Michael – (K)ein harter Vampirfilm (2017)

Originaltitel: Michael – (K)ein harter Vampirfilm
Regie: José Hidalgo
Drehbuch: José Hidalgo, Kirsten Rusche
Kamera: Niklas Meyer
Musik: José Hidalgo, Marius Knetsch, Adrian Wojtynek
Laufzeit: 91 Minuten
Darsteller: Jörn Guido, José Hidalgo, Simone Kaufmann, Klaus Thiel-Klenner, Evelyn Fytter, Andreas Rimkus
Genre: Horror, Komödie
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Mit Erschrecken muss Michael feststellen, dass sein „bestes Stück“ nicht mehr funktioniert. Deprimiert wegen seiner verlorenen Männlichkeit beginnt er zusammen mit seinem Freund Mumu und dessen Freundin Lola nach den Ursachen zu suchen. Nach einer gründlichen, ärztlichen Untersuchung lautet die Diagnose: Michael ist tot. Und die Tatsache, dass er nicht fotografiert werden kann, lässt den Schluss zu, dass er sich zu einem Vampir verwandelt hat. Michael und seine Freunde machen sich auf die Suche nach der schuldigen Vampirin. Begleitet werden sie von Michaels Vater, einem Priester, der Spezialist im Töten solcher Ungeheuer ist.

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Der deutsche Independet-Film bietet immer wieder mal Überraschungen. So auch die herrlich schräge und von Filmzitaten strotzende Vampir-Komödie „Michael – (K)ein harter Vampirfilm“ des Regisseurs José Hidalgo. Schon am Anfang begann ich an „Night Of The Living Dead“ und „Ein Zombie hing am Glockenseil“ zu denken, als ich die Einstellungen mit Pater Engelbert (übrigens absolut gelungen dargestellt von Klaus Thiel-Klenner) sah. Und in ähnlichem Stil setzt Hidalgo seine Hommage an unzählige Horrorfilme und -bücher fort. Man muss schon genau aufpassen, um alles zu registrieren, denn unentwegt entdeckt man versteckte Anspielungen auf bekanntere und unbekanntere Kultfilme sowohl in Bild als auch Ton. Genial fand ich auch, dass literarische Größen wie zum Beispiel Anne Rice, Dean Koontz, Stephen King und Bram Stoker einen Platz unter den Vorbildern ergattert haben. Es ist wirklich eine wahre Freude, dem Protagonisten bei der Suche nach seiner fehlenden Männlichkeit zu begleiten. Womit ich auch schon bei einem sehr großen Pluspunkt dieser eigenwilligen Produktion lande: der Humor. Deutsche Filme und Humor passen für mich in den seltensten Fällen zusammen, denn meist endet diese Mischung (zumindest in Deutschland) in einer peinlichen Abfolge unlustiger Klamaukeinlagen. Nicht so bei „Michael – (K)ein harter Vampirfilm“. Auch wenn nicht jeder Gag sitzt, so kann man sich über die meisten wirklich so richtig amüsieren und auch schon mal lauthals lachen. Die Situationskomik funktioniert bestens, was vielleicht sogar daran liegt, dass die Schauspieler so manches Mal amateurhaft wirken. Aber genau das ist es auch, was den Humor so trocken und eben auch authentisch wirken lässt. Ich war jedenfalls vollkommen angetan davon.

Inszenatorisch kann man nicht meckern, vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass diese liebevolle Produktion ein Budget von lediglich etwa 17.000 Euro zur Verfügung hatte. Da hat Hidalgo ganz schön was auf die Beine gestellt. Schauspielerisch konnte  mich am meisten Klaus Thiel-Klenner überzeugen, der mir schon bei „Z-Office“ sehr gut gefallen hat. Aber auch José Hidalgo brachte mich mit seinem trockenen Humor immer wieder zum Schmunzeln. Jörn Guido war in der Hauptrolle ebenfalls überzeugend und passte sich hervorragend dem Team an. Der Spaß während des Drehs ist in jeder Einstellung spürbar. Leider passt der Soundtrack nicht immer hundertprozentig zum Filmgeschehen. An manchen Stellen ließe ich mir das durchaus gefallen, an anderen hätte ich mir mehr Dramatik im Score gewünscht (zum Beispiel im Endkampf). Ich bin nicht sicher, ob das so gewollt ist.

