, nämlich „The Ballad of Skinless Pete“. Hier wird bedeutend mehr auf die eigentliche Aussage des Films eingegangen, bei dem es sich tatsächlich mehr um eine Ballade a lá Nick Cave handelt, als um einen blutigen Splatter-Horrorfilm. Regisseur Dustin Mills, der auch Drehbuch, Kamera, Schnitt und Musik übernommen hat, orientiert sich mit seinem Wisenschafts-Bodyhorror unübersehbar an David Cronenberg. Nur allzu oft fühlt man sich an „Die Fliege“ erinnert, was aber nicht weiter schlimm ist, denn Mills erzählt zum einen eine eigene Geschichte und vermag die relativ simpel gestrickte Handlung durch einen sehr gelungenen Inszenierungsstil unterhaltsam zu präsentieren. Kurz gesagt: „Skinless“ hat mir in seiner Einfachheit, aber nichtsdestoweniger gut vermittelten Stimmung, sehr gut gefallen.
Mills hat diesen Film komplett in seinem eigenen  Haus gedreht, um Kosten zu sparen und wahrscheinlich so oft wie möglich am Drehort sein zu können. Erstaunlicherweise sieht man das dem fertigen Film nicht an, da man so von der Handlung und Inszenierung gefangen genommen wird, dass man gar nicht bemerkt, dass sich alles nur innerhalb weniger Räume abspielt. Auch das muss man als Regisseur erst einmal hinbekommen. 😉

Streckenweise fühlte ich mich tatsächlich an die berühmt-berüchtigten Underground-Filme von Jörg Buttgereit („Necromantic“, „Der Todesking“ oder „Schramm“) erinnert. Mills schafft eine unglaublich spannende Atmosphäre, die bereits in den ersten Minuten des Films einsetzt und sich konstant bis zum dramatischen Finale (man möchte fast schon „traurigen Ende“ sagen) durchzieht. Die Schauspieler machen ihre Sache durchaus gut und geben durch ihre „unperfekte“ Natürlichkeit dem Ganzen noch einen zusätzlichen Hauch von Authentizität. „Skinless“ erzählt tatsächlich eine Geschichte, und noch dazu eine gute (wenngleich nicht weltbewegend neu), und hebt sich dadurch von den vielen „Schlachtplatten des Undergroundfilms“ wohltuend ab. Mills hält nicht immer die Kamera drauf, sondern „kaschiert“ seine wirklich gut gemachten Spezialeffekte mit künstlerischen Ideen, so dass manch einer der Effekte, der mit Sicherheit lächerlich gewirkt hätte, hätte man ihn direkt und lange gefilmt, beeindruckend gut aussieht. Das ist vielleicht auch der große Pluspunkt von „Skinless“: Im Vordergrund steht die Geschichte, die lediglich durch Spezialeffekte gewürzt wird und somit ein stimmiges Gesamtbild abgibt. Interessanterweise vergisst man schon bald, dass es sich um einen sogenannten Amateurfilm handelt, denn sowohl die Handlung und die Inszenierung wie auch die Schauspieler schaffen es, den Zuschauer vollkommen in seinen Bann zu ziehen.

Ich persönlich fand ich die von Regisseur Dustin Mills selbst komponierte Musik sehr passend. Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass der Score unerträglich sei. Das kann ich definitiv nicht so bestätigen. Für mich haben die Klänge absolut gut zur Stimmung beigetragen. „Skinless“ ist eine Mischung aus  David Cronenbergs „Die Fliege“ und Clive Barkers „Hellraiser“ auf gehobenem Amateurfilm-Niveau. Die blutigen Effekte sind zwar nicht immer hunderprozentig gelungen, dafür aber Old School Handmade, und das alleine ist es schon wert, sich „Skinless“ anzusehen. An anderen Stellen wiederum sind die Masken sehr glaubwürdig und eklig dargestellt, so dass auch Splatterfreunde auf ihre Kosten kommen. Letztendlich ist aber „Skinless“ auf gewisse Art und Weise ein Liebesfilm (womit wir dann schon wieder bei Buttgereit landen 😉 ), der von Zuneigung, Sehnsucht und auch Vergebung erzählt. Dustin Mills hat einen sehr guten Film abgeliefert, denn ich mir mit Sicherheit noch einmal ansehen werde, und das will dann schon was heißen. 🙂 Vor allem hat es mir hier die Geschichte angetan, bei der blutige Spezialeffekte nur die zweite Geige spielen und sich absolut nicht in der Vordergrund drängen. Schön, dass sich ein Label wie „Dirt n Dust“ darum sorgt, dass wir solch kleine Independent-Underground-Perlen auf dem deutschen Markt zu sehen bekommen. Auf eine Synchronisation wurde verzichtet, so dass sich der Zuschauer mit deutschen Untertiteln zufriedengeben muss, was aber den Unterhaltungswert keinesfalls schmälert.

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Fazit: Interessanter Amateurfilm, der an Cronenbergs „Die Fliege“ erinnert und sein Hauptaugenmerk auf die Handlung und nicht die blutigen Spezialeffekte legt.

© 2018 Wolfgang Brunner