Reise nach Agatis (2010)

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Originaltitel: Reise nach Agatis
Regie: Marian Dora
Drehbuch: Marian Dora nach einer Idee von Adrian d’Angelo
Kamera: Marian Dora
Musik: Transmitted Dreams
Laufzeit: 73 Minuten
Darsteller: Thomas Goersch, Tatjana Paige Müller, Janna Lisa Dombrowsky
Genre: Horror, Thriller,
Produktionsland: Deutschland
FSK: keine Jugendfreigabe

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Das Ehepaar Isabell und Rafael nimmt eine junge Anhalterin, Lisa, mit ihrem Motorboot mit. Anfangs scheint alles idyllisch und die drei freunden sich an. Doch auf dem Meer bemerkt Lisa, dass der Mann anscheinend sadistische und perverse Neigungen hat. Schon bald beginnt ein grausames Psychospiel, aus dem es für Lisa kein Entrinnen mehr gibt.

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Wer schon einmal einen Film von Marian Dora gesehen hat, weiß, was einen erwartet. (S)Exploitation par excellence!
Doras Filme sind schwer verdaubar und, ähnlich wie Jörg Buttgereits Werke, ein Paradebeispiel, wie verschieden Zuschauer derartige Filme als Müll oder Kunst interpretieren.
Handlungstechnisch ist Doras „Reise nach Agatis“ eher schwach. Sie dient eher nur dem Zweck, das zu zeigen, was der Fan sehen (und Dora zeigen) will. Vom Aufbau her hat mich der Film an den 2006 abgedrehten „Cannibal“ erinnert, in dem es um Armin Meiwes, den Kannibalen von Rothenburg, ging, wobei hier der Schlag in die Magengrube aus meiner Sicht bedeutend zurückhaltender ausfiel. Keine Frage, das Gezeigte übersteigt die Sehgewohnheiten des Normalzuschauers um unzählige Einheiten, aber das dumpfe Magengefühl war bei „Cannibal“ intensiver.

Mutig versetzt Dora seine perverse Gewaltorgie mit melancholischen Gedichten, die übrigens alle von Darstellerin Janna Lisa Dombrowsky stammen, und erfindet damit fast ein neues Genre. „Torture Porn“ meets melancholische „Literatur“. Auch hier lässt sich eine Gemeinsamkeit mit dem Filmer Jörg Buttgereit nicht von der Hand zu weisen. Während Marian Dora bei „Cannibal“ und „Melancholie der Engel“ noch in die Vollen ging, inszenierte er dieses Drei-Personen-Drama die meiste Zeit relativ verhalten und erreicht damit, dass die blutigen und psychischen Szenen einen weitaus unvorbereiteter treffen, als bei den beiden anderen genannten Filmen. Marian Doras Amateurfilm mag an manchen Stellen zwar auch tatsächlich amateurhaft wirken, aber im Grunde genommen erkennt man einen geborenen Filmemacher, der seine Provokationen und Gewaltdarstellungen niemals nur um ihrer selbst Willen inszeniert, sondern in nachdenklich stimmende Bilder verpackt. Vielleicht ist es gerade diese surrealistisch und gleichzeitig doch enorm realistisch wirkende Mischung, die uns das Grauen so nahe bringt.

Man muss Marian Doras Film gesehen haben (wenn man es denn durchhält 😉 ) um eine Wertung abzugeben. Diese Wertung sollte man aber vielleicht gar nicht öffentlich äußern, um eventuellen Mißverständnissen im Freundeskreis vorzubeugen, die einen eventuell mit schiefem Blich mustern, wenn man Gefallen an solchen Filmen findet. Marian Dora ist ein kontroverser Filmemacher, der sich traut, Dinge zu zeigen. Und trotz aller Gewalt steckt dermaßen viel Philosopie und Liebe in seinen Filmen … das würde ich ohne weiteres Kunst nennen.

