Big Driver (2016)

Originaltitel: Big Driver
Regie: Mikael Salomon
Drehbuch: Richard Christian Matheson
nach einer Kurzgeschichte von Stephen King
Kamera: Steve Cosens
Musik: Jeff Beals
Laufzeit: 84 Minuten
Darsteller: Maria Bello, Ann Dowd, Will Harris, Joan Jett, Olympia Dukakis, Jennifer KyddTara Nicodemo
Genre: Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahre

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Nach einer Lesung bleibt die Schriftstellerin Tess Thorne während der Heimfahrt aufgrund einer Reifenpanne in einer verlassenen Gegend mit dem Auto liegen. Ein riesiger, aber sehr freundlicher Mann hilft ihr und bietet an, den Reifen zu wechseln. Doch noch bevor er sich an die Arbeit macht, bedrängt er Tess und ist alles andere als nett zu ihr.  Tess überlebt den Angriff und findet zurück ins Leben. Doch sie kann das Geschehen nicht vergessen und entschließt sich eines Tages, sich auf die Suche nach dem großen Mann zu machen, der ihr das angetan hat.

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Die Geschichte beginnt, King typisch, ruhig und eher harmlos. Das Grauen schleicht sich aus einer, wenngleich unerfreulichen, Alltagssituation in das Leben der Schriftstellerin. Die Überschreitung dieser Grenze wurde von Regisseur Mikael Salomon (dessen Filme „Hard Rain“ und das Remake „Andromeda“ den meisten bekannt sein dürften) hervorragend in Szene gesetzt. Man spürt das Knistern zwischen den beiden Protagonisten, erlebt das Umschwenken von Freundlichkeit in Bedrohung so hautnah, das es einem selbst als Zuschauer Angst einjagt. Dazu kommt neben der intensiven Inszenierung die unglaublich gute Schauspielleistungen von Maria Bello und Will Harris. Das Agieren der beiden passt so perfekt zusammen, dass es unglaublich authentisch wirkt, wenn der riesige Mann die Frau bedroht. Die Szenen, die dann folgen, sind hart und strapazieren die Nerven, wirken aber niemals übertrieben gewalttätig, sondern einfach nur real.

Trotz diesem harten und teilweise auch brutalen Einstieg wird die Geschichte im weiteren Verlauf in einem sehr ruhigen Ton erzählt, der eine wahnsinnig gute Atmosphäre aufkommen lässt. Die Schauspielleistung von Maria Bello ist beeindruckend und in Verbindung mit der besonnenen und stillen Inszenierung sehr emotional. Ich war absolut gebannt von den Ereignissen und Wendungen und fieberte mit der Protagonistin in jeder Sekunde mit. Alleine ihre Wandlung/Darstellung von einer hilflosen Frau in eine toughe „Kriegerin“ ist sehr glaubwürdig und intensiv.
Überhaupt sind die Charaktere King typisch und wurden allesamt sehr gut umgesetzt. Ein Wiedersehen mit der Rocksängerin und Gitarristin Joan Jett („I Love Rock ’n‘ Roll“ dürfte wohl jeder kennen), die ihre größten Erfolge in den 80er Jahren feierte, und mit der Golden Globe- und Oscargewinnerin Olympia Dukakis („Mondsüchtig“) runden das gelungene Filmerlebnis noch ab.

