Durch die Nacht (2013 / 2017)

Originaltitel: Durch die Nacht
Regie: Marco Pfeiffer
Drehbuch: Marco Pfeiffer
Kamera: Mirko Prokic
Musik: Lino Jednat
Laufzeit: 7 Minuten (Langfassung: 14 Minuten)
Darsteller: Randi Rettel, Jessica Klauß, Jan-Erik-Hohl, Nicole Schreier,
Livia Schwarz, Ralf T. Hoffmann, Aaron Wassilew, Julia Alsheimer, Nina
Michnik, Sissy Chrysos, Gabriele Kriedemann
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: nicht geprüft

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Marie will ihren Freund Ben mit einem schönen Essen verwöhnen. Doch der Abend verläuft leider nicht so, wie sich Marie das vorgestellt hat. Verzweifelt begibt sie sich auf einen Spaziergang durch die Nacht und erfährt durch einige Begegnungen, was Leben wirklich bedeutet.

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Das Drama „Durch die Nacht“ kann von der ersten Einstellung an begeistern und hinterlässt deutliche Spuren in den Gedanken des Zusehers. Regisseur Marco Pfeiffer, der auch das Drehbuch verfasste, gelingt es in etwas mehr als fünf Minuten, einen derart zu packen, dass es fast schon Angst macht. Eine anfangs ärgerliche, kurze Zeit später aber wieder befriedigende Alltagssituation gerät zu einem Alptraum, in den sich jeder durch die intensiven Bilder des Kurzfilms hineinversetzen kann. Mit einfachen Mitteln wird in wenigen Minuten eine Palette an Gefühlen behandelt, dass es einen beim ersten (und auch noch zweiten Ansehen) schlichtweg überfordert. Liebe, Verlust, Trauer, Angst, Mut, Verzweiflung und am Ende Hoffnung. All dies passiert mit der Protagonistin, die wir auf ihrem verzweifelten Gang durch die Nacht begleiten. Und wir fühlen mit ihr, spüren die Trauer und die Verzweiflung, erleben aber auch in geschickt inszenierten Bildern die Hoffnung, die durch die Begegnung mit Mitmenschen in ihr aufkeimt.

„Durch die Nacht“ ist ein emotionaler, tiefgehender Kurzfilm, der mit Emotionen spielt und sie selbst für diejenigen deutlich macht, die sich noch nie in solch einer (oder ähnlichen) Lage befanden. Marie wird hervorragend von Randi Rettel verkörpert, der man sämtliche Emotionen abnimmt. Ihr natürliches, ungezwungenes Schauspiel ist herrlich erfrischend und echt, so dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Sie drückt die Hilflosigkeit, den Kummer und die Niedergeschlagenheit, durch die sie in eine Spirale der Selbstzerstörung gerät, so natürlich aus, dass es einem Angst einjagen kann. Marco Pfeiffers Film drückt im Gegenzug aber auch aus, dass junge Menschen sich nicht nur im negativen Sinne „gehen lassen“, sondern auch sehr wohl an eine glückliche Zukunft und ein erfülltes Familienleben glauben können.
Jan-Erik-Hohl als Ben kann, wenngleich er nicht allzu oft zu sehen ist, durch seine charismatische und sehr sympathische Ausstrahlung punkten und lässt selbst einen männlichen Zuschauer am Ende dahinschmelzen. 😉
Und Jessica Klauß als Mutter mit Kind, die für Marie die rettende Hand darstellt, kann auf sehr positive Weise in ihrer Rolle überzeugen. Die wunderschöne und überaus passende Musikuntermalung stammt von Lino Jednat, von dem man sich in Zukunft auf jeden Fall noch mehr Scores in dieser Art wünscht.

