Crypto (2019)

crypto

Originaltitel: Crypto
Regie: John Stalberg jr.
Drehbuch: Jeffrey Ingber
Kamera:  Pieter Vermeer
Musik: Nima Fakhrara
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Beau Knapp, Alexis Bledel, Luke Hemsworth, Kurt Russell, Jeremie Harris, Vincent Kartheiser, Jill Hennessy
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Der junge Banker Marty, der „Unstimmigkeiten“ innerhalb des Unternehmens aufspüren soll,  wird „strafversetzt“ – und zwar in seine alte Heimatstadt.
Dort soll er die Zweigstelle seines Unternehmens unter die Lupe nehmen und kommt einem gigantischen Schwindel auf die Spur …

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Wenn ich ehrlich bin, war ich auf den vorliegenden „Crypto“ in erster Linie erst einmal neugierig, weil Kurt Russell mitspielte. Als ich dann sah, dass Luke Hemsworth, der Bruder von Chris Hemsworth mitwirkte, war die Erwartungshaltung dann sogar noch größer. Doch schon innerhalb der ersten halben Stunde hat mich dann Beau Knapp mit seiner Schauspielerei vollkommen in den Bann gezogen. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mich der Schauspieler in dieser Rolle so sehr fasziniert. Knapp spielt seine Rolle sehr souverän und vor allem glaubwürdig. Und das macht den ganzen Film durchgängig Spaß. Und auch wenn mich die Handlung ein wenig abgeschreckt hat (es geht um Internetwährungen wie beispielsweise Bitcoins), weil ich Befürchtungen hatte, sie nicht wirklich zu verstehen, so muss ich letzten Endes dann doch zugeben, dass ich zumindest das meiste davon kapiert habe. 😉

„Crypto“ hat durchgängig, aber vor allem in der zweiten Hälfte, eine sehr tolle Atmosphäre, was vielleicht daran liegt, dass man es hier nicht nur mit einem Thriller zu tun hat, sondern auch mit einer Familiengeschichte. Gerade letztere hat mich sehr überzeugt und mir auch außerordentlich gut gefallen. Das Zusammenspiel zwischen Knapp und Hemsworth ist sehr gut und auch Kurt Russell als Vater macht eine gute Figur. Es ist immer wieder schön, Kurt Russell in einer neuen Rolle zu sehen.
Der Plot des Films ist nachvollziehbar und der Spannungsbogen wird konsequent aufrechterhalten bis zum spannenden Finale. Es ist vor allem das Gesamtbild, das letztendlich „Crypto“ zu einem wirklich spannenden und sehenswerten Film macht, der zudem das hochaktuelle Thema der Internetwährung(en) behandelt. An einigen Stellen wird einem da schon bewusst, welche Auswirkungen solch ein Zahlungssystem auf die Gesellschaft hat.

„Crypto“ ist der zweite Langfilm von Regisseur John Stahlberg jr. und er beweist, dass er ein gutes Händchen für eine saubere Inszenierung hat. Inszenatorisch lässt sich nämlich an „Crypto“ nichts bemängeln. Der Aufbau des Plots ist gut gelungen, die Charakterisierungen der Protagonisten ebenfalls und, wie oben schon erwähnt, wird der Spannungsaufbau stetig nach oben gehalten. Vielen dürfte der Film eventuell dennoch nicht so zusagen, da er nicht wirklich ins Mainstream-Schema passt, sondern einen eigenen Weg geht. Für mich war „Crypto“ jedenfalls eine absolute Überraschung, vor allem durch den wirklich tollen Hauptdarsteller Beau Knapp. Außerdem konnte der Film mit ein paar wirklich unerwarteten Wendungen auftrumpfen, mit denen man so nicht gerechnet hätte.

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Fazit: Spannender Plot mit tollen Darstellern, allen voran Beau Knapp.

