Die Frau des Farmers (1928)

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Originaltitel: The Farmer’s Wife
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Eliot Stannard
(nach einem Bühnenstück von  Eden Phillpotts)
Kamera: John J. Cox
Musik:—
Laufzeit: 129 Minuten
Darsteller: Jameson Thomas, Lilian Hall-Davis, Gordon Harker, Gibb McLaughlin, Maud Gill, Louie Pounds, Olga Slade, Ruth Maitland, Antonia Brough
Genre: Liebesfilm, Stummfilm
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 12 Jahren

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Der verwitwete Farmer ist auf der Suche nach einer neuen Bäuerin. Zusammen mit seiner Dienstmagd schreibt er auf einen Zettel, welche Frauen in Frage kommen. Dann macht er sich daran, die Liste abzuarbeiten. Nicht im Leben hätte er daran gedacht, dass eine der Auserwählten seinen Heiratsantrag ablehnen könnte …

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Nach dem sehr schwerfälligen Beginn entwickelt sich dann doch eine ganz ansehnliche und streckenweise amüsante Liebesgeschichte. Sicherlich ist auch hier nicht viel von dem Hitchcock zu erkennen, den man von seinen späteren Filmen gewohnt ist, aber dennoch experimentiert der Regisseur. Die Liebeskomödie plätschert seicht dahin und hat auch einige Längen, wenn dann aber die Einstellungen (Überblendungen) kommen, bei denen die zur Auswahl stehenden Frauen abwechselnd auf dem Stuhl erscheinen, der gegenüber des verwitweten Farmers steht, dann denkt man sich (zumindest ich dachte das), dass sich das Warten gelohnt hat. Diese Szene ist schon wirklich hervorragend gemacht.

Unterhaltungswert besitzt „The Farmer’s Wife“ auf jeden Fall. Manchmal muss man tatsächlich lächeln, wenn man die vergeblichen Mühen des Protagonisten (der übrigens ganz toll von Jameson Thomas gespielt wird) verfolgt, in denen der Witwer mit aller Macht die Liebe einer Frau gewinnen will. In diesem Film sieht man ganz eindeutig, dass Hitchcock auch eine komödiantische Ader hat, wie er auch in späteren Filmen noch (allerdings besser als hier) bewiesen hat.

Schauspielerisch fällt in diesem Film auf jeden Fall der schon genannte Jameson Thomas auf, der seinen Charme und die Verbitterung in seiner Suche nach einer neuen Frau sehr überzeugend darstellt. Die Frauen spielen zwar in unterschiedlicher Qualität, werden aber im Großen und Ganzen ihren Rollen gerecht. Die hin und wieder verstreuten Hitchcock’schen Einlagen lassen über manch eine Länge hinwegsehen, zumindest, wenn man erst einmal den etwas langweiligen Anfang hinter sich gebracht hat.

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Fazit: Ein Frühwerk von Alfred Hitchcock, das nicht sonderlich auffällt. Für Hitchcock-Komplettisten ohnehin ein Muss, kann man als Filminteressierter getrost auf diesen Stummfilm verzichten, es sei denn, man möchte einem recht amüsanten Kampf der Geschlechter beiwohnen.

© 2015  Wolfgang Brunner

Der Weltmeister (1927)

weltmeister

Originaltitel: The Ring
Deutscher Alternativtitel: Eines starken Mannes Liebe
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch:  Alfred Hitchcock (unter Mitarbeit von Alma Reville)
Kamera: John J. Cox
Musik: –
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Carl Brisson, Lilian Hall-Davis, Ian Hunter, Forrester Harvey, Harry Terry, Gordon Harker
Genre: Drama
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 12 Jahren

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Eines Tages trifft der Jahrmarkts-Boxer Jack auf den australischen Meister im Schwergewicht Bob. Die beiden Männern freunden sich an und werden Sparringspartner. Jack heiratet seine Verlobte Nellie, muss aber eines Tages feststellen, dass sich Bob an sie heranmacht. Und so entbrennt nicht nur um Ring ein erbitterter Kampf zwischen den beiden Männern.

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„Der Weltmeister“ ist der sechste Stummfilm von Alfred Hitchock, wenn man die drei verschollenen Filme „Nummer 12“, „Sags immer deiner Frau“ und „Der Bergadler“ mitrechnet. Hier zeigt Hitchock wieder einmal, dass er so ziemlich alle Genre beherrscht und auch gerne dreht. „Der Weltmeister“ ist Sportfilm und Drama in einem ( könnte durchaus sein, dass Stallone hier seine Idee zu „Rocky“ fand 😉 ) und kann überzeugen.
Hier wird vor allem in, wenngleich nur wenigen, Szenen deutlich, wie experimentierfreudig Hitchcock in seiner Anfangszeit war. In diesem Film versucht er, Musik mit Bildern sichtbar zu machen. Was dabei herauskam, ist derart visionär, dass man es gar nicht glauben mag. Da verwischen die Tasten eines Klaviers zu in die Länge gezogenen Streifen und werden von anderen Bildern überblendet, dass man meint, man wäre in einem Film von Ken Russell gelandet. Das ist schon grandios und war für die damalige Zeit einfach Wahnsinn.

Die Story ist, wie schon bei „Irrgarten der Leidenschaft“, sehr emotional und aufwühlend. Das kommt trotz fehlender Worte sehr gut rüber und nimmt den Zuschauer mit. „Der Weltmeister“ ist aus meiner Sicht zwar ein klein wenig schlechter als „Der Mieter“, zeigt aber unübersehbar die Entwicklung des Regisseurs.
Die vielen Schnitte und verschiedenen Kamerablickwinkel zeigen bereits hier, was knapp zehn Jahre später die „wahren“ Hitchcock-Filme ausmacht. Für Fans ist „Der Weltmeister“ Pflichtprogramm.

Ursprünglich als Stummfilm gedreht, exisitiert in Deutschland eine stümperhaft synchronisierte Fassung, die zwar für den ein oder anderen den Film attraktiver macht, aber ehrlich gesagt schauderhaft ist. Die Betonung der Synchronsprecher ist gruseliger als „Psycho“ und macht die Stimmung eher zunichte, als dass sie hilfreich wäre. Ich habe beide Fassungen gesehen und kann nur zur reinen Stummfilmfassung mit „Sprechschildern“ raten.

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Fazit: Für die damalige Zeit stellenweise innovativ und voller guter inszenatorischer Ideen. „Der Weltmeister“ könnte ohne weiteres Vorreiter von Sportfilmen a lá „Rocky“ sein.

© 2015 Wolfgang Brunner