Coronoia 21 – It Comes with the Snow (2021)

Originaltitel: Coronoia 21 – It Comes with the Snow
Regie: Robert Sigl
Drehbuch: Robert Sigl
Kamera: Rostislav Stepanek
Musik: Markus Urchs
Laufzeit: 10 Min.
Darsteller: Robert Sigl, Annette Kreft
Genre: Kurzfilm, Drama, Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Ein Mann verliert in der Isolation während der Corona-Pandemie immer mehr seinen Verstand.

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Ein neuer Film von Robert Sigl? Und das in einer Zeit, in der eigentlich gar keine Filme gedreht werden können? Dann auch noch das Thema Corona, das man im Grunde genommen nicht mehr hören will? Und zu guter Letzt ist es „nur“ ein Kurzfilm?
Wer jetzt denkt, „Coronoia 21“ lohnt sich nicht, irrt sich gewaltig, denn es wäre kein Robert-Sigl-Film, wenn da nicht innerhalb einer kurzen Laufzeit ein Ergebnis herauskäme, das fasziniert, begeistert und einen nicht mehr loslässt. Sigl steht für künstlerische Qualität und eine starke Ausdrucksform, wie man sie heutzutage nur noch selten in einem (deutschen) Film zu sehen bekommt. „Coronoia 21“ ist einerseits mystisch verklärt und andererseits bedrückend realistisch, weil man sich an manchen Stellen selbst darin erkennt.
Inmitten des Münchner Schneetreibens versucht ein einzelner Mensch der Pandemie, der Isolation, der Unsicherheit zu entfliehen und gerät in einen Strudel voller Selbstzweifel, ob er dem Druck standhalten kann, und Wahnsinn, der einen ereilt, wenn man irgendwann erkennt, dass der Irrsinn keine Grenzen mehr hat.
Regisseur Robert Sigl in der Hauptrolle ist ein Gewinn für diesen Kurzfilm, denn Sigl hat nicht nur das Ruder für die filmische Umsetzung, sondern auch das der darstellerischen Kraft in der Hand. Das Ergebnis ist ein Trip durchs Ich, eine Welt voller Hoffnungen und Ängste, denen man sich nicht nur während einer Pandemie stellen muss.

Und da kommt auch schon ein Aspekt zum Tragen, der mich zusätzlich zu den eigentlichen Bildern des Films begeistert. „Coronoia 21 – It Comes With The Snow“ ist in hohem Grade interpretationsfähig, denn er zeigt eine menschliche Seite, die in uns allen steckt, und eben nur in Extremsituationen zum Vorschein kommt. Hier ist es die Corona-Pandemie, die den Protagonisten an sich selbst zweifeln und verzweifeln lässt, die Ängste, die tief in uns stecken, zum Vorschein bringt, weil wir nichts anderes mehr zu tun haben, als sich mit uns selbst zu beschäftigen. Sigls Kurzfilm wirkt wie eine Mahnung, wie ein Hilferuf an die Menschen, sich nicht von all den Dingen, die auf sie einwirken, erdrücken zu lassen. Zurück zum eigenen Ich, lernen, damit umzugehen.
Die Kulisse des verschneiten München wirkt fast wie aus einem Horrorfilm, und letztendlich hat sich die Pandemie zu einem Horrorszenario für manch einen entwickelt.
Robert Sigl agiert als Schauspieler wie in einem seiner ersten Kurzfilme mit dem Titel „Der Weihnachtsbaum“. Es ist so dermaßen schön anzusehen, wie sich ein Mensch in seiner darstellerischen Ausdrucksweise kaum verändert hat und auch nach so langer Zeit mit seiner Mimik und seinen Bewegungen noch immer faszinieren und den Zuschauer in seinen Bann ziehen kann.

Aber nicht nur die Einstellungen in freier Natur, sondern auch die im Inneren des Hauses und der Wohnung verströmen eine unglaublich bedrückende (aber dennoch auch wiederum schöne) Atmosphäre aus, die man nicht mehr so schnell vergisst. Die Wohnung vermittelt eine Heimeligkeit, die immer wieder durch paranoiaartige Schreckensszenarien durchbrochen wird und dadurch zeigt, dass man nicht einmal mehr zu Hause vor erschreckenden Begebenheiten sicher ist. Gerade diese Szenen zeigen, dass wir das Grauen einer solchen Pandemie irgendwann schließlich mit in unsere Wohnstätten nehmen, von ihm eingeholt werden und uns nicht mehr dagegen wehren können.
Sigl verneigt sich selbst in „nur“ zehn Minuten vor seinen cineastischen Vorbildern, spielt mit Schatten und Lichteinfällen, lässt den Zuschauer durch diese künstlerischen Feinheiten die Zeit vergessen und zieht ihn mitten hinein ins Geschehen. „Coronoia 21“ wirkt wie ein Stummfilm aus einer glanzvollen Arä, wie ein künstlerisches Artefakt, das einer der besten deutschen Regisseure in unsere Moderne holt, um uns zu zeigen, wie man Filme dreht. Ja, wie man „echte“ Filme drehen sollte, was leider in der heutigen Zeit immer seltener passiert. Mit wenig Mitteln, einen eindrucksvollen Film zu erschaffen, das ist Kunst. Neben Robert Sigl wirkt noch die Schauspielerin Annette Kreft mit, die dem Film durch ihr Auftreten zusätzlich noch eine besondere Note verleiht, denn sie verkörpert mit ihrer Rolle viele Dinge, über die es sich lohnt, nachzudenken. Sigl-Kenner wissen außerdem, dass sie beispielsweise in dessen Filmen „School’s Out 2“ (2001) oder dem Tatort „Rache-Engel“ (2005) mitgespielt hat. Auch diese Überraschung ist äußerst gelungen, lässt sie doch mitunter die „alten“ Zeiten wieder aufleben.

„Coronoia 21“ ist gleichermaßen Anklage gegen einzelne Maßnahmen seitens des Staates als auch erst einmal selbstloses Ergeben in die Situation, die sich mit der Zeit aber immer mehr in Unsicherheit, Zweifel und letzten Endes auch in Wahnsinn äußert. Man stellt sich unweigerlich die Frage, was mit den Menschen während dieser Pandemie geschieht, die einsam und alleine in ihren Wohnungen sitzen, während ihre Seele zerbröckelt. Menschlichkeit wird leider oftmals nicht mehr so großgeschrieben wie in früheren Zeiten. Der Kurzfilm ist eine Parabel über das Menschsein, über Ängste und Hoffnungen, aber auch Selbstaufgabe und Todesängste. Zehn Minuten, die eine Unmenge an menschlichen Emotionen abdecken, und sich fest im Kopf des Betrachters verankern. Es ist fast so, als hätte man auf diesen Film gewartet, um sämtliche Auswirkungen von Corona auf den Menschen und sein Seelenleben verstehen zu können. Robert Sigl hat mit seinem Film ein Meisterwerk erschaffen, denn er hat es geschafft, den tiefsten Horror, den diese Krankheit der Menschheit beschert hat, sicht- und fühlbar zu machen.
Es wird definitiv Zeit, dass Robert Sigl einen Kinofilm macht, denn genau solche, aus tiefstem Herzen künstlerisch gedrehten Filme braucht die Branche endlich wieder. In dieser Zeit sogar mehr denn je. Sigl könnte mit wenig anderen Regisseuren dem anspruchsvollen deutschen Film zu einer Wiedergeburt verhelfen.

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Fazit: Was macht Corona aus einem Menschen? Robert Sigl zeigt dies in kurzer Zeit auf fulminante Weise.

©2021 Wolfgang Brunner

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