Boulevard (2016)

Originaltitel: Boulevard
Regie: Dito Montiel
Drehbuch: Douglas Soesbe
Kamera: Chung-hoon Chung
Musik: Jimmy Haun, David Wittman
Laufzeit: 88 Minuten
Darsteller: Robin Williams, Kathy Baker, Roberto Aguire, Eleonore Hendricks, Giles Matthey, Bob Odenkirk
Genre: Drama
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Nolan ist sechzig Jahre alt und Bankangestellter. Er lebt ein ereignisloses Leben mit seiner Frau, bis er eines Abends auf der Heimfahrt einem Stricher begegnet. Nolan gesteht sich ein, dass er sich in den Jungen verliebt hat und führt kurze Zeit ein Doppelleben, bis er sich dazu entschließt, seiner Frau alles zu beichten.

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Robin Williams in seiner letzten Rolle. Das war genau der Grund, warum ich mich an diesen Film lange Zeit nicht herangetraut habe. Ähnlich wie nach dem Tod von James Gandolfini hatte ich Angst davor, einem meiner Lieblingsschauspieler noch einmal im Film zu begegnen, obwohl ich wusste, dass er tot ist.
Ich bin von „Boulevard“ schlichtweg begeistert. Gewohnt präzise und glaubwürdig stellt Williams den Charakter des Sechzigjährigen dar und lässt den Zuschauer fast im Glauben, Williams hätte ein Geheimnis seines eigenen Lebens gespielt. Die Sehnsucht in seinen Blicken, wenn er von einem neuen Leben träumt, sind von solcher Emotion erfüllt, dass es fast schmerzt. Robin Williams hat mit der Geschichte um ein spätes Coming Out einen unglaublich guten letzten Film hinterlassen, der noch lange nachwirkt.

Robin Williams hat mit seiner Charakterdarstellung des Nolan ein letztes Mal gezeigt, welch unglaubliches Können in ihm steckt. Der Film ist sowohl in seiner Inszenierung als auch in schauspielerischer Hinsicht minimal gehalten und entwickelt dadurch eine extrem intensive, emotionale Wirkung, um nicht zu sagen „Wucht“. Verfolgt man die innere Zerrissenheit des Protagonisten, so durchlebt man seine Unentschlossenheit in Mimik und Verhalten des Schauspielers so eindringlich, dass es einem Gänsehaut verursacht. Aber auch Unsicherheit, Schüchternheit und Sehnsucht findet man in Williams‘ Gesichtsausdruck. Man leidet mit ihm und wünscht ihm von ganzem Herzen, dass er glücklich ist. Aber Nolan liebt auf tragische Weise beide: Seine Frau und den jungen Mann. Jeden auf eine andere Art und Weise. Gerade die unspektakuläre und sehr feinfühlige Inszenierung durch Regisseur Dito Montiel veranlasst mich, die Äußerung zu wagen, dass sich „Boulevard“ ohne weiteres in die Reihe thematisch ähnliche Klassiker wie „Tod in Venedig“ oder „Brille mit Goldrand“ einreihen kann. Es mag für den ein oder anderen unglaubwürdig erscheinen, wenn sich in der heutigen Zeit ein Sechzigjähriger nicht „einfach so“ outet. Doch man darf nicht vergessen, dass die Offenheit, wie wir sie heute kennen, zum einen noch gar nicht so lange existiert und zum anderen es heutzutage immer noch schwere Vorurteile gegenüber Homosexuellen gibt. Von daher erzählt „Boulevard“ aus meiner Sicht eine durchaus realistische Geschichte, die auch heute noch passieren könnte und mit Sicherheit passiert. Ich möchte nicht wissen, wie viele Männer (oder auch Frauen) sich ihre Liebe zum eigenen Geschlecht nicht eingestehen (egal, wie alt sie sind), weil sie sich gesellschaftlichen und sozialen Zwängen unterwerfen. Gerade unter diesem Aspekt erzählt „Boulevard“ von einem unglaublich mutigen Mann, der diese Grenze überschreitet, weil sein Herz es verlangt.

