Session 9 (2001)

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Originaltitel: Session 9
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Brad Anderson, Stephen Gevedon
Kamera: Uta Briesewitz
Musik: Climax Golden Twins
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Peter Mullan, Josh Lucas, David Caruso, Stephen Gevedon, Brendan Sexton III
Genre: Thriller, Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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In einer stillgelegten Irrenanstalt soll die Asbestbeschichtung entfernt werden. Einer der Arbeiter, der für Gordon Flemings Firma tätig ist, findet ein altes Tonband, auf dem Aufnahmen eines Patienten sind, der eine multiple Persönlichkeit besitzt. Immer undurchsichtiger werden die Ereignisse, die sich in der verlassenen Anstalt abspielen, bis einem der Männer eine schreckliche Wahrheit klar wird.

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Ich kann nicht verstehen, warum Brad Andersons „Session 9“ von vielen als schlechter Film bezeichnet wird und die Schauspieler als unfähig und unprofessionell empfunden werden. Beides trifft nämlich defintiv nicht zu, allerdings muss man wahrscheinlich voraussetzen, dass man nicht zu den Menschen gehört, die (Horror-)Filme nur wegen ihrer Schockeffekte oder geradliniger, einfach gestrickter Handlung ansehen. „Session 9“ lebt von einer unglaublich tollen, fast schon melancholischen Stimmung, die aber immer wieder von dezent unheimlichen Szenen unterbrochen wird.

Wer findet, dass Peter Mullan, David Caruso und Josh Lucas schlecht spielen, sieht wahrscheinlich in der Regel die falschen Filme, um so etwas behaupten zu können. Alle drei sind absolut gut, allen voran aber Peter Mullan, der den anderen die Show stiehlt.
Brad Anderson hat einen sehr stimmungsvollen Psychothriller erschaffen, der an einem unglaublich passenden Ort gedreht wurde und trotz seiner ruhigen Machart absolut spannend und vor allem unterhaltsam ist.

Dass es sich hier um einen Low Budget-Film handelt, kann man nur selten erkennen. Auch wenn „Session 9“ keine großartigen Überraschungen und Wendungen besitzt, bleibt er im Gedächtnis haften. Die Lösung schwebt schon relativ schnell im Raum (und im Gehirn des Zusehers), macht den Plot aber keineswegs spannungsarm. Für mich ein ganz klarer Geheimtip unter den Low Budget-Filmen mit einer sehr dichten Atmosphäre, an die man noch Tage danach denkt. „Session 9“ ist ein etwas anderer Horrorfilm und Psychothriller – und das ist auch gut so. Weitaus weniger innovative Inszenierungen bekommen wir leider zuhauf geboten, so dass derartige Ausnahmen wie Brandersons Irrenanstalt-Trip für Filminteressierte eine erfrischende Ausnahme bildet.

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Fazit: Außergewöhnlicher Ausnahme-Psychothriller, der von einem hochwertigen Inszenierungsstil, einer dichten Atmosphäre und unglaublich guten Darstellern lebt. Eine Perle unter den Low Budget-Filmen.

© 2015 Wolfgang Brunner

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Deadgirl (2008)

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Originaltitel: Deadgirl
Regie: Marcel Sarmiento, Gadi Harel
Drehbuch: Trent Haaga
Kamera: Harris Charalambous
Musik: Joseph Bauer
Laufzeit: 101 Minuten
Darsteller:  Shilo Fernandez, Noah Segan, Candice Accola, Michael Bowen
Genre: Horror, Drama, Thriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: SPIO/JK – Strafrechtlich unbedenklich

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J.T. und Rickie, zwei Jugendliche, schwänzen die Schule und finden im Keller einer verlassenen Nervenklinik eine nackte Frau, die an ein Bett gefesselt ist und nur schwache Lebenszeichen von sich gibt. Die beiden Jungs entdecken, dass die Frau auf mysteriöse Weise nicht sterben kann. Rickie will die Frau retten, während  JT auf die Idee kommt, sie als Sexsklavin zu benutzen. Doch er hat keine Ahnung, auf was er sich da einlässt. Als das Geheimnis irgendwann bei ein paar Mitschülern durchsickert, eskaliert die Situation.

