Die Farbe des Horizonts (2018)

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Originaltitel: Adrift
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Aaron Kandell, Jordan Kandell, David Branson Smith
Kamera: Robert Richardson
Musik: Volker Bertelmann
Laufzeit: 97 Minuten
Darsteller: Shailene Woodley, Sam Claflin, Grace Palmer, Jeffrey Thomas, Elizabeth Hawthorne
Genre: Drama, Abenteuer
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahre

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Tami lernt auf Tahiti den attraktiven Segler und Weltenbummler Richard kennen. Die beiden verlieben sich bis über beide Ohren und beschließen, gemeinsam den Pazifik zu befahren. Doch mitten auf dem Meer werden sie von einem gewaltigen Unwetter heimgesucht. Als Tami erwacht, ist das Boot nur noch ein Wrack und Richard verschwunden …

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Es beginnt alles wie ein wunderbarer Traum, der sich erfüllt. Tami lernt die Liebe ihres Lebens kennen und beginnt das größte Abenteuer ihres Lebens. Shailene Woodley und Sam Claflin meistern ihre Rollen von der ersten Minute an hervorragend und man nimmt ihnen das Verliebtsein uneingeschränkt ab.  Es ist eine wahre Freude, den beiden zuzusehen, wie sie sich kennenlernen und beschließen, das Leben ab sofort gemeinsam zu meistern. Regisseur Baltasar Kormákur, der schon mit dem beeindruckenden „Everest“ absolut überzeugen konnte, zeigt auch hier sein Können, in dem er (einen übrigens absolut unkitschigen, sondern authentischen) Liebesfilm mit spannendem Überlebenshorror kombiniert. Durch wunderschöne Aufnahmen vergisst man anfangs, was einen aufgrund der Inhaltsangabe erwartet und genießt eine wunderbare, glückliche Zeit mit den beiden Protagonisten. „Die Farbe des Horizonts“ orientiert sich an einer wahren Begebenheit, die sich im Jahr 1983 ereignete und durch den autobiografischen Erfahrungsbericht mit dem Titel „Red Sky In Mourning: A True Story Of Love, Loss And Survival At Sea“ von der betroffenen Seglerin Tami Oldham Ashcraft schriftlich festgehalten wurde.

Dem Film wird oftmals vorgeworfen, er nehme sich keine Zeit für die Charakterentwicklung des Liebespaars, was ich absolut nicht bestätigen kann. Alles wirkt sehr echt und in Anbetracht eines eineinhalbstündigen Films hätte man es nicht besser inszenieren können. Woodley agiert in manchen Szenen wie einst Kate Winslet in James Camerons Bloickbuster „Titanic“ und bestätigt ihr schauspielerisches Talent, das sie in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ schon einmal bewiesen hat. Die junge Schauspielerin spielt sehr intensiv und glaubwürdig. Aber auch Sam Clalfin, den die meisten wahrscheinlich aus „Ein ganzes halbes Jahr“ kennen, passt sehr gut in den Film und verkörpert Richard überzeugend. Beide Schauspieler tragen neben den beeindruckenden Aufnahmen den gesamten Film und vermitteln eine außergewöhnliche Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Ich hätte dem Paar noch gut und gerne eine Stunde länger zusehen können,wie sie um ihr Überleben und ihre Liebe kämpfen.

Der Score von Volker Bertelmann ist absolut passend – mal wunderschön romantisch und ruhig, mal bombastisch und nervend. Seine Musik rundet das Survival-Drama nach tatsächlichen Ereignissen wunderbar ab und tut das ihrige zur Atmosphäre. „Die Farbe des Horizonts“ ist sehr ergreifend und emotional, ohne jemals wirklich ins Kitschige zu fallen. Die Geschichte wird flüssig erzählt und steuert konsequent auf das deprimierende Finale zu. Tamis Verhalten und ihre Reaktionen während und nach dem Unglück werden sehr gefühlvoll von Shailene Woodley dargestellt und man fühlt mit ihr, spürt ihre Angst und Verzweiflung, bemerkt aber auch den Mut und Durchhaltewillen, den sie an den Tag legt.
Ein sehr geschickter inszenatorischer Schachzug ist der Aufbau des Films, der immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt, so dass die dramatische Seite des Plots eine weitaus emotionalere Seite bekommt, als hätte Baltasar Kormákur das Ganze geradlinig erzählt. Thematisch fühlte ich mich sehr oft an Robert Redfords Drama „All Is Lost“ erinnert, wobei „Die Farbe des Horizonts“ um Längen besser ist, sowohl was Dramaturgie, Inszenierung und auch Schauspielerleistung(en) betrifft.
Baltasar Kormákurs Film ist eine faszinierende Mischung aus Liebes-, Abenteuerfilm und Überlebens-Drama, an das man sich noch lange nach Sichtung erinnert.