Kathy Baker als Ehefrau spielt grandios und spiegelt das Gefühl wider, das eine Frau empfinden muss, wenn sie von ihrem Mann erfährt, dass er Männer liebt. Und dennoch wird gezeigt, wie sehr sie ihren Mann liebt und ihn nicht weggehen lassen will, egal welche Lebensphase er gerade durchmacht. Dieses Spiel zwischen Williams und Baker verschlägt einem den Atem, so eindringlich und authentisch ist es. Gerade die Problematik des „Sich entscheiden müssens“ wird sowohl von Robin Williams als auch seiner Filmpartnerin Kathy Baker hervorragend gespielt. Als Stricher kann Roberto Aguire ebenfalls überzeugen. Die Szenen zum Beispiel, in denen er Nolan Sex anbietet, weil er keine Gefühle zeigen kann oder mag, und Nolan dagegen nur Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit fordert, sind sehr stimmungsvoll und wirken wie aus dem Leben gegriffen.
Vielleicht lehne ich mich etwas weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass dieser Film vielleicht sogar einer der besten von Robin Williams ist und er sich mit dieser Rolle eindeutig ein ewiges Denkmal gesetzt hat, in dem er nämlich ein letztes Mal alles gegeben hat, was er wirklich gut konnte: Charakterschauspiel in einer fast schon beängstigenden Perfektion.

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Fazit: Robin Williams‘ filmisches Vermächtnis, wie es intensiver und emotionaler nicht sein könnte. Eine Meisterleistung aller Beteiligten.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Kleines Püppchen, Teddybär (2011)

Kleines Püppchen Teddybär - Cover

Originaltitel: Kleines Püppchen, Teddybär
Regie: Manuela Schuster
Drehbuch: Manuela Schuster
Kamera: Julia Richter, Georg Pircher Verdorfer
Musik: Martin Sachsenhofer
Laufzeit: 25 Minuten
Darsteller: Nikolai Will, Elias Mayer, Kerstin Hochwimmer, Petra Mayr, Ingrid Schuster, Marina Bytel, Jennifer Bytel
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Österreich
FSK: ab 14 Jahre

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Johannes ist ein Einzelgänger und arbeitet als Telefoninterviewer. Seine Wohnung verlässt er nur selten. Als eines Tages ein kleines Mädchen am anderen Ende der Telefonleitung spricht, gerät die bis dahin heile Welt von Johannes ins Wanken und er muss sich seiner Vergangenheit stellen …

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Manuela Schuster hat mit ihrem Kurzfilm „Kleines Püppchen, Teddybär“ ein unglaublich intensives Drama erschaffen, das thematisch entfernt an den bedrückenden „The Woodsman“ mit Kevin Bacon erinnert. Schuster schafft es allerdings in weitaus weniger Minuten, eine beängstigende Auseinandersetzung mit diesem Tabuthema auf die Beine zu stellen, die man nicht mehr so schnell vergisst.

Professionell und erschütternd wird eine Geschichte erzählt, die tragischer nicht sein könnte. Der Täter wird zum Opfer, das Opfer wird zum Täter. Auf grandiose Weise spielt Nikolai Will einen einsamen, verängstigten und schüchternen Mann, der mal erfolgreich und mal weniger erfolgreich gegen seine Vergangenheit ankämpft und daran fast zerbricht. Unglaublich authentisch und bewegend spielt er den Charakter des Johannes, der ganz genau weiß, was mit ihm nicht stimmt, aber dennoch immer wieder den deprimierenden Kampf gegen seine wirren Gedanken verliert. Nikolai Will ist in dieser Rolle ein begnadeter Schauspieler, der es ohne weiteres schafft, Abscheu, Mitleid und Sympathie zugleich im Zuschauer zu erwecken. Als er an seinem „Problem“ fast zerbricht, leidet man mit ihm, so grandios wird das dargestellt. Es ist eine arme, unscheinbare Seele, die wir unter der einfühlsamen Regie von Manuela Schuster auf ihrem Weg begleiten. Drastisch aber auch einfühlsam und ohne große Schnörkel wird die Tragödie eines innerlich zerrissenen Charakters erzählt, der sich seiner Vergangenheit mit aller Kraft stellen will. Nikolai Will spielt den „Verbrecher“ so intensiv, das einem an manchen Stellen wahre Schauer über den Rücken laufen.