Von „Durch die Nacht“ existiert eine Kurz- und eine Langfassung, die man beide gesehen haben sollte. Ich habe zuerst die Kurzfassung aus dem Jahr 2013 angesehen und mir danach viele Gedanken über die Handlung gemacht. So ging es anscheinend mehreren Zuschauern, denn nach der ursprünglich abgedrehten Kurzfassung entschieden sich die Macher nachträglich im Jahr 2017 noch eine Langfassung herzustellen, die bedeutend mehr auf die Beziehung von Marie und Ben eingeht und auch einige offenstehende Fragen der Kurzfassung beantwortet. Mir persönlich hat es die längere Fassung angetan, weil sie noch bedeutend mehr Emotionen in mir ausgelöst hat als die originale Kurzfassung. Für mich ein sehr beeindruckendes Filmerlebnis, das erstaunlicherweise trotz seiner kurzen Laufzeit enorm viel Gefühle beim Zuschauer wachrüttelt.
Beide Fassungen kann man auf der Film-Homepage begutachten. Eine Facebook-Seite zum Film gibt es ebenfalls, die noch weitere und vor allem aktuelle Informationen bereithält.

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Fazit: Kurzfilm mit tollen Darstellern (Randi Rettel ist einfach ein Glücksgriff) und einer unglaublich emotionalen Wucht, die einen nachhaltig beschäftigt.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Passengers (2016)

Originaltitel: Passengers
Regie: Morten Tyldum
Drehbuch: Jon Spaihts
Kamera: Rodrigo Prieto
Musik: Thomas Newman
Laufzeit: 116 Minuten
Darsteller: Jennifer Lawrence, Chris Patt, Michael Sheen, Laurence Fishburne, Kimberly Battista, Aurora Perrineau, Andy García
Genre: Science Fiction
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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5.000 Menschen machen sich im Tiefschlaf auf die Reise zum Planeten Homestead II, um dort ein neues Leben zu beginnen. Durch eine Fehlfunktion der Schlafkammer wacht einer der Passagiere, Jim, viel zu früh auf, nämlich neunzig Jahre vor der Landung auf Homestead II. Jim versucht den Grund seines vorzeitigen Erwachens herauszufinden und trifft schließlich auf Aurora, die ebenfalls erwacht ist. Sie fühlen sich sofort zueinander hingezogen und versuchen, aus ihrer Zukunft das beste zu machen. Doch dann erfahren sie, dass etwas mit dem Raumschiff, auf dem sie durchs All rasen, nicht stimmt.

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Schon nach wenigen Minuten wusste ich, dass „Passengers“ der richtige Film für mich ist. Ruhige Science Fiction ohne Weltraumschlachten und überzogene Bösewichte hat mich schon immer begeistert. Sicherlich mag ich auch actionlastige SF-Streifen a lá „Star Wars“ und Konsorten, aber stimmungsvolle Filme wie „Blade Runner“, „Arrival“ oder „Interstellar“ sind mir im Grunde genommen lieber. Die Eingangssequenz erinnert ein wenig an die Aufwachszene in „Alien“, was durchaus beabsichtigt und als Hommage gedacht sein könnte. Doch dann geht Regisseur Morten Tyldum einen anderen, bedeutend ruhigeren Weg. Melancholisch, philosophisch und enorm beeindruckend wird die Weite, Stille und Einsamkeit des Alls in Szene gesetzt. Man möchte trotz dieser Einsamkeit mit dabei sein. Bei manchen Szenen fühlte ich mich an John Carpenters Debütfilm „Dark Star“, „Gravity“ oder den einzigartigen Klassiker „Lautlos im Weltraum“ von Douglas Trumbull erinnert. Morten Tyldum schafft es einfach hervorragend, diese Leere zu inszenieren.

Die Liebesgeschichte zwischen Jim und Aurora wirkt lebendig und glaubwürdig. Zumindest anfangs. Es kommt nämlich ein Punkt, an dem Aurora etwas erfährt, dass sie besser nicht erfahren hätte, und die Liebesgeschichte gerät ins Schwanken und wirkt teilweise nicht mehr nachvollziehbar. Das würde ich, neben dem Finale, als einzige Drehbuchschwäche bezeichnen. Diese Problematik hätte man umgehen können beziehungsweise müssen. Aber sieht man über diesen „Fehler“ hinweg, wird man mit einem unglaublich optischen Abenteuer belohnt, dass einem (zumindest mir) nicht mehr aus dem Kopf geht. Visuell kann man solch ein einsames Weltraumabenteuer nicht besser machen.  Beeindruckende Spezialeffekte, die aber keineswegs die Aufmerksamkeit von den Schauspielern an sich reißen, ziehen sich durch den kompletten Film. Da gibt es wirklich nichts auszusetzen und die ein oder andere Szene versetzt einen derart in Erstaunen, dass einem die Luft wegbleibt.

