Interimere (2015)

interimere

Originaltitel: Interimere
Regie: Rene Zhang
Drehbuch: Rene Zhang, Romina Schade, Joachim F. Guck
Kamera: Robert Bogs
Musik: Julian Kantus
Laufzeit: 16 Minuten
Darsteller: Dennis Madaus, Moloch, Maya Klein, Ina Krenzel, Rene Zhang
Genre: Horror, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine mysteriöse Tonbandaufnahme führt den Ermittler „Pretty Jack“ auf die Spur eines vermissten Mädchens namens Ina. Je weiter er in das Geheimnis der verschwundenen Ina vordringt, desto mehr wird Jack bewusst, dass er selbst zum Gejagten geworden ist.

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Schon in den ersten Einstellungen wird einem klar, dass man hier einen sehr atmosphärischen Horror-Kurzfilm zu sehen bekommt, der sich an den Genreklassikern der 80er und 90er-Jahre orientiert. Es ist schon erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit Regisseur Zhang den Zuschauer in eine fast schon hypnotisierende Atmosphäre versetzt. Daran sind zum einen die unheimlich wirkenden Tonbandaufnahmen schuld, die sich der Protagonist anhört, und zum anderen ist es die fantastische Musik von Julian Kantus, die sofort an die magischen Klänge eines John Carpenter erinnert. Bereits nach wenigen Minuten erkennt man, dass das Potential, das die Story haben könnte, durch die kurze Lauflänge nicht ausgeschöpft werden konnte. Da geht manches leider viel zu schnell, obwohl Zhang dabei erstaunlicherweise die „heimelige“ 80er Jahre Stimmung durchgehend aufrecht erhalten kann. Das ist fast schon magisch. 😉

Neben einer interessanten Kameraarbeit und einem wirklich hervorragenden Soundtrack,  punktet „Interimere“ außerdem mit einem tollen Schauspieler-Ensemble, die durchweg mit ihrem Agieren überzeugen können. Allen voran kann Hauptdarsteller Dennis Madaus das Publikum mit seiner charismatischen Ausstrahlung für sich gewinnen. Moloch verbirgt sich zwar hinter einer furchterregenden Maske, verleiht dem Charakter des Killers aber alleine schon durch seine bedrohlich wirkende Körpergröße eine nahezu kultige Präsenz. Da wirken einige Szenen schon sehr bedrückend und erschreckend. Trotz des geringen Budgets, das Rene Zhang zur Verfügung stand, bekommt man einen sehr stimmungsvollen und spannenden Film zu sehen.
Wie oben schon erwähnt, leidet der Plot leider etwas an der Kürze des Films, denn einige Geschehnisse wirken unaufgelöst oder gar unerklärt. Das tut der Atmosphäre zwar keinen Abbruch, aber man hätte sich doch etwas mehr „Auflösung“ und Erklärungen gewünscht. Interessant dabei ist allerdings auch, dass einen durch so manch offene Frage der Film beschäftigt und man darüber nachdenkt, um selbst auf eine Lösung zu kommen. 😉 Das hat nun auch wieder seinen ganz besonderen Reiz, wie ich finde.

„Interimere“ könnte gut und gerne eine Laufzeit von 80 bis 90 Minuten haben. Und ich bin sicher, dass Zhang einen bedeutend atmosphärerischen Film in Szene setzen würde als mit seinem Kurzfilm. Gerade Dennis Madaus würde einem tiefergehenden Charakter gewachsen sein, bei dem er mehr seiner Schauspielerfähigkeiten zeigen könnte. Aber auch Maya Klein und Ina Krenzel wäre noch viel mehr zuzutrauen. Und hätte Moloch noch mehr Platz in der Geschichte, würde wohl ein Film entstehen, der den Zuschauern ein unangenehmes Gefühl im Magen bereiten würde wie seinerzeit „The Texas Chainsaw Massacre“.
Zusammengefasst würde ich behaupten, dass die Story und der Regisseur ein hohes Potential nach oben haben, hätten sie mehr Laufzeit zur Verfügung. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass „Interimere“ unausgegoren, unfertig oder nicht professionell genug wirkt. Nein, es ist ein fantastischer Kurzfilm mit einer unglaublich intensiven Stimmung, die retrogerecht mit kleinen Filmrissen, Staubspuren und eingefärbtem Bild an Klassiker des Horrorgenres erinnert. Oft fühlt man sich an  „Halloween“, „Tanz der Teufel“ oder eben „Texas Chainsaw Massacre“ erinnert, um nur einige Beispiele zu nennen. Und dennoch kopiert Zhang seine Vorbilder nicht, sondern verbeugt sich mit einem eigenständigen Werk vor seinen Idolen. Und das macht richtig Spaß.

