Penthesilea (2013)

Originaltitel: Penthesilea
Regie: Stefan Kaufhold
Drehbuch: Michael John Cherdchupan
Kamera: Nicolai Mehring
Musik: Simon Theißen
Laufzeit: 28 Minuten
Darsteller: Juli Klement, Wolfram Schorlemmer, Meri Husagic
Genre: Kurzfilm, Science Fiction
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Penthesilea ist ein Haushaltshilferoboter. Sie verliebt sich in ihren Besitzer, den verschlossenen Jeremy, kann sich ihm aber anfangs nicht mitteilen, weil sie nicht fähig ist, ihre Gefühle zu zeigen. Während Jeremy von Yukari, einem hübschen aufgeweckten Mädchen, in Besitz genommen wird, vermeint Penthesilea in diesem Verhalten eine Bedrohung für Jeremy und ihre Liebe zu ihm zu erkennen. Kurzerhand beschließt sie, etwas gegen ihre Rivalin zu unternehmen.

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Sehr locker interpretiert Regisseur Stefan Kaufhold die griechische Sage um die Amazonenkönigin Penthesilea und verlegt die Handlung in die Zukunft. Die Roboterbedienstete Penthesilea wird grandios und unglaublich authentisch von Juli Klement verkörpert, der man vom ersten Moment an jede Bewegung und Handlung abnimmt. Klement zeigt in jeder Sekunde ihr außergewöhnliches Talent und nimmt den Zuschauer ohne Umschweife für sich ein. Es ist eine wahre Wonne, ihren roboterhaften und gleichzeitig ungemein menschlichen Handlungen zu folgen. Zusammen mit dem zwar kühlen, aber sehr stylisch und präzise gehaltenen Inszenierungsstil funktioniert das Science Fiction-Drama vorbehaltlos. Die „Mimik“ der Künstlichen Intelligens, als sie sich in ihren Besitzer namens Jeremy verliebt, ist unglaublich intensiv, obwohl sie irgendwie auch wieder gar nicht richtig zu sehen ist. Es ist wirklich Wahnsinn, wie Kuli Klement das hin bekommt. Daumen hoch!
Doch auch Meri Husagic als „menschliche Konkurrentin“ und Wolfram Schorlemmer als Jeremy geben eine wunderbare Performance ab, an die man sich noch lange erinnert.

Doch die tolle Stimmung liegt nicht nur alleine an den Schauspielern, die allesamt gut und glaubwürdig sind, sondern auch an dem sicheren Händchen, das Stefan Kaufhold als Regisseur beweist. Er benutzt keine hektischen Kamerafahrten oder Schnitte. Ohne unnötige Schnörkel wird eine Geschichte erzählt, die sich mehr auf die Emotionen der Protagonisten (in erster Linie auf die Protagonistin Penthesilea) konzentriert und nicht auf Spezialeffekte, die hier nur stören würden. Kaufhold meistert die Gratwanderung zwischen SF-Story, Liebesdrama und Erotik hervorragend und lässt mit seinem knapp halbstündigen Kurzfilm keine inszenatorischen Wünsche offen. Hier zeigt sich wieder einmal, welch vielseitige, ideenreiche Filmkünstler Deutschland besitzt, die von den Branchenverantwortlichen schlichtweg ignoriert werden, weil sie nicht ins Schema F passen. Kaufhold zeigt mit seiner gesamten Crew einfach unglaublich großes Talent.