© 2020 Wolfgang Brunner

Parasite (2019)

Parasite

Originaltitel: Gisaengchung
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Han Jin-Won
Kamera: Hong Kyung-pyo
Musik: Jeong Jae-il
Laufzeit: 132 Minuten
Darsteller: Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong, Jang Hye-jin, Park So-dam, Choi Woo-shik, Jeong Ji-so
Genre: Satire, Drama
Produktionsland: Südkorea
FSK: ab 16 Jahre

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Es gibt arme und es gibt wohlhabende Familien. Ki-woos Familie gehört zu den ersteren, umso mehr freut er sich, bei einer reichen einen Job als Nachhilfelehrer zu bekommen. Die Parks suchen noch eine weitere Nachhilfelehrerin, einen Chauffeur und später auch noch eine Haushälterin. So profitiert die gesamte Familie von Ki-woo schon nach kurzer Zeit vom luxuriösen Lebensstil der Parks. Doch dann stoßen sie auf ein dunkles Geheimnis und es dauert nicht lange, bis die Situation auf dramatische Weise aus dem Ruder läuft.

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Wer die Filme von Bong Joon-ho kennt, weiß, dass ihn etwas Außergewöhnliches erwartet, dass sich in der Regel auch abseits des Mainstream bewegt. So verhält es sich auch bei „Parasite“, der dieses Jahr in vier Kategorien mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. „Parasite“ beginnt wie eine Milieustudie und der Zuschauer begleitet eine Familie, wie sie in ihren ärmlichen Verhältnissen zu überleben versucht. Schon zu Beginn merkt man, dass sich der Film auf einem hohen Niveau bewegt, sowohl in inszenatorischer Weise als auch aus schauspielerischer Sicht. Joon-ho weiß, wie man das Publikum packt und in seinen Bann zieht – er hat es mit „Mother“ oder seinem Erfolg „The Host“, um nur zwei Filme zu benennen – bereits bewiesen. Jetzt macht er es mit „Parasite“ genauso, wenngleich auf andere Art und Weise. Man fühlt sich schon nach wenigen Minuten der Familie um Ki-woo verbunden. Untermalt mit einer fantastischen Musik und garniert mit wunderbar arrangierten Bildern nimmt Joon-ho sein Publikum mit auf eine irrwitzige, skurrile und auch brutale Reise.

Absolut kurzweilig entwickelt sich eine Situation, die wie an den Haaren herbeigezogen wirkt und dennoch absolut glaubwürdig und schlüssig dargestellt wird. Es ist eine wahre Freude, den Protagonisten dabei zuzusehen, wie sie sich einer nach dem anderen in die Welt der Reichen schmuggeln und ihre Rollen perfekt spielen. Das Set wirkt oftmals steril, was mit Sicherheit beabsichtigt ist, gerät aber durch das beeindruckende Agieren der Schauspieler vollkommen in den Hintergrund. Es ist unglaublich mit welchem Einsatz hier geschauspielert wird – und das bis in die Nebenrollen. Man muss „Parasite“ natürlich auch erst einmal sacken lassen, nachdem man ihn gesehen hat. Womit ich auch schon mit einem Vergleich komme, den der ein oder andere vielleicht gar nicht verstehen wird. Joon-hos neuer Film wirkt in vielen Momenten wie eine südkoreanische Version eines Peter Greenaway-Films, vor allem, wenn man die gnadenlose Konsequenz des Finales betrachtet. „Dümpelt“ der Film, und das ist alles andere als negativ gemeint, bis dahin vor sich hin, so entfaltet sich am Ende ein Drama sondergleichen, das den Zuschauer aus der Bahn wirft, weil er mit solch einer Entwicklung nicht gerechnet hat. In ähnlicher Weise hat auch Peter Greenaway den ein oder anderen seiner Filme inszeniert.