Man merkt dem Film in keiner Minute an, dass er fürs Fernsehen produziert wurde. Regisseur Mikael Salomon überzeugt mit stimmungsvollen Bildern und einer konsequent durchdachten Linie, als hätte er fürs große Kino gedreht. Ein wenig erinnert „Big Driver“ an den Rape & Revenge-Thriller „I Spit On Your Grave“, nur dass hier einfach mehr Menschlichkeit und Emotionen hinter dem Rachefeldzug stecken. „Big Driver“ enthält bedeutend mehr Seele als ein einfacher Slasher- und/oder Splatterfilm in dieser Art. Genre-Fans, die hier einen ähnlichen Film erwarten, könnten unter Umständen sogar enttäuscht sein. Fast schon auf melancholische Art und Weise erzählt Mikael Salomon die Geschichte einer zutiefst verletzten Frau, die sich erst später zu wehren beginnt. Auch wenn „Big Driver“ nicht zwingend etwas Neues in der Krimi- , Thriller- und Stephen King Verfilmungswelt bietet, so ist er für mich dennoch eine der besseren Adaptionen Kings (die von Frank Darabon inszenierten einmal ausgenommen, denn die sind unschlagbar spitzenmäßig) und spricht ein Publikum an, dass eine intelligente, emotionale Handlung mag, die von einem sehr fähigen Regisseur und grandiosen Schauspielern umgesetzt wurde. Wer sich für die Kurzgeschichte interessiert, die Vorlage für diesen Film war, sollte sich das Buch „Zwischen Nacht und Dunkel“ zulegen, das in Deutschland im Jahr 2010 erschien. Die zweite Geschichte dieser Kurzgeschichtensammlung ist „Big Driver“.

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Fazit: Atmosphärischer Thriller, der mehr Wert auf Emotionen als auf blutige Effekte legt. Ganz klarer Geheimtip für echte King-Fans.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Der Marsianer (2015)

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Originaltitel: The Martian
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Drew Goddard
nach dem gleichnamigen Roman von Andy Weir
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Harry Gregson-Williams
Laufzeit: 144 Minuten
Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kate Mara, Michael Peña, Aksel Hennie, Sebastian Stan, Jeff Daniels, Sean Bean, Chiwetel Ejiofor
Genre: Science Fiction, Literatur
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Als eine Crew auf dem Mars in einen Sturm gerät, wird Astronaut Mark Whatney nach einem Unfall für tot gehalten. Die Mannschaft bricht überstürzt auf und lässt den vermeintlich Toten auf dem Mars zurück. Doch Whatney hat den Unfall überlebt und muss sich nun alleine auf dem fremden Planeten behaupten und überleben. Aber die Aussicht auf eine Rettung kann Jahre dauern. Mark bereitet sich auf das Überleben in dieser fremden Welt vor.

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Ich war schon von der literarischen Vorlage mehr als angetan. Andy Weirs Debüt war ein spannendes Abenteuer, das ich mir schon beim Lesen hervorragend als Film vorstellen konnte. Was Ridley Scott dann schließlich daraus gemacht hat, lässt keine Wünsche offen. Absolut detailgetreu wird der Roman verfilmt und erweckt die Bilder, die sich im Kopf des Lesers bereits gebildet haben, zum Leben. Es ist wirklich faszinierend, wie genau Scott die Stimmung des Buches trifft. Optisch und visuell absolut kann die Literaturverfilmung absolut überzeugen. Und auch der musikalische Part, den Harry Gregson-Williams übernommen hat, trifft voll ins Schwarze und löst genau die gleichen Emotionen aus, die ich beim Lesen der Romanvorlage empfunden hatte. In dieser Hinsicht schon mal volle Punktzahl.

Schauspielerisch kann Matt Damon durchaus überzeugen, wenngleich seine One-Man-Show nicht unbedingt weltbewegend ist wie so manch andere. Er macht seine Sache ohne Frage gut, aber irgendetwas fehlt dann doch letztendlich, um ihm eine oscarreife Leistung zuzusprechen. Aber das tut der Literaturverfilmung keinen wirklichen Abbruch. Hier wird nämlich astreine Science Fiction geboten, die zwar den Humor der Vorlage nicht hundertprozentig erreicht, dafür aber einen äußerst spannenden und intelligenten Überlebenskampf bietet. „Der Marsianer“ erinnert manchmal an „Robinson Crusoe auf dem Mars“ oder „Red Planet“, toppt aber diese beiden Filme und auch die meisten anderen Marsmissions-Streifen mühelos.  Scott beherrscht sein Handwerk und fühlt sich im SF-Genre sichtlich wohl. Die Geschichte wird sehr realitätsnah erzählt und reisst einen mit, so dass man am Ende nicht bemerkt, dass zwei Stunden vergangen sind.