Manuela Schuster gelingt ein kleines Wunder, in dem sie einen in der Öffentlichkeit normalerweise verhassten Kinderschänder sympathisch macht, weil sie seine Vergangenheit durchleuchtet und auf mutige Art und Weise die Gründe aufzeigt, warum so etwas überhaupt passiert. Auf faszinierende Weise rüttelt uns die Regisseurin auf und fordert uns unaufdringlich auf, bei solchen Dingen nicht die Augen zu verschließen, sondern sowohl den Tätern als auch den Opfern größte Beachtung zu schenken.

Das Ende des Films ist traurig, hoffnungsvoll, hoffnungslos, schockierend, melancholisch und und und … Beeindruckend, wie man es schaffen kann, innerhalb 25 Minuten solch emotionales Chaos beim Zuschauer zu verursachen. „Kleines Püppchen, Teddybär“ ist ein enorm wichtiger Beitrag zum Thema „Kindesmisshandlung“, der mit einem bravourösen Hauptdarsteller wie ein Schlag in den Magen wirkt. Nikolai Will, der auch Komiker ist, zeigt hier, welch enormes Potential in ihm steckt und dass er ein hervorragender Charakterschauspieler ist, der Rollen in größeren Produktionen verdient.
„Kleines Püppchen, Teddybär“ ist ein Kurzfilm, den jeder einmal sehen sollte.

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Fazit: Drastisch und dennoch einfühlsam meistert Regisseurin Manuela Schuster eine Gratwanderung zum Thema „Kindesmissbrauch“. Nikolai Wills beeindruckendes, mutiges Schauspiel verursacht Gänsehaut.

© 2015 Wolfgang Brunner

Red, White & Blue (2010)

red white blue

Originaltitel: Red, White & Blue
Regie: Simon Rumley
Drehbuch: Simon Rumley
Kamera: Milton Kam
Musik: Richard Chester
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Noah Taylor, Amanda Fuller, Marc Senter, Nick Ashy Holden, Patrick Crovo, Jon Michael Davis, Saxon Sharbino
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Irland, Vereinigtes Königreich
FSK: ab 18 Jahre

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Ericas Leben besteht einzig und allein aus unzähligen One-Night-Stands. Dann lernt sie Nate kennen, der versucht, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Aber ein Sexualpartner aus Ericas Vergangenheit dringt in das Verhältnis der beiden ein und verändert beider Leben drastisch …

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Simon Rumley hat mich schon mit seinem „The Living And The Dead“ enorm beeindruckt. Was er aber hier abliefert, ist eindeutig eine erneute Steigerung, so unglaublich das auch klingt. Rumleys Protagonisten sind auch hier wieder verlorene Seelen, die mit ihrer Existenz nicht zurechtkommen. Die Einstiegssequenzen sind hart und direkt und lassen schon von Anfang an vermuten, was da auf einen zukommt. Doch die Erwartungen werden übertroffen, wenn sich die scheinbar unzusammenhängenden Geschichten miteinander verbinden und zu einem Drama entwickeln, mit dem man nicht rechnet.

Die radikale Inszenierung und die perfekten Schnitte machen „Red, White & Blue“ zu einem beeindruckenden und schockierenden Ausflug in menschliche Abgründe. Kaltblütige Handlungsweisen der Protagonisten wechseln sich mit emotionalen Hilfeschreien nach Liebe und Zuneigung ab, die man teilweise erst Tage später in vollem Umfang begreift. Man leidet mit, wird wütend und hat im nächsten Moment das Bedürfnis, zu heulen. Rumleys Existenzen sind hassenswert und mitleiderregend zu gleichen Teilen. Das Drama könnte intensiver und brutaler, aber auch melancholischer und gefühlvoller nicht sein.

