Montrak (2017)

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Originaltitel: Montrak
Regie: Stefan Schwenk
Drehbuch: Stefan Schwenk
Kamera: Marco Kies, Florian Weich
Musik: Myra
Laufzeit: 121 Minuten
Darsteller: Julia Dietze, Florian Freiberger, Csoma Shiva Hagen, Dustin Semmelrogge, Cosma Shiva Hagen, Martin Kesici, Adam Jaskolka, Sönke Möring, Udo Schenk, Nikolai Will, Ralph Stieber
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahre

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Der Burggraf Montrak wird im Mittelalter durch einen Ring, der Luzifer gehört, in einen Vampir verwandelt. Als die Menschen ihn jagen, lässt er sich töten, damit der Mythos seines Vampirdaseins in Vergessenheit gerät. In der Gegenwart verschwinden dann in Deutschland immer mehr Menschen. Man vermutet anfangs, dass Wölfe dahinter stecken, doch es sind Vampire. Montraks Untertanen wollen einen neuen Meister erwecken, der ihnen die Herrschaft über die ganze Welt verschaffen soll. Eine kleine Gruppe von Menschen stellt sich der Bedrohung in den Weg.

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Da ist er nun also: „Montrak“, der Vampirfilm von Stefan Schwenk, der durch eine Startnext-Kampagne ermöglicht werden konnte. Und was soll ich sagen? Das Warten hat sich eindeutig gelohnt. Schwenk hat eine Art Episodenfilm geschaffen, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt und ein stimmiges Gesamtbild am Ende ergibt.
Was mir schon am gleich am Anfang aufgefallen ist, ist die wunderbare Musik von Myra. Da kam sofort ein 80er Jahre Flair auf, dass mich in seinen Bann gezogen hat. Es gab einige Szenen, die mich gerade durch diese fantastische Musikuntermalung an einen Film von John Carpenter erinnert haben. Aber der Score ist natürlich nicht alles, was diesen deutschen Film ausmacht.

Schwenk hat ein geschicktes Händchen, was das Inszenieren eines Films angeht. Wunderbare Natur- und Landschaftsaufnahmen wechseln sich mit stimmungsvollen Bildkompositionen ab, die sehr professionell wirken. Durch die episodenartige Erzählweise kommt in zwei Stunden Laufzeit niemals Langeweile auf, denn man möchte natürlich wissen, wie es weitergeht und wo die Verbindung zwischen den Geschichten steckt. Mir persönlich hat übrigens Kapitel 2 besonders gut gefallen, in dem der Bauer die Saat des Bösen weiterträgt. Schwenk hat auch eine ansehnliche Schauspielerriege um sich versammelt, die durchwegs kompetente Arbeit abliefert. Manchmal geht es auch so richtig zur Sache, wenn zum Beispiel die Vampire ihre Angriffe starten. Die Spezialeffekte sind durchwegs gelungen und wirken ebenfalls äußerst professionell.

Stefan Schwenk ist eindeutig ein Filmfreak. Und wenn man genauer hinsieht, entdeckt man unzählige Anspielungen auf Horrofilmklassiker der 80er Jahre wie z.b. „Lost Boys“, „Highlander“, „Terminator“, „Near Dark“ und eben auch Carpenter Filme. „Montrak“ macht einfach Spaß und kann sich in vielerlei Hinsicht mit ausländischen Produktionen messen. Es ist wirklich erstaunlich, mit welch relativem geringem Budget Stefan Schwenk diesen Film auf die Beine stellen konnte. Hier wird in erster Linie mit Schauspielerei, filmischer Inszenierung und gekonnten Schnitten und Musikeinsätzen gearbeitet, was den Film ohnehin sympathisch macht.
Schwenks „Montrak“ kann sich sehen und hören lassen. Schwenk, der übrigens bei Olaf Ittenbachs „Legend Of Hell“ auch die Regieassistenz übernommen hat, arbeitete fünf Jahre lang an diesem Film und wenn man sich das vor Augen hält, erkennt man vielleicht, wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt. Erstaunlicherweise verhält es sich auch so, dass Schwenk die wenigen Momente, in denen der Film amateuermäßig wirkt (beziehungsweise wirken könnte 😉 ), so geschickt mit Schnitten und stylischen Einstellungen / Bildern kaschiert, dass es letztendlich gar nicht richtig auffällt.

Mir persönlich hat „Montrak“ wirklich sehr gut gefallen, auch wenn ich mir beim Drehbuch ein wenig mehr Raffinesse gewünscht hätte. Aber in erster Linie soll solcherart Film erst einmal unterhalten und das tut er auf alle Fälle. Schwenkt bringt keinen frischen Wind in das Vampirgenre, sondern versteift sich eher auf Gewohntes. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wichtig ist, wie er es macht. Und, wie oben schon erwähnt, seine Anspielungen auf Klassiker bis hin zu einem eignen kleinen Cameo-Auftritt machen diesen Film zu etwas besonderem in der deutschen Filmlandschaft, in der in der Regel nur flache Komödien (pseudo-)erfolgreich sind oder von Produzenten unterstützt werden. Umso genialer empfinde ich es, dass sich das Label Nameless diesem Film angenommen und in einem schicken Mediabook veröffentlicht hat. Man wünscht sich eindeutig mehr solcher Produktionen und ich will gar nicht daran denken, was für ein Hammerfilm herausgekommen wäre, hätte Stefan Schwenk das zehnfache Budget zur Verfügung gehabt.

