Durch die Nacht (2013 / 2017)

Originaltitel: Durch die Nacht
Regie: Marco Pfeiffer
Drehbuch: Marco Pfeiffer
Kamera: Mirko Prokic
Musik: Lino Jednat
Laufzeit: 7 Minuten (Langfassung: 14 Minuten)
Darsteller: Randi Rettel, Jessica Klauß, Jan-Erik-Hohl, Nicole Schreier,
Livia Schwarz, Ralf T. Hoffmann, Aaron Wassilew, Julia Alsheimer, Nina
Michnik, Sissy Chrysos, Gabriele Kriedemann
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: nicht geprüft

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Marie will ihren Freund Ben mit einem schönen Essen verwöhnen. Doch der Abend verläuft leider nicht so, wie sich Marie das vorgestellt hat. Verzweifelt begibt sie sich auf einen Spaziergang durch die Nacht und erfährt durch einige Begegnungen, was Leben wirklich bedeutet.

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Das Drama „Durch die Nacht“ kann von der ersten Einstellung an begeistern und hinterlässt deutliche Spuren in den Gedanken des Zusehers. Regisseur Marco Pfeiffer, der auch das Drehbuch verfasste, gelingt es in etwas mehr als fünf Minuten, einen derart zu packen, dass es fast schon Angst macht. Eine anfangs ärgerliche, kurze Zeit später aber wieder befriedigende Alltagssituation gerät zu einem Alptraum, in den sich jeder durch die intensiven Bilder des Kurzfilms hineinversetzen kann. Mit einfachen Mitteln wird in wenigen Minuten eine Palette an Gefühlen behandelt, dass es einen beim ersten (und auch noch zweiten Ansehen) schlichtweg überfordert. Liebe, Verlust, Trauer, Angst, Mut, Verzweiflung und am Ende Hoffnung. All dies passiert mit der Protagonistin, die wir auf ihrem verzweifelten Gang durch die Nacht begleiten. Und wir fühlen mit ihr, spüren die Trauer und die Verzweiflung, erleben aber auch in geschickt inszenierten Bildern die Hoffnung, die durch die Begegnung mit Mitmenschen in ihr aufkeimt.

„Durch die Nacht“ ist ein emotionaler, tiefgehender Kurzfilm, der mit Emotionen spielt und sie selbst für diejenigen deutlich macht, die sich noch nie in solch einer (oder ähnlichen) Lage befanden. Marie wird hervorragend von Randi Rettel verkörpert, der man sämtliche Emotionen abnimmt. Ihr natürliches, ungezwungenes Schauspiel ist herrlich erfrischend und echt, so dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Sie drückt die Hilflosigkeit, den Kummer und die Niedergeschlagenheit, durch die sie in eine Spirale der Selbstzerstörung gerät, so natürlich aus, dass es einem Angst einjagen kann. Marco Pfeiffers Film drückt im Gegenzug aber auch aus, dass junge Menschen sich nicht nur im negativen Sinne „gehen lassen“, sondern auch sehr wohl an eine glückliche Zukunft und ein erfülltes Familienleben glauben können.
Jan-Erik-Hohl als Ben kann, wenngleich er nicht allzu oft zu sehen ist, durch seine charismatische und sehr sympathische Ausstrahlung punkten und lässt selbst einen männlichen Zuschauer am Ende dahinschmelzen. 😉
Und Jessica Klauß als Mutter mit Kind, die für Marie die rettende Hand darstellt, kann auf sehr positive Weise in ihrer Rolle überzeugen. Die wunderschöne und überaus passende Musikuntermalung stammt von Lino Jednat, von dem man sich in Zukunft auf jeden Fall noch mehr Scores in dieser Art wünscht.

