Mein großer linker Zeh (2011)

mein großer

Originaltitel: Mein großer linker Zeh
Regie: Slavko Spionjak
Drehbuch: Rita Fichtl-Spionjak
Kamera: Sanne Kurz, Markus Stotz, Nic Mussel
Musik: Trevor Coleman
Laufzeit: 103 Minuten
Darsteller: Gregory Waldis, Julika Wagner, Bernhard Bozian, Michael Schwarzmaier, Gerd Rigauer, Mark’n’Simon, Eva-Katrin Hermann, Bernhard Fleischmann, Tomi Babic
Genre: Komödie, Science Fiction
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahre

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Bruno ist und war schon immer anders. Sobald er eine Entscheidung fällen muss, bricht die Welt für ihn zusammen. Durch einen Unfall bekommt er eine Stahlplatte in den Schädel gesetzt, die sich somit zu einer anderen Eigenart Brunos gesellt: sein linker, überdimensionaler Zehennagel. Eines Tages trifft Bruno die sympathische Emma, die ihm dabei hilft, seine Probleme zu bewältigen. Doch es dauert nicht lange und durch Emma kommt ein neues Problem auf ihn zu, denn seltsame Dinge gehen plötzlich …

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Also, ich muss schon sagen, je mehr Filme ich vom Spionjak-Dreiergespann sehe (bis jetzt „Caedes- Die Lichtung des Todes“ und „Zwischen den Linien“), desto mehr steigen sie in meiner Hochachtung. Mit „Mein großer linker Zeh“ haben sie nun auch noch neben Horror- und Mystery das Genre Science Fiction-Komödie abgedeckt. Und das ist so hervorragend gelungen, dass ich ich meine Begeisterung schwer zügeln kann. Da stimmt so ziemlich alles, was ein guter Film braucht.
Regisseur Slavko Spionjak liefert zusammen mit seiner Frau Rita-Fichtl-Spionjak, die das gefühlvolle und absolut amüsante Drehbuch schrieb, und seiner Schwester Slavica Spionjak, zuständig für Schnitt, Effekte etc., einen bayrischen „Heimatfilm“ der anderen und vor allem besonderen Art ab. Das geht schon mit dem überaus sympathischen und charismatischen Gregory B. Waldis an, der herrlich den abgedrehten Charakter des Bruno darstellt. Aber auch die anderen Schauspieler sind allesamt glaubwürdig und absolut gut gelaunt.

Wie schon im erwähnten „Caedes – Die Lichtung des Todes“ stimmt auch in dieser Produktion wieder der trockene, bayrische Humor absolut. Das macht einfach ganz großen Spaß. An keiner Stelle driftet der Film in lächerlichen und manchmal peinlichen Klamauk ab, wie das so oft bei deutschen Produktionen der Fall ist. „Mein großer linker Zeh“ erinnert an die besten Zeiten der deutschen Komödien-Serien wie „Münchner Geschichten“ oder „Der ganz normale Wahnsinn“.
Die Mischung aus (sympathisch netter bayrischer) Komödie und einem Science Fiction-Plot ist hervorragend gelungen und die wenigen Effekte können sich sehen lassen. In diesem Film steckt Herzblut und das sieht man in jeder Minute.
Die Spezialeffekte sind auf sehr hohem Niveau und werden nur sehr sparsam eingesetzt, was erfreulicherweise zur Folge hat, dass nicht sie, sondern die Schauspieler die Träger des Films sind.

Lustig, nachdenklich, spannend und manchmal auch melancholisch. Kreativer und mit genialen Schnitten und „Effekten“ kann man die Welt eines Autisten fast nicht darstellen. Das ist erfrischend, wenn man sich die heute oft lieblos heruntergekurbelten Komödien ohne tiefen Sinn ansieht. Handwerklich perfekt unterhält „Mein großer linker Zeh“ auf ganzer Linie und ist zusätzlich noch eine Hommage an die wunderschöne Stadt Wasserburg am Inn.

Wer einen sympathischen, lustigen, spannenden Film aus Deutschland sehen will, der sich weitab vom Mainstream befindet und mit innovativen Ideen aufwarten kann, kommt um „Mein großer linker Zeh“ nicht herum. Ich für meine Person bin auf jeden Fall süchtig nach den Spionjaks … 🙂

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Fazit: Handwerklich, schauspielerisch und handlungstechnisch perfekte Science Fiction-Komödie mit Herz und Hirn. Ein Geheimtip, der so ziemlich alle deutschen Komödien, die ich kenne, weit hinter sich lässt. Fack ju Mainstreem …

© 2015 Wolfgang Brunner

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Caedes – Die Lichtung des Todes (2015)

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Originaltitel: Caedes – Die Lichtung des Todes
Regie: Slavko Spionjak
Drehbuch: Slavko Spionjak
Kamera: Nic Mussell
Musik: Trevor Coleman
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Bernhard Bozian, Leena Bader, Burak Akkoyun, Ewald Der, Jakob Graf, Max Meyr, Tomi Babc, Florian Simbeck, Tobias Licht, Manoush, Nikolai Will, Roland Leonhart
Genre: Horror, Komödie
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 18 Jahre

