Scars Of Xavier (2017)

Scars-of-Xavier

Originaltitel: Scars Of Xavier
Regie: Kai E. Bogatzki
Drehbuch: Kai E. Bogatzki
Kamera: Philipp Peißen, Lucas Blank
Musik: Klaus Pfreundner (Maintitle:Jan Loamfield)
Laufzeit: 90 Minuten
Darsteller: Marc Engel, Constance Wetzel, Alexia von Wismar, Dirk Sonnenschein, Oliver Troska, Isabelle Aring, Angelina Markiefka, Annika Strauss, Daniele Rizzo, Vanessa Tesch, Lamacra
Genre: Horror, Thriller, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Xavier ist ein schüchterner Mittvierziger, der in Prag lebt und arbeitet . Er führt ein unauffälliges Leben am Rande der Gesellschaft. Doch in der Nacht kommt sein wahres Ich zum Vorschein und Xavier wird zu einem brutalen Killer.
Doch eines Tages lernt er die Bedienung Karolina kennen, in die er sich ein wenig verliebt. Nun muss Xavier gegen seinen Drang, zu töten, ankämpfen.

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„Scars Of Xavier“ ist der erste Langfilm des äußerst talientierten Editors (zuletzt Marcel Walz‘ „Blood Feast“) und Regisseures Kai E. Bogatzki. Nachdem mich bereits sein Kurzfilm „Liebe“ hellauf begeistert hat, war die Erwartungshaltung an seinen ersten Spielfilm extrem hoch. Um es gleich vorweg zu nehmen: Bogatzki hat mich absolut nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil: Er hat meine Erwartungen sogar noch übertroffen und das mag schon was heißen, denn sie waren wirklich sehr hoch. 😉
Aber der Reihe nach: Alleine die Handlung respektive den Drehort nach Prag zu verlegen war ein absoluter Glücksgriff. Sehr stimmungsvoll wird schon während der ersten Bilder eine beeindruckende Atmosphäre aufgebaut, die einerseits durch die grandiosen Bilder heimelig  andererseits wegen der düsteren Umgebung teils kafkaesk wirkt. Jedenfalls trägt die wunderschöne Kulisse der Stadt einen großen Teil zur gesamten Stimmung des Films bei.

Es gibt so viel über diesen grandiosen Film zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. 😉 Das fängt schon beim gewohnt perfekten Schnitt an, der sich durch den ganzen Film zieht. Die Titelsequenz zum Beispiel kann nur grandios bezeichnet werden. „Scars Of Xavier“ ist ein beeindruckendes, brutales, schockierendes und extrem glaubwürdiges Psychogramm eines Serienkillers, das noch lange nachwirkt. Mit Hauptdarsteller Marc Engel hat Kai E. Bogatzki einen Mann gefunden, mit dem er seine Visionen Wirklichkeit werden lassen konnte. Man spürt förmlich in nahezu jeder Einstellung, wie intensiv (und sowohl körperlich als auch psychisch anstrengend) die Dreharbeiten waren. Die Rolle des Xavier ist eine Paraderolle für Marc Engel, der wirklich alles gibt, um dem Bösen ein glaubwürdiges Gesicht zu geben. Das Schlimme und Erschreckende an seiner Darstellung ist, dass dieses Böse ein Mensch und keine erfundene Horrorfigur á la Freddy Krueger, Jason Vorhees oder Michael Myers ist, die nur stereotype Abschlachter mit wenig Informationen über deren Vergangenheit. Aber hier verkörpert Marc Engel einen Menschen, der mit seinen inneren Dämonen ringt und sie alleine bekämpfen muss. Gerade dieser Aspekt macht den Killer Xavier für mich so wahnsinnig erschreckend und bösartig. Ein wenig erinnert sein Charakter tatsächlich an Dexter Morgan, wobei Xavier verzweifelter, hilfloser und dadurch authentischer und fast schon bedauernswerter wirkt. Bogatzki geht psychologischer an die Thematik heran und versetzt den Zuschauer in eine voyeuristische Rolle, weil er ihn in allen Situationen im Leben des Täters teilnehmen lässt, sowohl am nach außen vollkommen normalen Dasein als auch am inneren Kampf des Killers und seinen blutigen Metzeleien an unschuldigen Opfern, die nichts anderes als Hilferufe nach Absolution seiner verkorksten Kindheit und Mutter-Sohn-Beziehung sind.   Marc Engel geht in seiner Rolle so emotional auf, dass man ihm alles abnimmt. Er stellt den unscheinbaren Nachbar und Mitarbeiter genauso glaubwürdig dar, wie den entfesselten Killer, der auf nichts mehr Rücksicht nimmt und seine Taten „genießt“, weil sie ihn in seinen Augen „retten“ und „erlösen“. Ich habe selten eine solch intensive und authentische Darstellung eines Serienkillers gesehen, wie sie hier in „Scars Of Xavier“ von Marc Engel gezeigt wird.
„And the Oscar goes to …. Marc Engel!“