Die Schauspieler sind allesamt überzeugend und ziehen den Zuschauer sofort in ihren Bann. Rumleys schonungsloser Blick in Randgebiete unserer Zivilisation sind in meinen Augen Kult und lassen amerikanische Vorbilder zum größten Teil verblassen. „Red, White & Blue“ zeigt, dass Simon Rumley ein Visionär in Sachen schonungsloser Thriller ist. Und auch wenn seine Filme einerseits wie brutale Schläge in den Magen sind und schockieren, so sind sie dennoch auf der anderen Seite dermaßen voller Emotionen, dass es schon fast unheimlich ist. Rumley schafft auch hier wieder eine beeindruckende Achterbahnfahrt der Gefühle.

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Fazit: Erneut beweist Simon Rumley, dass er einer der schonungslosesten Regisseure unserer Zeit ist. Schockierend brutal und unter die Haut gehend emotional sind seine Geschichten, die sich unerbittlich ins Gehirn brennen.

© 2015 Wolfgang Brunner

The Living And The Dead (2006)

living

Originaltitel: The Living And The Dead
Regie: Simon Rumley
Drehbuch: Simon Rumley
Kamera: Milton Kam
Musik: Richard Chester
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Roger Lloyd-Pack, Leo Bill, Kate Fahy, Sarah Ball, Neil Conrich
Genre: Horror, Drama, Thriller
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahren (uncut)

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Als der ehemalige Lord Donald Brocklebank seine finanzielle Situation in den Griff bekommen muss, bleibt ihm nichts anders übrig, als seine kranke, bettlägerige Frau zusammen mit seinem schizophrenen Sohn James alleine zurückzulassen. Er stellt eine Krankenschwester für eine geraume Zeit ein, aber James möchte seinem Vater beweisen, dass er trotz seiner Krankheit in der Lage ist, sich um sich selbst und seine todkranke Mutter zu kümmern, und lässt die Krankenschwester verschwinden. Anfangs klappt die Pflege seiner Mutter noch ganz gut, bis James dann plötzlich zwischen Fantasie und Realität nicht mehr unterscheiden kann und die Situation immer mehr außer Kontrolle gerät.

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Vor sieben Jahren sah ich diesen Film das erste Mal und er hat mich damals umgehauen. Heute ist meine Begeisterung zwar nicht mehr so groß, aber dennoch halte ich „The Living And The Dead“ nach wie vor für einen unglaublich intensiven und schockierenden Film.
Die Idee und vor allem Leo Bills Darstellung des schizophrenen James ist oscarreif. Da fällt mir im Moment nur noch Leonardo diCaprio in „Gilbert Grape“ ein, der  mich in seiner Rolle als behinderter Arnie Grape auf gleiche Weise fasziniert hat wie hier Leo Bill. Die Verkörperung des Kranken ist dermaßen autenthisch, dass man sich desöfteren fragt, ob der Schauspieler womöglich selbst krank ist. 😉 Leo Bill gebührt meine volle Hochachtung vor dieser schauspielerischen Glanzleistung.

Aber auch die Inszenierung hat es in sich. Die beklemmende Atmosphäre wurde absolut gelungen in Szene gesetzt und man fiebert und leidet mit den Protagonisten. Gerade die Situationen, in denen gut Gemeintes zu Schlechtem/Bösem wird, sind schlicht genial. Alles andere als langweilig, geschweige denn langatmig, begleitet man den schizophrenen James bei seinen Bemühungen Gutes zu tun, um sich selbst und seine Mutter bestmöglich zu versorgen. Das ist herzerweichend und schockierend in gleichem Maße.

