Flucht aus Pretoria (2019)

Originaltitel: Escape from Pretoria
Regie: Francis Annan
Drehbuch: Francis Annan, L. H. Adams
Kamera:  Geoffrey Hall
Musik: David Hirschfelder
Laufzeit: 106 Minuten
Darsteller: Daniel Radcliffe, Daniel Webber, Ian Hart, Mark Leonard, Nathan Page, Grant Piro, Adam Ovadia, Adam Tuominen
Genre: Thriller
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Im Südafrika der 1970er Jahre werden die Anti-Apartheid-Aktivisten Tim Jenkin und Stephen Lee gefangengenommen, weil sie verbotenerweise Flugblätter verteilt haben. Sie landen im Hochsicherheitsgefängnis von Pretoria, wo sie auf Denis Goldberg und Leonard treffen, mit denen sie sofort Ausbruchspläne schmieden …

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Es ist eine wahre Freude, die schauspielerische Entwicklung von Daniel Radcliffe seit seinem Einstand in den „Harry Potter“-Filmen mitzuverfolgen. Der vorliegende „Flucht aus Pretoria“ stellt einen weiteren Beweis dar, dass Radcliffe zu einem begnadeten Schauspieler geworden ist, der mit seinen Rollen immer uneingeschränkt überzeugen kann. Es dauert nicht lange und er fängt mit seiner Charakterdarstellung das Publikum ein, das mit angehaltenem Atem den Ereignissen folgt. Regisseur Francis Annan inszenierte dieses Gefängnis-Drama sehr intensiv und realistisch. Man ist bei jeder Aufnahme hautnah im Geschehen und fiebert mit den Protagonisten mit. Genau so sollte ein Thriller dieser Art sein.

Das anfangs sehr interessante Thema der Apartheid ist dann (leider) nur Aufhänger der ungemein spannenden Geschichte. Man hätte gerne noch ein wenig mehr über die Hintergründe von Tim und Stephen erfahren, aber das hätte den Film vielleicht auch unnötig in die Länge gezogen. Aus dieser Anfangssequenz entsteht auf alle Fälle ein atemberaubender Flucht-Thriller mit tollen Darstellern, der die Zeit nur so vorüber fliegen lässt. Wirklich toll ist, dass neben dem grandiosen Daniel Radcliffe, sehr talentierte Schauspieler mit von der Partie sind, die dem Drama den nötigen „Drive“ geben, so dass man sich in keiner einzigen Minute langweilt, obwohl genau genommen gar nicht mal wirklich viel passiert.

Dass diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert, macht das Ganze dann nochmal interessanter. Der simple, dennoch ausgeklügelte Fluchtplan ist genial und, wie oben bereits erwähnt, man fiebert bei jedem Versuch mit.
Annans Film ist eine sehr gute Umsetzung des Romans von Tim Jenkin, die sich sehr eng an die Vorlage hält. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Dramaturgie des Films so hervorragend funktioniert und den Zuschauer von der ersten Minute an in seinen Bann zieht. „Flucht aus Pretoria“ ist ein Film, den man sich öfters ansehen kann, da man selbst dann noch großartig unterhalten wird, wenn man das Ende der Geschichte kennt. Ich war und bin sehr begeistert.

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Fazit: Großartige Schauspieler in einem ungemein spannenden Gefängnis-Thriller.

©2020 Wolfgang Brunner

Grand Isle – Mörderische Falle (2019)



Originaltitel: Grand Isle
Regie: Stephen S. Campanelli
Drehbuch: Iver William Jallah, Rich Ronat
Kamera:  Eric Moynier
Musik: Josh Atchley
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Nicholas Cage, KaDee Strickland, Luke Benward, Kelsey Grammer, Zulay Henao, Oliver Trevena, Emily Marie Palmer
Genre: Thriller
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Ein Hurrikan zieht auf. Das Ehepaar Walter und Fancy Franklins bieten dem Hilfsarbeiter Buddy an, in ihrem Anwesen Unterschlupf zu finden, bis sich das Unwetter gelegt hat. Buddy nimmt erleichtert die Einladung an, doch schon bald versucht Fancy ihn zu verführen. Kurze Zeit später bietet Walter ihm eine hohe Geldsumme an, wenn er Fancy tötet. Buddy ist plötzlich in einem bösartigen Spiel des Paars gefangen.

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Ich bin ja immer sehr gespannt, was Nicholas Cage neuerdings immer abliefert, da er mich sowohl in „Mandy“ als auch in „Die Farbe aus dem All“ wieder mehr überzeugt hat, als in den vorhergehenden Filmen (den atemberaubenden „Joe“ mal außer acht gelassen). Nun, mit „Grand Isle“ setzt er den Weg, den er seit einiger Zeit wieder eingeschlagen hat, fort und konnte mich wieder einmal absolut überzeugen. Ich behaupte mal, dass er hier sogar eine Rolle einnimmt, die ihm geradezu auf den Leib geschnitten ist: Ein wenig verrückt, ein wenig diabolisch … also Cage, wie man ihn kennt und mag. 😉
„Grand Isle“ wirkt im ersten Moment ein wenig seltsam, weil man nicht wirklich dahinterkommt, welchen Film man eigentlich sieht. Drama, Thriller, Krimi oder gar Horror? Ein bisschen was von allem spielt mit, bevor man immer mehr begreift, um was es eigentlich geht. Das ist äußerst ansprechende in Szene gesetzt und es wird einem tatsächlich in keiner Sekunde langweilig.

