Die Farbe aus dem All (2019)

farbe

Originaltitel: Color Out Of Space
Regie: Richard Stanley
nach einer Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft
Drehbuch: Richard Stanley, Scarlett Amarise
Kamera:  Steve Annis
Musik: Colin Stetson
Laufzeit: 111 Minuten
Darsteller: Nicholas Cage, Q’orianka Kilcher, Joely Richardson, Tommy Chong, Madeleine Arthur, Brendan Meyer, Julian Hilliard, Elliot Knight
Genre: Science Fiction, Horror
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Die Familie Gardner lebt in einem abgelegenen Farmhaus in New England, um der Hektik des Alltagslebens zu entfliehen. Es dauert nicht lange und ein Meteorit schlägt in ihrem Vorgarten auf. Der mysteriöse Stein aus dem All infiziert die Umgebung mit einer seltsamen Farbe, die Veränderungen in der Natur hervorruft. Aber auch bei Tieren und Menschen zeigen sich Auswirkungen.

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Es ist immer schwierig, einen Film nach einer literarischen Vorlage zu drehen, zumal solch eine Vorlage auch noch Kultstatus besitzt. H.P. Lovecrafts Erzählung über eine mysteriöse Bedrohung aus dem All in Form einer mysteriösen Farbe, besitzt eine außergewöhnliche Atmosphäre, die bei den Anhängern des Autors und vielen Lesern einen ganz besonderen Status einnimmt. Es gibt bereits einige Verfilmungen dieser Geschichte, die nicht immer die Stimmung perfekt eingefangen haben, so dass auch bei Richard Stanleys Neuinterpretation sofort argwöhnische Stimmen laut wurden. Okay, es ist wirklich nicht einfach, eine Lovecraft-Story zu verfilmen, so dass man Stanley auf alle Fälle schon einmal zugute halten muss, dass er sich richtig Mühe gegeben hat. Und das erfolgreich, zumindest aus meiner Sicht.

„Die Farbe aus dem All“ besitzt in der Tat eine sehr schöne Atmosphäre, die sich gerade in der ersten Hälfte (zumindest stimmungsvoll) sehr schön an die literarische Vorlage hält. Immer mehr entwickelt sich diese Stimmung, die mich übrigens an manchen Stellen sehr an die Science-Fiction-Verfilmung „Auslöschung“ erinnert hat) zu einem Klon von John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“. Die außerirdische Farbe ist ja auch ein Ding aus einer anderen Welt, so dass mir die Entwicklung eigentlich auch noch sehr gut gefallen hat. Leider vertieft Richard Stanley diese Seite der Story so sehr, dass der Film zu einem massentauglichen Horrorfilm mutiert (was für ein Wortspiel 😉 ) und die Atmosphäre der ersten Hälfte so ein klitzeklein wenig zerstört. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich äußerst angenehm und spannend unterhalten, zumal die Schauspieler auch noch das ihrige dazu beitrugen. Das Gesamtbild, das „Die Farbe aus dem All“ bei mir zurückließ, ist für mich auch ausschlaggebend, so dass ich auf jeden Fall behaupten kann, dass ich diesen Film nicht so schnell vergessen werde.

Visuell ist Stanleys Comeback absolut gelungen und auch die Schauspieler können allesamt überzeugen. Nicholas Cage zeigt, was er kann und spielt seine Figur sehr glaubwürdig, wie aber letztendlich alle beteiligten Darsteller. Der Score von Colin Stetson untermalt die Bilder auf sehr beeindruckende Weise.
Man sollte „De Farbe aus dem All“ eine Chance geben und ihn als von der literarischen Vorlage unabhängiges Werk betrachten, der lediglich seine Inspirationen in Lovecrafts Erzählung sucht und diese dann auf eigenständige Weise (neu) interpretiert. Ich persönlich sah in Richard Stanleys Film eine Verneigung vor dem großen Meister der fantastischen Literatur, bei der er einen Weg gehen wollte, der auch ein Massenpublikum anspricht (in der heutigen Zeit nicht unbedingt der falscheste Weg, wenngleich ich mir persönlich ein etwas unabhängigeres und vor allem intellektuelleres Ergebnis gewünscht hätte). „Die Farbe aus dem All“ stellt für mich trotz dieser Kritikpunkte eine der gelungeneren Verfilmung nach einem Stoff von H.P. Lovecraft dar, vor allem auch, weil er einen Spagat zwischen cineastischer Kunst und Mainstream schafft.