„The Living And The Dead“ ist ein Ausnahmefilm. Thriller, Drama und ein Touch Horrorfilm in einem, verpackt in die brisante Psychostudie eines jungen Mannes, der bedauerns- und verachtenswert in einem ist. Teilweise sind visionäre (Kamera-)Einstellungen zu entdecken, wenn der Kranke zum Beispiel den Bezug zur Realität verliert und in zeitrafferähnlichen Sprüngen versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, um seiner Mutter zur Seite stehen zu können. Der Film hinterlässt den Zuschauer verstört und ratlos, man weiß nicht, was man darüber denken soll. Simon Rumley ist ein befremdliches Drama gelungen, das sich weit abseits alltäglicher Filme befindet und mit Sicherheit polarisiert. Verstörend und faszinierend zu gleichen Teilen hämmern sich die Bilder (und die Handlung) ins Gehirn des Zuschauers. Am stärksten dafür verantwortlich ist aber mit Sicherheit das brillante Agieren Leo Bills.

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Fazit: Packend, verstörend, faszinierend und befremdlich. Ein Ausnahmefilm mit einem fantastischen Hauptdarsteller und einer unheimlich beunruhigenden Handlung.

© 2015 Wolfgang Brunner

Beim Sterben ist jeder der Erste (1972)

deliverance

Originaltitel: Deliverance
Regie: John Boorman
Drehbuch: James Dickey
nach seiner eigenen Romanvorlage
Kamera: Vilmos Zsigmond
Musik: Eric Weissberg
Laufzeit: 109 Minuten
Darsteller: Jon Voight, Burt Reynolds, Ned Beatty, Ronny Cox, Bill McKinney, Billy Redden
Genre: Abenteuer, Thriller, Literatur
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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Vier Großstädter wollen mit dem Kanu einen reißenden Fluß bezwingen. Doch aus ihrem Wochenend-Ausflug wird bald ein grauenvoller Höllentrip.

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Auf kongeniale Weise hat sich Regisseur John Boorman in seiner Verfilmung dem Geist des Abenteuerbuchs „Flußfahrt“ von James Dickey genähert. Von Anfang an schwelt hier das drohende Unglück über den Protagonisten und hinterlässt neben dem perfekten Abenteuergefühl ein unangenehmes Bauchgrummeln. Wer das Buch kennt, weiß, was ihn erwartet, alle anderen werden in einen schrecklichen Strudel brutalen Grauens gerissen, der wie aus heiterem Himmel die Idylle des Männerwochenendes zerstört. Die unterschwellige Bedrohung ist während des ganzen Intros spürbar, das ist schon wirklich alles grandios in Szene gesetzt.

Was Boorman besser beziehungsweise schrecklicher gestaltet hat, ist der Auslöser des ganzen Schreckens. Ich möchte nicht zuviel verraten, aber wie die Situation in etwa der Mitte des Films außer Kontrolle gerät, brennt sich ins Hirn des Zuschauers und die nachfolgenden Bilder erscheinen wie aus einem grauenhaften Alptraum. Da wird einem bewusst, wie schrecklich die Realität von einer Sekunde auf die andere werden kann. Ned Beatty zeigt sich in seiner Rolle als Bobby beeindruckend mutig. Ich persönlich finde, dass Beatty in „Beim Sterben ist jeder der Erste“, seinem Debütfilm, die beste Performance seiner langen und erfolgreichen Schauspielerkarriere lieferte.

Boormans Klassiker ist einer der beeindruckendsten Abenteuerfilme mit psychologischen Hintergrund. Neben Ned Beatty glänzt Jon Voight in seiner Rolle und spielt den heimlichen Hauptdarsteller Burt Reynolds sogar an die Wand, wie ich finde. Unglaublich stimmig, ruhig und atmosphärisch wird die Geschichte des Romans erzählt und schockt, wenngleich auf etwas andere Art wie die literarische Vorlage, ungemein. „Beim Sterben ist jeder der Erste“ ist Kult. Der kurze Auftritt des Schriftsteller James Dickey, von dem die Vorlage stammt, als ermittelnder Sheriff Bullard ist noch eine nette Überraschung.