„Michael – (K)ein harter Vampirfilm“ ist zwar ein Amateurfilm, aber mit vielen professionellen Ansätzen. Jegliche Amateurhaftigkeit, die sich definitiv nicht durch den ganzen Film zieht, sondern sich nur auf einzelne Szenen beschränkt, wird durch die durchwegs sympathischen Darsteller und den wirklich witzigen Wort- und Situationswitz eingedämmt. Dazu gesellen sich die, wie oben schon erwähnt, zahlreichen und genial verstreuten Zitate aus anderen Filmen, die die Komödie noch einmal gehörig auflockern und den Film zu einem kurzweiligen Ereignis machen. „Michael – (K)ein harter Vampirfilm“ will nicht ernst genommen werden, sondern einfach nur intelligent und amüsant unterhalten. Und das tut er auf ganzer Linie. Der Film wurde sichtlich mit viel Hingabe und Liebe zum Film inszeniert und funktioniert in vielerlei Hinsicht. Hier waren unübersehbar Filmfans am Werk, die ein Feuerwerk an witzigen Ideen abliefern, von denen man gar nicht genug bekommen kann. Hätte mehr Budget zur Verfügung gestanden, wäre „Michael – (K)ein harter Vampirfilm“ sicherlich einem breiteren Publikum zugänglich und ein Kultfilm unter den deutschen Horror-Komödien geworden. So aber hat nur ein auserwählter Kreis von interessierten Independentfilm-Zuschauern das Privileg, dieses witzige Spektakel zu genießen. Da fragt man sich, warum solche einfallsreichen Regisseure wie José Hidalgo keine Unterstützung von zum Beispiel Fernsehsendern bekommen.
Wer aber den Regisseur dabei unterstützen möchte, dass dieser wunderbare Film auf DVD erscheint, kann dies bei der Startnext Crowdfunding Kampagne unter https://www.startnext.com/michael-vampirfilm tun.

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Fazit: Ein filmisches Feuerwerk mit unzähligen Anspielungen auf Kultfilme und einem außergewöhnlichen Humor. Mehr davon!

© 2017 Wolfgang Brunner

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Filmprojekt „Feed The Reapers“

Und wieder einmal will ein Herzensprojekt im Horrorgenre an den Start gehen. Deutsche Independentfilme sind oft schwer zu realisieren, obwohl schon des öfteren gezeigt wurde, wie stark solche Filme sein können. Mit „Feed The Reapers“ möchte Regisseur Gero Sammrey einen Genrefilm umsetzen, den wohl jeder, der auf die Horrorklassiker der 80er Jahre steht, gerne sehen würde. Das kann man auch schon klar und deutlich an dem wunderbaren und aussagekräftigen Filmplakat erkennen.

Ein verlassenes Gasthaus, ein ehrgeiziger, genialer Wissenschaftler und jede Menge handgemachte, blutige Effekte stehen im Mittelpunkt des geplanten 50 bis 60 Minuten langen Films. Kim und Denny suchen das Abenteuer und gelangen an ein verlassenes Gasthaus. Doch schon bald muss das Pärchen feststellen, dass etwas nach ihrem Leben trachtet. Doch das ist noch nicht alles, denn in einem Labor versucht ein Wissenschaftler ein bahnbrechendes Medikament für die Zukunft zu erschaffen, ein Geschenk für die Menschheit, für den Patienten jedoch die Hölle.

Kling unglaublich interessant, wie ich finde, und wenn man sich die Beschreibung des Crowdfunding-Projekts durchliest, kann man sich vorstellen, dass einen ein liebevoll inszenierter Herzblut-Horror mit einer tollen Atmosphäre erwartet. Ein paar namhafte SchauspielerInnen haben bereits zugesagt, an dem Projekt mitzuwirken, sollte das finanzielle Ziel erreicht werden: Susen Ermich zum Beispiel, die in Andreas Marschalls „Masks“  mitgewirkt hat. Außerdem wären da noch Barry D. Fallow, Annika Grobau und Moloch, den viele bereits unter anderem aus „Interimere“, „Dogma Dogma“ oder jüngst „Z-Office“ oder „Hi8: Ressurrectio“ kennen.
Das klingt alles sehr vielversprechend und sollte unterstützt werden. Gerade weil dieses Projekt von Menschen gemacht wird, die sich nicht viel um Mainstream und andere Vorgaben scheren, sondern mit dem Herzen dabei sind. Ein Film von Filmfreaks für Filmfreaks – kann es etwas besseres und ehrliches geben?
Regisseur Sammrey will wohl eine wilde Mischung aus 80er Jahre-Slasher und verrücktem Wissenschaftler á la „Re-Animator“ auf die Beine stellen, wie er sich auf der Projektbeschreibung ausdrückt.