„Parasite“ hat zurecht seine Oscars bekommen. Erfreulicherweise handelt es sich bei dem diesjährigen „Besten Film“ um eine Produktion, die sich abseits des Mainstream bewegt und Wert auf Schauspielleistung und nicht bombastische Effekte legt. Auch Bong Joon-ho als „Besten Regisseur“ auszuzeichnen wirkt auf mich wie ein kleines Wunder. „Parasite“ ist kein Film fürs Massenpublikum, behandelt aber Probleme, die ein Massenpublikum erreichen sollten. Sozialkritisch und die Entwicklung unserer Gesellschaft übertrieben darstellend (oder vielleicht sogar schon real?) reißt Joon-ho in der zweiten Hälfte des Films das Ruder herum und macht „Parasite“ zu einem unter die Haut gehenden Thriller. Und über diesen ganzen Drama- und Thrillerelementen schweben unentwegt eine satirische Komponente. Bong Joon-hos Film darf durchaus als Meisterwerk bezeichnet werden, was aber nur Menschen nachvollziehen werden, die dazu fähig sind, sich auf den eigenartigen, exotischen und auch im Grunde genommen völlig unspektakulären Plot einlassen zu können. Für mich persönlich war „Parasite“ eine große Überraschung, die ich mit Sicherheit noch öfter ansehen werde.

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Fazit: Verdienter Oscargewinner, der erst im Nachhinein seine volle Wirkung entfaltet.

©2020 Wolfgang Brunner

Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen (2018)

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Originaltitel: Acusada
Regie: Gonzalo Tobal
Drehbuch: Ulises Porra, Gonzalo Tobal
Kamera: Fernando Lockett
Musik: Rogelio Sosa
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Lali Espósito, Gael Garcia Bernal, Leonardo Sbaraglia, Inés Estévez, Daniel Fanego, Gerardo Romano, Martina Campos
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Argentinien
FSK: ab 12 Jahre

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 Zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihrer besten Freundin muss sich die junge Dolores vor Gericht verteidigen,da sie unter Mordverdacht steht. Während ihre Eltern das Mädchen auf den Prozess vorbereiten, kämpft Dolores mit den Dämonen ihrer Vergangenheit.

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Gonzalo Tobas Gerichtsfilm braucht nicht lange, um den Zuschauer in einen hypnotischen Sog zu ziehen, dem man bis zum Ende des Dramas nicht mehr entkommen kann. In einer wunderbar ruhigen, aber nichtsdestotrotz sehr spannenden und emotionalen Weise lässt uns der Regisseur an den Problemen und der Gefühlswelt der Protagonistin teilhaben. Präzise, aber dennoch ein wenig undurchschaubar, präsentiert Tobas den Mordfall, der den Fall des „Engels mit den Eisaugen“, Amanda Knox, als Ausgangsidee benutzt. Lali Espósito zeigt eine wirklich beeindruckende darstellerische Leistung, die sie konstant durch den ganzen Film aufrechterhält. Aber nicht nur sie, sondern auch das komplette Ensemble kann durchwegs mit seinem Agieren überzeugen.

Es ist vor allem die ruhige, und im Grunde genommen absolut unspektakuläre Inszenierung, die diesen Film so intensiv und authentisch wirken lässt. Keine reißerischen Szenen, kein blutiger Mord, der detailliert zeigt, wie jemand sein Leben verliert und keine atemberaubende Gerichtsverhandlung, bei der mit allen Mitteln um die Schuld oder Unschuld der Angeklagten gekämpft wird. Untermalt von einer fantastischen, atmosphärischen Musik wendet sich Regisseur Gonzalo Tobas vielmehr der Psyche der Protagonistin zu und zeigt, wie man innerhalb der Familie mit den Verdächtigungen umgeht. Das Ganze wirkt dabei so echt, dass man tatsächlich in manchen Momenten vergisst, einer erfundenen Geschichte beizuwohnen. Für viele ist dieser gemächliche Inszenierungsstil mit Sicherheit ein ganz großer Minuspunkt, der in der heutigen Kinowelt, in der es nur noch um „größer, besser, bombastischer“ geht, keine Chance und auch keinen Bestand hat. Für Filminteressierte, die sich für Schauspielerei und inszenatorische Feinheiten begeistern können, wird „Verurteilt“ ein kleiner Höhepunkt sein.

