Interview mit dem Regisseur Benjamin Bechtold

IMG_2852quadrat

© Benjamin Bechtold

Benjamin Bechtold, Jahrgang 1982, wurde in Gießen geboren. Schon mit achtzehn Jahren begann er Drehbücher zu schreiben und widmete sich ganz dem Film. Zehn Jahre später, 2010, gründete er das Kreativ-Label „Fearling Entertainment“ für Drehbuch- und Kurzfilmproduktionen.
Über Fearling Entertainment entstanden Kurzfilme wie etwa „Lovely Wolf“ oder „Dämonisch“, die für viele Filmpreise auf internationalen Festivals nominiert wurden.
Film-Besprechungen freut sich auf die Antworten des kreativen Regisseurs.

1. Deine Filme überzeugen durch ungewöhnliche Plots. Wie, wann und wo kommen diese Ideen zu Dir?

Mir schießen ständig Ideen durch den Kopf. Das sind oft nur einzelne Bilder oder Situationen. Wenn sich genug angesammelt hat, setze ich mich hin und fange an zu basteln. Eine gute Geschichte setzt sich ja immer aus einer Vielzahl von Ideen zusammen. Wenn mich eine Story so richtig packt, ist es ein bisschen so, als öffne man die Büchse der Pandora! Ich lasse mich dann von der Stimmung verschlingen und tauche voll ein. In solchen Phasen ist es nicht immer leicht mit mir. Aber nur auf diese Weise kann man eine bewegende Geschichte erzählen. Sonst kratzt man nur an der Oberfläche.

2. Wie macht man sich auf die Suche nach geeigneten Schauspielern und anderen Leuten für das Team?

Das richtige Team zu finden ist immer eine aufwendige Angelegenheit – gerade in Zeiten, in denen das Geld knapp ist. Bei Schauspielern bieten sich Castings an. Im Laufe der letzten Jahre ist bereits ein sehr umfangreiches Netzwerk talentierter Leute um mich herum entstanden, mit denen ich regelmäßig in Kontakt stehe. Man kann nicht bei jedem Projekt zusammenarbeiten, denn es muss immer für das jeweilige Projekt passen. Fest steht: Ein guter Film hängt sehr von einem zuverlässigen und guten Team vor und hinter der Kamera ab. Denn gerade bei den aufwendigen Kurzfilmprojekten hängt jeder Tag und jede Minute am seidenen Faden.

3. Welches Erlebnis führte dazu, Regisseur und Drehbuchautor zu werden?

Ich hatte schon immer eine kreative Ader.  Als Kind habe ich mit Freunden Hörspiele auf einem tragbaren Kassettenrekorder aufgenommen. Als Teenager schrieb ich dann Kurzgeschichten, Gedichte und einen 120 seitigen Roman. Bei einer Party im Jahr 2001 meinte dann ein Kumpel nach ein paar Bierchen: „Du schreibst doch Geschichten – und wir mögen beide Filme! Schreib doch mal ein Drehbuch! Dann drehen wir einen Film!“ Er rechnete allerdings nicht damit, dass ich mich schon am nächsten Tag hinsetzen würde, um ein Skript zu verfassen. Wir liehen uns ein paar Scheinwerfer und eine S-VHS Kamera beim Offenen Kanal Gießen und filmten wild drauf los. Nach einem Jahr war ein 86-minütiger Film fertig und das Ergebnis war – sehr peinlich! Glücklicherweise existieren nur noch wenige Kopien von diesem Desaster! Von da an hatte ich jedenfalls Blut geleckt und wollte herausfinden, wie es richtig geht.

4. Hast Du schon einmal daran gedacht, einen Roman und kein Drehbuch zu einer Deiner Geschichten zu schreiben?

Vor den Drehbüchern habe ich viel Prosa geschrieben. Meine ersten Drehbücher waren auch noch zu prosa-lastig für ein funktionierendes Skript. Ich musste mir die ausufernde und „blumige“ Sprache erst einmal abgewöhnen, um zu dem bildbezogenen und formaleren Schreibstil eines Drehbuchs zu kommen. Das wäre nun wahrscheinlich umgekehrt die Schwierigkeit, wenn ich mich wieder auf einen Roman einlassen würde. Aber das müsste man mal auf einen Versuch ankommen lassen!

