Penthesilea (2013)

Originaltitel: Penthesilea
Regie: Stefan Kaufhold
Drehbuch: Michael John Cherdchupan
Kamera: Nicolai Mehring
Musik: Simon Theißen
Laufzeit: 28 Minuten
Darsteller: Juli Klement, Wolfram Schorlemmer, Meri Husagic
Genre: Kurzfilm, Science Fiction
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Penthesilea ist ein Haushaltshilferoboter. Sie verliebt sich in ihren Besitzer, den verschlossenen Jeremy, kann sich ihm aber anfangs nicht mitteilen, weil sie nicht fähig ist, ihre Gefühle zu zeigen. Während Jeremy von Yukari, einem hübschen aufgeweckten Mädchen, in Besitz genommen wird, vermeint Penthesilea in diesem Verhalten eine Bedrohung für Jeremy und ihre Liebe zu ihm zu erkennen. Kurzerhand beschließt sie, etwas gegen ihre Rivalin zu unternehmen.

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Sehr locker interpretiert Regisseur Stefan Kaufhold die griechische Sage um die Amazonenkönigin Penthesilea und verlegt die Handlung in die Zukunft. Die Roboterbedienstete Penthesilea wird grandios und unglaublich authentisch von Juli Klement verkörpert, der man vom ersten Moment an jede Bewegung und Handlung abnimmt. Klement zeigt in jeder Sekunde ihr außergewöhnliches Talent und nimmt den Zuschauer ohne Umschweife für sich ein. Es ist eine wahre Wonne, ihren roboterhaften und gleichzeitig ungemein menschlichen Handlungen zu folgen. Zusammen mit dem zwar kühlen, aber sehr stylisch und präzise gehaltenen Inszenierungsstil funktioniert das Science Fiction-Drama vorbehaltlos. Die „Mimik“ der Künstlichen Intelligens, als sie sich in ihren Besitzer namens Jeremy verliebt, ist unglaublich intensiv, obwohl sie irgendwie auch wieder gar nicht richtig zu sehen ist. Es ist wirklich Wahnsinn, wie Kuli Klement das hin bekommt. Daumen hoch!
Doch auch Meri Husagic als „menschliche Konkurrentin“ und Wolfram Schorlemmer als Jeremy geben eine wunderbare Performance ab, an die man sich noch lange erinnert.

Doch die tolle Stimmung liegt nicht nur alleine an den Schauspielern, die allesamt gut und glaubwürdig sind, sondern auch an dem sicheren Händchen, das Stefan Kaufhold als Regisseur beweist. Er benutzt keine hektischen Kamerafahrten oder Schnitte. Ohne unnötige Schnörkel wird eine Geschichte erzählt, die sich mehr auf die Emotionen der Protagonisten (in erster Linie auf die Protagonistin Penthesilea) konzentriert und nicht auf Spezialeffekte, die hier nur stören würden. Kaufhold meistert die Gratwanderung zwischen SF-Story, Liebesdrama und Erotik hervorragend und lässt mit seinem knapp halbstündigen Kurzfilm keine inszenatorischen Wünsche offen. Hier zeigt sich wieder einmal, welch vielseitige, ideenreiche Filmkünstler Deutschland besitzt, die von den Branchenverantwortlichen schlichtweg ignoriert werden, weil sie nicht ins Schema F passen. Kaufhold zeigt mit seiner gesamten Crew einfach unglaublich großes Talent.