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Fazit: Gekonnt inszeniertes Überlebensdrama mit wunderbaren Schauspielern.

© 2018 Wolfgang Brunner

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Fenster Blau (2016)

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Originaltitel: Fenster Blau
Regie: Sheri Hagen
Drehbuch: Zoe und Sheri Hagen
Kamera: Michael Tötter
Musik: Alexander Precht
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Emilio Sakraya, Kristin Alia Hunold, Dietrich Hollinderbäumer, Marko Dyrlich, Anne Zander, Hund Collie, Eyk Kauly
Genre: Drama, Literatur
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Mitten im eisigen Winter kommt Ljöscha auf der Insel Norderney an. Er ist auf der Suche nach der Wahrheit in seiner Vergangenheit. Ljöscha trifft seinen Großvater, der ihn aber abweist. Doch schließlich siegt die Neugier und er möchte wissen, was mit seiner Tochter ist. An einem anderen Ort verschanzen sich ein älterer Mann und ein junges Mädchen in einer Wohnung. Er ist der Vater des Mädchens, aber er liebt sie verbotenerweise. Beide Schicksale hängen zusammen und Ljöscha kämpft zusammen mit seinem Großvater gegen die Vergangenheit, die beide immer wieder einholt …

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Da sieht man sich einen Film an, geht mit keiner besonderen Erwartungshaltung heran und wird mit einer Wucht gepackt, die einen umhaut. Sheri Hagens zweiter Langfilm orientiert sich an dem prämierten Theaterstück „Muttermale Fenster Blau“ der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann. Sheri Hagen steht eigentlich vor der Kamera, beweist aber mit „Fenster Blau“ ein dermaßen  eindrucksvolles Gespür für Dramaturgie und künstlerische Inszenierung, dass es einem die Sprache verschlägt. Ich möchte den Film als Meisterwerk und Rückkehr des deutschen Autorenfilms bezeichnen, so sehr haben mich Geschichte, Bilder und Schauspielleistungen in den Bann gezogen. Der Film wirkt wie ein wahr gewordener Albtraum aus Ängsten und Depressionen, aber auch voller Sehnsüchte, Hoffnungen und Liebe. Es ist schlichtweg genial, wie Hagen diese Gratwanderung zusammen mit ihrer Crew meistert und einen hoffnungsvollen und zugleich verstörenden Film auf Zelluloid bannt.

„Fenster Blau“ ist ein Kammerspiel, das auf eine Weise inszeniert wurde, als hätte ein „deutscher Peter Greenaway“ die Hände im Spiel gehabt. Voller Botschaften (ob sinnvoll oder sinnfrei sei einfach mal dahingestellt), die sich durch den gesamten Film ziehen und permanent zum Nachdenken anregen, aber auch zu Wut, Hilflosigkeit und Trauer. Es ist grandios, wie die Schauspieler allesamt diese Woge an Emotionen durch die knapp eineinhalb Stunden transportieren und greifbar machen. Man möchte an einigen Stellen laut losschreien wie der Protagonist Ljöscha, an anderen würde man den hilflosen, zerrissenen Großvater am liebsten in den Arm nehmen oder sich von ihm in den Arm nehmen lassen. Das Gespann Emilio Sakraya (aktuell: „Heilstaetten“ und „4 Blocks“) und Dietrich Hollinderbäumer (zuletzt in „Angst – Der Feind in meinem Haus“ zu sehen) funktioniert hervorragend, ebenso wie das Agieren zwischen Kristin Alia Hunold („Dem Horizont so nah“) und Marko Dyrlich (unter anderem mit dabei in „Babylon Berlin“). Es ist alles so intensiv, so natürlich, so lebensecht. Trotz des überaus ernsten Themas spürt man die Begeisterung der Beteiligten in jeder Filmminute. Ich ziehe meinen Hut vor den Darstellern. Emilio Sakraya fährt so authentisch aus der Haut, dass man eine Gänsehaut bekommt. Dietrich Hollinderbäumer zeigt sich äußerlich roh und innerlich einfühlsam, das ist eine grandiose Leistung, die die beiden Schauspieler da abliefern. Kristin Alia Hunold spielt die kindlich wirkende und innerlich zerstörte Lena, im positiven Sinne, glänzend theatralisch, während Marko Dyrlich sichtlich unwohl seinen Charakter darstellt. Auch hier kann man nur sagen: imposant! Da können sich so manche „Stars“ eine Scheibe abschneiden.