Viele werden „Der Marsianer“ als hochgradig langweilig finden, weil nicht viel passiert und fast keine Actionsequenzen vorkommen. Aber wer das Buch gelesen hat, weiß, was einen erwartet und die Umsetzung ist einfach grandios gelungen. Scott hat teilweise Dialogpassagen eins zu eins übernommen, was mir sehr gut gefallen hat. Hier wird ein unvergleichlicher Überlebenskampf geschildert, der zwar desöfteren die Grenze zum übertriebenen Patriotismus streift und manchmal sogar überschreitet, aber dennoch mit hervorragenden Schauspielern und auf visuell beeindruckende Art unterhält. Sicherlich fällt „Der Marsianer“ in die Popcorn-Blockbuster-Mainstream-Kategorie, aber gleichzeitig hebt er sich auch auf erfrischende Weise von den in Mode gekommenen Effekteorgien ab. Hier geht es um einen Menschen und seinen starken Überlebenswillen.

Vieles aus dem Buch wurde gestrichen. Aber das wurde meiner Meinung nach sehr geschickt gemacht und fällt nicht besonders auf, wenn man das Buch vorher gelesen hat. Aber, um noch einmal kurz auf Matt Damon zurückzukommen: Er ist und bleibt leider kein wirklich guter Charakterdarsteller, so dass es dem Film so manches Mal an echter Seele fehlt. Das finde ich sehr schade und hätte man einen anderen Darsteller wie etwa Tom Hanks, Tom Hardy oder Leonardo diCaprio für die Hauptrolle gewählt, wäre der Film bestimmt perfekter und weitaus überzeugender geworden. Trotzdem ist für mich „Der Marsianer“ eine sehr gelungene Verfilmung eines hervorragenden Science Fiction-Romans.

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Fazit: Visuell beeindruckend, spannend und humorvoll inszenierte Ridley Scott Andy Weirs Bestseller-Roman. Hätte man Matt Damon durch einen besseren Charakterdarsteller ersetzt, wäre das Ergebnis auf jeden Fall besser ausgefallen.

© 2016 Wolfgang Brunner

Ich. darf. nicht. schlafen. (2014)

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Originaltitel: Before I Go To Sleep
Regie: Rowan Joffé
Drehbuch: Rowan Joffé
nach dem Roman von S.J. Watson
Kamera: Ben Davis
Musik: Ed Shearmur
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Nicole Kidman, Colin Firth, Mark Strong, Anne-Marie Duff, Adam Levy, Dean-Charles Chapman
Genre: Thriller, Literaturverfilmung
Produktionsland: Großbritannien, Frankreich, Schweden
FSK: ab 12 Jahre

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Christine Lucas leidet an Amnesie: Sie wacht jeden Morgen auf und kann sich an absolut nichts mehr erinnern. Jeden Tag aufs Neue beginnt sie, ihr Leben wie ein Puzzle mühsam zusammenzusetzen. Hilfreich sind ihr dabei Ehemann Ben und der Neuropsychologe Dr. Nash. Beide Männer wissen allerdings nichts voneinander. Mit Hilfe eines Video-Tagebuchs, das sie jeden Tag durch einen Anruf Dr. Nashs wiederfindet, fügt Christine ihr Leben wieder zusammen. Je mehr sie von sich erfährt, desto weniger schöpft sie Vertrauen zu Ben und auch Dr. Nash. Schon bald weiß Christine nicht mehr, wem sie vertrauen kann, denn ihr Leben scheint nur aus Lügen zu bestehen. Und die Wahrheit droht weitaus schrecklicher zu sein, als Christine die ganze Zeit denkt …

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Die von Starregisseur Ridley Scott produzierte Umsetzung von S.J. Watsons Psychothriller ist vollauf gelungen. Sehr nah hält sich das Drehbuch an die literarische Vorlage und langweilt keine einzige Sekunde. Spannend von Anfang bis zum Ende nimmt Regisseur Rowan Joffé, der übrigens auch das Drehbuch verfasste, den Zuschauer auf eine andere Art von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit.
Auch wenn man die Romanvorlage kennt, läuft der Film niemals Gefahr, langweilig zu werden. Ein paar Änderungen, die einfach filmtauglicher waren, wurden vorgenommen, die aber an der Handlung absolut nichts verändern.