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Fazit: Gelungene, stimmungsvolle und visuell ansprechende Literaturverfilmung mit einem tollen Cast.

©2020 Wolfgang Brunner

8 (2019)

8

Originaltitel: 8
Regie: Harold Hölscher
Drehbuch: Harold Hölscher
Kamera:  David Pienaar
Musik: Elben Schutte
Laufzeit: 95 Minuten
Darsteller: Inge Beckmann, Tshamano Sebe, Garth Breytenbach, Chris April, Keita Luna
Genre: Horror, Mystery, Drama
Produktionsland: Kanada
FSK: ab 16 Jahre

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Ein alter Mann ist durch einen Fluch dazu verdammt, die Seelen von Menschen einzusammeln. Als William Ziel mit seiner Familie nach Südafrika in das Haus seines verstorbenen Vaters zieht, lernt seine Ziehtochter Mary den alten Mann namens Lazarus kennen und schließt mit ihm Freundschaft. Schon bald beginnt der Fluch auf Lazarus einzuwirken und das Schicksal der Familie Ziel verbindet sich mit seinem …

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Das passiert, wenn man mit keinerlei Erwartung an einen Film herangeht, von dem man im Grunde genommen gar nicht weiß, um was es geht. So geschehen beim vorliegenden „8“, der mich bereits nach den ersten Minuten mit seiner genialen Atmosphäre gepackt und auch bis zum Ende nicht mehr losgelassen hat. „8“ ist ein Genremix aus gruseligem Horror, Drama und regionalem Glauben, der sich geschickt zwischen diesen drei Sparten bewegt und absolut zu fesseln vermag. Wer einen reinen Horrorfilm erwartet, wird vielleicht schon anhand der relativ ruhigen Inszenierungsweise enttäuscht werden. Es geht in erster Linie um die Schicksale von Lazarus und der Familie Ziel, die sich im Laufe des Films immer mehr miteinander verweben.

Untermalt von einer wunderschönen Musik des Komponisten Elben Schutte wird der Zuschauer von der Magie Südafrikas und deren geheimnisvollen Mythen eingesogen. Stellenweise fühlte ich mich sogar an den grandiosen Wes Craven-Klassiker „Die Schlange im Regenbogen“ erinnert, bei dem der Woodoo-Zauber auf ähnlich realitätsnahe Art und Weise behandelt wird. Doch „8“ ist weitaus ruhiger und widmet sich den Emotionen Lazarus’, der im Grunde genommen ein netter Zeitgenosse ist, obwohl er andererseits aber auch den Antagonisten darstellt.  In bestimmten Einstellungen werden auch Erinnerungen an „Dust Devil“ wach. „8“ stellt eine hervorragende Mischung aus verschiedenen Genres dar, die sich auf fantastische Weise miteinander verbinden und ein beeindruckendes Gesamtbild ergeben. Ich hätte gut und gerne noch einmal eineinhalb Stunden zusehen können, wie sich die Familie Ziel auf der alten Farm gegen die Einflüsse von Lazarus und dem fremden Land wehrt.
Die Mythologien Südafrikas mit ihren Dämonen und unheimlichen Kreaturen werden sehr authentisch dargestellt. Daraus resultierend wird der Tod nicht immer als negativ behaftetes Ereignis dargestellt, sondern oftmals auch als etwas Schönes. Wenn wir beispielsweise das warme Leuchten einer Kerze sehen oder einem herzerwärmenden Begräbnis einer tote Raupe beiwohnen. Der Tod nimmt Leben, erschafft aber gleichzeitig neues. Ein Gleichgewicht, das lediglich durch den auftretenden Dämon zerstört wird. Trauer, Verlust und familiäre Bindung stehen bei „8“ konsequent im Vordergrund.

