Alien: Covenant (2017)

Originaltitel: Alien: Covenant
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Jed Kurzel
Laufzeit: 122 Minuten
Darsteller: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Guy Pearce
Genre: Horror, Science Fiction
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Das Raumschiff Covenant ist mit 2.000 schlafenden Menschen und über 1.000 menschlichen Embryonen unterwegs, um auf einem fremden Planeten eine Kolonie zu gründen. Durch einen Sonnensturm wird das Schiff beschädigt und die Mannschaft aus dem Tiefschlaf geweckt. Während sie die Schäden am Schiff untersuchen, entdecken sie einen fremden Planeten, der der Erde ähnelt und anscheinend bewohnbar ist. Als ein Teil der Crew auf dem Planeten landet und ihn erforscht, kommen zwei Männer in Kontakt mit einer seltsamen Spore. Ohne es zu wissen, wächst ein fremdartiges Lebenwesen in ihren Körpern heran, dass schon bald das Leben der gesamten Mannschaft bedroht.

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Im Vorfeld waren ja schon wieder die unterschiedlichsten Meinungen zu Ridley Scotts neuestem Alien-Film vertreten. Doch ich wollte mir, wie auch übrigens bei „Prometheus“, einfach unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden. Und ich bin froh, dass ich mir das Filmvergnügen nicht selbst verdorben habe, indem ich die anderen Rezensionen genau durchgelesen sondern nur überflogen habe. Denn … ich finde, dass Ridley Scott wieder einmal einen visionären Film abgeliefert hat. Sicherlich muss man über die ein oder andere Logiksache hinwegsehen, das ist mir aber in diesem Fall wirklich egal, denn ich möchte mit solchen Filmen unterhalten werden. Und das hat mit „Alien: Covenant“ eindeutig hervorragend geklappt. Ein bisschen Kritik habe ich dennoch zu vermelden, aber eines nach dem anderen.

Zunächst einmal fand ich den Spannungsaufbau sehr gelungen und wirkungsvoll. Langsam wird der Zuschauer in eine bedrückende Atmosphäre eingelullt, der man sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr entziehen kann. Gerade die Infizierung auf dem fremden Planeten und die ersten Alien-Attacken sind grandios inszeniert und fast schon unerträglich in ihrer Spannung. Die Bilder von der „Geburt“ des ersten Aliens gehen mir in ähnlicher Weise nicht mehr aus dem Kopf wie seinerzeit eine ähnliche Szene in John Carpenters Kultfilm „Das Ding aus einer anderen Welt“. Oftmals habe ich irgendwann gemerkt, dass ich den Atem angehalten habe, so spannend waren die Angriffe der Aliens, obwohl sie mit dem Computer designt wurden. Die Attacken sahen in einigen Szenen ähnlich wie in „Starship Troopers“ aus vermittelten eine ähnliche, ausweglose Situation. und Die ersten beiden Drittel fand ich persönlich absolut atemberaubend in Szene gesetzt, enorm spannend und extremst kurzweilig. Leider verzetteln sich die Drehbuchautoren am Ende in einem ideenlosen Abklatsch des Originals, was mir nicht so gefallen hat. Da hätte ich mir dann doch eine etwas andere Wendung beziehungsweise ein innovativeres Ende gewünscht. Aber nun gut, der Mainstream möchte genau so etwas wahrscheinlich sehen und die Macher haben sich wahrscheinlich darauf eingelassen, um Erfolg an der Kinokasse zu haben. Das hat schon der mäßig erfolgreiche „Alien 3“ von David Fincher gezeigt, dass Innovation nicht immer gut beim Massenpublikum ankommt. Bei „Alien: Covenant“ wollte man deswegen wohl sichergehen und hat sich für diesen Weg entschieden, der dem Massenpublikum genau das gibt, was es will, und den „echten“ Filmfreund dann eher enttäuscht. Soweit zu meinem einzigen Kritikpunkt.

