Der Goldene Handschuh (2019)

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Originaltitel: Der Goldene Handschuh
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
nach dem Roman von Heinz Strunk
Kamera: Rainer Klausmann
Musik: FM Einheit
Laufzeit: 110 Minuten
Darsteller: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Uwe Rohde
Genre: Literaturverfilmung, True Crime, Horror, Komödie, Drama
Produktionsland: Deutschland, Frankreich
FSK: ab 18 Jahre

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Hamburg, 1970er Jahre. Fritz „Fiete“ Honka führt ein Leben am untersten Ende der Gesellschaft. Mit weiteren Randexistenzen und Alkohol in Mengen verbringt er die meiste Zeit in der Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ auf dem Kiez. Unfähig reguläre Beziehungen einzugehen, beginnt er Frauen zu morden, die er aus eben jener Kneipe mit Alkohol zu sich nach Hause lockt. Eines Tages verschlägt es ein schönes, junges Mädchen in den „Handschuh“ und erregt Fietes Aufmerksamkeit. Als sie den Laden alleine verlässt, folgt er ihr nach…

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Im Regelfall schreibe ich keine Reviews für größere Filme, denn sie haben es einfach nicht nötig oder es wurde bereits alles darüber gesagt. Beim Goldenen Handschuh muss ich jedoch einfach mit meinen Gewohnheiten brechen. Der Film hat mir einfach dermaßen gut gefallen, dass ich es auch nach dem zweiten Kinobesuch noch gar nicht richtig fassen kann. Aber keine Sorge, direkt im Anschluss kehre ich zu den kleinen, bedürftigen Filmen zurück.

Der Goldene Handschuh basiert auf dem gleichnamigen Buch von Heinz Strunk aus dem Jahr 2016, welches wiederum auf den realen Taten des Serienmörders Fritz Honka basiert. Das Drehbuch wurde von Regisseur Fatih Akin selbst verfasst. Meine Vermutung vor der Sichtung des Filmes lag nun nah, dass Akin dem Zuschauer höchstens eine verwässerte Version des Buches (Beispiel American Psycho [2000]) liefern würde, da streckenweise eine solch Übelkeit erregende Bösartigkeit an den Tag gelegt wurde, dass es für mich als ausgeschlossen galt, diese auf die Leinwand zu übertragen. Besonders in Anbetracht dessen, dass dem Film beträchtliche Summen staatlicher Filmförderung genehmigt wurden. Weit gefehlt! Akin liefert einen bitterbösen, dreckigen, fiesen, gemeinen, zynischen Bastard von einem Film ab, der hoffentlich die Tür für weitere staatlich geförderte Filme für ein erwachsenes Publikum offen hält. Hätte Der Goldene Handschuh zur Hochzeit der Videokassette das Licht der Welt erblickt, wäre er ohne Frage auf der Verbotsliste neben seinen Brüdern im Geiste, wie z.B. Maniac (1980) gelandet. Was den Film jedoch so besonders schwer verträglich macht, ist nicht nur seine explizite Gewaltdarstellung, die sich clever im Off abspielt. Es ist der Kontext des Films, der größtenteils eine gelungene Komödie ist. Lacht man einen Moment noch darüber, dass Honka bei einer fetten Frau, die er abgeschleppt hat, welche übrigens viele Jahre Zwangsprostituierte in einem KZ war, keinen hoch kriegt, wird man direkt im nächsten Moment auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt als er ihr mit mehreren Flaschen den Schädel zertrümmert.

Honka ist der geborene Verlierer, seine Lage ist hoffnungslos. Nicht die geringste Sympathie gewährt Akin ihm oder den anderen traurigen Suffköpfen des Films. Hatte man auch nur einen kurzen Moment das Gefühl, Fiete könne sich aus seiner Lage befreien, wird diese Hoffnung direkt zerschlagen, sobald er wieder mit Alkohol konfrontiert wird. Denn dieser wird keineswegs nur im Handschuh verzehrt. Er lauert hinter jeder Ecke. Ein zermürbendes Bild der muffigen, bundesdeutschen Realität jener Tage in der allerorts Kalendersprüche wie Durchhalteparolen gedroschen werden. Besonders schön ist hingegen, dass der Film keine Lösungen bietet. Nur der Zufall überführte Honka und kein Tatort-Ermittler. Kein Epilog klärt darüber auf, wie man Geschehenes hätte verhindern können. Es passierte einfach und es passiert wieder.

Wie bereits gesagt, bin ich dem Film voll und ganz verfallen. Besonders hervorheben möchte ich aber noch Jonas Dassler, der eine Weltklasse Leistung bei der Verkörperung Honkas abliefert. Außergewöhnlich wie er diese bemitleidenswerte Kreatur auf die Leinwand bringt und einen zum Lachen und im nächsten Moment den Atem zum Stocken bringen kann. Ebenso bemerkenswert ist der Soundtrack, der ein großartiges Schlager-Potpourri jener Zeit abliefert: von Adamo bis Christian Anders und von Juliane Werding bis Lys Assia – schön!