Und auch wenn „8“ mit vielen vertraut erscheinenden Konventionen arbeitet, so sind manche Wendungen nicht vorherzusehen. Das Publikum wird während des gesamten Films in eine trügerische Schönheit gehüllt, die sich durch die teils sehr ausdrucksstarken Bildern noch verstärkt. Der Schrecken, der sich eigentlich durch die Handlung schleicht, bleibt unterdrückt und wird dadurch so manchen Zuschauer in seiner Eindringlichkeit und erschütternden Konsequenz nicht erreichen. Fast möchte man sagen, dass der Film zu schön, zu poetisch und philosophisch geworden ist, um den Verlust eines geliebten Menschen hinreichend dramatisch auszudrücken.
Schauspielerisch kann man an der gesamten Crew absolut nichts aussetzen. Am meisten beeindruckt haben mich persönlich Garth Breytenbach und Tshamano Sebe. Letzteren dürften einige aus Michael Crichtons „Emergency Room“ kennen.
„8“ ist eine wunderbare Abwechslung im Horrorgenre und kann vor allem durch die hervorragenden Schauspieler und seine emotionalen und künstlerischen Aspekte überzeugen.

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Fazit: Familiendrama mit Horroranleihen. Künstlerisch und beeindruckend.

©2020 Wolfgang Brunner

Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen (2018)

verurteilt

Originaltitel: Acusada
Regie: Gonzalo Tobal
Drehbuch: Ulises Porra, Gonzalo Tobal
Kamera: Fernando Lockett
Musik: Rogelio Sosa
Laufzeit: 104 Minuten
Darsteller: Lali Espósito, Gael Garcia Bernal, Leonardo Sbaraglia, Inés Estévez, Daniel Fanego, Gerardo Romano, Martina Campos
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Argentinien
FSK: ab 12 Jahre

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 Zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihrer besten Freundin muss sich die junge Dolores vor Gericht verteidigen,da sie unter Mordverdacht steht. Während ihre Eltern das Mädchen auf den Prozess vorbereiten, kämpft Dolores mit den Dämonen ihrer Vergangenheit.

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Gonzalo Tobas Gerichtsfilm braucht nicht lange, um den Zuschauer in einen hypnotischen Sog zu ziehen, dem man bis zum Ende des Dramas nicht mehr entkommen kann. In einer wunderbar ruhigen, aber nichtsdestotrotz sehr spannenden und emotionalen Weise lässt uns der Regisseur an den Problemen und der Gefühlswelt der Protagonistin teilhaben. Präzise, aber dennoch ein wenig undurchschaubar, präsentiert Tobas den Mordfall, der den Fall des „Engels mit den Eisaugen“, Amanda Knox, als Ausgangsidee benutzt. Lali Espósito zeigt eine wirklich beeindruckende darstellerische Leistung, die sie konstant durch den ganzen Film aufrechterhält. Aber nicht nur sie, sondern auch das komplette Ensemble kann durchwegs mit seinem Agieren überzeugen.

Es ist vor allem die ruhige, und im Grunde genommen absolut unspektakuläre Inszenierung, die diesen Film so intensiv und authentisch wirken lässt. Keine reißerischen Szenen, kein blutiger Mord, der detailliert zeigt, wie jemand sein Leben verliert und keine atemberaubende Gerichtsverhandlung, bei der mit allen Mitteln um die Schuld oder Unschuld der Angeklagten gekämpft wird. Untermalt von einer fantastischen, atmosphärischen Musik wendet sich Regisseur Gonzalo Tobas vielmehr der Psyche der Protagonistin zu und zeigt, wie man innerhalb der Familie mit den Verdächtigungen umgeht. Das Ganze wirkt dabei so echt, dass man tatsächlich in manchen Momenten vergisst, einer erfundenen Geschichte beizuwohnen. Für viele ist dieser gemächliche Inszenierungsstil mit Sicherheit ein ganz großer Minuspunkt, der in der heutigen Kinowelt, in der es nur noch um „größer, besser, bombastischer“ geht, keine Chance und auch keinen Bestand hat. Für Filminteressierte, die sich für Schauspielerei und inszenatorische Feinheiten begeistern können, wird „Verurteilt“ ein kleiner Höhepunkt sein.

