What’s wrong with you? (2019)

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Originaltitel: What’s wrong with you?
Regie: Sebastian Zeglarski
Drehbuch: Sebastian Zeglarski, Master W
Kamera: Paul Maximilian von Preuss, Markus Innocenti, Ms. Perfect, Resa Elstner
Musik: Axl Wild Productions, European Breakwdown, Donner Music
Laufzeit: 78 Minuten
Darsteller: Sebastian Zeglarski, Missy,  Markus Innocenti, A. Kolnik, Uwe Kolnik, Christian Nowak, Thynomite, Amok Pia
Genre: Horror, Gore, Amateurfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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Ein Mann wird durch einen Schicksalsschlag vollkommen aus der Bahn geworfen. Sein Leben gerät aus den Fugen, als er mit den Abgründen seiner Seele konfrontiert wird. Seine  Existenz besteht nur noch aus Wahnvorstellungen und Albträumen. Und immer wieder taucht ein geheimnisvoller maskierter Mann  auf. Realität und Halluzinationen vermischen sich immer mehr. Was stimmt nicht mit dem Mann nicht?

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Es gibt Amateurfilme und es gibt Filme, die von Menschen gedreht werden, die man (fälschlicherweise 😉 ) als Amateurfilmer bezeichnet. „What’s wrong with you“ ist genau so ein Beispiel, denn Regisseur und Hauptdarsteller Sebastian Zeglarski hat ein unglaublich cineastisches Gefühl dafür, eine magische und hypnotische Geschichte zu erzählen. Wenn man bedenkt mit welch geringem Budget Zeglarski diesen Film auf die Beine gestellt hat, fragt man sich unweigerlich, wie das Ergebnis wohl ausgesehen hätte, hätte mehr Geld zur Verfügung gestanden. Fakt ist, dass „What’s wrong with you“ eine innovative Reise ins Innere, ins Seelenleben, eines Menschen ist. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass man es filmisch nicht hätte besser ausdrücken können, was in solch einem Menschen gedanklich vorgeht.

„What’s wrong with you“ erinnerte mich in seinen besten Momenten an Kultfilme von Jörg Buttgereit, Olaf Ittenbach oder sogar Peter Greenaway. In philosophisch anmutenden, verklärten Traumsequenzen lässt uns Regisseur Zeglarski am Innenleben eines kaputten, kranken und auch verzweifelten Menschen teilhaben. An vielen Stellen bekam ich eine Gänsehaut und konnte mich überhaupt nicht satt sehen an diesen fantastischen, surrealen Bildern, die auf einen einstürmen. Der Film hat  in manchen Szenen einen hohen Gewaltanteil, der aber erfreulicherweise nie den Mittelpunkt der Geschichte einnimmt. Und genau das ist es, was mich an diesem Film so fasziniert, denn Sebastian Zeglarski geht es in erster Linie um den Menschen und die psychologische Seite seiner Existenz. Die teils brutalen und auch abartigen Szenen wirken niemals abstoßend, sondern fügen sich geschickt in das Gesamtbild des Films ein .Nebenbei bemerkt sind diese Spezialeffekte extrem gut gelungen.

Die Schauspieler mögen zwar in manchen Einstellungen etwas amateurhaft wirken, aber das macht in diesem Fall überhaupt nichts, sondern unterstreicht sogar die Authentizität. Ich bin mit keinen Erwartungen an diesen Film herangegangen, was wahrscheinlich mein Glück war, denn ich bekam etwas zu sehen, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Unbedingt zu erwähnen ist auch noch die fantastische Musikuntermalung, die mich unweigerlich an die Werke von Marian Dora erinnert hat. Trotz der „schlimmen“, deprimierenden Geschichte und den brutalen Goreszenen werden die Bilder von melancholischen Melodien untermalt, die emotional berühren. Diese Mischung ist es letztendlich auch, die diesen Film zu einem Must See im Amateurfilmbereich für mich macht. Manchmal habe ich mir gedacht, „What’s wrong with you“ könnte tatsächlich als Extra auf der DVD eines Peter Greenaway Films sein, das zeigt, wie die Anfänge dieses genialen Regisseurs waren. Sebastian Zeglarski hat für mich auf jeden Fall das Zeug dazu, genau solch ein intellektueller und innovativer (Kult-)Regisseur zu werden. Vor allem, wenn man ihm das nötige Budget zur Verfügung stellen würde. Eines ist für mich gewiss: „What’s wrong with you“ hat sich schlagartig in die Top Ten meiner liebsten Independent- und Amateurfilme hochkatapultiert. Ich werde mir diesen Film definitiv noch öfter ansehen. Und das sollte jeder tun, der sich für Filmhandwerk mit Herzblut interessiert.

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Fazit: Innovativ, melancholisch, brutal und … einfach großartig. Muss man gesehen haben.