Ein bisschen erinnert das Thema an „Der 200 Jahre Mann“, noch mehr aber an den aus meiner Sicht SF-Meilenstein „Her“. Kaufhold geht, wie im letztgenannten Film, sehr intensiv und emotional an seine Geschichte heran und lässt dadurch die Gefühle eines Roboters vollkommen nachvollziehbar werden. Der Zuschauer fühlt teilweise mehr mit der Künstlichen Intelligenz als mit den Menschen.
Was der Atmosphäre ebenfalls äußerst zugute kommt, ist die, wie oben schon erwähnt, unspektakuläre, dafür aber umso intensivere Kameraführung von Nicolai Mehring. Wie George Lucas in seinem Debütfilm „THX 1138“ fängt Mehring perfekt ausgeleuchtete Momente ein, die aufgrund ihrer schlichten Schönheit im Gedächtnis haften bleiben. Einige Bildkompositionen könnte man sich ohne weiteres als Ölgemälde an die Wand hängen. 😉
Wer Gelegenheit dazu hat, sollte sich „Penthesilia“ mindestens zweimal ansehen, um die gesamte Bandbreite der Filmemacher und Schauspieler zu inhalieren, denn man entdeckt immer wieder Neues.
Stefan Kaufhold legt mit seiner „Penthesilea“-SF-Interpretation ein tiefgründiges, elegisches kleines Meisterwerk vor, das zum Nachdenken über die eigenen Gefühle anregt und sich natürlich auch mit der Thematik beschäftigt, ob Liebe auch tatsächlich von Künstlichen  Intelligenzen empfunden werden kann. Tja, und wenn man seinen Film gesehen hat, kann man die letzte Frage eindeutig mit „Ja“ beantworten. Und „Penthesilea“ zeigt desweiteren, wohin Liebe auch führen kann – nämlich zu unendlicher Eifersucht.

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Fazit: Elegisch, melancholisch und emotional, aber auch erschreckend und kaltblütig. Mit „Penthesilia“ ist der gesamten Crew unter Regisseur Stefan Kaufhold ein kleines Meisterwerk gelungen, nach dem man süchtig werden kann.

©© 2017 Wolfgang Brunner

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Der Staat gegen Fritz Bauer (2015)

fritz Bauer

Originaltitel: Der Staat gegen Fritz Bauer
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
Kamera: Jens Harant
Musik: Julian Maas, Christoph M. Kaiser
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg,   Laura Tonke, Götz Schubert, Robert Atzorn, Matthias Weidenhöfer, Cornelia Gröschel, Rüdiger Klink, Dani Levy, Michael Schenk, Anna von Haebler, Nikolai Will
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahre

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Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hat sich der NS-Verbrechensaufklärung verschrieben hat und bekommt im Jahr 1957 einen entscheidenden Hinweis auf den Aufenthaltsort des früheren SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann. Bauer will Eichmann vor Gericht bringen, doch er wird dabei immer wieder aus den Reihen deutscher Persönlichkeiten aus den höchsten Kreisen behindert. Der junge Staatsanwalt Karl Angermann fühlt sich Fritz Bauer verpflichtet und hilft ihm. Doch schon bald wird nicht nur beruflich, sondern auch privat die Suche nach Eichmann für beiden zu einer Herausforderung.

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Ich war sehr gespannt auf diesen Film, weil ich im Vorfeld schon einiges darüber gehört hatte. Aber was ich bei diesem Polit-Thriller letztendlich zu sehen bekommen habe, hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Unglaublich intensiv und vor allem sehr menschlich erzählt Regisseur Lars Kraume eine wahre Geschichte, die vor Bauers eigentlich wichtigster Leistung in seiner Karriere, nämlich der Heraufbeschwörung des Auschwitz-Prozesses und seinem Bemühen, sämtliche Altnazis aus der deutschen Justiz zu entfernen. Kraume erzählt also die Geschichte vor der eigentlich bedeutenderen historischen Begebenheit. Und das macht er so gut, dass man kaum bemerkt, wie die Zeit verstreicht. Bis in die kleinste Nebenrolle ist dieser wunderbare Film fantastisch besetzt und zeigt einen überaus sensiblen und emotionalen Menschen. Burghart Klaußner spielt oscarreif. Man nimmt ihm jede Handlung ohne Einschränkung ab und fühlt mit ihm. Das ist einfach unglaublich.
Genauso verhält es sich mit Ronald Zehrfeld als junger Staatsanwalt Karl Angermann. Auch er geht sichtlich in seiner Rolle auf und verleiht der Figur einen glaubwürdigen, liebenswerten Charakter.