Ein bisschen erinnert das Thema an „Der 200 Jahre Mann“, noch mehr aber an den aus meiner Sicht SF-Meilenstein „Her“. Kaufhold geht, wie im letztgenannten Film, sehr intensiv und emotional an seine Geschichte heran und lässt dadurch die Gefühle eines Roboters vollkommen nachvollziehbar werden. Der Zuschauer fühlt teilweise mehr mit der Künstlichen Intelligenz als mit den Menschen.
Was der Atmosphäre ebenfalls äußerst zugute kommt, ist die, wie oben schon erwähnt, unspektakuläre, dafür aber umso intensivere Kameraführung von Nicolai Mehring. Wie George Lucas in seinem Debütfilm „THX 1138“ fängt Mehring perfekt ausgeleuchtete Momente ein, die aufgrund ihrer schlichten Schönheit im Gedächtnis haften bleiben. Einige Bildkompositionen könnte man sich ohne weiteres als Ölgemälde an die Wand hängen. 😉
Wer Gelegenheit dazu hat, sollte sich „Penthesilia“ mindestens zweimal ansehen, um die gesamte Bandbreite der Filmemacher und Schauspieler zu inhalieren, denn man entdeckt immer wieder Neues.
Stefan Kaufhold legt mit seiner „Penthesilea“-SF-Interpretation ein tiefgründiges, elegisches kleines Meisterwerk vor, das zum Nachdenken über die eigenen Gefühle anregt und sich natürlich auch mit der Thematik beschäftigt, ob Liebe auch tatsächlich von Künstlichen  Intelligenzen empfunden werden kann. Tja, und wenn man seinen Film gesehen hat, kann man die letzte Frage eindeutig mit „Ja“ beantworten. Und „Penthesilea“ zeigt desweiteren, wohin Liebe auch führen kann – nämlich zu unendlicher Eifersucht.

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Fazit: Elegisch, melancholisch und emotional, aber auch erschreckend und kaltblütig. Mit „Penthesilia“ ist der gesamten Crew unter Regisseur Stefan Kaufhold ein kleines Meisterwerk gelungen, nach dem man süchtig werden kann.

©© 2017 Wolfgang Brunner

Der Weihnachtsbaum (1983)

Originaltitel: Der Weihnachtsbaum
Regie: Robert Sigl
Drehbuch: Robert Sigl
Kamera: Wolfgang Mayer
Musik: —
Laufzeit: 18 Minuten
Darsteller: Claus Eberth, Robert Sigl
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.a.

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Jedes Jahr wartet ein vereinsamter Mann auf seinen 17-jährigen Sohn, um zusammen mit ihm die Nacht vor Weihnachten zu verbringen. Sowohl Vater als auch Sohn fürchten sich vor dem Licht der Wohnzimmer- und Schlafzimmerlampe, die immer wieder von selbst an- und ausgeht. Als der Sohn feststellt, dass die elektrische Weihnachtsbeleuchtung am Christbaum nicht richtig funktioniert, bittet ihn der Vater, nach dem Fehler zu suchen. Während der  Sohn versucht, die Beleuchtung zu reparieren, eskaliert die ohnehin schon eigenartige Spannung zwischen den beiden …

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Schon in diesem kurzen Film sieht man das zukünftige Handwerk Robert Sigls. Erst sechs Jahre später erhielt er mit seinem ersten Langfilm „Laurin“ den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur, wo er seinen Stil konsequent fortführte. „Der Weihnachtsbaum“ mutet wie ein frühes Werk des polnischen Regisseurs Roman Polanski an. Sigl kann seine Hochachtung vor ebenjenem nicht verbergen, genauso wenig wie seine Liebe zu Alfred Hitchcock. Und dennoch versprüht „Der Weihnachtsbaum“ schon einen ganz eigenen Charme, der auch die späteren Filme Sigls ausmacht. Schon damals legte der Regisseur Wert auf Ausleuchtung, um stimmungsvolle Schattenspiele in seinen Film einzubauen. Das klappte schon damals recht gut. 😉

„Der Weihnachtsbaum“ verströmt von der ersten Minute an eine beklemmende, leicht verstörende Atmosphäre, die sich durch den ganzen Film zieht. Man muss sich den Film schon mehrmals ansehen, um seine Bedeutung, die oftmals zwischen den Bildern versteckt liegt, zu erkennen: Denn es ist nicht nur der offensichtliche Konflikt zwischen Vater und Sohn, den Sigl da schildert, sondern auch eine versteckte homosexuelle Fantasie, die die beiden gegenseitig vor dem anderen zu verstecken versuchen. Der Kurzfilm funktioniert absolut, wenn man sich darin treiben lässt und das Agieren der Personen genau beobachtet. Es ist ein Kammerspiel, das zum Nachdenken anregt. Schauspielerisch bewegen sich Claus Eberth und Robert Sigl auf gleichem Niveau. Man spürt die Spannung, die in der Luft liegt. Man sieht die Unsicherheit der beiden in der hervorragenden Mimik und unterschwellig liegt schon in den ersten Minuten eine drohende Eskalation zwischen den beiden in der Luft.
Gerade das Alter des Films versprüht in seiner liebevollen Machart einen unwiderstehlichen Charme den es in der heutigen Zeit selten, wenn überhaupt, noch gibt.