Zu den schauspielerischen Glanzleistungen gesellen sich  aussagekräftige Bildkompositionen und ein grandioser Score, die den Film zu einem echten Erlebnis machen. Man möchte trotz der oftmals unangenehmen Situationen, die geschildert werden, den Schauplatz und die Charaktere nicht mehr verlassen, denn man fühlt sich wohl oder unwohl mit ihnen und kann ihre Emotionen in jeder Hinsicht nachvollziehen. Sheri Hagen hat aus meiner Sicht ein Meisterwerk erschaffen, das mich nachhaltig beeindruckt und noch lange beschäftigen wird. Sie hat Sasha Marianna Salzmanns Theaterstück eine Tiefe verliehen, die seinesgleichen sucht. Alles ist in schwarz-weiß gehalten, nur die Farbe Blau wird sichtbar. Wie in „Pleasantville“ spielt die Regisseurin dieses Stilmittel bis zum Ende konsequent aus, beeinflusst den Zuschauer bis hin zum Happy End, das letztendlich kein Happy End ist. Oder doch?
„Fenster Blau“ ist ein Film zum Nachdenken, aber auch zum Träumen, bei dem man sich auf sich selbst besinnen kann. „Fenster Blau“ ist ein Film für die große Leinwand, ein unvergessliches emotionales Erlebnis, schlichtweg ganz, ganz großes Kino. Wo sind all die Preise, die dieser Film, dessen Schauspieler und Crew, verdient hat?
Ich kann meine Begeisterung schwer zurückhalten, aber eigentlich will ich das auch gar nicht. 😉 Man muss diesen Film gesehen haben!

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Fazit: Ganz großes Kino aus Deutschland. Wunderbar inszeniert und mit beeindruckenden Schauspielerleistungen.

© 2018 Wolfgang Brunner

Our Evil (2017)

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Originaltitel: Mal Nosso
Regie: Samuel Galli
Drehbuch: Samuel Galli
Kamera: Victor Molin
Musik: Guilherme Garbato, Gustavo Garbato
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Ademir Esteves, Ricardo Casella, Maria Galves, Luara Pepita, Walderrama Dos Santos, Fernando Cardoso
Genre: Horror, Drama
Produktionsland: Brasilien
FSK: ab 18 Jahre

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Arthur besitzt seit seiner Kindheit spirituelle Kräfte und kann dämonische Wesen aufspüren. Als er eines Tages entdeckt, dass ein dämonisches Wesen die Seele seiner Ziehtochter zerstören will, ergreift er drastische Maßnahmen, um dies zu verhindern.

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Man hört relativ wenig aus der Filmwelt von Brasilien. Umso erstaunter wird der Zuschauer sein, wenn er das beim Label „Pierrot LeFou“ erscheinende Horrordrama „Our Evil“ zu sehen bekommt. Schon während der ersten Minuten erkennt man nämlich, dass man es hier mit einem außergewöhnlichen Film zu tun hat, der sich in jeder Hinsicht vom gängigen Blockbuster-Klischee heutiger Grusel- und Horrorfilme abhebt. „Our Evil“ entwickelt sich von Anfang an in eine Richtung, die ich fast schon als ArtHouse-Horror bezeichnen möchte. Regisseur Samuel Galli, der auch das Drehbuch verfasst hat, nimmt den Zuschauer auf eine wahnwitzige, abgedrehte Tour de Force mit, die zum einen eine hypnotische Faszination ausübt und zum anderen des Öfteren ein mulmiges Gefühl in der Magengegend auslöst. „Our Evil“ bedient den Zuschauer, der sich auf dieses experimentelle Werk einlassen kann, in vielerlei Hinsicht. Es werden lyncheske Ausflüge in die Gedankenwelt des Protagonisten ebenso dargestellt, wie explizite, blutige Gewaltexzesse oder Gänsehaut verursachende Gruseleinlagen.