Wer Tobas‘ Vorgängerfilm „Der unsichtbare Gast“ kennt, weiß, was ihn bei „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ erwartet. Ein gefühlvolles Drama, das zwar eine schreckliche Tat erzählt, sich aber eigentlich auf etwas völlig anderes konzentriert: nämlich das Innenleben eines Menschen, der mit seinen Problemen nicht klar kommt.
Durch seine raffinierte Erzählweise wird der Film in keiner Sekunde langweilig, weil man mit der Protagonistin (und auch deren Familie) mitfiebert und wissen möchte, was wirklich geschehen ist. „Verurteilt – Jeder hat etwas zu verbergen“ ist einer jener Ausnahmefilme, die bedeutend mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zukommt. Wer großes Erzählkino mag, wird an diesem Drama / Thriller nicht vorbeikommen.

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Fazit: Großartig erzähltes Drama, das durch seine ruhige Inszenierung punkten kann.

© 2019 Wolfgang Brunner

Domino – A Story of Revenge (2019)

domino

Originaltitel: Domino
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Petter Skavlan
Kamera: José Luis Alcaine
Musik: Pino Donaggio
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Carice van Houten, Guy Pearce, Søren Malling, Nicolas  Bro, Paprika Steen
Genre: Action, Thriller
Produktionsland: Dänemark
FSK: ab 16 Jahre

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Der Partner von Polizist Christian wird in Kopenhagener durch ein ISIS-Mitglied namens Imran ermordet. Christian jagt den Mörder, um den Tod seines Freundes zu rächen. Dabei gerät er immer tiefer in die terroristischen Machenschaften der ISI und schon bald beginnt für ihn ein Wettlauf gegen die Zeit, denn es geht plötzlich nicht mehr nur um Rache an seinem Partner, sondern darum, sein eigenes Leben zu behalten.

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Brian De Palma ist zurück! Auch wenn seine Filme der 90er und 2000er Jahre ansprechend und teilweise brillant waren, so besaßen sie nicht mehr den Charme seiner besten Werke wie „Schwarzer Engel“, „Carrie“ oder an erster Stelle „Dressed To Kill“.
Sieht man sich die ersten Minuten von „Domino“ an, denkt man, der Meisterregisseur wäre am Ende seiner Karriere angekommen und bringt nur noch zweitklassige Filme zustande. Doch weit gefehlt. Es dauert nicht lange und der typische Brian De Palma-Touch, den man in vielen seiner letzten Filme vermisst hat, tritt auf. Das liegt vielleicht auch am grandiosen Score von Pino Donaggio, der einen sofort wieder in die „goldene Ära“ des Regisseurs zurückwirft. Die Musik untermalt das Geschehen auf optimalste Weise und beschwört eine unglaubliche Stimmung hervor, deren Bann sich man nicht entziehen kann.

Aber nicht nur inszenatorisch und musikalisch kann „Domino“ auf ganzer Linie überzeugen. Auch die Schauspieler und der Plot vermögen zu faszinieren. Alle Akteure machen ihre Sache sehr gut und spielen überzeugend ihre Charaktere. Man nimmt ihnen jede Handlung und Äußerung ab. Die Handlung ist erschreckend realistisch und regt zum Nachdenken an. Sicherlich spielt De Palma mit Klischees, aber leider treffen die meisten dieser Dinge in der Realität zu. Religiöse Fanatiker, die über Leichen gehen, um ihren Glauben zu untermauern, sind heutzutage an der Tagesordnung und „Domino“ rückt diese „Bedrohung“ ein Licht, das einem an manchen Stellen wirklich unwohl wird. Der Plot ist auf alle Fälle äußerst zeitgemäß verfasst und spiegelt eine Welt wider, in der wir uns tatsächlich befinden. Die Thematik hat mich schon sehr betroffen gemacht und bei mir Angst vor solchen Menschen verursacht. Da hat Drehbuchautor Petter Skavlan, bekannt durch seine Skripts für „Sofies Welt“ und dem hervorragenden „Kon Tiki“, ganze Arbeit geleistet.

