Big Driver (2016)

Originaltitel: Big Driver
Regie: Mikael Salomon
Drehbuch: Richard Christian Matheson
nach einer Kurzgeschichte von Stephen King
Kamera: Steve Cosens
Musik: Jeff Beals
Laufzeit: 84 Minuten
Darsteller: Maria Bello, Ann Dowd, Will Harris, Joan Jett, Olympia Dukakis, Jennifer KyddTara Nicodemo
Genre: Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahre

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Nach einer Lesung bleibt die Schriftstellerin Tess Thorne während der Heimfahrt aufgrund einer Reifenpanne in einer verlassenen Gegend mit dem Auto liegen. Ein riesiger, aber sehr freundlicher Mann hilft ihr und bietet an, den Reifen zu wechseln. Doch noch bevor er sich an die Arbeit macht, bedrängt er Tess und ist alles andere als nett zu ihr.  Tess überlebt den Angriff und findet zurück ins Leben. Doch sie kann das Geschehen nicht vergessen und entschließt sich eines Tages, sich auf die Suche nach dem großen Mann zu machen, der ihr das angetan hat.

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Die Geschichte beginnt, King typisch, ruhig und eher harmlos. Das Grauen schleicht sich aus einer, wenngleich unerfreulichen, Alltagssituation in das Leben der Schriftstellerin. Die Überschreitung dieser Grenze wurde von Regisseur Mikael Salomon (dessen Filme „Hard Rain“ und das Remake „Andromeda“ den meisten bekannt sein dürften) hervorragend in Szene gesetzt. Man spürt das Knistern zwischen den beiden Protagonisten, erlebt das Umschwenken von Freundlichkeit in Bedrohung so hautnah, das es einem selbst als Zuschauer Angst einjagt. Dazu kommt neben der intensiven Inszenierung die unglaublich gute Schauspielleistungen von Maria Bello und Will Harris. Das Agieren der beiden passt so perfekt zusammen, dass es unglaublich authentisch wirkt, wenn der riesige Mann die Frau bedroht. Die Szenen, die dann folgen, sind hart und strapazieren die Nerven, wirken aber niemals übertrieben gewalttätig, sondern einfach nur real.

Trotz diesem harten und teilweise auch brutalen Einstieg wird die Geschichte im weiteren Verlauf in einem sehr ruhigen Ton erzählt, der eine wahnsinnig gute Atmosphäre aufkommen lässt. Die Schauspielleistung von Maria Bello ist beeindruckend und in Verbindung mit der besonnenen und stillen Inszenierung sehr emotional. Ich war absolut gebannt von den Ereignissen und Wendungen und fieberte mit der Protagonistin in jeder Sekunde mit. Alleine ihre Wandlung/Darstellung von einer hilflosen Frau in eine toughe „Kriegerin“ ist sehr glaubwürdig und intensiv.
Überhaupt sind die Charaktere King typisch und wurden allesamt sehr gut umgesetzt. Ein Wiedersehen mit der Rocksängerin und Gitarristin Joan Jett („I Love Rock ’n‘ Roll“ dürfte wohl jeder kennen), die ihre größten Erfolge in den 80er Jahren feierte, und mit der Golden Globe- und Oscargewinnerin Olympia Dukakis („Mondsüchtig“) runden das gelungene Filmerlebnis noch ab.

Man merkt dem Film in keiner Minute an, dass er fürs Fernsehen produziert wurde. Regisseur Mikael Salomon überzeugt mit stimmungsvollen Bildern und einer konsequent durchdachten Linie, als hätte er fürs große Kino gedreht. Ein wenig erinnert „Big Driver“ an den Rape & Revenge-Thriller „I Spit On Your Grave“, nur dass hier einfach mehr Menschlichkeit und Emotionen hinter dem Rachefeldzug stecken. „Big Driver“ enthält bedeutend mehr Seele als ein einfacher Slasher- und/oder Splatterfilm in dieser Art. Genre-Fans, die hier einen ähnlichen Film erwarten, könnten unter Umständen sogar enttäuscht sein. Fast schon auf melancholische Art und Weise erzählt Mikael Salomon die Geschichte einer zutiefst verletzten Frau, die sich erst später zu wehren beginnt. Auch wenn „Big Driver“ nicht zwingend etwas Neues in der Krimi- , Thriller- und Stephen King Verfilmungswelt bietet, so ist er für mich dennoch eine der besseren Adaptionen Kings (die von Frank Darabon inszenierten einmal ausgenommen, denn die sind unschlagbar spitzenmäßig) und spricht ein Publikum an, dass eine intelligente, emotionale Handlung mag, die von einem sehr fähigen Regisseur und grandiosen Schauspielern umgesetzt wurde. Wer sich für die Kurzgeschichte interessiert, die Vorlage für diesen Film war, sollte sich das Buch „Zwischen Nacht und Dunkel“ zulegen, das in Deutschland im Jahr 2010 erschien. Die zweite Geschichte dieser Kurzgeschichtensammlung ist „Big Driver“.