Momentan wird noch eifrig geplant, das Drehbuch effektvoll und dramaturgisch umgeschrieben, designt und vorbereitet. Das Projekt läuft also in der Vorbereitungsphase bereits auf Hochtouren und wartet nur noch auf die finanzielle Unterstützung von Horrorfans. Und das kann und sollte man unbedingt auf folgender Seite tun —> FEED THE REAPERS CROWDFUNDING


Rechts: Regisseur Gero Sammrey Links: Autor Robert Gryczke
© Samrec.ordz / Katrin Steffer

Ich hoffe sehr, dass das Crowdfunding-Projekt gelingt und die Dreharbeiten endlich beginnen können. Ich bin sicher, dass auch „Feed The Reapers“ beweisen würde, dass der deutsche Independent-Horrofilm mehr denn je lebt. Also, mitmachen … Cast und Crew freuen sich darüber.

© 2017 Wolfgang Brunner

 

Der Babadook (2014)

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Originaltitel: The Babadook
Regie: Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Kamera: Radoslaw Ladczuk
Musik: Jed Kurzel
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman, Daniel Henshall, Hayley McElhinney, Barbara West, Benjamin Winspear
Genre: Horror, Drama
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Samuels Mutter hat ihren Mann verloren und muss sich nun alleine um den Jungen kümmern. Als sie ihm eines Tages ein Kinderbuch mit dem Titel „Der Babadook“ vorliest, glaubt Samuel darin das Monster aus seinen Träumen zu erkennen. Seine Angst wird von Tag zu Tag schlimmer und ergreift schließlich auch seine Mutter. Alpträume und Realität verschmelzen miteinander zu einem erschreckenden Gesamtbild.

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Irgendwie habe ich den Eindruck, dass bei diesem Film die Meinungen sehr weit auseinandergehen. Die einen sind hellauf begeistert und bezeichnen „Der Babadook“ als besten Horrorfilm des Jahres, die anderen können dem Genremix wohl wenig bis gar nichts abgewinnen.
Ich wusste nicht, was mich erwartete, folglich ging ich also völlig unvoreingenommen an diesen Film heran. Und das war auch genauso gut, wie die Tatsache, dass ich mich von den schlechten Meinungen, die ich im Vorfeld gelesen hatte, nicht habe abschrecken lassen. Denn was Jennifer Kent hier abgeliefert hat, hat mich tief beeindruckt. Die Mischung aus Horror und Familiendrama hat mich voll erwischt und gänzlich in Atem gehalten. Man merkt kaum die Grenze, bei der die „normale“ Horrorstory in ein tiefgründiges, äußerst deprimierendes Psychodrama abdriftet. Mit einer unglaublichen Intensität inszenierte Kent eine Geschichte, in der das Gehirn eines Menschen immer krankhafter wird und schließlich die Grenze zwischen Realität und Einbildung vollkommen miteinander verschmelzen lässt.

Essie Davis stellt die kranke Mutter hervorragend und absolut überzeugend dar, während Noah Wiseman seine Rolle zwar ebenfalls gut spielt, aber leider mit einem teilweise sehr nervigen Charakter „gestraft“ ist. Es gibt manche Stellen, da wünschte ich mir, ein anderer Junge hätte diese Hauptrolle übernommen. Zu übertrieben wird die Angst dargestellt, dass sie oftmals leider nicht wirklich glaubhaft wirkt, sondern  gestellt. Das schadet dem Film aus meiner Sicht sehr, denn die wirklich hervorragende Stimmung wird dadurch an einigen Stellen leider zunichte gemacht.

Jennifer Kents Horrordrama arbeitet weniger mit klassischen Horrorelementen, obwohl der ein oder andere Schockmoment mit dabei ist, sondern zeigt, wie sich die Geborgenheit eines Kindes unter der Obhut seiner Mutter immer mehr zerbricht. Das ist schockierend und sehr dramatisch aufgezeigt und nimmt den Zuschauer, der sich auf solch ein Psychospiel einlassen kann, absolut mit.