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Dan macht mit drei Freunden Campingurlaub auf einer Waldlichtung. Nach einer durchzechten Nacht mit den anderen Campern verwandelt sich der Trip von einer Sekunde auf die andere in einen Alptraum: Eine Frau wird von einem unheimlichen Zombie zerfleischt. Verwirrt versuchen die Menschen in den Wald zu fliehen … aber kein Entkommen ist möglich! Und dann entdecken sie eine grausame Wahrheit …

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Slavko Spionjak, der 2011 sein Debüt mit der hintergründigen Science Fiction-Komödie „Mein großer linker Zeh“ gab, liefert mit „Caedes“ einen handwerklich sauberen und enorm unterhaltsamen Nachfolgefilm ab, der mich auf ganzer Linie begeistert. Schon in den ersten Minuten merkt man, dass da ein Könner am Werk ist, der einen Blick für schöne Aufnahmen hat. Professionell inszeniert Spionjak einen erfrischenden Beitrag im weiten Feld des deutschen B-Movie, der allerdings alles andere als billig wirkt.

Die Darsteller spielen absolut sympathisch und autenthisch, dass es eine wahre Freude ist. Durchzogen von hammermäßigen „Handmade“-Splattereffekten und grandiosen Gags ist „Caedes“ eine perfekte Mischung aus hartem Horror und genialer Komödie, wie man sie leider nur allzu selten findet. Gerade aus deutschen Landen lassen Komödien stark zu wünschen übrig, weil sie immer wieder in platten (und unlustige, fast schon peinlichen) Slapstick abrutschen. „Caedes“ schafft diese Gratwanderung grandios und katapultiert sich damit auf Platz Eins meiner persönlichen Splatter-Horror-Komödien aus Deutschland. Selten habe ich so herzhaft gelacht und geschmunzelt und gleichzeitig über perfekt inszenierte, blutige Gore-Szenen gestaunt.
Unbedingt erwähnt werden muss auch der rasante und punktgenaue Schnitt dieser Produktion, der von Slavica Spionjak übernommen wurde, und dem Film ein irres Tempo verleiht. Daumen hoch!

Wie bei Horrorfilmen nun mal üblich, ist die Handlung nicht unbedingt der Mega-Knaller, aber auch hier hat Spionjak ein wahres Wunder vollbracht und lässt den Zuseher das Handlungsmanko durch seinen Regiestil, die hervorragende Darsteller-Crew und die schwarzhumorige Situationskomik einfach vergessen. Besser geht’s fast nicht.
Und die Crew traut sich beizeiten voll in die Trash-Kiste zu greifen, dass es eine wahre Freude ist. 🙂

Neben den gutgelaunten Schauspielern, allen voran Bernhard Bozian, Lena Baader, Burak Akkoyun und Jakob Graf, möchte ich einen Mann nicht unerwähnt lassen, der zwar (leider) „nur“ eine Nebenrolle spielt, die dafür aber dermaßen überzeugend rüberbringt, das einem die Szene im Gedächtnis bleibt und mich persönlich immer wieder zum Schmunzel bringt, wenn ich daran zurückdenke. Die Rede ist von Nikolai Will, der als „Folteropfer“ zum Plaudern gezwungen wird und dies einfach superb meistert. Zu Recht wurde er vom Portal „Horrorfilmdarsteller“ zum Horrorfilmdarsteller 2015 gekürt.

Slavko Spionjak und sein Kernteam, nämlich seine Frau Rita und seine Schwester Slavica, haben einen bemerkenswerten, erfrischenden und rundum gelungenen Beitrag in Sachen „Crowdfunding“-Horrorfilm gedreht. Die amüsanten Bayern, die auf der Lichtung des Todes um ihr Leben kämpfen, sind der Hammer. Und gerade die bayrische Mundart, die aber auch Nichtbayern verstehen, legen einen einmaligen Flair über das Splatterstück.
Mehr davon, bitte!
„Caedes“ ist für mich die perfekte Horror-Splatter-Komödie. Da fragt man sich, wieso Produktionsfirmen nicht solche Filme produzieren, sondern um 10-fach teurere, nichtssagende Pseudo-Komödien, die oft einfach nur peinlich sind.

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Fazit: Unglaublich witzige Splatter-Komödie, die sich wohltuend von deutschen Slapstick-Produktionen abhebt. Durch die bayrische Mundart der Darsteller ist „Caedes“ ein innovatives filmisches Feuerwerk, das sowohl durch rabenschwarze Situationskomik als auch durch harte, perfekte „Handmade“ Splatterszenen überzeugen kann und unglaublich gut unterhält. Uneingeschränkte Empfehlung für Fans des Independent-Films und Genre-Freunde.

© 2015 Wolfgang Brunner