In einem sehr ruhigen, fast schon melancholischen Stil wird der Kampf eines Mannes erzählt, der sein Ziel erreichen will, koste es was es wolle. Unspektakulär, aber nichtsdestoweniger eindringlich, begleitet der Zuschauer Fritz Bauer auf seinem steinigen Weg. Entgegen anderer Meinungen empfand ich die (angeblich erfundene) Homosexualität Bauers absolut gut in den Handlungsstrang integriert. Doch offenbar ist an dieser Homosexualität doch etwas Wahres dran, wenn man ein wenig recherchiert. Auf jeden Fall haben gerade diese Szenen aus meiner Sicht die Einsam- und Verletzlichkeit des Mannes unterstrichen und seiner Figur eine tragische Rolle verliehen. Fritz Bauer wäre durch diese Neigung auf jeden Fall erpressbar gewesen, da es zur damaligen Zeit schließlich noch immer den § 175 gab. Ich fand diese Entwicklung und Beleuchtung von Bauers Person auf jeden Fall sehr interessant und auch glaubwürdig.

Regisseur Lars Kraume hat zusammen mit wunderbaren Schauspielern ein Stück deutsche Geschichte auf Film gebannt, das man sich unbedingt ansehen sollte. Ich hätte auf jeden Fall gut und gerne noch weitere zwei Stunden zusehen können, wie Fritz Bauer sich seiner selbst auferlegten Aufgabe widmet. Die Kulissen sind sehr authentisch und auch die Dialoge vermitteln einen glaubhaften Eindruck, wie es in jener Zeit zugegangen ist. Mich hat der Film absolut gefesselt und fasziniert. In erster Linie lag das an der ausdrucksstarken Darstellung von Burghart Klaußner, der der Person des Fritz Bauer eine unglaubliche Tiefe und Wärme verpasste, die nachhaltig beeindruckt.  Aber auch die handwerklich perfekte Inszenierung des (menschlichen und politischen) Dramas hatte großen Anteil an meiner Begeisterung.

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Fazit: „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein beeindruckendes historisches Zeitgemälde mit einer oscarreifen Schauspielleistung von Burghart Klaußner.

© 2016 Wolfgang Brunner

Legend Of Hell (2012)

Legend

Originaltitel: Legend Of Hell
Regie: Olaf Ittenbach
Drehbuch: Olaf Ittenbach
Kamera: Denis Alarcon Ramirez
Musik: Philipp Chudalla, Reinhard Eggersdorfer, Axel Rubbel, Thomas Wozny
Laufzeit: 85 Minuten
Darsteller: Karen Breece, Wayne Darrin, Martin Ittenbach, Hanno Ley, Carsten Blume, Garloff Langenbeck, Daryl Jackson, James Matthews-Pyecka, Sebastian Gerold, Birte Hanusrichter, Thomas Schimon
Genre: Horror, Fantasy
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 18 Jahre

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Die Archäologin Selma entdeckt ein 5.000 Jahre altes Portal, das von innen fest verschlossen ist. Wenig später findet sie eine ebenso alte Karte, die bald darauf ein alter Kunsthändler mit allen Mitteln von ihr erwerben will. Bei der Übergabe kommt es zum Streit und Selma wird erschossen. Und plötzlich befindet sich Selma im Mittelalter, wo sie erneut ermordet wird und erstaunlicherweise auf einer astralen Ebene wieder erwacht. Dort trifft sie David, Elias und Luise, die alle aus verschiedenen Zeitaltern in die astrale Ebene gelangt sind, um einen Auftrag auszuführen. Sie müssen das Tor zur Hölle, das von Selma in einem anderen Leben entdeckte Portal, schließen, das zwischenzeitlich entriegelt wurde.

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Wo „Ittenbach“ draufsteht ist auch „Ittenbach“ drin. 🙂
Es gibt Filmemacher, die spalten die Zuschauer: Herr Ittenbach ist eindeutig einer davon. Entweder man mag seine Art, Filme zu machen, oder eben nicht. Ich für meinen Teil mag seine Orgien. Ittenbach ist kein Spielberg, das ist ganz klar. Aber ich esse ja auch nicht jeden Tag ein 5-Sterne Menü, sondern auch mal Fast Food. Und beides mag ich.
Somit wären wir dann auch schon beim Thema: Ittenbachs „Legend Of Hell“ ist eine unterhaltsame Mischung aus „Conan – Der Barbar“, „Hinter dem Horizont“ und Zombie-Splatter. Der Film möchte einfach unterhalten und das tut er, wenn man sich auf die manchmal unlogische Handlung einlässt. Fantasyelemente werden wild mit Horror- und Mysteryeinschüben vermischt. Heraus kommt ein spannender Genremix, der sogar ein klein wenig zum Nachdenken einlödt. Sicherlich ist der Plot nicht logisch durchdacht und konzipiert, aber dennoch hat mir die Idee einer astralen Ebene, in der sich alles abspielt, sehr gut gefallen. Dadurch bekam die Handlung doch einen gewissen Reiz für mich.