Es bleibt lange Zeit undurchschaubar, was mit dem Ehe paar ist. Man denkt sich sicherlich, dass sie irgendetwas im Schilde führen, aber das Drehbuch von Iver William Jallah und Rich Ronat gibt in dieser Hinsicht schon einiges her. Es macht auf alle Fälle unglaublich Spaß, diesen Entwicklungen zu folgen und sich dabei Gedanken zu machen, wie sich das Ganze auflösen könnte. Inszenatorisch kann man an „Grand Isle“ eigentlich auch nicht viel aussetzen, zumal der Film eher einem Kammerspiel gleicht, weil er die meiste Zeit im Inneren des Hauses spielt. Der Spannungsbogen wird jedenfalls durchgehend aufrecht erhalten und, auch wenn der Hurrikan leider keine besonders große Rolle spielt, so ist die Grundstimmung, die diese Ausgangssituation bereitet, sehr ansprechend.

Schauspielerisch sind die drei Protagonisten absolut überzeugend von Nicholas Cage, KaDee Strickland und Luke Benward. Vor allem letzterer hat es mir so richtig angetan in dieser Rolle. Benward spielt den naiven „Jüngling“ genauso überzeugend wie später den taffen Kämpfer, der sich gegen die Anschuldigungen verteidigen muss. Es ist wirklich ein Riesenspaß diesen drei Schauspielern zuzusehen. Alleine wegen deren Leistungen sollte man sich „Grand Isle“ schon ansehen, aber auch die Auflösung des Plots lohnt eine Sichtung. Stephen S. Campanellis Thriller erfindet das Rad nicht neu, kann aber mit einer durchdachten Handlung und einem tollen Schauspieler-Ensemble überzeugen.

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Fazit: Tolle Schauspielerleistungen und ein raffinierter Plot bieten gute Unterhaltung.

©2020 Wolfgang Brunner

Ip Man 4 – The Finale (2019)

Originaltitel: —
Regie: Wilson Yip
Drehbuch: Edmond Wong, Chan Tai-lee, Jil Leung
Kamera:  Kenny Tse
Musik: Kenji Kawai
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Donnie Yen, Wu Yue, Vanness Wu, Scott Adkins, Kent Cheng, Chan Kwok-Kwan, Ngo Ka-nin, Lynn Hung, Grace Englert, Chris Collins
Genre: Action, Historie
Produktionsland: China
FSK: ab 16 Jahre

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Als Ip Man erfährt, dass er an Krebs erkrankt ist, beschließt er, sich um die Zukunft seines Sohnes zu kümmern. Dazu fährt er nach San Francisco, um dort einen Studienplatz für ihn zu bekommen. In San Francisco trifft er auf seinen ehemaligen Schüler Bruce Lee, der dort ein Kampfsportstudio betreibt. Schon bald muss Ip Man feststellen, dass in Amerika Rassismus gegenüber den eingewanderten Chinesen herrscht. Es wäre nicht Ip Man, wenn er nicht einen Weg suchen würde, um die Situation zu entschärfen.

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Nachdem mit den drei Vorgängerfilmen die Meßlatte unglaublich hoch war, war ich gespannt, ob der vorliegende „Ip Man 4 – The Finale“ meinen Erwartungen gerecht wird. Um es kurz zu machen, er hat meine Erwartungen sogar übertroffen, denn was hier geboten wird, ist einem Finale mehr als gerecht. Donnie Yen kann erneut in der Hauptrolle überzeugen und zieht den Zuschauer von der ersten Minute an in seinen Bann. Seine Mimik (und auch Nicht-Mimik bei den Kämpfen) ist unglaublich, aber auch die Seite des Vaters stellt er hervorragend und emotional überzeugend dar. Ich fühlte mich ihm sofort wieder, wie schon in den ersten drei Teilen, verbunden. Yen ist noch immer in Topform und fühlt sich in seiner Paraderolle sichtlich wohl. Vor allem auch, wenn er sich schauspielerisch zurückhält, um dem realen, unscheinbaren und stillen Ip Man ähnlich zu sein.

Doch nicht nur Donnie Yen überzeugt in diesem abschließenden Teil der fulminanten Ip-Man-Reihe, sondern auch Chan Kwok-Kwan in seiner Rolle als Bruce Lee. Nicht nur, dass er dem Kultkämpfer verdammt ähnlich sieht, sondern auch seine Kampfkunst kann sich sehen lassen. Kwok-Kwan imitiert Kampfstil, Mimik und auch die sonstigen Bewegungen derart gekonnt, dass man in manchen Momenten tatsächlich denkt, der sympathische Bruce Lee sei von den Toten auferstanden. Man hätte dieser Rolle durchaus mehr Szenen geben dürfen.
Aber auch die anderen Kämpfer Chris Collins und der taiwanesisch-amerikanische Popstar Vanness Wu (bekannt aus „Birth Of The Dragon“) können uneingeschränkt überzeugen.
Scott Adkins verkörpert hier einmal eine völlig überzeichnete Figur eines Sergeant, der wie eine Hommage an Sergeant Hartman aus Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ erinnert. Seine Kampfkunst kann er eigentlich nur im Endkampf zeigen, aber dort macht es dann auch richtig Spaß, wenn der bedachte, ruhige Ip Man und der impulsiv draufschlagende Choleriker aufeinandertreffen.