Bogatzki macht den deutschen Film mit seinen innovativen Ideen und ästhetischen Bildern wieder interessant und zeigt, dass auch in Deutschland extrem gute Filme entstehen können. Unweigerlich fragt man sich nach dieser emotionalen Bilderflut, die einen mit „Scars Of Xavier“ überrollt hat, warum solche Werke mühsam mittels Crowdfunding ins Leben gerufen werden müssen und nicht eine große Produktionsfirma zur Seite hat. Man bekommt zum wiederholten Mal unerträgliche Komödien aus Deutschland geliefert, die nur für Dumpfbacken ein hohes Niveau darstellen, und inszenatorische und schauspielerische Meisterleistungen wie „Scars Of Xavier“ werden im eigenen Land unbeachtet. Und somit komme ich auch schon zu Kai E. Bogatzki selbst, der mit seinem ersten Langfilm ein unglaublich beeindruckendes, perfekt in Szene gesetztes und äußerst bedrückendes Werk abgeliefert hat, dass mich gegen Ende hin sogar an visionäre Filme von Regisseuren wie David Lynch und Lars von Trier erinnert hat. Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, wenn ich an eine Szene, etwa in der Mitte des Films, denke, in der in einer Rückblende ein Mord „zelebriert“ wird. Eine solch blutige (im Grunde genommen abscheuliche) Szene derart künstlerisch zu inszenieren, dass sie Arte-gerecht wirkt, kann ich einfach nur als Genialität bezeichnen. Bogatzki hat ein cineastisches Auge, das vielen Mainstream-Regisseuren schlichtweg fehlt. Unter anderem bei dieser überwältigenden Szene kommt die perfekte Musikuntermalung von Klaus Pfreundner, die der „Schönheit“ jener Bilder noch zusätzlichen Ausdruck verleiht.
An dieser Stelle vielleicht auch noch ein ganz dickes Lob an die Jungs vom Sound: Thorsten Mies hat sich zusammen mit Robert Gondorf um den On-set Ton gekümmert, der ihnen wirklich gut gelungen ist. Robert Gondorf hat dann anschließend mit Robert Prus  das Sound Design gemacht.Philipp Kaase hat all dies im Studio zusammengemischt und auch beim Sound Design mitgemacht! Das Ergebnis kann sich absolut hören lassen.

Und am Ende, wenn der Zuschauer denkt, er hätte den brutalen und blutigen Weg des Xavier mitsamt seinen Opfern hinter sich gebracht, eröffnet Bogatzki noch eine weitere psychologische Tür, die einem den Atem raubt. Visuell überwältigend geht die Reise des Killers weiter, überschreitet Grenzen und macht letztendlich alles, was man gesehen hat, schlüssig.
Bogatzki, der Hauptdarsteller und das ganze Filmteam schockieren, verwirren, und berühren emotional. „Scars Of Xavier“ ist eine Achterbahnfahrt in die Psyche eines Mörders, aber auch in die kranke Welt eines von einem Kindheitstrauma geplagten Menschen, der im Grunde genommen bedauernswert ist. Die äußert real wirkenden Spezialeffekte (verantwortlich unter anderem Philipp Rathgeber) tun ihr übriges dazu, um diesen Film zu einem der schockierendsten, aber auch bemerkenswertesten Filme des deutschen Kinos der letzten Jahre zu machen.
Gerade in Zeiten von computeranimierten, seelenlosen Blockbustern zeigt Bogatzkis „Scars Of Xavier“ was Filmemachen wirklich heißt: Visionen nicht mit Millionen-Budget umsetzen zu können, Schauspiel und innovative, emotionale Ideen. Alle diese drei Dinge vereinen sich in „Scars Of Xavier“. Hinzu kommt noch eine grandiose Kameraführung und ein toller Score.
Danke an Kai E. Bogatzki nebst seinem kompletten Team und dem großartigen Hauptdarsteller Marc Engel, dass ich an diesem blutigen Albtraum teilhaben durfte, der authentischer nicht sein könnte und mich noch lange in meinen Gedanken begleiten wird. Begeisterter kann ich von einem Film fast nicht sein.
Wohlverdient heimst der Film auch gerade auf ausländischen Festivals eine Nominierung und Auszeichnung nach der anderen ein. Die nachfolgende Auflistung hat den Stand vom 12. Dezember 2017:

Gewinner (bisher):
„Best Thriller“ – Nightmares Film Festival
„Best Editing“ – FEARnyc
„Best Festure Film“ – DarkVeins Horror Fest
“Best Special Effects“ – DarkVeins Horror Fest
„Best Director“ – 13horror.com
„Special Mention“ – Optical Theatre Festival

Nominierungen (bisher):
„Best Cinematography“ – Nightmares Film Festival
„Best Feature Film“ – FEARnyc
„Best Actor“ – DarkVeins Horror Fest
„Best Score“ – DarkVeins Horror Fest
„Best Feature Film“ – Optical Theatre Festival
„Best Actor“ – Optical Theatre Festival
„Best Film“ – 13horror.com
„Best Actor“ – 13horror.com
„Best Actress“ – 13horror.com
„Best supporting Actress“ – 13horror.com

Official Selections:
FrightNights – Linz
SoIndependent Film Festival – Sofia

Wie gesagt: Wohlverdient! 😉

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Fazit: Brutal, blutig und schockierend. Psychogramm eines Serienkillers mit visionären  Bildern und brillanter, stylischer Umsetzung. Uneingeschränkt volle Punktzahl in jeder Hinsicht.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Dämonisch (2014)

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Originaltitel: Dämonisch
Regie: Benjamin Bechtold
Drehbuch: Benjamin Bechtold
Kamera: Hartmut Schotte
Musik: Christoph Heyd
Laufzeit: 20 Minuten
Darsteller: Josephine Ehlert, Nikolai Will, Mario Krichbaum, Vlasto Peyitch, Ben Lukas Schmidt
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: ?

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Stella ist Babysitterin. Nach einem Unfall, bei dem das Baby, auf das sie aufpassen sollte, stirbt, gerät sie in die Fänge eines Soziopathen. Der entführt Stella und kettet sie in einem Verlies neben eine Hundehütte an, wo er sie wie ein Tier behandelt. Doch dann ertönt eine Stimme aus der Hundehütte und konfrontiert Stella noch einmal mit ihrem traumatischen Erlebnis.

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Nach „Lovely Wolf“ ist „Dämonisch“ der zweite Kurzfilm, den ich von Benjamin Bechtold gesehen habe. Bechtold entfernt sich hier von der Komödie und zeigt einen schockierenden Thriller, der im Gedächtnis haften bleibt. Zwanzig Minuten lang unterhält der Kurzfilm in einer Mischung aus Psychothriller und Gruselhorror. Die Zeit vergeht wie im Flug. Das liegt zum einen an den beiden hervorragenden Hauptdarstellern Josephine Ehlert und Nikolai Will, die gleichermaßen eine Glanzleistung abgeben und zum  anderen an den wunderbar stylischen und atmosphärischen Bildern, die Benjamin Bechtold als Regisseur und Hartmut Schotte als Kameramann einfangen. Düster und erschreckend sind die Szenen, in denen Will als sozio- und psychopathischer Hundetrainer auftritt und Ehlert demütig seinen Befehlen Folge leistet. Das verursacht Schauer und verursacht schon beim  Zusehen ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Dieses Gefühl bleibt auch noch eine Weile, nachdem der Film zu Ende ist.-

Zum Thriller kommt noch ein zweites Genre zum Tragen, nämlich ein psychologisch angehauchter Gruselhorror. Es ist nicht das typische Böse in Form eines axtschwingenden Massenmörders, das Bechtold auf den Zuschauer loslässt, sondern ein tiefgründiges Grauen, das im Menschen selbst steckt. In nur zwanzig Minuten wird eine tiefsinnigere Handlung verpackt, als so mancher Film aus Hollywood vorweisen kann. Erneut wird bestätigt, dass Benjamin Bechtold sein Handwerk beherrscht und grandiose Handlungen in kurze Filme verarbeiten kann. Kameraführung, Schnitt und Musik sind optimal und geben an keiner Stelle einen Anlass, zu meckern.