„Der Babadook“ ist ein Hochglanzfilm mit einer erschütternden Thematik geworden, den ich im Grunde genommen gar nicht in die Kategorie „Horrorfilm“ stecken würde. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum viele Zuschauer absolut enttäuscht von diesem unterschätzten Film sind. Da gibt es keine spektakulären Spezialeffekte, keine übermäßigen Schockeffekte und kein Blut spritzt. Das Fehlen dieser Dinge bei einem Film, lässt diesen in der heutigen Zeit leider sehr schnell in die Kategorie „Langweiliger Müll“ fallen. Wer jedoch ein bisschen Hirn besitzt und sich nicht nur von Effekten blenden lassen kann, sondern auch einen mit Fingerspitzengefühl inszenierten Horror des wirklichen Lebens versteht, wird diesen Film so schnell nicht vergessen.
Für mich eindeutig eine Perle unter den heutigen „Horrorfilmen“, gerade weil er einen Horror zeigt, der passieren könnte. Und welcher Horror wäre schlimmer für ein Kind, als seine Familiengeborgenheit auf die hier gezeigte Art und Weise zu verlieren?

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Fazit: Kein Horrorfilm, sondern ein erschreckendes Psychogramm einer Mutter, die durch den Tod ihres Mannes den Bezug zur Realität verliert und ihrem Sohn das einzige nimmt, das ein Kind in  diesem Alter braucht: Geborgenheit! Horror aus dem wirklichen Leben.

© 2016 Wolfgang Brunner

Barricade (2007)

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Originaltitel: Barricade
Regie: Timo Rose
Drehbuch: Timo Rose, Ted Geoghegan
Kamera: Matthias Jakubski, Timo Rose
Musik: Timo Rose
Laufzeit: 96 Minuten
Darsteller: Raine Brown, Joe Zaso, André Reissig, Thomas Kercmar, Manoush, Andreas Pape, Sebastian Gutsche, Stefan Lenger, Tanja Karius, Timo Rose
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ?

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Nina, Michael und dessen Kumpel David beschließen, einen kleinen Ausflug in den Schwarzwald zu unternehmen. Dort werden sie von einem mysteriösen Fremden gewarnt, dass sie umkehren sollen. Doch die drei ignorieren die Warnungen des Fremden und setzen ihren Ausflug fort. Doch bald treffen sie auf eine irre Kannibalenfamilie, die seit Jahren in den Wäldern haust und bereits auf sie wartet …

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Nachdem mich Timo Roses „Nature“, „Death Wish Zero“ und „Reeperbahn“ in letzter Zeit absolut begeistert haben, wage ich mich nochmals an seine älteren Produktionen heran.  Seinen „Lord Of The Undead“ und die „Mutation“-Trilogie habe ich nur noch schwach in Erinnerung. Nun habe ich mir aber „Barricade“ nochmal gegeben. 😉
„Hostel“, „The Hills Have Eyes“
und „Texas Chainsaw Massacre“ waren wohl die Vorbilder, die Timo Rose in seinem Backwood-Gore-Slasher „Barricade“ verwurstelte. Alle drei genannten Kultfilme fand ich persönlich gleichwertig oder sogar schlechter als Timo Roses Schlachtfest. „Hostel“ war eh noch nie mein Fall und die Originalversionen der anderen beiden Filme finde ich mittlerweile einfach vom Inszenierungsstil etwas überholt. Hätte Rose mehr Geld und etwas bessere Schauspieler zur Verfügung gehabt, wäre „Barricade“ eine schockierende Foltertour in deutschen Wäldern geworden. Ich will damit nicht sagen, dass die Schauspieler schlecht gewesen sind, im Gegenteil: Sie haben ihre Sache wirklich gut gemacht, aber in manchen Szenen hätte ich mir einfach mehr Professionalität gewünscht.
Schnittechnisch wurde ebenfalls sehr gute Arbeit geleistet, allerdings hätte man im finalen Kampf vielleicht auf die extrem schnellen Schnitte und leicht gekünstelt wirkenden Wiederholungen verzichten sollen. Da wäre weniger eindeutig mehr gewesen.