Unbedingt erwähnenswert ist neben der professionellen Inszenierung auch der großartige Score von Kenji Kawai, der die Momente immer auf geniale Weise untermalt. Vor allem in der Schlussszene, bei der einige Ausschnitte aus den ersten drei Filmen gezeigt werden und einen sentimentalen Rückblick auf das Leben Ip Mans geben, entfaltet die Musik seine volle Wirkung und treibt dem Zuschauer Tränen in die Augen. „Ip Man 4 – The Finale“ ist hervorragendes Actionkino mit sympathischen oder – im Falle von Scott Adkins und Chris Collins – unsympathischen Darstellern. In Bezug auf Martial-Arts-Dramen möchte ich ihn sogar, wie die drei Vorgänger, als Meisterwerk bezeichnen.

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Fazit: Martial-Arts-Drama mit realem Hintergrund. Sehr emotional und gut gespielt.

©2020 Wolfgang Brunner

Crypto (2019)

crypto

Originaltitel: Crypto
Regie: John Stalberg jr.
Drehbuch: Jeffrey Ingber
Kamera:  Pieter Vermeer
Musik: Nima Fakhrara
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Beau Knapp, Alexis Bledel, Luke Hemsworth, Kurt Russell, Jeremie Harris, Vincent Kartheiser, Jill Hennessy
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Der junge Banker Marty, der „Unstimmigkeiten“ innerhalb des Unternehmens aufspüren soll,  wird „strafversetzt“ – und zwar in seine alte Heimatstadt.
Dort soll er die Zweigstelle seines Unternehmens unter die Lupe nehmen und kommt einem gigantischen Schwindel auf die Spur …

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Wenn ich ehrlich bin, war ich auf den vorliegenden „Crypto“ in erster Linie erst einmal neugierig, weil Kurt Russell mitspielte. Als ich dann sah, dass Luke Hemsworth, der Bruder von Chris Hemsworth mitwirkte, war die Erwartungshaltung dann sogar noch größer. Doch schon innerhalb der ersten halben Stunde hat mich dann Beau Knapp mit seiner Schauspielerei vollkommen in den Bann gezogen. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mich der Schauspieler in dieser Rolle so sehr fasziniert. Knapp spielt seine Rolle sehr souverän und vor allem glaubwürdig. Und das macht den ganzen Film durchgängig Spaß. Und auch wenn mich die Handlung ein wenig abgeschreckt hat (es geht um Internetwährungen wie beispielsweise Bitcoins), weil ich Befürchtungen hatte, sie nicht wirklich zu verstehen, so muss ich letzten Endes dann doch zugeben, dass ich zumindest das meiste davon kapiert habe. 😉

„Crypto“ hat durchgängig, aber vor allem in der zweiten Hälfte, eine sehr tolle Atmosphäre, was vielleicht daran liegt, dass man es hier nicht nur mit einem Thriller zu tun hat, sondern auch mit einer Familiengeschichte. Gerade letztere hat mich sehr überzeugt und mir auch außerordentlich gut gefallen. Das Zusammenspiel zwischen Knapp und Hemsworth ist sehr gut und auch Kurt Russell als Vater macht eine gute Figur. Es ist immer wieder schön, Kurt Russell in einer neuen Rolle zu sehen.
Der Plot des Films ist nachvollziehbar und der Spannungsbogen wird konsequent aufrechterhalten bis zum spannenden Finale. Es ist vor allem das Gesamtbild, das letztendlich „Crypto“ zu einem wirklich spannenden und sehenswerten Film macht, der zudem das hochaktuelle Thema der Internetwährung(en) behandelt. An einigen Stellen wird einem da schon bewusst, welche Auswirkungen solch ein Zahlungssystem auf die Gesellschaft hat.

„Crypto“ ist der zweite Langfilm von Regisseur John Stahlberg jr. und er beweist, dass er ein gutes Händchen für eine saubere Inszenierung hat. Inszenatorisch lässt sich nämlich an „Crypto“ nichts bemängeln. Der Aufbau des Plots ist gut gelungen, die Charakterisierungen der Protagonisten ebenfalls und, wie oben schon erwähnt, wird der Spannungsaufbau stetig nach oben gehalten. Vielen dürfte der Film eventuell dennoch nicht so zusagen, da er nicht wirklich ins Mainstream-Schema passt, sondern einen eigenen Weg geht. Für mich war „Crypto“ jedenfalls eine absolute Überraschung, vor allem durch den wirklich tollen Hauptdarsteller Beau Knapp. Außerdem konnte der Film mit ein paar wirklich unerwarteten Wendungen auftrumpfen, mit denen man so nicht gerechnet hätte.

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Fazit: Spannender Plot mit tollen Darstellern, allen voran Beau Knapp.

© 2020 Wolfgang Brunner

Parasite (2019)

Parasite

Originaltitel: Gisaengchung
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Han Jin-Won
Kamera: Hong Kyung-pyo
Musik: Jeong Jae-il
Laufzeit: 132 Minuten
Darsteller: Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong, Jang Hye-jin, Park So-dam, Choi Woo-shik, Jeong Ji-so
Genre: Satire, Drama
Produktionsland: Südkorea
FSK: ab 16 Jahre

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Es gibt arme und es gibt wohlhabende Familien. Ki-woos Familie gehört zu den ersteren, umso mehr freut er sich, bei einer reichen einen Job als Nachhilfelehrer zu bekommen. Die Parks suchen noch eine weitere Nachhilfelehrerin, einen Chauffeur und später auch noch eine Haushälterin. So profitiert die gesamte Familie von Ki-woo schon nach kurzer Zeit vom luxuriösen Lebensstil der Parks. Doch dann stoßen sie auf ein dunkles Geheimnis und es dauert nicht lange, bis die Situation auf dramatische Weise aus dem Ruder läuft.