Nikole Kidmann, Colin Firth und Mark Strong liefern ein sehr überzeugendes Verwirrspiel ab, dem man oft mit angehaltenem Atem folgt. Glaubwürdig mimt Kidman die Amnesie-Patienten, die völlig verwirrt hinter das Geheimnis ihrer Vergangenheit kommen möchte. „Ich. darf. nicht. schlafen.“ ist perfekte Thriller-Unterhaltung, die sich jeder Leser des Romans unbedingt ansehen sollte, denn Rowan Joffé hat die Vorlage wirklich sehr gut umgesetzt.

Gerade die ruhige Inszenierung mit nur sparsam eingesetzten „Action“-Szenen macht die Bedrohung deutlich, der sich die Protagonistin gegenübersteht. Diese relativ unspektakuläre Suche nach den Geschehnissen der Vergangenheit wirkte aus diesem Grund sehr glaubwürdig auf mich. Am Ende zeigt Rowan Joffé, dass er Alfred Hitchcock mag. 😉
Mark Strong wirkt so manches Mal ein wenig unterfordert, ihm (und damit dem Film) hätte ein wenig mehr Aufmerksamkeit bestimmt gut getan.

„Ich. darf. nicht. schlafen.“ kann zwar mit Genremeisterwerken wie Christopher Nolans „Memento“ nicht mithalten, aber eine sehenswerte Literaturverfilmung ist es dennoch geworden, die man nicht unterschätzen sollte. Schauspielerisch und inszenatorisch lässt sich nicht wirklich viel bemängeln, das Ergebnis hätte bei einem unfähigeren Team weitaus schlechter ausfallen können.

Wer sich für das Buch interessiert, kann hier eine Rezension meiner Frau nachlesen. 😉

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Fazit: Gelungene Verfilmung des Bestsellers von S.J. Watson. Gut agierende Schauspieler und eine durchweg spannende Inszenierung machen „Ich. darf. nicht. schlafen.“ zu einem ansehnlichen Thriller. Wer das Buch nicht kennt, wird die überraschenden Wendungen lieben.

© 2015 Wolfgang Brunner

Der Frosch mit der Maske (1959)

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Originaltitel: Frøen med masken / Der Frosch mit der Maske
Regie: Harald Reinl
Drehbuch: Trygve Larsen, J. Joachim Bartsch
Kamera: Ernst W. Kalinke
Musik: Willy Mattes
Laufzeit: 90 Minuten
Darsteller: Joachim Fuchsberger, Eva Anthes, Siegfried Lowitz, Jochen Brockmann, Karl Lange, Dieter Eppler, Eva Pflug, Eddi Arend
Genre: Krimi, Literatur
Produktionsland: Dänemark, Deutschland
FSK: ab 12 Jahren

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Seit vielen Jahren haben die Einwohner Londons Angst vor dem „Frosch mit der Maske“, dem Anführer einer Verbrecherbande. Einbrüche und sogar Morde gehen auf das Konto der Gangster. Inspektor Elk und der Neffe des Scotland Yard-Chefs wollen auf getrennten Wegen dem mysteriösen „Frosch“ das Handwerk legen.