Wie es bei derartigen Filmen meist der Fall ist, erfährt man auch hier wenig bis gar nichts über die Hintergründe der metzelnden Kannibalenfamilie. Das finde ich aber gar nicht weiter schlimm, denn bei solchen Gore-Genrebeiträgen erwartet man weniger Tiefgang in der Handlung als vielmehr tiefgreifendes Herumwühlen in verstümmelten Körpern. Und das bekommt man hier eindeutig geliefert, wenngleich sich das blutige Foltergemetzel eher am Ende des Films befindet. Dennoch kam für mich niemals Langeweile auf, weil sich bereits in „Barricade“ ein Inszenierungsstil Roses abzeichnet, den er mit seinen letzten Filmen „Death Wish Zero“ und „Reeperbahn“ perfektionierte. Atmosphärisch stimmige Bilder lösen sich bei „Barricade“ mit leicht amateurhaft wirkenden ab, was der morbiden Stimmung des Gesamtwerks allerdings keinen Abbruch tut. An einigen Stellen, meist im Haus der abartigen Familie, wird die Kamera schockierend nah an exzessive Folterungen und/oder blutspritzenden Wunden gehalten, dass es einem wie ein Schlag in den Magen vorkommt. Rose überschreitet Grenzen und will damit schockieren. Und das gelingt ihm allemal besser als so einigen Backwood-Slasher-Trittbrettfahrern, die bedeutend mehr Budget zur Verfügung hatten.

Timo Rose bewegt sich mit „Barricade“ zwar noch irgendwie im Independent-Amateurfilm-Bereich, zeigt aber zwischendurch unglaublich gekonnte Professionalität, die begeistert. Auch der von Rose selbst komponierte Soundtrack ist absolut passend und stimmig. Fast wie bei den  Filmen von Marian Dora setzte sich bei mir während des Films immer mehr ein unangenehmes Gefühl in der Bauchgegend fest, das mit Sicherheit von den harten und brutalen Goreszenen verursacht wurde. Rose bewegt sich mit seinem Kannibalen-Slasher eindeutig bereits auf seinen heutigen Inszenierungsstil zu. Mit mehr Budget hätte er mit Sicherheit einen beeindruckenden und vor allem schockierenden, im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Haut gehenden“ Film abgeliefert.
Ach ja: Und den Kurzauftritt von Rose selbst fand ich äußerst gelungen.

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Fazit: Blutig und schockierend verlegt Timo Rose den amerikanischen Backwood-Slasher in deutsche Wälder. Freunde des Gore-, Trash-, Splatter- und deutschen Independent-Films dürften ihre Freude an Timo Roses „Barricade“ haben.

© 2015 Wolfgang Brunner

Maggie (2015)

Maggie

Originaltitel: Maggie
Regie: Henry Hobson
Drehbuch: John Scott III
Kamera: Lukas Ettlin
Musik: David Wingo
Laufzeit: 95 Minuten
Darsteller: Arnold Schwarzenegger, Abigail Breslin, Joely Richardson, Douglas M. Griffin, J.D. Evermore, Rachel Whitman, Jodie Moore, Bryce Romero
Genre: Horror, Drama
Produktionsland: Vereinigte Staaten, Schweiz
FSK: ab 18 Jahre

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In den Vereinigten Staaten bricht eine Epidemie aus, die die Infizierten in fleischfressende Zombies mutieren lässt und innerhalb kürzester Zeit Millionen Menschenleben fordert. Wades Tochter Maggie ist ebenfalls von dem Virus infoziert und soll in eine Quarantänestation gebracht werden. Aber Wade kämpft mit allen Mitteln darum, seine Tochter bei sich zu Hause behalten zu können. Gemeinsam mit seiner neuen Frau wartet er nun darauf, dass seine Tochter zu einem Zombie wird, ohne zu wissen, was er im Falle einer Mutation unternehmen wird.

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„Maggie“ ist tatsächlich der etwas andere Zombiefilm. Bis auf wenige Ausnahmen läuft der Film wie ein ruhiger Bach an einem vorbei und baut dabei eine unglaublich intensive Atmosphäre auf. So ein bisschen erinnerte das Szenario an „The Returned“, wo die Zombies ebenfalls sehr menschlich dargestellt wurden. Zumindest bis sie vollständig verwandelt waren. Henry Hibson hat ein Händchen für wunderschöne Aufnahmen, die so manches Mal wie ein Gemälde wirken. „Maggie“ ist ein extrem ruhiger Film, der sich irgendwo zwischen „The Walking Dead“ und „The Road“ ansiedelt. Diese Mischung funktioniert absolut gut. David Wingos leiser Soundtrack untermalt die wunderschönen, melancholischen Bilder traumhaft und zeichnet sich zum Großteil für die elegische Stimmung mit verantwortlich.

