Ohne dich (2018)

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Originaltitel: Ohne dich
Regie: Benjamin Bechtold
Drehbuch: Benjamin Bechtold
Kamera: Marc Schiemann
Musik: Richard Albert, Aljoscha Reinhardt
Laufzeit: 9 Minuten
Darsteller: Nikolai Will, Lilly Volk, Swantje Riechers
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Ein Mann auf der Suche nach der Liebe seines Lebens. Und nach etwas vollkommen anderem …

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Da ist es wieder: Das Gespann Benjamin Bechtold und Nikolai Will, das mich schon mit der kleinen Nachtgeschichte „Dämonisch“ begeistern konnte. Und mit „Ohne dich“ tun sie es aufs Neue. Es ist immer wieder toll, Nikolai Will dabei zu beobachten, wie er in seinen Rollen aufgeht. Hinzu kommt die sehr feinfühlige, fast schon poetische Inszenierung durch Benjamin Bechtold, die dem knapp neunminütigen Genremix aus melancholischem Liebesschmerz und kaltblütigem Thriller wieder einmal eine ganz besondere Note verleiht. Ich hätte den Bildern und dem Agieren von Nikolai Will gut und gerne eineinhalb Stunden zusehen können, so eindringlich ist das Ergebnis wieder geworden. „Ohne dich“ kann man gar nicht so einfach beschreiben, denn er bewegt sich, wie oben schon erwähnt, tatsächlich zwischen verschiedenen Genre und hinterlässt den Zuseher einerseits mit einer schmerzlichen Sehnsucht nach Liebe und andererseits mit einer schockierenden Konsequenz, mit der man am Ende konfrontiert wird.

Doch über die an sich grauenhafte Handlung legt sich ein nostalgischer Schleier, der wunderschön ist.  Genau diese Gratwanderung, nämlich ein „schlimmes“ Thema zu verzerren und sozusagen aus der geschönten Sicht eines „Täters“ zu zeigen, möchte ich fast schon typisch für die Zusammenarbeit von Bechtold und Will bezeichnen. „Ohne dich“ ist die erste Produktion von Nikolai Wills „Tante Dora Film“ in Zusammenarbeit mit Fearling Entertainment und kann sich absolut sehen lassen. Was den faszinierenden Kurzfilm noch auf optimale Weise abrundet, sind zum einen die von Kameramann Marc Schiemann wunderschön eingefangenen Bilder und zum anderen die tieftraurigen und elegischen Kompositionen von Richard Albert und Aljoscha Reinhardt. Der Score und die gemäldehaften Bilder erschaffen in der kurzen Laufzeit eine unglaublich intensive Atmosphäre, der man bereits nach den ersten Einstellungen verfällt. „Ohne dich“ entwickelt sich von einer Ode an die Liebe in einen deprimierenden Thriller, bei dem der Zuschauer nicht nur die Opfer, sondern auf bestimmte Art und Weise auch den Täter bedauert und bemitleidet. Es ist wirklich erstaunlich, dass Nikolai Will in dieser Rolle auch eine gewisse Sympathie auf den Zuschauer überträgt und Empathie empfinden lässt.

Man wünscht sich unweigerlich ein Langfilmprojekt, wenn man sich „Ohne dich“ ansieht. Gerade die inszenatorische Handschrift von Benjamin Bechtold in Verbindung mit der natürlichen Rollenbewältigung und -darstellung von Nikolai Will würde Großes versprechen. Es wäre mit Sicherheit ein besonderer, ruhiger und „schöner“ Film (selbst, wenn er, wie bei „Ohne dich“, ein unangenehmes Thema behandeln würde). „Ohne dich“ erzählt eine Geschichte die berührt und gleichzeitig schockiert. Man weiß nicht genau, was man über den Plot denken soll, empfindet auf der einen Seite „schöne“ und auf der anderen irgendwie „unschöne“ Gefühle. Und genau deswegen packt „Ohne dich“ den Zuschauer, denn er befindet sich in der Zwickmühle, weil er für einen „bösen“ Protagonisten Sympathie empfindet. Das nenne ich mal Zuschauerbeeinflussung: Chapeau! an die Herren Bechtold und Will. Aber auch an die gesamte Crew um diese kleine Kurzfilmperle, die über Kamera, Musik und perfekten Schnitt bis in die toll gespielten Nebenrollen fantastisch besetzt ist.

