One Percent – Streets of Anarchy (2017)

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Originaltitel: 1 %
Alternativtitel: Outlaws
Regie: Stephen McCallum
Drehbuch: Matt Nable
Kamera: Shelley Farthing-Dawe
Musik: Chris Cobilis
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Ryan Corr, Abbey Lee, Simone Kessell, Josh McConville, Aaron Pedersen, Sam Parsonson, Eddie Baroo, Jacqui William, Matt Nable
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Australien
FSK: ab 16 Jahre

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Knuck ist Anführer des kriminellen Motorradclubs mit dem klangvollen Namen „Copperheads“. Während er im Knast saß hatte sein Stellvertreter Paddo die Leitung über den Club und veränderte in dieser Zeit ein paar der eingefahrenen Strukturen. Als Knuck wieder auf freiem Fuß ist, kommt es unausweichlich zu einem Streit zwischen den beiden, aus dem nur einer von ihnen als Sieger hervorgehen kann.

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„One Percent“ wirbt mit dem deutschen ( 🙂 ) Untertitel „Streets of Anarchy“, was wohl einen dezenten Hinweis auf die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ darstellen und ein entsprechendes Publikum anlocken soll. Wie nicht anders zu erwarten, hinkt dieser Vergleich natürlich, denn der Film wirkt nur auf den ersten Anschein wie ein uninspirierter Abklatsch. „One Percent“ ist auch nicht in erster Linie ein Biker-Film, wie es das Cover suggeriert, sondern vielmehr ein Drama, das im Bikermilieu spielt. Während der ersten 20 Minuten war ich mir des öfteren nicht ganz sicher, ob mir der Film gefallen und zusagen würde, denn es wurde massivst mit vulgären Ausdrücken um sich geworfen. Das wirkte anfangs definitiv etwas störend auf mich und könnte den ein oder anderen Zuseher dazu veranlassen, den Film tatsächlich abzuschalten. Aber man sollte sich einfach darauf einlassen, denn ab einem gewissen Zeitpunkt wird einem klar, dass genau diese Ausdrucksweise das Milieu, in dem der Film angesiedelt ist, wiedergibt. Vor allem kommt dadurch auch eine besondere Dramatik auf, wenn man sich der Geschichte des behinderten Bruders des Protagonisten widmet.

Schauspielerisch gibt es an „One Percent“ absolut nichts auszusetzen. Auch die Frauen haben tragende Rollen inne, aber vor allem Josh McConville, der den Part des besagten behinderten Bruders übernommen hat, kann durch seine hervorragende Performance absolut überzeugen und auch begeistern. In meinen Augen ist er letztendlich auch die tragende Figur und daher heimliche Hauptrolle dieses Dramas. Im Nachhinein betrachtet, gewinnt der Film eine ganz außergewöhnliche Bedeutung für mich, da er mich in seiner konsequenten Tragik manchmal an den grandiosen „Gilbert Grape“ mit Leonardo diCaprio erinnert. „One Percent“ wird diejenigen enttäuschen, die einen reinen Motorradfilm erwarten, denn dafür sind viel zu wenig Bikeraufnahmen vorhanden. Wer allerdings ein handfestes Drama fürs Massenpublikum erwartet, wird ebenso enttäuscht sein, da sich der Film überwiegend abseits des Mainstream bewegt. So stellt „One Percent“ für mich irgendwie einen Art Filmhybrid aus Drama und Action dar, der nicht jedermanns Sache ist. Aber, wie bereits erwähnt, durchhalten lohnt sich auf alle Fälle und „One Percent“ ist auch ein Film, der definitiv hängenbleibt. Stephen McCallums Film mag auf den ersten Blick etwas oberflächlich und ohne Konzept wirken, brennt sich aber dennoch – so war es zumindest bei mir – ins Gedächtnis, weil er sehr realitätsnah inszeniert ist. Die Beziehung der beiden Brüder stellt für mich auf jeden Fall den Mittelpunkt der ganzen Geschichte dar und endet in einem äußerst dramatischen Finale.

Für mich ist „One Percent“ nach anfänglichen Schwierigkeiten ein Film, den man sich ohne weiteres öfters ansehen kann. Um noch einmal auf den Vergleich mit „Sons of Anarchy“ zurückzukommen: Der vorliegende „One Percent“ kann natürlich aufgrund seiner geringen Laufdauer nicht mit einer entsprechenden Tiefe aufwarten. Dennoch sind die Charaktere absolut toll ausgearbeitet und auch entsprechend gespielt. In keiner einzigen Minute hatte ich das Gefühl, einer Direct to DVD-Veröffentlichung zuzusehen. Die Inszenierung, die Schnitte und das Agieren der Schauspieler wirkten auf mich niemals wie ein B-Movie. Man sollte sich vielleicht auf diesen Film einlassen, ohne Vergleiche mit „Sons of Anarchy“ anzustellen, wenngleich diese vielleicht sogar vom Regisseur beabsichtigt waren. Als eigenständiger Film funktioniert „One Percent“ auf alle Fälle und kann optimal und professionell unterhalten. Ich habe ihn auf alle Fälle genossen.

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Fazit: An die Erfolgsserie „Sons of Anarchy“ angelehntes, aber sehenswertes Drama.