Olaf Ittenbach schert sich einen Teufel um gängige Erwartungen: Er macht, was ihm Spaß macht und was er zeigen will – Punkt. Im Falle von „Legend Of Hell“ bewegt er sich nicht durchgängig, wie ihm vorgehalten wird, auf Amateur-Niveau.  Dazu agieren die Schauspieler ab dem ersten Drittel viel zu gut und die Drehorte sind teilweise wirklich sehr gut und atmosphärisch ausgewählt. Sicherlich fallen hin und wieder die Blue (oder Green?)-Screen-Aufnahmen auf, aber was ist daran so schlimm? Der Film ist zum Großteil handmade gemacht und das rechne ich Ittenbach in der heutigen Zeit hoch an. Da werden Puppen abgeschlachtet, dass es eine wahre Freude ist. Und genau das habe ich erwartet. Klar werden auch CGI-Effekte eingesetzt, aber im Grunde sehr verhalten. Die Handarbeit liegt Ittenbach immer noch am Herzen.

Wer einen stylischen Hochglanz-Horror erwartet, wird hier enttäuscht werden. Wer sich allerdings eineinhalb Stunden mit einem Fantasy-Horror-Trash-Splatter-Trip vertreiben möchte, ist genau richtig. Und, wie gesagt, man bekommt auch ein paar wunderbare und stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen zu sehen. Ittenbach-Fans werden ihre Freude haben, B-Movie- und Independent-Gegner sollten einfach die Finger davon lassen.

Anfangs kommt der Plot sehr schwer in die Gänge, genauso wie die deutsche Synchronisation. Aber schon nach einer Viertelstunde wird es besser und auch die Synchro tut’s.
Einziges wirkliches Manko an „Legend Of Hell“ fand ich die animierten Drachen am Ende, die lächerlich und wie aus einem Film der 50er Jahre wirkten. Aber nun gut … ich mochte den Rest und fand die Story wirklich einen unterhaltsamen B-Movie mit blutigen Effekten. Mit geringem Budget hat Ittenbach seinen Fans ein neues Werk geliefert, und das finde ich gut. 😉

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Fazit: So schlecht, wie alle tun, ist „Legend Of Hell“ nun auch wieder nicht. Coole Effekte wurden in eine ganz nette, wenngleich nicht unbedingt logische, Handlung verpackt. Mir hat’s gefallen.

© 2015 Wolfgang Brunner

Destruction Of Silence (2013)

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Originaltitel: Destruction Of Silence
Regie: Jakob Gisik
Drehbuch: Jakob Gisik
Kamera: Philipp M. Hönig
Musik: Florian Linckus
Laufzeit: 41 Minuten
Darsteller: Rolf Schapals, David Gisik, Horst Janson, Andreas Pape, Sarah Alles, Lukas Best, Christian Gorgs, Franz Hofmann, Martin Roskewetz
Genre: Krieg, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahre

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Der sechsjährige Deutsche Phillip Schmidt verliert im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff beide Eltern. Als er vor einer amerikanischen Patrouille aufgefunden wird, nimmt sich der GI Jack Brown dem Jungen an. Gemeinsam kämpfen sie sich durch das Kriegsgebiet, mit dem Wissen, dass das Ende des Krieges naht. Eine zaghafte Freundschaft bahnt sich zwischen dem deutschen Jungen und dem amerikanischen Soldaten an.