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Fazit: Atmosphärischer Thriller, der mehr Wert auf Emotionen als auf blutige Effekte legt. Ganz klarer Geheimtip für echte King-Fans.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Top Of The Lake (2013)

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Originaltitel: Top Of The Lake
Regie: Jane Campion, Garth Davis
Drehbuch: Jane Campion, Gerard Lee
Kamera: Adam Arkapaw
Musik: Mark Bradsahaw
Laufzeit: 6 Folgen á 60 Minuten
Darsteller: Elisabeth Moss, Peter Mullan, David Wenham, Thomas M. Wright, Holly Hunter, Sarah Valentine, Jay Ryan, Jacqueline Joe
Genre: Thriller, Krimi, Serie
Produktionsland: Australien, Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich
FSK: ab 16 Jahre

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Tui Mitcham ist 12 Jahre alt und wollte anscheinend im eiskalten Bergsee eines neuseeländischen Provinzstädtchens Selbstmord begehen. Robin Griffin, eine junge Kommissarin, soll den Fall aufklären. Sie ist auf den Umgang mit misshandelten Kindern spezialisiert und dringt immer tiefer in ein Netz aus Intrigen und Lügen ein, die sich um Tui verbreiten. Es stellt sich heraus, dass Tui im fünften Monat schwanger ist. Als das Mädchen plötzlich verschwindet, begibt sich Robin auf eine gefährliche Suche, bei der sie sich auf einmal auch noch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert sieht.

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Eine Serie, die von Jane Campion konzipiert wurde, musste ich natürlich sehen. Nicht nur ihr wunderbarer Film „Das Piano“ hat mich von ihren Qualitäten, gute Geschichten mit wunderschönen Bildern zu erzählen, überzeugt. Unter anderem hat mich auch der zuvor gedrehte „Ein Engel an meiner Tafel“ wie auch der Folgefilm „Portrait Of A Lady“ mehr als fasziniert. Und nun also eine Serie …
Ich mache es kurz: Ich wurde nicht enttäuscht und bekam genau das, was ich erwartet hatte. Und sogar noch ein wenig mehr. Wie nicht anders zu erwarten, lebt der Film schon einmal von den wunderbaren Naturaufnahmen, die sich durch sämtliche Folgen ziehen. Aber nicht nur! Campion hat ein Schauspiel-Ensemble um sich und Co-Regisseur Garth Davis versammelt, das es in sich hat. Elisabeth Moss ist in ihrer Rolle als kühle, manchmal eigenartige Ermittlerin bestimmt nicht jedermanns Sache, aber eines muss man ihr lassen: Sie geht in ihrer Rolle auf und verkörpert den ihr zugeschriebenen Charakter unumstößlich perfekt. Man spürt den gebrochenen Menschen, der hinter der harten, nach außen hin gezeigten Hülle steckt. Moss stellt diese Zweideutigkeit einer starken, selbstbewussten und gleichzeitig verletzlichen, ängstlichen Frau unglaublich überzeugend und emotional glaubwürdig dar. Dazu gesellt sich ein Mann, dessen Schauspielerei ich bereits seit Jahren verehre: Peter Mullan. Er verkörpert in dieser Serie einen derart hassenswerten (aber in manchen Szenen auch liebenswürdigen und bemitleidenswerten) Macho, dem man im wahren Leben nicht begegnen möchte. Mullans Agieren trifft einen oftmals wie ein Schlag in die Magengrube und man möchte aufspringen, in den Bildschirm greifen und ihm mitten ins Gesicht schlagen. Und trotzdem schafft Mullan die Gratwanderung, auch positive Emotionen im Zuschauer aufzuwecken. Das ist grandios.
David Wenham als Polizist vermag ebenfalls zu überzeugen und den Zuschauer um den Finger zu wickeln, genauso wie Jacqueline Joe in der Rolle als 12jährige Tui.
Da geht Holly Hunter und die anderen Darsteller fast schon unter, obwohl auch sie auf höchstem Niveau agieren. Schauspielerisch macht die Mini-Serie unheimlich Spaß.