Nahezu begeistert war ich von der Entwicklung, die Ridley Scott den „menschlichen Robotern“ zugedacht hat. Es mutet fast wie eine leichte Symbiose oder wie eine Brücke zu seinem Meisterwerk „Blade Runner“ an, wenn er in „Alien: Covenant“ den Maschinenwesen unheimliche menschliche Züge verschafft. Ich denke, diese Annäherung beider Universen ist beabsichtigt, denn gerade die Anfangssequenz könnte durchaus bei „Blade Runner“ Anwendung finden. Auch darstellerisch kann man bei „Alien: Covenant“ nichts aussetzen, denn alle spielen durchwegs außerordentlich gut und nehmen ihre Rollen sichtlich ernst. Michael Fassbender, der angebliche Star des Films, wird aber aus meiner Sicht eindeutig von Danny McBride an die Wand gespielt, der seinen Protagonisten unglaublich authentisch und vor allem sehr emotional verkörpert. McBride hat mich während des ganzen Films am meisten begeistert und beeindruckt, da kam Fassbender nicht einmal annähernd mit. Ist aber einfach nur meine Meinung. Scoretechnisch hat Jed Kurzel eigene Töne mit markanten Klängen aus Jerry Goldsmiths Originalscore vermischt und für eine sehr passende und atmosphärische Musikuntermalung  gesorgt.
Alles in allem hat mir „Alien:Covenant“, genauso wie „Prometheus“, in seiner Fortführung und/oder Neuinterpretation des Alien-Universums absolut gut gefallen.

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Fazit: Ästhetisch, brutal und atmosphärisch. Trotz einiger Logikfehler ein würdiges, sehenswertes Teil im Alien-Universum-Puzzle.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Big Driver (2016)

Originaltitel: Big Driver
Regie: Mikael Salomon
Drehbuch: Richard Christian Matheson
nach einer Kurzgeschichte von Stephen King
Kamera: Steve Cosens
Musik: Jeff Beals
Laufzeit: 84 Minuten
Darsteller: Maria Bello, Ann Dowd, Will Harris, Joan Jett, Olympia Dukakis, Jennifer KyddTara Nicodemo
Genre: Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahre

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Nach einer Lesung bleibt die Schriftstellerin Tess Thorne während der Heimfahrt aufgrund einer Reifenpanne in einer verlassenen Gegend mit dem Auto liegen. Ein riesiger, aber sehr freundlicher Mann hilft ihr und bietet an, den Reifen zu wechseln. Doch noch bevor er sich an die Arbeit macht, bedrängt er Tess und ist alles andere als nett zu ihr.  Tess überlebt den Angriff und findet zurück ins Leben. Doch sie kann das Geschehen nicht vergessen und entschließt sich eines Tages, sich auf die Suche nach dem großen Mann zu machen, der ihr das angetan hat.

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Die Geschichte beginnt, King typisch, ruhig und eher harmlos. Das Grauen schleicht sich aus einer, wenngleich unerfreulichen, Alltagssituation in das Leben der Schriftstellerin. Die Überschreitung dieser Grenze wurde von Regisseur Mikael Salomon (dessen Filme „Hard Rain“ und das Remake „Andromeda“ den meisten bekannt sein dürften) hervorragend in Szene gesetzt. Man spürt das Knistern zwischen den beiden Protagonisten, erlebt das Umschwenken von Freundlichkeit in Bedrohung so hautnah, das es einem selbst als Zuschauer Angst einjagt. Dazu kommt neben der intensiven Inszenierung die unglaublich gute Schauspielleistungen von Maria Bello und Will Harris. Das Agieren der beiden passt so perfekt zusammen, dass es unglaublich authentisch wirkt, wenn der riesige Mann die Frau bedroht. Die Szenen, die dann folgen, sind hart und strapazieren die Nerven, wirken aber niemals übertrieben gewalttätig, sondern einfach nur real.

Trotz diesem harten und teilweise auch brutalen Einstieg wird die Geschichte im weiteren Verlauf in einem sehr ruhigen Ton erzählt, der eine wahnsinnig gute Atmosphäre aufkommen lässt. Die Schauspielleistung von Maria Bello ist beeindruckend und in Verbindung mit der besonnenen und stillen Inszenierung sehr emotional. Ich war absolut gebannt von den Ereignissen und Wendungen und fieberte mit der Protagonistin in jeder Sekunde mit. Alleine ihre Wandlung/Darstellung von einer hilflosen Frau in eine toughe „Kriegerin“ ist sehr glaubwürdig und intensiv.
Überhaupt sind die Charaktere King typisch und wurden allesamt sehr gut umgesetzt. Ein Wiedersehen mit der Rocksängerin und Gitarristin Joan Jett („I Love Rock ’n‘ Roll“ dürfte wohl jeder kennen), die ihre größten Erfolge in den 80er Jahren feierte, und mit der Golden Globe- und Oscargewinnerin Olympia Dukakis („Mondsüchtig“) runden das gelungene Filmerlebnis noch ab.

