Nekromantik 2 (1991)

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Originaltitel: Nekromantik 2
Alternativtitel: Nekromantik 2 – Die Rückkehr der liebenden Toten
Regie: Jörg Buttgereit
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Franz Rodenkirchen
Kamera: Manfred O. Jelinski
Musik: Hermann Kopp, Monika M. John Boy Walton
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Monika M., Mark Reeder, Wolfgang Müller, Beatrice Manowski
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: keine Jugendfreigabe

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Monika kann der Versuchung nicht widerstehen und gräbt ihren toten Freund Robert wieder aus, um mit seiner Leiche Sex zu haben. Bei einem Kinobesuch lernt Monika dann aber Mark kennen und schon bald verlieben sich die beiden ineinander. Aber Monikas Nekrophilie lässt sich nicht so leicht unterdrücken …

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Lange ist es her, dass ich diesen Film das erste Mal gesehen habe. Nun musste er nochmal dran glauben. 😉
Buttgereit setzt seine Geschichte über die Totenliebe nahtlos fort und erzählt, wie es mit Monika und (dem nunmehr toten) Robert weitergeht. Allerdings geht Buttgereit bei seiner Fortsetzung professioneller ans Werk, was man nicht nur am Schnitt, sondern auch an den Bildkompositionen sieht. Sicherlich bleibt dem Film etwas Amateurhaftes anhaften, aber gerade das ist es ja, was die „Nekromantik“-Filme ausmacht, von daher also absolut passend.
„Nekromantik 2“ geht derber ins Rennen als sein Vorgänger, vermittelt aber dennoch in meinen Augen weitaus mehr Romantik. Das liegt wahrscheinlich an der Liebesgeschichte zwischen den beiden lebenden Menschen, die überzeugend geschildert wird und einen oft die schrecklichen Bilder vergessen lässt. Als dann noch der tote Robert hinzukommt, entwickelt Buttgereit eine faszinierende Dreiecksbeziehung, die in einem blutigen, ekstatischen Finale endet.

Natürlich spaltet Buttgereits Kunst-Splatter die Zuschauer. Die „Gegner“ haben bei dem Film nicht nur moralische Bedenken, sondern sehen auch tabubrechende Provokation darin. Ich finde jedoch, dass das Thema keineswegs provokativ aufgearbeitet wurde, sondern, zwar eindringlich, aber ruhig und stimmungsvoll in Szene gesetzt wurde. Wie schon der erste Teil hinterlässt auch die Fortsetzung ein bedrückendes Gefühl im Magen, mit dem man anfangs schwerlich umgehen kann. Doch, wie auch immer, schafft Jörg Buttgereit es dennoch, uns nicht nur zu schocken, sondern vor allem auch zu faszinieren. Man kann sich den morbiden, hypnotisierenden und sinistren Bildern kaum entziehen, auch wenn sie noch so abstoßend wirken. Durch die wieder einmal hervorragende Musikuntermalung wird eine eigenwillige Stimmung erschaffen, die einerseits den gezeigten Schrecken entschärft, andererseits die bittere Grausamkeit sogar noch unterstreicht.

Auch hier gilt: Entweder man mag Jörg Buttgereits Filme und sieht sie mit einem besonderen Auge oder man lässt einfach die Finger davon, weil einen die Bilder und die Thematik abstoßen. Kunst ist hier auf jeden Fall mit im Spiel. Ob sie gefällt oder nicht entscheidet der eigene (gute oder weniger gute) Geschmack. 😉

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Fazit: Derber und blutigerer Nachfolger des Kultfilms „Nekromantik“. Genauso künstlerisch wie sein Vorgänger, bietet die Fortsetzung handlungstechnisch zwar wenig Neues, kann aber mit einer eigenwilligen Atmosphäre und guten (mutigen) Schauspielern überzeugen.