Wer erinnert sich nicht an die magische Szene aus „Dressed To Kill“, wenn die sexuell frustrierte Hausfrau Kate Miller durchs Museum irrt und immer wieder auf einen attraktiven Unbekannten stößt, der sie nicht aus den Augen lässt. Diese Passage wird untermalt von Pino Donaggios eindringlicher Musik und gleicht dadurch fast schon einer opernhaften Inszenierung. Eine ähnliche Szene gibt es auch in „Domino“: Wenn ein Selbstmordattentäter versucht, sich in einer gefüllten Stierkampfarena selbst in die Luft zu jagen, fühlt man sich an Brian De Palmas Meisterleistung aus „Dressed To Kill“ erinnert. Auch hier gehen Score und hypnotische Inszenierung eine Symbiose ein, die einen die Welt um sich herum vergessen lässt. Das ist ganz großes Kino ohne jeglichen Effekte-Schnickschnack. Hier zählt das Können von Regisseur, Filmmusikkomponist und Schauspielern. Solche Szenen machen süchtig und ich weiß schon jetzt, dass ich „Domino“ nicht nur einmal sehen werde. Der Film war eine absolut positive Überraschung für mich, die ich nicht so schnell vergessen werde. Brian De Palma kann es immer noch – und wie!

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Fazit: Fantastische Rückkehr von Brian De Palma zu seinen Wurzeln.

© 2019 Woilfgang Brunner

Dust Devil (1992)

devil

Originaltitel: Dust Devil
Regie: Richard Stanley
Drehbuch: Richard Stanley
Kamera: Steven Chivers
Musik: Simon Boswell
Laufzeit: 87 Minuten / Final Cut: 108 Minuten
Darsteller: Robert John Burke, Chelsea Field, Zakes Mokae, John Matshikiza, Rufus Swart, William Hotkins, Terry Norton, Russell Copley, Marianne Sägebrecht
Genre: Horror, Mystery
Produktionsland: Südafrika, Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

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Ein Dämon aus alten Legenden durchstreift in Form eines Gestaltwandlers  die Wüste Namibias. Er sucht Opfer, denn mit jedem Mord wachsen seine Kräfte.
Die junge Wendy flieht vor ihrem tyrannischen Ehemann und begegnet dem geheimnisvollen Wanderer und verliebt sich in ihn.
Währenddessen begibt sich ein ortsansässiger Cop auf die Suche nach dem „Dust Devil“, um ihn ein für alle Mal auszulöschen.

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„Dust Devil“ ist ein zwar in die Jahre gekommener Kultklassiker, der aber bis heute nichts von seinem außergewöhnlichen Reiz verloren hat. Mit einer wilden Mischung aus Horror-Thriller, Mystik und Western schafft es dieser kurzweilige Film auch heute noch absolut zu faszinieren. In hypnotischen Bildern erzählt Regisseur Richard Stanley die Reise eines Wesens aus alten Legenden aus einer anderen Dimension in unserer Realität. Wenn man sich die ersten 10 Minuten von „Dust Devil“ ansieht, fühlt man sich unwillkürlich an eine Umsetzung von Stephen Kings Roman „Schwarz“, dem ersten Teil seiner „Dunklen Turm“- Reihe erinnert. Genauso habe ich mir nämlich zum Beispiel die Hauptperson Roland vorgestellt und nicht wie in der Verfilmung „Der dunkle Turm“. Aber zurück zu „Dust Devil“. Stanley schafft es von der ersten Minute an, die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Das liegt vor allem am wunderbaren Agieren des Hauptdarstellers Robert (John) Burke, aber auch an den visuell einwandfreien Aufnahmen, mit denen der Regisseur seine Geschichte erzählt. Hinzu kommt der stimmige und unglaublich atmosphärische Score von Simon Boswell, der das Geschehen auf optimalste Weise untermalt. Seine Mischung aus mystischen, sphärischen Klängen und musikalischen Westernmotiven ist auch ohne Film absolut hörenswert.