„Our Evil“ ist ein Low Budget-Film, dem man an keiner Stelle ansieht, dass es sich um einen solchen handelt. Vor allem die außergewöhnliche Erzählweise ist es, die den Zuschauer zu faszinieren vermag. Ademir Esteves vermittelt eine Traurigkeit, die mit jeder Minute des Films greifbarer wird. Wenn Regisseur Samuel Galli dann während des gesamten Films immer wieder die Genregrenzen verwischen lässt und zwischen hartem Splatterhorror und atmosphärischem Twin Peaks-Flair wechselt, gerät der Zuschauer in einen unglaublichen Sog, der die relative „Einfachheit“ des Films schlichtweg vergessen lässt. Sobald das „Darknet“ ins Spiel kommt, wo Arthur einen Auftragskiller für seinen perfiden Plan findet, erhält „Our Evil“ einen verruchten, verbotenen Touch. Der Plot verbindet schaurigen Grusel, brutalen Horror, religiösen Mystizismus und melancholische Ansichten über die abgöttische Liebe zu einem Menschen, so dass man eigentlich von einem Genre-Hybriden sprechen kann. „Our Evil“ ist ein Film zum Nachdenken, den man keinesfalls zwischendurch oder gar einfach nur nebenbei ansehen sollte. Zu viel Atmosphäre und Botschaft ginge verloren, wurde man dieses Werk als Popkorn-Kino betrachten.

Gallis Film ist düster. So düster und deprimierend, wie man einen Horrorfilm in der heutigen Zeit nur noch selten zu sehen bekommt. Manchmal fühlt man sich an Lars von Triers genialem (und absolut unterschätzten) „Antichrist“ erinnert, in dem der gesamte Plot ebenfalls mit „geisterhaften Bildern“ mystifiziert wird. Einen ähnlichen Weg schlägt Samuel Galli ein und scheint sich, wie bereits erwähnt, des Öfteren auch an David Lynch zu orientieren. Wenn Arthur zum Beispiel dem Clown in seinen Träumen (Erinnerungen?) gegenüber sitzt, durchfährt einen unweigerlich der Gedanken, dass diese Szene durchaus auch im von roten Vorhängen geschmückten Raum aus „Twin Peaks“ spielen könnte.
Unbedingt erwähnenswert ist auch der geniale Score von Guilherme Garbato und Gustavo Garbato. Ein Soundtrack, der nämlich aus einem Horrorfilm der 80er Jahre stammen könnte und einige wunderbare Kompositionen enthält, die von John Carpenter stammen könnten. Diese Klänge betonen den Horror des Films so sehr, dass, selbst wenn gar nichts besonders Schreckliches passiert, ein allgegenwärtiges Gefühl von Angst und Unbehagen herrscht. „Our Evil“ ist ein kleines Meisterwerk, das mit Sicherheit (leider wieder einmal) von den meisten Menschen nicht verstanden und als langweilig abgestempelt wird. Samuel Gallis Debütfilm ist absolut originell, um nicht zu sagen, in seiner Inszenierung und Direktheit brillant. Das Drehbuch lässt dem Zuschauer jede Menge Raum zum Nachdenken und lässt Spielraum für eigene Interpretationen. Solche Filme sind leider mittlerweile selten. Absolute Empfehlung meinerseits.

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Fazit: Originell und brillant. „Our Evil“ vereint ArtHouse mit Grusel und hartem Horror.

© 2018 Wolfgang Brunner

Swedish Horse Movie [Hästfilmen] (2018)

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Originaltitel: Swedish Horse Movie
Regie: Yngve Stigberg
Drehbuch: Yngve Stigberg
Kamera: Daniel Falk
Sound: Patrik Brander
Laufzeit: 17 Minuten
Darsteller: Emil Levin, Eliza Sica, Kristoffer
Genre: Drama, Indiefilm
Produktionsland: Schweden
FSK: in Deutschland unveröffentlicht

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Ein Mann kehrt nach zweiwöchiger Arbeit zurück nach Hause, wo seine Frau auf ihn wartet. Beim gemeinsamen Abendessen treten allerhand Beziehungsprobleme zutage. Eines davon ist das Familienpferd, ein Hengst.