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Wer die Filme von Bong Joon-ho kennt, weiß, dass ihn etwas Außergewöhnliches erwartet, dass sich in der Regel auch abseits des Mainstream bewegt. So verhält es sich auch bei „Parasite“, der dieses Jahr in vier Kategorien mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. „Parasite“ beginnt wie eine Milieustudie und der Zuschauer begleitet eine Familie, wie sie in ihren ärmlichen Verhältnissen zu überleben versucht. Schon zu Beginn merkt man, dass sich der Film auf einem hohen Niveau bewegt, sowohl in inszenatorischer Weise als auch aus schauspielerischer Sicht. Joon-ho weiß, wie man das Publikum packt und in seinen Bann zieht – er hat es mit „Mother“ oder seinem Erfolg „The Host“, um nur zwei Filme zu benennen – bereits bewiesen. Jetzt macht er es mit „Parasite“ genauso, wenngleich auf andere Art und Weise. Man fühlt sich schon nach wenigen Minuten der Familie um Ki-woo verbunden. Untermalt mit einer fantastischen Musik und garniert mit wunderbar arrangierten Bildern nimmt Joon-ho sein Publikum mit auf eine irrwitzige, skurrile und auch brutale Reise.

Absolut kurzweilig entwickelt sich eine Situation, die wie an den Haaren herbeigezogen wirkt und dennoch absolut glaubwürdig und schlüssig dargestellt wird. Es ist eine wahre Freude, den Protagonisten dabei zuzusehen, wie sie sich einer nach dem anderen in die Welt der Reichen schmuggeln und ihre Rollen perfekt spielen. Das Set wirkt oftmals steril, was mit Sicherheit beabsichtigt ist, gerät aber durch das beeindruckende Agieren der Schauspieler vollkommen in den Hintergrund. Es ist unglaublich mit welchem Einsatz hier geschauspielert wird – und das bis in die Nebenrollen. Man muss „Parasite“ natürlich auch erst einmal sacken lassen, nachdem man ihn gesehen hat. Womit ich auch schon mit einem Vergleich komme, den der ein oder andere vielleicht gar nicht verstehen wird. Joon-hos neuer Film wirkt in vielen Momenten wie eine südkoreanische Version eines Peter Greenaway-Films, vor allem, wenn man die gnadenlose Konsequenz des Finales betrachtet. „Dümpelt“ der Film, und das ist alles andere als negativ gemeint, bis dahin vor sich hin, so entfaltet sich am Ende ein Drama sondergleichen, das den Zuschauer aus der Bahn wirft, weil er mit solch einer Entwicklung nicht gerechnet hat. In ähnlicher Weise hat auch Peter Greenaway den ein oder anderen seiner Filme inszeniert.

„Parasite“ hat zurecht seine Oscars bekommen. Erfreulicherweise handelt es sich bei dem diesjährigen „Besten Film“ um eine Produktion, die sich abseits des Mainstream bewegt und Wert auf Schauspielleistung und nicht bombastische Effekte legt. Auch Bong Joon-ho als „Besten Regisseur“ auszuzeichnen wirkt auf mich wie ein kleines Wunder. „Parasite“ ist kein Film fürs Massenpublikum, behandelt aber Probleme, die ein Massenpublikum erreichen sollten. Sozialkritisch und die Entwicklung unserer Gesellschaft übertrieben darstellend (oder vielleicht sogar schon real?) reißt Joon-ho in der zweiten Hälfte des Films das Ruder herum und macht „Parasite“ zu einem unter die Haut gehenden Thriller. Und über diesen ganzen Drama- und Thrillerelementen schweben unentwegt eine satirische Komponente. Bong Joon-hos Film darf durchaus als Meisterwerk bezeichnet werden, was aber nur Menschen nachvollziehen werden, die dazu fähig sind, sich auf den eigenartigen, exotischen und auch im Grunde genommen völlig unspektakulären Plot einlassen zu können. Für mich persönlich war „Parasite“ eine große Überraschung, die ich mit Sicherheit noch öfter ansehen werde.

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Fazit: Verdienter Oscargewinner, der erst im Nachhinein seine volle Wirkung entfaltet.

©2020 Wolfgang Brunner

Nomis (2018)

nomis

Originaltitel: Nomis
Alternativtitel: Night Hunter
Regie: David Raymond
Drehbuch: David Raymond
Kamera: Michael Barrett
Musik: Alex Lu
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Henry Cavill, Ben Kingsley, Alexandra Daddario, Stanley Tucci, Brendan Fletcher, Minka Kelly, Nathan Fillion
Genre: Thriller
Produktionsland: USA, Kanada
FSK: ab 16 Jahre

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Seit mehreren Jahren sucht sich ein Serienkiller junge Frauen über das Internet, um sie sexuell zu missbrauchen. Cop Marshall kommt mit Unterstützung des radikalen Coopers, der zusammen mit seiner Tochter Jagd auf diese Kinderschänder macht und diese durch Selbstjustiz bestraft, einem Verdächtigen auf die Spur. Es handelt sich um den psychisch gestörten Simon, der offensichtlich mehrere Identitäten annehmen kann. Doch ganz so einfach, wie es auf den ersten Anschein aussieht, ist es doch nicht …