Man merkt dem Film in keiner Minute an, dass er fürs Fernsehen produziert wurde. Regisseur Mikael Salomon überzeugt mit stimmungsvollen Bildern und einer konsequent durchdachten Linie, als hätte er fürs große Kino gedreht. Ein wenig erinnert „Big Driver“ an den Rape & Revenge-Thriller „I Spit On Your Grave“, nur dass hier einfach mehr Menschlichkeit und Emotionen hinter dem Rachefeldzug stecken. „Big Driver“ enthält bedeutend mehr Seele als ein einfacher Slasher- und/oder Splatterfilm in dieser Art. Genre-Fans, die hier einen ähnlichen Film erwarten, könnten unter Umständen sogar enttäuscht sein. Fast schon auf melancholische Art und Weise erzählt Mikael Salomon die Geschichte einer zutiefst verletzten Frau, die sich erst später zu wehren beginnt. Auch wenn „Big Driver“ nicht zwingend etwas Neues in der Krimi- , Thriller- und Stephen King Verfilmungswelt bietet, so ist er für mich dennoch eine der besseren Adaptionen Kings (die von Frank Darabon inszenierten einmal ausgenommen, denn die sind unschlagbar spitzenmäßig) und spricht ein Publikum an, dass eine intelligente, emotionale Handlung mag, die von einem sehr fähigen Regisseur und grandiosen Schauspielern umgesetzt wurde. Wer sich für die Kurzgeschichte interessiert, die Vorlage für diesen Film war, sollte sich das Buch „Zwischen Nacht und Dunkel“ zulegen, das in Deutschland im Jahr 2010 erschien. Die zweite Geschichte dieser Kurzgeschichtensammlung ist „Big Driver“.

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Fazit: Atmosphärischer Thriller, der mehr Wert auf Emotionen als auf blutige Effekte legt. Ganz klarer Geheimtip für echte King-Fans.

© 2017 Wolfgang Brunner

Carcinoma (2014)

Originaltitel: Carcinoma
Regie: Marian Dora (als A. Doran)
Drehbuch: Marian Dora (als A. Doran)
Kamera: Marian Dora (als A. Doran)
Musik: Marian Dora (als A. Doran)
Laufzeit: 87 Minuten
Darsteller: Ulli Lommel, Thomas Goersch, Carina Palmer, Daniela Friedel, Curd Berger, Lisbeth Piquart, Dorian Piquart
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: keine Prüfung

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Obwohl Dorian eine Wucherung an seinem Körper entdeckt, sucht er keinen Arzt auf. Er hat Angst, eine schlimme Krankheit zu haben. Als der Tumor aber immer größer wird und Dorian die Schmerzen nicht mehr aushält, wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Darmkrebs im letzten Stadium.

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Wer Marian Dora kennt, weiß genau, worauf er sich einlässt. Und mit „Carcinoma“ beweist Dora (der diesen Film unter dem Pseudonym A. Doran inszeniert) wieder einmal, dass er der Meister des Ekelfilms ist. Aber nicht nur des Ekels, sondern auch des hintergründigen Schockierens. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Dora seine Themen anpackt und in einen faszinierenden Film verpackt, dem man sich schwer entziehen kann. Auch wenn es äußerst blutig zugeht und mit Kot und anderen Körperflüssigkeiten nicht gespart wird, erzählt „Carcinoma“ dennoch ein ergreifendes Schicksal, das gerade durch seine Ekelszenen unglaublich authentisch wird. Dora spricht eine eigene Sprache, die manchmal an Jörg Buttgereit erinnert. Vor allem, wenn die schockierenden, ekligen Szenen von melancholischen Bildern unterbrochen werden, die den Zuschauer über das eigene Leben (und Sterben) nachdenken lassen. Ich würde Marian Dora fast als Hybrid aus dem bereits erwähnten Jörg Buttgereit, dem provokativen Michael Haneke und dem innovativen Peter Greenaway bezeichnen. Dora überschreitet definitiv Grenzen und stößt den Großteil der Zuschauer damit ab. Es gibt wohl nur wenige Menschen, die sich auf seine filmischen Alpträume einlassen, in denen Kot, Urin, andere Körperflüssigkeiten und Blut eine große Rolle spielen.