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Der Titel ließ mich einen Moment zögern, da ich schon dachte ins falsche Regal gegriffen zu haben, erinnert er doch an so berüchtigte Titel wie Vase de Noces, der auch unter dem Namen The Pig Fucking Movie bekannt ist. Da Swedish Horse Movie (alternativ Hästfilmen) offensichtlich aus Skandinavien kommt, musste ich auch einen Moment an Animal Farm denken, aber da bin ich wahrscheinlich der Einzige. Vergessen wir das…

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Der Schwarz-Weiß-Kurzfilm beginnt mit einem Nachruf auf den schwedischen Regisseur Ingmar Bergman, der 2018 100 Jahre alt geworden wäre. Das verwundert nicht, haben in den letzten Jahren doch mehrere junge schwedische Filmemacher, wie u.a. Gustav Ljungdahl (Root of Darkness, 2016) sich dem filmischem Nationalerbe angenommen und es neu interpretiert. So handelt es sich bei diesem Indiefilm erfrischender Weise auch um keine Blut-und Gewaltorgie, wie es häufig der Fall ist. In erster Linie handelt es sich um ein Drama, welches stilistisch stark an Bergmans Werk angelehnt ist. Besonders der Anfang und das Ende sind sehr ruhig und dialogisch gehalten und legen das Augenmerk auf die Beziehung der Protagonisten. Verlustängste, Ansprüche und Bedürfnisse, denen innerhalb in der Beziehung nicht nachgekommen wird, sind der Auslöser ihrer Probleme. In Ermangelung von Nähe und Wärme, die die Frau in der Beziehung nicht findet, treibt es sie in eine Affäre mit dem Pferd. Das Pferd ist in diesem Fall ein comichaft-maskierter Mann mit übernatürlichem Gemächt, der hier eine metaphorische Aufgabe erfüllt. Für den Protagonisten ergibt sich daraus nur eine Möglichkeit zur Restauration seiner Maskulinität: die Kastration des Hengstes zu sakralen Klängen. Bevor er wieder zur Arbeit aufbricht übergibt er das Genital seiner Frau als Geschenk um klarzumachen, dass er wieder da ist. Freud lässt grüßen!

Der Film ist Teil der Anthologie Chunks of Horror, die man sich für einen kleinen Obolus auf Vimeo anschauen kann.

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Fazit: Sehenswerte Mischung aus Indiekomödie und Bergman’schem Drama.

© René Wiesner 2018

Ohne dich (2018)

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Originaltitel: Ohne dich
Regie: Benjamin Bechtold
Drehbuch: Benjamin Bechtold
Kamera: Marc Schiemann
Musik: Richard Albert, Aljoscha Reinhardt
Laufzeit: 9 Minuten
Darsteller: Nikolai Will, Lilly Volk, Swantje Riechers
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Ein Mann auf der Suche nach der Liebe seines Lebens. Und nach etwas vollkommen anderem …

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Da ist es wieder: Das Gespann Benjamin Bechtold und Nikolai Will, das mich schon mit der kleinen Nachtgeschichte „Dämonisch“ begeistern konnte. Und mit „Ohne dich“ tun sie es aufs Neue. Es ist immer wieder toll, Nikolai Will dabei zu beobachten, wie er in seinen Rollen aufgeht. Hinzu kommt die sehr feinfühlige, fast schon poetische Inszenierung durch Benjamin Bechtold, die dem knapp neunminütigen Genremix aus melancholischem Liebesschmerz und kaltblütigem Thriller wieder einmal eine ganz besondere Note verleiht. Ich hätte den Bildern und dem Agieren von Nikolai Will gut und gerne eineinhalb Stunden zusehen können, so eindringlich ist das Ergebnis wieder geworden. „Ohne dich“ kann man gar nicht so einfach beschreiben, denn er bewegt sich, wie oben schon erwähnt, tatsächlich zwischen verschiedenen Genre und hinterlässt den Zuseher einerseits mit einer schmerzlichen Sehnsucht nach Liebe und andererseits mit einer schockierenden Konsequenz, mit der man am Ende konfrontiert wird.