5. Dein Traumprojekt wäre …?

Immer das, an dem ich gerade arbeite. Ich habe mir bislang den Luxus gegönnt, genau die Projekte zu machen, die ich auch unbedingt machen wollte. Ansonsten würde mich reizen einige meiner abendfüllenden Skripte umzusetzen. Da wäre „VAMPIRE’S SHADOW“, für das ich 2008 für den SEHSÜCHTE DREHBUCHPREIS, Berlin und den HESSISCHEN DREHBUCHPREIS, Frankfurt a.M. nominiert war, mein Favorit. Es ist eine sehr intensive und bildgewaltige Story über einen Autor, der zwischen Wahn und Realität schwankt. Eine Mischung aus „Mulholland Drive“ und „Interview mit einem Vampir“.

6. Wie sieht es mit einem Langfilm von Benjamin Bechtold aus?

Zurzeit arbeite ich mit JAKALE Film aus Kassel an einem sehr spannenden Langfilmprojekt mit dem Titel „NO HATE“, zu dem ich das Skript geschrieben habe. Regie führt Jakob Gisik, von dem die Idee für dieses Projekt stammt. Bei den Dreharbeiten werde ich Jakob auch hinter der Kamera unterstützen. Ansonsten steht fest, dass ich für ein eigenes Langfilmprojekt bereit bin. Ich muss nur noch den Sack mit Geld finden. Dann kann’s sofort losgehen!

7. Welche Art von Filmen schaust Du Dir in Deiner Freizeit an?

Fast alles! Ich hatte schon immer ein breites, genreübergreifendes Interesse an Filmen, was sich auch in meinen eigenen Arbeiten widerspiegelt. Es darf gerne das kleine Arthaus-Drama wie „Nach der Hochzeit“ oder „Broken Circle“ sein, genauso aber Horrorschocker wie „Martyrs“ oder „Eden Lake“. Aber auch Blockbusterkino im Stil von „X-Men“ und Co. Ich liebe den schwarzen Humor von dänischen Komödien, wie „Dänische Delikatessen“ oder „Adams Äpfel“. Figuren wie Freddy Krüger, Terminator und Alien haben meine Kindheit und Jugend geprägt. Unzählige Ereignisse meines Lebens verbinde ich mit Filmen.

8. Printbuch oder ebook? CD oder MP3? DVD/BluRay oder Streaming?

Ebooks und Streaming sind nicht mein Fall. Lieber etwas, das man in die Hand nehmen, drehen und wenden und in den Schrank stellen kann. Für mich gehört ein gutes Artwork, ein schönes Booklet etc. immer dazu. Da bin ich irgendwie altmodisch. Ich sammel den Kram unheimlich gerne, hab meine ganze Bude voll mit CDs und DVDs in allen möglichen Editionen. Mach das mal mit Streams! Ich mag diesen schnellen Konsum nicht, bei dem man sich zehn Clips hintereinander reinzieht und beim Dritten schon vergessen hat, worum es im Ersten ging.

9. Michael Ende sagte einmal, eine Geschichte dauert so lange, wie sie eben dauert. Gilt das Deiner Meinung nach auch für Filme?

Diese Aussage passt natürlich zu dem Autor von „Die unendliche Geschichte! 😉 Aber ich stimme ihm zu. Ein guter Film muss in meinen Augen keine feste Norm erfüllen. Das gilt für die Länge genauso, wie für komplexe Erzählstrukturen. Da gibt es unzählige Beispiel, wie „Memento“, „Mulholland Drive“, „Dogville“, „Mr. Nobody“, „The Fountain“… Viele großartige Filme, die ich sehr schätze, machen es dem Zuschauer in vielen Punkten überhaupt nicht recht. Sie verlangen, dass man sich auf sie einlässt und nicht zwischendurch ne Runde döst oder Nüsschen holt. Wenn man dran bleibt, bekommt man ein unglaubliches und beeindruckendes Filmerlebnis geboten, das noch lange in einem nachbebt. Leider ist die Bezeichnung „guter Film“ nicht immer gleichzusetzen mit „erfolgreicher Film“. Je mehr du dem Zuschauer abverlangst, umso mehr schalten irgendwann ab. Sehr schade! Andererseits kann man der Muddi, die beim Bügeln ihr „Großstadtrevier“ schauen möchte, auch nicht vorschreiben „Fight Club“ einzulegen. Da würde ihr wahrscheinlich das Eisen aus der Hand fallen!

10. Wo siehst Du Dich in zehn Jahren? Was ist Dein angestrebtes Ziel?

Da bin ich hoffentlich 43 Jahre alt. Mich treibt das Gefühl an, nie richtig angekommen zu sein! Ich glaube nicht, dass sich das in den nächsten zehn Jahren ändern wird.