„Der Weihnachtsbaum“ ist ein Mystery-Drama, das zeigt, welches Potential und welche Visionen bereits damals in dem jungen Regisseur heranwuchsen. Sechs Jahre später hat Sigl dann mit seinem umwerfend inszenierten und fotografierten Film „Laurin“ bewiesen, dass er ein großartiger visueller Regisseur ist.
„Der Weihnachtsbaum“ wird übrigens als Bonus auf der vom Negativ in 2K abgetasteten BluRay-Veröffentlichung von „Laurin“ beim Label Bildstörung enthalten sein.

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Fazit: Ein atmosphärischer Kurzfilm, der durch seine Bildersprache und die beiden Darsteller absolut überzeugen kann.

© 2017 Wolfgang Brunner

Dogma Dogma (2015)

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Originaltitel: Dogma Dogma
Regie: Marco Romagnoli
Drehbuch: Marco Romagnoli
Kamera: Marco Romagnoli
Musik: Dufsen
Laufzeit: 18 Minuten
Darsteller: Omid Tabari, Emre Kubat, Jesse Albert , Nikolaus Benda, Daniel Müller, Moloch
Genre: Thriller, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Zwei Türken belästigen auf offener Straße eine Frau. Zwei Deutsche geben sich als Polizisten aus und „verhaften“ die beiden Ausländer. Schnell stellt sich aber heraus, dass sie einen Hass auf Ausländer haben und an ihnen ein Exempel statuieren wollen. Sie bringen ihre Opfer in eine Autowerkstatt, wo sie klarmachen, was sie von Ausländern, Migranten und Flüchtlingen halten.

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Der Kölner Regisseur Romagnoli weiß, wie man die Gefühle des Zuschauers schon in den ersten Einstellungen herauslockt. Als die beiden Türken eine ahnungslose Frau belästige, spürt man als Zuseher sofort, wie einem der Hals anschwillt. Zu gut kennt man diese Szenarien aus der Realität, obwohl es sich da oftmals auch um Deutsche und eben keine Ausländer handelt. Aber der Plot braucht diese Ausgangssituation, dieses Klischee der meisten Deutschen, dass alle Ausländer kein Benehmen haben und uns schaden wollen. Romagnoli packt den Zuschauer gnadenlos und lässt ihn erst einmal in die Rolle der angeblichen Polizisten schlüpfen. Unweigerlich identifiziert man sich nicht mit den Tätern, sondern mit den Rächern. Da ist dem Regisseur ein ganz geschickter Schachzug gelungen, in dem er den Zuseher in eine Rolle zwängt, die er ursprünglich vielleicht gar nicht annehmen möchte.

Doch Romagnoli ist noch nicht fertig mit seinen Charakterzeichnungen, die er erstaunlicherweise in einer knapp zwanzigminütigen Lauflänge äußerst detailliert ausarbeitet. Einer der beiden Türken zeigt so etwas wie Reue, während der andere an seinem Macho-Status festhält. Und nun kommen die „besorgten Bürger“ -wie sie im Abspann genannt werden- ins Spiel. Und plötzlich beginnt man als Zuschauer zu zweifeln, ob denn wirklich alle Ausländer so sind, wie dem Großteil der deutschen Bevölkerung immer weisgemacht wird. Schleichend wechselt man die Seiten, fühlt sich in einem Moment näher bei den Deutschen, im anderen aber empfindet man durchaus Empathie für die Opfer. Es ist ein Spiegel, den der Regisseur uns da vors Gesicht hält, mit dem er uns zeigen will, wie viele von uns Deutschen sind, aber nicht sein sollten.