Von „Durch die Nacht“ existiert eine Kurz- und eine Langfassung, die man beide gesehen haben sollte. Ich habe zuerst die Kurzfassung aus dem Jahr 2013 angesehen und mir danach viele Gedanken über die Handlung gemacht. So ging es anscheinend mehreren Zuschauern, denn nach der ursprünglich abgedrehten Kurzfassung entschieden sich die Macher nachträglich im Jahr 2017 noch eine Langfassung herzustellen, die bedeutend mehr auf die Beziehung von Marie und Ben eingeht und auch einige offenstehende Fragen der Kurzfassung beantwortet. Mir persönlich hat es die längere Fassung angetan, weil sie noch bedeutend mehr Emotionen in mir ausgelöst hat als die originale Kurzfassung. Für mich ein sehr beeindruckendes Filmerlebnis, das erstaunlicherweise trotz seiner kurzen Laufzeit enorm viel Gefühle beim Zuschauer wachrüttelt.
Beide Fassungen kann man auf der Film-Homepage begutachten. Eine Facebook-Seite zum Film gibt es ebenfalls, die noch weitere und vor allem aktuelle Informationen bereithält.

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Fazit: Kurzfilm mit tollen Darstellern (Randi Rettel ist einfach ein Glücksgriff) und einer unglaublich emotionalen Wucht, die einen nachhaltig beschäftigt.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Alien: Covenant (2017)

Originaltitel: Alien: Covenant
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Jed Kurzel
Laufzeit: 122 Minuten
Darsteller: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Guy Pearce
Genre: Horror, Science Fiction
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Das Raumschiff Covenant ist mit 2.000 schlafenden Menschen und über 1.000 menschlichen Embryonen unterwegs, um auf einem fremden Planeten eine Kolonie zu gründen. Durch einen Sonnensturm wird das Schiff beschädigt und die Mannschaft aus dem Tiefschlaf geweckt. Während sie die Schäden am Schiff untersuchen, entdecken sie einen fremden Planeten, der der Erde ähnelt und anscheinend bewohnbar ist. Als ein Teil der Crew auf dem Planeten landet und ihn erforscht, kommen zwei Männer in Kontakt mit einer seltsamen Spore. Ohne es zu wissen, wächst ein fremdartiges Lebenwesen in ihren Körpern heran, dass schon bald das Leben der gesamten Mannschaft bedroht.

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Im Vorfeld waren ja schon wieder die unterschiedlichsten Meinungen zu Ridley Scotts neuestem Alien-Film vertreten. Doch ich wollte mir, wie auch übrigens bei „Prometheus“, einfach unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden. Und ich bin froh, dass ich mir das Filmvergnügen nicht selbst verdorben habe, indem ich die anderen Rezensionen genau durchgelesen sondern nur überflogen habe. Denn … ich finde, dass Ridley Scott wieder einmal einen visionären Film abgeliefert hat. Sicherlich muss man über die ein oder andere Logiksache hinwegsehen, das ist mir aber in diesem Fall wirklich egal, denn ich möchte mit solchen Filmen unterhalten werden. Und das hat mit „Alien: Covenant“ eindeutig hervorragend geklappt. Ein bisschen Kritik habe ich dennoch zu vermelden, aber eines nach dem anderen.

Zunächst einmal fand ich den Spannungsaufbau sehr gelungen und wirkungsvoll. Langsam wird der Zuschauer in eine bedrückende Atmosphäre eingelullt, der man sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr entziehen kann. Gerade die Infizierung auf dem fremden Planeten und die ersten Alien-Attacken sind grandios inszeniert und fast schon unerträglich in ihrer Spannung. Die Bilder von der „Geburt“ des ersten Aliens gehen mir in ähnlicher Weise nicht mehr aus dem Kopf wie seinerzeit eine ähnliche Szene in John Carpenters Kultfilm „Das Ding aus einer anderen Welt“. Oftmals habe ich irgendwann gemerkt, dass ich den Atem angehalten habe, so spannend waren die Angriffe der Aliens, obwohl sie mit dem Computer designt wurden. Die Attacken sahen in einigen Szenen ähnlich wie in „Starship Troopers“ aus vermittelten eine ähnliche, ausweglose Situation. und Die ersten beiden Drittel fand ich persönlich absolut atemberaubend in Szene gesetzt, enorm spannend und extremst kurzweilig. Leider verzetteln sich die Drehbuchautoren am Ende in einem ideenlosen Abklatsch des Originals, was mir nicht so gefallen hat. Da hätte ich mir dann doch eine etwas andere Wendung beziehungsweise ein innovativeres Ende gewünscht. Aber nun gut, der Mainstream möchte genau so etwas wahrscheinlich sehen und die Macher haben sich wahrscheinlich darauf eingelassen, um Erfolg an der Kinokasse zu haben. Das hat schon der mäßig erfolgreiche „Alien 3“ von David Fincher gezeigt, dass Innovation nicht immer gut beim Massenpublikum ankommt. Bei „Alien: Covenant“ wollte man deswegen wohl sichergehen und hat sich für diesen Weg entschieden, der dem Massenpublikum genau das gibt, was es will, und den „echten“ Filmfreund dann eher enttäuscht. Soweit zu meinem einzigen Kritikpunkt.