© 2019  Wolfgang Brunner

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Dog Soldiers (2002)

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Originaltitel: Dog Soldiers
Regie: Neil Marshal
Drehbuch: Neil Marshal
Kamera: Sam McCurdy
Musik: Mark Thomas
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Sean Pertwee, Kevin McKidd, Emma Cleasby, Liam Cunningham, Thomas Lockyer
Genre: Horror
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

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In den düsteren Wäldern der schottischen Highlands verschwinden immer wieder Wanderer und kehren nicht mehr zurück. Ausgerechnet in diese Wälder verschlägt es einen Trupp Soldaten für eine Trainingsmission. Doch mit dem Feind, der ihnen in der Nacht begegnet, haben sie nicht gerechnet. Sie finden Rettung in einem alten Farmhaus, deren Bewohner das Geheimnis der Wälder kennen. Und als dann der Vollmond aufgeht, entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod. Werwölfe, kaltblütige Kreaturen, machen Jagd auf Menschen …

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„Dog Soldiers“ kann ohne weiteres als Kultfilm bezeichnet werden. Sicherlich sind mittlerweile einige Jahre ins Land gezogen, so dass die Spezialeffekte nicht wirklich auf dem aktuellsten Stand sind. Aber vielleicht ist es genau diese Tatsache, dass „Dog Soldiers“ seinen Charme noch immer nicht verloren hat. Regisseur  Marshal baut seinen Werwolf-Thriller geschickt auf, indem er das Geschehen ganz langsam an Fahrt aufnehmen lässt.
Anfangs wird das Publikum mit einer vollkommen normalen Situation konfrontiert, die sich dann aber im Laufe des Films als schreckenerregendes Szenario offenbart. Manche Stellen erinnern unweigerlich an George A Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“, in dem sich ebenfalls eine Gruppe von Menschen in einem Haus verschanzt. Bei „Dog Soldiers“ sind es allerdings nicht Zombies, sondern Werwölfe, die sich auf Menschenjagd machen. Koch Media bringt den Kultklassiker nun endlich in einem äußerst gelungenen Mediabook auf den Markt, das dem Film in jeder Hinsicht gerecht wird. Neben der Blu-Ray und einer DVD erhält das Sammlerstück auch eine 4K -Scheibe, die den Film in bestmöglicher Qualität zeigt.

Die Creature-Effekte sind für die damalige Zeit hervorragend gemacht und haben auch heute noch eine besondere Wirkung (zumindest auf mich 😉 ). Computergenerierte Effekte sind in diesem Film auf jeden Fall nicht zu sehen sondern nur handgemachte Tricks, die aus meiner Sicht äußerst gelungen sind und auch sehr realistisch aussehen. Der Film kann einige schockierende Gore-Effekte verzeichnen, zeigt sich aber ansonsten relativ blutarm. Wie gesagt, ist es in erster Linie die Inszenierungsweise und der stetig steigende Spannungsbogen, der diesen Werwolf-Film ausmacht.
Jahre später inszenierte Regisseur Neil Marshal dann seinen wohl größten Erfolg „The Descent“, indem er auf ähnliche Weise vorgegangen ist. Auch hier entwickelt sich nämlich der Spannungsbogen langsam und endet in einem schier unerträglichen Finale. „Dog Soldiers“ ist da zwar noch ein wenig zurückhaltender, aber erinnert dennoch schon ein wenig an „The Descent“.

Freunde der klassischen Horrorfilme aus den 80er Jahren werden ihre wahre Freude an dieser Edition haben. Und in einer Zeit, in der es so gut wie gar keinen Film mehr gibt, der nicht mit Computern nachbearbeitet ist, hebt sich „Dog Soldiers“ erfrischend ab und lässt einen nostalgischen Blick zurück in die Vergangenheit zu. „Dog Soldiers“ ist eindeutig ein Film für Fans. Man sollte sich auch immer vor Augen halten, welche Vorbilder Regisseur Marshal hatte und vor allem welche finanziellen Mittel diesem Film zur Verfügung standen. Marshal hat jedenfalls das Beste daraus gemacht. Dieser Film wirkt wie eine Mischung aus „American Werewolf“, „Platoon“ und „Die Nacht der lebenden Toten“. Man merkt dem Film einfach an, dass er mit Herzblut gedreht wurde. Und gerade das ist für mich immer ausschlaggebend, um einen Film mit anderen Augen zu sehen und dementsprechend auch zu bewerten.

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Fazit: Horror mit Handmade-Effekten, der zu unterhalten weiß. Spannend und mit coolen Effekten.

© 2019 Wolfgang Brunner

Das Haus der Vergessenen (1991)

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Originaltitel: The People under The Stairs
Regie: Wes Craven
Drehbuch: Wes Craven
Kamera: Sandi Sissel
Musik: Don Peake
Laufzeit: 102 Minuten
Darsteller: Brandon Adams, Everett McGill, Wendy Robie, A. J. Langer, Ving Rhames, Sean Whalen, Bill Cobbs
Genre: Horror, Komödie
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Der 13-jährige Fool will seiner todkranken Mutter und der gesamten Familie helfen und sucht nach Möglichkeiten, zu Geld zu kommen. Zusammen mit LeRoy bricht er in ein Haus ein, in dem sich angeblich Gold befinden soll. Doch die Bewohner, ein psychopathisches Geschwisterpaar, entdecken die Eindringlinge und schotten das gesamte Haus ab, so dass es kein Entkommen für Fool und seinen Kumpel gibt. Während sie nach einem Ausweg suchen, entdecken sie seltsame Mitbewohner, die von den Geschwistern im Keller gefangen gehalten werden …