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Deadgirl ist wahrlich ein außergewöhnlicher Film. Alleine schon die Thematik ist nicht jedermanns Sache,  mich hat sie an den seinerzeit auch sehr verpöhnten „Kissed“ von Lynne Stopkewich mit Molly Parker erinnert. Wenn man die Inhaltsangabe liest, erwartet man in der Tat einen perversen Schocker (so sagt zumindest der Hollywood Reporter), wird aber bald schon eines Besseren belehrt.

Marcel Sarmiento und Gadi Harel (ersterer inszenierte die fantastische Episode „Dogfight“, enthalten in The ABCs Of Death) legen einen mutigen und überzeugenden Thriller vor, der den Zuschauer mit seiner ruhigen Inszenierung sofort in den Bann schlägt. Da geht es ums Erwachsenwerden, um Schuld und Unsicherheit, um sexuelle Wünsche und Ängste. Das kommt schon hervorragend rüber und macht in der ersten Hälfte des Films richtig „Spaß“, sofern man bei der Thematik von Spaß reden kann.

Die beiden Hauptdarsteller machen ihre Sache rictig gut und die Zweifel und Ängste werden derart überzeugend dargestellt, dass es schon fast unheimlich wird. Die Filmmusik tut ein weiteres dazu, um Deadgirl, zumindest in der ersten Hälfte, zu einer echten Perle zu machen. Der Film wirkt fast wie eine Horrorversion von „Ken Park„.
Das Drehbuch hätte durchaus nach einer Romanvorlage von Jack Ketchum sein können, denn man fühlt sich durchaus an „The Woman“ oder „Evil“ erinnert.

Leider verflüchtigt sich die gute Atmosphäre in der zweiten Hälfte des Films immer mehr. Die Handlung entwickelt sich zu einem eher flachen Ende, das dann schon eher ins Horrorgenre fällt, aber mir dann leider nicht mehr so gut gefallen hat. Sicherlich hat der Film weiter gut unterhalten, aber hätten die beiden Regisseure konsequent ihren Genremix aus (Horror-)Thriller, Drama und Coming-Of-Age-Film weiter durchgezogen und sich am Ende hin nicht allzu sehr auf den Horrorfaktor konzentriert, wäre ein weitaus stimmungsvolleres Ergebnis herausgekommen. Dennoch ist Deadgirl, wenn jemand die Thematik „vertragen“ kann, ein Ausnahmefilm, den man gesehen haben sollte.

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Fazit: Stimmungsvoller Coming-Of-Age-Film mit Horrorelementen. Die Problematik der beiden Jugendlichen wurde absolut glaubhaft in Szene gesetzt und wer sich einer derartigen Thematik stellen kann und will, der wird mit einem ruhig inszenierten Independence-Film belohnt.

© 2014 Wolfgang Brunner

Across The River (2013)

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Originaltitel: Oltre il Guado
Regie: Lorenzo Bianchini
Drehbuch: Lorenzo Bianchini, Michela Bianchini
Kamera: Daniele Trani
Musik: Stefano Sciascia
Laufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Marco Marchese
Genre: Horror, Mystery
Produktionsland: Italien
FSK: ab 16 Jahren

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Marco Contrada ist Naturforscher und stellt in den Wäldern an der Grenze zwischen Italien und Slowenien Kameras auf, um Tierzählungen und Verhaltensweisen zu dokumentieren. Er bringt eine Kamera an einem verletzten Wildschwein an und folgt diesem dann in abgelegenere Teile des Waldgebietes. Als er auf einen Fluss trifft und diesen überquert, stößt er auf ein verlassenes Bergdorf, das ein schreckliches Geheimnis birgt.

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Across The River könnte fast von Lars von Trier stammen! Oft musste ich an von Triers Antichrist denken, aber auch Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen kam mir in den Sinn.

Eigentlich kann man einen Film nicht deprimierender, aber dennoch voller Schönheit, inszenieren, wie es Bianchini getan hat. Da wechseln sich mystische, manchmal unheimliche Szenen mit tristen, aussichtslosen Geschehnissen ab, die aber niemals langweilig wirken.