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Fazit: Hochwertiger, stylischer Vampirfilm aus Deutschland, der absolute Professionalität zeigt.

© 2019 Wolfgang Brunner

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Urban Explorer (2011)

Urban

Originaltitel: Urban Explorer
Regie: Andy Fetscher
Drehbuch: Martin Thau
Kamera: Andy Fetscher
Musik: Steven Schwalbe, Robert Henkel
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Max Riemelt, Nathalie Kelley, Nick Eversman, Klaus Stiglmeier, Catherine de Léan, Brenda Koo
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: keine Jugendfreigabe

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Urban Explorer sind neugierige Menschen, die sich in verlassenen, unterirdischen Höhlensystemen unter Städten umsehen. Vier Urban Explorer aus dem Ausland lassen sich von dem einheimischen Führer Kris in die „Unterwelt“ Berlins führen. Bei einem Sturz verletzt sich Kris, so dass sich die Touristen auf den  Weg machen müssen, um Hilfe zu holen. In dem unterirdischen Labyrinth treffen sie dabei auf den ehemaligen Grenzsoldaten Armin, der in den verlassenen Gewölben wohnt. Als er ihnen Hilfe anbietet, folgen die Touristen ihm. Doch als sie in seiner Behausung ankommen, spüren sie schon bald, dass mit Armin irgendetwas nicht stimmt …

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„Urban Explorer“, Andy Fetchers zweite Regiearbeit, ist irgendwie ein harter Brocken. Es wird nicht einmal viel Gewalt und Blut gezeigt, aber dennoch fühlt man sich während der gesamten Spieldauer unwohl. Das liegt zum einen mit Sicherheit an den spektakulären Drehorten, die Fetcher sich da ausgesucht hat, zum anderen aber auch an der gekonnten Inszenierunsgweise, die gekonnt zwischen Spiel- und Dokumentarfilm balanciert. „Urban Explorer“ wurde an Originalschauplätzen in der unterirdischen Tunnelwelt von Berlin gedreht und man bekommt wirklich einige Gänge, Räume und Orte zu sehen, die in einem trotz unheimlicher Atmosphäre die Abenteuerlust wecken, selbst einmal an einer solchen Expedition teilzunehmen. Dieser Ausflug ins unterirdische Berlin ist es alleine schon wert, sich den Film anzusehen.
Aber es geht nicht nur um die Örtlichkeiten und die wunderbar düstere Stimmung, die dieser mit sich bringt. Fetchers Film hat weitaus mehr zu bieten, als nur eine gute Kulisse.

Ich fange mit den Schauspielern an, die mich allesamt in ihrer Natürlichkeit überzeugt haben. Keiner von ihnen ist ein Weltklasseschauspieler, aber alle agierten selbstsicher und professionell vor der Kamera und zeigten gerade in ihrer Unbedarftheit eine sehr glaubwürdige Darstellung. Was vielen sauer aufstößt, hat mir gefallen: nämlich die Tatsache, dass man die englischsprechenden Touristen nicht ins Deutsche übersetzt hat, sondern mit Untertiteln gearbeitet hat. Das machte den Horrortrip für mich auf jeden Fall noch authentischer, als er es sowieso schon war. Erst nach einem Unfall wechselt der anfangs wie ein Abenteuerfilm anmutende Streifen ins Horrorgenre. Aber auch das wird so gekonnt gemacht, dass dieser Genrewechsel irgendwie gar nicht richtig auffällt. Klaus Stiglmaier als abgedrehter Höhlen-Grenzsoldat kann einem an manchen Stellen schon richtig Angst einjagen, vor allem weil er verrückt-schräg und sympathisch-hilfsbereit gleichzeitig erscheint. Sein Schauspiel konnte sich wirklich sehen lassen.
Insgesamt trugen zu den beeindruckenden Schauplätzen auch sämtliche Schauspieler dazu bei, dass sich dieser deutsche Schocker bei mir ins Gehirn brannte.

Hinzu kommt aus meiner Sicht, dass sich „Urban Explorer“, wenngleich er sich in Richtung „Hostel“ oder anderen Torture-Filmen entwickelt, letztendlich doch seinen eigenen Weg geht und einen relativ untypischen Slasher-Film darstellt. Sicherlich fühlt man sich an den ein oder anderen Film erinnert, aber wo tut man das bei den meisten Filmen dieser Art nicht? Fetcher hätte vielleicht am Ende das Ruder nicht ganz so herumreißen und den Plot in Richtung Klischee steuern sollen. Aber mir hat es gefallen. 😉
„Urban Explorer“ ist ein kurzweiliger, handwerklich solider und visuell beeindruckender Horrorfilm aus Deutschland, der glaubhaft unterhält. Man darf gespannt sein, was Andy Fetcher als nächstes auf die Beine stellt.
Wer durch die FSK 18-Freigabe einen blutspritzenden Splatterfilm erwartet, sei gewarnt: Gegen Ende hin wird zwar nicht mit Goreszenen gegeizt, aber ein Braindead-Peter Jackson-Gemetzel findet definitiv nicht statt. Fetcher geht einen relativ ruhigen und stimmungsvollen Weg, bevor er in die Gewaltschublade greift. Und genau das machte „Urban Explorer“ für mich zu etwas besonderem. Der Film ist kein Meisterwerk, aber einfach gut und mit Herzblut gemacht. Das ist es, was für mich bei solchen Filmen zählt. Horror aus Deutschland funktioniert!

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Fazit: Visuell beeindruckende und gegen Ende brutale Abenteuerreise in die Berliner Unterwelt. Ein Film aus Deutschland, der zeigt, dass Horror auch hier funktioniert.