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Oftmals wurde dieser ersten deutschen Edgar Wallace-Verfilmung der Nachkriegszeit das Prädikat „Kultfilm“ verliehen, mich konnte „Der Frosch mit der Maske“ allerdings nicht so ganz überzeugen. Das lag aber nicht einmal an der Inszenierung, die fast schon hitchcockmäßig mit viel Licht und Schatten aufwarten kann, sondern eher an den vielen Hauptpersonen, die sich durch den Film schlugen. Als Zuschauer konnte man sich weder auf Joachim „Blacky“ Fuchsberger noch auf Siegfried Lowitz richtig konzentrieren. Das fand ich irgendwie schade.

Handlungstechnisch ist der Krimi relativ einfach gestrickt und kann im Grunde genommen nur durch seine oftmals hervorragenden und stimmungsvollen Schwarzweiß-Bilder punkten. Die Drehorte sind absolut gut gewählt und besitzen einen unheimlichen, oft aber auch geradezu heimeligen Aspekt, der dem Film absolute Pluspunkte beschert.

Unabstreitbar ist, dass mit dieser Produktion der deutsche (Kriminal)Film einen unerwarteten Aufschwung bekam und den Grundstock für unzählige Edgar Wallace-Verfilmungen legte. Die düstere und gruselige Atmosphäre hat Regisseur Reinl fantastisch eingefangen und es wird auch nicht mit atmosphärischen Einlagen wie Stürmen, einsam gelegenen Häusern oder anderen nebelverhangenen Schauplätzen gespart. Diese Szenen sind es auch, die „Der Frosch mit der Maske“ zumindest zu einer „Art Kultfilm“ machen. Personenbezogen hat man sich aus meiner Sicht allerdings bei diesem Krimi leider verzettelt.

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Fazit: Der Beginn eines deutschen Filmwunders. Stimmungsvolle Adaption eines der bekanntesten Romane aus der Feder von Edgar Wallace, verliert die Handlung durch die Vielzahl der „Hauptpersonen“ seinen Reiz. Dennoch eindeutig schon auf dem Weg zum „Kult“.

© 2015 Wolfgang Brunner

Enemy (2013)

enemy

Originaltitel: Enemy
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Javier Gullón
nach dem Roman von  José Saramago
Kamera: Nicolas Bolduc
Musik: Daniel Bensi, Saunder Jurriaans
Laufzeit: 109 Minuten
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Isabella Rossellini, Sarah Gadon, Joshua Peace, Tim Post, Kedar Brown
Genre: Thriller, Literatur
Produktionsland: Spanien, Kanada
FSK: ab 12 Jahren

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Adam ist verzweifelt und gelangweilt von seinem Alltag als Professor für Geschichte und seiner Beziehung zu Mary. Eines Abends entdeckt er in einem Independence-Film den Schauspieler Anthony Claire, der Adam vom Aussehen bis hin zur Stimme vollkommen gleicht. Neugierig geworden, versucht Adam mit seinem Doppelgänger Kontakt aufzunehmen. Als ihm dies auch gelingt, steigert sich das Interesse an seinem Double zu einer gefährlichen Bessesenheit, der sich Adam bald nicht mehr entziehen kann …

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Denis Villeneuves Interpretation von  José Saramagos Roman „Der Doppelgänger“ hat es in sich. Visionär, geschickt und herrlich verworren wird hier der Kampf eines Mannes gegen sich selbst geschildert. Zur Regie kommt noch die schon fast oscarreife Schauspielleistung von Jake Gyllenhaal hinzu. Der Amerikaner geht in seiner Rolle völlig auf und liefert hier seine, meiner Meinung nach, beste Performance neben „Brokeback Mountain“ ab. Das Psychospiel der beiden Doppelgänger ist höchst faszinierend und alles andere als langweilig, wie viele Zuseher bemängeln. Sicher, wer hier Action und Mainstream-Popcorn-Kino erwartet, bekommt wahrscheinlich schon nach den ersten Minuten einen „Kulturschock“, weil er vergeblich nach Special-Effects und einer bereits auf den ersten Blick nachvollziehbaren, logischen Handlung sucht. „Enemy“ ist eine raffinierte Mischung aus David Cronenberg, David Lynch und Nicholas Roeg. Ruhig wird der Zuseher in einen Sog gerissen, den weder er noch der  Protagonist so richtig verstehen, dem man sich aber schwer entziehen kann.