Wer Tobas‘ Vorgängerfilm „Der unsichtbare Gast“ kennt, weiß, was ihn bei „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ erwartet. Ein gefühlvolles Drama, das zwar eine schreckliche Tat erzählt, sich aber eigentlich auf etwas völlig anderes konzentriert: nämlich das Innenleben eines Menschen, der mit seinen Problemen nicht klar kommt.
Durch seine raffinierte Erzählweise wird der Film in keiner Sekunde langweilig, weil man mit der Protagonistin (und auch deren Familie) mitfiebert und wissen möchte, was wirklich geschehen ist. „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ ist einer jener Ausnahmefilme, die bedeutend mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zukommt. Wer großes Erzählkino mag, wird an diesem Drama / Thriller nicht vorbeikommen.

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Fazit: Großartig erzähltes Drama, das durch seine ruhige Inszenierung punkten kann.

© 2019 Wolfgang Brunner

Ben is back (2018)

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Originaltitel: Ben is Back
Regie: Peter Hedges
Drehbuch: Peter Hedges
Kamera: Stuart Dryburgh
Musik: Dickon Hinchliffe
Laufzeit: 103 Minuten
Darsteller: Julia Roberts, Lucas Hedges, Kathryn Newton, Courtney B. Vance, Tim Guinee, Mia Fowler, Melissa van der Schyff
Genre: Drama
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahre

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Völlig unerwartet steht der 19-jährige Ben Weihnachten vor der Tür seiner Familie. Er müsste sich eigentlich in einer Entzugsklinik befinden und  hofft, dass er zusammen mit  seiner Mutter sein Drogenproblem endlich in den Griff bekommt. Bens Vater möchte ihn umgehend in die Klinik zurückschicken, aber seine Mutter kann ihn dazu bewegen, zumindest für 24 Stunden seinem Aufenthalt zuzustimmen. In dieser Zeit kommt mehr aus Bens Leben ans Tageslicht, als der Familie lieb ist.

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Julia Roberts macht ihre Arbeit enorm gut. Man nimmt ihr sämtliche Handlungsweisen uneingeschränkt ab und sie überzeugt auch absolut in ihrer emotionalen Ausdrucksweise. Mit diesem Film beweist sie erneut, dass sie noch immer eine begnadete Schauspielerin ist. Aber auch Lucas Hedges in der Rolle des Ben wirkt äußerst glaubwürdig und verkörpert den drogensüchtigen Junky genauso überzeugend wie den bemitleidenswerten und liebevollen Bruder und Sohn. „Ben is back“ ist ein sehr authentisches Drama, das neben den Auswirkungen des Drogenkonsums, und den damit einhergehenden strafrechtlichen Entwicklungen, auch noch zeigt, zu welchen familiären Problemen so eine Sucht führen kann. Schauspielerisch und inszenatorisch ist an diesem Drama nichts auszusetzen.

Auch der Spannungsbogen entwickelt sich stetig nach oben, sodass es dem Zuschauer in keiner Minute langweilig wird. Der Film hätte sogar gut und gerne noch eine halbe Stunde länger dauern dürfen, um noch detaillierter auf die Spannungen und Probleme innerhalb dieser Familie einzugehen. Es gibt zum Beispiel eine Szene in diesem Film, in der Ben eine Selbsthilfegruppe aufsucht und seine Mutter ihn begleitet. Diese Momente sind sehr eindringlich gefilmt und lassen den Zuschauer – zumindest ging es mir so – eine Weile nicht mehr los. „Ben is back“ macht nachdenklich, lässt den Zuschauer allerdings nicht nur hilflos und deprimiert zurück, sondern vermittelt auch in gewisser Weise Hoffnung. Und genau diese Mischung ist es auch, die diesen Film aus meiner Sicht sehr glaubwürdig und eben auch eindringlich macht. Man kann nämlich durchaus vieles im Leben erreichen oder Fehler beheben, wenn man sich entsprechend Mühe gibt und vor allem nicht aufgibt.