Koch Media liegt mit diesem Mediabook sowohl die knapp eineinhalbstündige Kinofassung als auch den eine Stunde und 48 Minuten dauernden Final Cut vor. Gerade letzteren sollten sich Fans dieses Films unbedingt ansehen, denn die ohnehin schon komplexe Handlung wird in diesen zwanzig Minuten weitaus mehr vertieft. Man hätte diesen Plot auch gut und gerne auf drei Stunden ausdehnen können und es wäre nicht langweilig geworden. Die neuen Szenen wurden übrigens, nicht wie man es bei solchen Projekten gewohnt ist, lediglich mit deutschen Untertiteln versehen, sondern sogar neu synchronisiert. Allerdings standen wohl die Originalsprecher und -sprecherinnen nicht mehr zur Verfügung, so dass man in diesen wenigen Szenen auffällig hörbar andere Stimmen vernimmt. Ich persönlich fand das allerdings gar nicht wirklich schlimm.
Was mir bei dieser erneuten Sichtung (ich habe „Dust Devil“ das letzte Mal vor etwa fünfundzwanzig Jahren gesehen) aufgefallen ist, sind die teilweise wirklich krassen Splatter- und Goreeinlagen, bei denen ich mich fragte, warum der Film eine FSK 16- Freigabe erhalten hat. Aber das leidige Thema  FSK hat hier nichts verloren. Freunde von Goreszenen werden bei „Dust Devil“ definitiv ihren Spaß haben, zumal die Effekte allesamt handgemacht und ohne Hilfe von Computer(programmen) angefertigt wurden.

„Dust Devil“ ist für mich heute mehr denn je ein zeitlose Kultklassiker, den man sich immer wieder mal ansehen kann (und auch sollte), denn solche Filme sind in der heutigen Zeit eher selten geworden. Obwohl „Dust Devil“ Anfang der 90er Jahre entstand, wirkt er an manchen Stellen wie ein Werk aus den „goldenen 80er Jahren“. Wer diese kleine Perle noch nicht kennt, sollte dies unbedingt nachholen, zumal es nun eine mehr als würdige Veröffentlichung auf Blu-Ray durch Koch Media gibt.

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Fazit: Tolle Mediabook-Veröffentlichung eines heimlichen Kultfilms. Absolut sehenswert.

©2019 Wolfgang Brunner

Fenster Blau (2016)

fensterblau

Originaltitel: Fenster Blau
Regie: Sheri Hagen
Drehbuch: Zoe und Sheri Hagen
Kamera: Michael Tötter
Musik: Alexander Precht
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Emilio Sakraya, Kristin Alia Hunold, Dietrich Hollinderbäumer, Marko Dyrlich, Anne Zander, Hund Collie, Eyk Kauly
Genre: Drama, Literatur
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Mitten im eisigen Winter kommt Ljöscha auf der Insel Norderney an. Er ist auf der Suche nach der Wahrheit in seiner Vergangenheit. Ljöscha trifft seinen Großvater, der ihn aber abweist. Doch schließlich siegt die Neugier und er möchte wissen, was mit seiner Tochter ist. An einem anderen Ort verschanzen sich ein älterer Mann und ein junges Mädchen in einer Wohnung. Er ist der Vater des Mädchens, aber er liebt sie verbotenerweise. Beide Schicksale hängen zusammen und Ljöscha kämpft zusammen mit seinem Großvater gegen die Vergangenheit, die beide immer wieder einholt …

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Da sieht man sich einen Film an, geht mit keiner besonderen Erwartungshaltung heran und wird mit einer Wucht gepackt, die einen umhaut. Sheri Hagens zweiter Langfilm orientiert sich an dem prämierten Theaterstück „Muttermale Fenster Blau“ der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann. Sheri Hagen steht eigentlich vor der Kamera, beweist aber mit „Fenster Blau“ ein dermaßen  eindrucksvolles Gespür für Dramaturgie und künstlerische Inszenierung, dass es einem die Sprache verschlägt. Ich möchte den Film als Meisterwerk und Rückkehr des deutschen Autorenfilms bezeichnen, so sehr haben mich Geschichte, Bilder und Schauspielleistungen in den Bann gezogen. Der Film wirkt wie ein wahr gewordener Albtraum aus Ängsten und Depressionen, aber auch voller Sehnsüchte, Hoffnungen und Liebe. Es ist schlichtweg genial, wie Hagen diese Gratwanderung zusammen mit ihrer Crew meistert und einen hoffnungsvollen und zugleich verstörenden Film auf Zelluloid bannt.