Schauspielerisch gibt es nichts auszusetzen. Emre Kubat und Omid Tabari überzeugen absolut, genauso wie Jesse Albert, Daniel Müller, Nikolaus Benda und Moloch. Letzterer ist ausnahmsweise mal wieder nicht hinter einer Horrormaske verborgen und kann dadurch zeigen, dass er auch als „Mensch“ was kann. Es macht unglaublich Spaß -wenn man bei einer derartig bedrohlichen Atmosphäre überhaupt von Spaß reden kann- dem Ensemble zuzusehen.
Man merkt, dass alle mit hundert Prozent bei der Sache waren und alles mögliche gaben. Das Ergebnis kann sich definitiv sehen lassen.
Und Marco Romagnoli zeigt nicht nur als Regisseur Talent, sondern ist auch für die ansprechende Kameraarbeit zuständig.

Mit „Dogma Dogma“ ist Romagnoli ein spannender und bedrückender Kurzfilm gelungen, der ein Thema behandelt, dass es schon seit Jahrzehnten gibt und in letzter Zeit wieder aktueller denn je geworden ist: Ausländerfeindlichkeit in Deutschland.
Allerdings gelingt hier das Wunder, dass die Täter- und Opferrollen nicht klar dargestellt werden, sondern verwischen, so dass sich der Zuschauer unweigerlich noch weiter mit der Thematik befasst, nachdem der Film längst zu Ende ist. Ich fände es gar keine schlechte Idee, wenn dieser Film Pflichtprogramm an deutschen Schulen wäre. Er gäbe nämlich einen perfekten Ausgangspunkt für eine Diskussion ab, die unter Umständen zu Hause mit den Eltern weitergeführt werden könnte.

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Fazit: Nachdenklich stimmender Kurzfilm mit einer bedrückenden Atmosphäre, der das Thema „Ausländerfeindlichkeit“ sehr nachhaltig behandelt.

© 2017 Wolfgang Brunner

Interimere (2015)

interimere

Originaltitel: Interimere
Regie: Rene Zhang
Drehbuch: Rene Zhang, Romina Schade, Joachim F. Guck
Kamera: Robert Bogs
Musik: Julian Kantus
Laufzeit: 16 Minuten
Darsteller: Dennis Madaus, Moloch, Maya Klein, Ina Krenzel, Rene Zhang
Genre: Horror, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine mysteriöse Tonbandaufnahme führt den Ermittler „Pretty Jack“ auf die Spur eines vermissten Mädchens namens Ina. Je weiter er in das Geheimnis der verschwundenen Ina vordringt, desto mehr wird Jack bewusst, dass er selbst zum Gejagten geworden ist.

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Schon in den ersten Einstellungen wird einem klar, dass man hier einen sehr atmosphärischen Horror-Kurzfilm zu sehen bekommt, der sich an den Genreklassikern der 80er und 90er-Jahre orientiert. Es ist schon erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit Regisseur Zhang den Zuschauer in eine fast schon hypnotisierende Atmosphäre versetzt. Daran sind zum einen die unheimlich wirkenden Tonbandaufnahmen schuld, die sich der Protagonist anhört, und zum anderen ist es die fantastische Musik von Julian Kantus, die sofort an die magischen Klänge eines John Carpenter erinnert. Bereits nach wenigen Minuten erkennt man, dass das Potential, das die Story haben könnte, durch die kurze Lauflänge nicht ausgeschöpft werden konnte. Da geht manches leider viel zu schnell, obwohl Zhang dabei erstaunlicherweise die „heimelige“ 80er Jahre Stimmung durchgehend aufrecht erhalten kann. Das ist fast schon magisch. 😉