© 2016 Wolfgang Brunner

Interview mit dem Regisseur Daniele Grieco

Daniele Grieco

© 2016 Stella Maris Film

 

Daniele Grieco wurde am 15. September 1967 in Köln geboren und studierte ursprünglich Meeresbiologie in Neapel. Allerdings brach er das Studium ab, um als WDR-Radioreporter zu arbeiten.
1995 studierte Grieco vier Jahre lang an der New School of Social Research und der New York University den Fachbereich Filmproduktion und sammelt erste Erfahrungen als Autor und Regieassistent.
Nach dem Abschluss des Studiums kehrte Grieco nach Köln zurück, wo er als freier Autor und Regisseur (unter anderem für Sat1) tätig war.
Der Dokumentarfilm „The Last Giants – Wenn das Meer stirbt“ aus dem Jahr 2009 war Griecos Langfilmdebüt. 2014 folgte dann der Found Footage Horrorfilm „Die Präsenz“.

Film-Besprechungen freut sich sehr über das Interview mit Daniele Grieco.

1. Dein erster Film war eine Dokumentation über Wale. Vom Dokumentarfilm zum Horrorstreifen. Du scheinst sehr vielfältig zu sein. Was kommt als nächstes von Dir? War da nicht ein blutiger Film über eine Alien-Invasion in Planung?

„The Last Giants“ und „Die Präsenz“ waren die Erfüllungen von Kindheitsträumen, denn seit ich klein war, haben mich vor allem drei Dinge fasziniert: Erstens das Meer, zweitens Dämonen und drittens das Weltall. Es ist richtig, dass es in meinem dritten Film um eine Alien-Invasion geht. Mein dritter Film wird also die Erfüllung meines dritten Kindheitstraums. In diesem Fall geht es um etwas aus dem Weltall, das auf der Erde landet. Ridley Scotts „Alien“ war eine große Inspiration für mich, aber das traue ich mich kaum zu sagen, denn natürlich kann niemand an dieses Meisterwerk herankommen. Für einen solch anmaßenden Versuch hätten wir auch nicht genug Geld gehabt, denn auch mein dritter Film ist wieder eine Low-Budget Produktion im Found Footage Stil. Bei den Testscreenings haben sich die Zuschauer allerdings schon ziemlich gefürchtet. Im Oktober starten wir damit, im nächsten Monat legen wir mit der Facebook-Kampagne los. Dann können wir auch den Titel verraten.

2. Warum hast Du bei „Die Präsenz“ die Form des Found Footage gewählt? War dieses Stilmittel zwingend notwendig aus Deiner Sicht?

Es gab zwei Gründe: Zunächst mal Geldmangel – ich hatte keine Lust, jahrelang zu versuchen, ein großes Budget zusammen zu kratzen – Ausgang ungewiss – und wer weiß, ob einem dann am Ende nicht so viele Leute über die Schulter gucken, dass das Ergebnis nur noch bescheiden sein kann.

Der zweite Grund ist mindestens ebenso gewichtig: Bei „The Blair Witch Project“ und „Paranormal Activity“ habe ich am eigenen Leib erlebt, dass einem ein derart günstig produzierter Film genauso viel Angst machen kann wie ein teurer – vielleicht sogar mehr! Denn erstens darf man bei so wenig Geld jede noch so extreme und freakige Idee ausleben, die einem kommt und zum anderen sind die Zuschauer heutzutage alle möglichen Tricks und Kniffe aus der Geschichte des Horrorfilms gewohnt, so dass sie gegenüber konventionell produzierten Horrorfilmen eine gewisse Distanz zu den Ereignissen einnehmen. Einfacher gesagt: Sie sind nicht so leicht zu erschrecken. Wenn man nun etwas Scheindokumentarisches (eben Found Footage) zeigt, dann wissen die Zuschauer spätestens seit The Blair Witch Project zwar, dass dies nur ein Stilmittel ist, dennoch verfallen sie wider besseren Wissens dem dokumentarischen Stil und halten alles für etwas echter als in einer Hochglanzproduktion – die Distanz zur Leinwand schwindet so.

3. Mir persönlich haben in „Die Präsenz“ die vielen Anspielungen auf andere Horrorklassiker gefallen. Wie kamst Du auf die Idee, solche Kleinigkeiten darin zu verbauen?

Danke! Ich denke, jeder Filmemacher kämpft bei jedem Film erneut um jeden einzelnen Moment. Wenn man einen Horrorfilm macht, will man den Zuschauern etwas für ihr Geld geben. Das heißt: Man will sie so oft wie möglich erschrecken (und niemand ist wütender, als ein Horrorpublikum, dem man keine Angst gemacht hat!). Dafür muss man sich inspirieren lassen und sehen, wie das die Besten der Besten in früheren Jahrzehnten gemacht haben. Natürlich ist das auch jedesmal eine Hommage gegenüber den Genies, deren Filme man liebt und deren Tricks man kopiert. Andererseits braucht man dabei kein schlechtes Gewissen zu haben, denn auch diese Meister haben ihre Filme ganz genauso erschaffen. Niemand produziert im luftleeren Raum – alle bedienen sich bei denen, die vor ihnen waren.