Aber man muss auch hinter die Bilder sehen, die man zu sehen bekommt. Dora nimmt kein Blatt vor den Mund und beschreibt, wie auch schon in seinem (in meinen Augen immer noch sein Meisterwerk) „Cannibal“, welche Abscheulichkeiten das Leben für uns bereithält. Niemand will es wahrhaben, geschweige denn sehen, was mit einem passiert, wenn er Darmkrebs im Endstadium hat: Da muss man sich als Betroffener leider mit Durchfall und anderen unschönen Dingen auseinandersetzen. Und genau das tut Dora auch: Er setzt sich mit dem noch verbleibenden Leben eines Kranken auseinander und zeigt uns in allen Details, wie es abläuft. „Carcinoma“ hat mich trotz einer enormen Anhäufung von Ekelszenen nicht ganz so stark betroffen gemacht wie „Cannibal“, aber dennoch ist es harter Tobak, der da auf einen zukommt und man sollte wirklich wissen, auf was man sich da einlässt. Doras Beitrag zur Krebserkrankung dürfte für jeden eingefleischten Hardcore-Fan dennoch eine Herausforderung sein.
Es gibt sehr selten Filme, die mich so nachhaltig betroffen machen und beeindrucken: „Carcinoma“ gehört eindeutig dazu.

Aber wie bei all seinen Filmen setzt Dora die Ekel- und Schockeffekte nicht plump als reißerische Aufhänger ein, sondern fokussiert damit die Geschichte und das Schicksal aller Beteiligten, lässt den Zuschauer in einer dermaßen brutalen Intensität teilhaben, dass es wehtut. Man möchte sich einerseits übergeben, kann sich aber andererseits dieser morbiden Anziehungskraft, die einem unsichtbaren Beobachter obliegt, in keiner Sekunde entziehen. Dora macht uns zu abartigen Voyeuren, die sich am Elend anderer nicht satt sehen können. Man braucht schon einen starken Magen, um einer Darmspiegelung oder anderen Geschehnissen beizuwohnen. Aber diese Dinge stellen neben den schönen Ereignissen (die Dora übrigens auch wunderbar in die Geschichte einwebt) unser Leben dar.
Begleitet werden die verstörenden und nostalgisch, melancholisch verklärten Bilder von einer elegischen Klaviermusik, die dem Film immer wieder für kurze Zeit den Schrecken nimmt. Wahrscheinlich könnte man durch diese ruhigen Einschübe Marian Doras Filme gar nicht ertragen. Sie würden auf den Zuschauer einschlagen wie eine gigantische Welle aus Gewalt und Schrecken.
Marian Doras Filme liebt oder hasst man. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas dazwischen gibt, denn entweder sieht man den Künstler, der hinter diesen abartigen Bildern steckt, oder man zweifelt am Verstand des Regisseurs. Dora scheut keine Tabus und provoziert mit seinen Arbeiten, dreht aber gleichzeitig künstlerische Filme, die realistische Schrecken in traumgleiche Bilder verwandeln. Man kann es schwer erklären, wenn man die Filme, oder in diesem Fall „Carcinoma“ nicht gesehen hat. Wahrscheinlich braucht man als Fan seiner Filme eine gewisse Aufgeschlossenheit und ein Auge für die „Schönheit“, die darin verborgen sind.

Vor den Schauspielern kann man nur den Hut ziehen. Wer sich bei solchen Szenen filmen lässt, verdient meinen höchsten Respekt. Allen voran natürlich Dorian Piquart, der mit dieser Rolle in die Vollen geht und sozusagen fast alles mit sich machen lässt, was dramaturgisch notwendig war. Aber auch Curd Berger und Thomas Goersch können sich sehen lassen. Beide haben eine „normale“ Rolle inne, die sie sehr gut meistern.
„Carcinoma“ wirkt enorm lange nach, verursacht auch nach Tagen noch ein extrem unangenehmes Gefühl, wie es übrigens „Cannibal“ sogar noch nach Jahren bei mir verursacht, wenn ich daran denke. Das ist es auch, was Doras Filme ausmachen: Provokant, schockierend und tabulos. Und zwischen den Bildern steckt das Leben, wie wir es alle kennen, mit all seinen Schönheiten und Grausamkeiten.

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Fazit: Ein typischer Marian Dora, der schockiert, aber dennoch nachdenklich macht und eine morbide Faszination ausstrahlt.

© 2017 Wolfgang Brunner

Hardcore (2015)

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Originaltitel: Hardcore Henry
Regie: Ilya Naishuller
Drehbuch: Ilya Naishuller
Kamera: Pavel „Pasha“ Kapinos, Vsevolod Kaptur,, Fedor Lyass
Musik: Darya „Dasha“ Charusha
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Sharlto Copley, Danila Kozlovsky, Haley Bennett, Tim Roth, Andrei Dementiev, Cyrus Arnold, Ilya Naishuller, Will Stewart, Darya „Dasha“ Charusha, Svetlana Ustinova
Genre: Action
Produktionsland: Vereinigte Staaten, Russland
FSK: ab 18 Jahre

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Henry wacht eines Tages in  Moskau auf und muss feststellen, dass seine Frau von einem psychopatischen Kriminellen namens Akan entführt wurde.  Henry hat nur noch ein Ziel: nämlich seine Frau zu finden und den Entführer Akan zu töten.