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Fazit: Kontrovers, heftig und schockierend auf der einen, philosophisch und melancholisch auf der anderen Seite. Man muss Marian Doras Filme einfach selbst sehen, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

© 2015 Wolfgang Brunner

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Journey Of Love (2012)

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Originaltitel: Safety Not Guaranteed
Regie: Colin Trevorrow
Drehbuch: Derek Conolly
Kamera: Benjamin Kasulke
Musik: Ryan Miller
Laufzeit: 86 Minuten
Darsteller: Aubrey Plaza, Mark Duplass, Jake Johnson, Karan Soni, Kristen Bell, Mary Lynn Rajskub
Genre: Komödie
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahren

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Durch eine außergewöhnliche Kontaktanzeige, in der ein Mann jemanden sucht, der mit ihm auf eine Zeitreise gehen würde, lernt die Praktikantin Darius den seltsamen Kenneth lernen. Je länger sie mit ihm zusammen ist, desto merkwürdiger kommt ihr der Mann vor. Dennoch verliebt sie sich in ihn. Lange ist sie unsicher, ob Kenneth tatsächlich fähig ist, Zeitreisen durchzuführen oder ob er einfach nur verrückt ist.

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Dieser Film, von den gleichen Produzenten, die den absolut wunderbaren „Little Miss Sunshine“ ermöglichten, lässt mich zwischen „Gefällt mir“ und „Gefällt mir gar nicht“ hin und her schwanken. Einerseits ist die Idee ganz nett und manchmal auch ganz gut umgesetzt, andererseits bekommt man Sprüche zu hören, die absolut schwachsinnig und niveaulos sind. Das ist der Punkt, den ich an den meisten Komödien sowieso nicht mag. Und leider trifft das auch auf „Journey Of Love“ zu.

Ich hatte eigentlich einen romantischen Liebesfilm erwartet. Vielleicht lag es daher auch an meiner falschen Erwartungshaltung, dass „Journey Of Love“ bei mir nicht funktioniert hat. Schauspielerisch fand ich, bis auf Aubrey Plaza, niemanden gut. Okay, Karan Soni als „Dumpfbacke“ konnte mich auch noch überzeugen. 😉

Obwohl der Film nur gute 80 Minuten lang ist, dümpelte er dennoch unbeholfen dahin und ließ desöfteren Langeweile bei mir aufkommen. Vor allem, weil die Geschichte einfach nicht vorwärtsging und das Thema Zeitreisen nicht im Vordergrund stand, wie einem aber anhand des Covers vermittelt wird. Komödien-Fans werden den Film mögen, ich fand ihn zu anspruchslos und schauspielerisch unbefriedigend. Man hätte aus dem Plot durchaus mehr machen können, Independent Film hin oder her.

Da bleibt nur zu hoffen, dass Colin Trevorrow bei „Jurassic World“ ein besseres (Regie-) Händchen hatte.
Für die grandiose Übersetzung des englischen Originaltitels in einen englischen deutschen Titel erhält dieser Film von mir auch noch die Auszeichnung „Golden Translation Raspberry“.

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Fazit: Lahme, nur bedingt unterhaltsame Komödie mit (leider nur sehr wenigen) romantischen, und dadurch schönen, Momenten. Ansonsten platte Comedy, die nicht wirklich Tiefgang hat.

© 2014 Wolfgang Brunner

Interview mit dem Regisseur Julian Schöneich

Julian Schöneich
© Julian Schöneich

 

Julian Schöneich wurde 1987 in Hamburg geboren und realisierte nach einigen Kurzfilmen und Musikvideos seinen ersten Spielfilm ohne eine Filmförderung. Herausgekommen ist ein spannender Genremix aus Thriller, Krimi, Drama und Horror mit dem Titel „Roulette“.

Im Jahr 2009 schloss er sich mit anderen kreativen selbstständigen unter dem Namen „Film Fatal“ zusammen. .

Film-Besprechungen freut sich, Julian Schöneich ein paar Fragen stellen zu dürfen.

1. Deine Inspiration zu „Roulette“ kam von Michael Ciminos Geniestreich „Die durch die Hölle gehen“. Es gibt sicherlich noch andere Filme, die Dich beeinflussen. Welche?

Da ich viele Filme sehe, nehme ich sicherlich auch immer viele Einflüsse unterbewusst auf. Doch davon lasse ich mich beim Schreiben nicht bewusst beeinflussen. Ich versuche einfach möglichst originelle Drehbücher zu schreiben.
Interessant finde ich, welche Einflüsse Leute, die den Film gesehen haben, mir oft nachgesagt haben. Da habe ich gehört: „The Deer Hunter“, „Eastern Promises“, „13 Tzameti“ (obwohl ich diesen Film nie gesehen habe), „Hostel“, „Saw“ und „Kill Bill“.
Wird sicherlich was dran sein, aber der einzige Film, der mich bewusst beeinflusst hat, war „The Deer Hunter“

2. Du hast für Dein Spielfilmdebüt ein äußerst fähiges Schauspielteam gewonnen. Hattest Du bei der Auswahl die Finger mit im Spiel?