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Fazit: Wunderbar gespielter und fantastisch inszenierter Poesie-Thriller, der den Zuschauer auch nach Sichtung noch beschäftigt.

© 2018 Wolfgang Brunner

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The Purge – Die Säuberung (2013)

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Originaltitel: The Purge
Regie: James DeMonaco
Drehbuch: James DeMonaco
Kamera: Jacques Jouffret
Musik: Nathan Whitehead
Laufzeit: 85 Minuten
Darsteller: Ethan Hawke, Lena Headey, Max Burkholder, Adelaide Kane, Edwin Hodge, Tony Oller, Rhys Wakefield, Arija Bareikis, Tom Yi, Chris Mulkey
Genre: Thriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahre

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Um die hohe Verbrechensrate in den Griff zu bekommen, greift die amerikanische Regierung zu einer radikalen Maßnahme: Einmal im Jahr sind für 12 Stunden sämtliche Verbrechen, einschließlich Mord, erlaubt. Jeder kann sich seinen bestialischen „Gelüsten“ hingeben und Rache an Menschen nehmen, die ihn stören. Wie viele andere Familien schließen sich die Sandines in ihrem Haus ein und wollen einfach nur diese „Nacht der Säuberung“ überleben. Als der Sohn allerdings einen Flüchtenden ins Haus lässt, um ihm zu helfen, gerät die Familie ins Visier der Verfolger. Die Ereignisse geraten immer mehr außer Kontrolle …

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„The Purge“ wirkte schon nach wenigen Minuten wie ein Film von John Carpenter auf mich. Das Ausgangsszenario erinnerte mich an „Die Klapperschlange“, die Verschanzung im Haus an „Assault On Precinct 13“. Die an sich absurde Idee, der Bevölkerung 12 Stunden Narrenfreiheit zu schenken, um Mord und Totschlag zu begehen, wird so gut eingeführt und erläutert, dass sie letztendlich doch gar nicht so verrückt erscheint, wie es eigentlich sollte. Aber selbst wenn es jemand unglaubwürdig empfinden würde, wäre er schon bald in dem megaspannenden Plot, den uns Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco beschert, gefangen.
Mit einer unglaublichen Intensität und richtig guten, überraschenden Wendungen, lässt DeMonaco, der übrigens auch das Originaldrehbuch von John Carpenter zum Remake von „Assault On Precinct 13“  im Jahr 2002 bearbeitet hat, den Zuschauer mitfiebern.

An manchen Stellen steigert sich die Spannung fast schon ins Unerträgliche, bevor sie mit einer Wendung wieder überrascht und die Zeit vergessen lässt. Ethan Hawke stellt den Familienvater sehr gut dar und auch seine Unentschlossenheit, was zu tun ist, nimmt man ihm in jeder Sekunde ab.  Es ist ein Worst-Case-Szenario, in das uns DeMonaco wirft. Und das mit einer solch radikalen Wucht, dass man Angst beim Zusehen bekommt, denn die Bedrohung hat der Regisseur meisterhaft eingefangen und spürbar gemacht. Oftmals fühlt man sich an die obengenannten Carpenter-Filme erinnert, aber auch an William Lustigs „Streetfighters“, „Panic Room“ oder „Uhrwerk Orange“. Dennoch wirkte dieses Survival-Drama auf mich niemals kopiert. Rasant und kurzweilig vergehen 85 Minuten voller dramatischer und ideenreicher Spannung. Und nebenbei bekommt man eine Botschaft „untergejubelt“, über die man unweigerlich nachdenkt.