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Es ist immer wieder erstaunlich, welche Perlen sich im (nicht nur deutschen) Independent-Bereich verstecken. Jakob Gisiks Kriegsdrama „Destruction Of Silence“ gehört eindeutig dazu. Zielsicher inszenierte der in Kasachstan geborene Regisseur ein beeindruckendes Kriegserlebnis, das nachhaltig im Kopf hängen bleibt. Auch wenn manche das Gegenteil behaupten: Gisiks 40-Minuten-Drama wirkt in keiner Einstellung billig und amateurhaft. Ganz im Gegenteil. Sowohl vor als auch hinter der Kamera scheint man es hier mit absolut professionellen und engagierten Leuten zu tun zu haben, die einen Blick für großes Kino haben. Regie, Schauspieler- und Kameraführung, Schnitt und Musik sind top.

Visuell können sowohl die actionlastigen Kriegs- als auch die ruhigeren Gefühlsszenen vollkommen überzeugen. Gisiks Sohn David spielt seine Rolle so überzeugend und herzerweichend, dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzusehen. Aber auch Rolf Schapals glänzt in seiner Rolle und zeigt großes Talent. Man hätte das Drama durchaus auf Spielfilmlänge ausweiten können, so faszinierend ist die im Grunde genommen einfache Geschichte. Horst Jahnson hat nur einen kurzen Auftritt, der aber sehr emotional ist und im Gedächtnis haften bleibt.
Andreas Pape, der mir unter anderem schon in „German Angst“  und „Toxic Lullaby“ gefallen hat, kann auch hier wieder überzeugen. Sein Blick kann schon Angst machen. 😉

Ich wüsste nicht, was ich an „Destruction Of Silence“ auszusetzen hätte, außer der Dauer. 😉
Denn ich hätte wirklich noch gerne mehr von den wunderschön inszenierten Bildern gesehen, in denen sich die Freundschaft zwischen dem GI und dem sechsjährigen Philipp immer mehr entwickelt. Das ist es auch, was Gisik so richtig kann. Gisik fängt wunderschöne Bilder ein, die mich an Großproduktionen erinnerten. „Destruction Of Silence“ ist ein kleiner, großer Film, der beeindruckt und zeigt, was Herzblut und eine gute Crew mit wenig Geld zustandebringen können. Ich bin begeistert.

Gisiks Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg konzentriert sich auf das Grauen eines Krieges, auf die vielen Schicksale, die in so einem Fall passieren. Doch trotz aller Schrecken vermittelt sein Film Hoffnung. Melancholisch und rührend schließt sich am Ende ein Kreis, der den Zuschauer zu Tränen rührt. Am Ende hatte ich wirklich einen riesigen Kloß im Hals.

Da bin ich wirklich sehr gespannt, was Jakob Gisik mit seinem neuen Projekt „No Hate“ auf die Beine stellt.

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Fazit: Beeindruckendes und anrührendes Drama, das im Zweiten Weltkrieg handelt und die Menschlichkeit in solch einem Grauen darstellt. Professionell und visuell eindrucksvoll von Jakob Gisik in Szene gesetzt.

© 2015 Wolfgang Brunner

Unerträglich (2012)

unerträglich

Originaltitel: Unerträglich
Alternativtitel: Unbearable
Regie: Marcello Filippelli
Drehbuch: Marcello Filippelli
Kamera: Marcello Filippelli
Musik: Stefan Magasitz
Laufzeit: 10 Minuten
Darsteller: Nikolai Will, Christian Cujovic, Claudia Dalchow, Martin Kloss, Peter Eberst, Bernd Michael Straub
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: ohne Altersbeschränkung

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Die Kommissare Beck und Bergmann untersuchen einen Kindermord. Und plötzlich fehlt vom Vater des ermordeten Mädchens ebenfalls jede Spur. Die Ermittler gehen von einem Serientäter aus und versuchen, den Fall so schnell wie möglich zu lösen.