Ja, wir haben die Schauspieler alle selber gecastet. Wir hatten Glück, dass so viele Schauspieler Interesse hatten, auch unter den miesen Drehbedingungen zu arbeiten. Am Ende hatten wir einen super Cast aus ganz Deutschland.

3. Dein kommendes Projekt ist ein Dokumentarfilm über den Hamburger Stadtteil St. Pauli. Wie kam es zu dem Schritt, nach einem Kinofilm einen Dokumentarfilm zu drehen?

Ich wohne auf Sankt Pauli und mein Nachbar Johannes Neinens wollte eine Pauli-Doku machen, in der er Leute vom Kiez zum aktuellen Wandel befragt. Ich war von der Idee begeistert und habe vorgeschlagen, mich um die technische Umsetzung zu kümmern.
Es war ein ganz anderer Dreh als bei „Roulette“, da wir nicht alles am Stück, sondern über ein ganzes Jahr verteilt gedreht haben.
Ich denke Filme sollten Geschichten erzählen und das kann man sowohl fiktional, wie auch dokumentarisch angehen.
Es hat mir großen Spaß gemacht und es wird sicher nicht meine letzte Doku.

4. Was war das Witzigste bei den Dreharbeiten zu „Roulette“?

Hmmm … Witzig war es dann vor allem im Nachhinein. Beim Dreh stand ich sehr unter Anspannung und hatte auch nicht viel zu lachen.
Was mir sofort einfällt, Rapper Volkan Horn hatte im Film einen Gangster dargestellt und fing in der Szene mit Vlad im Maskenraum ständig an zu lachen. Es war ein langer Tag und irgendwann hat es das ganze Team angesteckt. Wir haben 20 Takes oder so gedreht, weil ständig irgendwer lachen musste.

5. Und was das Schwierigste?

Als wir am zweiten Drehtag die Vergewaltigungsszene gedreht haben, hat es die ganze Nacht wirklich heftig geregnet. Da wir mitten in einem Waldgebiet gedreht haben, hatten wir nicht viele Möglichkeiten uns unterzustellen. Uns ist in der Nacht fast die ganze Technik abgesoffen.
Wir haben die Szene trotzdem gedreht und sie ist echt gut geworden.
6. Kannst / Darfst / Willst Du schon ein paar Worte zu Deinem Projekt verlieren, das nach „St. Pauli Zoo“ geplant ist?

Nur so viel: Es wird was ganz anderes als „Roulette“ und „St. Pauli Zoo“. Keine Doku, sondern es wird ein kleiner, gemeiner deutscher Genrefilm.

8. Für einen jungen Regisseur zeigst Du ein außerordentliches, visuelles Talent, was Dramatik und Perfektion angeht. Worin liegt Dein Geheimnis? Kann es sein, dass Du bereits seit Deiner Kindheit Filmfreak bist?

Ja das stimmt. Ich war schon als Kind vom Medium Film fasziniert. Angefangen, richtig viele Filme zu gucken, habe ich dann aber mit 16 oder so. Ich habe eine Zeit lang jeden Tag einen Film angeschaut. Das hat viel Spaß gemacht und ich habe sicherlich von vielen Filmen etwas mitgenommen.

9. Hättest Du die Möglichkeit, ein Remake zu inszenieren, welchen Film würdest Du wählen und warum?

Ich bin der Meinung, dass die meisten Remakes überflüssig sind. Sinn macht es dann, wenn der Originalfilm eine gute Grundidee hatte, welche einfach nicht gut umgesetzt wurde. Da fällt mir spontan grade nichts ein. Es wurde ja auch schon viel ausgeschlachtet in den letzten Jahren.

10. Nenne die 5 wichtigsten Dinge in Deinem Leben.

Schwierige Frage … Ich probier’s mal: Unabhängigkeit und Kreativität, meine Eltern und Familie, Currywurst mit Pommes, Sankt Pauli und meine Freundin.