DeMonacos Thriller funktioniert sowohl in seiner Inszenierung wie auch auf schauspielerischer Ebene. Sämtliche Akteure können überzeugen und fügen sich perfekt in die Story ein. „The Purge“ bleibt im Kopf des Zuschauers haften, egal, ob man diesen Film mag oder eben nicht. Die Kettenreaktion, die durch einen kleinen Zwischenfall ausgelöst wird, ist einfach nur genial. So manch geschilderte Pattsituation lässt einen noch die nächsten Tage über den Film nachdenken. Und auch wenn viele das Ende nicht so gut fanden, ich empfand es als sehr befriedigend und dennoch offen. Mich hat dieser Hausterror bestens unterhalten und ich freue mich schon auf die nächsten Teile, denn ein Fan der Grundidee bin ich durch den ersten Teil geworden.

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Fazit: Spannend und teilweise emotional aufwühlend. Ein Thriller-Drama, das man nicht so schnell vergisst.

© 2017 Wolfgang Brunner

Narben (Tatort) – (2016)

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Originaltitel: Narben
Regie: Torsten C. Fischer
Drehbuch: Rainer Butt
Kamera: Theo Bierkens
Musik: Fabian Römer, Steffen Kaltschmid
Laufzeit: 88 Minuten
Darsteller: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Patrick Abozen, Joe Bausch, Juliane Köhler, Julia Jäger, Anne Ratte-Polle, Laura Tonke, Jerry Kwarteng, Thelma Buabeng
Genre: Krimi, Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Dr. Patrick Wangila, ein Arzt, der aus dem Kongo stammt, wird erstochen. Alles deutet darauf hin, dass es sich um eine Beziehungstat handelt. Daher befragen die Ermittler Ballauf und Schenk zunächst die Witwe des Arztes. Bei den weiteren Ermittlungen stellt sich der Fall immer verzwickter dar, als er ursprünglich schien. Und plötzlich wird der Tod einer kongolesischen Asylbewerberin einige Tage zuvor, dem man zuerst nur wenig Beachtung schenkte, für den Fall immer bedeutungsvoller.

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Irgendwie wirkt alles wie gehabt und dennoch zeigt „Narben“ auch gewisse Innovationen, wenngleich nicht über alle Maßen. Alleine die Titelsequenz lässt einen die Luft anhalten und man beginnt unweigerlich, Großes zu erwarten. Man fühlt sich durch die brillanten Nahaufnahmen von Narben, Gegenständen und Personen tatsächlich sogar an Kinofilme erinnert. Die Einstiegssequenz ist also schon mal durchaus gelungen und verspricht fast schon einen künstlerischen „Ausnahme“-Tatort. Doch leider war der Vorspann auch schon inszenatorisch das Interessanteste an diesem Tatort, was nicht heißt, dass wir es danach mit einem schlechten Film zu tun hätten.
„Narben“ kann durchaus mit seiner Idee überzeugen, wenngleich an vielen Stellen mit Klischees um sich geworfen wird, die mir nicht immer zugesagt haben. Aber nun gut, es geht schließlich um das aktuelle Thema „Flüchtlinge“ und da ist es fast schon unvermeidbar, wenn man das ein oder andere Thema in einer Art und Weise behandelt, die den Großteil der Bevölkerung anspricht.

Es geht um Täter und um Opfer. Die beiden Kommissare müssen sich durch ein undurchsichtiges Puzzle kämpfen, um auf die richtige Spur zu kommen. Nicht immer wirken sie dabei in ihren Überlegungen überzeugend. Frischen Wind bekommt die Story, als es dann um Kriegsflüchtlinge, Asylanten und Menschen mit Migrationshintergrund geht. Da sind durchaus Ansätze, die zum Nachdenken anregen und auch „schockieren“. Der Plot ist im Grunde genommen zwar solide und nachvollziehbar konstruiert, wirkt aber nicht so nachhaltig nach wie er eigentlich sollte. Dafür ist er einfach zu unspektakulär und simpel in Szene gesetzt. Die Geschichte mag auf den durchschnittlichen Fernsehzuschauer ohne Weiteres beeindruckend wirken, aber eine „straffere“ Regieführung hätte bestimmt ein bedeutend nachhaltigeres Ergebnis gegeben. Musiktechnisch wurde alles sehr passend untermalt, aber auch hier fehlen die „Ohrwürmer“, die bei manch einer Filmmusik hängen bleiben oder zumindest auffallen.