Neben einer interessanten Kameraarbeit und einem wirklich hervorragenden Soundtrack,  punktet „Interimere“ außerdem mit einem tollen Schauspieler-Ensemble, die durchweg mit ihrem Agieren überzeugen können. Allen voran kann Hauptdarsteller Dennis Madaus das Publikum mit seiner charismatischen Ausstrahlung für sich gewinnen. Moloch verbirgt sich zwar hinter einer furchterregenden Maske, verleiht dem Charakter des Killers aber alleine schon durch seine bedrohlich wirkende Körpergröße eine nahezu kultige Präsenz. Da wirken einige Szenen schon sehr bedrückend und erschreckend. Trotz des geringen Budgets, das Rene Zhang zur Verfügung stand, bekommt man einen sehr stimmungsvollen und spannenden Film zu sehen.
Wie oben schon erwähnt, leidet der Plot leider etwas an der Kürze des Films, denn einige Geschehnisse wirken unaufgelöst oder gar unerklärt. Das tut der Atmosphäre zwar keinen Abbruch, aber man hätte sich doch etwas mehr „Auflösung“ und Erklärungen gewünscht. Interessant dabei ist allerdings auch, dass einen durch so manch offene Frage der Film beschäftigt und man darüber nachdenkt, um selbst auf eine Lösung zu kommen. 😉 Das hat nun auch wieder seinen ganz besonderen Reiz, wie ich finde.

„Interimere“ könnte gut und gerne eine Laufzeit von 80 bis 90 Minuten haben. Und ich bin sicher, dass Zhang einen bedeutend atmosphärerischen Film in Szene setzen würde als mit seinem Kurzfilm. Gerade Dennis Madaus würde einem tiefergehenden Charakter gewachsen sein, bei dem er mehr seiner Schauspielerfähigkeiten zeigen könnte. Aber auch Maya Klein und Ina Krenzel wäre noch viel mehr zuzutrauen. Und hätte Moloch noch mehr Platz in der Geschichte, würde wohl ein Film entstehen, der den Zuschauern ein unangenehmes Gefühl im Magen bereiten würde wie seinerzeit „The Texas Chainsaw Massacre“.
Zusammengefasst würde ich behaupten, dass die Story und der Regisseur ein hohes Potential nach oben haben, hätten sie mehr Laufzeit zur Verfügung. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass „Interimere“ unausgegoren, unfertig oder nicht professionell genug wirkt. Nein, es ist ein fantastischer Kurzfilm mit einer unglaublich intensiven Stimmung, die retrogerecht mit kleinen Filmrissen, Staubspuren und eingefärbtem Bild an Klassiker des Horrorgenres erinnert. Oft fühlt man sich an  „Halloween“, „Tanz der Teufel“ oder eben „Texas Chainsaw Massacre“ erinnert, um nur einige Beispiele zu nennen. Und dennoch kopiert Zhang seine Vorbilder nicht, sondern verbeugt sich mit einem eigenständigen Werk vor seinen Idolen. Und das macht richtig Spaß.

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Fazit: Stimmungsvoll und solide inszenierte Verneigung vor Horrorklassikern der 80er und 90er Jahre. Regie, Musik und Darsteller präsentieren sich auf hohem Niveau.

© 2017 Wolfgang Brunner

Das Unternehmen (2015)

Unternehmen

Originaltitel: Das Unternehmen
Regie: Marcello Filippelli
Drehbuch: Marcello Filippelli
Kamera: Marcello Filippelli
Musik: Michael Donner
Laufzeit: 4 Minuten
Darsteller: Peter Skoda, Pasquale Gulotta, Harald Cornelius, Isabell Mielke, Mia Filippelli (nur Stimme)
Genre: Action, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Wenn einer der Besten aussteigen will… Aber das System es nicht zulässt!