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Fazit: Stimmungsvoll und solide inszenierte Verneigung vor Horrorklassikern der 80er und 90er Jahre. Regie, Musik und Darsteller präsentieren sich auf hohem Niveau.

© 2017 Wolfgang Brunner

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Howl – Endstation Vollmond (2015)

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Originaltitel: Howl
Regie: Paul Hyett
Drehbuch: Mark Huckerby, Nick Ostler
Kamera: Adam Biddle
Musik: Paul E. Francis
Laufzeit: 95 Minuten
Darsteller: Ed Speleers, Holly Weston, Shauna Macdonald, Elliot Cowan, Amit Shah, Sam Gittins, Rosie Day, Duncan Preston
Genre: Horror
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

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Der junge Schaffner Joe befindet sich im Nachtzug, der für die letzte Fahrt von London losfährt. Der Zug bleibt in der stürmischen und dunklen Nacht mitten im Wald plötzlich stehen. Kurz darauf werden die Wagons von wolfartigen Kreaturen angegriffen. Es beginnt ein unerbittlicher Kampf ums Überleben zwischen den wenigen Passagieren und den grauenhaften Wolfskreaturen.

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Der Einstieg in das Geschehen verläuft relativ ruhig und lässt dadurch die Erwartungshaltung immer mehr steigen. Das Konzept fand ich sehr gut, gerade weil anfangs alles sehr gemächlich vonstatten geht und man immer darauf gefasst sein muss, dass wohl bald etwas passiert. Der Schauplatz in einem Nachtzug wirkt unverbraucht und neu, vermittelt von Anfang an eine sehr tolle Atmosphäre. Der Inszenierungsstil und die Kameraführung können sich sehen lassen und wirken sehr professionell. Allerdings wird der Plot zum Ende hin, obwohl natürlich und erfreulicherweise immer mehr Spannung aufkommt, dennoch unfertig und teils hingeschludert. Da fehlt es plötzlich an Tiefe und Erklärungen, zumal sich einige der Protagonisten ziemlich dämlich verhalten. Die Entwicklung der Geschichte hätte aus meiner Sicht nicht so horrormäßig spektakulär werden müssen, sondern sich durchaus weiter auf der etwas ruhigeren Schiene bewegen sollen. Das hätte bedeutend mehr Wirkung und Glaubwürdigkeit besessen. Wirkt die Geschichte anfangs noch innovativ, so bewegt sie sich dann gegen Ende hin immer mehr in Richtung Mainstream, das man halt  schon ein paar Mal gesehen hat.

Nichtsdestotrotz macht „Howl“ riesigen Spaß, was zum einen wohl an den ganz fähigen Schauspielern, aber auch an den guten und überzeugenden Spezialeffekten liegt. Die Kreaturen sehen realistisch und vor allem erschreckend aus, auch wenn man sie nicht allzuoft zu Gesicht bekommt. „Howl“ funktioniert für mich wie eine Art Hommage an die „guten, alten“ Horrorfilme aus den 80er und 90er Jahren. Man fühlt sich natürlich alleine schon aufgrund der Thematik an John Landis‘ „American Werewolf“ oder Joe Dantes „Das Tier“ erinnert. Oft sind schöne, atmosphärische Bilder zu sehen, die den liegengebliebenen Nachtzug zeigen.
Wer blutigen Splatter erwartet, wird wohl enttäuscht sein, den Regisseur Paul Hyett legt eindeutig mehr Wert auf Atmosphäre als auf schockierende Momente. „Howl“ erfindet das Genre nicht neu, bringt aber Schwung in die Werwolf-Ecke.