© 2019 Wolfgang Brunner

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Dog Soldiers (2002)

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Originaltitel: Dog Soldiers
Regie: Neil Marshal
Drehbuch: Neil Marshal
Kamera: Sam McCurdy
Musik: Mark Thomas
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Sean Pertwee, Kevin McKidd, Emma Cleasby, Liam Cunningham, Thomas Lockyer
Genre: Horror
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

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In den düsteren Wäldern der schottischen Highlands verschwinden immer wieder Wanderer und kehren nicht mehr zurück. Ausgerechnet in diese Wälder verschlägt es einen Trupp Soldaten für eine Trainingsmission. Doch mit dem Feind, der ihnen in der Nacht begegnet, haben sie nicht gerechnet. Sie finden Rettung in einem alten Farmhaus, deren Bewohner das Geheimnis der Wälder kennen. Und als dann der Vollmond aufgeht, entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod. Werwölfe, kaltblütige Kreaturen, machen Jagd auf Menschen …

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„Dog Soldiers“ kann ohne weiteres als Kultfilm bezeichnet werden. Sicherlich sind mittlerweile einige Jahre ins Land gezogen, so dass die Spezialeffekte nicht wirklich auf dem aktuellsten Stand sind. Aber vielleicht ist es genau diese Tatsache, dass „Dog Soldiers“ seinen Charme noch immer nicht verloren hat. Regisseur  Marshal baut seinen Werwolf-Thriller geschickt auf, indem er das Geschehen ganz langsam an Fahrt aufnehmen lässt.
Anfangs wird das Publikum mit einer vollkommen normalen Situation konfrontiert, die sich dann aber im Laufe des Films als schreckenerregendes Szenario offenbart. Manche Stellen erinnern unweigerlich an George A Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“, in dem sich ebenfalls eine Gruppe von Menschen in einem Haus verschanzt. Bei „Dog Soldiers“ sind es allerdings nicht Zombies, sondern Werwölfe, die sich auf Menschenjagd machen. Koch Media bringt den Kultklassiker nun endlich in einem äußerst gelungenen Mediabook auf den Markt, das dem Film in jeder Hinsicht gerecht wird. Neben der Blu-Ray und einer DVD erhält das Sammlerstück auch eine 4K -Scheibe, die den Film in bestmöglicher Qualität zeigt.

Die Creature-Effekte sind für die damalige Zeit hervorragend gemacht und haben auch heute noch eine besondere Wirkung (zumindest auf mich 😉 ). Computergenerierte Effekte sind in diesem Film auf jeden Fall nicht zu sehen sondern nur handgemachte Tricks, die aus meiner Sicht äußerst gelungen sind und auch sehr realistisch aussehen. Der Film kann einige schockierende Gore-Effekte verzeichnen, zeigt sich aber ansonsten relativ blutarm. Wie gesagt, ist es in erster Linie die Inszenierungsweise und der stetig steigende Spannungsbogen, der diesen Werwolf-Film ausmacht.
Jahre später inszenierte Regisseur Neil Marshal dann seinen wohl größten Erfolg „The Descent“, indem er auf ähnliche Weise vorgegangen ist. Auch hier entwickelt sich nämlich der Spannungsbogen langsam und endet in einem schier unerträglichen Finale. „Dog Soldiers“ ist da zwar noch ein wenig zurückhaltender, aber erinnert dennoch schon ein wenig an „The Descent“.

Freunde der klassischen Horrorfilme aus den 80er Jahren werden ihre wahre Freude an dieser Edition haben. Und in einer Zeit, in der es so gut wie gar keinen Film mehr gibt, der nicht mit Computern nachbearbeitet ist, hebt sich „Dog Soldiers“ erfrischend ab und lässt einen nostalgischen Blick zurück in die Vergangenheit zu. „Dog Soldiers“ ist eindeutig ein Film für Fans. Man sollte sich auch immer vor Augen halten, welche Vorbilder Regisseur Marshal hatte und vor allem welche finanziellen Mittel diesem Film zur Verfügung standen. Marshal hat jedenfalls das Beste daraus gemacht. Dieser Film wirkt wie eine Mischung aus „American Werewolf“, „Platoon“ und „Die Nacht der lebenden Toten“. Man merkt dem Film einfach an, dass er mit Herzblut gedreht wurde. Und gerade das ist für mich immer ausschlaggebend, um einen Film mit anderen Augen zu sehen und dementsprechend auch zu bewerten.

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Fazit: Horror mit Handmade-Effekten, der zu unterhalten weiß. Spannend und mit coolen Effekten.

© 2019 Wolfgang Brunner

The Corpse Grinders (2018)

Originaltitel: The Corpse Grinders
Regie: Timo Rose
Drehbuch: Timo Rose
nach dem Originaldrehbuch von Arch Hall sr. und Joseph Cranston
Kamera: Costel Argesanu
Musik: Timo Rose
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Max Evans, Yazmeen Baker, Enya Maria Tames, Ted V. Mikels, Kristina Kostiv, Marc Engel, Donna Hamblin, Nils Henftling, Anthony Straeger, Thomas Binder, Shawn C. Phillips
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: Deutschland, USA
FSK: ungeprüft

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Landau bekommt das Unternehmen „Lotus Cat Food“ überschrieben. Aber er hat Schwierigkeiten, das Geschäft am Leben zu erhalten, da die Umsätze weitaus schlechter als erwartet sind. Landau bekommt finanzielle Schwierigkeiten und kann die Mitarbeiter nicht länger bezahlen. Und so beginnt er, seine Mitarbeiter zu töten und auf andere Weise in seine Firma zu involvieren. Als einer der Vermissten, Frank, von der Polizei gesucht wird, entwickelt sich Landaus außergewöhnlicher „Einsatz“ für „Lotus Cat Food“ zu einer stetig ansteigenden Gefahr.