4. Welches Projekt wäre bei finanzieller Unabhängigkeit Dein größter Traum?

Mein nächstes Projekt! Film Nummer 4 soll eine Dystopie werden. Titel und Inhalt kann ich noch nicht verraten, und ich habe auch noch keine Idee, wie ich ihn finanzieren soll. Mir schwebt allerdings nur ein Budget von 1,5 Millionen vor, denn ein Riesenbudget hat für mich mehr Nach- als Vorteile. So gut wie alle Kultfilme hatten ein geringes Budget. Für 150 Millionen kann man nur ein Studio-Monstrum drehen mit den üblichen Verdächtigen in der Hauptrolle und jeder Menge CGI, bis das Ganze nur noch wie ein riesiges Stück Plastik aussieht.

5. Was sind Deine absoluten Lieblingsfilme? Verrätst Du uns auch, warum das so ist?

„Alien“: Weil es der größte Science-Fiction Film aller Zeiten ist, weil dieses Wesen so grausam, so real, so zerstörerisch und so vollkommen ist wie die Physik der Sterne – so dass man eine tiefe, existentielle Wahrheit befürchten darf: Dies ist es, was die Tiefen des Alls für uns bereit halten. Das ist absolut erhabener Horror!

„Halloween“: Weil er es wie kein anderer Film geschafft hat, die größte Angst, die wir haben können, auf die Leinwand zu bringen: Die Angst vor uns selbst – die Angst vor dem schwarzen Mann.

Fellinis „Achteinhalb“: Fellini war kein Regisseur. Fellini war ein Magier. Er war der einzige Mensch, bei dem ich zu hundert Prozent sicher bin, dass er und nur er allein diese Filme hätte schaffen können. Wie? Das wird für immer ein Geheimnis bleiben.

Fellinis „Satyricon“: Der einzige Historienfilm, bei dem ich nicht das Gefühl habe, dass ein paar Schauspieler ein paar Sandalen angezogen haben, sondern bei dem ich mich so fühle, als hätte tatsächlich jemand vor 2000 Jahren eine Kamera aufgestellt.

6. Als Regisseur hat man es in Deutschland nicht leicht, wenn man sich dem Horrorgenre verschreibt. Du machst es trotzdem.:)
Siehst Du in der Zukunft eine Chance für den deutschen Horrorfilm?

Die Deutschen merken: Überall auf der Welt gehören Genre-Filme zum Filmsystem, nur in Deutschland traut man es sich entweder nicht oder die Ergebnisse sind nicht sehr spannend. Horrorfilme sind hierzulande etwas für Freaks, dabei waren sie seit Beginns des Kinos immer unter den größten Blockbustern: Von Murnaus „Nosferatu“ über „Psycho“ und „Halloween“ zu „Paranormal Activity“. Ein weiteres Problem ist, dass deutsche Kinofilme oft in Wahrheit Fernsehfilme sind, weil sie durch einen Sender mitfinanziert werden: Hätte bei Carpenters „Halloween“ damals eine Horde von TV-Redakteuren mitreden dürfen, wäre es wahrscheinlich ein Art weiterer Tatort geworden.

7. Was war das Witzigste bei den Dreharbeiten zu „Die Präsenz“?

Als Lukas Rebecca erschreckt, indem er mit einer Eishockey-Maske hinter den Möbelschonern hervorspringt: Die Szene stand nicht im Skript, und wir haben es mit Henning Nöhren geschafft, Liv Lisa Fries tatsächlich so zu erschrecken, dass ihr Schrei echt war! Was haben wir alle gelacht. Liv nicht. Doch, eigentlich sie auch – aber erst, nachdem ihr Herz wieder anfing zu schlagen.

8. Welche Art von Filmen schaut sich Daniele Grieco in seiner Freizeit an?

Vor allem alte Filme, immer wieder. Ich habe eine sehr große und einigermaßen vielfältige DVD-Sammlung, in der Sci-Fi- und Horror -Klassiker stehen wie „Der Exorzist“, „Alien“ (nur der erste!), „Blade-Runner“, „Halloween“, dann aber auch italienische Filme der 60er u.a. Fellini, mein Lieblingsregisseur, Pasolini, Antonioni, aber auch 70er Giallos von Fernando Di Leo etc. etc. Ich glaube, der einzige deutsche Film in der Sammlung ist der großartige „Es geschah am hellichten Tag“ von 1958, der mich als Kind mit Angst und Schrecken erfüllt hat.

9. Woran denkst Du spontan bei

– James Cameron
– Arnold Schwarzenegger
– Bob Hoskins
– Werner Herzog

James Cameron: „Terminator“! Ein großartiger und am Anfang von den Studios sträflich unterschätzter Film, der von einer Episode der 60er Jahre Serie „The Outer Limits“ inspiriert ist (die Episode hieß „Soldier“).

Arnold Schwarzenegger: Siehe Eintrag zu Cameron.

Bob Hoskins: Ein sympathischer Schauspieler, der aber in Filmen mitspielt, die mich nicht sehr interessieren.

Werner Herzog: Klaus Kinski.

10. Wie offen bist Du als Regisseur gegenüber verschiedenen Genre? Könntest Du Dir denn zum Beispiel vorstellen, einen Liebesfilm oder einen Western zu drehen?

Als vierten Film nach unserem Release im Oktober plane ich gerade einen dystopischen Film, sofern wir ihn finanziert bekommen. Einen Western könnte ich mir gut vorstellen, aber er wäre extrem realistisch und wohl auch ziemlich blutrünstig.

11. Welche fünf Dinge möchtest Du in Deinem Leben nicht missen?

Erstens: Die Menschen, die ich um mich herum habe, klar.

Zweitens: Surfen, so oft im Jahr wie möglich

Drittens: Gute Filme und Bücher.