Nun zu den Schauspielern: Von Klaus J. Behrend und Dietmar Bär braucht man gar nicht viel reden, denn sie machen ihre Sache gewohnt gut und überzeugend. Neben Julia Jäger und der wirklich guten Juliane Köhler komme ich aber auf zwei Rollen, die es verdient haben, lobend erwähnt zu werden. Da ist zum einen Thelma Buabeng in ihrer Rolle als traumatisiertes Opfer, die mich sehr berührt hat. Ihr Spiel war sehr intensiv und glaubwürdig. Hinzu kommt Jerry Kwarteng als Bruder des Mordopfers, der, logischerweise durch sein dunkles Aussehen, in die Rolle eines Kongolesen geschlüpft ist. Seinem und Buabengs Schauspiel kann man anfangs nur immer in kurzen Abschnitten verfolgen, aber es gibt ja glücklicherweise noch das Finale. Als die beiden aufeinandertreffen, bekam ich szenenweise Gänsehaut, so emotional und echt wurde gespielt. Sowohl Buabeng als auch Kwarteng liefen in dieser finalen Szene auf Höchstform auf und haben mich vollkommen in ihren Bann gezogen. Alleine diese Schlussszene ist es wert, sich diesen zwar nicht schlechten, aber eher doch durchschnittlichen Tatort anzusehen. Diese beiden „schwarzen Deutschen“ stellten für mich neben der beeindruckenden Anfangssequenz und einigen gelungenen Einstellungen des Höhepunkt von „Narben“ dar.

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Fazit: „Narben“ bewegt sich trotz manch innovativer Regieführung, guten Schauspieler bis hin zu den Nebendarstellern und einem interessanten, aber manchmal unlogischen, Plot nur im durchschnittlichen Bereich.

© 2016 Wolfgang Brunner

Manchmal kommen sie wieder (1991)

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Originaltitel: Sometimes They Come Back
Regie: Tom McLoughlin
Drehbuch: Lawrence Konner, Mark Rosenthal, Tom McLoughlin, Tom Cring
nach einer Kurzgeschichte von Stephen King
Kamera: Bryan Englund
Musik: Terry Plumeri
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: Tim Matheson, Brooke Adams, Chris Demetral, Robert Hy Gorman, Zachary Ball, Robert Rusler, Nicholas Sadler, Bentley Mitchum
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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Vor 27 Jahren wurde Jims Bruder von Halbstarken erstochen. Nun kehrt Jim in seine Heimatstadt zurück, weil er einen Job als Lehrer angeboten bekam. Zu spät erkennt er, dass er besser nicht hätte zurückkehren sollen, denn die Mörder seines Bruders, die damals durch einen Unfall ebenfalls ums Leben kamen, sind gar nicht so tot, wie sie es eigentlich sein sollten …

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Man merkt dem Film an, dass er ursprünglich fürs Fernsehen produziert wurde. Das liegt allerdings nicht an den schauspielerischen Leistungen, die im Großen und Ganzen durchwegs passabel sind und auch nicht an der unglaublich stimmungsvollen Musik von Terry Plumeri. Es sind die Specialeffects, die an manchen Stellen ziemlich billig wirken und die Atmosphäre des Films leider etwas zunichte machen. Die Explosionen wirken geradezu lächerlich, obwohl man so was Anfang der 90er Jahre besser hingekriegt hätte. Schade, denn wären diese Effekte besser gemacht, wäre Stephen Kings „Manchmal kommen sie wieder“ weitaus beeindruckender geworden. So bleibt, zumindest in dieser Hinsicht, ein „billiger“ Nachgeschmack.