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Timo Rose, der mich mit seinen letzten Filmen „Reeperbahn“ und vor allem „Death Wish Zero“ sehr beeindruckt hat, liefert mit seinem neuen Film, einer Neuinterpretation von Ted V. Mikels KLassiker „Die Leichenmühle“, einen äußerst unangenehmen Film ab. Unangenehm wegen seiner direkten Zurschaustellung menschlicher Abgründe und den daraus resultierenden Folgen.  Roses Remake von „The Corpse Grinders“ ist in jeder Hinsicht dreckig und vulgär, aber auch tiefsinnig, wenn man genauer darüber nachdenkt. Es gab lange Zeit einen Film, der mich über Monate beschäftigt hat und dessen Bilder ich nicht mehr aus dem Kopf bekam, nämlich Marian Doras intensives, blutiges Drama „Cannibal“ über den Kannibalen von Rothenburg. Timo Rose tritt mit „The Corpse Grinders“ aus meiner Sicht in die Fußstapfen Doras und verursacht mit seinem blutigen, äußerst brutalen Horror-Thriller ein ähnlich unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Das liegt zum Teil mit Sicherheit an den teilweise wirklich derben Szenen, die man hier zu sehen bekommt, ist aber auch auf die beeindruckende Schauspielerleistung von Max Evans zurückzuführen. Evans‘ Mimik jagt einem oftmals Angst ein und man denkt unweigerlich daran, wie es wäre, wenn man ihm in diesem (Wut-)Zustand in einer dunklen Gasse gegenüberstehen würde.
Der Charakter des Landau ist aus meiner Sicht so geschickt in Szene gesetzt, dass man nie genau weiß, ob man es mit einem sympathischen, normalen Mann zu tun hat oder mit einem extrem gefährlichen, unkontrollierbaren Psychopathen. Max Evans verkörpert beides und das macht „The Corpse Grinders“ zu einer schauspielerischen und inszenatorischen Bombe, die jederzeit losgehen kann und dies auch tut.

Aber „The Corpse Grinder“ schockiert nicht nur, sondern zeigt auch auf, zu was Menschen fähig sind, wenn sie (finanziell oder auch anderweitig) keinen Ausweg mehr sehen. Anders als im Original von Ted V. Mikels konzentriert sich Timo Rose viel mehr um den Protagonisten Landau, versucht seine Psyche zu ergründen, was ihm durch das tolle Schauspiel von Max Evans, wie oben schon erwähnt, auch gelingt. Man wird Zeuge eines psychischen Verfalls und einer Fehlschaltung menschlichen Denkens, begleitet die grenzenlose Ausuferung einer Obsession und nimmt teil, wie ein kaputter Mann seine eigenen Abgründe auslotet und die Kontrolle über sich selbst verliert. Roses Film stellt für mich im Grunde genommen eine Mischung aus brutalem Splatter und psychologischer Lebensgeschichte eines verzweifelten (wütenden und kaltblütigen) Mannes dar, der aber durchaus auch zu Gefühlen imstande ist. Und weil eben auch „gute“ Emotionen mit ins Spiel kommen, funktioniert der Film und schockt.
Erwähnen möchte ich unbedingt auch noch den genialen Score, den Timo Rose zum größten Teil selbst komponiert hat. Dadurch kommt eine sehr bedrückende Stimmung auf, die sich durch den kompletten Film zieht. Sehr einfallsreich fand ich auch, wie der Regisseur des Originalfilms Ted V. Mikels in die Handlung eingebunden wurde, das hatte einen sehr charmanten Flair. 😉

„The Corpse Grinders“ bewegt sich zwar auf einem gewissen Low-Budget-Film-Niveau, aber gerade diese, ich nenne sie jetzt einfach mal „Unperfektheit im Look“, macht den Film wiederum auf gewisse Art und Weise perfekt und unterstreicht sogar den oben erwähnten dreckigen Stil. „The Corpse Grinders“ würde in einer Hollywood-Blockbuster-Perfektion bei weitem nicht jene Beklemmungen beim Zuschauer auslösen, wie er das in der jetzigen Fassung tut. Bei einer bestimmten Szene werden die FSK und andere Altersfreigabeprüfstellen ihre helle Freude haben und händeringend zur Schere greifen, nicht wissend, was diese Sequenz eigentlich über den Protagonisten aussagt. Man sollte nämlich bei Timo Roses Film auch zwischen den Bildern lesen (auch wenn einige jetzt sagen werden, dass es bei Roses Filmen nichts zwischen den gezeigten Bildern zu interpretieren gäbe). Bei mir haben die Bilder jedenfalls ein Gedankenkarussell ausgelöst, das mich irgendwie nicht mehr loslässt. Man muss sich auf „The Corpse Grinders“ einlassen können. Hier werden die Menschen nicht, wie im Original, von Katzen getötet, sondern von Landau persönlich. Timo Roses Neuinterpretation der Geschichte ist eine moderne, brutale, schockierende, düstere und beängstigende Version.
Ich musste mir „The Corpse Grinders“ tatsächlich zwei Mal ansehen. Beim ersten Mal hat er mich nämlich „nur“ geschockt, beim zweiten Mal dann in seiner schonungslosen Konsequenz, mit der Mikels Originalfilm fortgeführt beziehungsweise zu Ende gedacht wurde, beeindruckt.

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Fazit: Brutale, dreckige, schonungslose, schockierende und düstere Neuinterpretation eines Klassikers.