Viertens: Wein

Fünftens: Vorzügliches Essen!

Vielen Dank für die interessanten Antworten. Ich freue mich schon sehr auf Deine nächsten Projekte und wünsche Dir alles Gute, sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich.
Wer wisen will, wie mir Griecos „Die Präsenz“ gefallen hat, kann hier meine Rezension nachlesen.

© 2016 Daniele Grieco / Wolfgang Brunner

First Person Shooter (2014)

FPS-Offizieller-Teaser-Poster

Originaltitel: First Person Shooter
Regie: Andreas Tom
Drehbuch: Andreas Tom
Kamera: Andreas Tom
Musik: Julio de la Garza, Nelson Scott
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Andreas Tom, Atlanta Amanda Lützelschwab, Hans Lützelschwab, Ines Klein, Tobias Winkler, Sascha Strack, Achim Lützelschwab, Sebastian Kettner
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 18 Jahre (ungekürzt)

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„Held“ will seine schwangere Freundin retten, die von einem irren Wissenschaftler in einer von Zombies bevölkerten Klinik festgehalten wird. „Held“ muss sich gegen die Monster stellen und hinterlässt eine blutige Spur, bis er seine Freundin findet …

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Spiel oder Film? Film oder Spiel? Was ist Andreas Toms Regiedebüt?
Egal, Hauptsache „First Person Shooter“ unterhält. Und das tut er auf ganzer Linie. Erstaunlich wie konsequent der Regisseur das Level und den Spannungsbogen über die ganze Spieldauer aufrechterhält. Ich selbst bin kein wirklicher Gamer, dennoch konnte ich mich der Faszination dieser Inszenierung nicht widersetzen. Die Ego-Shooter-Perspektive rockt und macht unglaublichen Spaß. Man spielt praktisch ein Spiel, ohne es selbst zu spielen und ist zum Zuschauen verdammt.
„First Person Shooter“ ist in dieser Hinsicht wirklich einzigartig und Andreas Tom hat einen der innovativsten deutschen Horrorfilme der letzten Jahre abgeliefert. Ich kann nicht einmal genau erklären, was den Reiz ausmacht, aber eines ist sicher: Ich werde mir diesen Film noch öfter ansehen. 🙂

Mit wenig Geld wurde vom Team um Andreas Tom eine Perle des Independent-Films geschaffen. Die Aufnahmen bekommt man nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Hin und wieder kehrt man, eben wie in einem Spiel, an die gleichen Orte zurück, um sie noch einmal zu untersuchen. Die Perspektive, die sich durch den ganzen Film zieht, ist einfach nur der Hammer. Ebenso wie die Sets, die besser nicht ausgewählt hätten sein können. Andreas Tom inszenierte ein(en) Spiel/Film, das/der enorm spannend und unterhaltsam ist.
Die vielen Anspielungen auf Computerspiele blieben mir (leider) verschlossen, da ich, wie erwähnt, kein echter Gamer bin. Aber die zahlreichen Andeutungen auf Filme und Regisseure waren eine wahre Freude für mich. In „First Person Shooter“ liegt eine unglaubliche Detailverliebtheit in alte Computerspiele und man erkennt, dass  das Ganze ein Filmfreak  (und wohl auch ein Computerspielefreak) inszeniert hat.

Durch die wirklich hervorragenden Kulissen, in denen gedreht wurde (eine alte Klinik und ein Bergwerk) kommt eine absolut tolle Atmosphäre auf. Die witzigen und neuartigen Ideen der Filmemacher machen so richtig Spaß, genauso wie die zum größten Teil hervorragenden Splattereffekte. Auch hier erkennt man die Euphorie und Hingabe des Teams, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen. Und das haben sie geschafft, denn man sieht „First Person Shooter“ in keiner Sekunde an, dass es sich um eine Low-Budget-Produktion handelt.

Ich habe noch tagelang die genialen Aufnahmen aus der Ego-Shooter-Perspektive im Kopf gehabt, was meine Begeisterung nur unterstreicht. Andreas Tom ist ein extrem cooler und vor allem anderer Horrorfilm gelungen, der süchtig macht. Mich zumindest … 😉

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Fazit: Erster Film aus der Ego-Shooter-Perspektive, bei der der Hautprotagonist zugleich der Zuschauer ist. Innovativer, liebevoller und extrem kurzweiliger Horrorfilm aus Deutschland. Einfach cool!

© 2015 Wolfgang Brunner

German Angst (2015)

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Originaltitel: German Angst
Regie: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, Andreas Marshall
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Andreas Marshall, Goran Mimica
Kamera: Sven Jakob
Musik: Fabio Amuri und Paolo Marzocchi (Musica Pesante)
Laufzeit: 111 Minuten
Darsteller: Milton Welsh, Annika Strauss, David Masterson,Matthan Harris, David Brückner, Denis Lyons,Daniel Faust
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 18 Jahren (uncut)

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Drei Geschichten über Liebe, Sex und Tod.
Final Girl: Ein junges Mädchen lebt mit ihrem Meerschweinchen scheinbar alleine in einer Wohnung in einem verlassenen Plattenbau in Berlin. Doch sie hält etwas im Schlafzimmer versteckt …
Make A Wish: Als ein gehörloses Liebespaar von Neonazies bedroht wird, verteidigt es sich mit Hilfe eines mysteriösen Talismans, der die Identitäten der Beteiligten vertauschen kann.
Alraune: Auf der Suche nach dem vollkommenen Sexerlebnis findet Starfotograf Eden schließlich die Erfüllung in einem Sexclub, dessen Mitglieder durch den Saft einer Alraune ekstatische Orgasmen erleben. Doch alles hat seinen Preis …