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Fazit: Solide gedrehter und kurzweiliger  Werwolf-Horror mit einem stimmungsvollen Schauplatz. Schauspieler und Spezialeffekte können sich sehen lassen.

PS: Ich komme nicht umhin, zu erwähnen, dass ich bereits im Jahr 2010, also fünf Jahre vor „Howl“, einen Horror-Roman mit dem Titel „Nachtzug“ geschrieben habe, der 2011 veröffentlicht wurde. Auch hier bleibt ein Nachtzug auf freier Strecke liegen und die Reisenden werden von Kreaturen (bei mir waren es keine Werwölfe, sondern geklonte Hybriden zwischen Mensch und Hyäne) angegriffen. Wer also ein Buch über dieses Thema lesen will, darf gerne zu meinem Roman greifen. Und manch einer wird wohl denken, man habe sich bei „Howl“ an meiner Vorlage bedient, so ähnlich sind sich die Plots.

© 2016 Wolfgang Brunner

Eden Lake (2008)

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Originaltitel: Eden Lake
Regie: James Watkins
Drehbuch: James Watkins
Kamera: Christopher Ross
Musik: David Julyan
Laufzeit: 87 Minuten (uncut)
Darsteller: Kelly Reilly, Michael Fassbender, Thomas Turgoose, Bronson Webb, Jsck O’Connell, Finn Atkins
Genre: Drama, Thriller, Horror
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
FSK: SPIO/JK (indiziert)

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Jenny und Steve verbringen ein paar friedliche Tage an einem See in der englischen Provinz. Doch schon bald treibt eine Gruppe Jugendlicher ihre provozierenden und gemeinen Späße mit ihnen. Eine erste Auseinandersetzung zwischen Steve und den Halbstarken ist unvermeidlich. Als die Einheimischen das Auto der Urlauber stehlen und bei einer erneuten Auseinandersetzung der Hund eines der Jugendlichen aus Versehen getötet wird, eskaliert die Situation. Ein blutiger Albtraum beginnt.

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„Freitag, der 13.“ trifft auf „Die Klasse von 1984“ – irgendwie so empfand ich „Eden Lake“.
Die Landschaft, in der sich das Drama abspielt, erinnerte von der Stimmung her an die Filmserie um Jason Voorhees. Und die Provokationen der Jugendlichen glichen denen aus Mark L. Lesters Revenge-Thriller aus dem Jahr 1982. „Eden Lake“ lullt den Zuseher erst einmal mit schönen Landschaftsaufnahmen, einem verliebten Ehepaar und ruhiger Musik ein, bevor es so richtig zur Sache geht. Man möchte an manchen Stellen in den Bildschirm schlüpfen, um Jenny und Steve zu helfen und den Jugendlichen ordentlich eine mitzugeben.
Immer wieder versucht Steve, die Beleidigungen der Kinder zu ignorieren und Frieden zu stiften. Aber die Provokationen hören nicht auf und als nach einem eher unfreiwilligen Kampf aus Versehen der Hund eines der Jugendlichen getötet wird, eskaliert die Situation.