11. Normalerweise stelle ich nur 10 Fragen. Aber bei Dir muss ich eine Ausnahme machen, weil mich eines an Dir und Deinem Film besonders fasziniert. Wie schafft man es, mit einem derart geringen Budget einen so außergewöhnlichen, stylischen und handwerklich nahezu perfekten Film auf die Beine zu stellen?

Wir haben viel Unterstützung von Locations, Technik-Verleihern, der Crew und dem gesamten Cast bekommen. Alle haben an einem Strang gezogen und es gab keine großen Komplikationen. Sonst wäre das alles gar nicht möglich gewesen.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Beantwortung meiner Fragen und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute. Vielleicht führen wir ja irgendwann über einen anderen Film von Dir ein Gespräch miteinander.

Wer sich für den esten Kinofilm von Julian Schöneich interessiert, sollte sich auf der Homepage des Films einmal umsehen. (Einfach auf das Filmplakat klicken und schon landet man dort.)

© 2014 Wolfgang Brunner / Julian Schöneich

Roulette

 

 

Roulette – A Game Of Chance (2013)

Roulette-2012

Originaltitel: Roulette
Regie: Julian Schöneich
Drehbuch: Julian Schöneich, Leon Graf
Kamera: Henri Schierk
Musik: Valentin Boomes
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Lena Steisslinger, Matthias Unruh, Gunnar Titzmann, Aimé Göpfert, Chris Arend
Genre: Thriller, Horror, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahren

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Sina lebt auf der Strasse und versucht, mit Betteln und kleinen Gaunereien Geld zu ergattern, um sich über Wasser zu halten. Eines Tages trifft sie Michelle, eine ehemalige Schulkameradin. Sie will Sina helfen und vermittelt ihr eine makabre Verdienstmöglichkeit: Sina soll vor Publikum Russisch Roulette spielen. Überlebt sie, warten 15.ooo Euro auf sie. Die Chancen stehen 1:5 und Sina willigt ein. Doch es ist leider nicht nur mit dem tödlichen Spiel getan, denn Sina gerät immer mehr in einen Strudel aus Gewalt. Denn wer sich gegen den „Veranstalter“ wehrt, muss mit dem Schlimmsten rechnen …

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Julian Schöneichs Debütkinofilm reisst einen förmlich von Hocker, wenn man bedenkt, was er und seine Crew mit einem Minibudget von 15.000 Euro und persönlichem Engagement auf die Beine gestellt haben. Mit einer unglaublich sicheren Hand führt der Regisseur und Drehbuchautor den Zuschauer durch eine fremde Welt, die doch so nah sein könnte. Da gibt es so irgendwie gar nichts zu bemängeln, denn die Regiearbeit, die Story, die Schauspieler, die Kameraführung, der Schnitt und die Musik wirken so perfekt und aufeinander abgestimmt, dass es wirklich schwer fälltzu glauben, welch geringer Geldbetrag zur Verfügung stand.

Lena Steisslinger als Sina ist wirklich toll. Sie spielt ihre Rolle überzeugend und vor allem sehr routiniert, so dass man nur hoffen kann, dass solch ein junges Talent in Zukunft öfters auf der Leinwand zu bewundern ist. Aber nicht nur sie (obwohl sie mir zugegebenermaßen von allen Rollen am besten gefallen hat 😉 ), sondern auch der Rest der Crew hat wirklich hochwertige Arbeit geleistet.
Matthias Unruh, den man auch auf Theaterbühnen zu Gesicht bekommt, spielt den sadistischen Gangsterboss absolut glaubwürdig. Ebenso wie Gunnar Titzmann, den man vom gesamten Cast bis jetzt wohl am meisten in Fernseh- und Kinofilmen gesehen hat (Schimanski muss leiden, Die Gustloff).
An Aimée Göpfert als Femme Fatale kann man ebenfalls absolut nichts aussetzen.
Sie alle geben eine perfekte Besetzung für Schöneichs Genremix ab. Womit wir bei einem weiteren Aspekt des Films sind, der mir sehr gefallen hat.

Schöneich verbindet Krimi, Thriller, Drama und sogar einen Schuss Horror zu einem stimmigen Gesamtwerk. Die Idee zu seinem Film stammt, so der Regisseur, von der berühmten „Russisch Roulette“-Szene aus „Die durch die Hölle gehen“  und wurde kurzerhand von Vietnam nach Hamburg verlegt. Stimmungsvolle Bilder der Großstadt wechseln  sich mit ruhigen, aber auch brutalen Szenen ab und lassen in keiner Minute Langeweile aufkommen. Die Filmmusik von Valentin Boomes passt perfekt und sorgt immer für die richtige Untermalung zur entsprechenden Stimmung.