© 2015 Wolfgang Brunner

Schramm (1993)

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Originaltitel: Schramm
Regie: Jörg Buttgereit
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Franz Rodenkirchen
Kamera: Manfred O. Jelinski
Musik: Max Müller, Gundula Schmitz
Laufzeit: 65 Minuten
Darsteller: Florian Koerner von Gustorf, Monika M, Micha Brendel, Carolina Harnisch, Xaver Schwarzenberger, Gerd Horvath, Michael Brynntrup
Genre: Drama, Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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Lothar Schramm ist ein schüchterner, einsamer Mann, der nur soziale Kontakte zu seiner Nachbarin pflegt. Unfähig, eine Beziehung mit einer Frau zu führen, gibt Schramm seiner dunklen Seite nach und tötet Menschen, um sie nackt zu fotografieren, damit er sich anschließend zumindest mit diesen Bildern sexuell stimulieren kann.

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Für die einen uninspirierter, sinnloser Müll, für die anderen ein künstlerisches und schockierendes Porträt eines Serienkillers. Ich gehöre zu den anderen ;), denn ich finde Buttgereits Low-Budget-Produktion absolut interessant und gelungen. „Schramm“ gehört für mich auch zu den wenigen Ausnahmen, die zeigen, was man mit wenig Geld auf die Beine stellen kann.
Keine Frage: Man sieht Buttgereits Film desöfteren an, dass er mit geringem Aufwand gedreht wurde. Aber vielleicht ist es genau diese Tatsache, die diesen Trip in die menschlichen Abgründe so realitätsnah macht. Der Zuschauer rückt dem Protagonisten buchstäblich auf den Leib, nimmt an seinem abgedrehten , unbefriedigenden und intimen Leben teil, als wäre er ein Voyeur. Das erinnerte mich stark an „Cannibal“.

Schonungslos wird gezeigt, wie ein Mann mit seiner Sexualität umgeht, die er ohne Partner ausleben muss. Man bekommt einen Einblick in den tristen Alltag eines Mannes, der mit aller Gewalt sexuelle Befriedigung und körperliche Liebe erlangen will. Völlig unpornografisch bekommt der Zuschauer nicht nur den Penis des Protagonisten in Großaufnahme zu sehen, sondern nimmt auch an außergewöhnlichen „Selbstbefriedigungen“ teil.

Ich habe Buttgereits Film etwa ein Jahr nach dessen Entstehung das erste Mal gesehen und war damals einerseits schockierend fasziniert und andererseits enttäuscht, weil ich ein unperfektes „Machwerk“ serviert bekam, dass im ersten Moment „stümperhaft“ auf mich wirkte. Heute, circa 20 Jahre später, sehe ich „Schramm“ plötzlich mit völlig anderen Augen und erkenne sehr wohl die künstlerischen Ambitionen, die Buttgereit (aus meiner Sicht ziemlich gut) verfolgt. Filmkenner ahnen, welche Regiegrößen als Vorbilder dienten, wobei Buttgereit ganz klar seinen eigenen Weg geht. An einigen Stellen dachte ich tatsächlich, ich sehe gerade einen Film von Lars von Trier.

„Schramm“ polarisiert. Unspektakulär werden vereinzelt Splatterelemente in die ansonsten triste, bedrückende und deprimierende Handlung eingestreut und rütteln den Zuseher für Sekunden wach. Florian Koerner von Gustorf spielt die Rolle des einerseits sympathischen und bemitleidenswerten, andererseits kaltblütigen Vergewaltigers und Mörders Lothar Schramm nüchtern und augenscheinlich emotionslos, wobei dennoch erstaunlicherweise Gefühle im Zuschauer freigesetzt werden. In oft ästhethischen Bildern zeigt „Schramm“, wie ein verzweifelter Mann immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und erzwungenem Sex fällt, aus dem es letztendlich kein Entkommen gibt. Durch den hervorragend auf die Bilder abgestimmten Soundtrack kommt eine sehr bedrückende Stimmung zustande, die sich durch den gesamten Film zieht. Ich würde „Schramm“ als verstörendes, surrealistisches und visionäres kleines Meisterwerk völlig abseits des Mainstreams bezeichnen.

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Fazit: Beklemmende, düstere und absolut realistische Charakterstudie eines verzweifelten Mannes, der auf der Suche nach Liebe und Sex nur Gewalt und Tod findet.

© 2015 Wolfgang Brunner