© 2018 Wolfgang Brunner

Scars Of Xavier (2017)

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Originaltitel: Scars Of Xavier
Regie: Kai E. Bogatzki
Drehbuch: Kai E. Bogatzki
Kamera: Philipp Peißen, Lucas Blank
Musik: Klaus Pfreundner (Maintitle:Jan Loamfield)
Laufzeit: 90 Minuten
Darsteller: Marc Engel, Constance Wetzel, Alexia von Wismar, Dirk Sonnenschein, Oliver Troska, Isabelle Aring, Angelina Markiefka, Annika Strauss, Daniele Rizzo, Vanessa Tesch, Lamacra
Genre: Horror, Thriller, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Xavier ist ein schüchterner Mittvierziger, der in Prag lebt und arbeitet . Er führt ein unauffälliges Leben am Rande der Gesellschaft. Doch in der Nacht kommt sein wahres Ich zum Vorschein und Xavier wird zu einem brutalen Killer.
Doch eines Tages lernt er die Bedienung Karolina kennen, in die er sich ein wenig verliebt. Nun muss Xavier gegen seinen Drang, zu töten, ankämpfen.

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„Scars Of Xavier“ ist der erste Langfilm des äußerst talientierten Editors (zuletzt Marcel Walz‘ „Blood Feast“) und Regisseures Kai E. Bogatzki. Nachdem mich bereits sein Kurzfilm „Liebe“ hellauf begeistert hat, war die Erwartungshaltung an seinen ersten Spielfilm extrem hoch. Um es gleich vorweg zu nehmen: Bogatzki hat mich absolut nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil: Er hat meine Erwartungen sogar noch übertroffen und das mag schon was heißen, denn sie waren wirklich sehr hoch. 😉
Aber der Reihe nach: Alleine die Handlung respektive den Drehort nach Prag zu verlegen war ein absoluter Glücksgriff. Sehr stimmungsvoll wird schon während der ersten Bilder eine beeindruckende Atmosphäre aufgebaut, die einerseits durch die grandiosen Bilder heimelig  andererseits wegen der düsteren Umgebung teils kafkaesk wirkt. Jedenfalls trägt die wunderschöne Kulisse der Stadt einen großen Teil zur gesamten Stimmung des Films bei.

Es gibt so viel über diesen grandiosen Film zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. 😉 Das fängt schon beim gewohnt perfekten Schnitt an, der sich durch den ganzen Film zieht. Die Titelsequenz zum Beispiel kann nur grandios bezeichnet werden. „Scars Of Xavier“ ist ein beeindruckendes, brutales, schockierendes und extrem glaubwürdiges Psychogramm eines Serienkillers, das noch lange nachwirkt. Mit Hauptdarsteller Marc Engel hat Kai E. Bogatzki einen Mann gefunden, mit dem er seine Visionen Wirklichkeit werden lassen konnte. Man spürt förmlich in nahezu jeder Einstellung, wie intensiv (und sowohl körperlich als auch psychisch anstrengend) die Dreharbeiten waren. Die Rolle des Xavier ist eine Paraderolle für Marc Engel, der wirklich alles gibt, um dem Bösen ein glaubwürdiges Gesicht zu geben. Das Schlimme und Erschreckende an seiner Darstellung ist, dass dieses Böse ein Mensch und keine erfundene Horrorfigur á la Freddy Krueger, Jason Vorhees oder Michael Myers ist, die nur stereotype Abschlachter mit wenig Informationen über deren Vergangenheit. Aber hier verkörpert Marc Engel einen Menschen, der mit seinen inneren Dämonen ringt und sie alleine bekämpfen muss. Gerade dieser Aspekt macht den Killer Xavier für mich so wahnsinnig erschreckend und bösartig. Ein wenig erinnert sein Charakter tatsächlich an Dexter Morgan, wobei Xavier verzweifelter, hilfloser und dadurch authentischer und fast schon bedauernswerter wirkt. Bogatzki geht psychologischer an die Thematik heran und versetzt den Zuschauer in eine voyeuristische Rolle, weil er ihn in allen Situationen im Leben des Täters teilnehmen lässt, sowohl am nach außen vollkommen normalen Dasein als auch am inneren Kampf des Killers und seinen blutigen Metzeleien an unschuldigen Opfern, die nichts anderes als Hilferufe nach Absolution seiner verkorksten Kindheit und Mutter-Sohn-Beziehung sind.   Marc Engel geht in seiner Rolle so emotional auf, dass man ihm alles abnimmt. Er stellt den unscheinbaren Nachbar und Mitarbeiter genauso glaubwürdig dar, wie den entfesselten Killer, der auf nichts mehr Rücksicht nimmt und seine Taten „genießt“, weil sie ihn in seinen Augen „retten“ und „erlösen“. Ich habe selten eine solch intensive und authentische Darstellung eines Serienkillers gesehen, wie sie hier in „Scars Of Xavier“ von Marc Engel gezeigt wird.
„And the Oscar goes to …. Marc Engel!“