Nahezu begeistert war ich von der Entwicklung, die Ridley Scott den „menschlichen Robotern“ zugedacht hat. Es mutet fast wie eine leichte Symbiose oder wie eine Brücke zu seinem Meisterwerk „Blade Runner“ an, wenn er in „Alien: Covenant“ den Maschinenwesen unheimliche menschliche Züge verschafft. Ich denke, diese Annäherung beider Universen ist beabsichtigt, denn gerade die Anfangssequenz könnte durchaus bei „Blade Runner“ Anwendung finden. Auch darstellerisch kann man bei „Alien: Covenant“ nichts aussetzen, denn alle spielen durchwegs außerordentlich gut und nehmen ihre Rollen sichtlich ernst. Michael Fassbender, der angebliche Star des Films, wird aber aus meiner Sicht eindeutig von Danny McBride an die Wand gespielt, der seinen Protagonisten unglaublich authentisch und vor allem sehr emotional verkörpert. McBride hat mich während des ganzen Films am meisten begeistert und beeindruckt, da kam Fassbender nicht einmal annähernd mit. Ist aber einfach nur meine Meinung. Scoretechnisch hat Jed Kurzel eigene Töne mit markanten Klängen aus Jerry Goldsmiths Originalscore vermischt und für eine sehr passende und atmosphärische Musikuntermalung  gesorgt.
Alles in allem hat mir „Alien:Covenant“, genauso wie „Prometheus“, in seiner Fortführung und/oder Neuinterpretation des Alien-Universums absolut gut gefallen.

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Fazit: Ästhetisch, brutal und atmosphärisch. Trotz einiger Logikfehler ein würdiges, sehenswertes Teil im Alien-Universum-Puzzle.

© 2017 Wolfgang Brunner

Everest (2015)

Everest

Originaltitel: Everest
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: William Nicholson, Simon Beaufoy
Kamera: Salvatore Totino
Musik: Dario Marianelli
Laufzeit: 120 Minuten
Darsteller: Jason Clarke, Josh Brolin, John Hawkres, Robin Wright, Sam Worthington, Keira Knightley, Emily Watson, Jake Gylenenhaal, Michael Kelly
Genre: Abenteuer
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Zwei Expeditionen machen sich auf den Weg, den Gipfel des Mount Everest zu bezwingen. Durch einen plötzlichen, starken Wetterwechsel entwickelt sich der Aufstieg zu einem lebensgefährlichen Kampf, bei dem die beiden Teams zur Zusammenarbeit gezwungen sind.

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„Everest“ erzählt die tragischen Ereignisse einer wahren Begebenheit nach, kann aber durch die begrenzte Dauer eines Spielfilms nicht alle Einzelheiten behandeln. Dem ein oder anderen, der sich mit dem wirklichen Drama aus dem Jahr 1996 auseinandergesetzt hat, mag das vielleicht sauer aufstoßen, ich für meinen Teil fand die Umsetzung mehr als gelungen.
Die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen haben mich vom ersten Augenblick an in  ihren Bann gezogen ( vor allem in 3D!). Das ist unglaublich authentisch in Szene gesetzt, so dass man sich sofort mittendrin fühlt und die Schönheit der Natur ebenso spürt wie ihre brutale, unbarmherzige Härte. Regisseur Baltasar Kormákur baut die Handlung geschickt auf und fängt das Ganze eher harmlos an, wie es die Teilnehmer wohl auch empfunden haben. Man nimmt als Zuschauer teil an der Vorfreude, den höchsten Berg des Himalaja zu besteigen, und fühlt förmlich den Nervenkitzel der Teilnehmer. Doch schon bald gerät das Abenteuer außer Kontrolle und die Menschen kämpfen um ihr Leben.