11. Das Wichtigste in Deinem Leben? Nenne fünf Dinge?

Mein Leben, meine Lieben, meine Gesundheit, meine Kreativität und mein Hund.

Ich bedanke mich bei Dir für Deine interessanten Antworten und hoffe, noch vieles von Dir zu sehen bekommen. Deine Arbeiten überzeugen mich immer wieder. Alles Gute für die Zukunft von Film-Besprechungen.

Danke auch für das nette Interview!

© 2015 Benjamin Bechtold / Wolfgang Brunner

Advertisements

Dämonisch (2014)

daemonisch_plakat_a2

Originaltitel: Dämonisch
Regie: Benjamin Bechtold
Drehbuch: Benjamin Bechtold
Kamera: Hartmut Schotte
Musik: Christoph Heyd
Laufzeit: 20 Minuten
Darsteller: Josephine Ehlert, Nikolai Will, Mario Krichbaum, Vlasto Peyitch, Ben Lukas Schmidt
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: Deutschland
FSK: ?

*

Stella ist Babysitterin. Nach einem Unfall, bei dem das Baby, auf das sie aufpassen sollte, stirbt, gerät sie in die Fänge eines Soziopathen. Der entführt Stella und kettet sie in einem Verlies neben eine Hundehütte an, wo er sie wie ein Tier behandelt. Doch dann ertönt eine Stimme aus der Hundehütte und konfrontiert Stella noch einmal mit ihrem traumatischen Erlebnis.

*

Nach „Lovely Wolf“ ist „Dämonisch“ der zweite Kurzfilm, den ich von Benjamin Bechtold gesehen habe. Bechtold entfernt sich hier von der Komödie und zeigt einen schockierenden Thriller, der im Gedächtnis haften bleibt. Zwanzig Minuten lang unterhält der Kurzfilm in einer Mischung aus Psychothriller und Gruselhorror. Die Zeit vergeht wie im Flug. Das liegt zum einen an den beiden hervorragenden Hauptdarstellern Josephine Ehlert und Nikolai Will, die gleichermaßen eine Glanzleistung abgeben und zum  anderen an den wunderbar stylischen und atmosphärischen Bildern, die Benjamin Bechtold als Regisseur und Hartmut Schotte als Kameramann einfangen. Düster und erschreckend sind die Szenen, in denen Will als sozio- und psychopathischer Hundetrainer auftritt und Ehlert demütig seinen Befehlen Folge leistet. Das verursacht Schauer und verursacht schon beim  Zusehen ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Dieses Gefühl bleibt auch noch eine Weile, nachdem der Film zu Ende ist.-

Zum Thriller kommt noch ein zweites Genre zum Tragen, nämlich ein psychologisch angehauchter Gruselhorror. Es ist nicht das typische Böse in Form eines axtschwingenden Massenmörders, das Bechtold auf den Zuschauer loslässt, sondern ein tiefgründiges Grauen, das im Menschen selbst steckt. In nur zwanzig Minuten wird eine tiefsinnigere Handlung verpackt, als so mancher Film aus Hollywood vorweisen kann. Erneut wird bestätigt, dass Benjamin Bechtold sein Handwerk beherrscht und grandiose Handlungen in kurze Filme verarbeiten kann. Kameraführung, Schnitt und Musik sind optimal und geben an keiner Stelle einen Anlass, zu meckern.

Am Schluss muss ich aber noch einmal auf die Schauspieler zurückkommen. Wenn Josephine Ehlert „Hund“ spielt und dabei dennoch nicht aufgibt, eine Fluchtmöglichkeit zu finden, dann kann man diese Schauspielerei einfach nur bewundern. Ihr Gesichtsausdruck und die Bewegungen, wenn sie angekettet vor ihrem „Herrchen“ kuscht ist einfach nur der Hammer. Und genauso verhält es sich mit Nikolai Will. Wenn er mit einem wilden. psychopathischen Gesichtsausdruck seinem Opfer Befehle zuschreit, ist man nicht weit davon entfernt, als Zuschauer ebenfalls vor Angst zusammenzuzucken. Der wilde Ausdruck in Wills Augen ist grandios und zeigt wieder einmal, wie wandlungsfähig der Schauspieler ist und wie routiniert er seine verschiedenartigen Rollen im Griff hat. Josephine Ehlert und Nikolai Will haben meine volle Hochachtung.