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Keine fünf Minuten dauert es, bis Regisseur David Raymond den Zuschauer mit seinem Psychothriller in den Bann zieht. Man fühlt sich, natürlich aufgrund der Thematik Serienkiller, in der ein oder anderen Szene an „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert, die in diesem Genre Meilensteine darstellen. Doch auch „Nomis“ bewegt sich in diese Richtung, was vor allem am geschickten inszenierten Plot  und zum anderen an einer phänomenalen Schauspielleistung von Brendan Fletcher liegt. Dazu aber später noch. Zuerst einmal bedarf es einer Schilderung, wie atmosphärisch „Nomis“ daherkommt. Durch die Figur des behinderten Simon stellt sich sofort eine bedrückende Stimmung ein, die sich durch den kompletten Film zieht. „Nomis“ ist düster, an einigen Stellen unglaublich brutal und in seiner Charakterzeichnung der Protagonisten tiefgehender als so manch andere Genrebeitrag. „Nomis“ macht Spaß, wenn man das bei dieser Art Thematik so nennen kann, und lässt die Zeit nur so dahinfliegen.

Henry Cavill und Ben Kingsley spielen fantastisch und man nimmt ihnen ihre Rollen uneingeschränkt ab. Ebenso können Alexandra Daddario und Stanley Tucci absolut überzeugen und verleihen dem Film einen authentischen Charme. Brendan Fletcher stiehlt jedoch allen die Show, wenn er in den psychisch behinderten und gestörten Simon zum Besten gibt. Das Szenario erinnert natürlich ein wenig an „Split“, in dem ein Serienkiller ebenfalls verschiedene Identitäten annimmt, aber „Nomis“ konzentriert sich eher nur auf zwei Seiten des Killers: eine böse und eine hilflose. Dieses doppelt Ich wird von Fletcher unglaublich intensiv dargestellt und man kann an manchen Stellen gar nicht glauben, dass dieser Mann nicht tatsächlich eine geistige Behinderung hat. Für mich war diese Darstellung oscarreif, so dass der Film weitaus mehr Beachtung verdient hätte, als ihm bisher widerfahren ist.

„Nomis“ folgt natürlich gewissen cineastischen Regeln, in dem sich zum Beispiel am Ende des Films ein Endkampf / Showdown entwickelt, den man natürlich in fast jedem Thriller auf ähnliche Art zu sehen bekommt. Da hätte man sich von den Machern etwas mehr Mut und eine unkonventionellere Vorgehensweise gewünscht, aber nach diesen Regeln / Vorgaben funktioniert anscheinend das Filmgeschäft. Nichtsdestotrotz stellt dieser „Makel“ ein Jammern auf hohem Niveau dar und tut dem Gesamtergebnis keinen Abbruch. „Nomis“ ist im Thrillergenre ein Höhepunkt des Produktionsjahres 2018 und man darf gespannt sein, ob, wann und vor allem was David Raymond hier nachlegt und ob er die selbst hochgelegte Messlatte wieder erreicht. „Absence of War“ soll der Actionthriller heißen, an dem er gerade arbeitet. Auf alle Fälle ist David Raymond ein Name, den man sich merken sollte, denn mit „Nomis“ hat er einen hervorragenden, atmosphärischen, intelligenten und spannenden Thriller abgeliefert, der sich wohltuend vom Einheitsbrei abhebt.

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Fazit: Atmosphärisch, intelligent, spannend. Mit einem hervorragenden Brendan Fletcher.

© 2019 Wolfgang Brunner

Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen (2018)

verurteilt

Originaltitel: Acusada
Regie: Gonzalo Tobal
Drehbuch: Ulises Porra, Gonzalo Tobal
Kamera: Fernando Lockett
Musik: Rogelio Sosa
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Lali Espósito, Gael Garcia Bernal, Leonardo Sbaraglia, Inés Estévez, Daniel Fanego, Gerardo Romano, Martina Campos
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Argentinien
FSK: ab 12 Jahre

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 Zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihrer besten Freundin muss sich die junge Dolores vor Gericht verteidigen,da sie unter Mordverdacht steht. Während ihre Eltern das Mädchen auf den Prozess vorbereiten, kämpft Dolores mit den Dämonen ihrer Vergangenheit.

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Gonzalo Tobas Gerichtsfilm braucht nicht lange, um den Zuschauer in einen hypnotischen Sog zu ziehen, dem man bis zum Ende des Dramas nicht mehr entkommen kann. In einer wunderbar ruhigen, aber nichtsdestotrotz sehr spannenden und emotionalen Weise lässt uns der Regisseur an den Problemen und der Gefühlswelt der Protagonistin teilhaben. Präzise, aber dennoch ein wenig undurchschaubar, präsentiert Tobas den Mordfall, der den Fall des „Engels mit den Eisaugen“, Amanda Knox, als Ausgangsidee benutzt. Lali Espósito zeigt eine wirklich beeindruckende darstellerische Leistung, die sie konstant durch den ganzen Film aufrechterhält. Aber nicht nur sie, sondern auch das komplette Ensemble kann durchwegs mit seinem Agieren überzeugen.