Marco Marchese als Tierverhaltensforscher macht seine Sache enorm gut und vor allem überzeugend. Man spürt seinen Mut und seine Angst, seine Entschlossenheit und seine Selbstaufgabe. Man leidet mit ihm, fühlt sein Unbehagen und die drohende Selbstaufgabe. Die Kulisse, in der Bianchi sein Mystery-Drama spielen lässt, könnte besser nicht ausgewählt sein. Die einsamen Straßen und Gässchen des verlassenen Bergdorfes sind Selbstläufer in Bezug auf die gruselige, stimmungsvolle Atmosphäre, die der Film übrigens von Anfang bis Ende durchgehend konsequent hält. Wie bei von Trier wird man zwar über ein paar Ereignisse aufgeklärt, aber weitgehend irgendwie doch im Dunkeln gelassen, um den Sinn und die Lösung des Mysteriums selbst zu hinterfragen und gegebenenfalls zu lösen.
Ähnlich wie bei Twin Peaks denkt man am Ende darüber nach, was man gerade gesehen hat. Realität und Surrealität verschmelzen in Bianchinis Werk und lassen Platz für eigene Interpretationen.

Mit geringen Mitteln hat Bianchini einen ambientefreien, antmosphärischen Mystery-Thriller geschaffen, der nachhaltig im Gedächtnis haften bleibt.

Es tut einem fast schon leid, am Ende des Films die atmosphärische Umgebung verlassen zu müssen, so „wohl“ fühlt man sich in der farblosen Welt, die jenseits des Flusses liegt. Für mich ein ganz klarer Geheimtip für all die Menschen, die Mysteryfilme wie Lars von Triers Antichtist, Nicholas Roegs Wenn die Gondel Trauer tragen, David Lynchs Lost Highway und Twin Peaks mögen.

Warum allerdings Across The River mit Evil Dead verglichen wird (er wird der „italienische Evil Dead“ genannt), bleibt mir ein Rätsel.

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Fazit: Minimalistisch, aber hochgradig wirksam, schafft Across The River eine Atmosphäre, die wie eine Mischung aus Antichrist und Twin Peaks, aber dennoch absolut eigenständig wirkt. Für alle Fans von Lars von Trier und David Lynch empfehlenswert.

© 2014 Wolfgang Brunner

Tears Of Kali (2004)

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Originaltitel: Tears Of Kali
Regie: Andreas Marschall
Drehbuch: Andreas Marschall
Kamera: Heiko Merten
Musik: Jophn Panama
Laufzeit: 106 Minuten
Darsteller: Peter Martell, Adrian Topol, Mathieu Carriére
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: keine Jugendfreigabe

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Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre experimentiert die „Taylor-Eriksson-Gruppe“ als in Indien gegründete Selbsterfahrungsgruppe mit gefährlichen Praktiken, um die dunkle Seite der menschlichen Seele aus dem Körper zu verbannen.
„Tears Of Kali“ behandelt in drei unabhängigen und nur durch eine lockere Rahmenhandlung zusammengehaltenen Episoden, wie Menschen von ihren inneren Dämonen befreit werden. Oder auch nicht!

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Andreas Marschalls Debütfilm sieht definitiv nicht aus wie eine Low-Budget-Produktion.  Was Marschall da auf die Beine gestellt hat, zeigt, was ein Filmkenner und -liebhaber zuwege bringt, wenn er mit ganzer Seele bei der Sache ist. Die Geschichten sind in sich abgeschlossen und nehmen nur geringfügig auf die Rahmenhandlung Bezug, was aber nicht weiter stört. Die Rahmenhandlung allerdings hätte zu einem eigenständigen Film gereicht und wäre mit Sicherheit sehr, sehr intensiv und atmosphärisch geworden.

Die erste Folge trägt den Titel SHAKTI und erzählt von einer jungen Frau, die angeblich in die Ermordung ihres Sektenführers verwickelt ist und in der Psychatrie untergebracht wurde. Eine Journalisitin befasst sich mit der Story.
„Shakti“ ist eine intensive, sehr dialoglastige Episode, die sich langsam aufbaut und am Ende schockt. Die beiden Darstellerinnen machen ihre Sache gut und Marschalls Inszenierung fesselt.

Die zweite Story, DEVI, ist aus meiner Sicht die beste und perfekteste des Films. Die Schauspieler und die Regie ist perfekt. Wenn sich Dr. Steiner dem jungen Robin widmet, um ihn von seinen Gewalteskapaden zu therapieren, dann nimmt man den beiden jedes Wort ab.  Und was diese Episode am Ende zu bieten hat, könnte ohne weiteres aus der Feder des Horror-Visionärs Clive Barker stammen. DEVI ist Horror, wie ihn David Cronenberg, Clive Barker, Dario Argento oder Lucio Fulci gedreht hätten. Von allen drei Stories ist DEVI eindeutig mein Favorit.