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Filippellis Kurzfilm packt den Zuseher sofort und zieht ihn in seinen Bann. In nur zehn Minuten packt der Regisseur jede Menge Handlung und Charakterzeichungen hinein, die so mancher Langfilm nicht hinbekommt.
Das Zusammenspiel der beiden Ermittler ist „Tatort“-mäßig, absolut glaubhaft und nachvollziehbar.
Durch eine Stimme aus dem Radio wird der Zuschauer in die Handlung eingeführt und merkt irgendwann, um was es geht. Aber so einfach ist Filippellis Geschichte dann doch nicht, denn der Regisseur führt uns trotz der kurzen Spieldauer seines Films auf eine falsche Fährte. Das Ganze ist unglaublich intensiv in Szene gesetzt und durch die teils verwackelten Handkamera-Bilder fühlt man sich mitten im Geschehen. Aber „Unerträglich“ ist kein Film im Found Footage-Stil, sondern ein optisch hervorragendes Kammerspiel, das einem so manches Mal einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Das liegt zum einen am heiklen Thema, dem sich Filippelli angenommen hat, zu anderen aber an der meisterhaften Schauspielkunst, die Nikolai Will mal wieder an den Tag legt. Dazu aber später.
Marcello Filippelli hat seinen ersten „großen“ Kurzfilm professionell und solide inszeniert. Man sieht eindeutig, dass er das Handwerk beherrscht und seine Freude daran hat. Die Moral mag für den ein oder anderen fragwürdig sein, weil Mord mit Folter gerächt wird. Aber … da sind wir jetzt beim Schauspieler Nikolai Will angelangt:

Nikolai Will charakterisiert die Rolle eines verzweifelten Vaters einfach hammermäßig. Alleine das in so kurzer Zeit, die ihm in diesem Film zur Verfügung stand, so überzeugend und emotional hinzukriegen, ist schon ein kleines Wunder. Zu der Verzweiflung kommt die für ihn selbst unerträgliche Last seines Handelns noch hinzu, gepaart mit der unerträglichen Tatsache, sein Kind verloren zu haben. Nikolai Will macht aus Filippellis Kurzfilm ein verstörendes Erlebnis, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Nur mal am Rande: Wieso kriegt Will keine Hauptrollen in einem abendfüllenden Spielfilm?
Seine Mimik spricht Bände und lässt den Zuschauer mitfühlen: die Wut, die Verzweiflung und den abgrundtiefen Hass. Aber auch die Unsicherheit, ob sein Handeln richtig ist. Das alles beherrscht Will so perfekt, dass es einem den Atem raubt. Vielleicht sollte ich eine Fanseite für Nikolai Will gründen. 😉
Marcello Filippellis „Unerträglich“ ist zwar eine kurze Geschichte, aber im handwerklichen und schauspielerischen Detail ganz großes Kino.
Den Kurzfilm kann man sich auf youtube anschauen —> KLICK MICH!

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Fazit: Professioneller und ästhetischer Kurzfilm um  einen Kindermord, der dem Zuseher aufgrund der Schauspielleistung von Nikolai Will den Atem raubt. Filippelli ist ein vielversprechendes Talent. Den Namen werde ich mir merken. Absolute Empfehlung.

© 2015 Wolfgang Brunner

Liebe (2014)

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Originaltitel: Liebe
Regie: Kai E. Bogatzki
Drehbuch: Kai E. Bogatzki
Kamera: Lucas Blank
Musik: René Bidmon
Laufzeit: 15 Minuten
Darsteller: Isabelle Aring, Nikolai Will
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
Freigabe: —

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Nach einem Unfall findet das Glück des Ehepaars Christian und Sylvia ein abruptes Ende: Sylvia sitzt querschnittsgelähmt im Rollstuhl und Christian versucht mit allen Mitteln, seiner großen Liebe das Leben zu verschönern. Aber die Aufgabe zehrt an seinen Nerven und er beginnt zu trinken. Immer öfter kommt es zu Streitereien, bis eine dieser Auseinandersetzungen eskaliert. Aber Christian gibt nicht auf, die Liebe zu Sylvia aufrechtzuerhalten.