Mark Bardsahaws Musik ist einfach himmlisch und passt so hervorragend zu den teils melancholischen, deprimierenden Bildern, das es fast schon unheimlich ist. Dadurch kommt eine unglaublich dichte Atmosphäre auf, der man sich schwer entziehen kann und die sich erstaunlicherweise durch die komplette Serie zieht. Man fühlt sich manchmal tatsächlich an die Kultserie „Twin Peaks“ erinnert. In der dritten Episode kommt während einer Drogenszene, in der die Protagonisten im Rausch halluzinieren, eine Überraschung für alle Fans der deutschen Elektronikband Tangerine Dream. Die Bilder werden perfekt untermalt von ihrem Song „“Mysterious Semblance At the Strand of Nightmares“ aus dem Album „Phaedra“. Dieses Stück passt so hervorragend zu der Szene, dass ich auch hier eine Gänsehaut bekam.

Die Aussichtslosigkeit, die diese Serie oftmals vermittelt, ist manchmal schwer zu ertragen, obwohl sie immer wieder mit Hoffnung durchtränkt ist. Der daraus entstehende Mix ist hypnotisch und einmalig. Eine Serie, die mit dem hohen Niveau eines Kinofilmes auf jeden Fall mithalten kann. Und, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, ist sogar eine zweite Staffel geplant. Mir wär’s recht! 🙂

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Fazit: Niveauvoll, mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen, einem genialen Plot und unglaublich guten Schauspielern ist „Top Of The Lake“ ein Muss für mystisch angehauchte Krimi- und Serienfans.

© 2016 Wolfgang Brunner

Narben (Tatort) – (2016)

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Originaltitel: Narben
Regie: Torsten C. Fischer
Drehbuch: Rainer Butt
Kamera: Theo Bierkens
Musik: Fabian Römer, Steffen Kaltschmid
Laufzeit: 88 Minuten
Darsteller: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Patrick Abozen, Joe Bausch, Juliane Köhler, Julia Jäger, Anne Ratte-Polle, Laura Tonke, Jerry Kwarteng, Thelma Buabeng
Genre: Krimi, Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Dr. Patrick Wangila, ein Arzt, der aus dem Kongo stammt, wird erstochen. Alles deutet darauf hin, dass es sich um eine Beziehungstat handelt. Daher befragen die Ermittler Ballauf und Schenk zunächst die Witwe des Arztes. Bei den weiteren Ermittlungen stellt sich der Fall immer verzwickter dar, als er ursprünglich schien. Und plötzlich wird der Tod einer kongolesischen Asylbewerberin einige Tage zuvor, dem man zuerst nur wenig Beachtung schenkte, für den Fall immer bedeutungsvoller.

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Irgendwie wirkt alles wie gehabt und dennoch zeigt „Narben“ auch gewisse Innovationen, wenngleich nicht über alle Maßen. Alleine die Titelsequenz lässt einen die Luft anhalten und man beginnt unweigerlich, Großes zu erwarten. Man fühlt sich durch die brillanten Nahaufnahmen von Narben, Gegenständen und Personen tatsächlich sogar an Kinofilme erinnert. Die Einstiegssequenz ist also schon mal durchaus gelungen und verspricht fast schon einen künstlerischen „Ausnahme“-Tatort. Doch leider war der Vorspann auch schon inszenatorisch das Interessanteste an diesem Tatort, was nicht heißt, dass wir es danach mit einem schlechten Film zu tun hätten.
„Narben“ kann durchaus mit seiner Idee überzeugen, wenngleich an vielen Stellen mit Klischees um sich geworfen wird, die mir nicht immer zugesagt haben. Aber nun gut, es geht schließlich um das aktuelle Thema „Flüchtlinge“ und da ist es fast schon unvermeidbar, wenn man das ein oder andere Thema in einer Art und Weise behandelt, die den Großteil der Bevölkerung anspricht.