Doch über die an sich grauenhafte Handlung legt sich ein nostalgischer Schleier, der wunderschön ist.  Genau diese Gratwanderung, nämlich ein „schlimmes“ Thema zu verzerren und sozusagen aus der geschönten Sicht eines „Täters“ zu zeigen, möchte ich fast schon typisch für die Zusammenarbeit von Bechtold und Will bezeichnen. „Ohne dich“ ist die erste Produktion von Nikolai Wills „Tante Dora Film“ in Zusammenarbeit mit Fearling Entertainment und kann sich absolut sehen lassen. Was den faszinierenden Kurzfilm noch auf optimale Weise abrundet, sind zum einen die von Kameramann Marc Schiemann wunderschön eingefangenen Bilder und zum anderen die tieftraurigen und elegischen Kompositionen von Richard Albert und Aljoscha Reinhardt. Der Score und die gemäldehaften Bilder erschaffen in der kurzen Laufzeit eine unglaublich intensive Atmosphäre, der man bereits nach den ersten Einstellungen verfällt. „Ohne dich“ entwickelt sich von einer Ode an die Liebe in einen deprimierenden Thriller, bei dem der Zuschauer nicht nur die Opfer, sondern auf bestimmte Art und Weise auch den Täter bedauert und bemitleidet. Es ist wirklich erstaunlich, dass Nikolai Will in dieser Rolle auch eine gewisse Sympathie auf den Zuschauer überträgt und Empathie empfinden lässt.

Man wünscht sich unweigerlich ein Langfilmprojekt, wenn man sich „Ohne dich“ ansieht. Gerade die inszenatorische Handschrift von Benjamin Bechtold in Verbindung mit der natürlichen Rollenbewältigung und -darstellung von Nikolai Will würde Großes versprechen. Es wäre mit Sicherheit ein besonderer, ruhiger und „schöner“ Film (selbst, wenn er, wie bei „Ohne dich“, ein unangenehmes Thema behandeln würde). „Ohne dich“ erzählt eine Geschichte die berührt und gleichzeitig schockiert. Man weiß nicht genau, was man über den Plot denken soll, empfindet auf der einen Seite „schöne“ und auf der anderen irgendwie „unschöne“ Gefühle. Und genau deswegen packt „Ohne dich“ den Zuschauer, denn er befindet sich in der Zwickmühle, weil er für einen „bösen“ Protagonisten Sympathie empfindet. Das nenne ich mal Zuschauerbeeinflussung: Chapeau! an die Herren Bechtold und Will. Aber auch an die gesamte Crew um diese kleine Kurzfilmperle, die über Kamera, Musik und perfekten Schnitt bis in die toll gespielten Nebenrollen fantastisch besetzt ist.

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Fazit: Wunderbar gespielter und fantastisch inszenierter Poesie-Thriller, der den Zuschauer auch nach Sichtung noch beschäftigt.

© 2018 Wolfgang Brunner

Ossarium (2018)

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Poster Artwork by Jeff Clark.

Originaltitel: Ossarium
Regie: René Wiesner
Drehbuch: René Wiesner
Kamera: René Wiesner
Musik: Stephan Ortlepp
Laufzeit: 11 Minuten
Darsteller: Ans
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine Frau besucht ein Beinhaus (Ossarium) in Tschechien. Schon bald spürt sie, dass sie sich dem Bann der alten Gebeine und Schädel nicht entziehen kann.

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Das Sedletz-Ossarium, oder auch Kostnice Sedlec ist ein Beinhaus in tschechischen Sedletz und ist ein Ortsteil von Kutná Hora, einer Stadt 70 Kilometer östlich von Prag. Im Untergeschoss der Allerheiligenkirche auf dem Sedletzer Friedhof findet man einen überdachten Raum, der zur Aufbewahrung von Gebeinen bestimmt ist. Unter anderem diente dieses „Seelenhaus“ als Kulisse für Filme wie „Dungeons & Dragons“. René Wiesner hat am Originalschauplatz gedreht und eine wunderbare Arbeit abgeliefert.
Eine Frau sieht sich dieses Ossarium in René Wiesners Film an und verfällt den kunstvoll arrangierten Gebeinen und Schädeln. Auf den ersten Blick wirkt „Ossarium“ wie ein Dokumentarfilm, der in wunderschönen Bildern diesen mystischen Ort einfängt und eine faszinierende Stimmung verbreitet. Begleitet von sphärischen Klängen, die hervorragend diese Atmosphäre unterstreichen, führt uns der Filmemacher durch die Anlage, als wären wir selbst Besucher dieser Örtlichkeit. Die Sehenswürdigkeit wird in den knapp elf Minuten Laufzeit ausgiebig vorgestellt und durch die stimmungsvollen Bilder faszinierend in Szene gesetzt.