Jennifer Lawrence und Chris Patt machen ihre Sache ausnahmslos gut. Es macht ungemein Spaß, sie bei ihrer zweisamen Reise durchs All zu begleiten. Michael Sheen, der schon den wirklich schlechten Nicolas Cage-Streifen „Drive Angry“ mit seiner Darstellung einigermaßen retten konnte, brilliert hier wieder einmal in einer absolut tollen Rolle. Er mimt den Serviceroboter hinter der Theke der Bordbar mit Witz und Charme. Sheen stellt neben den guten schauspielerischen Leistungen und  den grandiosen Effekten ein weiteres Highlight von „Passengers“ dar.
Toll fotografiert regt das Science Fiction-Epos oftmals auch zum Nachdenken an. Wie würde man sich selbst in solch einer Situation verhalten? Man mag von der Entwicklung der Handlung halten, was man will, aber die Pattsituation(en), in denen sich der Protagonist Jim befindet, sind nicht von der Hand zu weisen und beschäftigen den Zuseher.

Freunde von Weltraumschlachten werden „Passengers“ als seicht, langweilig und kitschig bezeichnen. Ich finde aber, dass auch solche Zukunftsvisionen eine große Berechtigung im SF-Bereich haben und haben sollten. Die Menschheit wird sich in Zukunft nicht nur Kriege gegen Außerirdische liefern, sondern sie wird auch auf der Suche nach einem neuen Lebensraum sein. Und die Menschen werden sich auch in Zukunft lieben und sich nach Wärme und Geborgenheit sehnen. Für mich war „Passengers“ trotz einiger Makel im Plot eine absolut erfreuliche Überraschung, so dass sich der Film eindeutig in der Liste meiner Lieblings-SF-Filme findet.

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Fazit: Visuell überwältigendes Science Fiction-Liebes-Drama mit leicht philosophischen Touch.

© 2017 Wolfgang Brunner

Liebe geht seltsame Wege (2014)

liebe

Originaltitel: Love Is Strange
Regie: Ira Sachs
Drehbuch: Ira Sachs
Kamera: Christos Voudouris
Musik: Frédéric Chopin
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: John Lithgow, Alfred Molina, Marisa Tomei, Charlie Tahan, Cheyenne Jackson, Harriet Sansom Harris, Darren Burrows, Christian Coulson, Eric Tabach
Genre: Drama, Liebe
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
FSK: ab 0 Jahre

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Nach fast 40 Jahren Zusammenleben heiraten George und Ben endlich. Doch George verliert aufgrund seiner sexuellen Neigung seinen Job als Musiklehrer und ohne sein Gehalt können sich die beiden frisch Vermählten die große Wohnung nicht mehr leisten. Als Übergangslösung wohnen sie getrennt voneinander bei Freunden und Verwandten, um eine Wohnung zu suchen, die sie sich leisten können.

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Es dauert eine Weile, bis sich die Intensität dieses Filmes im Zuschauer entfaltet. Zu oberflächlich wirkt das Ganze im ersten Moment, als dass man die Tragweite dieses außergewöhnlichen Liebesfilms sofort erkennen würde. „Liebe geht seltsame Wege“ ist ein Juwel in der Darstellung von Menschen und ihrem (Liebes-)leben.
Man erwartet einen Film über Homosexuelle und bekommt eine Darstellung verschiedener Liebesarten, die einen mitreißt, traurig und melancholisch macht. John Lithgow und Alfred Molina sind einfach umwerfend in ihrer Darstellung als älteres, schwules Paar. Man spürt die Liebe zueinander derart intensiv und das Schauspiel der beiden ist so grandios, dass man tatsächlich glaubt, ihre Liebe zueinander wäre echt. Das ist grandios und beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit das gemeinsame Leben zweier Homosexueller dargestellt wird (was es ja auch ist) und wie gefühlvoll das Ganze inszeniert wurde.
Vollkommen unaufdringlich wird von den Ängsten und Hoffnungen zweier Menschen erzählt, die fast ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben und nun für eine Weile getrennt leben müssen. Die Integration in das „normale“ Leben eines heterosexuellen Paars zeigt hervorragend, dass es in jeder Beziehung gleich läuft. Ob Mann mit Mann, Frau mit Frau oder Mann mit Frau – Liebe ist ganz einfach Liebe. Das will Regisseur Ira Sachs sagen und er sagt es auf eine ganz eindrucksvolle und vor allem hintergründige Weise.

