Abwärts (1927)

downhill

Originaltitel: Downhills
Alternativtitel: When Boys Leave Home
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch:  Eliot Stannard
Kamera: Claude McDonnell
Musik: –
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Ivor Novello, Ben Webster, Norman McKinnel, Robin Irvine, Jerrold Robertshaw, Sybil Rhoda, Annette Benson, Lilian Braithwaite, Isabel Jeans
Genre: Drama, Stummfilm
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 12 Jahren

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Roddy wird zu Unrecht beschuldigt, eine Kellnerein geschwängert zu haben und wird von der Universität verwiesen. Durch eine Erbschaft erreicht sein Leben dennoch kurzzeitig einen Höhepunkt, bevor es dann steil bergab geht. Denn die Frau, die er heiratet, stellt sich als Heiratsschwindlerin heraus. Roddy landet ziemlich weit unten …

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Bei diesem Film handelt es sich um eine Auftragsarbeit, was zunächst auch meiner Meinung klar zu erkennen ist. Denn anfangs tut sich Hitchcock schwer, in die Handlung zu kommen. Doch je weiter der Film fortschreitet, desto klarer und strukturierter wird die Story und auch die Inszenierungsweise. Fast scheint es, als hätte Hitchcock erst während der Dreharbeiten Lust auf dieses Drama nach Theatersketchen von Constance Collier und Ivor Novello, der übrigens auch in der Verfilmung dann die Hauptrolle spielte und in Hitchcocks „Der Mieter“ hervorragend war, bekommen.

Ein paar Szenen sind besonders zu ewähnen: Erst einmal die „verhängnisvolle“ Begegnung mit der Kellnerin. Hier wird mit einem fabelhaften Schattenspiel gearbeitet, das fast an einen Scherenschnitt erinnert. Ganz fantastisch gemacht. Dann gibt es eine Szene, in der Roddy nach Hause kommt und einen Treppenaufgang nach oben geht. In bester Hitchcock-Manier wird hier die Beleuchtung eingesetzt und lässt ein beeindruckendes Bild (bzw. eine beeindruckende Szene) entstehen. Wenn am Ende des Films Roddy in einer Dachkammer aufwacht, möchte man fast meinen, ein Olgemälde von Carl Spitzweg zu sehen. Das ist schon eine tolle Leistung, wie Hitchcock solche Bilder inszeniert und auf Film festhält.
Und auch nicht ohne sind die Szenen, in denen ein Tranvestit der einzige ist, der auf einer Party nett zu Roddy ist. Das wirkte auf mich, als wollte sich Hitchock für jene „Randgruppe“ einsetzen und den Tranvestit aus diesem Grund sehr sympathisch in Szene gesetzt.

Handlungstechnisch ist „Abwärts“ nicht der große Renner. Schuld und Vergebung, Freundschaft und Versprechen, die eingehalten werden … alles Zutaten, die man von Dramen solcher Art kennt. Faszinierend und kurzweilig ist der Stummfilm (Hitchcocks vierter) allemal, denn alleine schon die inszenatorischen Spielereien sind ein Ansehen wert.

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Fazit: Anfangs eher „lustlose“ Auftragsarbeit, die aber im Verlauf des Films immer mehr zu einem „Hitchcock“ wird, wenn man auf die inszenatorischen Feinheiten achtet. Drama und Komödie in einem, wobei der Drama-Anteil eindeutig überwiegt.

© 2015 Wolfgang Brunner

Lockere Sitten (1927)

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Originaltitel: Easy Virtue
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Eliot Stannard
Kamera: Claude McDonnell
Musik:—
Laufzeit: 79 Minuten
Darsteller: Isabel Jeans, Franklin Dyall, Eric Bransby Williams, Ian Hunter, Robin Irvine, Violet Farebrother, Frank Elliott, Dacia Deane, Dorothy Boyd
Genre: Drama, Stummfilm
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 12 Jahren

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Larita Filton ist mit einem Alkoholiker verheiratet und verliebt sich in einen jungen Maler. Als dieser Selbstmord begeht, lässt sich Larita scheiden und flieht nach Frankreich, wo sie John Whitaker trifft und ihn bald darauf heiratet. Johns misstrauische Mutter forscht in Laritas Vergangenheit nach und erfährt über den Skandal, der damals zum Selbstmord des Malers geführt hat.

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„Lockere Sitten“ wirkt auf den ersten Blick gar nicht wie ein richtiger Hitchcock-Film, da man fast meint, keine experimentiellen Elemente darin zu finden, von ein paar Überblendungstechniken einmal abgesehen. Aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man das Ausprobieren des Regisseurs, um auf ganz spezielle Weise dem Zuschauer etwas nahezubringen.
Das beste Beispiel in diesem Drama ist ein  Heiratsantrag, bei dem man weder Mann noch Frau sieht, sondern nur eine Telefonistin, die das Gespräch belauscht. Ihre Mimik ist grandios und man vermeint förmlich, die Worte der beiden Liebenden zu hören, obwohl es sich bei „Lockere Sitten“ um einen Stummfilm handelt. Dieses Experiment ist Hitchcock absolut gelungen und zeigt, wie beeinflussbar das Publikum sein kann. Es folgt dem Gespräch zweier turtelnder Liebender, obwohl diese nicht einmal zu sehen sind!

Dennoch ist „Lockere Sitten“ kein kleines Meisterwerk wie zum Beispiel „Der Mieter“. Das Thema Schuld und Sühne wird (wieder einmal) von Hitchcock zwar sehr intensiv und emotional verarbeitet, hebt sich aber nicht besonders von Stummfilmen aus jener Zeit ab, wenn man einmal von den oben erwähnten inszenatorischen „Experimenten“ absieht. Obwohl Hitchock mit vielen Schnitten arbeitet, fällt die Kameraarbeit bei diesem Film irgendwie gar nicht so richtig auf. Schauspielerisch kann man nicht meckern, da sind ein paar wirklich gute Aktionen dabei, ansonsten ist „Lockere Sitten“ eine eher unscheinbares Liebesdrama, das ohne Zweifel interessant und kurzweilig ist, aber eben kein Meisterwurf.

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Fazit: Für Hitchcock-Liebhaber durchaus interessant, aber im Grunde genommen relativ einfacher Stummfilm, der nichts Weltbewegendes zu erzählen hat.

© 2015 Wolfgang Brunner