James Watkins legt in seinem Regiedebüt weniger Wert auf blutige Gewaltorgien, sondern lässt den Zuschauer mit an der Hilflosigkeit der Protagonisten, und später am wilden Rachefeldzug, teilhaben. „Eden Lake“ ist ein harter Thriller, der einen Alptraum heraufbeschwört, wie er tatsächlich passieren könnte. Eine Verstrickung unglücklicher Zufälle führt von einem Schrecken zum anderen. Manchmal erinnerte mich der Plot auch an die fantastische Jack Ketchum-Verfilmung „Red“.
Watkins versucht, Hintergründe zu eruieren, warum Jugendliche sich so verhalten, gleitet aber in einen schonungslosen, brutalen Revenge-Thriller ab, der seine anfängliche Botschaft bald schon zerstört. Das macht aber nichts, denn der Zuschauer fühlt wie die Protagonisten und will nur noch eines: Rache! Man fiebert also mit und vergisst manchmal, dass es Kinder sind, an denen sich die Erwachsenen rächen wollen. Hin und wieder tun einem dann die Kinder plötzlich doch wieder leid und so ist man in einem Wechselbad aus Gefühlen gefangen, aus dem man nicht mehr entkommt. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt ist Schluss mit lustig und Watkins dreht die Spannungsschraube abrupt höher. Geschickt schürt Watkins beim Zuschauer einen Hass auf Kinder (!!!), was im Grunde genommen kein Mensch möchte. Kinder sind liebens- und nicht hassenswert. Aber die Kinder in „Eden Lake“ schaffen es, nicht nur Jenny und Steve, sondern auch uns Zuschauer zu provozieren, bis wir zurückschlagen möchten.

Das Schöne an dem Film ist, dass sich Watkins wirklich Zeit lässt, um die anfangs ruhige Inszenierung schleichend immer schneller vorwärts zu treiben. Man gerät unweigerlich in einen Sog, der einen nicht mehr loslässt und bis zum bitteren Ende in Atem hält.
Schauspielerisch glänzen Kelly Reilly und Michael Fassbender gleichermaßen, obwohl Reilly letztendlich dann doch irgendwie mehr leistet. Gerade durch die anfangs teils berührenden Momente, in denen beide ihre Liebe zueinander zeigen, wird der brachiale Gewaltsturm, der über die beiden sozusagen aus heiterem Himmel hereinbricht, schier unerträglich für den Zuschauer. „Eden Lake“  bietet eine Menge: Drama, Liebe, Thriller, Horror, Splatter … und ist meiner Meinung nach schwer in ein Genre einzuordnen. Im Prinzip ist es ein Drama, das jedem von uns genauso passieren könnte. Und das ist das Erschreckende an diesem Film. So hart und unerbittlich die Bilder sind, die uns Watkins da präsentiert, so hart könnte die Realität für uns aussehen, wenn wir in eine solche Lage kommen würden.

„Eden Lake“ ist, wie die Kinder im Film, provokativ und führt uns vor Augen, wie schrecklich die Wirklichkeit sein kann (und manchmal schon ist). Der Film kommt mir vor wie eine Warnung – eine Warnung vor uns selbst und der Entwicklung der Menschheit. Das ist wahrer Horror …

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Fazit: Schockierend, verstörend, brutal und deprimierend. Ein Thriller-Drama, das es in sich hat und nachhaltig im Magen liegt.

© 2015 Wolfgang Brunner

It Follows (2014)

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Originaltitel: It Follows
Regie: David Robert Mitchell
Drehbuch: David Robert Mitchell
Kamera: Mike Gioulakis
Musik: Disasterpeace
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Olivia Luccard, Lili Sepe, Daniel Zovatto, Jake Weary
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahre

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Nachdem Jay mit Hugh geschlafen hat, bekommt sie das Gefühl nicht los, dass sie irgendetwas verfolgt. Immer paranoider werden die Verfolgungsängste, bis Jay schließlich erfährt, dass da tatsächlich Etwas ist, das hinter ihr her ist. Zusammen mit ihren Freunden versucht sie, das „Ding“ loszuwerden.

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David Robert Mitchells Film ist ein außergewöhnlicher Horror-Mystery-Thriller, der an vielen Stelen an die innovativen Arbeiten eines John Carpenter erinnert. Sehr stimmungsvoll und mit einer entsprechenden Musik untermalt, zeigt „It Follows“ eine Gruppe Teenager im Kampf gegen das Böse, bei dem man sich immer wieder mal an die 80er Jahre zurückversetzt fühlt. Stylische Kameraführungen und keine hektischen Schnitte machen diesen Film zu etwas Außergewöhnlichem in der Landschaft der Splatter- und Gorefilme. Aber Mitchell zeigt auch keinen Found Footage oder typischen Gruselfilm. Er geht einen eigenen und besonderen Weg.