Schauspielerisch ist dieser effektearme Film eine wahre Freude. Hier wird das Augenmerk auf schauspielerische Leistungen gelegt und die bekommt man auch zu sehen. Allen voran sei hier Arnold Schwarzenegger genannt, der in seiner Rolle als besorgter Vater wirklich berührt.  Man möchte es dem Actionhelden gar nicht so richtig zutrauen, wie emotional er Sorge und Verbissenheit ausdrücken kann. Schwarzeneggers Schauspiel ist wirklich sehr gefühlvoll und absolut überzeugend. Daneben kann aber auch Abigail Breslin in der Titelrolle bestehen, die ebenfalls sehr authentisch agiert. Joely Richardson als anfangs leicht verstörte und dann immer toughere Mutter konnte mich ebenfalls fesseln. Wie gesagt, aufgrund der fehlenden Special Effects ist „Maggie“ einfach ein Film für Schauspieler und das hat mir außerordentlich gut gefallen.

Sicherlich geht es um ein Virus, um Zombies und die Apokalypse. Aber genaugenommen könnte man das Zombievirus-Thema ausklammern und einfach einem Vater zusehen, wie er seine kranke Tochter nicht aufgibt und um ihr Leben kämpft. Das Zombievirus wäre in „Maggie“ austauschbar mit Krebs oder einer anderen tödlichen Krankheit, die das Ende unausweichlich macht. Lediglich die apokalyptische Atmosphäre rechtfertigt den Zombie-Hintergrund. „Maggie“ ist ein Drama, und zwar ein sehr gutes, das betroffen macht.

Warnung an alle, die Horror, Splatter, Action, Blut und Grusel erwarten. Von all dem findet man in „Maggie“ (Gott sei Dank) nichts. Wie in „The Road“ wird man in eine deprimierende Weltuntergangsstimmung geworfen, die einen betroffen und nachdenklich macht. Und traurig …

Warum allerdings auf dem Cover eine FSK 18-Freigabe klebt, ist ein Rätsel, denn es gibt keine einzige Szene, die solch eine Entscheidung rechtfertigt. Fast möchte man meinen, es sei ein kluger Schachzug des Verleihs, um die Splatterfans zu einem Kauf zu verleiten, damit der Verkauf angekurbelt wird. Denn wo „FSK 18“ und „Uncut“ draufsteht, ist schließlich auch beides drin. Allerdings frage ich mich, was genau man denn hätte cutten können/müssen bei „Maggie“. Dann könnte man auch ohne schlechtes Gewissen bei den „Minions“ einen „Uncut“-Kleber draufmachen, denn uncut ist der bestimmt auch. 😉

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Fazit: Ruhig, elegisch, melancholisch und traurig wird hier eine Familiengeschichte erzählt, die auf ein unausweichliches Ende zusteuert. Meiner Meinung nach einer der besten Filme von Arnold Schwarzenegger.

© 2015 Wolfgang Brunner

Tretbootfahrer (2015)

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Originaltitel: Tretbootfahrer
Regie: Markus Pelzl
Drehbuch: Markus Pelzl
Kamera: —
Musik: Florian Faltermeier
Laufzeit: 72 Minuten
Darsteller: Mika Metz, Giulia Beckmann, Olaf Krätke, Thomas Binder, Jarah Maria Anders, Christl Spyra, Chris Michels
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ?

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Frank hat sich von seiner Freundin getrennt und lebt wieder bei seiner Mutter. In einer Bar lernt er die attraktive Tanja kennen. Wenig später verlieben sich beide ineinander. Unbemerkt schleicht sich der Alkoholismus in ihre Beziehung und schon bald sind beide von der Volksdroge Nummer Eins abhängig. Und auch Tanjas Vergangenheit ist diesbezüglich nicht hilfreich und so zerstören beide gegenseitig das eigene Leben und das des anderen …