Bogatzki macht den deutschen Film mit seinen innovativen Ideen und ästhetischen Bildern wieder interessant und zeigt, dass auch in Deutschland extrem gute Filme entstehen können. Unweigerlich fragt man sich nach dieser emotionalen Bilderflut, die einen mit „Scars Of Xavier“ überrollt hat, warum solche Werke mühsam mittels Crowdfunding ins Leben gerufen werden müssen und nicht eine große Produktionsfirma zur Seite hat. Man bekommt zum wiederholten Mal unerträgliche Komödien aus Deutschland geliefert, die nur für Dumpfbacken ein hohes Niveau darstellen, und inszenatorische und schauspielerische Meisterleistungen wie „Scars Of Xavier“ werden im eigenen Land unbeachtet. Und somit komme ich auch schon zu Kai E. Bogatzki selbst, der mit seinem ersten Langfilm ein unglaublich beeindruckendes, perfekt in Szene gesetztes und äußerst bedrückendes Werk abgeliefert hat, dass mich gegen Ende hin sogar an visionäre Filme von Regisseuren wie David Lynch und Lars von Trier erinnert hat. Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, wenn ich an eine Szene, etwa in der Mitte des Films, denke, in der in einer Rückblende ein Mord „zelebriert“ wird. Eine solch blutige (im Grunde genommen abscheuliche) Szene derart künstlerisch zu inszenieren, dass sie Arte-gerecht wirkt, kann ich einfach nur als Genialität bezeichnen. Bogatzki hat ein cineastisches Auge, das vielen Mainstream-Regisseuren schlichtweg fehlt. Unter anderem bei dieser überwältigenden Szene kommt die perfekte Musikuntermalung von Klaus Pfreundner, die der „Schönheit“ jener Bilder noch zusätzlichen Ausdruck verleiht.
An dieser Stelle vielleicht auch noch ein ganz dickes Lob an die Jungs vom Sound: Thorsten Mies hat sich zusammen mit Robert Gondorf um den On-set Ton gekümmert, der ihnen wirklich gut gelungen ist. Robert Gondorf hat dann anschließend mit Robert Prus  das Sound Design gemacht.Philipp Kaase hat all dies im Studio zusammengemischt und auch beim Sound Design mitgemacht! Das Ergebnis kann sich absolut hören lassen.

Und am Ende, wenn der Zuschauer denkt, er hätte den brutalen und blutigen Weg des Xavier mitsamt seinen Opfern hinter sich gebracht, eröffnet Bogatzki noch eine weitere psychologische Tür, die einem den Atem raubt. Visuell überwältigend geht die Reise des Killers weiter, überschreitet Grenzen und macht letztendlich alles, was man gesehen hat, schlüssig.
Bogatzki, der Hauptdarsteller und das ganze Filmteam schockieren, verwirren, und berühren emotional. „Scars Of Xavier“ ist eine Achterbahnfahrt in die Psyche eines Mörders, aber auch in die kranke Welt eines von einem Kindheitstrauma geplagten Menschen, der im Grunde genommen bedauernswert ist. Die äußert real wirkenden Spezialeffekte (verantwortlich unter anderem Philipp Rathgeber) tun ihr übriges dazu, um diesen Film zu einem der schockierendsten, aber auch bemerkenswertesten Filme des deutschen Kinos der letzten Jahre zu machen.
Gerade in Zeiten von computeranimierten, seelenlosen Blockbustern zeigt Bogatzkis „Scars Of Xavier“ was Filmemachen wirklich heißt: Visionen nicht mit Millionen-Budget umsetzen zu können, Schauspiel und innovative, emotionale Ideen. Alle diese drei Dinge vereinen sich in „Scars Of Xavier“. Hinzu kommt noch eine grandiose Kameraführung und ein toller Score.
Danke an Kai E. Bogatzki nebst seinem kompletten Team und dem großartigen Hauptdarsteller Marc Engel, dass ich an diesem blutigen Albtraum teilhaben durfte, der authentischer nicht sein könnte und mich noch lange in meinen Gedanken begleiten wird. Begeisterter kann ich von einem Film fast nicht sein.
Wohlverdient heimst der Film auch gerade auf ausländischen Festivals eine Nominierung und Auszeichnung nach der anderen ein. Die nachfolgende Auflistung hat den Stand vom 12. Dezember 2017:

Gewinner (bisher):
„Best Thriller“ – Nightmares Film Festival
„Best Editing“ – FEARnyc
„Best Festure Film“ – DarkVeins Horror Fest
“Best Special Effects“ – DarkVeins Horror Fest
„Best Director“ – 13horror.com
„Special Mention“ – Optical Theatre Festival

Nominierungen (bisher):
„Best Cinematography“ – Nightmares Film Festival
„Best Feature Film“ – FEARnyc
„Best Actor“ – DarkVeins Horror Fest
„Best Score“ – DarkVeins Horror Fest
„Best Feature Film“ – Optical Theatre Festival
„Best Actor“ – Optical Theatre Festival
„Best Film“ – 13horror.com
„Best Actor“ – 13horror.com
„Best Actress“ – 13horror.com
„Best supporting Actress“ – 13horror.com

Official Selections:
FrightNights – Linz
SoIndependent Film Festival – Sofia

Wie gesagt: Wohlverdient! 😉

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Fazit: Brutal, blutig und schockierend. Psychogramm eines Serienkillers mit visionären  Bildern und brillanter, stylischer Umsetzung. Uneingeschränkt volle Punktzahl in jeder Hinsicht.

© 2017 Wolfgang Brunner

Alien: Covenant (2017)

Originaltitel: Alien: Covenant
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Kamera: Dariusz Wolski
Musik: Jed Kurzel
Laufzeit: 122 Minuten
Darsteller: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Guy Pearce
Genre: Horror, Science Fiction
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Das Raumschiff Covenant ist mit 2.000 schlafenden Menschen und über 1.000 menschlichen Embryonen unterwegs, um auf einem fremden Planeten eine Kolonie zu gründen. Durch einen Sonnensturm wird das Schiff beschädigt und die Mannschaft aus dem Tiefschlaf geweckt. Während sie die Schäden am Schiff untersuchen, entdecken sie einen fremden Planeten, der der Erde ähnelt und anscheinend bewohnbar ist. Als ein Teil der Crew auf dem Planeten landet und ihn erforscht, kommen zwei Männer in Kontakt mit einer seltsamen Spore. Ohne es zu wissen, wächst ein fremdartiges Lebenwesen in ihren Körpern heran, dass schon bald das Leben der gesamten Mannschaft bedroht.