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 Eines vorweg: „German Angst“ ist einfach nur der Hammer! 😉

Die Kombination von drei Regisseuren (die ich übrigens einzeln jeden auf seine Weise schätze) könnte besser nicht sein. Obwohl jeder Film eigenständig ist, zieht sich ein roter Faden im Gehirn (und vor allem im Magen) des Zusehers durch das gesamte Projekt. Psychologischer Horror, der an die Nieren geht, der schockiert, unterhält und nachdenklich macht. „German Angst“ ist ein Ausnahmefilm, der für mich aus der Landschaft deutscher (und auch internationaler) Horrorfilme nicht mehr wegzudenken ist.
Die Geschichten sind typisch Buttgereit, Kosalowski und Marshall. Und dennoch haben sich die drei so manches Mal in ihren Geschichten selbst übertrumpft. Wo fange ich nur an? 🙂

Buttgereits „The Final Girl“ ist schon gleich zu Anfang ein atemberaubendes HD-Erlebnis, wenn die Kamera hautnah über Tier- und Menschenkörper gleitet und beeindruckende Bilder zeigt. Doch auch die Handlung hat es wahrlich in sich. Der wahre Schrecken dieser Episode liegt nicht in den blutigen Bildern und schockierenden Handlungsweisen der Protagonistin, sondern in der erschreckenden Erkenntnis, die sich dem Zuschauer offenbart, dass solch eine Geschichte wohl näher an der Wahrheit ist, wie manch einer glaubt. Das ist Horror pur, der elektrisiert. Buttgereit schlägt dem Zuschauer schon gleich zu Beginn des Horror-Tryptikons eine cineastische Faust in die Magengrube.

Michal Kosakowskis Beitrag findet ebenfalls eher in der Realität statt, wenngleich hier schon fantastische Elemente vorzufinden sind. Brisant aktuell widmet sich Kosakowski dem Thema „Ausländerfeindlichkeit“ und „Neonazismus“ und bringt einen, ebenfalls wie Buttgereit, zum Nachdenken. Der Plot geht auf und zeigt, dass nicht in jedem das steckt, was wir meinen, in ihm zu sehen. „Make A Wish“ schockiert gleichermaßen wie die Einstiegsepisode und hält Menschen, die nicht international denken, einen Spiegel vor. Verstörend wirkt das Ganze, wenn der Täter zum Opfer und umgekehrt wird. Schonungslos zeigt Kosakowski, wie „Ausländerfeindlichkeit“ wirklich funktioniert, wenn Rollen getauscht werden und aus Übermacht Ohnmacht wird.

Der letzte Beitrag mit dem Titel „Alraune“ stammt von Andreas Marshall und drängt etwas mehr ins Reich der Fantasie als die beiden vorangegangenen Episoden. „Alraune“ zeigt, welche Macht sexuelle Gelüste (und Erfüllungen) über einen Menschen haben können. Fast schon auf Lovecraft’schen Pfaden wandelt diese Geschichte und entführt den Zuschauer durch hypnotische Farbspielereien in eine Traumwelt, der man sich schwer entziehen kann. Ähnlich wie der Protagonist verfällt man den Verführungskünsten von Kira (beeindruckend dargestellt von Kristina Kostiv) und wartet gespannt, wie diese erotisch sinnliche und unheimlich schaurige Obszession endet.

Durchgehend künstlerisch, vorwiegend nachdenklich und extremst schockierend stellt „German Angst“ ein Meisterwerk des deutschen Genrefilms dar. Was hier auf die Beine gestellt wurde, verdient Respekt. Denn mit relativ geringem finanziellen Aufwand entstand ein Film, der professionell und keineswegs amateurhaft wirkt, wie man vielleicht durch die „Crowdfunding“-Enstehungsgeschichte vermuten könnte.
Anders als die internationalen „Mitbewerber“ „V/H/S“ oder „The ABC’s Of Death“ kümmern sich die drei deutschen Horrormeister nicht um gängige Mainstream-Klischees, sondern gehen konsequent ihren eigenen Weg. Und das tun sie so hervorragend, dass einem noch Tage danach beim Gedanken an die verstörenden Bilder der Atem stockt.
Ein wichtiger Punkt darf nicht vergessen werden: Die ruhige, fast schon melancholische Musikuntermalung von Fabio Amuri und Paolo Marzocchi (Musica Pesante) macht die gezeigten Gräuel weitaus schockierender, als hätte man sich für einen genretypischeren Soundtrack mit schrillen Geigendissonanzen entschieden.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich das Trio für eine Fortsetzung wieder zusammenfindet, denn besser kann Horror fast nicht sein. Man sollte sich vielleicht überlegen, ob man sich nicht den in gleichen Bahnen denkenden deutschen Regisseur Robert Sigl noch mit an Bord holt.

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Fazit: Verstörend, schockierend und psychologisch brutaler als in den gezeigten Bildern entführen uns drei Regisseure in einen Strudel aus realer und Lovecraft’scher Gewalt, der es in sich hat. „German Angst“ ist ein Muss für den Genrefreund und eine Empfehlung für all jene Kinogänger, die innovative Horrorfilme aus Deutschland bereits abgeschrieben haben. „German Angst“ zeigt nämlich beeindruckend das Gegenteil.