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Man muss sich zuallererst einmal vor Augen halten, dass dieser Kurzfilm mit einem Budget von etwa 50,- Euro und an einem einzigen Drehtag entstanden ist. Schon alleine in dieser Hinsicht zeigt „Das Unternehmen“, das Marcello Filippelli auf alle Fälle Qualitäten als Regisseur und Kameramann hat. Das hat er schon mit seinen bedeutend längeren Projekten wie „Unerträglich“ und „Unvergessen“ bewiesen. Diese genannten Zehnminuten-Filme waren aber eher ruhig und leicht melancholisch, während sich nun bei „Das Unternehmen“ das Augenmerk vollkommen auf Action legt (die finale Einstellung vielleicht einmal ausgenommen 😉 ).
Wie gesagt, man muss einfach daran denken, dass dieses Projekt im Grunde genommen aus reiner Freude am Filmemachen entstanden ist. Denn auch wenn die Action und die Kämpfe zum größten Teil sehr gut in Szene gesetzt wurden (was auch an einem wirklich hervorragenden Schnitt liegt), so wirken manche Einstellungen leicht lächerlich und amateurhaft. Dennoch werden diese kleinen Fehlerchen durch die gute Regie, Kameraführung und Schnitttechnik überdeckt, so dass sie für mich keine wirklichen Negativauswirkungen auf das Gesamtbild werfen.
Die „Dialoge“ während der Kämpfe hätte man sich allerdings sparen können. Vielleicht wäre dadurch sogar ein wenig mehr Dynamik in das Geschehen gekommen.

Schauspielerisch kann Peter Skoda in der Hauptrolle am meisten überzeugen. Er macht seine Sache richtig gut und vor allem überzeugend, was man bei Pasquale Gulotta und Harald Cornelius leider nicht immer behaupten kann. Das heißt aber keineswegs, dass die beiden nicht auch schauspielern können, nur können sie Skoda einfach nicht das Wasser reichen. Ich persönlich finde es schon sehr interessant, was man mit einem so geringen Budget und Zeitaufwand auf die Beine stellen kann, das sieht man über manch eine unperfekte Ausleuchtung oder Mimik eines Schauspielers hinweg. Eindeutig sieht man, dass alle Beteiligten Spaß an der Sache hatten und das wirkt sich natürlich auch auf den Zuschauer aus.

Was mir wirklich gut gefallen hat, war, dass man erst in den letzten Einstellungen erfährt, worum es überhaupt geht. Man sieht zwar dadurch den Kämpfen vielleicht mit weniger Spannung zu und fiebert nicht so sehr mit dem Protagonisten mit, dafür wird man aber am Ende mit einem netten „Aha“-Effekt belohnt, der im Nachhinein die Auseinandersetzung nachvollziehbar macht.
Wie schon bei seinen längeren Kurzfilmen zeigt Filippelli auch hier wieder, dass man mit einer Kamera ästhetische Bilder einfangen kann, wenn man den Blick dafür hat. Und den hat Filippelli.
Was auch noch unbedingt erwähnt werden muss, ist die wirklich gelungene Musik von Michael Donner. Sie untermalt die Bilder absolut passend und stimmig, so dass es in dieser Hinsicht nichts auszusetzen gibt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieser Kurzfilm lediglich eine Szene aus einem Langfilm darstellt. Das Potential wäre auf jeden Fall da, um einen längeren  Action-Thriller auf genau jene Art und Weise zu inszenieren.

Wer jetzt neugierig ist, kann sich den Film auf youtube ansehen: Das Unternehmen

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Fazit: Für ein Projekt, das eigentlich nur „just for fun“ und mit minimalem Aufwand gedreht wurde, kann sich „Das Unternehmen“ durchaus sehen lassen. Nicht perfekt, aber stylisch und sehenswert.

© 2016 Wolfgang Brunner

Unvergessen (2014)

Plakat Unvergessen

Originaltitel: Unvergessen
Alternativtitel: Unforgotten
Regie: Marcello Filippelli
Drehbuch: Marcello Filippelli
Kamera: Felix Ehlert
Musik: Arkadius Sojka
Laufzeit: 14 Minuten
Darsteller: Jan Stapelfeldt, Pia Strömer, Sandra Fleckenstein
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ohne Altersbeschränkung

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Lisa und David geraten in ein heftiges Unwetter. Lisa kommt unbeschadet davon, aber David wird schwer verletzt und landet im Rollstuhl. Lisa kümmert sich um David, der immer mehr seinen Lebenswillen verliert.