Am Schluss muss ich aber noch einmal auf die Schauspieler zurückkommen. Wenn Josephine Ehlert „Hund“ spielt und dabei dennoch nicht aufgibt, eine Fluchtmöglichkeit zu finden, dann kann man diese Schauspielerei einfach nur bewundern. Ihr Gesichtsausdruck und die Bewegungen, wenn sie angekettet vor ihrem „Herrchen“ kuscht ist einfach nur der Hammer. Und genauso verhält es sich mit Nikolai Will. Wenn er mit einem wilden. psychopathischen Gesichtsausdruck seinem Opfer Befehle zuschreit, ist man nicht weit davon entfernt, als Zuschauer ebenfalls vor Angst zusammenzuzucken. Der wilde Ausdruck in Wills Augen ist grandios und zeigt wieder einmal, wie wandlungsfähig der Schauspieler ist und wie routiniert er seine verschiedenartigen Rollen im Griff hat. Josephine Ehlert und Nikolai Will haben meine volle Hochachtung.

Filme wie „Dämonisch“ schreien geradezu nach einer langen Kinofassung. Und selbstredend sollte dabei kein anderer als Benjamin Bechtold die Regie übernehmen und seine professionelle Crew weiter mit an Bord haben. „Dämonisch“ ist ein Independent-Kurzfilm der Spitzenklasse, der sich sowohl inszenatorisch wie auch schauspielerisch hinter bekannteren Produktionen nicht verstecken braucht. Im Gegenteil …

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Fazit: Wunderbar inszenierter Psychothriller-Horror-Grusler mit zwei unglaublich guten Hauptdarstellern.

© 2015 Wolfgang Brunner

Blackout (2008)

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Originaltitel: Blackout
Regie: Rigoberto Castañeda
Drehbuch: Ed Dougherty
Kamera: Alejandro Martinez
Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Amber Tamblyn, Aidan Gillen, Armie Hammer, Emma Prescott, Mabel Rivera, Katie Stuart, Claudia Bassols
Genre: Thriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahre

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In einem nahezu verlassenen Gebäude bleiben drei Menschen im Aufzug stecken. Es scheint, als könnten sie nicht so schnell mit Hilfe rechnen und auch die eigenen Rettungsversuche scheitern. Als die Luft immer knapper und die Panik immer größer wird, stellt sich heraus, dass einer der drei Gefangenen ein Serienmörder ist …

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Aufzugsfilme gibt es ja schon einige. Spontan fallen mir „Abwärts“, „Elevator“ oder „Devil“ ein. Umso überraschender ist es, dass sich „Blackout“ tatsächlich von den genannten Filmen abhebt und einen durchaus neuen Weg geht. Meine Erwartungshaltung war nicht besonders groß, daher war ich wirklich angenehm überrascht, was sich Regisseur Rigoberto Castañeda hat einfallen lassen. Sicherlich kann es handlungstechnisch nicht innovativ sein, denn der beengte Handlungsort lässt ja nicht viele Alternativen. Castañeda hat es dennoch geschafft, mit einem guten Plot durchgehend zu unterhalten. Die Rückblenden, in denen die „Vorgeschichten“ der Protagonisten gezeigt werden, sind absolut unterhaltsam.

Schauspielerisch haben mich alle drei Protagonisten überzeugt. Sehr realitätsnah wurden die Charaktere dargestellt und man hat eindeutig mitgefühlt. Castañeda hat den Spannungsbogen geschickt immer höhergeschraubt, je weiter die Handlung fortschritt. Das kann auch nicht jeder. 😉 Und dennoch sind immer wieder ruhige Szenen eingestreut, die die Gangart etwas herunterschrauben. Mir hat diese Kombination gut gefallen.
Die nur spärlich eingesetzten Splatterszenen waren dermaßen passend eingesetzt, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlten. „Blackout“ lebt aber auf keinen Fall von den brutalen, blutigen Szenen, sondern von der extrem spannenden Atmosphäre. Die Dialoge der Protagonisten, die stetig ansteigende Panik und die plötzlichen Aggressionen sind sehr überzeugend dargestellt. „Blackout“ ist ein kleiner Independent-Film, der wieder einmal zeigt, dass mit wenig Geld und inszenatorischem und schauspielerischem Talent so einiges auf die Beine gestellt werden kann, was die große Blockbuster-Fabrik „Hollywood“ nicht immer schafft. Rigoberto Castañedas Klaustrophobie-Thriller ist auf jeden Fall einen Blick wert.

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Fazit: Enorm spannend und mit einem überraschend guten Plot hebt sich „Blackout“ von anderen Aufzugs- und Klaustrophobie-Thrillern wohltuend ab.

© 2015 Wolfgang Brunner