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Was für ein Film!
Ich bin durch Zufall auf Markus Pelzls Alkoholiker-Drama gestoßen und obwohl ich wusste, was die Thematik des Films ist, hat mich die Echtheit der Darstellung umgehauen. Handwerklich sauber und mit zwei beeindruckenden Hauptdarstellern zeigt das Filmdrama die schrecklichen Seiten einer Alkoholabhängigkeit. Schonungslos und realitätsnah zeichnet Regisseur Pelzl den Weg vom „Alltagstrinker“ zum Alkoholiker. Man spürt die Authentizität in jeder Einstellung und verliert sich in den Bildern, weil man über seinen eigenen Alkoholkonsum nachzudenken beginnt. Ich bin noch immer tief beeindruckt von der Realitätsnähe, die Pelzl mit seiner Geschichte eingefangen hat. Denn in einer meiner Beziehungen spielte das Thema „Alkohol“ leider auch eine sehr bedeutende Rolle und ich kann die detailgetreue Charakterzeichnung der Hauptdarsteller Mika Metz und Giulia Beckmann gar nicht genug bewundern. Die beiden agieren dermaßen überzeugend, dass es einem Angst macht. Die Parallelen zwischen dem Film und den Erfahrungen, die ich selbst erleben habe (um eines klar zustellen: nicht ich hatte die Alkoholprobleme, sondern meine „bessere“ Hälfte) sind erschreckend.

Drehbuchautor und Regisseur Markus Pelzl hat ein melancholisches, deprimierendes und unter die Haut gehendes Drama gedreht, das einen noch eine Zeitlang begleitet. Gezeigt wird ein alltägliches Bild von nach außen hin „ganz normalen“ Menschen, die Ängste und Hoffnungen haben und sich ihre Zukunft schönreden und -trinken. Schon nach kurzer Zeit entsteht ein flaues und unangenehmes Gefühl im Magen des Zusehers, wenn er erkennt, dass nach einem Sonnenscheinerlebnis der Protagonisten unweigerlich der Regen (in Form von Streit und Gewalt) kommt. Pelzl geht das in unserer Gesellschaft leider etwas tabuisierte Thema sehr geschickt und auch gefühlvoll an. Man kann nachvollziehen, wie schleichend das Bierchen in der Kneipe zu permanentem Alkohol“genuß“ führen kann und stellt mit Grauen fest, wohin dies führt. Pelzls „Tretbootfahrer“ ist ein Schlag in die Magengrube, der, so bitter er ist, keinen Ausweg bietet, sondern einfach nur die grausame Realität dieser Sucht zeigt.

Auch wenn Giulia Beckmann superb ihre Rolle meistert, so wird sie doch von Mika Metz übertrumpft. Es ist schlichtweg nicht zu glauben, in welcher Intensität dieser Mann den alkoholabhängigen Frank darstellt. Da gibt es eine Szene, in der er an einem Morgen mit Kreislaufbeschwerden und Entzugserscheinungen zu  kämpfen hat. Ich möchte nicht spoilern, aber diese Szene ist dermaßen schockierend und dramatisch inszeniert, als sähe man eine Fortsetzung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Das in seiner Konsequenz unausweichliche Ende stimmt traurig und hoffnungslos. Aber das soll es auch, denn ich bin sicher, dass „Tretbootfahrer“ als Film gedreht wurde, der auf- und wachrütteln soll. Und das tut er, und zwar ganz ordentlich.

Die ruhige, unspektakuläre Kameraführung vermittelt schon nach kurzer Zeit den Eindruck, als sähe man eine Dokumentation. Das macht das Ganze sehr intensiv und Pelzls Regie und die grandiosen Darsteller tragen das ihrige dazu bei, um „Tretbootfahrer“ zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

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Fazit: Unglaublich intensives und schockierendes Drama um ein alkoholabhängiges Paar. Mika Metz liefert ein oscarreifes Schauspiel ab. „Tretbootfahrer“ bleibt nachhaltig im Gedächtnis haften. Es ist ein kleines Meisterwerk, das Regisseur Markus Pelzl da abgeliefert hat.

© 2015 Wolfgang Brunner

Absolutio – Erlösung im Blut (2013)

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Originaltitel: Absolutio
Regie: Philip Lilienschwarz
Drehbuch: Patrick Manzecchi, Philip Lilienschwarz
Kamera: Martin Faltermeier
Musik: René Bidmon
Laufzeit: 72 Minuten
Darsteller: Caroline Betz, Eldrid Remy, Herman van Ulzen, Najely Chumana, Norman Sonnleitner, Patrick Manzecchi, Philipp, Wimmer, Stefan Vancura
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

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Der strenggläubige Jesaja sieht überall um sich herum Sünde. Als seine Mutter stirbt, fühlt er sich dazu berufen, zumindest einen Teil der Menschheit von ihren Sünden zu befreien. Dazu sind im alle Mittel recht. Er entführt kurzerhand Sünder und zwingt sie zur Beichte, in dem er sie foltert. Erleichtert tötet er dann seine Opfer, wenn sie um Gnade gefleht haben.
Jesajas Wahn wird immer größer und er versinkt schon bald in einem wahrgewordenen Alptraum aus Blut und Wahnsinn.