„Liebe geht seltsame Wege“ ist ein extrem ruhiger, und daher sehr berührender, Film, der von klassischer Musik untermalt wird, die zu Herzen geht.  Regisseur Ira Sachs und die beiden Hauptdarsteller Lithgow und Molina zeigen ganz großes Kino zum Nachdenken und Mitfühlen. Fernab von Kitsch und unnötiger Melodramatik setzt uns Sachs einen Spiegel vor, in dem wir uns oft selbst erkennen, wenn es um die Liebe geht. Da werden Ungerechtigkeiten hingenommen, ohne persönliche Rachefeldzüge zu unternehmen, weil das Leben eben weitergeht und weitergehen muss. Die beiden Homosexuellen haben ihre Leben oft mehr im Griff als die Heterosexuellen. Und dennoch sind alle Menschen in ihren Gefühlen und Ängsten gleich.

Ira Sachs hat einen wunderbaren Film erschaffen, der außerordentlich menschlich ist und daher einen Oscar verdient hätte. In Gedanken verbeuge ich mich vor dieser Leistung ebenso wie vor den hohen Schauspielkünsten John Lithgows und Alfred Molinas. „Liebe geht seltsame Wege“ ist beeindruckend, traurig und hoffnungsvoll. Ein Film, der das Mainstream-Publikum und Menschen, die sich ihrer Liebe nicht stellen (können), zu Tode langweilen wird. Alle anderen, aufmerksamen Zuseher, werden mit einem sensiblen Porträt einer Liebe fürs ganze Leben belohnt. Ich bin nachhaltig begeistert.

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Fazit: Wunderschöner, sensibler und melancholischer Film über die Liebe zwischen Hetero- und Homosexuellen. Kein Schwulenfilm sondern ein Plädoyer für die Liebe zwischen zwei Menschen. Einfach großartig!

© 2016 Wolfgang Brunner

Der Geschmack von Rost und Knochen (2012)

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Originaltitel: De rouille et d’os
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain
Kamera: Stéphane Fontaine
Musik: Alexandre Desplat
Laufzeit: 122 Minuten
Darsteller: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Bouli Lanners, Corinne Masiero, Armand Verdure, Céline Sallette, Mourad Frarema, Yannick Choirat
Genre: Drama
Produktionsland: Frankreich, Belgien
Freigabe: ab 12 Jahren

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Stéphanie trainiert Wale und lernt eines Tages Ali in einem Nachtclub kennen, wo er als Sicherheitsmann arbeitet. Wenige Tage später endet ein Arbeitstag von Stéphanie in einer Katastrophe und als sich die beiden wieder treffen, ist die einst selbstbewusste Frau verschwunden. Ali will Stéphanie helfen und bald schon verlieben sie sich ineinander. Doch das Leben ist nicht so einfach …

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Ich wurde durch eine Trailer-Vorschau auf diesen Film aufmerksam und hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Die Szenen im Trailer machten mich neugierig und so besorgte ich mir die BluRay. Was ich dann zu sehen bekam, verschlug mir teilweise schlichtweg den Atem. In wunderschönen, aber auch grausam schrecklichen Bildern wird hier von einer Liebe erzählt, die berührt. Aber nicht nur von der Liebe berichtet Regisseur Jacques Audiard, sondern auch vom Leben und wie man es meistert beziehungsweise manchmal meistern muss.