„Fenster Blau“ ist ein Kammerspiel, das auf eine Weise inszeniert wurde, als hätte ein „deutscher Peter Greenaway“ die Hände im Spiel gehabt. Voller Botschaften (ob sinnvoll oder sinnfrei sei einfach mal dahingestellt), die sich durch den gesamten Film ziehen und permanent zum Nachdenken anregen, aber auch zu Wut, Hilflosigkeit und Trauer. Es ist grandios, wie die Schauspieler allesamt diese Woge an Emotionen durch die knapp eineinhalb Stunden transportieren und greifbar machen. Man möchte an einigen Stellen laut losschreien wie der Protagonist Ljöscha, an anderen würde man den hilflosen, zerrissenen Großvater am liebsten in den Arm nehmen oder sich von ihm in den Arm nehmen lassen. Das Gespann Emilio Sakraya (aktuell: „Heilstaetten“ und „4 Blocks“) und Dietrich Hollinderbäumer (zuletzt in „Angst – Der Feind in meinem Haus“ zu sehen) funktioniert hervorragend, ebenso wie das Agieren zwischen Kristin Alia Hunold („Dem Horizont so nah“) und Marko Dyrlich (unter anderem mit dabei in „Babylon Berlin“). Es ist alles so intensiv, so natürlich, so lebensecht. Trotz des überaus ernsten Themas spürt man die Begeisterung der Beteiligten in jeder Filmminute. Ich ziehe meinen Hut vor den Darstellern. Emilio Sakraya fährt so authentisch aus der Haut, dass man eine Gänsehaut bekommt. Dietrich Hollinderbäumer zeigt sich äußerlich roh und innerlich einfühlsam, das ist eine grandiose Leistung, die die beiden Schauspieler da abliefern. Kristin Alia Hunold spielt die kindlich wirkende und innerlich zerstörte Lena, im positiven Sinne, glänzend theatralisch, während Marko Dyrlich sichtlich unwohl seinen Charakter darstellt. Auch hier kann man nur sagen: imposant! Da können sich so manche „Stars“ eine Scheibe abschneiden.

Zu den schauspielerischen Glanzleistungen gesellen sich  aussagekräftige Bildkompositionen und ein grandioser Score, die den Film zu einem echten Erlebnis machen. Man möchte trotz der oftmals unangenehmen Situationen, die geschildert werden, den Schauplatz und die Charaktere nicht mehr verlassen, denn man fühlt sich wohl oder unwohl mit ihnen und kann ihre Emotionen in jeder Hinsicht nachvollziehen. Sheri Hagen hat aus meiner Sicht ein Meisterwerk erschaffen, das mich nachhaltig beeindruckt und noch lange beschäftigen wird. Sie hat Sasha Marianna Salzmanns Theaterstück eine Tiefe verliehen, die seinesgleichen sucht. Alles ist in schwarz-weiß gehalten, nur die Farbe Blau wird sichtbar. Wie in „Pleasantville“ spielt die Regisseurin dieses Stilmittel bis zum Ende konsequent aus, beeinflusst den Zuschauer bis hin zum Happy End, das letztendlich kein Happy End ist. Oder doch?
„Fenster Blau“ ist ein Film zum Nachdenken, aber auch zum Träumen, bei dem man sich auf sich selbst besinnen kann. „Fenster Blau“ ist ein Film für die große Leinwand, ein unvergessliches emotionales Erlebnis, schlichtweg ganz, ganz großes Kino. Wo sind all die Preise, die dieser Film, dessen Schauspieler und Crew, verdient hat?
Ich kann meine Begeisterung schwer zurückhalten, aber eigentlich will ich das auch gar nicht. 😉 Man muss diesen Film gesehen haben!

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Fazit: Ganz großes Kino aus Deutschland. Wunderbar inszeniert und mit beeindruckenden Schauspielerleistungen.

© 2018 Wolfgang Brunner

Interimere (2015)

interimere

Originaltitel: Interimere
Regie: Rene Zhang
Drehbuch: Rene Zhang, Romina Schade, Joachim F. Guck
Kamera: Robert Bogs
Musik: Julian Kantus
Laufzeit: 16 Minuten
Darsteller: Dennis Madaus, Moloch, Maya Klein, Ina Krenzel, Rene Zhang
Genre: Horror, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine mysteriöse Tonbandaufnahme führt den Ermittler „Pretty Jack“ auf die Spur eines vermissten Mädchens namens Ina. Je weiter er in das Geheimnis der verschwundenen Ina vordringt, desto mehr wird Jack bewusst, dass er selbst zum Gejagten geworden ist.