Beeindruckend in seiner Darstellung als Leiter einer der beiden Expeditionen ist Jason Clarke, der seine Rolle dermaßen überzeugend und emotional spielt, dass er aus meiner Sicht eine Oscarnominierung verdient hätte. Mit anhaltender Begeisterung verfolgte ich vor allem sein Schauspiel während des ganzen Films. Clarke hat es dadurch auch geschafft, die ganzen anderen Stars wie zum Beispiel Josh Brolin, Robin Wright, Sam Worthington, Keira Knightley, Emily Watson oder Jake Gylenenhaal an die Seite zu spielen. Sicherlich sind alle anderen beteiligten Schauspieler absolut Spitze in diesem Film, aber keiner kann Clarke das Wasser reichen. 😉

Kormákur inszenierte die tragische Bergbesteigung überzeugend und erschreckend realistisch. Manchmal ist es für den Zuschauer fast schon unerträglich, den Strapazen und Gefahren der Protagonisten beizuwohnen. Hinzu kommt, dass bestimmte Szenen wirklich sehr emotional sind, obwohl durch die Dauer des Films nicht allzuviel persönliche Bindung zu den Akteuren aufgebaut werden kann. Diese Bindung funktionierte, zumindest bei mir, eben nur zu dem von Clarke dargestellten Bergführer Rob Hall. Mit ihm fieberte ich mit, litt und hoffte. Das ging, wie gesagt, bei manchen Szenen an die Substanz. 😉
Erfreulicherweise wurde aus meiner Sicht niemals etwas übertrieben dargestellt, aber dennoch eine unglaubliche Spannung aufgebaut. Selbst Menschen, die nichts mit Bergsteigen anfangen können, werden sich diesem faszinierenden Trip nicht entziehen können. Ich könnte mir den Film schon wieder ansehen, so begeistert hat er mich. Hinzu kommt die fantastische Musik von Dario Marianelli, die sowohl die ruhigen wie auch die dramatischen Momente hervorragend untermalt. Die gezeigten, teils bombastischen Naturaufnahmen wirken dadurch unglaublich intensiv.

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Fazit: Bildgewaltiges und durch die Darstellung von Jason Clarke sehr emotionales Bergsteigerdrama, das man nicht so schnell vergisst.

© 2016 Wolfgang Brunner

The Pyramid – Grab des Grauens (2014)

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Originaltitel: The Pyramid
Regie: Grégory Levasseur
Drehbuch: Daniel Meersand, Nick Simon
Kamera: Laurent Tangy
Musik: Nima Fakhrara
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Ashley Hinshaw, Denis O’Hare, James Buckley, Christa Nicola, Amir K, Faycal Attougui, Philip Shelley
Genre: Horror, Abenteuer
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahre

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Eine Gruppe Archäologen entdeckt eine tief vergrabene uralte Pyramide.  Das Kamerateam der Reporterin Sunni steigt mit den Wissenschaftlern in die Pyramide ein. Es dauert nicht lange und die Gruppe hat sich hoffnungslos in den endlosen Labyrinthen verirrt. Während sie verzweifelt  nach einem Ausgang suchen, bemerken sie, dass in der Dunkelheit etwas Fremdes und Tödliches lauert …

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Alleine schon die Kulisse ist einen Blick auf diesen Film wert, vorausgesetzt man interessiert sich für Ägypten und Pyramiden. Ich ging mit gemischten Gefühlen an diesen Horrorfilm heran, denn zuviel Müll wird einem in den letzten Jahren serviert. „The Pyramid“ wird als Found Footage-Film bezeichnet, obwohl er es im Grunde genommen eigentlich gar nicht ist. Sicherlich kommen einige Wackelbilder darin vor, aber oft auch eben eine ruhige Kameraführung, was ich sehr erfrischend bei solchen Filmen finde.
Grégory Levasseurs Ausflug in eine Welt ohne Sonnenlicht konnte bei mir besser punkten als „Katakomben“. Hier steckt um einiges mehr an Atmosphäre und unheimlichen Settings dahinter. Die Handlung ist zwar nicht unbedingt atemberaubend, aber eine ganz passable Grundidee steckt dennoch dahinter.