Roulette hat den Award für „BEST ACTION FEATURE“ auf dem Germany After Dark Festival gewonnen. Zu Recht!
Wer sich für den Film interessiert, sollte sich die Film-Homepage ansehen.

Ich denke, man kann von Julian Schöneich noch so einiges erwarten. Zuerst aber freue ich mich schon auf sein neues Projekt „St. Pauli Zoo“, ein Dokumentarfilm über den Wandel des Hamburger Traditionsstadtteils St. Pauli, der übrigens zum Großteil schon abgedreht ist. Für die finalen Feinarbeiten braucht der talentierte Regisseur aber noch ein wenig finanzielle Unterstützung. Deswegen hat  er ein Crowdfunding-Projekt ins Leben gerufen.

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Fazit: Julian Schöneichs Indie-Thriller kommt stylisch und routiniert daher. Durch den gekonnten Genremix aus Krimi, Thriller, Drama und einer leichten Prise „Torture“-Horror schafft der junge Regisseur einen faszinierenden Film. Für mich ein uneingeschränkt zu empfehlender Geheimtip in der deutschen (unabhängigen) Filmszene. Mehr davon bitte!

Ach ja, und eine Blu Ray-Veröffentlichung steht demnächst auch an.

© 2014 Wolfgang Brunner

Almost Human (2013)

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Originaltitel: Almost Human
Regie: Joe Begos
Drehbuch: Joe Begos
Kamera: Joe Begos
Musik: Andy Garfield
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Darsteller: Graham Skipper, Josh Ethier, Vanessa Leigh, Susan T. Travers, Anthony Amarall III
Genre: Horror, Science Fiction
Produktionsland: USA
FSK: 18

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Eines Abends verschwindet Mark inmitten eines hellen Lichtstrahls, der vom Himmel schießt. Nach zwei Jahren geschehen plötzlich ungewöhnliche Morde und die damals Beteiligten vermuten schon bald, dass Mark, von wo auch immer, wieder zurückgekehrt ist. Als sie Mark begegnen, müssen sie feststellen, dass Mark nicht mehr derselbe ist. Etwas Böses hat von ihm Besitz ergriffen …

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Almost Human hat mich echt überrascht. Ich hatte ein eher unbedeutendes Filmchen erwartet, das ich ein paar Tage, nachdem ich es gesehen habe, wieder vergesse. Aber ich wurde, wie schon so oft bei unbekannten Independence-Filmen, wirklich positiv überrascht. Auch wenn die ersten fünf Minuten eher „stümperhaft“ wirken, so entwickelt sich Almost Human zu einer echten kleinen Perle, finde ich zumindest.
Josh Etier hat mich in den ersten Einstellungen nicht überzeugt, aber als Besessener wirkte er dann umso mehr auf mich.  Leider hat mich Graham Skipper, der mich manchmal an Kyle McLachlan erinnerte, nicht ganz so überzeugt. Dennoch waren es durch die Bank ganz passable Schauspielerleistungen. Einzig die deutsche Synchronisation wirkte desöfteren lustlos und unprofessionell.

Joe Begos, der hier sein Debüt ablieferte, ist eindeutig Fan von John Carpenter.  Ich fühlte mich sehr oft an Halloween oder Das Ding aus einer anderen Welt erinnert. Begos kopiert aber nicht, sondern verbeugt sich eher vor seinem Idol. Und das ist ihm wirklich gut gelungen. Hin und wieder fühlte ich mich, so wie es auch auf dem Cover angegeben ist,  an Invasion der Körperfresser erinnert, aber dennoch gelang Begos ein eigenständiger Sci-Fi-Horror, der Spaß macht.
Ich kann nicht nachvollziehen, wenn in anderen Kritiken steht, der Regisseur wäre talentlos. Für mich war gerade das Gegenteil der Fall.

Die wohldosierten Splattereffekte sind gut gemacht und wirken. Alles in allem wurde ich durch Almost Human richtig gut unterhalten und auch was Kamera und Musik betrifft, war nichts auszusetzen.