Dem ein oder anderen mag vielleicht die Entwicklung in der zweiten Hälfte des Films nicht zusagen, da sie sich dann vom Drama fort- und eher in Richtung Thriller bewegt. Mir persönlich hat dieser Richtungswechsel allerdings nicht wirklich viel ausgemacht, da die Mutter-Sohn-Beziehung weiterhin noch im Vordergrund stand. Sicherlich wollte man damit einen Weg einschlagen, um den Film auch massentauglich  und nicht zu einem besonderen ArtHouse Drama zu machen, das nur eine bestimmtes Publikum anspricht. Alles in allem bekommt man hier auf alle Fälle einen sehr guten Film mit bemerkenswerten Schauspielerleistungen geboten, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Fazit: Sehenswertes, sehr authentisches Familiendrama, das auf unkitschige Weise zu Herzen geht.

©2019 Wolfgang Brunner

Das Wundern des jungen Ulysses (2019)

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Originaltitel: Das Wundern des jungen Ulysses
Regie: René Wiesner
Drehbuch: René Wiesner
Kamera: René Wiesner
Musik: Stephan Ortlepp
Laufzeit: 17 Minuten
Darsteller: –
Genre: Kurzfilm, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine verlassene Wohnung, in der ein schlimmes Schicksal ihre Spuren hinterlässt.

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Ein neuer Kurzfilm von René Wiesner, der mich natürlich sehr neugierig macht, da ich seinen letzten Film „Ossarium“ sehr gelungen und gut fand. „Das Wundern des jungen Ulysses“ beginnt auf ähnliche Weise und man weiß lange Zeit nicht, was einen erwartet und um was es in diesem Kurzfilm eigentlich geht. Man betrachtet die verlassene Wohnung, sieht den Bildern zu und lässt plötzlich seine eigenen Gedanken schweifen. Man erinnert sich an Begebenheiten des eigenen Lebens, zieht sozusagen Bilanz, während man darauf wartet, dass etwas in Wiesners neuem Film passiert. Aber es geht ruhig weiter, wie es auch begonnen hat. Und irgendwann ist es dann soweit und die Magie dieser melancholischen Bilder, übrigens genial untermalt von Stephan Ortlepp, packt einen, zieht einen in den Bann und lässt einen nicht mehr los. Und während man weiter über den Film (und auch sich selbst) nachdenkt, erschließen sich von einem Moment auf den anderen immer mehr Perspektiven, die der Film aufzeigt. Man befindet sich irgendwann in einem Strudel, dem man nicht mehr entkommen kann.

Ich möchte es fast schon als kleines filmisches Wunder bezeichnen, was René Wiesner da inszeniert hat. Denn so minimalistisch und banal „Die Wunder des jungen Ulysses“ auf den ersten Blick daherkommen mag, umso bombastischer entwickelt er sich zu einem konsequenten, dramatischen Ende, das ab einem gewissen Moment fast schon wie eine Bombe im Kopf des Zuschauers detoniert. Wiesner hat es mit seinem Kurzfilm tatsächlich geschafft, mich über Tage hinweg zu beschäftigen. Immer wieder geistern diese „einfachen“ Bilder durch meinen Kopf und ich meine fast, Ortlepps unheilschwangere, düstere Töne zu hören. „Das Wundern des jungen Ulysses“ verwundert, fasziniert und schockiert eher erst, nachdem man den Film gesehen hat. Sicherlich breitet sich während der Sichtung bereits ein mulmiges Gefühl in der Magengegend aus, wenn man langsam aber sicher bemerkt, um was es geht. Aber weitaus beeindruckender ist dieser Effekt, nachdem der Film zu Ende ist und man darüber nachzudenken beginnt.