Ansonsten bekommt man hier einen sehr spannenden und atmosphärischen Film geliefert, der so manches Mal mit gelungenen Schockmomenten aufwarten kann und nie langweilig wird. Der Spannungsbogen wurde aus meiner Sicht konstant gehalten und der Regisseur hat sich Gott sei Dank niemals hinreissen lassen, in Trash zu verfallen. So wurde „The Pyramid“ zu einem optisch schön anzusehenden Horrortrip im Inneren einer Pyramide. Auch tappte man nicht in die Klischeefalle und ließ mordende Mumien in den Gängen herumwandern, sondern richtete sein Augenmerk auf eine völlig andere Handlung, wie man sie nicht so oft zu sehen bekommt. Das Schöne an diesem Film ist, dass er sich nicht nur ausschließlich im Horrorgenre bewegt, sondern auch Abenteuer-Elemente a la Indiana Jones oder Tomb Raider mit einbezieht. Aus meiner Sicht hat das Ganze hervorragend funktioniert und die „Auflösung“ fand ich persönlich auch sehr ideenreich. Sicherlich hätte man die animierten Effekte am Ende besser hinbekommen, aber warum? Ausschlaggebend ist doch, dass der Regisseur seine Vision hat sichtbar werden lassen – und das hat er.

„The Pyramid“ ist kein Meisterwerk, aber ein überdurchschnittlicher Abenteuer-Horror-Film mit einer sehr stimmigen Atmosphäre und einem alles andere als langweiligen Plot (vor allem durch das Ende). Ich habe mich hervorragend unterhalten und auch so manches Mal gegruselt. Was will ich von einem solchen Film mehr?
Grégory Levasseur, der Drehbücher zu Filmen wie „Maniac“, „Piranha 3D“, „Mirrors“ oder „High Tension“ geschrieben hat, konnte mich mit seinem Regiedebüt durchaus überzeugen. Das ein oder andere hätte man mit Sicherheit besser machen können, aber es ist nun mal ein Debüt und aus dieser Sicht für mich absolut gelungen.

Dass den Schauspielern immer wieder amateurhaftes Agieren vorgeworfen wird, kann ich nicht nachvollziehen, ebensowenig wie die angeblich soooo schlechten Dialoge. Was sagen diese Leute denn zu dem ein oder anderen angeblichen Blockbuster, in dem nur Schwachsinn verzapft wird? Es ist immer wieder erstaunlich, wie vehement auf Newcomern oder Independent-Filmen herumgehackt wird, ohne den Menschen, die ihr Herzblut hineinsteckten, Achtung und Respekt für ihre Arbeit zu zollen. Ich werde mir „The Pyramid“ definitiv nochmals ansehen.

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Fazit: Gruseliger Ausflug ins Innere einer Pyramide. Die Mischung aus Found Footage und ruhiger Kameraführung funktioniert und vermittelt eine stimmige Atmosphäre, die mich begeistert hat.

© 2016 Wolfgang Brunner

Der Killer im System (1993)

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Originaltitel: Ghost In The Machine
Alternativtitel: Deadly Terror
Regie: Rachel Talalay
Drehbuch: William Davies, William Osborne
Kamera: Phil Méheux
Musik: Graeme Revell
Laufzeit: 95 Minuten
Darsteller: Karen Allen, Chris Mulkey, Ted Marcoux, Wil Horneff, Jessica Walter, Brandon Adams, Rick Ducommun, Jack Laufer, Shevonne Durkin, Richard McKenzie
Genre: Science Fiction, Thriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahre

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Computer-Fachmann Hochman ist ein eiskalter Serienmörder, der sich in die Adressbücher seiner Kunden einhackt und sie dann auf brutale Weise umbringt. Die Polizei kommt ihm nicht auf die Schliche, bis ein Autounfall Hochman ums Leben bringt. Verhängnisvollerweise stirbt er genau mitten in einer Untersuchung im Computer-Tomographen, wo sich das Gehirn des Killers auf mysteriöse Weise in das Computernetz “einspeist”. Bald darauf schlägt der Adressbuch-Killer wieder zu.