„It Follows“ ist gruselig, aber nicht blutig.  Die Teenager wirken sehr erwachsen und handeln überlegt, dennoch werden sie dem unheimlichen „Es“ nicht Herr. Fast könnte man meinen, Mitchel hätte einen Stephen King-Plot mit einem John Carpenter-Drehbuch vermischt und etwas eigenes daraus hervorgezaubert. Das Erstaunliche daran ist, das „It Follows“ niemals langweilt, sondern fast durchgehend fasziniert. Man kann sich den Film ein zweites Mal ansehen (was ich übrigens getan habe) und entdeckt Neues, fühlt sich plötzlich auf andere Art von dem Mysterium angesprochen und beginnt nachzudenken, was „Es“ denn sein könnte. „Die Körperfresser kommen“ meets „Dämon“ – oder „John Carpenter“ meets „80er Jahre Horror“ oder Stephen Kings „ES“.

Die Geschichte ist im Gehirn des Zuschauers ausbaufähig, interpretierbar in vielen Richtungen und beschäftigt nachhaltig. Das Rätsel wird nicht wirklich gelöst, das ist wohl Aufgabe des Zusehers, der sich mit dem Plot beschäftigen mag, was in der heutigen Zeit wohl nicht mehr häufig vorkommt. Mitchell serviert ein Hauptgericht, bei dem der Zuschauer selbst die Zutaten erraten muss und dann entscheidet, ob es ihm schmeckt oder nicht. Mir hat „It Follows“ in höchstem Grad gemundet und gerade aufgrund seiner ruhigen Erzählweise zählt der Film für mich zu einem erfrischenden Beitrag im ansonsten mittlerweile eher uninspirierten Horror-Genre.

Die Schauspieler agieren allesamt absolut überzeugend und tragen zu der außergewöhnlichen Atmosphäre der Inszenierung genauso bei wie der wummernde Synthesizer-Soundtrack von Disasterpeace. „It Follows“ ist eindeutig einer der innovativsten Horrorfilme der letzten Zeit, bei dem man genau zusehen sollte, denn es verbergen sich unzählige „Geheimnisse“ in den gezeigten Bildern. Alleine schon die Farbkompositionen, aber auch die große Frage, in welchem Jahr die Geschichte angesiedelt ist. Zu viele Ungereimtheiten (die mit Sicherheit beabsichtigt sind) zerstören das Puzzle, das sich der Zuschauer selbst zusammensetzen muss. Ich finde es spitzenmäßig, was Mitchell da abgeliefert hat.
Und ganz nebenbei spiegelt der Film dann auch noch den Weg vom Teenager zum Erwachsenwerden wider.
Ich wage fast zu behaupten, dass es sich bei „It Follows“ schon jetzt um einen modernen Klassiker des Horrorfilms handelt.

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Fazit: Verstörend, spannend und meisterhaft verzwickt inszeniert.

© 2015 Wolfgang Brunner

Verlorene Tochter, Die – Alarm für Cobra 11 (1997)

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Originaltitel: Die verlorene Tochter
Regie: Robert Sigl
Drehbuch: Renate Kampmann
Kamera: Michael Wiesweg
Musik: Reinhard Scheuregger
Laufzeit: 46 Minuten
Darsteller: Erdogan Atalay, Mark Keller, Almut Eggert, Nina Weniger, Michael Habeck, Annette Kreft, Anne Kanis, Maximilan Wigger, Lena Sabine Berg, Manfred Richter
Genre: Action, Krimi
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahren

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Andre und Semir entdecken bei einem Autounfall zufällig eine Mädchenleiche. Die ersten Ermittlungen führen zu einem LKW-Fahrer, der aber bestreitet, die Tat begangen zu haben. Doch dann findet die Schwester der Toten ein Tagebuch und macht darin eine schreckliche Entdeckung …