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Wes Cravens „Das Haus der Vergessenen“ ist ein vollkommen zu Unrecht unterschätzter Film, der inmitten von Erfolgen wie „Nightmare On Elm Street“ oder „Die Schlange im Regenbogen“ schlichtweg in Cravens Filmografie untergegangen ist. Vielleicht lag es daran, dass sich der Film trotz seiner sozialkritischen Aspekte nicht genau zwischen hartem Splatter und vollkommen überdrehter Horrorkomödie entscheiden konnte. Cravens Publikum hatte wahrscheinlich einen ernsteren Film erwartet und ließ sich dadurch nicht auf die schrägen Slapstick-Einlagen ein. „Das Haus der Vergessenen“, dessen Originaltitel „The People Under The Stairs“ aus meiner Sicht übrigens viel besser passt, wurde zu einem vergessenen, kleinen Meisterwerk des Kultregisseurs. Denn, wenn man sich auf die absurde Situationskomik dieses Films einlassen kann, wird man mit einem Feuerwerk an Unterhaltungskino belohnt. Sicherlich mag der ein oder andere Effekt das heutige Publikum nicht mehr aus den Socken hauen, aber im Zuge der Retrowelle könnte „Das Haus der Vergessenen“ doch wieder bestimmt bei einigen punkten.

Wes Craven hat, wie so oft in seinen Filmen (und wie unter anderem auch seine geschätzten Regiekollegen George A. Romero oder John Carpenter), auch hier eine Ausgangssituation erschaffen, die einen Pseudo-sozialkritischen Aspekt vorschiebt, um dann letztendlich in einem Horrorszenario zu enden. Doch bei „Das Haus der Vergessenen“ ging Craven einen Weg, wie ihn Peter Jackson einst auch bei seinem Kultfilm „Braindead“ einschlug, in dem er nämlich Horror- und Splatterelemente mit komödiantischen Einlagen vermischte. Man kann „Das Haus der Vergessenen“ eigentlich nicht ernst nehmen. Und man sollte es auch nicht tun, denn zuviel des Unterhaltungswertes gingen verloren, täte man es. 😉
Die hundert Minuten fliegen nur so dahin, was schon einmal unter die positiven Aspekte des Film fällt, und es macht unglaublich Spaß den Protagonisten zuzusehen. Da wären nämlich zum einen die psychopathischen Geschwister, dargestellt vom „Twin Peaks“-Ehepaar Everett McGill und Wendy Robie, die sich während der Handlung in skurrile Figuren verwandeln, die nicht mehr ernstgenommen werden können. Gegen Ende des Film haben sie sich von bedrohlichen Feinden in Karikaturen verwandelt, die aus einem „Tom und Jerry“-Comic entsprungen sein könnten. Daneben glänzt der junge Farbige Brandon Adams (den man übrigens aus Michael Jacksons „Moonwalker“ kennt) in einer sympathischen Hauptrolle, die an so manch einen Horrorfilm der „goldenen 80er Jahre“ erinnert, in denen Teenager die tragenden Rollen spielten. Die Musik von Don Peake unterstreicht diesen Eindruck zusätzlich.

Koch Media hat dieses Kleinod wieder aus der Versenkung geholt und in einem wunderschönen Mediabook  veröffentlicht, das dem Film absolut gerecht wird und ihn genau so behandelt, wie er schon die vergangenen Jahre hätte behandelt werden sollen. „Das Haus der Vergessenen“ ist sozusagen ein „Partyfilm“, ein spannender Zeitvertreib, bei dem man sich zwischendurch auch hervorragend amüsieren kann, wenn man Everett McGill zum Beispiel dabei zusieht, wie er in voller S/M-Ledermontur sein eigenes Haus zerballert und dabei hysterisch rumschreit. Diese Skurrilität ist es auch, die neben der noch immer (zumindest für mich) gelungenen Atmosphäre, diesen Film aus- und zu etwas Besonderem macht. Sicherlich ist „Das Haus der Vergessenen“ nicht Wes Cravens Meisterwerk, aber es ist auf alle Fälle innovativ und mutig, indem es nämlich damals durch seine schrägen Figuren und Charakterzeichnungen dem Horrorgenre neue Impulse gab.
Warum dieser Film allerdings über Jahrzehnte hinweg sogar indiziert war, kann ich absolut nicht nachvollziehen. Wie oben schon erwähnt, ist dieser Film einfach viel zu überdreht und überzogen inszeniert, als dass er jugendgefährdend sein könnte, zumal auch noch ein jugendlicher Held im Vordergrund steht. Für mich immer wieder sehenswert und in dieser perfekten Ausstattung, die dieses Mediabook bietet, sowieso.

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Fazit: Überdrehte Charaktere in einem atmosphärischen Horrorthriller. Seinerzeit innovative, aber leider missverstandene Perle eines Kultregisseurs.