Die letzte Folge trägt den Titel KALI und versucht, die Rahmenhandlung wieder mit einzubeziehen, was allerdings nur teilweise gelingt (macht aber, wie gesagt, nichts!). KALI ist inszenatorisch wohl die beste, spannungstechnisch aber irgendwie die aus meiner Sicht unüberzeugendste Episode. Dennoch macht sie ungemein Spaß und weiß zu unterhalten. Insgesamt rundet KALI die drei Episoden mit der Rahmenhandlung auf jeden Fall gelungen ab.

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Fazit: Absolut überzeugender und routiniert in Szene gesetzter Horrorfilm aus Deutschland. Die drei Episoden sind locker durch eine Rahmenhandlung verbunden, die eigentlich einen eigenen Film verdient hätte. Andreas Marschall hat einen nachhaltig wirkenden, atmosphärisch gelungenen Debütfilm abgeliefert.

© 2014 Wolfgang Brunner

Rec 2 (2009)

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Originaltitel: Rec 2
Regie: Jaume Balagueró & Paco Plaza
Drehbuch: Jaume Balagueró, Manu Diez, Paco Plaza
Kamera: Pablo Rosso
Musik: —
Laufzeit: ca. 84 Minuten (uncut)
Darsteller: Jonathan Mellor, Oscar Zafra, Ariel Casas, Pablo Rosso
Genre: Horror
Produktionsland: Spanien
FSK: ab 16 Jahren

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Ein schwerbewaffnetes Einsatzkommando dringt in ein Wohnhaus ein, das durch eine mysteriöse Seuche unter Quarantäne gestellt wurde. Im Inneren des Gebäudes sollen sich die Männer auf die Suche nach der Blutkonserve eines Mädchens namens Nina Medeiros machen, die angeblich für diese Seuche verantwortlich ist.
Es dauert nicht lange und das Einsatzteam stößt auf Menschen, die von einer Art Tollwut infiziert zu sein scheinen und die Männer gnadenlos attackieren.

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Teil 2 schließt nahtlos an den ersten an.
Ein neues Team dringt in das abgeschirmte Gebäude ein und man ist innerhalb weniger Minuten wieder in der Handlung.
Rec 2 ist für mich um Längen besser als der erste Teil. Auch wenn der Plot so ziemlich dem von Rec gleicht, ist alles dennoch irgendwie anders. Auf mich wirkte alles rasanter, glaubhafter, handlungstechnisch durchdachter und extrem spannender. Das liegt vielleicht daran, dass man das Innere des Gebäudes schon kennt und ein Gefühl des „Heimkehrens“ bekommt. Man erinnert sich nämlich sofort wieder an das Treppenhaus und die einzelnen Räume, und das wirkt schon ziemlich gut.

Die beiden Regisseure haben das Ganze auch wesentlich professioneller angegangen wie im ersten Teil, so dass die ganze Story auf mich deutlich „runder“ wirkte. Auch die Schauspieler agieren routinierter und verleihen Rec 2 dadurch noch mehr Authenzität. Die Anspielungen auf den ersten Teil (wenn z. Bsp. Personen, die zwar in Teil 1 erwähnt wurden, aber nie in Erscheinung traten, auftauchen) machen dem aufmerksamen Zuschauer echt Spaß.
Was mir richtig gut gefallen hat, war, dass ein Ereignis aus zwei verschiedenen Sichtweisen (zwei verschiedenen Kameras) gezeigt wurde. Die Wackelaufnahmen sind lang nicht mehr so nervig wie im ersten Teil, was für mich den Effekt hatte, dass ich dieses Mal deutlich mehr Spaß hatte. Auch wenn der zweite Teil eine FSK 16-Freigabe erhalten hat (und trotzdem uncut ist!), geht es hier so manches Mal richtig zur Sache.

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Fazit: Fortsetzung von Rec, der den Plot des ersten Teils im Großen und Ganzen fast haargenau kopiert, aber dennoch die Handlung so geschickt weiterführt, dass mir im Nachhinein der erste Teil irgendwie sogar besser gefällt, als beim ersten Ansehen. Rec 2 ist aus meiner Sicht rasanter, spannender und professioneller – für Horror-Fans unbedingt zu empfehlen.