Handlungstechnisch wirkt der Film wie eine Mischung aus „Christine“, „Stand by Me“ und „Die Klasse von 1984“. Tom McLoughlin, den ich nur noch als Regisseur des sechsten Teils der Freitag, der 13.-Reihe kenne, schafft stellenweise eine wirklich gute Atmosphäre, die noch den Geist der 80er Jahre Horrorfilme  einfängt. Das liegt mit Sicherheit an der bereits erwähnten Musik, aber auch an der Erzählweise des Films. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen. Die Darsteller der Halbstarken waren sehr gut und passend. Sie haben mich, wie gesagt, an „Die Klasse von 1984“ erinnert. Die ruhigen Stellen des Films haben mir am besten gefallen, sobald Action und reißerische Szenen ins Spiel kamen, wurde ich aus der manchmal sogar schon melancholischen Stimmung wieder herausgerissen.

Wie oft bei Stephen King geht es hier auch um Kindheitserinnerungen, die McLoughlin sehr gut umgesetzt hat. Das hatte teilweise schon Kinofilm-Charakter. Dennoch fehlt dem Film das gewisse Etwas. Zurück bleibt ein gemischtes Gefühl aus leichter Begeisterung und leichter Enttäuschung. Die Masken der verbrannten Gesichter der Jugendlichen zum Beispiel hätte man sich getrost sparen können. Sie sind nah an der Grenze zum Lächerlichen.

„Manchmal kommen sie wieder“ ist zwar eindeutig auf der Seite der besseren King-Verfilmungen, aber kommt über das Mittelmaß leider nicht hinaus.

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Fazit: Teils stimmungsvoll, teils lächerlich, reiht sich „Manchmal kommen sie wieder“ in die Reihe von King-Verfilmungen ein, die zwar sehenswert, aber nicht besonders bedeutungsvoll sind.

© 2015 Wolfgang Brunner

Mother (2009)

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Originaltitel: 마더 (Madeo)
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Park Eun-kyo
Kamera: Hong Kyeong-pyo
Musik: Lee Byung-woo
Laufzeit: 128 Minuten
Darsteller: Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Ku, Yoon Jae-moon
Genre: Thriller
Produktionsland: Südkorea
FSK: ab 12 Jahren

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Der 28-jährige Do-joon lebt ein ruhiges und beschauliches Leben zusammen mit seiner Mutter. Eines Tages wird ein Mädchen ermordet und Do-joon aufgrund fadenscheiniger Beweise mit der Tat in Verbindung gebracht. Verzweifelt kämpft seine Mutter darum, seine Unschuld zu beweisen. Sie beginnt selbst, an dem Fall zu ermitteln und stößt dabei auf ein Geheimnis, das sie besser nicht erfahren hätte …

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„Mother“ wird von der Frankfurter Rundschau als „Psychothriller zwischen Hitchcock und Lynch“ angepriesen. Ganz so sehe ich das nicht, denn dafür ist Joon-hos Regiestil zu eigenwillig und selbständig. Aber die Entwicklung der Geschichte, die sich von einem ruhigen Familiendrama in einen spannenden Psychothriller verwandelt, zeigt schon gewisse Ansätze, die an die beiden obigen Regisseure erinnern.

Kim Hye-ja spielt ihre Rolle als kämpfende Mutter hervorragend und hat aus meiner Sicht berechtigt einige Preise für ihre Darstellung eingeheimst. Aber auch die anderen Schauspieler agieren sehr professionell und überzeugend.

In teils wunderschönen Bildern erzählt Joon-ho eine geradlinige Story, die sich im Laufe des Films immer mehr von einem „einfachen“ Justizfilm in ein blutiges Rachedrama entwickelt, das es wahrlich in sich hat. Gerade gegen Ende werden verstörende Bilder gezeigt, die meines Erachtens eine FSK-Freigabe von 16 Jahren erfordert hätten. Zwölfjährige werden das Ausmaß dieses Dramas mit Sicherheit nicht verstehen. Aber so sind die FSK-Leute nun mal: nicht zu verstehen! Der bildgewaltige Film verbindet auf faszinierende Weise verschiedene Genre-Arten zu einem einzigartigen, im Gedächtnis haftenbleibenden Erlebnis. Sowohl darstellerisch, als auch inszenatorisch beeindruckt „Mother“ noch zusätzlich mit verträumt wirkenden Bildkompositionen, die stimmungsvoll aber auch finster wirken.