Es ist vor allem die ruhige, und im Grunde genommen absolut unspektakuläre Inszenierung, die diesen Film so intensiv und authentisch wirken lässt. Keine reißerischen Szenen, kein blutiger Mord, der detailliert zeigt, wie jemand sein Leben verliert und keine atemberaubende Gerichtsverhandlung, bei der mit allen Mitteln um die Schuld oder Unschuld der Angeklagten gekämpft wird. Untermalt von einer fantastischen, atmosphärischen Musik wendet sich Regisseur Gonzalo Tobas vielmehr der Psyche der Protagonistin zu und zeigt, wie man innerhalb der Familie mit den Verdächtigungen umgeht. Das Ganze wirkt dabei so echt, dass man tatsächlich in manchen Momenten vergisst, einer erfundenen Geschichte beizuwohnen. Für viele ist dieser gemächliche Inszenierungsstil mit Sicherheit ein ganz großer Minuspunkt, der in der heutigen Kinowelt, in der es nur noch um „größer, besser, bombastischer“ geht, keine Chance und auch keinen Bestand hat. Für Filminteressierte, die sich für Schauspielerei und inszenatorische Feinheiten begeistern können, wird „Verurteilt“ ein kleiner Höhepunkt sein.

Wer Tobas‘ Vorgängerfilm „Der unsichtbare Gast“ kennt, weiß, was ihn bei „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ erwartet. Ein gefühlvolles Drama, das zwar eine schreckliche Tat erzählt, sich aber eigentlich auf etwas völlig anderes konzentriert: nämlich das Innenleben eines Menschen, der mit seinen Problemen nicht klar kommt.
Durch seine raffinierte Erzählweise wird der Film in keiner Sekunde langweilig, weil man mit der Protagonistin (und auch deren Familie) mitfiebert und wissen möchte, was wirklich geschehen ist. „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ ist einer jener Ausnahmefilme, die bedeutend mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zukommt. Wer großes Erzählkino mag, wird an diesem Drama / Thriller nicht vorbeikommen.

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Fazit: Großartig erzähltes Drama, das durch seine ruhige Inszenierung punkten kann.

© 2019 Wolfgang Brunner

Durch die Nacht (2013 / 2017)

Originaltitel: Durch die Nacht
Regie: Marco Pfeiffer
Drehbuch: Marco Pfeiffer
Kamera: Mirko Prokic
Musik: Lino Jednat
Laufzeit: 7 Minuten (Langfassung: 14 Minuten)
Darsteller: Randi Rettel, Jessica Klauß, Jan-Erik-Hohl, Nicole Schreier,
Livia Schwarz, Ralf T. Hoffmann, Aaron Wassilew, Julia Alsheimer, Nina
Michnik, Sissy Chrysos, Gabriele Kriedemann
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: nicht geprüft

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Marie will ihren Freund Ben mit einem schönen Essen verwöhnen. Doch der Abend verläuft leider nicht so, wie sich Marie das vorgestellt hat. Verzweifelt begibt sie sich auf einen Spaziergang durch die Nacht und erfährt durch einige Begegnungen, was Leben wirklich bedeutet.

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Das Drama „Durch die Nacht“ kann von der ersten Einstellung an begeistern und hinterlässt deutliche Spuren in den Gedanken des Zusehers. Regisseur Marco Pfeiffer, der auch das Drehbuch verfasste, gelingt es in etwas mehr als fünf Minuten, einen derart zu packen, dass es fast schon Angst macht. Eine anfangs ärgerliche, kurze Zeit später aber wieder befriedigende Alltagssituation gerät zu einem Alptraum, in den sich jeder durch die intensiven Bilder des Kurzfilms hineinversetzen kann. Mit einfachen Mitteln wird in wenigen Minuten eine Palette an Gefühlen behandelt, dass es einen beim ersten (und auch noch zweiten Ansehen) schlichtweg überfordert. Liebe, Verlust, Trauer, Angst, Mut, Verzweiflung und am Ende Hoffnung. All dies passiert mit der Protagonistin, die wir auf ihrem verzweifelten Gang durch die Nacht begleiten. Und wir fühlen mit ihr, spüren die Trauer und die Verzweiflung, erleben aber auch in geschickt inszenierten Bildern die Hoffnung, die durch die Begegnung mit Mitmenschen in ihr aufkeimt.

„Durch die Nacht“ ist ein emotionaler, tiefgehender Kurzfilm, der mit Emotionen spielt und sie selbst für diejenigen deutlich macht, die sich noch nie in solch einer (oder ähnlichen) Lage befanden. Marie wird hervorragend von Randi Rettel verkörpert, der man sämtliche Emotionen abnimmt. Ihr natürliches, ungezwungenes Schauspiel ist herrlich erfrischend und echt, so dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Sie drückt die Hilflosigkeit, den Kummer und die Niedergeschlagenheit, durch die sie in eine Spirale der Selbstzerstörung gerät, so natürlich aus, dass es einem Angst einjagen kann. Marco Pfeiffers Film drückt im Gegenzug aber auch aus, dass junge Menschen sich nicht nur im negativen Sinne „gehen lassen“, sondern auch sehr wohl an eine glückliche Zukunft und ein erfülltes Familienleben glauben können.
Jan-Erik-Hohl als Ben kann, wenngleich er nicht allzu oft zu sehen ist, durch seine charismatische und sehr sympathische Ausstrahlung punkten und lässt selbst einen männlichen Zuschauer am Ende dahinschmelzen. 😉
Und Jessica Klauß als Mutter mit Kind, die für Marie die rettende Hand darstellt, kann auf sehr positive Weise in ihrer Rolle überzeugen. Die wunderschöne und überaus passende Musikuntermalung stammt von Lino Jednat, von dem man sich in Zukunft auf jeden Fall noch mehr Scores in dieser Art wünscht.