Es geht um Täter und um Opfer. Die beiden Kommissare müssen sich durch ein undurchsichtiges Puzzle kämpfen, um auf die richtige Spur zu kommen. Nicht immer wirken sie dabei in ihren Überlegungen überzeugend. Frischen Wind bekommt die Story, als es dann um Kriegsflüchtlinge, Asylanten und Menschen mit Migrationshintergrund geht. Da sind durchaus Ansätze, die zum Nachdenken anregen und auch „schockieren“. Der Plot ist im Grunde genommen zwar solide und nachvollziehbar konstruiert, wirkt aber nicht so nachhaltig nach wie er eigentlich sollte. Dafür ist er einfach zu unspektakulär und simpel in Szene gesetzt. Die Geschichte mag auf den durchschnittlichen Fernsehzuschauer ohne Weiteres beeindruckend wirken, aber eine „straffere“ Regieführung hätte bestimmt ein bedeutend nachhaltigeres Ergebnis gegeben. Musiktechnisch wurde alles sehr passend untermalt, aber auch hier fehlen die „Ohrwürmer“, die bei manch einer Filmmusik hängen bleiben oder zumindest auffallen.

Nun zu den Schauspielern: Von Klaus J. Behrend und Dietmar Bär braucht man gar nicht viel reden, denn sie machen ihre Sache gewohnt gut und überzeugend. Neben Julia Jäger und der wirklich guten Juliane Köhler komme ich aber auf zwei Rollen, die es verdient haben, lobend erwähnt zu werden. Da ist zum einen Thelma Buabeng in ihrer Rolle als traumatisiertes Opfer, die mich sehr berührt hat. Ihr Spiel war sehr intensiv und glaubwürdig. Hinzu kommt Jerry Kwarteng als Bruder des Mordopfers, der, logischerweise durch sein dunkles Aussehen, in die Rolle eines Kongolesen geschlüpft ist. Seinem und Buabengs Schauspiel kann man anfangs nur immer in kurzen Abschnitten verfolgen, aber es gibt ja glücklicherweise noch das Finale. Als die beiden aufeinandertreffen, bekam ich szenenweise Gänsehaut, so emotional und echt wurde gespielt. Sowohl Buabeng als auch Kwarteng liefen in dieser finalen Szene auf Höchstform auf und haben mich vollkommen in ihren Bann gezogen. Alleine diese Schlussszene ist es wert, sich diesen zwar nicht schlechten, aber eher doch durchschnittlichen Tatort anzusehen. Diese beiden „schwarzen Deutschen“ stellten für mich neben der beeindruckenden Anfangssequenz und einigen gelungenen Einstellungen des Höhepunkt von „Narben“ dar.

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Fazit: „Narben“ bewegt sich trotz manch innovativer Regieführung, guten Schauspieler bis hin zu den Nebendarstellern und einem interessanten, aber manchmal unlogischen, Plot nur im durchschnittlichen Bereich.

© 2016 Wolfgang Brunner

Unerträglich (2012)

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Originaltitel: Unerträglich
Alternativtitel: Unbearable
Regie: Marcello Filippelli
Drehbuch: Marcello Filippelli
Kamera: Marcello Filippelli
Musik: Stefan Magasitz
Laufzeit: 10 Minuten
Darsteller: Nikolai Will, Christian Cujovic, Claudia Dalchow, Martin Kloss, Peter Eberst, Bernd Michael Straub
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ohne Altersbeschränkung

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Die Kommissare Beck und Bergmann untersuchen einen Kindermord. Und plötzlich fehlt vom Vater des ermordeten Mädchens ebenfalls jede Spur. Die Ermittler gehen von einem Serientäter aus und versuchen, den Fall so schnell wie möglich zu lösen.