Dieser Kurzfilm zeigt wieder einmal, dass man mit wenig finanziellen Mitteln etwas auf die Beine stellen kann, das nachhaltig Wirkung zeigt. Dramaturgisches Geschick, filmisches Inszenierungsvermögen und vor allem die Fähigkeit, eine Geschichte erzählen zu können. Und das, obwohl im Grunde genommen nicht einmal jemand mitspielt.  Ich muss sagen, dass mich dieser Kurzfilm geflasht hat. Es bedarf schon einer gewissen Feinfühligkeit, sich solche einem Thema anzunehmen und dies dann auch noch unspektakulär und ruhig in Szene zu setzen. Gerade diese Zurückhaltung in der Inszenierung verschafft dem Zuschauer ein weitaus beklemmenderes Gefühl, als hätte man das Thema reißerisch (und brutal) aufgearbeitet. Wieder einmal hat mich René Wiesner mit seinem filmischen Können überzeugen können, dieses Mal vielleicht sogar am meisten von all seinen kreativen Arbeiten. Ich bin schon sehr gespannt, was wir in Zukunft noch von ihm zu sehen bekommen. Auf alle Fälle volle Punktzahl für „Das Wundern des jungen Ulysses“.

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Fazit: Minimalistisches, aber gerade deswegen umso eindringlicheres Kurzfilm-Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner

One Percent – Streets of Anarchy (2017)

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Originaltitel: 1 %
Alternativtitel: Outlaws
Regie: Stephen McCallum
Drehbuch: Matt Nable
Kamera: Shelley Farthing-Dawe
Musik: Chris Cobilis
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Ryan Corr, Abbey Lee, Simone Kessell, Josh McConville, Aaron Pedersen, Sam Parsonson, Eddie Baroo, Jacqui William, Matt Nable
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Knuck ist Anführer des kriminellen Motorradclubs mit dem klangvollen Namen „Copperheads“. Während er im Knast saß hatte sein Stellvertreter Paddo die Leitung über den Club und veränderte in dieser Zeit ein paar der eingefahrenen Strukturen. Als Knuck wieder auf freiem Fuß ist, kommt es unausweichlich zu einem Streit zwischen den beiden, aus dem nur einer von ihnen als Sieger hervorgehen kann.

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„One Percent“ wirbt mit dem deutschen ( 🙂 ) Untertitel „Streets of Anarchy“, was wohl einen dezenten Hinweis auf die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ darstellen und ein entsprechendes Publikum anlocken soll. Wie nicht anders zu erwarten, hinkt dieser Vergleich natürlich, denn der Film wirkt nur auf den ersten Anschein wie ein uninspirierter Abklatsch. „One Percent“ ist auch nicht in erster Linie ein Biker-Film, wie es das Cover suggeriert, sondern vielmehr ein Drama, das im Bikermilieu spielt. Während der ersten 20 Minuten war ich mir des öfteren nicht ganz sicher, ob mir der Film gefallen und zusagen würde, denn es wurde massivst mit vulgären Ausdrücken um sich geworfen. Das wirkte anfangs definitiv etwas störend auf mich und könnte den ein oder anderen Zuseher dazu veranlassen, den Film tatsächlich abzuschalten. Aber man sollte sich einfach darauf einlassen, denn ab einem gewissen Zeitpunkt wird einem klar, dass genau diese Ausdrucksweise das Milieu, in dem der Film angesiedelt ist, wiedergibt. Vor allem kommt dadurch auch eine besondere Dramatik auf, wenn man sich der Geschichte des behinderten Bruders des Protagonisten widmet.