Von „Durch die Nacht“ existiert eine Kurz- und eine Langfassung, die man beide gesehen haben sollte. Ich habe zuerst die Kurzfassung aus dem Jahr 2013 angesehen und mir danach viele Gedanken über die Handlung gemacht. So ging es anscheinend mehreren Zuschauern, denn nach der ursprünglich abgedrehten Kurzfassung entschieden sich die Macher nachträglich im Jahr 2017 noch eine Langfassung herzustellen, die bedeutend mehr auf die Beziehung von Marie und Ben eingeht und auch einige offenstehende Fragen der Kurzfassung beantwortet. Mir persönlich hat es die längere Fassung angetan, weil sie noch bedeutend mehr Emotionen in mir ausgelöst hat als die originale Kurzfassung. Für mich ein sehr beeindruckendes Filmerlebnis, das erstaunlicherweise trotz seiner kurzen Laufzeit enorm viel Gefühle beim Zuschauer wachrüttelt.
Beide Fassungen kann man auf der Film-Homepage begutachten. Eine Facebook-Seite zum Film gibt es ebenfalls, die noch weitere und vor allem aktuelle Informationen bereithält.

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Fazit: Kurzfilm mit tollen Darstellern (Randi Rettel ist einfach ein Glücksgriff) und einer unglaublich emotionalen Wucht, die einen nachhaltig beschäftigt.

© 2017 Wolfgang Brunner

Alien: Covenant (2017)

Originaltitel: Alien: Covenant
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Jed Kurzel
Laufzeit: 122 Minuten
Darsteller: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Guy Pearce
Genre: Horror, Science Fiction
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Das Raumschiff Covenant ist mit 2.000 schlafenden Menschen und über 1.000 menschlichen Embryonen unterwegs, um auf einem fremden Planeten eine Kolonie zu gründen. Durch einen Sonnensturm wird das Schiff beschädigt und die Mannschaft aus dem Tiefschlaf geweckt. Während sie die Schäden am Schiff untersuchen, entdecken sie einen fremden Planeten, der der Erde ähnelt und anscheinend bewohnbar ist. Als ein Teil der Crew auf dem Planeten landet und ihn erforscht, kommen zwei Männer in Kontakt mit einer seltsamen Spore. Ohne es zu wissen, wächst ein fremdartiges Lebenwesen in ihren Körpern heran, dass schon bald das Leben der gesamten Mannschaft bedroht.

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Im Vorfeld waren ja schon wieder die unterschiedlichsten Meinungen zu Ridley Scotts neuestem Alien-Film vertreten. Doch ich wollte mir, wie auch übrigens bei „Prometheus“, einfach unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden. Und ich bin froh, dass ich mir das Filmvergnügen nicht selbst verdorben habe, indem ich die anderen Rezensionen genau durchgelesen sondern nur überflogen habe. Denn … ich finde, dass Ridley Scott wieder einmal einen visionären Film abgeliefert hat. Sicherlich muss man über die ein oder andere Logiksache hinwegsehen, das ist mir aber in diesem Fall wirklich egal, denn ich möchte mit solchen Filmen unterhalten werden. Und das hat mit „Alien: Covenant“ eindeutig hervorragend geklappt. Ein bisschen Kritik habe ich dennoch zu vermelden, aber eines nach dem anderen.

Zunächst einmal fand ich den Spannungsaufbau sehr gelungen und wirkungsvoll. Langsam wird der Zuschauer in eine bedrückende Atmosphäre eingelullt, der man sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr entziehen kann. Gerade die Infizierung auf dem fremden Planeten und die ersten Alien-Attacken sind grandios inszeniert und fast schon unerträglich in ihrer Spannung. Die Bilder von der „Geburt“ des ersten Aliens gehen mir in ähnlicher Weise nicht mehr aus dem Kopf wie seinerzeit eine ähnliche Szene in John Carpenters Kultfilm „Das Ding aus einer anderen Welt“. Oftmals habe ich irgendwann gemerkt, dass ich den Atem angehalten habe, so spannend waren die Angriffe der Aliens, obwohl sie mit dem Computer designt wurden. Die Attacken sahen in einigen Szenen ähnlich wie in „Starship Troopers“ aus vermittelten eine ähnliche, ausweglose Situation. und Die ersten beiden Drittel fand ich persönlich absolut atemberaubend in Szene gesetzt, enorm spannend und extremst kurzweilig. Leider verzetteln sich die Drehbuchautoren am Ende in einem ideenlosen Abklatsch des Originals, was mir nicht so gefallen hat. Da hätte ich mir dann doch eine etwas andere Wendung beziehungsweise ein innovativeres Ende gewünscht. Aber nun gut, der Mainstream möchte genau so etwas wahrscheinlich sehen und die Macher haben sich wahrscheinlich darauf eingelassen, um Erfolg an der Kinokasse zu haben. Das hat schon der mäßig erfolgreiche „Alien 3“ von David Fincher gezeigt, dass Innovation nicht immer gut beim Massenpublikum ankommt. Bei „Alien: Covenant“ wollte man deswegen wohl sichergehen und hat sich für diesen Weg entschieden, der dem Massenpublikum genau das gibt, was es will, und den „echten“ Filmfreund dann eher enttäuscht. Soweit zu meinem einzigen Kritikpunkt.

