Child Of God (2013)

child of god

Originaltitel: Child Of God
Regie: James Franco
Drehbuch: James Franco, Vince Jolivette
Kamera: Christina Voros
Musik: Aaron Embry
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Scott Haze, Tim Blake Neslon, James Franco, Jim Parrack, Jeremy Ambler, Fallon Godson, Vince Jolivette
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahren

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Lester Ballard ist ein Außenseiter par excellence. Seine Eltern hat er verloren und lebt, von der Gesellschaft verstoßen, zuerst in einem verlassenen Schuppen und später in einer Höhle. Und dann geschehen Morde in der Umgebung und es dauert nicht lange, bis die Bevölkerung Lester verdächtigt und Jagd auf ihn macht.

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Es gibt immer wieder Filme, die verschlagen einem den Atem. Zumal man wirklich nicht damit rechnet, was einem da geboten wird. „Child Of God“ ist verstörend! Verstörend erschreckend, aber auch verstörend gut. Sogar wahnsinnig gut! Scott Haze hätte für diese Darstellung zweifelsohne einen Oscar verdient. Selten sieht man so eine eindrucksvolle Performance, die einen förmlich vom Hocker reißt. Haze spielt den verrückten, verdreckten, abartigen und doch auf gewisse Art und Weise irgendwie liebenswerten Lester so grandios, das einem echt die Worte fehlen. Da läuft Rotz aus der Nase, da rinnt Speichel in den verwahrlosten Bart und Scott Haze spielt weiter, als wären das die natürlichsten Dinge im Leben. Alleine schon wegen Haze’s Schauspielerei sollte man „Child Of God“ gesehen haben.

Aber vor dem Film muss auch eindeutig gewarnt werden, denn da werden Dinge gezeigt, die mit Sicherheit nicht jedermanns Sache sind. Die FSK 18 – Einstufung ist bei diesem Film gerechtfertigt, denn hier werden nicht mutierte Zombies zerhackt, sondern dem Zuschauer wird ein perverses, grausiges Bild einer deprimierenden Realität präsentiert, das schockt. Die Bilder und gezeigten Ereignisse treffen  einen wirklich hart und hinterlassen (ähnlich wie im unterschätzten deutschen Thriller „Cannibal – Aus dem Tagebuch eines Kannibalen“ von Marian Dora) ein mulmiges Gefühl, das man lange nicht mehr los wird. „Child Of God“ basiert auf einer Romanvorlage von Cormac McCarthy, die ebenso befremdlich und schockierend ist, wie James Francos Verfilmung.

Die Stimmung des Films ist hervorragend gelungen und durch den fantastischen Hauptdarsteller wird man in eine archaische Welt aus Schmutz, Sex, Leichenschändung und düsterer Gewalt geworfen, der man sich schwerlich entziehen kann.

Ein Film, der mit Sicherheit nicht für den alltäglichen Kinogänger geeignet ist. Wer sich aber auf eine gewalterfüllte, dennoch dezent inszenierte und bisweilen melancholische Darstellung eines psychisch kranken Außenseiter-Lebens einlassen möchte, wird begeistert sein. In seiner düsteren, abseits des Mainstream gedrehten und unspektakulären Gewaltdarstellung, die wahrscheinlich aus genau diesem Grund so schockierend wirkt, erinnert mich „Child Of God“ an zwei frühere Filme von Michael Haneke („Funny Games“ und „Bennys Video“).

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Fazit: Abseits des Mainstream inszenierte James Franco ein eindringliches, brutales und schockierendes Bild einer verlorenen Existenz, die, so brutal sie auch vorgeht, das Mitleid des Zuschauers erregt. Scott Hazes Darstellung des Außenseiters Lester Ballard ist oscarreif.

© 2015 Wolfgang Brunner

The Returned (2013)

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Originaltitel: The Returned
Regie: Manuel Carballo
Drehbuch: Hatem Khraiche
Kamera: Javier Salmones
Musik: Jonathan Goldsmith
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Kris Holden-Ried, Emily Hampshire, Shawn Doyle, Claudia Bassols
Genre: Drama, Horror, Science Fiction, Thriller
Produktionsland: Spanien
FSK: ab 16 Jahren