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Filippelli führt den Zuschauer zuerst in eine Welt voller Glück, die jedoch jäh von einem Unglück zerstört wird und in einer trostlosen, tristen Umgebung endet. Dennoch vermitteln die schön inszenierten Bilder Hoffnung, die einen zu Tränen rühren. Pia Strömer verkörpert die Rolle der Lisa absolut glaubwürdig. Ihre Mimik ist an manchen Stellen so natürlich, dass man fast vergißt, „nur“ einen Film zu sehen. Sie wirkt in ihrer Rolle sympathisch und man spürt die Mühe, die sie als Protagonistin an den Tag legt, um Davids Leben wieder lebenswert zu machen. Aber auch Jan Stapelfeldt als David macht seine Sache unglaublich gut. Vor allem in der zweiten Hälfte zeigt er, was er kann. In seinem Gesichtsausdruck kann man die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit, die sein neues Leben im Rollstuhl bedeutet, in jeder Einstellung sehen.

Filippelli inszenierte sein Drama in sehr ansprechenden und ästhetischen Bildern, die sowohl die anfangs freudige und im Verlaufe des Films immer tristere Stimmung hervorragend unterstreichen. Zu dieser einfühlsamen Regiearbeit kommt noch der grandiose Soundtrack von Arkadius Sojka hinzu, der zwar immer dezent im Hintergrund läuft, einen aber unbewusst (oder einen Filmmusik-Fan wie mich) bewusst packt. Seine pianolastigen Klänge sind ein wahrer Ohrenschmaus, der das Drama unglaublich bereichert .Dieses Zusammenspiel zwischen Regie, Musik, Darsteller und Story ist sehr beeindruckend und emotional. Da passiert es schon mal in der ein oder anderen Szene, dass man einen Kloß im Hals bekommt.

Am Ende bietet der Plot eine wirklich überraschende Wendung, mit der man nicht rechnet und die einem dann doch noch die Tränen in die Augen treibt. Filippelli ist da ein Twist gelungen, der es in sich hat und am Ende nochmal eine emotionale Keule für den gefühlvollen Zuschauer bedeutet. Der Film erlangt dadurch eine völlig andere Bedeutung und wird noch um einige Stufen melancholischer und emotionaler.
Ich bin sehr begeistert von Filippellis Arbeiten, zumal der Regisseur auch kein Schubladendenken in Bezug auf Genres hat und mit „Unvergessen“ eben eine andere Art von Film als mit „Unerträglich“ vorlegt. Das gefällt mir!

Da kann man wirklich gespannt sein, was von Marcello Fillippelli als nächstes kommt. Vor einigen Tagen habe ich ein Interview mit dem sympathischen Regisseur geführt: Interview mit dem Regisseur Marcello Filippelli

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Fazit: Spannendes, aber vorwiegend melancholisches und emotionales Drama mit exzellenten Schauspielern und einem grandiosen Soundtrack. Filippellis Regiearbeit ist solide und professionell. Bitte mehr davon!
© 2015 Wolfgang Brunner

Interview mit dem Regisseur Marcello Filippelli

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© Marcello Filippelli

Marcello Filippelli ist 33 und unabhängiger Filmemacher. Schon in seiner Jugend drehte er mit der Videokamera seiner Eltern kleine Filme. Doch eines Tages wollte er dann mit professionellem Team und Schauspielern arbeiten: Herausgekommen sind spitzenmäßige Kurzfilme wie „Unerträglich“ und „Unvergessen“.
Film-Besprechungen freut sich auf das Interview mit dem dreifachen Familienvater und Independent-Filmer.

1. „Unerträglich“ und „Unvergessen“ behandeln kontroverse Themen. Gibt es dafür Gründe?

Für mich ist es irgendwie schon immer wichtig gewesen, dass meine Geschichten eine Message haben und den Zuschauer zum Nachdenken anregen. Oft sind es eben auch gesellschaftskritische Themen. Ich mag es auch, Fiktion mit realistischen Situationen zu vereinen. Das ist auch schon vom allerersten Film an so gewesen.


2. Deine beiden Kurzfilme sind in unterschiedlichen Genre angesiedelt. Sehe ich das richtig, dass Du Dich nicht auf eine Richtung beschränken willst?