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Fazit: John Carpenter-Fans werden die Anspielungen auf Halloween und Das Ding aus einer anderen Welt mühelos erkennen. Joe Begos hat ein wirklich gutes Debüt abgeliefert, das zum größten Teil überzeugen kann. Vor allem Josh Etier als von Aliens besessener Mark hat mich (außer in den ersten fünf Minuten) überzeugt. Im Bereich Independent Film absolut sehenswert.

© 2014 Wolfgang Brunner

Jug Face (2013)

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Originaltitel: Jug Face

Laufzeit: 78 Minuten

Regie: Chad Crawford Kinkle

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Die junge Ada wächst in einer Kolonie von Hinterwäldlern auf. Um den Fortbestand der Sippe zu sichern, soll sie bald, als Jungfrau, mit dem Sohn der Nachbarn vereinigt werden. Dabei ahnt niemand, dass Ada keine Jungfrau mehr ist. Mehr noch, sie ist schwanger, und zwar von ihrem eigenen Bruder. Doch das ist nicht Adas einziges Problem. Die Kolonie betet eine Sickergrube an, deren Wasser göttliche Fähigkeiten zugesprochen werden. Von Zeit zu Zeit nimmt der Geist der Grube Besitz vom dorfeigenen Töpfer und formt mit dessen Händen einen Krug. Dieser Krug zeigt das Gesicht desjenigen Koloniebewohners, der der Grube als nächstes geopfert werden soll. Als Ada in diesem „Jug Face“ ihr eigenes Gesicht erkennt, bekommt sie es mit der Angst um ihr ungeborenes Kind zu tun und versteckt den Krug. Doch damit beschwört sie das Böse herauf, denn nun erwacht die Grube zum Leben und holt sich ihre Opfer selbst.

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Ehrlich gesagt, mir fehlen ein bisschen die Worte, um das zu beschreiben, was ich da gerade gesehen habe. Nur Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Jug Face gehört zu den ungewöhnlichsten Horrorfilmen seit langem. Dabei kann man eigentlich nicht mal wirklich von einem Horrorfilm sprechen, denn Splatter, Grusel oder Schreckeffekte gibt es nicht wirklich. Eigentlich könnte man den Film eher als Hinterwäldler-Drama bezeichnen, das den verzweifelten Kampf einer jungen Frau um ihr ungeborenes Kind thematisiert. Dabei wird jedes gängige Klischee bedient: Schwarzbrennerei, Inzest, geistige Zurückgebliebenheit und religiöser Wahn. Eigentlich nichts, was den Zuschauer noch überraschen kann, wäre da nicht, tja, wäre da nicht die Sickergrube, die von einer blutdürstenden Gottheit besessen ist.

Die Atmosphäre, der der Film schafft, ist durchgehend angespannt und bedrohlich, denn der Alltag der Hinterwäldler ist bestimmt durch Tradition, Gewalt und Glaube. Doch immer, wenn es um die Grube geht, hält der übernatürliche Schrecken Einzug in die kleine Gemeinde. Als ihr ihre Blutopfer vorenthalten werden, ist plötzlich niemand mehr vor ihr sicher. Dabei leidet man als Zuschauer unglaublich mit Ada mit, die den Bann durchbrechen und sich und ihr ungeborenes Kind schützen möchte, und dabei doch ewiges Verderben über ihre kleine Gemeinde bringt.

Der Regisseur und Autor Chad Crawford Kinkle ist noch ein unbeschriebenes Blatt, denn Jug Face ist sein erster Langfilm. Im Jahr 2011 gewann er mit seinem Drehbuch einen Wettbewerb beim Slamdance Film Festival, was schließlich zur Produktion des Stoffes führte. Kurz nach der Veröffentlichung wurde der Film zu einem Festival-Renner. Kinkle zeigt hervorragend, dass man auch mit minimalstem Budget eine Geschichte eindrucksvoll erzählen kann. Dabei profitiert er nicht unerheblich von seinen großartigen Schauspielern. Lauren Ashley Carter spielt die bemitleidenswerte, aber trotzdem willensstarke Ada, Sean Young (bekannt aus Blade Runner) brilliert als religiös-fanatische und durchaus hassenswerte Mutter Loriss, und natürlich darf bei einem Hinterwäldler-Film Trashlegende Larry Fessenden (auch zu sehen in Wir sind was wir sind und You’re Next) nicht fehlen. Hinzu kommt Effektkünstler Robert Kurtzman, der sich für die wenigen, aber gut platzierten Bluteffekte verantwortlich zeichnet. Kurtzman kann mit einer bemerkenswert langen Filmografie aufwarten, auf der sich Klassiker wie Evil Dead II, Bride of Re-Animator und From Dusk Till Dawn finden lassen.