Nicht unerwähnt möchte ich noch das fantastische Musikstück „Dueling Banjos“, eine für den Film von Eric Weissberg und Steve Mandel arrangierte, alte Melodie, lassen. Die dazugehörige Szene ist und bleibt unvergesslich.

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Fazit: Düstere und packende Verfilmung des Kultromans von James Dickey. Ned Beatty glänzt in seiner, meiner Meinung nach, besten Rolle seiner Karriere. „Beim Sterben ist jeder der Erste“ ist ein perfekt inszenierter Abenteuerfilm, dessen Bilder auch nach vielen Jahren unvergesslich bleiben.

© 2015 Wolfgang Brunner

Mother (2009)

mother

Originaltitel: 마더 (Madeo)
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Park Eun-kyo
Kamera: Hong Kyeong-pyo
Musik: Lee Byung-woo
Laufzeit: 128 Minuten
Darsteller: Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Ku, Yoon Jae-moon
Genre: Thriller
Produktionsland: Südkorea
FSK: ab 12 Jahren

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Der 28-jährige Do-joon lebt ein ruhiges und beschauliches Leben zusammen mit seiner Mutter. Eines Tages wird ein Mädchen ermordet und Do-joon aufgrund fadenscheiniger Beweise mit der Tat in Verbindung gebracht. Verzweifelt kämpft seine Mutter darum, seine Unschuld zu beweisen. Sie beginnt selbst, an dem Fall zu ermitteln und stößt dabei auf ein Geheimnis, das sie besser nicht erfahren hätte …

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„Mother“ wird von der Frankfurter Rundschau als „Psychothriller zwischen Hitchcock und Lynch“ angepriesen. Ganz so sehe ich das nicht, denn dafür ist Joon-hos Regiestil zu eigenwillig und selbständig. Aber die Entwicklung der Geschichte, die sich von einem ruhigen Familiendrama in einen spannenden Psychothriller verwandelt, zeigt schon gewisse Ansätze, die an die beiden obigen Regisseure erinnern.

Kim Hye-ja spielt ihre Rolle als kämpfende Mutter hervorragend und hat aus meiner Sicht berechtigt einige Preise für ihre Darstellung eingeheimst. Aber auch die anderen Schauspieler agieren sehr professionell und überzeugend.

In teils wunderschönen Bildern erzählt Joon-ho eine geradlinige Story, die sich im Laufe des Films immer mehr von einem „einfachen“ Justizfilm in ein blutiges Rachedrama entwickelt, das es wahrlich in sich hat. Gerade gegen Ende werden verstörende Bilder gezeigt, die meines Erachtens eine FSK-Freigabe von 16 Jahren erfordert hätten. Zwölfjährige werden das Ausmaß dieses Dramas mit Sicherheit nicht verstehen. Aber so sind die FSK-Leute nun mal: nicht zu verstehen! Der bildgewaltige Film verbindet auf faszinierende Weise verschiedene Genre-Arten zu einem einzigartigen, im Gedächtnis haftenbleibenden Erlebnis. Sowohl darstellerisch, als auch inszenatorisch beeindruckt „Mother“ noch zusätzlich mit verträumt wirkenden Bildkompositionen, die stimmungsvoll aber auch finster wirken.

Geradezu meisterhaft und unterschwellig vermittelt der Regisseur den Weg einer Frau, deren verzweifelter und konsequenter Mutterinstinkt, ihren Sohn zu beschützen, in eine radikale, mörderische Obsession umschlägt, die schockiert.
Das Ende hat mich stark an den unglaublich ausdrucksstarken Film „The Living And The Dead“ von Simon Rumley erinnert.
„Mother“ ist auf jeden Fall ein absolut sehenswertes Psychodrama.