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Im Vorfeld waren ja schon wieder die unterschiedlichsten Meinungen zu Ridley Scotts neuestem Alien-Film vertreten. Doch ich wollte mir, wie auch übrigens bei „Prometheus“, einfach unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden. Und ich bin froh, dass ich mir das Filmvergnügen nicht selbst verdorben habe, indem ich die anderen Rezensionen genau durchgelesen sondern nur überflogen habe. Denn … ich finde, dass Ridley Scott wieder einmal einen visionären Film abgeliefert hat. Sicherlich muss man über die ein oder andere Logiksache hinwegsehen, das ist mir aber in diesem Fall wirklich egal, denn ich möchte mit solchen Filmen unterhalten werden. Und das hat mit „Alien: Covenant“ eindeutig hervorragend geklappt. Ein bisschen Kritik habe ich dennoch zu vermelden, aber eines nach dem anderen.

Zunächst einmal fand ich den Spannungsaufbau sehr gelungen und wirkungsvoll. Langsam wird der Zuschauer in eine bedrückende Atmosphäre eingelullt, der man sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr entziehen kann. Gerade die Infizierung auf dem fremden Planeten und die ersten Alien-Attacken sind grandios inszeniert und fast schon unerträglich in ihrer Spannung. Die Bilder von der „Geburt“ des ersten Aliens gehen mir in ähnlicher Weise nicht mehr aus dem Kopf wie seinerzeit eine ähnliche Szene in John Carpenters Kultfilm „Das Ding aus einer anderen Welt“. Oftmals habe ich irgendwann gemerkt, dass ich den Atem angehalten habe, so spannend waren die Angriffe der Aliens, obwohl sie mit dem Computer designt wurden. Die Attacken sahen in einigen Szenen ähnlich wie in „Starship Troopers“ aus vermittelten eine ähnliche, ausweglose Situation. und Die ersten beiden Drittel fand ich persönlich absolut atemberaubend in Szene gesetzt, enorm spannend und extremst kurzweilig. Leider verzetteln sich die Drehbuchautoren am Ende in einem ideenlosen Abklatsch des Originals, was mir nicht so gefallen hat. Da hätte ich mir dann doch eine etwas andere Wendung beziehungsweise ein innovativeres Ende gewünscht. Aber nun gut, der Mainstream möchte genau so etwas wahrscheinlich sehen und die Macher haben sich wahrscheinlich darauf eingelassen, um Erfolg an der Kinokasse zu haben. Das hat schon der mäßig erfolgreiche „Alien 3“ von David Fincher gezeigt, dass Innovation nicht immer gut beim Massenpublikum ankommt. Bei „Alien: Covenant“ wollte man deswegen wohl sichergehen und hat sich für diesen Weg entschieden, der dem Massenpublikum genau das gibt, was es will, und den „echten“ Filmfreund dann eher enttäuscht. Soweit zu meinem einzigen Kritikpunkt.

Nahezu begeistert war ich von der Entwicklung, die Ridley Scott den „menschlichen Robotern“ zugedacht hat. Es mutet fast wie eine leichte Symbiose oder wie eine Brücke zu seinem Meisterwerk „Blade Runner“ an, wenn er in „Alien: Covenant“ den Maschinenwesen unheimliche menschliche Züge verschafft. Ich denke, diese Annäherung beider Universen ist beabsichtigt, denn gerade die Anfangssequenz könnte durchaus bei „Blade Runner“ Anwendung finden. Auch darstellerisch kann man bei „Alien: Covenant“ nichts aussetzen, denn alle spielen durchwegs außerordentlich gut und nehmen ihre Rollen sichtlich ernst. Michael Fassbender, der angebliche Star des Films, wird aber aus meiner Sicht eindeutig von Danny McBride an die Wand gespielt, der seinen Protagonisten unglaublich authentisch und vor allem sehr emotional verkörpert. McBride hat mich während des ganzen Films am meisten begeistert und beeindruckt, da kam Fassbender nicht einmal annähernd mit. Ist aber einfach nur meine Meinung. Scoretechnisch hat Jed Kurzel eigene Töne mit markanten Klängen aus Jerry Goldsmiths Originalscore vermischt und für eine sehr passende und atmosphärische Musikuntermalung  gesorgt.
Alles in allem hat mir „Alien:Covenant“, genauso wie „Prometheus“, in seiner Fortführung und/oder Neuinterpretation des Alien-Universums absolut gut gefallen.

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Fazit: Ästhetisch, brutal und atmosphärisch. Trotz einiger Logikfehler ein würdiges, sehenswertes Teil im Alien-Universum-Puzzle.

© 2017 Wolfgang Brunner

Big Driver (2016)

Originaltitel: Big Driver
Regie: Mikael Salomon
Drehbuch: Richard Christian Matheson
nach einer Kurzgeschichte von Stephen King
Kamera: Steve Cosens
Musik: Jeff Beals
Laufzeit: 84 Minuten
Darsteller: Maria Bello, Ann Dowd, Will Harris, Joan Jett, Olympia Dukakis, Jennifer KyddTara Nicodemo
Genre: Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahre

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Nach einer Lesung bleibt die Schriftstellerin Tess Thorne während der Heimfahrt aufgrund einer Reifenpanne in einer verlassenen Gegend mit dem Auto liegen. Ein riesiger, aber sehr freundlicher Mann hilft ihr und bietet an, den Reifen zu wechseln. Doch noch bevor er sich an die Arbeit macht, bedrängt er Tess und ist alles andere als nett zu ihr.  Tess überlebt den Angriff und findet zurück ins Leben. Doch sie kann das Geschehen nicht vergessen und entschließt sich eines Tages, sich auf die Suche nach dem großen Mann zu machen, der ihr das angetan hat.