Geradezu meisterhaft und unterschwellig vermittelt der Regisseur den Weg einer Frau, deren verzweifelter und konsequenter Mutterinstinkt, ihren Sohn zu beschützen, in eine radikale, mörderische Obsession umschlägt, die schockiert.
Das Ende hat mich stark an den unglaublich ausdrucksstarken Film „The Living And The Dead“ von Simon Rumley erinnert.
„Mother“ ist auf jeden Fall ein absolut sehenswertes Psychodrama.

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Fazit: Gekonnter Genremix aus Familiendrama, Psychothriller und Selbstjustiz-Krimi. In schönen Bildern wird eine Geschichte erzählt, die einem nahegeht.

© 2015 Wolfgang Brunner

Der Mieter (1927)

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Originaltitel: The Lodger
Alternativtitel: The Lodger – A Story Of The London Fog / The Case Of Jonathan Drew
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch:  Eliot Stannard
Kamera: Baron Ventimiglia
Musik: –
Laufzeit: 70 Minuten
Darsteller: Marie Ault, Arthur Chesney, June Tripp, Malcolm Keen, Ivor Novello
Genre: Thriller
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 12 Jahren

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Bereits sieben Frauen wurden in London ermordet aufgefunden. Oft wurde ein seltsamer Mann beobachtet, der die untere Hälfte seines Gesichts mit einem Schal versteckt. Eines Tages erscheint bei Daisys Eltern ein Mann, auf den genau diese Beschreibung passt, und der darum bittet, ein Zimmer mieten zu dürfen.
Obwohl Daisys Eltern weiterhin den Verdacht hegen, dass der Unbekannte der Mörder sein könnte, freundet sich ihre Tochter mit ihm an. Und dann geschieht ein weiterer Mord …

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Hitchcocks „Der Mieter“ ist ein wahnsinnig ausdrucksstarker Stummfilm, der eine bedrohliche Atmosphäre sondergleichen schafft. Da erkennt man schon in fast jeder Einstellung den Meisterregisseur, der er eines Tages sein würde. Die Kameraeinstellungen, die fast schon visionäre Bildersprache, ist außergewöhnlich und zeigt, dass Hitchcock seiner Zeit voraus war. Auch wenn sich Hitchcock einige Ideen anderer Stummfilme zunutze macht, schafft er jedoch auch mit diesem, einem seiner ersten Filme, einen eigenen Stil, der wegweisend für seine Zukunft ist.

Das Spiel mit Hell und Dunkel wird hier geschickt angewendet und lässt den Zuschauer nicht mehr aus einem hypnotischen Sog los. Auch wenn der Film fast 90 Jahre auf dem Buckel hat, konnte er mich noch immer absolut begeistern. Es ist schon erstaunlich, wie einen in der heutigen Zeit noch ein Stummfilm derart in seinen Bann ziehen kann. Hitchocks „Der Mieter“ tut das.
Die Bildkompositionen sind unglaublich intensiv und auch hier werden Kameraeinstellungen benutzt, die damals nicht an der Tagesordnung waren. Hitchcock ging von Anfang an seinen eigenen Weg.
Es ist unübersehbar, dass hier die Geschichte von Jack The Ripper zugrunde liegt. Aber der Plot führt den Zuseher an der Nase herum, kann mit überraschenden Wendungen aufwarten, mit denen man nicht rechnet. Das macht Spaß und kommt zu der hervorragenden Inszenierung noch hinzu.

„Der Mieter“ ist für mich der erste „echte“ Hitchcock. Er ist jene Art von Film, die den Weltruhm des Regisseurs eingeleitet haben, denn bereits hier sieht man seine Experimentierfreudigkeit, die zur damaligen Zeit kein anderer Regisseur zeigte. Der Spannungsbogen ist in diesem Film sehr geradlinig gezogen und führt zu einem dramatischen Finale, wie es besser nicht sein könnte.
In diesem Stummfilm-Kleinod ist alles drin, was ein Film braucht: Spannung, Atmosphäre, ein wenig Grusel, Mord und jede Menge Gefühle. Hitchocks Thriller vom Anfang seiner Karriere zeigt das große Potential, das in dem damals 28-Jährigen steckte.