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Robert Sigls Beitrag zur Action-Krimi-Serie „Alarm für Cobra 11“ kann vollends überzeugen. Wie in einer Besprechung der Süddeutschen Zeitung zurecht bemerkt, erinnert „Die verlorene Tochter“ an manchen Stellen tatsächlich atmosphärisch an David Lynchs geniale Serie „Twin Peaks“. Aber Sigl geht seinen eigenen Weg und kopiert nicht. Die kleinen Anspielungen auf Lynchs Kultserie, wie zum Beispiel der rote Vorhang in der Wohnung des Ehepaars de Sand, der Kameraschwenk über nebelverhangene Wälder oder das Auffinden des Tagebuchs, machen unheimlich Spaß.
Sigls Inszenierungsstil ist auch hier wieder unverkennbar und hochwertig. Das Ermittlerteam gerät in dieser Folge zwar etwas in den Hintergrund, wie ich finde, aber das ist nicht weiter dramatisch, denn die Handlung, auf die sich das Hauptaugenmerk richtet, verdient diese „Sonderbehandlung“ unbedingt.
Schauspielerisch ist mir neben Anne Kanis auf jeden Fall Michael Habeck aufgefallen, der die Vaterrolle sehr überzeugend spielte. Gerade gegen Ende der Folge war sein Schauspiel faszinierend.

Trotz der oft bedrückenden Stimmung gelang Robert Sigl ein spannender, rasanter Krimi, der Unterhaltung auf hohem Niveau bietet. Dramatisch, aber auch einfühlsam wird hier ein „schlimmes Thema“ behandelt, das betroffen macht.
Bei dieser „Alarm für Cobra 11“-Folge stimmt Regie, Drehbuch, Musik und Schauspieler.

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Fazit: Atmosphärische Folge aus der Krimi-Reihe „Alarm für Cobra 11“, die mit handwerklich solider Regie, guten Schauspielern und einer bedrückenden Handlung überzeugen kann.

© 2015 Wolfgang Brunner

Cold In July (2014)

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Originaltitel: Cold In July
Regie: Jim Mickle
Drehbuch: Jim Mickle, Nick Damici
nach dem Roman von Joe R. Lansdale
Kamera: Ryan Samul
Musik: Jeff Grace
Laufzeit: 110 Minuten
Darsteller: Michael C. Hall, Sam Shepard, Don Johnson, Vinessam Shaw, Nick Damici, Wyatt Russell, Lanny Flaherty, Rachel Zeiger-Haag, Brogan Hall
Genre: Thriller, Drama, Literatur
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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Richard Dane wacht in der Nacht auf und überrascht einen Einbrecher. In Notwehr erschießt Dane den Mann und wird von den Bewohnern als Held gefeiert. Doch es dauert nicht lange und der Vater des Erschossenen taucht auf und sinnt auf Rache. Dane muss um sein eigenen Leben und das seiner Familie fürchten. Doch schon bald stellt sich heraus, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Dane findet Hilfe bei Bob Luke, einem sehr eigenwilligen Gesetzeshüter.

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Regisseur Mickle hat mich schon mit „Vampire Nation“ und „We Are What We Are“ total fasziniert. Was er mit „Cold In July“ abgeliefert hat, fügt sich nahtlos in meine Begeisterungsliste ein. Ein abgefahrener Rache-Thriller, der in den Südstaaten spielt, und neben tollen Schauspielern viele unerwartete Wendungen bereithält.

Eines von Mickles Vorbildern muss wohl John Carpenter sein, denn durch die wahnsinnig stimmungsvolle Musik von Jeff Grace fühlt man sich desöfteren an Carpenters Kultfilme wie zum Beispiel „Die Klapperschlange“ oder „Assault – Anschlag bei Nacht (Das Ende)“ erinnert. Da kommt so manches Mal eine unglaublich gute Stimmung auf, die den Film zu einem beeindruckenden Erlebnis macht. Die wirklich überraschenden Wendungen haben mir außerordentlich gut gefallen, genauso wie das Wiedersehen mit „Miami Vice“ Don Johnson und „Six Feet Under“ Michael C. Hall. Die beiden spielen wunderbar. Daneben glänzt Sam Shepard in einer wie auf ihn zugeschnittenen Rolle.
Der Plot funktioniert so richtig gut und läßt niemals Langeweile aufkommen.
Inszenierung, Musik, ein gutes Drehbuch und das Zusammenspiel der drei Hauptprotagonisten macht „Cold in July“ zu einem echten Überraschungshit. Hinzu kommen die gekonnt und alles andere als aufdringlich verstreuten Anspielungen auf Kultfilme wie Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ oder Tarantinos „Kill Bill“. Das macht gute Laune und erweckt desöfteren den Eindruck, man sähe einen Kultfilm. Das Potential dazu hat Mickles satirischer Actionfilm auf alle Fälle.