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Filippellis Kurzfilm packt den Zuseher sofort und zieht ihn in seinen Bann. In nur zehn Minuten packt der Regisseur jede Menge Handlung und Charakterzeichungen hinein, die so mancher Langfilm nicht hinbekommt.
Das Zusammenspiel der beiden Ermittler ist „Tatort“-mäßig, absolut glaubhaft und nachvollziehbar.
Durch eine Stimme aus dem Radio wird der Zuschauer in die Handlung eingeführt und merkt irgendwann, um was es geht. Aber so einfach ist Filippellis Geschichte dann doch nicht, denn der Regisseur führt uns trotz der kurzen Spieldauer seines Films auf eine falsche Fährte. Das Ganze ist unglaublich intensiv in Szene gesetzt und durch die teils verwackelten Handkamera-Bilder fühlt man sich mitten im Geschehen. Aber „Unerträglich“ ist kein Film im Found Footage-Stil, sondern ein optisch hervorragendes Kammerspiel, das einem so manches Mal einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Das liegt zum einen am heiklen Thema, dem sich Filippelli angenommen hat, zu anderen aber an der meisterhaften Schauspielkunst, die Nikolai Will mal wieder an den Tag legt. Dazu aber später.
Marcello Filippelli hat seinen ersten „großen“ Kurzfilm professionell und solide inszeniert. Man sieht eindeutig, dass er das Handwerk beherrscht und seine Freude daran hat. Die Moral mag für den ein oder anderen fragwürdig sein, weil Mord mit Folter gerächt wird. Aber … da sind wir jetzt beim Schauspieler Nikolai Will angelangt:

Nikolai Will charakterisiert die Rolle eines verzweifelten Vaters einfach hammermäßig. Alleine das in so kurzer Zeit, die ihm in diesem Film zur Verfügung stand, so überzeugend und emotional hinzukriegen, ist schon ein kleines Wunder. Zu der Verzweiflung kommt die für ihn selbst unerträgliche Last seines Handelns noch hinzu, gepaart mit der unerträglichen Tatsache, sein Kind verloren zu haben. Nikolai Will macht aus Filippellis Kurzfilm ein verstörendes Erlebnis, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Nur mal am Rande: Wieso kriegt Will keine Hauptrollen in einem abendfüllenden Spielfilm?
Seine Mimik spricht Bände und lässt den Zuschauer mitfühlen: die Wut, die Verzweiflung und den abgrundtiefen Hass. Aber auch die Unsicherheit, ob sein Handeln richtig ist. Das alles beherrscht Will so perfekt, dass es einem den Atem raubt. Vielleicht sollte ich eine Fanseite für Nikolai Will gründen. 😉
Marcello Filippellis „Unerträglich“ ist zwar eine kurze Geschichte, aber im handwerklichen und schauspielerischen Detail ganz großes Kino.
Den Kurzfilm kann man sich auf youtube anschauen —> KLICK MICH!

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Fazit: Professioneller und ästhetischer Kurzfilm um  einen Kindermord, der dem Zuseher aufgrund der Schauspielleistung von Nikolai Will den Atem raubt. Filippelli ist ein vielversprechendes Talent. Den Namen werde ich mir merken. Absolute Empfehlung.

© 2015 Wolfgang Brunner

The Drop – Bargeld (2014)

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Originaltitel: The Drop
Regie: Michaël R. Roskam
Drehbuch: Dennis Lehane
Kamera: Nicolas Karakatsanis
Musik: Marco Beltrami
Laufzeit: 106 Minuten
Darsteller: Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector
Genre: Krimi, Thriller, Drama
Produktionsland: vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Bob Saginowski arbeitet in der Bar seines Cousins Marv. Hin und wieder werden solche Kneipen von der tschechischen Mafia als sogenannte „Money Drops“ benutzt, um schmutziges Geld zu deponieren. Eines Tages trifft es Marvs Bar, was an sich nicht weiter schlimm wäre. Doch am Ende des Abends wird die Bar überfallen und das deponierte Geld gestohlen. Bob und Marv finden sich plötzlich im Kreuzfeuer der Mafia, die das gestohlene Geld von ihnen zurückfordert.

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Dennis Lehanes Art, Geschichten zu erzählen, ist unglaublich intensiv. Das hat er schon mit „Shutter Island“, „Mystic River“ und „Gone Baby Gone“ eindrucksvoll bewiesen. „The Drop“ ist nun ein weiterer genialer Wurf, der diesen Weg auf gleichem Niveau fortsetzt. Dass in diesem Falle aber Lehane selbst das Drehbuch nach seiner eigenen Kurzgeschichte verfasst hat, ist ein absoluter Glücksgriff. In einer für Krimis und Thriller völlig untypischen Art wird die Geschichte vollkommen ruhig in Szene gesetzt und zeigt dadurch weitaus mehr Spannungspotential als eine actionreichere Inszenierung. Die ruhigen, menschlichen Zwischentöne und die unspektakuläre Erzählweise machen „The Drop“ zu einem Ausnahme-Thriller.