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Gamer werden ihre wahre Freude an diesem Film haben. Aber nicht nur die, ich hatte auch großen Spaß, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Anders als bei dem deutschen „First Person Shooter“, der ja ebenfalls in diesem Stil gedreht wurde (allerdings ein Jahr vorher), ermüdete ich hier irgendwann einmal. Es war einfach zu viel des Guten, so dass ich ehrlich gesagt das Ende herbeisehnte. Insgesamt wirkt „Hardcore“ leider dennoch unbefriedigend auf mich, obwohl ich an einzelnen Szenen durchaus Gefallen gefunden habe.
Man muss Regisseur Ilya Naishuller durchaus innovative Ideen zugestehen. Es ist zweifellos eine enorme technische und inszenatorische Herausforderung gewesen „Hardcore“ zu drehen. Doch ich hätte mir einfach ein wenig mehr Handlung gewünscht. Hin und wieder wird man von der neuartigen Ästhetik überrascht, doch trotz atemloser Spannung setzt ab der Hälfte des Films ein Übersättigungseffekt ein, durch den man dem Film wahrscheinlich nicht mehr genügend Respekt zollen kann.

Sicherlich sind die blutigen, teils splatterartigen Gewalteinschübe sehenswert und lockern das sinnlose Geballere ein wenig auf, aber irgendwann dachte ich tatsächlich, ich schaue einem Freund dabei zu, wie er einen Ego-Shooter spielt. Da wurden die Möglichkeiten, die dieser neuartige und mutige Inszenierungsstil geboten hätte, einfach nicht genügend ausgereizt oder perfektioniert. Es fehlen Ansätze, um dem Ganzen eine echte Handlung und einen Plot zum Mitfiebern zu verschaffen. Naishuller geht aufs Ganze und überschwemmt den Zuschauer zu sehr mit seiner Idee, so dass dieser das meiste gar nicht mehr bewusst wahrnimmt beziehungsweise wahrnehmen kann. „Hardcore“ ist ein Actionfeuerwerk, das mit schnellen Schnitten und einer Aneinderreihung von rasanten Szenen den Zuschauer dennoch überstrapaziert.

Es hätte dem Film gut getan, wäre man auf die Charaktere der Protagonisten eingegangen und hätte sich nicht nur dem Actionanteil gewidmet. An manchen Stellen wirken die Dialoge gekünstelt und teilweise etwas hohl, auch das hätte man um Längen besser machen können. Insgesamt ist „Hardcore“ durchaus sehenswert, vor allem, wenn man den Film als inszenatorisches Experiment betrachtet, sich darauf auch einlassen kann und die lange Laufzeit erträgt. Wer verwackelte Found Footage-Filme nicht mag, wird hier feststellen, dass es noch schlimmer geht, denn die verwackelte Kamera geht einem bereits nach kurzer Zeit auf die Nerven. Man erkennt, dass hier großer Aufwand betrieben wurde, aber herausgekommen ist letztendlich ein „Filmchen“ für Hardcore-Ego Shooter-Fans und eine Youtube-Generation, die sich Videos „reinzieht“, ohne Sinn dahinter entdecken zu wollen.

Mein Fall war „Hardcore“ nicht wirklich, obwohl ich, wie schon erwähnt, einige Stellen genoß. Schauspielerisch sind bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls nur schwache Leistungen zu sehen, denn, wenn Menschen zu sehen sind, agieren sie wie computergenerierte Personen und wirken nicht wirklich menschlich. Potential wäre durchaus da gewesen, wurde aber leider nicht genutzt. Ein Film zum einmal ansehen, um mitreden zu können, mehr aber auch nicht.

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Fazit: Vom Grundsatz her nette Idee, die aber auf die lange Laufzeit schon bald ermüdend wirkt und den Zuschauer überstrapaziert.