© 2018 Wolfgang Brunner

After Midnight (2018)

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Originaltitel: After Midnight
Regie: Daniele Misischa (Vlog: L’ultimo video di Sara), Davide Pesca (Taste of Survival), Francesco Longo & Paolo Mercadante (Nyctophobia), Davide Cancila (Nel Buio), Luca Bertossi (Io non le credo), Nicola Pegg (Escape from Madness), Roberto Albanesi (Che Serata di merda!) Eugenio Villani (Haselwurm)
Drehbuch: Daniele Misischa (Vlog: L’ultimo video di Sara), Davide Pesca (Taste of Survival), Francesco Longo (Nyctophobia), Davide Cancila (Nel Buio), Luca Bertossi (Io non le credo), Nicola Pegg (Escape from Madness), Roberto Albanesi (Che Serata di merda!) David C. Fragale (Haselwurm)
Kamera: Misha Isic (Vlog: L’ultimo video di Sara), Paolo Del Fiol (Taste of Survival), Paolo Mercadante (Nyctophobia), Davide Cancila (Nel Buio), Massimo Bocus & Luca Bertossi (Io non le credo), Nicola Pegg (Escape from Madness), Alessandro  Ferrari (Che Serata di merda!) Carlo David Mauri, Federico Fronterre`, Andrea Riboni (Haselwurm)
Musik: Francesco Tresca (Taste of Survival), Francesco Longo (Nyctophobia), Daniele Pistocchi (Nel Buio), Fabio Bertossi & Betty Maier (Io non le credo), Overcrown (Escape from Madness), Oscar Perticoni (Che Serata di merda!), Maresca Gambino (Haselwurm)
Laufzeit:  85 Minuten
Darsteller: Chiara Nicolanti, Claudio Camilli  (Vlog: L’ultimo video di Sara), Alex de Simoni, Elisabetta Rasero, Fabio Nobili (Taste of Survival), Roberto Ramón, Roberto D’Antona, Aurora Elli (Nyctophobia), Federico Mariotti,  Ela Fiorini, Gea Martina Landini (Nel Buio), Stefano Mussinano, Sebastiano Zoletto, Mariacristina Barbetti (Io non le credo), Anna Fraccaro, Luca Simeoni, Giacomo Casagrande (Escape from Madness), Massimo Mas, Sara Basile, Marco Piacentini (Che Serata di merda!), Giorgio Papa (Haselwurm)
Genre: Horror, Experimentalfilm, Undergroundfilm, Splatter
Produktionsland: Italien
FSK: k.A. – ungeprüft

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Acht Kurzfilme aus Italien, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise den Italo-Horror der 80er Jahre wiederauferstehen lassen.

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Die Kurzfilm-Sammlung beginnt mit „Vlog: L’ultimo video di Sara“.  Es geht dabei um eine Videobloggerin, die sich über die bösen Kommentare ihrer Follower beschwert und dabei von einem Unbekannten in ihrer Wohnung bedroht wird. Regisseur Daniele Misischa zeigt eine Art „Found Footage“-Horror, die von der ersten Minute an sehr authentisch und unterhaltsam wirkt. An einer Stelle bin ich zugegebenermaßen auch wirklich sehr erschrocken. Misischa übt scharfe Kritik am Verhalten von Internetnutzern und führt die oftmals übertriebene „Sucht“ nach Likes in sozialen Netzwerken zu einem konsequenten Ende. Wenngleich nicht die beste Geschichte von „After Midnight“, so doch eindeutig die gesellschaftskritischste.

„Taste of Survival“ von Davide Pesca ist eine apokalyptische Kannibalengeschichte, die an „Mad Max“ erinnert. Pesca ist eine zwar ausdrucksstarke, aber nicht wirklich innovative Story gelungen. Unterhaltsam ist die mit leichtem Gore-Anteil geschmückte Mär aber auf jeden Fall.

Mit „Nyctophobie“ komme ich auch schon zu einem der Highlights dieser Kurzfilm-Sammlung, die übrigens absolut keinen thematischen Zusammenhang aufweist. Die Regisseur Francesco Longo & Paolo Mercadante haben ein wirklich atmosphärisches, gruseliges und unheimliches Kammerspiel erschaffen, das einen von Anfang an in den Bann zieht. Das liegt aber nicht nur an der interessanten Story, die sich Francesco Longo ausgedacht hat, sondern auch an dem sehr passenden Hauptdarsteller Roberto Ramón. „Nyctophobie“ hat mir, wie gesagt, sehr gut gefallen, vor allem die bedrückende Atmosphäre.

Mit „Nel Buio“ (Deutsch: „Im Dunkeln“) folgt ein ebenso stimmungsvoller Kurzfilm, der noch mehr an ein psychologisches Kammerspiel erinnert wie „Nyctophobie“. Es geht um einen Autounfall und die damit verbundenen psychischen und alltäglichen Bewältigungen danach. Gewürzt mit ein paar gruseligen Horroreinlagen schildert der Film allerdings den Horror der Realität. Regisseur Davide Cancila hat mit seinen beiden Hauptdarstellern Federico Mariotti und Ela Fiorini einen Glücksgriff getan, denn sie vermitteln die bedrückende Atmosphäre exzellent.

Der nachfolgende „Io noin credo“ („Ich glaube nicht“) reiht sich weiterhin in die eher „ruhige Schiene“ ein, obwohl dort ein Geist sein Unwesen treibt, dass an einen aktuellen Film aus dem „Conjuring“-Universum erinnert. Auch hier fühlte ich mich auf jeden Fall sehr gut unterhalten.