Die Geschichte wirkt so echt und ehrlich, als hätte das wahre Leben sie geschrieben. Die Beziehungsprobleme, die Existenzängste und die immer wieder auftauchenden Hoffnungsschimmer – das ist wirklich unglaublich authentisch und berührend. Audiard inszenierte eine bewegende Lebens- und Liebesgeschichte, die nicht nur durch ihre bestechende Bilderflut, sondern auch mit zwei hervorragenden Hauptdarstellern auftrumpft, denen man jede Handlung ohne Einschränkungen abnimmt. Es ist wirklich erstaunlich, wie grandios der Regisseur die Gratwanderung zwischen traumhaften Bildkompositionen und dreckigem Alltagsgrauen meistert.
Die Liebesszenen zwischen den beiden sind großartig in Szene gesetzt und die Spezialeffekte, um Stéphanies Beine „verschwinden“ zu lassen, sind einfach nur der Hammer.
Beide Darsteller spielen sich in die Herzen der Zuschauer, obwohl sie sich auch manchmal alles andere als liebenswert verhalten. Vor allem Matthias Schoenaerts Darstellung eines manchmal gefühlvollen und manchmal egoistischen Machos ist der Hammer.

Immer wieder wechseln sich zum Träumen schöne Liebesszenen mit ernüchternden Alltagssituationen ab, die einem aber ebenfalls Tränen in die Augen treiben, wenngleich aus anderen Gründen. Audiards Ausflug in die Abgründe menschlicher Fehlverhalten und der verzweifelten Suche nach wahrer Liebe ist alles andere als massentauglich inszeniert und kann daher wohl viele Zuschauer nicht wirklich überzeugen. Wer sich aber auf den vermeintlich „kalten“ Inszenierungsstil einlässt, wird mit einer Wucht von Film belohnt, die mich an Lars von Triers „Breaking The Waves“ erinnert. Alexandre Desplats meisterliche Filmmusik tut noch ein übriges dazu, um „Der Geschmack von Rost und Knochen“ zu einem unvergesslichen Filmerlebnis zu machen, das noch lange nach dem Ansehen anhält.
Es schmerzt fast, das ungleiche Paar am Ende verlassen zu müssen …

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Fazit: Geniales Kino, das emotional aufwühlt und bewegt. Darstellerisch atemberaubend und mit wunderbaren Bildkompositionen ist „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ein Filmjuwel aus Europa.

© 2015 Wolfgang Brunner

Die Frau des Zeitreisenden (2009)

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Originaltitel: The Time Traveller’s Wife
Regie: Robert Schwentke
Drehbuch: Bruce Joel Rubin, Jeremy Leven
nach dem Roman von Audrey Niffenegger
Kamera: Florian Ballhaus
Musik: Mychael Danna
Laufzeit: 108 Minuten
Darsteller: Eric Bana, Rachel McAdams, Ron Livingston, Jane McLean, Michelle Nolden, Arliss Howard, Stephen Tobolowsky, Alex FerrisBrooklynn Proulx
Genre: Liebe, Literatur, Science Fiction
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Henry ist Zeitreisender und trifft immer wieder auf Clare, die zur Liebe seines Lebens wird. Er kommt aus der Zukunft, er kommt aus der Vergangenheit und bleibt manchmal in der Gegenwart. Für Clare und Henry wird die Liebe zu einer harten Probe …

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Audrey Niffeneggers Debütroman faszinierte mich von der ersten bis zur letzten Seite (Hier kann man meine Rezension zum Buch auf „Buchwelten“ nachlesen —> KLICK MICH). Umso gespannter war ich, wie die Zeitreise-Liebesgeschichte als Film umgesetzt wurde. Ich konnte mir gar nicht so richtig vorstellen, dass man die Sprünge durch die Zeit so inszenieren könnte, um den Zuschauer nicht zu verwirren. Aber, was soll ich sagen: Dem deutschen Regisseur Robert Schwentke (der den meisten wohl mit seiner deutschen Produktion „Tattoo“ und seinen darauf folgenden, in den USA produzierten Filmen „Flightplan“, „R.E.D“, „R.I.P.D“ und „Insurgent – Die Bestimmung“ bekannt sein dürfte) ist es erstaunlicherweise gelungen, das Ganze unkompliziert und veständlich in Szene zu setzen.
Wie schon im Buch gibt es unzählige Logikfehler, die das Filmvergnügen aber in absolut keiner Weise schmälern. Eric Bana ist genauso ein Glücksgriff in der Besetzung wie Rachel McAdams. Die beiden agieren hervorragend und vermitteln dem Liebespaar eine Authenzitität, dass es eine wahre Freude ist.