© 2014 Wolfgang Brunner

Rec (2007)

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Originaltitel: Rec
Regie: Jaume Balagueró & Paco Plaza
Drehbuch: Jaume Balagueró
Kamera: Pablo Rosso
Musik: —
Laufzeit: ca. 75 Minuten
Darsteller: Manuela Velasco, Ferran Terazza, Pablo Rosso
Genre: Horror
Produktionsland: Spanien
FSK: ab 18 Jahren

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Angela Vidal und Kameramann Pablo verbringen eine Nacht bei der Feuerwehr in Barcelona, um eine Reportage über den Alltag (bzw. die „Allnacht“) der Feuerwehrmänner zu berichten.
Als das Team zu einem Rettungseinsatz in einem Mehrfamilienhaus gerufen wird, begleiten die Reporter die Männer. Sie finden dort eine blutüberströmte Frau vor, die ohne Vorwarnung auf einen der Feuerwehrmänner losgeht und ihn in die Kehle beisst.
Unter den Einwohnern bricht Panik aus, als sie von dem Vorfall erfahren, und sie wollen das Haus verlassen. Sie müssen allerdings feststellen, dass die Polizei das Gebäude abgesperrt und weiträumig abgerigelt hat. Keiner kommt rein, keiner kommt raus.
Und die Feuerwehrmänner, das Reportageteam und die Hausbewohner stehen plötzlich einer grauenhaften Gefahr gegenüber, als sie von tollwütuigen Menschen angegriffen, verletzt und getötet werden.

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„REC“ ist das Regiedebüt von Jaume Balagujeró und Paco Plaza. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Mockumentary, eine Pseudo-Dokumentation, bei der der komplette Film aus Sicht eines Kameramannes im Handkamerastil erzählt wird. The Blair Witch Project und Cloverfield sind nur zwei der bekanntesten Filme dieser Art.

Rec beginnt harmlos und steigert sich im Verlauf der Geschichte gekonnt immer mehr. Die Schauspieler sind zwar nicht immer das Gelbe vom Ei, aber irgendwann gewöhnt man sich daran und es fällt, bis auf ein paar Ausnahmen, nicht weiter auf. Eine der schockierendsten Szenen ist der Sturz eines Feuerwehrmanns innerhalb des Treppenhauses aus einem der oberen Stockwerke.
Es wird sogar behauptet, dass die Darsteller von diesem Moment beim Dreh nichts wussten und dass ihre Reaktion  dabei „echter“ Schrecken und nicht gespieltes Entsetzen sind. So sollen die Regisseure auch bei anderen Szenen vorgegangen sein, um dem Film Authentität zu verschaffen.
Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Rec keine Filmmusik hat.

In der Tat kommen einige gruselige Szenen vor, die wirklich unter die Haut gehen. Nur manchmal nervt dann das Kameragewackel doch, wie oft bei solchen Filmen. Die Verfolgungs- und Attackierungsszenen sind unglaublich spannend geworden und fesseln.
Das Finale ist allerdings wirklich eines der unheimlichsten, die ich kenne. In vollkommener Dunkelheit gedreht, wirkt es sehr authentisch und vor allem erschreckend. Was die beiden Regisseure die letzten zehn Minuten „hingezaubert“ haben, ist schon wirklich gruselig.

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Fazit: Rec ist kein Meilenstein des Horrorfilms, aber vielleicht ein Vorzeigefilm in Sachen „Wackelkamerafilm“. Authentisch und spannend wird hier eine relativ simple Geschichte erzählt, die einem aber manchmal den Atem raubt und kurzweilig unterhält. Das Finale ist wirklich gut gelungen und bleibt nachhaltig in Erinnerung (mir zumindest). Rec ist eindeutig ein etwas anderer Horrorfilm.