Filme wie „Dämonisch“ schreien geradezu nach einer langen Kinofassung. Und selbstredend sollte dabei kein anderer als Benjamin Bechtold die Regie übernehmen und seine professionelle Crew weiter mit an Bord haben. „Dämonisch“ ist ein Independent-Kurzfilm der Spitzenklasse, der sich sowohl inszenatorisch wie auch schauspielerisch hinter bekannteren Produktionen nicht verstecken braucht. Im Gegenteil …

*

Fazit: Wunderbar inszenierter Psychothriller-Horror-Grusler mit zwei unglaublich guten Hauptdarstellern.

© 2015 Wolfgang Brunner

Lovely Wolf (2012)

filmplakat_lovely-wolf

Originaltitel: Lovely Wolf
Regie: Benjamin Bechtold
Drehbuch: Benjamin Bechtold
Kamera: Matthias Michel
Musik: Richard Bretschneider
Laufzeit: 26 Minuten
Darsteller: Franziska Lehmann, Christian Stock, Kira Primke, Nikolai Will, Monika Disse, Bernd Michael Straub, Louis Bernhardt, Jörg Germann
Genre: Horror, Komödie
Produktionsland: Deutschland
FSK: ?

*

Bei einem Jogginglauf durch den Wald lernt Tom die schöne Lauri kennen. Sie verlieben sich ineinander und verbringen eine schöne Zeit, bis Tom feststellen muss, dass Lauri ein Werwolf ist. Aber das wäre an sich gar nicht das Problem für Tom. Er stellt sich vielmehr die Frage, wie er Lauri seiner Familie vorstellen kann, ohne das etwas passiert. Und wie kann er die Postboten retten, die Lauri liebend gern auf dem Speiseplan hat?

*

Mit „Lovely Wolf“ hat Benjamin Bechtold einen wirklich amüsanten Kurzfilm abgeliefert, der mir so manches Mal ein Grinsen auf die Lippen gezaubert hat, was bei deutschen Filmen eher nicht so oft bei mir vorkommt. Das Drehbuch wirkt an manchen Stellen nicht ganz rund, was aber meiner Meinung nach daran liegt, dass eine einigermaßen nachvollziehbare Story in weniger als eine halbe Stunde gepackt werden musste.
Bechtold hat eine wirklich gute Arbeit abgeliefert, die sich sehen lassen kann. Und auch die beiden Hauptdarsteller haben ihre Sache wirklich gut und überzeugend gemacht. Sicherlich ist „Lovely Wolf“ eine Low Budget-Produktion, aber gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie professionell das Ganze inszeniert wurde. Matthias Michels Kameraführung ist nahezu perfekt und regie- und schnittechnisch gibt es auch nicht viel auszusetzen. Die Gruselkomödie macht einfach Spaß und unterhält sehr kurzweilig.

Die meisten der Gags zünden so richtig und bewegen sich nicht auf einem albernen, peinlichen Slapstick-Klamauk-Niveau, wie ich es von teuren deutschen Comedy-Produktionen kenne. Da ist mir der Humor von Herrn Bechtold schon bedeutend lieber. Nicht umsonst hat der Kurzfilm einige Preise bei kleineren Festivals eingeheimst. Benjamin Bechtolds Werwolf-Komödien-Romanze ist charmant. Gerade die nicht immer perfekte Darstellung der beiden Hauptfiguren besitzt einen unglaublich liebenswerten Reiz, der mich total angesprochen hat. Kleine Independent-Produktionen wie diese verdienen es, größer herauszukommen.

Die Szenen beim Familientreffen könnten authentischer gar nicht sein. 😉 Ich habe mich köstlich amüsiert.
Das für ein sehr geringes Budget aufgestellte Projekt ist liebevoll in Szene gesetzt und kann auch mit ein paar wunderschönen, künstlerischen Bildern aufwarten. Die Masken sind handmade und liebevoll gemacht, auch wenn sie nicht oft zu sehen sind. Alles in allem wünscht man sich einfach mehr solcher Filme (am liebsten aber mit einer dreifachen Spieldauer). Man sollte sich den Film auf jeden Fall bis zum Ende des Abspanns ansehen, denn dann wird man noch mit einem amüsanten Auftritt von Nikolai Will belohnt, der einen cholerischen Postboten darstellt.

Wer sich näher mit den Filmen von Benjamin Bechtold und seinem Team beschäftigen möchte, sollte die Homepage von Fearling Entertainment besuchen.

*

Fazit: Höchst amüsanter und professionell gedrehter Kurzfilm aus Deutschland, der mit sehr sympathischen Darstellern punktet. Mehr davon …

© 2015 Wolfgang Brunner