Michaël R. Roskam schafft eine unglaubliche Atmosphäre in seinem zweiten Langfilm, an die man sich noch lange erinnert. Tragende Rollen dabei haben sicherlich die beiden charismatischen Hauptdarsteller inne, die jeweils eine hervorragende Charakterzeichnung der Figuren, die sie spielen, abliefern und sichtlich Freude an ihrem Agieren haben. Tom Hardys treuherzige Dackelblicke, die sich im genau richtigen Moment in einen kaltblütigen Killerausdruck verwandeln, sind faszinierend. Ebenso brilliert aber auch James Gandolfini in seiner letzten Rolle und versprüht Charme und Gerissenheit in gleichem Maße. Das macht einfach Spaß, den beiden zuzusehen.

Die verzwickte Handlung steigert sich in einem stetig wachsenden Spannungsbogen, obwohl -wie oben bereits erwähnt- der Actionanteil bis aufs Äußerste minimiert ist. Aber vielleicht ist es genau das, was „The Drop“ zu einem besonderen Film macht, der seine Spannung nicht aus explodierenden Gebäuden und Autos zieht, sondern eher in einer unterschwelligen Bedrohung, die die beiden Protagonisten exzellent mit ihrem Spiel einfangen und den Zuschauer damit hypnotisieren.

„The Drop“ könnte tatsächlich einer meiner Lieblings-Thriller werden, denn die ruhige Erzählweise des Regisseurs, die im Nachhinein sogar oftmals melancholisch wirkt,  erinnert stark an die  Verfilmung der Lehane Stoffe „Mystic River“ durch Clint Eastwood und „Gone Baby Gone“ von Ben Affleck. Der Unterschied liegt aber in den Darstellern, die bei „The Drop“ einfach umwerfend sind.

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Fazit: Inszenatorischer Ausnahme-Thriller, der sehr ruhig eine Geschichte erzählt, die dennoch absolut spannend ist. James Gandolfini glänzt in seiner letzten Rolle neben Tom Hardy und stimmt einen dadurch umso trauriger, dass der charismatische Schauspieler so früh die (Film-)Welt verlassen hat.

© 2015 Wolfgang Brunner

Verlorene Tochter, Die – Alarm für Cobra 11 (1997)

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Originaltitel: Die verlorene Tochter
Regie: Robert Sigl
Drehbuch: Renate Kampmann
Kamera: Michael Wiesweg
Musik: Reinhard Scheuregger
Laufzeit: 46 Minuten
Darsteller: Erdogan Atalay, Mark Keller, Almut Eggert, Nina Weniger, Michael Habeck, Annette Kreft, Anne Kanis, Maximilan Wigger, Lena Sabine Berg, Manfred Richter
Genre: Action, Krimi
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahren

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Andre und Semir entdecken bei einem Autounfall zufällig eine Mädchenleiche. Die ersten Ermittlungen führen zu einem LKW-Fahrer, der aber bestreitet, die Tat begangen zu haben. Doch dann findet die Schwester der Toten ein Tagebuch und macht darin eine schreckliche Entdeckung …

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Robert Sigls Beitrag zur Action-Krimi-Serie „Alarm für Cobra 11“ kann vollends überzeugen. Wie in einer Besprechung der Süddeutschen Zeitung zurecht bemerkt, erinnert „Die verlorene Tochter“ an manchen Stellen tatsächlich atmosphärisch an David Lynchs geniale Serie „Twin Peaks“. Aber Sigl geht seinen eigenen Weg und kopiert nicht. Die kleinen Anspielungen auf Lynchs Kultserie, wie zum Beispiel der rote Vorhang in der Wohnung des Ehepaars de Sand, der Kameraschwenk über nebelverhangene Wälder oder das Auffinden des Tagebuchs, machen unheimlich Spaß.
Sigls Inszenierungsstil ist auch hier wieder unverkennbar und hochwertig. Das Ermittlerteam gerät in dieser Folge zwar etwas in den Hintergrund, wie ich finde, aber das ist nicht weiter dramatisch, denn die Handlung, auf die sich das Hauptaugenmerk richtet, verdient diese „Sonderbehandlung“ unbedingt.
Schauspielerisch ist mir neben Anne Kanis auf jeden Fall Michael Habeck aufgefallen, der die Vaterrolle sehr überzeugend spielte. Gerade gegen Ende der Folge war sein Schauspiel faszinierend.