Nahezu begeistert war ich von der Entwicklung, die Ridley Scott den „menschlichen Robotern“ zugedacht hat. Es mutet fast wie eine leichte Symbiose oder wie eine Brücke zu seinem Meisterwerk „Blade Runner“ an, wenn er in „Alien: Covenant“ den Maschinenwesen unheimliche menschliche Züge verschafft. Ich denke, diese Annäherung beider Universen ist beabsichtigt, denn gerade die Anfangssequenz könnte durchaus bei „Blade Runner“ Anwendung finden. Auch darstellerisch kann man bei „Alien: Covenant“ nichts aussetzen, denn alle spielen durchwegs außerordentlich gut und nehmen ihre Rollen sichtlich ernst. Michael Fassbender, der angebliche Star des Films, wird aber aus meiner Sicht eindeutig von Danny McBride an die Wand gespielt, der seinen Protagonisten unglaublich authentisch und vor allem sehr emotional verkörpert. McBride hat mich während des ganzen Films am meisten begeistert und beeindruckt, da kam Fassbender nicht einmal annähernd mit. Ist aber einfach nur meine Meinung. Scoretechnisch hat Jed Kurzel eigene Töne mit markanten Klängen aus Jerry Goldsmiths Originalscore vermischt und für eine sehr passende und atmosphärische Musikuntermalung  gesorgt.
Alles in allem hat mir „Alien:Covenant“, genauso wie „Prometheus“, in seiner Fortführung und/oder Neuinterpretation des Alien-Universums absolut gut gefallen.

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Fazit: Ästhetisch, brutal und atmosphärisch. Trotz einiger Logikfehler ein würdiges, sehenswertes Teil im Alien-Universum-Puzzle.

© 2017 Wolfgang Brunner

Everest (2015)

Everest

Originaltitel: Everest
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: William Nicholson, Simon Beaufoy
Kamera: Salvatore Totino
Musik: Dario Marianelli
Laufzeit: 120 Minuten
Darsteller: Jason Clarke, Josh Brolin, John Hawkres, Robin Wright, Sam Worthington, Keira Knightley, Emily Watson, Jake Gylenenhaal, Michael Kelly
Genre: Abenteuer
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Zwei Expeditionen machen sich auf den Weg, den Gipfel des Mount Everest zu bezwingen. Durch einen plötzlichen, starken Wetterwechsel entwickelt sich der Aufstieg zu einem lebensgefährlichen Kampf, bei dem die beiden Teams zur Zusammenarbeit gezwungen sind.

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„Everest“ erzählt die tragischen Ereignisse einer wahren Begebenheit nach, kann aber durch die begrenzte Dauer eines Spielfilms nicht alle Einzelheiten behandeln. Dem ein oder anderen, der sich mit dem wirklichen Drama aus dem Jahr 1996 auseinandergesetzt hat, mag das vielleicht sauer aufstoßen, ich für meinen Teil fand die Umsetzung mehr als gelungen.
Die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen haben mich vom ersten Augenblick an in  ihren Bann gezogen ( vor allem in 3D!). Das ist unglaublich authentisch in Szene gesetzt, so dass man sich sofort mittendrin fühlt und die Schönheit der Natur ebenso spürt wie ihre brutale, unbarmherzige Härte. Regisseur Baltasar Kormákur baut die Handlung geschickt auf und fängt das Ganze eher harmlos an, wie es die Teilnehmer wohl auch empfunden haben. Man nimmt als Zuschauer teil an der Vorfreude, den höchsten Berg des Himalaja zu besteigen, und fühlt förmlich den Nervenkitzel der Teilnehmer. Doch schon bald gerät das Abenteuer außer Kontrolle und die Menschen kämpfen um ihr Leben.

Beeindruckend in seiner Darstellung als Leiter einer der beiden Expeditionen ist Jason Clarke, der seine Rolle dermaßen überzeugend und emotional spielt, dass er aus meiner Sicht eine Oscarnominierung verdient hätte. Mit anhaltender Begeisterung verfolgte ich vor allem sein Schauspiel während des ganzen Films. Clarke hat es dadurch auch geschafft, die ganzen anderen Stars wie zum Beispiel Josh Brolin, Robin Wright, Sam Worthington, Keira Knightley, Emily Watson oder Jake Gylenenhaal an die Seite zu spielen. Sicherlich sind alle anderen beteiligten Schauspieler absolut Spitze in diesem Film, aber keiner kann Clarke das Wasser reichen. 😉

Kormákur inszenierte die tragische Bergbesteigung überzeugend und erschreckend realistisch. Manchmal ist es für den Zuschauer fast schon unerträglich, den Strapazen und Gefahren der Protagonisten beizuwohnen. Hinzu kommt, dass bestimmte Szenen wirklich sehr emotional sind, obwohl durch die Dauer des Films nicht allzuviel persönliche Bindung zu den Akteuren aufgebaut werden kann. Diese Bindung funktionierte, zumindest bei mir, eben nur zu dem von Clarke dargestellten Bergführer Rob Hall. Mit ihm fieberte ich mit, litt und hoffte. Das ging, wie gesagt, bei manchen Szenen an die Substanz. 😉
Erfreulicherweise wurde aus meiner Sicht niemals etwas übertrieben dargestellt, aber dennoch eine unglaubliche Spannung aufgebaut. Selbst Menschen, die nichts mit Bergsteigen anfangen können, werden sich diesem faszinierenden Trip nicht entziehen können. Ich könnte mir den Film schon wieder ansehen, so begeistert hat er mich. Hinzu kommt die fantastische Musik von Dario Marianelli, die sowohl die ruhigen wie auch die dramatischen Momente hervorragend untermalt. Die gezeigten, teils bombastischen Naturaufnahmen wirken dadurch unglaublich intensiv.

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Fazit: Bildgewaltiges und durch die Darstellung von Jason Clarke sehr emotionales Bergsteigerdrama, das man nicht so schnell vergisst.

© 2016 Wolfgang Brunner