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Fazit: Mit unglaublicher Atmosphäre und einem stetig steigenden Spannungsbogen zeigt Alfred Hitchcock in einem seiner frühen Filme einen Kriminalfall, der den Zuschauer, obwohl es „nur“ ein Stummfilm ist, vollkommen in seinen Bann zieht.

© 2015 Wolfgang Brunner

Child Of God (2013)

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Originaltitel: Child Of God
Regie: James Franco
Drehbuch: James Franco, Vince Jolivette
Kamera: Christina Voros
Musik: Aaron Embry
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Scott Haze, Tim Blake Neslon, James Franco, Jim Parrack, Jeremy Ambler, Fallon Godson, Vince Jolivette
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahren

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Lester Ballard ist ein Außenseiter par excellence. Seine Eltern hat er verloren und lebt, von der Gesellschaft verstoßen, zuerst in einem verlassenen Schuppen und später in einer Höhle. Und dann geschehen Morde in der Umgebung und es dauert nicht lange, bis die Bevölkerung Lester verdächtigt und Jagd auf ihn macht.

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Es gibt immer wieder Filme, die verschlagen einem den Atem. Zumal man wirklich nicht damit rechnet, was einem da geboten wird. „Child Of God“ ist verstörend! Verstörend erschreckend, aber auch verstörend gut. Sogar wahnsinnig gut! Scott Haze hätte für diese Darstellung zweifelsohne einen Oscar verdient. Selten sieht man so eine eindrucksvolle Performance, die einen förmlich vom Hocker reißt. Haze spielt den verrückten, verdreckten, abartigen und doch auf gewisse Art und Weise irgendwie liebenswerten Lester so grandios, das einem echt die Worte fehlen. Da läuft Rotz aus der Nase, da rinnt Speichel in den verwahrlosten Bart und Scott Haze spielt weiter, als wären das die natürlichsten Dinge im Leben. Alleine schon wegen Haze’s Schauspielerei sollte man „Child Of God“ gesehen haben.

Aber vor dem Film muss auch eindeutig gewarnt werden, denn da werden Dinge gezeigt, die mit Sicherheit nicht jedermanns Sache sind. Die FSK 18 – Einstufung ist bei diesem Film gerechtfertigt, denn hier werden nicht mutierte Zombies zerhackt, sondern dem Zuschauer wird ein perverses, grausiges Bild einer deprimierenden Realität präsentiert, das schockt. Die Bilder und gezeigten Ereignisse treffen  einen wirklich hart und hinterlassen (ähnlich wie im unterschätzten deutschen Thriller „Cannibal – Aus dem Tagebuch eines Kannibalen“ von Marian Dora) ein mulmiges Gefühl, das man lange nicht mehr los wird. „Child Of God“ basiert auf einer Romanvorlage von Cormac McCarthy, die ebenso befremdlich und schockierend ist, wie James Francos Verfilmung.

Die Stimmung des Films ist hervorragend gelungen und durch den fantastischen Hauptdarsteller wird man in eine archaische Welt aus Schmutz, Sex, Leichenschändung und düsterer Gewalt geworfen, der man sich schwerlich entziehen kann.

Ein Film, der mit Sicherheit nicht für den alltäglichen Kinogänger geeignet ist. Wer sich aber auf eine gewalterfüllte, dennoch dezent inszenierte und bisweilen melancholische Darstellung eines psychisch kranken Außenseiter-Lebens einlassen möchte, wird begeistert sein. In seiner düsteren, abseits des Mainstream gedrehten und unspektakulären Gewaltdarstellung, die wahrscheinlich aus genau diesem Grund so schockierend wirkt, erinnert mich „Child Of God“ an zwei frühere Filme von Michael Haneke („Funny Games“ und „Bennys Video“).

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Fazit: Abseits des Mainstream inszenierte James Franco ein eindringliches, brutales und schockierendes Bild einer verlorenen Existenz, die, so brutal sie auch vorgeht, das Mitleid des Zuschauers erregt. Scott Hazes Darstellung des Außenseiters Lester Ballard ist oscarreif.

© 2015 Wolfgang Brunner