Unspektakulär werden die Zeitsprünge einfach nur dargestellt, in dem die Person aus dem Bild „ausradiert“ wird, einfach verschwindet. Schwentke legt keinen allzu großen Wert auf Spezialeffekte und serviert dadurch einen erfrischend natürlichen Film, der Wert auf die Schauspieler und die (wenngleich auch unlogische) Geschichte legt. Ich weiß nicht, wie der Film auf jemanden wirkt, der die Romanvorlage nicht kennt. Für mich war die Umsetzung sehr detailverliebt und, bis auf wenige filmdramaturgisch bedingte Ausnahmen, ziemlich eng an die Vorlage gelehnt. Die diversen Zeitsprünge waren überhaupt nicht verwirrend und man konnte der Handlung ohne Probleme folgen. Die Liebesgeschichte mit leichten Science Fiction-Elementen ist nicht nur etwas für Frauen, sondern kann mühelos auch Männer begeistern. Die Konflikte des Liebespaars, die durch die Zeitsprünge immer wieder entstehen, werden sehr glaubhaft dargestellt und an einigen Stellen habe ich dann schon auch ein Tränchen vergossen.

Gerade zum Ende entwickelt sich die Geschichte zu einer philosophischen Auseinandersetzung um den Sinn des Lebens. Beeindruckend und kitschig im positiven Sinne, ohne eigentlich wirklich kitschig zu sein, hinterlässt „Die Frau des Zeitreisenden“ ein gemischtes Gefühl aus Glück und Trauer. Ich bin sicher, dass sich der Film um einiges besser im Kopfkino des Zuschauers entfaltet, wenn man vorher das Buch gelesen hat.
Robert Schwentke ist ein spannendes, gefühlvolles und dramatisches Liebesabenteuer gelungen, das zum Nachdenken über das eigene Leben (und die Liebe) anregt.
Unbedingt erwähnenswert ist auch die hervorragende, melancholische Musik von Mychael Danna, die die wunderschön inszenierten Bilder perfekt untermalt und ergänzt. Niffeneggers Geschichte um eine äußerst außergewöhnliche Liebe wurde würdig umgesetzt.

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Fazit: Spannend, gefühlvoll und dramatisch inszenierte der deutsche Regisseur Robert Schwentke den Erfolgsroman von Audrey Niffenegger mit absolut tollen Hauptdarstellern.

© 2015 Wolfgang Brunner

Liebe (2014)

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Originaltitel: Liebe
Regie: Kai E. Bogatzki
Drehbuch: Kai E. Bogatzki
Kamera: Lucas Blank
Musik: René Bidmon
Laufzeit: 15 Minuten
Darsteller: Isabelle Aring, Nikolai Will
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
Freigabe: —

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Nach einem Unfall findet das Glück des Ehepaars Christian und Sylvia ein abruptes Ende: Sylvia sitzt querschnittsgelähmt im Rollstuhl und Christian versucht mit allen Mitteln, seiner großen Liebe das Leben zu verschönern. Aber die Aufgabe zehrt an seinen Nerven und er beginnt zu trinken. Immer öfter kommt es zu Streitereien, bis eine dieser Auseinandersetzungen eskaliert. Aber Christian gibt nicht auf, die Liebe zu Sylvia aufrechtzuerhalten.