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Es gibt Filme, die vergisst man einfach nicht mehr. „Der Killer im System“ ist so einer für mich, obwohl er definitiv kein Meisterwerk darstellt. Allerdings hat er nun jetzt auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Für die damalige Zeit war er sicherlich effektetechnisch auf hohem Niveau und beeindruckend, was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, dass ich diesen Film einfach auch heute noch mag.

„Der Killer im System“ ist eine Mischung aus Thriller, Horror und Science Fiction – Wes Cravens „Shocker“ meets „Tron“ 🙂
Der Film schwankt zwischen B-Movie und einer doch recht ansehnlichen Produktion, denn die Effekte besitzen auch heute noch, wenngleich veraltet, durchaus ihren Reiz. Schauspielerisch trumpft keiner der Darsteller so richtig auf, da verlaufen sich die Leistungen meist im Sande, aber das macht gar nichts, denn die Handlung wird auch ohne schauspielerische Kunststücke flott vorangetrieben und nie langweilig. Die Mischung aus Thriller und Science Fiction funktioniert auch nach über zwanzig Jahren noch und unterhält hervorragend.
I ist nicht wirklich trashig, vermittelt aber dennoch an vielen Stellen diesen Eindruck.  Tiefgang in der Handlung darf man nicht erwarten, aber innovative Ideen, die teils liebevoll und detailreich umgesetzt wurden, machen diesen Film fast schon zum Kult.
Für mich bedeutet dieser Film auf jeden Fall eine Reise in meine (filmische) Vergangenheit, die mich geprägt hat und an manchen Stellen denkt man sich heute, dass wohl andere Filmemacher auch Gefallen an der ein oder anderen Idee gefunden haben und sich von „Der Killer im System“ haben inspirieren lassen. Aber auch Regisseurin Talalay hat sich mit Sicherheit von Filmen wie „Der Rasenmähermann“ inspirieren lassen. 😉

Natürlich strotzt die Handlung nur so von Klischees, aber auch das tut dem Unterhaltungswert keinen Abbruch. Im Gegenteil, man kann sich einfach zurücklehnen und von einem gelungenen und spannenden Abenteuer berieseln lassen. Auch solche Filme muss es schließlich geben und „Der Killer im System“ ist in dieser Hinsicht ein Vorzeigefilm.
„Wenn die Zuschauer ihren Toaster mit anderen Augen sehen, haben wir unseren Job gut gemacht“, sagte Regisseurin Rachel Talalay einmal in einem Interview. Und tatsächlich fühlt man sich an den Anfang von Stephen Kings „Tommyknockers“ erinnert, wo auch Elektrogeräte zu gefährlichen Mördern werden.
Für mich ist „Der Killer im System“ immer noch ein schöner Ausflug in eine alte (Film-)Zeit.

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Fazit: Auch wenn die Effekte veraltet sind, zeigt der B-Movie immer noch eine gewisse Wirkung, der man sich schlecht entziehen kann.

© 2016 Wolfgang Brunner

Poltergeist (2015)

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Originaltitel: Poltergeist
Regie: Gil Kenan
Drehbuch: David Lindsay-Abaire
Kamera: Javier Aguirresarobe
Musik: Marc Streitenfeld
Laufzeit: 93 Minuten
Darsteller: Sam Rockwell, Rosemarie DeWitt, Saxon Sharbino, Kyle Catlett, Kennedi Clements, Jared Harris, Jane Adams, Susan Heyward, Nicholas Braun
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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Die fünfköpfige Familie Bowen bezieht ein Vorstadt-Haus, das perfekt für sie zu sein scheint. Doch schon bald wird die kleine Tochter Maddy von unheimlichen Phänomenen heimgesucht. Als die Erscheinungen eskalieren, beauftragen die Eltern Geisterjäger, um den Geschehnissen auf den Grund zu kommen. Es stellt sich heraus, dass in dem Haus ein Poltergeist umgeht, der aus unerfindlichen Gründen Maddy entführen will.