„Escape from Madness“ von Regisseur Nicola Pegg geht dann aber wieder in eine völlig andere Richtung, die Fans von „Hostel“ und anderen Torture-Filmen Vergnügen bereiten wird. Pegg huldigt augenscheinlich einem Kultklassiker von Tobe Hooper und hat, genauso wie Darstellerin Anna Fraccaro, sichtbar große Freude daran. „Escape from Madness“ dürfte bei den Splatteranhängern auf Interesse stoßen.

„Che Serata di merda!“ („Was für ein Scheißabend!“) ist eine nicht ganz ernst zu nehmende Verneigung vor den italienischen Zombiefilmen der 80er Jahre. Was mit einem nebelumtosten, wankenden Untoten beginnt, endet in einer fast schon philosophischen Unterhaltung über erdachte Filmfiguren und deren Handlungen. Was von der Grundsatzidee wirklich gut ist, hat mich allerdings durch den gewöhnungsbedürftigen Humor etwas aus dem Kontext der vorgergehenden, ernsten Geschichten gerissen und mich leider, trotz der unübersehbaren Referenzen an alte Klassiker des Genres, am wenigsten aller Geschichten aus „After Midnight“ überzeugt.

„Haselwurm“ beendet den Reigen italienischer Underground-Independent-Filme und legt noch einmal einen echten Knaller hin. Weniger Horror als vielmehr auf mystischem Weg begleiten wir eine Frau, die sich für das Leben eines Freundes oder ihr eigenes Überleben entscheiden muss. Die Spezialeffekte wirken auf den ersten Blick und für eine Low Budget-Produktion absolut annehmbar. Und auch die Story, in Verbindung mit der stimmigen Musik von Maresca Gambino, wirkt ähnlich wie ein filmischer Drogenrausch a lá David Lynch. Ein gelungener und stimmungsvoller Abschluss des Filmes, wie ich finde.

Insgesamt gesehen stellt „After Midnight“ für Genrefreunde und Anhänger ideenreicher Independent-Filme eine absolut gute UNterhaltung dar, die in vielerlei Hinsicht die Zeit der 80er Jahre Italo-Horrorfilme aufleben lässt. Durch die unterschiedlichsten Themen kommt keine Minute Langeweile auf und, wer sich auf die manchmal amateurhaften Leistungen der Filmschaffenden einlassen kann, wird mit witzigen, melancholischen, ruhigen und auch blutigen Kurzfilmen belohnt, die, im Nachhinein betrachtet, auch tatsächlich im Gehirn des Zuschauers haften bleiben. Und das schafft so manch angeblicher Blockbuster bei weitem nicht. „After Midnight“ sind Filme von Filmfreaks für Filmfreaks. Underground pur mit einem Hauch Professionalität, wenn man genauer hinsieht. Ich persönlich fand „After Midnight“ unbedingt sehenswert und werde mir den Film mit Sicherheit auch noch einmal ansehen. Dank dem jungen Label „Dirt n Dust“ bleibt dem deutschen, interessierten Filmfan diese Sammlung italienischer Nachwuchstalente, die, wie gesagt, den Geist der 80er Jahre aufleben lassen, nicht verwehrt. Dafür möchte ich ausdrücklich meinen Dank aussprechen, dass wir solche unbekannten Filme zu sehen bekommen.
Meine Favoriten sind eindeutig „Nel Buio“, „Haselwurm“ und „Nyctophobie“.

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Fazit: Sehenswerte Independent-Produktionen im Stil der 80er Jahre Italo-Horrorfilme.

© 2018 Wolfgang Brunner

Couchsurfers (2015)

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Originaltitel: Couchsurfers
Regie: Julian Schöneich
Drehbuch: Julian Schöneich
Kamera: Henri Schierk, Julian Harenberg
Musik: Alexander Paprotny
Laufzeit: 16 Minuten
Darsteller: Alexander Bornhütter, Natasha Manzungu, Samira Calder, Iskander Madjitov, Sandra Malek, Philip Görres, Anni Sultany, Claus-Peter Rathjen, Johannes Neinens
Genre: Thriller, Horror, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahren

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Brenda (Natasha Manzungu) und Sam (Samira Calder) wollen sich für ein Wochenende Hamburg ansehen. Sie wollen Sightseeing und Party. Als Unterkunft wollen sie das kostenlose „Couchsurfing“ nutzen. Sie lenern Max (Alexander Bornhütter) kennen, der sehr zuvorkommend und freundlich ist, und ihnen ein Zimmer zur Verfügung stellt. Doch ist max wirklich der, der er vorgibt, zu sein?