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„In guten wie in schlechten Zeiten“, heißt es bei der Eheschließung. Dieser Thematik nimmt sich Regisseur Bogatzki in seinem Kurzfilm „Liebe“ an und zeigt, an welche Grenzen ein Paar stößt, wenn das Glück von einer Sekunde auf die andere zerstört und die Beziehung auf die Probe gestellt wird. Auf sehr hohem Niveau schildert Bogatzki das Leben der beiden und zeigt, dass er das Regiehandwerk vorzüglich beherrscht. Lucas Blanks Kameraarbeit ist ebenfalls beachtlich, wenn er Mann und Frau durch die Wohnung und bei ihrem Alltag begleitet. René Bidmons Score ist der Hammer und untermalt das elegisch-melancholische Drama hervorragend. Das Zusammenspiel von Regisseur, Kameramann, Filmmusik-Komponist und den beiden Darstellern könnte besser nicht sein. Und obwohl im Film sehr viele (geniale) Schnitte sind, wirkt er immer ruhig und niemals hektisch.
Manchmal ähnelt das Szenario Michael Hanekes gleichnamigem Film aus dem Jahr 2012 („Liebe“), aber Bogatzki geht einen eigenen Weg, der an die Grenze des subtilen Horrors gelangt, sie aber im Grunde genommen eigentlich gar nicht überschreitet. Oder doch? Es ist eine Gratwanderung, die Bogatzki da begeht. Und er meistert sie grandios, wickelt den Zuschauer in ein Psychonetz ein, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Obwohl der Film nur eine Viertelstunde dauert, beinhaltet er eine beeindruckende und tiefgreifende Geschichte.

Nikolai Will verleiht seiner Rolle einen unglaublich dichten und authentischen Charakter. Liebevoller Ehemann, naiv verspielt kindlicher Pfleger oder streitlustiger Alkoholiker. Egal, was dieser Mann darstellt, er macht es einfach gut. Und wenn es, wie in diesem Fall, fast schon eine Art Kammerspiel ist, in der nur zwei Charaktere eine tragende Rolle spielen, dann blüht Will auf. Aber auch Isabelle Aring gibt eine gute Figur ab, obwohl sie nur selten zu sehen ist. Wahrscheinlich aber beeindruckt gerade die Bewegungslosigkeit und das Nichtagieren, das manches Mal an eine Puppe erinnert, unterbewusst den Zuschauer. Bogatzkis Reise in einen menschlichen Abgrund fesselt und verstört zu gleichen Teilen. Durch die grandiose Schauspielerleistung Nikolai Wills und den unglaublich gefühlvollen Soundtrack René Bidmons wird man von der ersten Minute an in eine eigenwillige Stimmung gerissen, die aus melancholischer Nostalgie und erschreckender Alptraum-Realität besteht. Man wird Voyeur und leidet sowohl mit dem Mann als auch der Frau.
Man möchte gerne wissen, was Bogatzki uns mit seiner traurigen Geschichte erzählen will und wird plötzlich aus seiner eigenen Lethargie, die der der Protagonisten gleicht, mit einem schockierenden Aha-Erlebnis herausgerissen. Im letzten Drittel wird „Liebe“ zu einem Schocker, der einen wirklich trifft und sprachlos macht. Und dennoch vermittelt dieses Ende erstaunlicherweise etwas melancholisch Verzweifeltes, das irgendwie eine unglaublich große Liebe darstellt. Wenn der Film zu Ende ist, bleibt Nachdenklichkeit und Traurigkeit zurück. Und die Erinnerung an einen unglaublich gut inszenierten Kurzfilm mit einem hervorragenden Hauptdarsteller und einer grandiosen Musik.

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Fazit: Intensiv, melancholisch, traurig und am Ende schockierend. Grandiose Schauspielerleistung von Nikolai Will, hammermäßige Musik von René Bidmon und erstklassige Regiearbeit. Den Namen Kai E. Bogatzki sollte man sich merken. Ich tue es auf jeden Fall. 🙂

© 2015 Wolfgang Brunner

Liebe (2012)

liebe

Originaltitel: Amour
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Kamera: Darius Khondji
Musik: Franz Schubert, Ludwig van Beethoven
Laufzeit: 127 Minuten
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco
Genre: Drama
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Österreich
FSK: ab 12 Jahre

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Anna und Georg sind schon lange ein Liebespaar. Sie sind beide etwa 80 Jahre alt und genießen ihren Ruhestand. Eines Tages hat Anna einen Schlaganfall und ist rechtsseitig gelähmt. Georg besteht darauf, seine Frau zu Hause zu pflegen. Schon bald beginnt die härteste Bewährungsprobe ihrer unendlichen Liebe.