© 2015 Wolfgang Brunner

Interview mit dem Regisseur Andreas Marschall

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© Andreas Marschall

Andreas Marschall ist 1961 in Karlsruhe geboren und begann seine künstlerische Karriere als Comiczeichner. Filmplakate, Illustrationen für Bücher und über 120 Cover für Metalbands gehen auf sein Konto.

2004 wurde dann sein Debütfilm „Tears Of Kali“ abgedreht, der in Deutschland leider nicht die Beachtung fand, die er verdient hätte, sondern eher im Ausland auf Interesse stieß. 2012 folgte dann mit „Masks“ sein zweiter Horrorfilm und seit kurzem der Episodenfilm „German Angst“ mit den Regiekollegen Jörg Buttgereit und Michael Kosakwoski.

Ich freue mich, Andreas Marschall heute ein paar Fragen zu seiner Arbeit und Person stellen zu dürfen.

1. Du hast vor Deiner Karriere als Regisseur Plattencover für Metalbands wie z.B. Blind Guardian, Hammerfall oder Sodom angefertigt. Machst Du das immer noch oder widmest Du Dich nur noch dem Medium Film?

Ich zeichne noch regelmäßig für Bands. Seit der Ausstellung meiner Werke im Pop-und Rock-Museum Gronau kommen sehr viele Anfragen. Beispielsweise habe ich das letzte Cover von ORDEN OGAN „Ravenhead“ gemacht. Besonders gut kam auch das wirklich harte und blutige artwork für das neue Obituary-Album „Inked in Blood“ in der internationalen Metalszene an. Ein blutiger Torso, in den der Bandname geritzt ist. Würde ein prima T-shirt ergeben.

2. Mit „Tears Of Kali“, Deinem Debütspielfilm, ist Dir ein außergewöhnliches, atmosphärisches Werk gelungen. Kannst Du das Gefühl beschreiben, als Du mit diesem Film nicht unbedeutende Erfolge im Ausland verzeichnen konntest?

Damals hatte ich als Lehrer an einer Schauspielschule -der Reduta Berlin – gearbeitet und den ersten Teil von Tears of Kali, „Shakti“ , eigentlich als Übung für meine Schüler gedreht. Das Filmfragment wurde in einem Kino in Oberammergau einem Testpuplikum gezeigt wo es so gut ankam, daß plötzlich Investoren für einen abendfüllenden Film ins Spiel kamen. Das Thema von TOK, die Schattenseiten von New Age und Psychotherapie, war etwas Neues im Horrorgenre und das hat die Leute interessiert.

Es war produktionstechnisch aufgrund des knappen Budgets aber trotzdem eine schwere Geburt. Der enorme Festivalerfolg und die Verbreitung in viele Länder der Welt war die Belohnung für die Strapazen. Ich habe viele internationale Preise mit „Tears of Kali“ gewonnen und konnte damals selbst nicht fassen, was aus dieser Schauspielübung geworden war.

3. Mit welcher Schauspielerin und mit welchem Schauspieler würdest Du gerne einen Film drehen und warum?

Da fallen mir viele ein. Beim Landshuter Kurzfilmfestival war ich vor ein paar Jahren in der Jury zusammen mit Katriona McColl, der Hauptdarstellerin vieler Filme Lucio Fulcis. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden und ausgemacht, daß wir miteinander arbeiten wollen, sobald ein passender Stoff für sie da ist. Katriona hat eine großartige Ausstrahlung und ich hoffe, es klappt in naher Zukunft mal. Mir fallen aber auch viele deutsche Schauspieler ein, die ich für klasse halte: Tobias Moretti finde ich wunderbar wandelbar, er hat mich im grandiosen Alpen-Western „ Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska sehr überzeugt.

4. Könntest Du den finanziellen Aspekt völlig außer Acht lassen: Was wäre Dein Traumprojekt?

Ich habe schon lange einen historischen Thriller im Kopf, der Mitte des 18.Jahrhunderts spielt und eine überraschende andere Sicht auf die spanische Inquisition und die kollektive Hexenhysterie der frühen Neuzeit eröffnet. Aber wie das so ist mit unrealisierten Projekten: Man sollte nicht zu viel über sie reden, sonst werden sie nicht wahr.

5. Als Regisseur hat man es in Deutschland nicht leicht, wenn man sich dem Horrorgenre verschreibt. Du machst es trotzdem 🙂
Siehst Du in der Zukunft eine Chance für den deutschen Horrorfilm? Oder tendierst Du in Zukunft mit Deinen Arbeiten eher dazu, wie viele Deiner Kollegen, ausländischer Produzenten für Deine Projekte zu gewinnen?

Ein guter Bekannter von mir, Huan Vu, der Regisseur des schönen Horrorfilms „Die Farbe“ hat tatsächlich gerade für sein HP Lovecraft-Projekt „Traumpfade“ Filmförderung der MFG erhalten. Es geschehen manchmal Wunder.

Ansonsten nutze ich alle Möglichkeiten, Produzenten und Investoren zu finden, ob in Deutschland oder international. Durch die Download-Praxis im Internet wird die Luft für Filmschaffende immer dünner. Man kann heute nicht mehr wählerisch sein. Ich werde in Zukunft sicher nicht nur Horrorfilme drehen. Daß ich mich sehr gerne im Horror-Genre aufhalte ist kein Dogma, sondern Leidenschaft. Ich liebe dieses Genre, in dem man erzählerisch die Fesseln des Realismus sprengen und sich auf Traumpfade begeben kann. Und ich liebe es für die extremen Emotionen und Affekte, mit denen man jongliert. Schon beim Drehen. Bei mir herrscht am Set manchmal die befreiende Intensität einer Urschreitherapie.