Gyllenhaals Darstellung ist es zu verdanken, dass „Enemy“ nicht in einen unglaubwürdigen Plot abgleitet, sondern den Zuschauer auf fast schon unheimliche Weise anspricht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man sich in einigen Dingen vielleicht sogar selbst wieder. Villeneuves Film ist eine Metapher für die Unsicherheit vieler Menschen, die mit der Realität nicht klarkommen und Auswege in Form eines Alter Ego suchen. „Enemy“ ist ein nachhaltiges Erlebnis voller schauspielerischem Können, inszenatorischer Raffinesse und einem Plot, der in bester Lynch-Manier Platz für Unmengen an Interpretationen zulässt. Edelkino zum Nachdenken mit einem fantastischen Blick ins Seelenleben eines Menschen, der auf der Suche nach seinem ganz eigenen Sinn des Lebens ist.

Viele finden das Ende nicht gelungen, ich hingegen bin echt begeistert. Auch wenn es vielleicht im ersten Moment etwas unbefriedigend und verwirrend wirkt, so entfaltete es nach einer Zeit eine unglaubliche Stimmung in mir, die ich nicht näher erklären kann. „Enemy“ ist ein enorm ausdrucksstarkes Filmabenteuer.

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Fazit: Nachhaltiges Erlebnis, das voller schauspielerischem Können und inszenatorischen Raffinessen steckt. Der Plot lässt unglaublich viele Interpretationen zu, so dass „Enemy“ für den durchschnittlichen Mainstream-Kinogänger eher langweilig und unverständlich wirkt. Der aufmerksame Zuschauer wird diese Reise in eine gebrochene Seele allerdings von Anfang bis Ende genießen.

© 2015 Wolfgang Brunner

Wild At Heart (1990)

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Originaltitel: Wild At Heart
Regie: David Lynch
Drehbuch: Barry Gifford
Kamera: Frederick Elmes
Musik: Angelo Badalamenti
Laufzeit: 120 Minuten
Darsteller: Nicholas Cage, Laura Dern, Willem Dafoe, Harry Dean Stanton, Diane Ladd, Isabella Rossellini
Genre: Drama, Literatur
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahren

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Sailor und Lula sind ein Paar, das ihre Liebe und Freiheit genießt. Als Sailor einen Freund von Lulas Mutter bedroht, kommt er für ein paar Monate ins Gefängnis. Die Straftat wurde von Lulas Mutter, die die Beziehung zwischen ihrer Tochter und Sailor nicht gerne sieht,  geschickt inszeniert und Sailor tappte in die Falle. Nachdem er aus dem Gefängnis wieder entlassen wird, beschließen Lula und er, zu fliehen. Doch Lulas Mutter möchte Sailor lieber tot sehen, als dass er eine Beziehung zu Lula aufrecht erhält, und hetzt dem Liebespaar einen Auftragskiller hinterher.

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David Lynchs Roadmovie und skurrile Hommage an den „Zauberer von Oz“ zeigt auch nach fast 25 Jahren noch seine Wirkung. Auch wenn die ein oder andere Szene heute etwas „veraltet“ daher kommt, so waren diese seinerzeit einfach nur visionär. Es ist unübersehbar, dass „Wild AT Heart“ und „Twin Peaks“ zur etwa gleichen Zeit entstanden sind. Zu viele Szenen in „Wild At Heart“ erinnern an die Kult-TV-Serie aus der Feder von David Lynch und Mark Frost.

Nicholas Cage und Laura Dern sind einfach umwerfend in ihren Rollen. Auch wenn Dern manchmal etwas „nervig“ spielt und Cage oft „übertrieben“ posiert, so machen wohl genau diese Dinge den unvergleichen Reiz dieses filmischen Meisterwerks aus. Dieses Liebespaar bleibt einfach im Gedächtnis, ob man will oder nicht.