Nur Horror? Nur Action? Nur Drama? Wäre mir in der Tat zu eintönig und langweilig. Ich versuche mich gerne in verschiedenen Bereichen. Entscheidend ist für mich, dass die Geschichte stimmt und einen gewissen Anspruch bietet. Denn genau diese Art Filme sind es, die ich mir auch selber gerne anschaue. Blut, nackte Ärsche und Eingeweide – gerne, aber mit einem gewissen Anspruch bitte. (Lacht)

3. Jeder Künstler hat Vorbilder. Welche sind Deine?

Früher wäre es z.B. Spielberg mit „Der weiße Hai“ gewesen und heute evtl. Besson mit „Léon – Der Profi“ oder auch Scorsese mit „Shutter Island“. Es gibt einige tolle Regisseure, aber aktuell habe ich kein bestimmtes Vorbild.

4. Gibt es denn schon Ambitionen deinerseits, einen Langfilm zu drehen?

Absolut! Den gibt es aber auch schon! „Thank God for Life“. Mein allererster Spielfilm. Produktion 2001-2003 / 78 Min. / 25 Darsteller. Eine harte, aber wunderbare Erfahrung! Ich habe nahezu alles gemacht. Vor und hinter der Kamera. Mit Freunden und Bekannten realisiert. Der Film behandelt diverse Themen: Drogen und ihre Konsequenzen. Kriminalität. Freundschaft. Familie. Träume und Hoffnung. Tolle Geschichte. Ein Remake mit professioneller Unterstützung wäre ziemlich cool. 🙂

5. Was hältst Du von Crowdfunding?

Finde ich eine absolut geniale Sache! Eine klassische Win-Win-Situation! Bisher war es mir immer möglich, die Produktionskosten größtenteils selber zu tragen. „Unerträglich“ hatte z.B. ein Budget von über 3500 Euro. Bei „Unvergessen“ waren es über 2500 Euro. Und wir sprechen hier von einem Hobby! (Lacht) Für eine nächste Kurzfilmproduktion wären etwa 5000 Euro nötig. Da ist eine gemeinnützige Plattform wie Crowdfunding wirklich eine tolle Möglichkeit zur Mitfinanzierung. Mal schauen.

6. Welche Filme sind Deine persönlichen Favoriten? Kannst Du uns vielleicht ein paar Titel nennen?

Ich mag so viele Filme! Da tue ich mich echt schwer, hier einige zu nennen. Weil ich dann bestimmt einige Lieblingsfilme dabei vergesse. Aber ich liebe die Filme von früher! 80er / 90er. Ich mag die guten alten „Handgemachten Filme“. z..B. Rambo – First Blood. Der funktioniert für mich noch bis heute. Ich mochte noch nie zu viel CGI. Wobei CGI bei Filmen wie z.B. „Star Wars“ oder „Avatar“ natürlich Sinn machen.

7. Es gibt mit Sicherheit ein Traumprojekt für Dich. Welches wäre das?

Ein Film a lá Expendables aus der Independent-Szene. Das wäre ziemlich cool! Vielleicht finde ich in naher Zukunft eine passende Kooperation mit anderen kreativen Köpfen. Konzept liegt in der Schublade. (Lacht)

8. Was fällt Dir spontan ein bei

Alan Parker?
Muss ich googlen. (Lacht)

Found Footage?
Wirkt auf mich mittlerweile etwas ausgelutscht.

Alfred Hitchock?
Gehört zu den ganz Großen.

Hans Zimmer?
Gehört zu den ganz Großen.
Wunderbare Kompositionen! Musik ist die Seele des Films.

9. Welche Filme siehst Du privat? Popcorn-Mainstream, Independent oder ArtHaus?

Alle drei Bereiche bieten sich wunderbar an für einen gemütlichen Abend.

10. Welcher fünf Dinge möchtest Du in Deinem Leben nicht missen?

Meine drei Kids. Meine Frau. Gesundheit. Passt! (Lacht)

Film-Besprechungen bedankt sich herzlich für das Interview und wünscht Dir alles Gute für Deine filmische und natürlich auch private Zukunft. Nicht nur wir sind gespannt auf das, was noch von Dir kommt.

© 2015 Marcello Filippelli / Wolfgang Brunner