Schauspielerisch gibt es an „One Percent“ absolut nichts auszusetzen. Auch die Frauen haben tragende Rollen inne, aber vor allem Josh McConville, der den Part des besagten behinderten Bruders übernommen hat, kann durch seine hervorragende Performance absolut überzeugen und auch begeistern. In meinen Augen ist er letztendlich auch die tragende Figur und daher heimliche Hauptrolle dieses Dramas. Im Nachhinein betrachtet, gewinnt der Film eine ganz außergewöhnliche Bedeutung für mich, da er mich in seiner konsequenten Tragik manchmal an den grandiosen „Gilbert Grape“ mit Leonardo diCaprio erinnert. „One Percent“ wird diejenigen enttäuschen, die einen reinen Motorradfilm erwarten, denn dafür sind viel zu wenig Bikeraufnahmen vorhanden. Wer allerdings ein handfestes Drama fürs Massenpublikum erwartet, wird ebenso enttäuscht sein, da sich der Film überwiegend abseits des Mainstream bewegt. So stellt „One Percent“ für mich irgendwie einen Art Filmhybrid aus Drama und Action dar, der nicht jedermanns Sache ist. Aber, wie bereits erwähnt, durchhalten lohnt sich auf alle Fälle und „One Percent“ ist auch ein Film, der definitiv hängenbleibt. Stephen McCallums Film mag auf den ersten Blick etwas oberflächlich und ohne Konzept wirken, brennt sich aber dennoch – so war es zumindest bei mir – ins Gedächtnis, weil er sehr realitätsnah inszeniert ist. Die Beziehung der beiden Brüder stellt für mich auf jeden Fall den Mittelpunkt der ganzen Geschichte dar und endet in einem äußerst dramatischen Finale.

Für mich ist „One Percent“ nach anfänglichen Schwierigkeiten ein Film, den man sich ohne weiteres öfters ansehen kann. Um noch einmal auf den Vergleich mit „Sons of Anarchy“ zurückzukommen: Der vorliegende „One Percent“ kann natürlich aufgrund seiner geringen Laufdauer nicht mit einer entsprechenden Tiefe aufwarten. Dennoch sind die Charaktere absolut toll ausgearbeitet und auch entsprechend gespielt. In keiner einzigen Minute hatte ich das Gefühl, einer Direct to DVD-Veröffentlichung zuzusehen. Die Inszenierung, die Schnitte und das Agieren der Schauspieler wirkten auf mich niemals wie ein B-Movie. Man sollte sich vielleicht auf diesen Film einlassen, ohne Vergleiche mit „Sons of Anarchy“ anzustellen, wenngleich diese vielleicht sogar vom Regisseur beabsichtigt waren. Als eigenständiger Film funktioniert „One Percent“ auf alle Fälle und kann optimal und professionell unterhalten. Ich habe ihn auf alle Fälle genossen.

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Fazit: An die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ angelehntes, aber sehenswertes Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner

Santa Sangre (1989)

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Originaltitel: Santa sangre
Regie: Alejandro Jodorowsky
Drehbuch: Alejandro Jodorowsky, Robert Leoni, Claudio Argento
Kamera: Damiele Nannuzzi
Musik: Simon Boswell
Laufzeit: 123 Minuten
Darsteller: Axel Jodorowsky, Adan Jodorowsky Blanca Guerra, Guy Stockwell, Thelma Tixou, Sabrina Dennison, Faviola Elenka Tapia, Jesús Juárez, Teo Jodorowsky
Genre: Horror, Drama
Produktionsland: Mexiko, Italien
FSK: ab 16 Jahre

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Die Kindheit des kleinen Fenix, der einmal Magier in einem Zirkus werden soll, ist ein wahrer Albtraum. Bei einem Streit trennt sein Vater der fanatisch religiösen Mutter beide Arme ab und bringt sich dann vor den Augen seines Sohnes selbst um.
Fenix landet in einer Nervenheilanstalt. Erst als viele Jahre später seine Mutter wieder in Erscheinung tritt, gelingt Fenix als Erwachsener die Flucht vor seiner Vergangenheit. Doch es ist ein schwerer, blutiger Weg bis zur Erlösung …