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Ich hätte nicht gedacht, dass mich diese Neuinterpretation des Klassikers von Tobe Hooper auch nur annähernd überzeugt. Aber man lernt ja bekanntlich nicht aus und Gil Kenan, dessen Filme „Monster House“ und „City Of Ember“ mir schon gefallen haben, hat mich mit seinem Remake durchaus für sich gewinnen können. Das liegt wohl auf der einen Seite an den natürlich besseren, computererzeugten Spezialeffekten, aber erstaunlicherweise auch an der Besetzung. Wobei ich mich hier dann doch einschränke und zugeben muss, dass Heather O’Rourke als Carol Anne doch weit besser war als Kennedi Clements in der entsprechenden Rolle der Madison Bowen. Dennoch kann auch dieses Mädchen etwas und meistert ihre Rolle.

Überraschenderweise wusste ich nicht, wie ich die „neuen“ Erwachsenen mögen würde, denn JoBeth Williams und vor allem Craig T. Nelson mochte ich in der 80er Jahre Verfilmung beide sehr gut leiden. Nun gut, anfangs war ich noch ein wenig vorsichtig, als ich Sam Rockwell und Rosemarie DeWitt dabei beobachtete, wie sie die Eltern der heimgesuchten Maddy spielten. Aber je weiter der Film fortschritt, desto mehr mochte ich die beiden und wenn ich jetzt am Ende genauer darüber nachdenke, fand ich sie besser als die Eltern im Original. Ich kann nicht einmal genau erklären, aus welchem Grund, aber ihr (Zusammen-)Spiel hat mich vollkommen überzeugt. Erfrischend ist bei dieser Neuverfilmung auch, dass die damals störende Rolle der Tangina Barrons (perfekt nervtötend von Zelda Rubinstein dargestellt) gestrichen wurde. Wir haben es einfach nur noch mit einem Team aus Geisterjägern zu tun – und das ist auch gut so.

Dass man nun auch in die andere Welt (die der Toten) sehen konnte, fand ich extremst faszinierend. Einige Bilder hatten da fast schon einen Dante’schen Charakter an sich. Das hat mir sehr gut gefallen, zumal es eine eindeutige Änderung und Neuerung gegenüber dem Originalfilm war. Der neue Poltergeist ist natürlich effekthascherischer aufgemacht, was ich in diesem Fall aber gar nicht mal so schlecht fand. Die Grundstimmung des Originals wird leider vernachlässigt, aber da sehe ich diese Neuinterpretation einfach als eigenständigen Film.
Schade ist, dass sich die Filmmusik nicht an Jerry Goldsmiths genialen Score von damals annähern kann. Alleine dadurch verliert der Film an Atmosphäre, die mit einem besseren Score bestimmt zumindest einigermaßen gelungen wäre.

„Poltergeist“ hat mir gefallen, allerdings nur unter der Prämisse eines eigenständigen Films und dem Versuch, einen Kultfilm in ein modernes Gewand zu stecken. Das ist aus meiner Sicht auf jeden Fall gelungen und die Familie hat ihren eigenen Charme, der sich einfach nur von dem der anderen unterscheidet. Schauspielerisch, inszenatorisch und ideenmäßig empfand ich das 2015er-Remake als gelungen und auf jeden Fall noch ein weiteres Mal sehenswert. Entgegen vieler anderer Meinungen vertrete ich den Standpunkt, dass Kenan eine schwere Aufgabe angenommen hat, um einen Kultfilm neu zu inszenieren, und dennoch sehr souverän an das Projekt herangegangen ist , in dem er einiges der alten Vorlage beibehalten hat und dennoch neue, eigenständige Wege gegangen ist. Das finde ich allemal besser, als eine einstellungsgetreue Wiederverfilmung. Und gegenüber den Comic-Verfilmungen, von denen wir ja in letzter Zeit überhäuft werden, richtet „Poltergeist“ sein Hauptaugenmerk  eher immer noch auf die Schauspieler und nicht auf Effekteorgien. Mir hat’s gefallen. 😉

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Fazit: Wider Erwarten gut inszenierte Neuinterpretation eines Klassikers. Schauspielerisch vollkommen in Ordnung und ein paar innovative Neuerungen in der Handlung gibt es auch noch.