© 2017 Wolfgang Brunner

Gelosia – Vendetta D’amore (2016)

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Originaltitel: Gelosia – Vendetta D-Amore
Regie: Alberto Barone
Drehbuch: Alberto Barone
Kamera: Martin Rath
Musik: Antonio Verdone
Laufzeit: 26 Minuten
Darsteller: Milton Welsh, Manoush, Kristina Kostiv, Tara Rubin, Yve König, Alexa Unique, Lana Vegas
Genre: Horror, Thriller, Erotik, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Thomas ist sexbesessen und Alkoholiker. Als bei einem Autounfall seine Frau Heidi schwer im Gesicht verlwetzt wird und entstellt ist, findet Thomas sie nicht mehr attraktiv. Er betrinkt sich und sucht Ablenkung bei fremden Frauen, mit denen er seine Phantasien auslebt.
Doch wie lange macht Heidi dieses Spiel mit?

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Alberto Barones Filmdebüt ist eine wilde Mischung aus Beziehungsdrama, Erotikthriller, Softporno und Splatter. Ein gewagter Einstieg ins Filmgeschäft, möchte man meinen. Aber Barone zeigt, dass er erzählen kann. Vor allem sein Gespür, das Ganze trotz „nackter Tatsachen“ in einen nicht rein trashigen Film abfallen zu lassen, hat mich schon sehr angesprochen. Barone zeigt zwar viel Haut, verpackt es aber in ein glaubwürdiges und vor allem authentisches Szenario.  Doch vielleicht erst einmal von  Anfang an. 😉

Der Einstieg in den knapp halbstündigen Film ist hervorragend gelungen und vermittelt bereits hier ein recht stylisch anmutendes Intro. In Verbindung mit der (übrigens ziemlich guten und passenden) Musik wird man durch geschickt eingesetzte Filmschnitte sofort in die Handlung geworfen. Das funktioniert ziemlich gut und lässt durch diesen künstlerisch wirkenden Anfang die nachfolgenden Nackt- und Erotikszenen in einem ganz anderen Licht erscheinen. Auch das fand ich persönlich sehr clever inszeniert.

Hauptdarsteller Milton Welsh („German Angst“, „Conan (2011)“ oder „The Grand Budapest Hotel“) ist für die Rolle des alkoholkranken und sexgierigen Thomas absolut passend gewählt und agiert sehr überzeugend. Seine anfängliche Geilheit und das danach folgende schlechte Gewissen werden so richtig realitätsnah gezeigt, so dass man seine Zerrissenheit wegen seiner „Taten“ absolut nachvollziehen kann. Welsh zeigt Mut in seiner Rolle und meistert sein Zusammenspiel mit einer Domina, gespielt von Alexa van Unique („Wedding Party Teaser“), einer Nonne, Tara Rubin aus „The Curse of Doctor Wolffenstein“ oder Pornostar Lana Vegas (Beate Uhse TV) sehr gekonnt.
Aber es werden nicht nur reine Sexszenen gezeigt, sondern auch sehr schöne Augenblicke voller Erotik. In einer solchen Szene kann sich Kristina Kostiv (ebenfalls in „German Angst“ zu sehen) beweisen. Dieser erotische Akt wird nämlich nicht nur angedeutet, sondern sehr ausführlich, und somit eben auch sehr realitätsnah, inszeniert.  Regisseur Barone ist eine wirklich schöne Gratwanderung gelungen, die in der kurzen Laufzeit des Films dennoch seine Wirkung entfalten kann. Manoush, die mit „Gelosia“ ihren sechzigsten (!!!) Filmauftritt absolviert, hat mir in ihrer Rolle auch sehr gut gefallen. Überhaupt hat man bei diesem Projekt ein gutes Händchen fürs Castging bewiesen.

Aber es gibt nicht nur nackte Haut und Sex in Barones Debütfilm zu sehen. Der Zuschauer wird auch mit einer fetten, blutigen Splattereinlage belohnt, die von keinem Geringeren als Philipp Rathgeber (u.a. „Paranormal Demons“ und „Scars Of Xavier“) entworfen wurde. Da kommt dann auch diese Mischung aus Sex und Gewalt im Finale sehr gut zum Tragen. So manches Mal habe ich mich ein wenig an die älteren Filme von Jörg Buttgereit erinnert gefühlt.
Die knapp dreißig Minuten vergehen wie im Flug und man hätte gut und gerne noch länger zusehen können. und dennoch hinterlässt „Gelosia“ erstaunlicherweise am Ende nicht den Eindruck, man hätte einen Kurzfilm gesehen. Ich kann nicht einmal genau erklären, woran es liegt, aber im Gedächtnis bleibt eher ein Langfilm haften. Alleine durch diese Tatsache darf der Regisseur stolz auf sich sein, denn außer den gezeigten Bildern hat er wohl noch (zumindest bei mir) eine Art Kopfkino ausgelöst, dass dem Film eine längere Spieldauer verschafft hat. 🙂

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Fazit: Geschickt inszenierte Mischung aus Sex-, Erotik- und Horrorthriller. Alberto Barone ist ein kleiner (S)Exploitationfilm gelungen, der auf allen Ebenen funktioniert.