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Schon „Roulette – A Game Of Chance“ von Julian Schöneich hat mich total begeistert. Nach „St. Pauli Zoo“ (einem Dokumentarfilm, den ich leider noch nicht gesehen habe, der aber auch noch auf der To-Do-Liste steht) folgt nun der erste von drei Kurzfilmen, der eine „Death On Demand“ betitelte Trilogie einleitet.
„Couchsurfers“ kommt schon von Beginn an richtig gut und authentisch. Die beiden Hauptdarstellerinnen spielen sehr natürlich, aber dennoch auf absolut hohem Niveau. Dadurch erreichen sie eine tolle Gratwanderung zwischen realistischem Amateurfilm (hier absolut nicht negativ gemeint) und professionellem Agieren. Das gibt gleich zu Beginn schon eine sehr tolle Atmosphäre, die so richtig glaubwürdig wirkt. Wenn dann auch noch Alexander Bornhütter als Max ins Spiel kommt, ist die sympathische Dreierkombi perfekt.
Gerade die erste Hälfte des leider viel zu kurz geratenen Films bringt eine wunderbare, harmonische Stimmung zustande, die den Zuschauer in Sicherheit wiegt und ihn glauben lässt, dass es gar nicht so schlimm kommen kann, wie man ursprünglich dachte, denn man wusste ja irgendwie, dass man sich auf eine Mischung aus Thriller und Splatter-Horror einlassen würde. Aber, wie gesagt, durch den harmonisch wirkenden Einstieg in die Geschichte täuscht Regisseur Schöneich den Zuschauer.

Und dann plötzlich geschieht aus heiterem Himmel das, was man insgeheim doch irgendwie die ganze Zeit wusste. Das mag auf den ersten Blick vorhersehbar wirken und ist es auch im Grunde genommen. Dennoch kann Schöneich mit seiner Inszenierung überraschen, weil er einen die drohende Gefahr, wie oben beschrieben, erst einmal vergessen lässt. Aber das aus dem schönen Hamburg-Aufenthalt für die beiden weiblichen Couchsurferinnen ein Alptraum wird, ist noch längst nicht das Ende der (Kurz-)Geschichte. Tatsächlich schafft es das Team von „Couchsurfers“ sowohl auf inszenatorische wie auch schauspielerische Weise, dem Plot eine derart unerwartete Wendung zu geben, dass man erst denkt, man hat irgendwas verpasst oder wird auf den Arm genommen.
Das Blatt wendet sich so abrupt, dass man erst einmal realisieren muss, was man da vorgesetzt bekommt. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Vor allem Bornhütters Agieren in diesen Szenen verursacht einem im Nachhinein eine astreine Gänsehaut.

Julian Schöneich hat einen Kurzfilm auf hohem Niveau gedreht, der unterhält, packt und gleichzeitig zum Nachdenken über das Handeln im Internet anregt. „Couchsurfers“ schockiert nicht nur durch perfekt eingesetzte Bluteinlagen, sondern auch durch seine Geschichte. Genau diese Kombination ist es auch, die den ersten Teil der geplanten Kurzfilmtrilogie, im Gedächtnis haften lässt. Alexander Bornhütter war in seiner Rolle genial, weil er Sympatieträger und Verbrecher perfekt in einer Person darstellen konnte, ohne in einer davon unglaubwürdig zu sein. Natasha Manzungu und Samira Calder passten ebenfalls in ihre (Opfer-)Rollen, ohne jemals übertrieben zu wirken. Julian Schöneich hat, wie schon in „Roulette – A Game Of Chance“ Regie und Drehbuch übernommen und wieder ein sicheres Gespür für eine solide, professionelle Inszenierung gezeigt. Ich freue mich schon sehr auf die beiden fehlenden Teile der „Death On Demand“-Trilogie.

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Fazit: Ein Kurzfilm auf hohem schauspielerischen und inszenatorischen Niveau, der nicht nur durch seine Splattereinlagen zu schocken vermag. „Couchsurfers“ hinterlässt ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

© 2017 Wolfgang Brunner

Blood Feast (2016)

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Originaltitel: Blood Feast
Regie: Marcel Walz
Drehbuch: Philip Lilienschwarz
Kamera: Roland Freitag
Musik: Klaus Pfreundner
Laufzeit: 95 Minuten
Darsteller: Robert Rusler, Caroline Williams, Sophie Monk, Sadie Katz, Roland Freitag, Wilfried Capet, Max Evans, Annika Strauss, Liliana Nova, Methisa Schaefer, Gioele Viola, Herschell Gordon Lewis
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahre

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Fuad Ramses betreibt in Paris ein amerikanisches Restaurant, hat aber in einem Museum für ägyptische Kultur einen zweiten Job. Während einer seiner Nachtschichten fühlt er sich zu der Statue der Göttin Ishtar hingezogen, die in Visionen mit ihm zu sprechen beginnt. Fuad verfällt der Gottheit und möchte ihr seine Verehrung durch ein Festmahl beweisen, bei dem er ihr  Menschen als Opfergabe bereiten will. Fuad verfällt immer mehr dem Wahnsinn und einem Blutrausch. Er mordet, um das blutige Festmahl für Ishtar so schnell wie möglich abhalten zu können …

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Herschell Gordon Lewis Originalfilm „Blood Feast“ aus dem Jahr 1963 gilt als erster Splatterfilm überhaupt und ist mittlerweile, trotz vieler (teils ungewollter) Schwächen ein Kultfilm. Nun hat sich der deutsche Regisseur Marcel Walz (unter anderem Raw“, „La Petit Morte 1 & 2“, „Seed 2“ und „#funnyFACE“, um nur ein paar seiner Filme zu nennen) und Drehbuchautor Philip Lilienschwarz („Absolutio – Erlösung im Blut“) einer Neuinterpretation angenommen.
Und, ich muss schon sagen, das Projekt ist vollends gelungen. Walz entwickelt sich mit jedem Film sichtlich weiter und hat mit dem Remake von „Blood Feast“ seinen bis dato eindeutig besten und handwerklich perfektesten Film abgeliefert. Da stimmt so ziemlich alles.