Trotz der oft bedrückenden Stimmung gelang Robert Sigl ein spannender, rasanter Krimi, der Unterhaltung auf hohem Niveau bietet. Dramatisch, aber auch einfühlsam wird hier ein „schlimmes Thema“ behandelt, das betroffen macht.
Bei dieser „Alarm für Cobra 11“-Folge stimmt Regie, Drehbuch, Musik und Schauspieler.

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Fazit: Atmosphärische Folge aus der Krimi-Reihe „Alarm für Cobra 11“, die mit handwerklich solider Regie, guten Schauspielern und einer bedrückenden Handlung überzeugen kann.

© 2015 Wolfgang Brunner

Gone Girl – Das perfekte Opfer (2014)

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Originaltitel: Gone Girl
Regie: David Fincher
Drehbuch: Gillian Flynn (nach ihrer eigenen Romanvorlage)
Kamera: Jeff Cronenweth
Musik: Trent Reznor, Atticus Ross
Laufzeit: 149 Minuten
Darsteller: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Lisa Banes
Genre: Drama, Krimi, Thriller, Literatur
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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Es geschah am fünften Hochzeitstag! Amy und Nick wollten eigentlich dieses Jubiläum feiern. Als Nick heimkommt, ist Amy verschwunden und alles deutet auf ein Verbrechen hin. Eine Medienkampagne startet, um die vermisste Amy zu finden und während der polizeilichen Ermittlungen verstrickt sich Nick immer mehr in ein Netz aus Lügen, bis er schließlich selbst zum Haupttatverdächtigen wird.

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Gillian Flynns Drama hat  mich schon in Buchform absolut begeistert (nachzulesen hier). Als ich hörte, dass David Fincher die Verfilmung übernahm, wusste ich bereits im Vorfeld, dass mich eine kongeniale Umsetzung des Beziehungsdramas erwarten würde. Und selbstverständlich habe ich Recht behalten. 😉
Die Stimmung und die Charaktere der Romanvorlage wurden absolut gelungen in Bildern eingefangen. Besser hätte man es nicht machen können. „Gone Girl“ ist für mich ein Vorzeigebeispiel, bei dem ganz klar ersichtlich ist, dass Buch und Film verschiedene Medien sind. Da ist weder das Buch noch der Film besser oder schlechter, sondern beides ist für sich gesehen ein eigenes Meisterwerk.

Fincher bleibt seinem Stil treu und erzählt geradlinig und dennoch auf gewisse Weise liebevoll verschnörkelt eine Geschichte, die fasziniert. Das liegt zum einen an den wirklich hervorragenden Darstellern, zum anderen aber auch an der ruhigen Erzählweise, die von einer Sekunden auf die andere in einen brutalen, blutigen, düsteren und schockierenden Thriller umschwenkt. „Gone Girl“ enthält Szenen, die schon jetzt für mich Kult sind.

Die zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug, wenn man verfolgt, wie die Beziehung zwischen Amy und Nick im Verlauf der Handlung immer mehr bröckelt und zerfällt. Dass Flynn ihre Romanvorlage selbst als Drehbuch umgesetzt hat, wirkt sich defintiv aus, denn die Verfilmung hält sich sehr eng ans Buch und stellt den Leser eindeutig zufrieden. Wer das Buch nicht kennt, bekommt den „Geist“ des Dramas trotzdem in vollem Umfang mit, was ich persönlich sehr gut finde.

Wie schon das Buch wird Finchers Film zu einer psychologischen Fallstudie über einen verzweifelten Mann und seine Ehe, die nur noch zum Schein nach außen hin aufrecht gehalten wurde, bis es zum Eklat kam. Die überraschenden Wendungen kamen filmisch genauso rüber wie in der Romanvorlage. Eine handwerklich und darstellerisch perfekte Umsetzung eines literarischen Stoffes.

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Fazit: Perfekte Umsetzung der literarischen Vorlage. Meisterhafte Regie und glaubwürdige Darsteller machen „Gone Girl“ zu einem unglaublich beeindruckenden Erlebnis, das die Romanvorlage mit unvergesslichen Bildern umsetzt.

© 2015  Wolfgang Brunner