6. Welche Regisseure und Filme inspirieren Dich?

Zuviele, um sie alle aufzuzählen. Ich kann immer nur die gerade Letzten nennen: Pier Paolo Pasolinis „120 Tage von Sodom“ hat mich neulich ziemlich umgehauen. Immer wieder auch die faszinierenden italienischen „Blumen des Bösen“ aus den 70ern, Bava, Argento, Sergio Martino. Die absolut großartigen Bergfilme von Arnold Fanck, wie „Die weiße Hölle von Piz Palü“ oder „Das blaue Licht“. Ich muß unbedingt mal einen mystischen Berg-Horrorfilm machen. Mit Adrian Topol, einem bekannten Schauspieler und Filmproduzenten, arbeite ich gerade an der Frühphase eines solchen Projekts.

Und gerade ist – endlich – „Black Out“ von Nicolas Roeg auf DVD erschienen. Das psychoanalytische Mystery-Puzzle eines Regisseurs, dessen erwachsener Horror mich schon bei „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ sehr beeindruckt und geprägt hat.

7. Wie empfindest Du die Zusammenarbeit mit Underground-Filmer Jörg Buttgereit und Regiekollegen Michael Kosakowski bei „German Angst“?

Wir haben völlig unabhängig voneinander gearbeitet und uns überhaupt nicht reingeredet, das war die Grundprämisse unserer Zusammenarbeit. Dennoch haben wir uns gegenseitig unterstützt. Ich habe bei Jörg´s FINAL GIRL die Behind-the -scenes -Aufnahmen mit einer analogen Super-8-Kamera gemacht und Jörg taucht in der Club-Szene von ALRAUNE auf. Michal spielt darin einen Türsteher und die brutalste Stimme eines SS-Mannes in MAKE A WISH ist die meine. Michal hat zudem alle drei Folgen produziert und die kreative Atmosphäre geschaffen, in der Jörg und ich phantastisch arbeiten konnten.

8. Wie wichtig ist Filmmusik für Dich? Hörst Du sie auch in Deiner Freizeit? Oder was hört Andreas Marschall außer Heavy Metal noch privat?

Da meine Filme immer durch den Bauch ins Gehirn gehen, ist für mich Musik enorm wichtig.

Meine e-mail-Korrespondenz mit den italienischen Soundtrack-Komponisten Paolo Marzocchi und Fabio Amurri für ALRAUNE würde ein verdammt dickes Buch ergeben. Ich feile mit den Musikern geradezu besessen am Score meiner Filme. Schon wenn ich drehe, höre ich für viele Szenen die Musik im Kopf, aber die wirkliche Magie entsteht wenn die Musiker mit ihren eigenen Interpretationen kommen. Auch mit der Band SCHLAFES BRUDER die den harten Elektro-Rock der Episode geschaffen hat, habe ich intensiv zusammengearbeitet. Sänger Fritz Graner spielt auch eine kleine Rolle im Film… übrigens an der Seite der legendären und sehr geschätzten Katja Bienert! Privat höre ich mich gerade durch die Vinyl- Welten des Retro-Soundtrack-Labels Cineploit in Wien: Die neueste Platte der experimentellen Band THELEMA „Growing“ ist überirdisch schön.

9. Welche Dinge müssten Deiner Meinung nach in der Filmbranche geändert werden?

Ich glaube, wir brauchen in den Fördergremien mehr Leute, die mit Genrefilmen aufgewachsen sind, statt nur mit dem konventionellen deutschen Arthouse- und TV-Film. Es gibt sie überall, auch in den Sendern, Menschen, die gerne was Anderes machen würden, aber sie stoßen an die Grenzen des Systems. Man sagt, das Puplikum wolle keine deutschen Genrefilme, akzeptiere diese nur aus den USA. Und ich glaube auch, daß die Leute im Laufe der Jahre -seit ungefähr dem Verlöschen der Edgar Wallace-Filmreihe in den späten 60ern- das Vertrauen in deutsches Genre verloren haben. Das muß aber nicht so bleiben. Man sollte gar nicht auf den ersehnten alles verändernden Überfilm warten. Wenn nur regelmäßig Genrefilme gedreht werden– zunächst wohl noch vorwiegend „independent“ -, sind irgendwann auch Perlen darunter, die ihr Puplikum finden. So erst entsteht ein Biotop, in dem der Genrefilm wachsen kann. Der Kritiker Thomas Groh formulierte neulich in einer Radio-Diskussion sehr schön: „Genre-Filme sind , bildhaft gesprochen, Söldner-Filme, keine Jesus-Filme. Filme, die im Rudel kommen, aus dem fünf mies, zwei gut und drei hervorragend sind.“

10. Welchen Film dürfen wir als nächstes von Dir erwarten, jetzt nachdem „German Angst“ abgedreht ist? Oder ist das noch ein Geheimnis?

Ich schreibe gerade an einer Geschichte, die düsteren gothic horror in einer düsteren Zeit verankert: in der Sowjetunion Josef Stalins.

Wir danken Dir ganz herzlich für die Beantwortung unserer Fragen und wünschen Dir alles erdenklich Gute für Deinen weiteren Weg als Regisseur.

Wer mehr über Andreas Marschall und seine Arbeit erfahren möchte, sollte sich auf seiner Homepage umsehen.

© 2015 Andreas Marschall / Wolfgang Brunner