© 2014 Wolfgang Brunner

Jug Face (2013)

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Originaltitel: Jug Face

Laufzeit: 78 Minuten

Regie: Chad Crawford Kinkle

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Die junge Ada wächst in einer Kolonie von Hinterwäldlern auf. Um den Fortbestand der Sippe zu sichern, soll sie bald, als Jungfrau, mit dem Sohn der Nachbarn vereinigt werden. Dabei ahnt niemand, dass Ada keine Jungfrau mehr ist. Mehr noch, sie ist schwanger, und zwar von ihrem eigenen Bruder. Doch das ist nicht Adas einziges Problem. Die Kolonie betet eine Sickergrube an, deren Wasser göttliche Fähigkeiten zugesprochen werden. Von Zeit zu Zeit nimmt der Geist der Grube Besitz vom dorfeigenen Töpfer und formt mit dessen Händen einen Krug. Dieser Krug zeigt das Gesicht desjenigen Koloniebewohners, der der Grube als nächstes geopfert werden soll. Als Ada in diesem „Jug Face“ ihr eigenes Gesicht erkennt, bekommt sie es mit der Angst um ihr ungeborenes Kind zu tun und versteckt den Krug. Doch damit beschwört sie das Böse herauf, denn nun erwacht die Grube zum Leben und holt sich ihre Opfer selbst.

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Ehrlich gesagt, mir fehlen ein bisschen die Worte, um das zu beschreiben, was ich da gerade gesehen habe. Nur Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Jug Face gehört zu den ungewöhnlichsten Horrorfilmen seit langem. Dabei kann man eigentlich nicht mal wirklich von einem Horrorfilm sprechen, denn Splatter, Grusel oder Schreckeffekte gibt es nicht wirklich. Eigentlich könnte man den Film eher als Hinterwäldler-Drama bezeichnen, das den verzweifelten Kampf einer jungen Frau um ihr ungeborenes Kind thematisiert. Dabei wird jedes gängige Klischee bedient: Schwarzbrennerei, Inzest, geistige Zurückgebliebenheit und religiöser Wahn. Eigentlich nichts, was den Zuschauer noch überraschen kann, wäre da nicht, tja, wäre da nicht die Sickergrube, die von einer blutdürstenden Gottheit besessen ist.

Die Atmosphäre, der der Film schafft, ist durchgehend angespannt und bedrohlich, denn der Alltag der Hinterwäldler ist bestimmt durch Tradition, Gewalt und Glaube. Doch immer, wenn es um die Grube geht, hält der übernatürliche Schrecken Einzug in die kleine Gemeinde. Als ihr ihre Blutopfer vorenthalten werden, ist plötzlich niemand mehr vor ihr sicher. Dabei leidet man als Zuschauer unglaublich mit Ada mit, die den Bann durchbrechen und sich und ihr ungeborenes Kind schützen möchte, und dabei doch ewiges Verderben über ihre kleine Gemeinde bringt.

Der Regisseur und Autor Chad Crawford Kinkle ist noch ein unbeschriebenes Blatt, denn Jug Face ist sein erster Langfilm. Im Jahr 2011 gewann er mit seinem Drehbuch einen Wettbewerb beim Slamdance Film Festival, was schließlich zur Produktion des Stoffes führte. Kurz nach der Veröffentlichung wurde der Film zu einem Festival-Renner. Kinkle zeigt hervorragend, dass man auch mit minimalstem Budget eine Geschichte eindrucksvoll erzählen kann. Dabei profitiert er nicht unerheblich von seinen großartigen Schauspielern. Lauren Ashley Carter spielt die bemitleidenswerte, aber trotzdem willensstarke Ada, Sean Young (bekannt aus Blade Runner) brilliert als religiös-fanatische und durchaus hassenswerte Mutter Loriss, und natürlich darf bei einem Hinterwäldler-Film Trashlegende Larry Fessenden (auch zu sehen in Wir sind was wir sind und You’re Next) nicht fehlen. Hinzu kommt Effektkünstler Robert Kurtzman, der sich für die wenigen, aber gut platzierten Bluteffekte verantwortlich zeichnet. Kurtzman kann mit einer bemerkenswert langen Filmografie aufwarten, auf der sich Klassiker wie Evil Dead II, Bride of Re-Animator und From Dusk Till Dawn finden lassen.

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Fazit: Jug Face ist das ambitionierte Projekt eines talentierten Jungregisseurs. Mit einem sicheren Gespür für vielschichtige Charaktere und eindringliche Bilder hat Kinkle eine kleine Perle des Independent-Horrors geschaffen, die nach dem Ansehen ein ungutes Gefühl in der Magengrube hinterlässt. Ein Film für ein kleines Publikum, dafür mit umso größerer Wirkung. Ich freue mich schon jetzt auf Kinkles zukünftige Projekte.

© 2014 Tobias Schumacher