© 2017 Wolfgang Brunner

Baskin (2015)

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Originaltitel: Baskin
Regie: Can Evrenol
Drehbuch: Can Evrenol, Cem Özüduru, Erçin Sadıkoğlu, Eren Akay
Kamera: Alp Korfali
Musik: JF (Ulas Pakkan & Volkan Akaalp)
Laufzeit: 97 Minuten (uncut)
Darsteller: Mehmet Cerrahoğlu, Ergun Kuyucu, Görkem Kasal, Muharrem Bayrak
Genre: Thriller, Horror
Produktionsland: Türkei
FSK: JK geprüft

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Eine Sondereinheit der Polizei gerät im Keller eines Gebäudes durch eine Falltür in eine düstere, schockierende Unterwelt. Durch dunkle Tunnel betreten sie eine Welt, die eine wahr gewordene Hölle aus einem Alptraum zu sein scheint. Furchterregende Gestalten machen Jagd auf sie und eine blutige Auseinandersetzung entsteht.

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Ein Horror-Thriller aus der Türkei? Ich ging mit gemischten Gefühlen an diesen Film heran und wurde absolut positiv überrascht. Klar, die Handlung ist wirklich nicht das Nonplusultra und wirkt, wenn man genauer darüber nachdenkt, erst einmal wie an den Haaren herbeigezogen. Aber das tut der extrem düsteren Atmosphäre und den teils wirklich schockierenden Szenen keinen Abbruch.
Es dauert ein wenig, bis der Film Fahrt aufnimmt, aber genau das hat mir gefallen. Man lernt erst die Männer und ihre Freundschaft zueinander, bevor es ans Eingemachte geht. Und das tut es!

Die Atmosphäre dieses türkischen Horrorfilms ist durchgehend düster und bedrohlich. Von der Inszenierung her erinnert die Höllenfahrt ein wenig an die alten italienischen Meister wie Mario Bava, Lucio Fulci oder gar Dario Argento. Aber auch ein Hauch David Lynch, was die Surrealität des Plots betrifft, ist mit dabei. So manches Mal fühlt man sich auch in die 80er Jahre zurückversetzt. Hin und wieder kam mir auch die irreale Stimmung von „Hellraiser“ in den Sinn, wobei „Baskin“ einen völlig anderen Weg geht, der dann schon eher in Richtung „The Green Inferno“ von Eli Roth führt. Die Schauspieler sind völlig in Ordnung und machen aus meiner Sicht ihre Sache sehr gut. Leider fehlt es an manchen Stellen ein wenig an Logik, hat aber für mich dennoch nicht die Auswirkung gehabt, dass ich keinen Spaß mehr an dem blutigen Trip hatte.
Es gab, wie schon in dem erwähnten „The Green Inferno“ ein paar Szenen, die mir wie ein Schlag in die Magengrube vorkamen: unausweichliche, unheimliche, brutale Stellen, die wirklich schonungslos schockieren. Das nimmt einen als Zuschauer mit und man kann die Angst und Verzweiflung der Protagonisten hautnah spüren.

Regisseur Can Evrenol lässt den Film wie einen (Alp-)Traum ablaufen, surreal und an manchen Stellen (gewollt?) unlogisch. Denn vielleicht ist es gerade diese fehlende Logik, die „Baskin“ zu diesem außergewöhnlichen und schockierenden Horrortrip macht, denn wer kennt nicht das schreckliche Gefühl, wenn man aus einem wirklich, wirklich schlimmen Alptraum erwacht? Genau so eine bedrohliche Stimmung vermittelt Evrenol und zieht einen damit sofort in seinen Bann. Oft denkt man sich, wann denn dieser Alptraum endlich ein Ende findet, und dennoch kann man nicht genug davon bekommen. Mein Respekt an den Regisseur für diese oft an die Schmerzgrenze gehenden Momente. Aber nicht nur mit provokanten Verstümmelungen und gruseligen Schockmomenten kann der türkische Horrorfilm punkten, denn auch die visuelle Seite ist keineswegs zu verachten. Wie bereits erwähnt, setzt Evrenol sehr düstere Farben ein, die durch den geschickten Einsatz von Licht noch einmal verstärkt werden. Das Szenario vermittelt von Anfang an Unheil und deprimierende Aussichtslosigkeit, die noch lange im Gedächtnis haften bleibt.
Vor allem der Anführer der Kreaturen, auf die die Polizisten treffen, jagte mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das ist wirklich extremst gruselig inszeniert.