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„In guten wie in schlechten Zeiten“, heißt es bei der Eheschließung. Dieser Thematik nimmt sich Regisseur Bogatzki in seinem Kurzfilm „Liebe“ an und zeigt, an welche Grenzen ein Paar stößt, wenn das Glück von einer Sekunde auf die andere zerstört und die Beziehung auf die Probe gestellt wird. Auf sehr hohem Niveau schildert Bogatzki das Leben der beiden und zeigt, dass er das Regiehandwerk vorzüglich beherrscht. Lucas Blanks Kameraarbeit ist ebenfalls beachtlich, wenn er Mann und Frau durch die Wohnung und bei ihrem Alltag begleitet. René Bidmons Score ist der Hammer und untermalt das elegisch-melancholische Drama hervorragend. Das Zusammenspiel von Regisseur, Kameramann, Filmmusik-Komponist und den beiden Darstellern könnte besser nicht sein. Und obwohl im Film sehr viele (geniale) Schnitte sind, wirkt er immer ruhig und niemals hektisch.
Manchmal ähnelt das Szenario Michael Hanekes gleichnamigem Film aus dem Jahr 2012 („Liebe“), aber Bogatzki geht einen eigenen Weg, der an die Grenze des subtilen Horrors gelangt, sie aber im Grunde genommen eigentlich gar nicht überschreitet. Oder doch? Es ist eine Gratwanderung, die Bogatzki da begeht. Und er meistert sie grandios, wickelt den Zuschauer in ein Psychonetz ein, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Obwohl der Film nur eine Viertelstunde dauert, beinhaltet er eine beeindruckende und tiefgreifende Geschichte.

Nikolai Will verleiht seiner Rolle einen unglaublich dichten und authentischen Charakter. Liebevoller Ehemann, naiv verspielt kindlicher Pfleger oder streitlustiger Alkoholiker. Egal, was dieser Mann darstellt, er macht es einfach gut. Und wenn es, wie in diesem Fall, fast schon eine Art Kammerspiel ist, in der nur zwei Charaktere eine tragende Rolle spielen, dann blüht Will auf. Aber auch Isabelle Aring gibt eine gute Figur ab, obwohl sie nur selten zu sehen ist. Wahrscheinlich aber beeindruckt gerade die Bewegungslosigkeit und das Nichtagieren, das manches Mal an eine Puppe erinnert, unterbewusst den Zuschauer. Bogatzkis Reise in einen menschlichen Abgrund fesselt und verstört zu gleichen Teilen. Durch die grandiose Schauspielerleistung Nikolai Wills und den unglaublich gefühlvollen Soundtrack René Bidmons wird man von der ersten Minute an in eine eigenwillige Stimmung gerissen, die aus melancholischer Nostalgie und erschreckender Alptraum-Realität besteht. Man wird Voyeur und leidet sowohl mit dem Mann als auch der Frau.
Man möchte gerne wissen, was Bogatzki uns mit seiner traurigen Geschichte erzählen will und wird plötzlich aus seiner eigenen Lethargie, die der der Protagonisten gleicht, mit einem schockierenden Aha-Erlebnis herausgerissen. Im letzten Drittel wird „Liebe“ zu einem Schocker, der einen wirklich trifft und sprachlos macht. Und dennoch vermittelt dieses Ende erstaunlicherweise etwas melancholisch Verzweifeltes, das irgendwie eine unglaublich große Liebe darstellt. Wenn der Film zu Ende ist, bleibt Nachdenklichkeit und Traurigkeit zurück. Und die Erinnerung an einen unglaublich gut inszenierten Kurzfilm mit einem hervorragenden Hauptdarsteller und einer grandiosen Musik.

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Fazit: Intensiv, melancholisch, traurig und am Ende schockierend. Grandiose Schauspielerleistung von Nikolai Will, hammermäßige Musik von René Bidmon und erstklassige Regiearbeit. Den Namen Kai E. Bogatzki sollte man sich merken. Ich tue es auf jeden Fall. 🙂

© 2015 Wolfgang Brunner

Mein großer linker Zeh (2011)

mein großer

Originaltitel: Mein großer linker Zeh
Regie: Slavko Spionjak
Drehbuch: Rita Fichtl-Spionjak
Kamera: Sanne Kurz, Markus Stotz, Nic Mussel
Musik: Trevor Coleman
Laufzeit: 103 Minuten
Darsteller: Gregory Waldis, Julika Wagner, Bernhard Bozian, Michael Schwarzmaier, Gerd Rigauer, Mark’n’Simon, Eva-Katrin Hermann, Bernhard Fleischmann, Tomi Babic
Genre: Komödie, Science Fiction
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahre

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Bruno ist und war schon immer anders. Sobald er eine Entscheidung fällen muss, bricht die Welt für ihn zusammen. Durch einen Unfall bekommt er eine Stahlplatte in den Schädel gesetzt, die sich somit zu einer anderen Eigenart Brunos gesellt: sein linker, überdimensionaler Zehennagel. Eines Tages trifft Bruno die sympathische Emma, die ihm dabei hilft, seine Probleme zu bewältigen. Doch es dauert nicht lange und durch Emma kommt ein neues Problem auf ihn zu, denn seltsame Dinge gehen plötzlich …

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Also, ich muss schon sagen, je mehr Filme ich vom Spionjak-Dreiergespann sehe (bis jetzt „Caedes- Die Lichtung des Todes“ und „Zwischen den Linien“), desto mehr steigen sie in meiner Hochachtung. Mit „Mein großer linker Zeh“ haben sie nun auch noch neben Horror- und Mystery das Genre Science Fiction-Komödie abgedeckt. Und das ist so hervorragend gelungen, dass ich ich meine Begeisterung schwer zügeln kann. Da stimmt so ziemlich alles, was ein guter Film braucht.
Regisseur Slavko Spionjak liefert zusammen mit seiner Frau Rita-Fichtl-Spionjak, die das gefühlvolle und absolut amüsante Drehbuch schrieb, und seiner Schwester Slavica Spionjak, zuständig für Schnitt, Effekte etc., einen bayrischen „Heimatfilm“ der anderen und vor allem besonderen Art ab. Das geht schon mit dem überaus sympathischen und charismatischen Gregory B. Waldis an, der herrlich den abgedrehten Charakter des Bruno darstellt. Aber auch die anderen Schauspieler sind allesamt glaubwürdig und absolut gut gelaunt.

Wie schon im erwähnten „Caedes – Die Lichtung des Todes“ stimmt auch in dieser Produktion wieder der trockene, bayrische Humor absolut. Das macht einfach ganz großen Spaß. An keiner Stelle driftet der Film in lächerlichen und manchmal peinlichen Klamauk ab, wie das so oft bei deutschen Produktionen der Fall ist. „Mein großer linker Zeh“ erinnert an die besten Zeiten der deutschen Komödien-Serien wie „Münchner Geschichten“ oder „Der ganz normale Wahnsinn“.
Die Mischung aus (sympathisch netter bayrischer) Komödie und einem Science Fiction-Plot ist hervorragend gelungen und die wenigen Effekte können sich sehen lassen. In diesem Film steckt Herzblut und das sieht man in jeder Minute.
Die Spezialeffekte sind auf sehr hohem Niveau und werden nur sehr sparsam eingesetzt, was erfreulicherweise zur Folge hat, dass nicht sie, sondern die Schauspieler die Träger des Films sind.

Lustig, nachdenklich, spannend und manchmal auch melancholisch. Kreativer und mit genialen Schnitten und „Effekten“ kann man die Welt eines Autisten fast nicht darstellen. Das ist erfrischend, wenn man sich die heute oft lieblos heruntergekurbelten Komödien ohne tiefen Sinn ansieht. Handwerklich perfekt unterhält „Mein großer linker Zeh“ auf ganzer Linie und ist zusätzlich noch eine Hommage an die wunderschöne Stadt Wasserburg am Inn.

Wer einen sympathischen, lustigen, spannenden Film aus Deutschland sehen will, der sich weitab vom Mainstream befindet und mit innovativen Ideen aufwarten kann, kommt um „Mein großer linker Zeh“ nicht herum. Ich für meine Person bin auf jeden Fall süchtig nach den Spionjaks … 🙂

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Fazit: Handwerklich, schauspielerisch und handlungstechnisch perfekte Science Fiction-Komödie mit Herz und Hirn. Ein Geheimtip, der so ziemlich alle deutschen Komödien, die ich kenne, weit hinter sich lässt. Fack ju Mainstreem …

© 2015 Wolfgang Brunner