Was als hochspannender, fast schon gruseliger Thriller beginnt, endet in einem witzigen und dennoch brutalen Actionreißer. Diese Mischung hat es wirklich in sich …

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Fazit: „Cold in July“ erinnert sehr stark an die besten Fime von John Carpenter und wandelt sich von einem dramatischen, beängstigenden Thriller in einen brutalen, mit Witzen gespickten, Actionfilm. Absolut sehenswert!

© 2015 Wolfgang Brunner

Session 9 (2001)

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Originaltitel: Session 9
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Brad Anderson, Stephen Gevedon
Kamera: Uta Briesewitz
Musik: Climax Golden Twins
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Peter Mullan, Josh Lucas, David Caruso, Stephen Gevedon, Brendan Sexton III
Genre: Thriller, Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahren

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In einer stillgelegten Irrenanstalt soll die Asbestbeschichtung entfernt werden. Einer der Arbeiter, der für Gordon Flemings Firma tätig ist, findet ein altes Tonband, auf dem Aufnahmen eines Patienten sind, der eine multiple Persönlichkeit besitzt. Immer undurchsichtiger werden die Ereignisse, die sich in der verlassenen Anstalt abspielen, bis einem der Männer eine schreckliche Wahrheit klar wird.

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Ich kann nicht verstehen, warum Brad Andersons „Session 9“ von vielen als schlechter Film bezeichnet wird und die Schauspieler als unfähig und unprofessionell empfunden werden. Beides trifft nämlich defintiv nicht zu, allerdings muss man wahrscheinlich voraussetzen, dass man nicht zu den Menschen gehört, die (Horror-)Filme nur wegen ihrer Schockeffekte oder geradliniger, einfach gestrickter Handlung ansehen. „Session 9“ lebt von einer unglaublich tollen, fast schon melancholischen Stimmung, die aber immer wieder von dezent unheimlichen Szenen unterbrochen wird.

Wer findet, dass Peter Mullan, David Caruso und Josh Lucas schlecht spielen, sieht wahrscheinlich in der Regel die falschen Filme, um so etwas behaupten zu können. Alle drei sind absolut gut, allen voran aber Peter Mullan, der den anderen die Show stiehlt.
Brad Anderson hat einen sehr stimmungsvollen Psychothriller erschaffen, der an einem unglaublich passenden Ort gedreht wurde und trotz seiner ruhigen Machart absolut spannend und vor allem unterhaltsam ist.

Dass es sich hier um einen Low Budget-Film handelt, kann man nur selten erkennen. Auch wenn „Session 9“ keine großartigen Überraschungen und Wendungen besitzt, bleibt er im Gedächtnis haften. Die Lösung schwebt schon relativ schnell im Raum (und im Gehirn des Zusehers), macht den Plot aber keineswegs spannungsarm. Für mich ein ganz klarer Geheimtip unter den Low Budget-Filmen mit einer sehr dichten Atmosphäre, an die man noch Tage danach denkt. „Session 9“ ist ein etwas anderer Horrorfilm und Psychothriller – und das ist auch gut so. Weitaus weniger innovative Inszenierungen bekommen wir leider zuhauf geboten, so dass derartige Ausnahmen wie Brandersons Irrenanstalt-Trip für Filminteressierte eine erfrischende Ausnahme bildet.

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Fazit: Außergewöhnlicher Ausnahme-Psychothriller, der von einem hochwertigen Inszenierungsstil, einer dichten Atmosphäre und unglaublich guten Darstellern lebt. Eine Perle unter den Low Budget-Filmen.

© 2015 Wolfgang Brunner