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„Santa Sangre“ ist ein Film, der mich Sicherheit nicht jedermanns Geschmack trifft. Es ist eigentlich auch gar nicht verwunderlich, das Jodorowskys kontroverser Film für manch einen zu überlastet wirkt. Denn es sind in der Tat eine Unmenge an symbolträchtigen Aphorismen versteckt, die den Film bei der ersten Sichtung förmlich überfluten. Genau das wirkt wahrscheinlich auf viele Zuseher viel zu intellektuell und überladen. Wer sich aber auf Jodorowksys Visionen einlassen kann, der wird mit einem wahnsinnig innovativen und ideenreichen Spektakel belohnt. „Santa Sangre“ ist für mich irgendwie wie eine Mischung aus Filmen von Lars von Trier, Peter Greenaway, Federico Fellini oder an manchen Stellen sogar Werner Herzog. „Santa Sangre“ hat mich tief berührt und oftmals zum Nachdenken gebracht.
Vor allem, ohne jetzt spoilern zu wollen, die Szene, in der Mutter und Vater streiten, stellt für mich eine grandiose Schlüsselszene des gesamten Films dar und hat mich enorm beeindruckt. Da kommt eine Intensität zum Tragen, die mich nicht nur während des Ansehens, sondern auch noch Tage danach schlichtweg umhaut.

Schauspielerisch möchte ich es fast Meisterleistungen nennen, die die Akteure hier abliefern. Denn es ist mit Sicherheit nicht einfach, Jodorowskys skurrile, groteske und teils makabren Visionen zum Leben zu erwecken. Die Schauspielerei wirkt an vielen Stellen theatralisch, was dem Film aber zusätzlich noch einen besonderen Reiz verschafft, dem man sich schlecht entziehen kann, sofern man sich, wie oben bereits erwähnt, darauf einlassen kann. Zumindest auf mich hat der Film einen unglaublichen Sog ausgeübt. „Santa Sangre“ dürfte Jodorowskys zugänglichster Film sein, denn mit seinen bekanntesten Werken „El Topo“ oder „Der heilige Berg“ hat der Regisseur die Geschmäcker der Kinozuschauer weitaus mehr gespalten und strapaziert. „Santa Sangre“ wirkt wie ein irrer Trip ins eigene Ich und konfrontiert den Zuschauer mit Dingen, die einem Albtraum entsprungen erscheinen. Die unglaublich intensive Atmosphäre zieht sich durch den ganzen Film.

„Santa Sangre“ ist kein weiterer „El Topo“ und hat im Grunde genommen wenig mit dem Einfallsreichtum und Mystizismus von „Der heilige Berg“ zu tun, mit dem Jodorowsky keine Geschichte erzählen, sondern eine Erfahrung mit dem Publikum teilen wollte. Jodorowsky wendet sich fast schon an das Mainstream-Publikum, wenn er seine authentische und äußerst wuchtige Geschichte einer gequälten Seele in Szene setzt. Unverändert allerdings sind seine kraftvollen, ausdrucksstarken Bilder, die lange nachwirken. Dennoch ist „Santa Sangre“  absolut kein massentauglicher Film, sondern eher unbequem, visionär und absurd. Ein Gemisch aus wahnwitzigen, poetischen, philosophischen und blutig-brutalen Ideen. „Santa Sangre“ ist einerseits ein Horrortrip, andererseits eine Art Psychothriller, der unter die Haut geht. Das Publikum wird von beeindruckenden, aber auch gewalttätigen Bildern überflutet. Das Begräbnis eines Elefanten hat Kultstatus erreicht und auch die ein oder andere Szene könnte irgendwann einmal Filmgeschichte sein. Wer echtes, emotionales und künstlerisches Kino erleben will, sollte sich „Santa Sangre“ unbedingt ansehen. Für mich ein Meisterwerk.

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Fazit: Wahnwitziges, poetisches, philosophisches, surreales und blutig-brutales Meisterwerk.

© 2019 Wolfgang Brunner