Wie gesagt, man meint anfangs, man schaut sich einen Dokumentarfilm an. Doch wenn man geduldig wartet, bis der Abspann durchgelaufen ist, wird man eines besseren belehrt. Denn erst dann erschließt sich einem Wiesners Anliegen und verwandelt den dokumentarischen Charakter des Kurzfilms in einen erzählerischen Kontext. Die Frau lauscht den Geschichten dieser Schädel, die sie gerade zuvor noch gesehen hat, und versinkt förmlich in deren Vergangenheit. Die junge Darstellerin mit dem geheimnisvollen, prägnanten Namen Ans verleiht dem Charakter der Protagonistin, die sie darstellt, nur durch ihre Mimik eine ganz eigene Persönlichkeit. Fast möchte man meinen, diese junge Frau persönlich zu kennen, so ausdrucksvoll „erzählt“ sie ihre Gedanken nach dem Erleben des Ossariums. Denkt man eine Weile über diesen Kurzfilm nach, kann man getrost sagen, dass René Wiesner auf eine ganz intime (und intensive) Weise dem tschechischen Beinhaus ein kleines (filmisches) Denkmal gesetzt hat.

René Wiesner übernahm bei diesem Kurzfilm Regie, Kamera und Schnitt. Man spürt die Hingabe an dieses Projekt in vielen Einstellungen und merkt, das dem Regisseur etwas an seinem Film und der Örtlichkeit, die er darstellt, liegt. Im Nachhinein wirkt „Ossarium“ wie eine Liebeserklärung an das geheimnisvolle Gewölbe unter der Kirche und eine nachträgliche „letzte Ehre“ an die Besitzer jener alten Knochen, die man dort zu sehen bekommt.  Abgerundet wird genau jener Eindruck auch noch durch die wirklich passende und sphärische Musik von Stephan Ortlepp, der unter anderem auch den Score zu Olaf Ittenbachs „Five Seasons“ komponierte.
„Ossarium“ ist ein Erlebnis, auf das man sich einlassen muss: Auf seine ruhige Erzählweise, auf seine im Grunde genommen simple Struktur, die aber zwischen den Bildern eine weitaus größere Geschichte zeigt, als man sie auf den ersten Blick zu sehen bekommt. „Ossarium“ könnte man als „Kurzfilm-Kino zum Genießen und Nachdenken“ bezeichnen. Denn eigentlich beginnen die eigentlichen Geschichten erst nach dem Film im Kopf des Zuschauers.

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Fazit: Absolut sehenswerter, stimmungsvoller Kurzfilm, der zum Träumen und Nachdenken einlädt.

© 2018 Wolfgang Brunner

Pyewacket – Tödlicher Fluch (2017)

Pyewacket

Originaltitel: Pyewacket
Regie: Adam MacDonald
Drehbuch: Adam MacDonald
Kamera: Christian Bielz
Musik: Lee Malia
Laufzeit: 90 Minuten
Darsteller: Nicole Muñoz, Laurie Holden, Chloe Rose, Eric Osborne, James McGowan
Genre: Thriller, Drama, Horror
Produktionsland: Kanada
FSK: ab 16 Jahre

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Nach dem Tod ihres Ehemannes entschließt sich die Mutter der Teenagerin Leah umzuziehen. Die Umgebung würde sie einfach immer an ihren verstorbenen Mann erinnern, lautet der für Lea lapidare Grund, die durch den Umzug all ihre Freunde verliert. Das neue Haus ist mitten im Wald gelegen und die von Trauer und Wut getriebene Lea beschwört einen Geist namens Pyewacket, um ihre Mutter zu töten. Doch es dauert nicht lange und Leah bereut ihre Entscheidung. Doch es ist zu spät und sie muss erkennen, dass sie etwas angerufen hat, das sich nun nicht mehr aufhalten lässt.