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Fazit: Jug Face ist das ambitionierte Projekt eines talentierten Jungregisseurs. Mit einem sicheren Gespür für vielschichtige Charaktere und eindringliche Bilder hat Kinkle eine kleine Perle des Independent-Horrors geschaffen, die nach dem Ansehen ein ungutes Gefühl in der Magengrube hinterlässt. Ein Film für ein kleines Publikum, dafür mit umso größerer Wirkung. Ich freue mich schon jetzt auf Kinkles zukünftige Projekte.

© 2014 Tobias Schumacher

Ben & Mickey vs. The Dead (2012)

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Originaltitel: The Battery

Laufzeit: 101 Minuten

Regie: Jeremy Gardner

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Ben und Mickey scheinen die letzten Überlebenden in einer von Zombies bewohnten Welt zu sein. Eine Pandemie hat die Menschheit dahingerafft und die beiden Freunde ziehen mit Baseballschläger und Discman ohne Ziel durchs Land. Unverhofft stossen sie auf eine Gruppe weiterer Überlebender. Was zuerst wie ein Glücksfall aussieht, entwickelt sich zur Katastrophe für Ben und Mickey.

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Verleitet von den Pressezitaten „Ein Meisterwerk“ und „Ein klassischer Zombiefilm, wie Romero ihn gemacht und geliebt hätte“, schaffte ich mir diesen Indepedent-Film an.
In den ersten zehn Minuten war ich etwas irritiert, weil ich doch etwas komplett anderes zu sehen bekam, als ich durch die Quotes erwartet hatte. Aber es dauerte nicht lange und das Zusammenspiel der beiden Hauptakteure (einer davon ist der Regisseur und Drehbuchautor) überzuegte  mich.
„Ben & Mickey vs. the Dead“ ist für mich absolut kein typischer Zombiefilm, wie die Pressezitate weismachen wollen, sondern eine ungewohnte, daher erfrischend andere, Herangehensweise an die postapokalyptischen Zombiefilme der letzten Jahre.
Jeremy Gardner und Adam Cronheim zuzusehen, macht ungemein Spaß. Die Dialoge sind nicht flach, sondern haben einen eigensinnigen Humor, der überzeugt und einen so manches Mal zum Schmunzeln verleitet.
Der Film ist kein „Shaun Of The Dead“ und kein Romero-Reißer, sondern ein eigenständiges Stück Film, das mit viel Liebe und Hingabe inszeniert wurde.
Die Meinungen gehen bei diesem Film so weit auseinander, wie sie  weiter nicht gehen könnte. Die einen sagen, es wäre der schlechteste, langweiligste Film, den sie jemals gesehen haben, die anderen fahren eher auf meiner Schiene.
„Ben & Mickey vs. The Dead“ erinnerte mich weniger an die Filme von George A. Romero, als vielmehr an „Dark Star“ von John Carpenter, denn Gardener hat wie einst Carpenter ohne großartiges Budget das beste aus seinem Debütfilm herausgeholt.

Wer Splatter und/oder einen handfesten Horrorfilm erwartet, sollte defintiv die Finger von Gardeners Film lassen. Wer sich auf ein humorvolles Feel-Good-Movie-Experiment mit Zombie-Beilagen einlassen will, wird mit zwei sympathischen Hauptdarstellern und einem fabelhaften Soundtrack belohnt.
Für mich eine der größten Entdeckungen dieses noch jungen Jahres im Bereich des Independet-Films. Ich hoffe, dass ich von James Gardener noch weitere Filme sehen kann.

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Fazit: Außergewöhnlicher Genre-Beitrag  im Bereich des Independent-Films. Mit geringem Budget wurde hier ein wirklich guter Film auf die Beine gestellt, was nicht zuletzt an den beiden Hauptdarstellern liegt. Der einzige Feel-Good-Movie, den ich kenne, bei dem Zombies eine wichtige Rolle spielen.

© 2014 Wolfgang Brunner