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Fazit: Gekonnter Genremix aus Familiendrama, Psychothriller und Selbstjustiz-Krimi. In schönen Bildern wird eine Geschichte erzählt, die einem nahegeht.

© 2015 Wolfgang Brunner

Interstellar (2014)

interstellar

Originaltitel: Interstellar
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Kamera: Hoyte van Hoytema
Musik: Hans Zimmer
Laufzeit: 169 Minuten
Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Mackenzie Foy, Jessica Chastain, Matt Damon, Michael Caine, John Lithgow, Casey Affleck
Genre: Science Fiction
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahren

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Um die Menschheit zu retten, begibt sich ein Forscherteam auf die größte Mission der Menschheit: Durch ein Schwarzes Loch wollen die Forscher in eine Galaxie vordringen, um bewohnbare Welten zu finden. Doch während dieser Reise laufen die Uhren anders als auf der Erde und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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„Interstellar“ ist einer jener Filme, die nicht während des unmittelbaren Anschauens, sondern erst Tage später ihre volle Wirkung zeigen. Das erscheint einem wie Zauberei, denn anfangs wirkt der Film sogar streckenweise langatmig, bevor er seine ganze Wucht in den Gedanken des Zusehers offenbart. Was als apokalyptisches Endzeitszenario auf der Erde beginnt, entwickelt sich zum größten Abenteuer der Menschheit, wie es sich Science Fiction-Autoren wie zum Beispiel Stephen Baxter nicht besser hätten ausdenken können. Wir begleiten die Protagonisten an den Rand des uns bekannten Universums und noch darüber hinaus. Ruhig und dennoch spektakulär wird hier eine Odyssee gezeigt, die das Fassungsvermögen des menschlichen Verstandes übersteigt.

Matthew McConaughey spielt unglaublich gut. Aber auch alle anderen Rollen sind absolut gut besetzt und überzeugend. In die visuell bestechende Reise mischt sich neben den Weltuntergang und der dramatischen Rettung der Menschheit eine unglaublich intensive Familiengeschichte, die mich an manchen Stellen stark emotional berührt hat. Nolan schafft es, unterhaltende Mainstream-Komponenten und anspruchsvoll wissenschaftliche Handlungsstränge a la Stephen Hawking in Einklang zu bringen. Zeitreisen und deren Paradoxen, emotionale und historisch bedeutende Beweggründe vermischen sich mit visuell herausragenden Bildkompositionen, die einem buchstäblich den Atem rauben. Und trotzdem entfaltet sich die ganze Bandbreite des Films erst Tage später, wenn man über alles noch einmal nachgedacht hat und zu begreifen beginnt und zu verstehen versucht.

Christopher Nolan zeigt, wie schon in „Inception“, dass er einer der wenigen Regisseure ist, die auf visionäre Art und Weise Dinge auf Film bannen können, die eigentlich nicht darstellbar sind. Die Inszenierung der Reise durch das Schwarze Loch und die Vermischung zwischen Zeit und Raum ist revolutionär. Die letzten dreissig Minuten sind schlichtweg bahnbrechend und stellen aus meiner Sicht einen Meilenstein in der Geschichte des Films dar. „Interstellar“ ist genial und für mich ein weiterer wegweisender Schritt in Richtung „intelligente, massentaugliche Filmunterhaltung“ wie einst die Matrix-Trilogie oder eben der erwähnte „Inception“. Nolan ist ein Meister seines Fachs und vermag mit „Interstellar“ die Zuschauer ebenso wie mit seinen Dark Knight-Filmen zu hypnotisieren.

Das ist kein effekthascherisches Popcorn-Kino für Menschen ohne Hirn, sondern Unterhaltung auf höchstem Niveau mit Emotionen und wissenschaftlichen Hintergründen. Man kann eigentlich gar nicht umhin, über diesen Film längere Zeit nachzudenken.

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Fazit: Bewegend, visionär und in höchstem Maße unterhaltsam. Kino zum Nachdenken. Brillant!

© 2015 Wolfgang Brunner