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Ich ging, ehrlich gesagt, mit einer vollkommen anderen Erwartung an den neuen, im Label Pierrot Le Fou erschienenen, Horrorfilm heran und rechnete eigentlich mit einer Art Creature-Grusel. Doch weit gefehlt. Ich erlebte eine filmische Überraschung, mit der ich so definitiv nicht gerechnet hatte. „Pyewacket“ ist eher ein Coming of age-Drama mit Thriller- und Horrorelementen, der den Zuschauer, sofern er sich auf die Story einlassen kann, von Anfang an packt und nicht mehr loslässt.
Man sollte nicht auf die vielen Bewertungen achten, die meinen, dieser Film wäre extrem langweilig und schwer zu verstehen. Denn genau das Gegenteil ist der Fall, denn „Pyewacket“ hebt sich erfreulicher- und erfrischenderweise von anderen Produktionen in diesem Genre ab und erzählt eine geradlinige Geschichte, die uns tief in das (kaputte) Seelenleben eines Teenagers blicken lässt. Man wird Augenzeuge, wie es ist, wenn man in diesem Alter Entscheidungen trifft, die man besser nicht getroffen hätte, wenn man nur ein wenig mehr über die Sache nachgedacht hätte. Es versucht wirklich zu erzählen, was viele von uns als Teenager taten, wenn sie zu zwanghaft wurden oder aus unmittelbarer Aggression handeln und sich keine Zeit nehmen, über Dinge nachzudenken, bevor wir handeln.

Es ist absolut nicht verwirrend, wenn man sich in die Gefühle der „betrogenen“ Leah einlebt. Man kann ihre Verhaltensweisen ohne weiteres nachvollziehen, wenn man die Dinge aus ihrer Sicht betrachtet. Der Film bietet eine fast schon tiefgründige, psychologische Erklärung, wie weit Wutreaktionen von Teenagern gehen können, die sich ungerecht behandelt fühlen. „Pyewacket“ zielt nicht auf reißerische Showeffekte ab, sondern geht einen ruhigen Weg, der allerdings nicht weniger furchterregend wirkt wie ein gruseliger Geisterfilm, denn hier ist das Grauen die Realität. Einbildung und Wirklichkeit verschmelzen und führen unweigerlich auf einen dramatischen Höhepunkt zu, mit dem man nicht rechnet. Ein wenig fühlte ich mich an den hervorragenden „Metalhead“ erinnert, in dem es ebenfalls um die Gefühlswelt eines jungen Mädchens geht.
In „Pyewacket“ bekommt man den heraufbeschworenen Dämon im Grunde genommen nicht und dennoch jagt einem seine Anwesenheit Schauer über den Rücken. Je länger ich über den Plot und die dahintersteckende Botschaft denke, desto beeindruckender wirkt dieser Film im Nachhinein auf mich. „Pyewacket“ ist definitiv kein Schocker im Sinne von Schock- und oder Gruseleffekten, sondern ein relativer stiller Film über das Erwachsenwerden im Gewand eines Horrorthrillerdramas.

Die gesamte Handlung wirkt in sich stimmig, man könnte fast meinen, es handle sich um einen Film nach tatsächlich geschehenen Ereignissen. Die Schauspieler agieren allesamt hervorragend authentisch in ihren Rollen und unterstreichen diesen Eindruck. Die Musikuntermalung von Lee Malia könnte nicht besser sein, um die düstere, teils deprimierende Atmosphäre zu unterstützen. Der ambitionierte Film bietet zudem noch eigene Interpretationsmöglichkeiten, was dazu führt, dass man sich auch noch nach der Sichtung mit dem Thema beschäftigt.
Adam MacDonald, der mich bereits mit seinem ersten Film „Backcountry“ überzeugen konnte, beweist mit seinem „Pyewacket“ erneut, dass er zum einen sein Handwerk beherrscht und zum anderen, dass ein Genremix durchaus funktionieren kann, wenn man es richtig anpackt. „Pyewacket“ ist für mich eine äußerst beeindruckende Studie eines Teenagers, die grandios in einen unheimlichen (Horror-)Thriller verpackt ist. Absolut sehenswert.

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Fazit: Exzellentes Teenager-Drama, das den Horror der Realität darstellt. Ein niveauvoller Coming of age-Thriller mit Gruseleffekt. Unbedingt empfehlenswert.

© 2018 Wolfgang Brunner