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Die Geschichte beginnt, King typisch, ruhig und eher harmlos. Das Grauen schleicht sich aus einer, wenngleich unerfreulichen, Alltagssituation in das Leben der Schriftstellerin. Die Überschreitung dieser Grenze wurde von Regisseur Mikael Salomon (dessen Filme „Hard Rain“ und das Remake „Andromeda“ den meisten bekannt sein dürften) hervorragend in Szene gesetzt. Man spürt das Knistern zwischen den beiden Protagonisten, erlebt das Umschwenken von Freundlichkeit in Bedrohung so hautnah, das es einem selbst als Zuschauer Angst einjagt. Dazu kommt neben der intensiven Inszenierung die unglaublich gute Schauspielleistungen von Maria Bello und Will Harris. Das Agieren der beiden passt so perfekt zusammen, dass es unglaublich authentisch wirkt, wenn der riesige Mann die Frau bedroht. Die Szenen, die dann folgen, sind hart und strapazieren die Nerven, wirken aber niemals übertrieben gewalttätig, sondern einfach nur real.

Trotz diesem harten und teilweise auch brutalen Einstieg wird die Geschichte im weiteren Verlauf in einem sehr ruhigen Ton erzählt, der eine wahnsinnig gute Atmosphäre aufkommen lässt. Die Schauspielleistung von Maria Bello ist beeindruckend und in Verbindung mit der besonnenen und stillen Inszenierung sehr emotional. Ich war absolut gebannt von den Ereignissen und Wendungen und fieberte mit der Protagonistin in jeder Sekunde mit. Alleine ihre Wandlung/Darstellung von einer hilflosen Frau in eine toughe „Kriegerin“ ist sehr glaubwürdig und intensiv.
Überhaupt sind die Charaktere King typisch und wurden allesamt sehr gut umgesetzt. Ein Wiedersehen mit der Rocksängerin und Gitarristin Joan Jett („I Love Rock ’n‘ Roll“ dürfte wohl jeder kennen), die ihre größten Erfolge in den 80er Jahren feierte, und mit der Golden Globe- und Oscargewinnerin Olympia Dukakis („Mondsüchtig“) runden das gelungene Filmerlebnis noch ab.

Man merkt dem Film in keiner Minute an, dass er fürs Fernsehen produziert wurde. Regisseur Mikael Salomon überzeugt mit stimmungsvollen Bildern und einer konsequent durchdachten Linie, als hätte er fürs große Kino gedreht. Ein wenig erinnert „Big Driver“ an den Rape & Revenge-Thriller „I Spit On Your Grave“, nur dass hier einfach mehr Menschlichkeit und Emotionen hinter dem Rachefeldzug stecken. „Big Driver“ enthält bedeutend mehr Seele als ein einfacher Slasher- und/oder Splatterfilm in dieser Art. Genre-Fans, die hier einen ähnlichen Film erwarten, könnten unter Umständen sogar enttäuscht sein. Fast schon auf melancholische Art und Weise erzählt Mikael Salomon die Geschichte einer zutiefst verletzten Frau, die sich erst später zu wehren beginnt. Auch wenn „Big Driver“ nicht zwingend etwas Neues in der Krimi- , Thriller- und Stephen King Verfilmungswelt bietet, so ist er für mich dennoch eine der besseren Adaptionen Kings (die von Frank Darabon inszenierten einmal ausgenommen, denn die sind unschlagbar spitzenmäßig) und spricht ein Publikum an, dass eine intelligente, emotionale Handlung mag, die von einem sehr fähigen Regisseur und grandiosen Schauspielern umgesetzt wurde. Wer sich für die Kurzgeschichte interessiert, die Vorlage für diesen Film war, sollte sich das Buch „Zwischen Nacht und Dunkel“ zulegen, das in Deutschland im Jahr 2010 erschien. Die zweite Geschichte dieser Kurzgeschichtensammlung ist „Big Driver“.

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Fazit: Atmosphärischer Thriller, der mehr Wert auf Emotionen als auf blutige Effekte legt. Ganz klarer Geheimtip für echte King-Fans.

© 2017 Wolfgang Brunner

Carcinoma (2014)

Originaltitel: Carcinoma
Regie: Marian Dora (als A. Doran)
Drehbuch: Marian Dora (als A. Doran)
Kamera: Marian Dora (als A. Doran)
Musik: Marian Dora (als A. Doran)
Laufzeit: 87 Minuten
Darsteller: Ulli Lommel, Thomas Goersch, Carina Palmer, Daniela Friedel, Curd Berger, Lisbeth Piquart, Dorian Piquart
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: keine Prüfung

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Obwohl Dorian eine Wucherung an seinem Körper entdeckt, sucht er keinen Arzt auf. Er hat Angst, eine schlimme Krankheit zu haben. Als der Tumor aber immer größer wird und Dorian die Schmerzen nicht mehr aushält, wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Darmkrebs im letzten Stadium.