Auch wenn ich durchaus begeistert bin von „Baskin“, bin ich mir ziemlich sicher, dass einige nicht so empfinden werden wie ich. Ich sehe schon die ratlosen Gesichter vor mir, die nichts mit dem mystischen Plot anfangen können und sich einfach einen geradlinigeren Film gewünscht hätten. Aber ich bin der Meinung, dass es bereits genug geradlinige Filme gibt, und man sich durchaus auch einmal auf einen „traumhaften“ und visionären Trip a la Clive Barker begeben kann. Und genau das bekommt man mit „Baskin“ geboten. Für mich ein große, überraschende Entdeckung, die ich mit Sicherheit noch öfter ansehen werde.

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Fazit: Brutal, schockierend und auf gewisse Art und Weise visionär. „Baskin“ wird allerdings die Lager spalten und auf der einen Seite euphorische Begeisterung und auf der anderen enttäuschte Ratlosigkeit verursachen. Ich neige fast zu euphorischer Begeisterung.

© 2016 Wolfgang Brunner

Filmprojekt „Scars Of Xavier“

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Kai E. Bogatzki ist ein talentierter Cutter, der aber auch schon selbst hinter der Kamera stand und auf dem Regiestuhl Platz genommen hat. Seine Kurzfilme zeichnen sich durch eine eigenwillige stylistische Art aus, die den Zuschauer sofort in ihren Bann zieht.

Und nun soll ein atmosphärischer, brutaler Thriller mit Drama- und Horrorelementen der erste abendfüllende Spielfilm des Regisseurs gedreht werden. Nachdem ein Produzent ausgefallen ist, soll die noch benötigte Summe von 4.000,- Euro nun per Crowdfunding finanziert werden.
Bogatzki schart eine nicht unansehnliche Crew um dieses Projekt, das meiner Meinung nach unter allen Umständen das Licht der Filmwelt erblicken muss.
Marc Engel spielt die Hauptrolle und kann bereits im Teaser und auf Fotos absolut überzeugen. Weiterhin hat sich der Regisseur Annika Strauß an Bord geholt, die Genrefreunden aus Filmen von Marcel Waltz oder Olaf Ittenbach bekannt sein dürfte. Zuletzt konnte man sie in dem wunderbaren Horrorfilm „German Angst“ bewundern.
Dieses Projekt ist ein absolutes Traumprojekt von Regisseur Kai E. Bogatzki. Was ich bisher gesehen habe, deutet auf einen extrem düsteren und schockierenden Film hin, der mit Sicherheit wie ein Faustschlag in den Magen wirken wird.
Die Dreharbeiten haben schon begonnen und der Film wird auf englisch mit nationalen und internationalen Darstellern aufgenommen.

Handlung:
Xavier, ein schüchterner Mittvierziger lebt und arbeitet in Prag. Er führt ein unauffälliges Leben am Rande der Gesellschaft. Doch nachts kommt sein wahres Ich zum Vorschein: Xavier ist ein brutaler Killer.
Eines Tages lernt er Karolina kennen, eine Bedienung, die sein Weltbild komplett auf den Kopf stellt. Die beiden kommen sich immer näher. Doch Xaviers Drang zu töten brodelt nach wie vor unter der Oberfläche.

Wie schon oben bemerkt: Der Trailer lässt bereits erahnen, was da auf den Zuschauer zukommen wird. Keine Zombie-Epidemie, sondern ein knallharter, realistischer und brutaler Thriller, der mich ein wenig an „Maniac“  erinnert. Aber Bogatzki wird definitiv seinen eigenen Weg gehen, das hat er mit seinen Kurzfilmen bewiesen.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Crowdfunding-Projekt gelingt und die Dreharbeiten fortgesetzt werden können. Wünschenswert wäre es, denn „Scars Of Xavier“ würde definitiv beweisen, dass Deutschland nicht nur platte Komödien, sondern auch ernstzunehmende, harte Thriller zustande bringt.

Wer dem Projekt zu einem Erfolg verhelfen will, kann sich eine der angebotenen Prämien aussuchen, um den Film zu unterstützen oder einen beliebigen Betrag auswählen. Hier geht’s zum Crowdfunding.

Der Countdown läuft.

© 2016 Wolfgang Brunner