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Da fehlen einem im ersten Moment die Worte. Es dauert eine Weile, bis man realisiert, was man da soeben gesehen hat. Michael Hanekes „Liebe“ ist ein beeindruckendes Kammerspiel über die Liebe, das Leben und die Einsicht, an beider Ende  etwas loslassen zu müssen und zu verlieren. Dieses Drama über das Ende einer Liebe und Ehe ist trotz seiner „Einfachheit“ so emotional überwältigend, dass es einem die Sprache verschlägt. Ähnlich wie in Sarah Polleys „An ihrer Seite“ wird vom Verlust eines geliebten Menschen erzählt, der sich durch eine Krankheit verändert (hat). Man will ihn nicht aufgeben, verliert aber mit jedem Tag immer mehr die Kraft, es durchzuhalten. Haneke ist ein Film gelungen, der berührt und uns tief im Herzen trifft. Ohne effektheischende und kitschige Elemente wird der Alltag eines alten Ehepaars erzählt, dass sich dem Lauf der Natur stellen muss. Inniger kann man Liebe nicht ausdrücken, wie in den zärtlichen, aber ehrlichen Bildern, die uns Michael Haneke da präsentiert.

Die beiden in die Jahre gekommenen Darsteller Jean-Louis Trintignant und Emanuelle Riva spielen absolute Glanzleistungen in ihrer langen Karriere. Rivas Mut, diese Rolle zu übernehmen und zu spielen, kann mit Worten nicht genug Respekt verliehen werden, man muss es einfach sehen. Schockierender als so manch blutiger Horrorfilm erzählt Michael Haneke eine Geschichte, die jedem von uns passieren kann. Gerade deswegen fühlt man mit den beiden Liebenden und hofft, zweifelt und resigniert mit dem Mann, der seine Frau um keinen Preis der Welt aufgeben will. Man spürt die Liebe der beiden zueinander, das innige Verhältnis, das durch eine schreckliche Krankheit immer mehr zerstört und auf die Probe gestellt wird. Der triste Alltag gewinnt eine neue Bedeutung, als sich das Leben der beiden von einem Moment auf den anderen verändert.

Haneke drückt aus, was viele von uns fürchten: Letztendlich muss man immer alleine für sich Entscheidungen fällen, auch wenn man einen geliebten Partner an seiner Seite hat. „Liebe“ ist in seiner Schlichtheit einzigartig und in seiner gleichzeitigen Komplexität, die sich zwischen den Bildern verbirgt, unglaublich intensiv und wuchtig. Fast möchte man an einigen Stellen abschalten, so nah geht einem das Gezeigte. Aber man hofft, wie der Protagonist, dass sich alles zum Besseren wendet und verfolgt das Geschehen tapfer weiter. Haneke lässt den Zuschauer als stiller Beobachter teilhaben, dringt mit ihm in die intimsten Momente des Liebespaars ein und weckt in ihm trotz der dramatischen Entwicklungen Hoffnung. Seine Erzählung zeigt, dass Liebe das Wichtigste im Leben ist und, wer danach handelt, selbst die Schrecken des Lebens meistert.

Am Ende hinterlässt „Liebe“ trotz der unausweichlichen Konsequenz nicht etwa nur Betroffenheit, sondern auch ein leichtes Glücksgefühl, wie es der Protagonist gefühlt haben muss, als er eine schwerwiegende Entscheidung aus Liebe zu seiner Frau trifft. Am Ende siegt nämlich die Liebe … wie immer man es auch drehen mag.

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Fazit: Eindringliches Kammerspiel mit zwei hervorragenden, mutigen Schauspielern. Besser kann man die Liebe zweier Menschen nicht zeigen.

© 2015 Wolfgang Brunner