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Schon in den ersten Einstellungen wird einem klar, dass man hier einen sehr atmosphärischen Horror-Kurzfilm zu sehen bekommt, der sich an den Genreklassikern der 80er und 90er-Jahre orientiert. Es ist schon erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit Regisseur Zhang den Zuschauer in eine fast schon hypnotisierende Atmosphäre versetzt. Daran sind zum einen die unheimlich wirkenden Tonbandaufnahmen schuld, die sich der Protagonist anhört, und zum anderen ist es die fantastische Musik von Julian Kantus, die sofort an die magischen Klänge eines John Carpenter erinnert. Bereits nach wenigen Minuten erkennt man, dass das Potential, das die Story haben könnte, durch die kurze Lauflänge nicht ausgeschöpft werden konnte. Da geht manches leider viel zu schnell, obwohl Zhang dabei erstaunlicherweise die „heimelige“ 80er Jahre Stimmung durchgehend aufrecht erhalten kann. Das ist fast schon magisch. 😉

Neben einer interessanten Kameraarbeit und einem wirklich hervorragenden Soundtrack,  punktet „Interimere“ außerdem mit einem tollen Schauspieler-Ensemble, die durchweg mit ihrem Agieren überzeugen können. Allen voran kann Hauptdarsteller Dennis Madaus das Publikum mit seiner charismatischen Ausstrahlung für sich gewinnen. Moloch verbirgt sich zwar hinter einer furchterregenden Maske, verleiht dem Charakter des Killers aber alleine schon durch seine bedrohlich wirkende Körpergröße eine nahezu kultige Präsenz. Da wirken einige Szenen schon sehr bedrückend und erschreckend. Trotz des geringen Budgets, das Rene Zhang zur Verfügung stand, bekommt man einen sehr stimmungsvollen und spannenden Film zu sehen.
Wie oben schon erwähnt, leidet der Plot leider etwas an der Kürze des Films, denn einige Geschehnisse wirken unaufgelöst oder gar unerklärt. Das tut der Atmosphäre zwar keinen Abbruch, aber man hätte sich doch etwas mehr „Auflösung“ und Erklärungen gewünscht. Interessant dabei ist allerdings auch, dass einen durch so manch offene Frage der Film beschäftigt und man darüber nachdenkt, um selbst auf eine Lösung zu kommen. 😉 Das hat nun auch wieder seinen ganz besonderen Reiz, wie ich finde.

„Interimere“ könnte gut und gerne eine Laufzeit von 80 bis 90 Minuten haben. Und ich bin sicher, dass Zhang einen bedeutend atmosphärerischen Film in Szene setzen würde als mit seinem Kurzfilm. Gerade Dennis Madaus würde einem tiefergehenden Charakter gewachsen sein, bei dem er mehr seiner Schauspielerfähigkeiten zeigen könnte. Aber auch Maya Klein und Ina Krenzel wäre noch viel mehr zuzutrauen. Und hätte Moloch noch mehr Platz in der Geschichte, würde wohl ein Film entstehen, der den Zuschauern ein unangenehmes Gefühl im Magen bereiten würde wie seinerzeit „The Texas Chainsaw Massacre“.
Zusammengefasst würde ich behaupten, dass die Story und der Regisseur ein hohes Potential nach oben haben, hätten sie mehr Laufzeit zur Verfügung. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass „Interimere“ unausgegoren, unfertig oder nicht professionell genug wirkt. Nein, es ist ein fantastischer Kurzfilm mit einer unglaublich intensiven Stimmung, die retrogerecht mit kleinen Filmrissen, Staubspuren und eingefärbtem Bild an Klassiker des Horrorgenres erinnert. Oft fühlt man sich an  „Halloween“, „Tanz der Teufel“ oder eben „Texas Chainsaw Massacre“ erinnert, um nur einige Beispiele zu nennen. Und dennoch kopiert Zhang seine Vorbilder nicht, sondern verbeugt sich mit einem eigenständigen Werk vor seinen Idolen. Und das macht richtig Spaß.

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Fazit: Stimmungsvoll und solide inszenierte Verneigung vor Horrorklassikern der 80er und 90er Jahre. Regie, Musik und Darsteller präsentieren sich auf hohem Niveau.

© 2017 Wolfgang Brunner