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Wer Marian Dora kennt, weiß genau, worauf er sich einlässt. Und mit „Carcinoma“ beweist Dora (der diesen Film unter dem Pseudonym A. Doran inszeniert) wieder einmal, dass er der Meister des Ekelfilms ist. Aber nicht nur des Ekels, sondern auch des hintergründigen Schockierens. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Dora seine Themen anpackt und in einen faszinierenden Film verpackt, dem man sich schwer entziehen kann. Auch wenn es äußerst blutig zugeht und mit Kot und anderen Körperflüssigkeiten nicht gespart wird, erzählt „Carcinoma“ dennoch ein ergreifendes Schicksal, das gerade durch seine Ekelszenen unglaublich authentisch wird. Dora spricht eine eigene Sprache, die manchmal an Jörg Buttgereit erinnert. Vor allem, wenn die schockierenden, ekligen Szenen von melancholischen Bildern unterbrochen werden, die den Zuschauer über das eigene Leben (und Sterben) nachdenken lassen. Ich würde Marian Dora fast als Hybrid aus dem bereits erwähnten Jörg Buttgereit, dem provokativen Michael Haneke und dem innovativen Peter Greenaway bezeichnen. Dora überschreitet definitiv Grenzen und stößt den Großteil der Zuschauer damit ab. Es gibt wohl nur wenige Menschen, die sich auf seine filmischen Alpträume einlassen, in denen Kot, Urin, andere Körperflüssigkeiten und Blut eine große Rolle spielen.

Aber man muss auch hinter die Bilder sehen, die man zu sehen bekommt. Dora nimmt kein Blatt vor den Mund und beschreibt, wie auch schon in seinem (in meinen Augen immer noch sein Meisterwerk) „Cannibal“, welche Abscheulichkeiten das Leben für uns bereithält. Niemand will es wahrhaben, geschweige denn sehen, was mit einem passiert, wenn er Darmkrebs im Endstadium hat: Da muss man sich als Betroffener leider mit Durchfall und anderen unschönen Dingen auseinandersetzen. Und genau das tut Dora auch: Er setzt sich mit dem noch verbleibenden Leben eines Kranken auseinander und zeigt uns in allen Details, wie es abläuft. „Carcinoma“ hat mich trotz einer enormen Anhäufung von Ekelszenen nicht ganz so stark betroffen gemacht wie „Cannibal“, aber dennoch ist es harter Tobak, der da auf einen zukommt und man sollte wirklich wissen, auf was man sich da einlässt. Doras Beitrag zur Krebserkrankung dürfte für jeden eingefleischten Hardcore-Fan dennoch eine Herausforderung sein.
Es gibt sehr selten Filme, die mich so nachhaltig betroffen machen und beeindrucken: „Carcinoma“ gehört eindeutig dazu.

Aber wie bei all seinen Filmen setzt Dora die Ekel- und Schockeffekte nicht plump als reißerische Aufhänger ein, sondern fokussiert damit die Geschichte und das Schicksal aller Beteiligten, lässt den Zuschauer in einer dermaßen brutalen Intensität teilhaben, dass es wehtut. Man möchte sich einerseits übergeben, kann sich aber andererseits dieser morbiden Anziehungskraft, die einem unsichtbaren Beobachter obliegt, in keiner Sekunde entziehen. Dora macht uns zu abartigen Voyeuren, die sich am Elend anderer nicht satt sehen können. Man braucht schon einen starken Magen, um einer Darmspiegelung oder anderen Geschehnissen beizuwohnen. Aber diese Dinge stellen neben den schönen Ereignissen (die Dora übrigens auch wunderbar in die Geschichte einwebt) unser Leben dar.
Begleitet werden die verstörenden und nostalgisch, melancholisch verklärten Bilder von einer elegischen Klaviermusik, die dem Film immer wieder für kurze Zeit den Schrecken nimmt. Wahrscheinlich könnte man durch diese ruhigen Einschübe Marian Doras Filme gar nicht ertragen. Sie würden auf den Zuschauer einschlagen wie eine gigantische Welle aus Gewalt und Schrecken.
Marian Doras Filme liebt oder hasst man. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas dazwischen gibt, denn entweder sieht man den Künstler, der hinter diesen abartigen Bildern steckt, oder man zweifelt am Verstand des Regisseurs. Dora scheut keine Tabus und provoziert mit seinen Arbeiten, dreht aber gleichzeitig künstlerische Filme, die realistische Schrecken in traumgleiche Bilder verwandeln. Man kann es schwer erklären, wenn man die Filme, oder in diesem Fall „Carcinoma“ nicht gesehen hat. Wahrscheinlich braucht man als Fan seiner Filme eine gewisse Aufgeschlossenheit und ein Auge für die „Schönheit“, die darin verborgen sind.

Vor den Schauspielern kann man nur den Hut ziehen. Wer sich bei solchen Szenen filmen lässt, verdient meinen höchsten Respekt. Allen voran natürlich Dorian Piquart, der mit dieser Rolle in die Vollen geht und sozusagen fast alles mit sich machen lässt, was dramaturgisch notwendig war. Aber auch Curd Berger und Thomas Goersch können sich sehen lassen. Beide haben eine „normale“ Rolle inne, die sie sehr gut meistern.
„Carcinoma“ wirkt enorm lange nach, verursacht auch nach Tagen noch ein extrem unangenehmes Gefühl, wie es übrigens „Cannibal“ sogar noch nach Jahren bei mir verursacht, wenn ich daran denke. Das ist es auch, was Doras Filme ausmachen: Provokant, schockierend und tabulos. Und zwischen den Bildern steckt das Leben, wie wir es alle kennen, mit all seinen Schönheiten und Grausamkeiten.

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Fazit: Ein typischer Marian Dora, der schockiert, aber dennoch nachdenklich macht und eine morbide Faszination ausstrahlt.

© 2017 Wolfgang Brunner