© 2016 Wolfgang Brunner

No Turning Back (2013)

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Originaltitel: Locke
Regie: Steven Knight
Drehbuch: Steven Knight
Kamera: Haris Zambarloukos
Musik: Dickon Hinchliffe
Laufzeit: 85 Minuten
Darsteller: Tom Hardy
Genre: Drama
Produktionsland: Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich
FSK: ab 12 Jahre

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Ivan Locke, hingebungsvoller Ehemann und aufopfernder Leiter einer Großbaustelle, befindet sich auf dem Weg nach London, um einen verhängnisvollen Fehltritt in seinem Leben zu reparieren. Auf der Fahrt gerät sein komplettes Leben durcheinander und Locke versucht durch Telefonate sein Privat- und Berufsleben wieder in den Griff zu bekommen. Und nebenbei muss er sich auch noch seiner eigenen Vergangenheit stellen …

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Man mag es gar nicht glauben, dass so eine One Man-Show derart grandios funktioniert. Aber „No Turning Back“ lebt tatsächlich eindrucksvoll von Tom Hardys unglaublich intensiver Darstellerleistung und lässt dramaturgisch keine Wünsche offen. Wie ein Sog wird man von der Handlung mitgerissen, erlebt jeden Tiefschlag des Protagonisten fast schon am eigenen Leib und leidet mit. Die Monologe und Dialoge sind eindringlich und knackig, bringen die Gefühlslage des Protagonisten auf den Punkt und zusammen mit Hardys Mimik könnte man durchaus noch weitere zwei Stunden dem Fiasko zusehen.
Freunde von Action werden schon nach der ersten Viertelstunde gelangweilt das Handtuch schmeißen und sich nach einem anderen Film umsehen. Anhänger von ruhigen, aber dennoch spannenden Filmen werden in helle Begeisterung ausbrechen, wenn sie zusehen, wie ein einziger Schauspieler einen Film derart unter Kontrolle hat, dass es einem den Atem verschlägt.

Regisseur Steven Knight, der übrigens auch das Drehbuch verfasste, gelingt ein kleines Meisterwerk, wenn er den Zuschauer mit auf eine Autofahrt nimmt, auf der der Protagonist auf allen Fronten um sein „Überleben“ kämpft. Obwohl in diesen eineinhalb Stunden privat und beruflich so ziemlich alles den Bach runtergeht, erscheint der Plot niemals konstruiert und überladen, sondern immer glaubwürdig. Das mag mit Sicherheit an Hardys grandiosem Schauspiel liegen, aber auch Knight trägt eindeutig seinen Beitrag dazu bei, den Zuschauer zu fesseln. Sein ruhiger, so manches Mal künstlerisch anmutender Inszenierungsstil vermittelt eine unglaublich authentische Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann.

Es ist schon erstaunlich, wie spannend es sein kann, einem Mann eineinhalb Stunden beim Autofahren und Telefonieren zuzusehen. Doch Steven Knight hat seinem Protagonisten so ehrliche und emotionale Worte in den Mund gelegt, dass man förmlich an dessen Lippen hängt und mit ihm bangt und hofft. Tom Hardy hat mich schon in „The Drop“ begeistert, aber was er hier abliefert ist einfach nur sensationell. So muss ein Schauspieler agieren.
Hinzu kommt noch der wirklich gute und vor allem passende Soundtrack von Dickon Hinchliffe, der das Ganze noch perfekt untermalt. Man wünscht sich, es gäbe mehr solcher Filme, die sich auf Schauspieler, Regie und Dialoge und nicht auf Effekteorgien konzentrieren. Für mich ein ganz klarer Independent-Tip.

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Fazit: Schauspielerische Meisterleistung trifft auf einen gekonnten, minimalistischen Inszenierungsstil. Unbedingt anschauen!

© 2015  Wolfgang Brunner