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Es dauert nicht lange und man merkt, dass ein frischer Wind durch die Independent-Szene weht. Neben Ausnahmen wie „Caedes“ (Horror) oder „Roulette – A Game Of Chance“ (Thriller, Drama) gesellt sich nun auch Philip Lilienschwarz‘ „Absolutio“ in die Reihe deutscher Low-Budget-Filme, die sich hinter so manch einer internationalen Großproduktion nicht verstecken brauchen.

Obwohl die Handlung relativ einfach gestrickt ist, zeigt sie eine enorme Wirkung. Lilienschwarz holt aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste raus, in dem er (teure) Splatterszenen nur sparsam, dafür aber wirkungsvoll, einsetzt und sein Hauptaugenmerk auf die künstlerische Seite des Films legt. So manches Mal fühlt man sich an die liebevollen Erstlingswerke von Amateurfilm-Papst Olaf Ittenbach erinnert. Lilienschwarz geht aber weitaus kunstvoller und unblutiger zur Sache und geht eher in die Richtung eines Jörg Buttgereit.
Ken Russell, Dario Argento, Lucio Fulci und William Lustig fallen mir ein, wenn ich an „Absolutio“ denke. Gerade an der Anti-Kirchen-Geschichte hätte Ken Russell seine helle Freude. Stimmungsmäßig erinnerten die Verfolgungsjagden, wenn sich der besessene Protagonist seine Opfer fängt, an Lucio Fulcis „The New York Ripper“, aber auch an die atmosphärischen Bilder eines Dario Argento. Die wunderschönen Bildkompositionen fügen sich hervorragend in die real wirkende Handlung ein und der Filmschnitt, den Philip Lilienschwarz übrigens selbst übernommen hat, könnte besser nicht sein.

Philip Lilienschwarz huldigt seinen Vorbildern, kopiert sie aber niemals, sondern geht einen zielsicheren eigenen Weg, der im Gedächtnis haften bleibt. Schauspielerisch bewegen sich die Darsteller auf hohem Niveau und können (bis auf wenige Szenen, die aber nicht stören) allesamt absolut überzeugen. Der ein oder andere mag meinen, die Schauspieler würden an manchen Stellen laienhaft agieren. Dies ist, wie ich finde, absolut nicht der Fall. Aus meiner Sicht ist es nämich genau diese „echte“ Schauspielerei, die den Film so authentisch wirken lässt.
Die ruhige, fast schon melancholische Stimmung wird konsequent bis zum Ende eingehalten und nur durch die absurden, teils schockierenden Folterszenen unterbrochen. Durch die Erzählerstimme aus dem Off und die geschickt angewandte Kameraführung (Lob an Martin Faltermeier und den Regisseur selbst) wird man „Mittäter“. Lilienschwarz‘ Debütfilm ist zwar bei weitem nicht so hart und schockierend wie Marian Doras „Cannibal“, aber dennoch fühlt man sich in der Zuschauerrolle so manches Mal in einer ähnlichen Situation.

Die Gore-Szenen sind sehr realistisch umgesetzt und äußerst blutig, weshalb eine DVD/BluRay – Veröffentlichung nur ohne FSK-Freigabe möglich ist. Dennoch wird, wie bereits erwähnt, nicht das Hauptaugenmerk auf die Splatterelemente gerichtet.

Gekrönt wird der kurzweilige Religionswahnsinn von einer unglaublich guten und stimmigen Musik, die aus der Feder von René Bidmon stammt.
Wenn man sieht (und hört), wie liebe- und hingebungsvoll dieser Film von allen Beteiligten auf die Beine gestellt wurde, möchte man einfach mehr davon sehen. „Absolutio“ gehört zu jenen Filmen, die aufgrund ihrer handwerklichen Qualitäten funktionieren und nicht, weil schweineteure Spezialeffekte von schlechter Regie, halbherzigen Schauspielern und anderen Mängeln ablenken. „Absolutio“ ist ehrlich und handmade.

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Fazit: Wunderbar erfrischendes Independent-Debüt aus Deutschland. Melancholisch, brutal und atmosphärisch. Ein Anti-Kirchen-Thriller, der zwischen Splatterhorror und Kunstfilm angesiedelt ist und inszenatorisch absolut überzeugen kann.

© 2015 Wolfgang Brunner