Was mir persönlich außerordentlich gut gefällt, ist die Tatsache, dass hier nicht nur eine blutige Gewalt- und Torture-Orgie im Vordergrund steht, sondern eine Geschichte erzählt wird, die im Gegensatz zum Original, bedeutend mehr Tiefe besitzt. Vor allem die immer wieder eingesetzten ruhigen Szenen, die übrigens absolut genial musikalisch von Klaus Pfreundner untermalt wurden, lassen eine sehr schöne Stimmung aufkommen, die mich so richtig in den Bann gezogen hat. Pfreundners Soundtrack trägt einen großen Teil zu dieser Atmosphäre bei.
„Blood Feast“ ist teilweise richtig atmosphärischer Horror geworden, der sämtliche Fehler des Originals mühelos kompensiert und eine faszinierende Neuinterpretation des Stoffes abgibt. Drehbuchautor Lilienschwarz hat die Grundstory des Originals zwar übernommen, ist aber zusätzlich einen konsequent eigenen Weg gegangen, der den Plot um Längen verbessert.
Nicht übertrieben, sondern nur immer dann, wenn es passt, werden blutige Goreszenen in die ansonsten relativ ruhige Inszenierung eingefügt, so dass im Endeffekt ein wirklich ansprechender Film dabei herausgekommen ist. Splatterfans werden dennoch ihre Freude an den Effekten von Megan und Ryan Nicholson (u.a. „Riddick – Chroniken eines Kriegers“, „Extraterrestrial“ , oder „Warcraft: The Beginning“) haben.
Kai E. Bogatzki, der bereits schon für den Schnitt vieler Filme von Marcel Walz und auch Timo Rose verantwortlich war und momentan an seinem ersten Langfilm „Scars Of Xavier“ arbeitet, hat wieder wunderbare Arbeit geleistet und einen hypnotischen Vorspann abgeliefert.

Bei der Auswahl der Schauspieler hat Walz ein gutes Händchen bewiesen. An erster Stelle steht eindeutig Robert Rusler, den vielleicht einige noch aus „L.I.S.A. – Der helle Wahnisnn, „Nightmare 2“, „Vamp“ und Stephen Kings „Manchmal kommen sie wieder“ kennen. Mittlerweile ist er älter geworden und in manchen Einstellungen sieht er sogar aus wie George Clooney ;), das aber nur am Rande.
Rusler hat sichtlich Spaß an seiner Darstellung des Psychopathen Ramses. Von Anfang an geht er in seiner Rolle auf und kann durch sein Charisma beeindrucken. Durch ihn wird „Blood Feast“ zu einem echten Erlebnis und ich habe ihm seine Schauspielerei in jeder Sekunde abgenommen. Top!
Aber auch Caroline Williams als seine Frau konnte mich absolut überzeugen, genauso wie Sophie Monk als Tochter. Kameramann Roland Freitag gibt einen überzeugenden Polizisten ab und Sadie Katz, wenngleich nicht oft zu sehen, spielt die Rolle der Göttin Ishtar mysteriös und sexy.
Das Wiedersehen mit Max Evans in der Rolle des Mathis hat mich total gefreut, denn auch hier kann er zeigen, was er kann, auch wenn es leider keine echte Hauptrolle war. Annika Strauss, die bereits in vielen Filmen von Marcel Walz, mitgespielt hat, verkörperte die Lilou souverän und überzeugend.
Auch die Nebendarsteller gefielen mir durchweg. Als besonderes „Schmankerl“ bekommt der Zuschauer sogar Herschell Gordon Lewis, den Regisseur des Originals, in einer kurzen Szene zu sehen.

Mit „Blood Feast“ hat Marcel Walz nicht nur eine enorm positive Entwicklung seines Handwerks bewiesen, sondern dem kultigen Originalfilm eine würdige Hommage bereitet. Walz‘ Film geht einen realistischeren und härteren Weg als das Original, macht die Handlungsweisen des Protagonisten auf gewisse Art und Weise nachvollziehbar und dadurch erschreckend authentisch.
Bleibt abzuwarten, ob und vor allem in welcher Schnittfassung „Blood Feast“ auch Deutschland erreicht. Wünschenswert wäre es.

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Fazit: Marcel Walz‘ bisher bester Film. So lasse ich mir eine Neuinterpretation eines eher mäßig inszenierten Originals gefallen. Robert Rusler glänzt in der Hauptrolle und Klaus Pfreundner liefert dazu einen würdigen Klangteppich.