Besonders erwähnen möchte ich die fabelhafte Musik von Angelo Badalamenti, der sich beim Hauptthema dieses Films an Richard Strauss‘ „Im Abendrot“, einem der genialen „Vier letzten Liedern“, bedient hat. Diese Melodie verbinde ich nun automatisch immer mit Sailor und Lula, so beeindruckend wurde sie im Film eingesetzt.
Es wäre kein Film von David Lynch, wären da nicht die oftmals provozierenden und schrägen Ideen. Aber, „Wild At Heart“ ist einer jener Ausnahmefilme von David Lynch, den man zumindest beim ersten Ansehen versteht. 😉

Auch wenn der Streifen schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, sehenswert und visionär ist er immer noch. Und unübersehbar ein Lynch – Kult eben!

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Fazit: Schräg und visionär, schauspielerisch umwerfend und mit einer genialen Musik. „Wild At Heart“ ist ein in die Jahre gekommener Kultfilm, der aber, wenn man sich auf ihn einlässt, nach wie vor seine faszinierende Wirkung auf den Zuschauer nicht verloren hat.

© 2014 Wolfgang Brunner

Der große Gatsby (2013)

Originaltitel: The Great Gatsby

Lauflänge: 142 Minuten

Regie: Baz Luhrmann

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Nick Carraway zieht in ein Häuschen direkt neben dem Millionär Jay Gatsby ein, wo er Nacht für Nacht rauschende Feste beobachtet. Als er Gatsby kennenlernt, erfährt er den Hintergrund dieser Partys: Gatsby versucht mit allen Mitteln, seine Jugendliebe Daisy, die sich damals für einen anderen Mann mit viel Geld entschieden hat, zurückzuerobern. Nun, da Gatsby selbst vermögend ist, rechnet er sich hohe Chancen aus. Carraway, der Daisys Cousin ist, wird von Gatsby „angeheuert“, ein Treffen mit der Frau seiner Träume zu arrangieren.
Jay Gatsby und Daisy treffen aufeinander und es scheint sich alles zum Guten für Gatsby zu wenden. Doch dann geschieht ein Unglück …

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Um es vorweg zu sagen: Baz Luhrmann hat es nach „Romeo & Julia“ und „Moulin Rouge“ erneut geschafft, einen alten Stoff dermaßen aufregend und emotional rüberzubringen, das es einem echt den Atem verschlägt. Mit „Der große Gatsby“ ist er nach seinem eher „normal“ geratenen „Australia“ wieder in seine visionäre Schiene gesprungen.

Sowohl Leonardo DiCaprio wie auch Tobey Maguire überzeugen in ihren Rollen nahezu perfekt. Die meines Erachtens meistens dezent angebrachten Special Effects machen den Film zu einem visuellen Rausch, der mich nicht selten an die späteren Werke von Peter Greenaway erinnerte.

Das Liebesdrama  ist unterhaltsam und schauspielerisch auf hohem Niveau. Der Film fasziniert desöfteren durch stark melancholische Augenblicke, die Luhrmann hervorragend in märchenhafte Bilder einfängt.

Luhrmann hat F. Scott Fitzgeralds Drama meiner Meinung nach absolut gelungen umgesetzt (ich habe den Roman kurz bevor ich mir diesen Film angesehen habe, zum wiederholten Mal gelesen).
Der Gastauftritt eines meiner indischen Lieblingsschauspielers, Amitabh Bachchan, hat mich überrascht und echt gefreut.
Über zwei Stunden vergingen wie im Flug und am Ende habe ich gedacht, dass es ohne weiteres noch einmal so lange weitergehen hätte können.

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Fazit: Uneingeschränkt volle Punktzahl für ein erneutes Meisterwerk von Baz Luhrmann, dem es immer wieder gelingt (von „Australia“ einmal abgesehen), „alte“ Stoffe in einem neuen, atemberaubenden und visionären Gewand auf die Leinwand zu bringen.

© Wolfgang Brunner