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Ein Virus befällt die Welt und verwandelt innerhalb kürzester Zeit die Infizierten in Zombies. Doch es gibt Rettung: Wenn die vom Virus Befallenen aber noch rechtzeitig mit einem Medikament behandelt werden, bricht die Krankheit nicht aus und die Menschen verwandeln sich nicht in aggressive Zombies. Diese „Zurückgeholten“ werden von der Bevölkerung bald „Returned“ genannt und müssen sich den Rest ihres Lebens täglich eine Dosis von dem Serum spritzen. Obwohl von ihren Mitmenschen akzeptiert, schwelt immer ein hintergründiges Außenseitertum über den „Returned“, doch solange die hilfreichen Medikamente genommen werden, haben sie alles unter Kontrolle.
Doch plötzlich dringt die Nachricht an die Öffentlichkeit, dass die Medikamentenvorräte zur Neige gehen und die Forschungen an einem künstlich hergestellten Mittel noch nicht erfolgreich sind. Und auf einmal nimmt die Feindesligkeit und Gewaltbereitschaft der „Normalen“ gegenüber den „Returned“ immer mehr zu. Alex, einer der „Returned“, kämpft verzweifelt mit Hilfe seiner Freundin um sein Leben …

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Das spanische Zombie-Drama „The Returned“ erinnert in der Tat manchmal an „District 9„, wie auf den Fantasy Filmfest Nights behauptet wurde. Dennoch ist die Ausgangssituation eine andere, denn hier spielen Menschen die Hauptrolle und keine Außerirdischen.
Im Vordergrund steht der Mensch bzw. das Menschsein und nicht die fleischgierigen Zombiewesen, die man nicht besonders oft sieht. Es handelt sich hier fast schon um ein Liebesdrama, den verzweifelten Kampf einer Frau, die sich in einen jener „Returned“ verliebt hat und plötzlich vor der unausweichlichen Tatsache steht, dass sich ihr Liebster in ein menschenfressendes Ungeheuer verwandeln wird.

Regisseur Carballo hat mit seinem Film einen bewegenden, im Zombiegenre innovativen Film geschaffen, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Die dargestellte Situation bzw. Problematik ist absolut glaubhaft in Szene gesetzt und man fiebert und hofft mit den Protagonisten mit. Das Thema „Zombie“ gerät dabei immer mehr in den Hintergrund. Man sieht die Bedrohung zwar permanent wie ein Damoklesschwert über den einzelnen Szenen schweben, denkt aber nie an die menschenfressenden, blutgierigen Kreaturen, wie man sie aus anderen Filmen kennt.

Die Hauptdarsteller Kris Holden-Ried und Emily Hampshier machen ihre Sache sehr gut und überzeugend. In ruhigen Bildern agieren sie in der ersten Hälfte des Films als Liebespaar vor der Kamera, als wäre die Welt in bester Ordnung und zeigen ihre Verzweiflung und Wut in der zweiten Hälfte, als wäre es Realität und keine Fiktion.  Gerade die Liebesbeweise gegen Ende des Films sind sehr emotional. Da ist Carballo schon ein großer Wurf gelungen, der im Zombie-Genre seinesgleichen suchen wird, denn sein Zombiefilm entwickelt sich nicht zu einem Horrorfilm, sondern zu einem Drama, das sich in einem völlig glaubhaften Szenario abspielt.

„The Returned“ ist für mich sehr schwer in ein Genre einzuordnen, was ich allerdings sehr positiv finde. Da ist sicherlich eine Prise Horror, die alleine schon durch die Thematik „Zombie“ angesprochen wird. Das Szenario würde ich eher in den ernsten, realitätsnahen Science Fiction-Bereich stecken. Doch am meisten würde der Film für mich in die Sparten Thriller oder, wie oben schon erwähnt, Drama passen. Wer schon immer mal einen etwas anderen, ruhigeren Zombie-Film gesucht hat, hat ihn mit „The Returned“ sicherlich gefunden. Für mich eine der beeindruckendsten und bewegendsten Darstellungen dieser Thematik.

Ach ja, den deutschen Untertitel „Weder Zombies noch Menschen“ finde ich ziemlich bescheuert und unnütz, obwohl er ausnahmsweise mal sogar die Handlung widerspiegelt, was bei vielen deutschen Filmtiteln und/oder -untertiteln nicht der Fall ist.

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Fazit: Ruhig und bewegend, spannend und überzeugend. Diese Schlagwörter fallen mir spontan zu „The Returned“ ein, dem etwas anderen Zombiefilm. Wenig Blut, dafür mehr Emotionen und Menschlichkeit zeigen eine völlig andere Seite der menschenfressenden Kreaturen, die in diesem Film durch ein Medikament vor dem Ausbruch der Viruserkrankung bewahrt werden. Wer eine Splatterorgie erwartet, wird enttäuscht werden. Wer allerdings einen intelligenten, spannenden Thriller sucht, findet mit „The Returned“ auch als Nicht-Zombie-Fan eine kleine Perle.

© 2014  Wolfgang Brunner