© 2016 Wolfgang Brunner

Baskin (2015)

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Originaltitel: Baskin
Regie: Can Evrenol
Drehbuch: Can Evrenol, Cem Özüduru, Erçin Sadıkoğlu, Eren Akay
Kamera: Alp Korfali
Musik: JF (Ulas Pakkan & Volkan Akaalp)
Laufzeit: 97 Minuten (uncut)
Darsteller: Mehmet Cerrahoğlu, Ergun Kuyucu, Görkem Kasal, Muharrem Bayrak
Genre: Thriller, Horror
Produktionsland: Türkei
FSK: JK geprüft

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Eine Sondereinheit der Polizei gerät im Keller eines Gebäudes durch eine Falltür in eine düstere, schockierende Unterwelt. Durch dunkle Tunnel betreten sie eine Welt, die eine wahr gewordene Hölle aus einem Alptraum zu sein scheint. Furchterregende Gestalten machen Jagd auf sie und eine blutige Auseinandersetzung entsteht.

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Ein Horror-Thriller aus der Türkei? Ich ging mit gemischten Gefühlen an diesen Film heran und wurde absolut positiv überrascht. Klar, die Handlung ist wirklich nicht das Nonplusultra und wirkt, wenn man genauer darüber nachdenkt, erst einmal wie an den Haaren herbeigezogen. Aber das tut der extrem düsteren Atmosphäre und den teils wirklich schockierenden Szenen keinen Abbruch.
Es dauert ein wenig, bis der Film Fahrt aufnimmt, aber genau das hat mir gefallen. Man lernt erst die Männer und ihre Freundschaft zueinander, bevor es ans Eingemachte geht. Und das tut es!

Die Atmosphäre dieses türkischen Horrorfilms ist durchgehend düster und bedrohlich. Von der Inszenierung her erinnert die Höllenfahrt ein wenig an die alten italienischen Meister wie Mario Bava, Lucio Fulci oder gar Dario Argento. Aber auch ein Hauch David Lynch, was die Surrealität des Plots betrifft, ist mit dabei. So manches Mal fühlt man sich auch in die 80er Jahre zurückversetzt. Hin und wieder kam mir auch die irreale Stimmung von „Hellraiser“ in den Sinn, wobei „Baskin“ einen völlig anderen Weg geht, der dann schon eher in Richtung „The Green Inferno“ von Eli Roth führt. Die Schauspieler sind völlig in Ordnung und machen aus meiner Sicht ihre Sache sehr gut. Leider fehlt es an manchen Stellen ein wenig an Logik, hat aber für mich dennoch nicht die Auswirkung gehabt, dass ich keinen Spaß mehr an dem blutigen Trip hatte.
Es gab, wie schon in dem erwähnten „The Green Inferno“ ein paar Szenen, die mir wie ein Schlag in die Magengrube vorkamen: unausweichliche, unheimliche, brutale Stellen, die wirklich schonungslos schockieren. Das nimmt einen als Zuschauer mit und man kann die Angst und Verzweiflung der Protagonisten hautnah spüren.

Regisseur Can Evrenol lässt den Film wie einen (Alp-)Traum ablaufen, surreal und an manchen Stellen (gewollt?) unlogisch. Denn vielleicht ist es gerade diese fehlende Logik, die „Baskin“ zu diesem außergewöhnlichen und schockierenden Horrortrip macht, denn wer kennt nicht das schreckliche Gefühl, wenn man aus einem wirklich, wirklich schlimmen Alptraum erwacht? Genau so eine bedrohliche Stimmung vermittelt Evrenol und zieht einen damit sofort in seinen Bann. Oft denkt man sich, wann denn dieser Alptraum endlich ein Ende findet, und dennoch kann man nicht genug davon bekommen. Mein Respekt an den Regisseur für diese oft an die Schmerzgrenze gehenden Momente. Aber nicht nur mit provokanten Verstümmelungen und gruseligen Schockmomenten kann der türkische Horrorfilm punkten, denn auch die visuelle Seite ist keineswegs zu verachten. Wie bereits erwähnt, setzt Evrenol sehr düstere Farben ein, die durch den geschickten Einsatz von Licht noch einmal verstärkt werden. Das Szenario vermittelt von Anfang an Unheil und deprimierende Aussichtslosigkeit, die noch lange im Gedächtnis haften bleibt.
Vor allem der Anführer der Kreaturen, auf die die Polizisten treffen, jagte mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das ist wirklich extremst gruselig inszeniert.

Auch wenn ich durchaus begeistert bin von „Baskin“, bin ich mir ziemlich sicher, dass einige nicht so empfinden werden wie ich. Ich sehe schon die ratlosen Gesichter vor mir, die nichts mit dem mystischen Plot anfangen können und sich einfach einen geradlinigeren Film gewünscht hätten. Aber ich bin der Meinung, dass es bereits genug geradlinige Filme gibt, und man sich durchaus auch einmal auf einen „traumhaften“ und visionären Trip a la Clive Barker begeben kann. Und genau das bekommt man mit „Baskin“ geboten. Für mich ein große, überraschende Entdeckung, die ich mit Sicherheit noch öfter ansehen werde.

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Fazit: Brutal, schockierend und auf gewisse Art und Weise visionär. „Baskin“ wird allerdings die Lager spalten und auf der einen Seite euphorische Begeisterung und auf der anderen enttäuschte Ratlosigkeit verursachen. Ich neige fast zu euphorischer Begeisterung.

© 2016 Wolfgang Brunner