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Fazit: Ein Film, den Deutschland bitter nötig hatte! Darauf einen Fako!

© 2019 René Wiesner

Die Abenteuer von Wolfsblut (2018)

Wolfsblut

Originaltitel: Croc-Blanc
Regie:  Alexander Espigares
Drehbuch: Philippe Lioret, Serge Frydman, Dominique Monféry
nach dem Roman von Jack London
Kamera: –
Musik: Bruno Coulais
Laufzeit: 87 Minuten
Darsteller: –
Genre: Abenteuer, Animationsfilm, Literatur
Produktionsland: Frankreich, Luxemburg, USA
FSK: ab 6 Jahre

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Alaska zur Zeit des großen Goldrausches.
Ein Welpe, halb Hund und halb Wolf, gerät nach dem Tod der Mutter in Gefangenschaft und wird von einem alten Indianer zum Schlittenhund ausgebildet. Er bekommt aufgrund seiner Abstammung den Namen Wolfsblut. Schon bald erkämpft er sich die Position des Leittiers unter den Schlittenhunden. Doch dann gerät er in die Hände von skrupellosen Geschäftemachern, die Wolfsblut für Hundekämpfe missbrauchen.
Ein Marshall rettet ihn vor dem Tod und legt damit den Grundstein für den Beginn einer unzertrennlichen Freundschaft zwischen Mensch und Tier …

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„Die Abenteuer von Wolfsblut“ ist nicht die erste Adaption des Kinderbuchklassikers aus der Feder von Jack London. Neben Zeichentrickversionen gibt es auch zahlreiche Realverfilmungen. Unter anderem auch zwei des italienischen Regisseurs Lucio Fulci, der eigentlich für seine harten Zombiefilme bekannt ist. Das ist aber für den vorliegenden Film bedeutungslos und wollte von mir nur am Rande erwähnt werden. Der hier vorliegende Animationsfilm versprüht einen ganz eigenen Charme, der sich deutlich von den anderen Interpretationen abhebt. Man muss sich zwar, ehrlich gesagt, anfangs ein bisschen an die Art der Animation gewöhnen, denn sie wirkt anders als die von Disney/ Pixar, aber es dauert nicht lange und man gewinnt sowohl die Menschen wie auch die Tiere in diesem Film lieb. Vielleicht ist es sogar gerade diese gewisse Art und Weise der Unperfektheit dieser Animation, die diesen Film zu etwas besonderem macht. Denn genau dadurch gewinnt dieses Abenteuer absolut an Charme.

Was hier geboten wird, ist auch noch eine wirklich fantastische Gratwanderung zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm. Obwohl der Film ab 6 Jahre freigegeben ist , wirkt er an manchen Stellen schon etwas düster, brutal und auch deprimierend. Aber so ist nun einmal das Schicksal von Wolfsblut auch im Buch von Jack London beschrieben, insoweit hält sich „Die Abenteuer von Wolfsblut“ einfach auch an die Buchvorlage. Die Geschichte wird in oftmals wunderschönen Bildern erzählt und ist, zumindest gegen Ende hin, auch sehr emotional. Ich habe diesen Film mit meinem 5-jährigen Sohn angesehen, der ebenso begeistert wie ich war und sehr wohl auch die dramatischen Teile des Films verstanden hat. Ich will damit nur sagen, dass „Die Abenteuer von Wolfsblut“ in der Tat auch für Kinder geeignet ist, obwohl er, wie bereits erwähnt, im ersten Moment manchmal zu düster erscheint. Aber Kinder können der Handlung gut folgen und lernen, dass nach einer schlimmeren Begebenheit auch wieder Schönes passiert.

„Die Abenteuer von Wolfsblut“ hat mir persönlich sehr gut gefallen und ich bin sicher, dass ich mir diesen Film noch ein weiteres Mal anschauen werde. Neben der außergewöhnlichen Animation kann auch der Score von  Bruno Coulais absolut punkten. Denn er unterstreicht und ergänzt die gezeigten Bilder perfekt. Mit Sicherheit hat auch diese wunderschöne Musik aus meiner Sicht ihren Anteil daran, dass diesen Film zu einem wirklich tollen Erlebnis für jung und alt ist. Vor allem wenn man die Buchvorlage kennt wird man seine wahre Freude daran haben. Ich habe diesen Animationsfilm auf jeden Fall sehr genossen.

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Fazit: Wunderbarer Animationsfilm nach einem Kinderbuchklassiker. Absolut sehenswert.

© 2019 Wolfgang Brunner

Galveston – Die Hölle ist ein Paradies (2018)

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Originaltitel: Galveston
Regie: Mélanie Laurent
Drehbuch: Jim Hammett
Kamera: Dagmar Weaver-Madsen
Musik: Marc Chouarain
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: Ben Foster, Elle Fanning, Lili Reinhart, Adepero Oduye, Robert Aramayo, Maria Valverde, Beau Bridges
Genre: Drama, Thriller, Literatur
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahre

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Roy ist Profikiller und lebt irgendwie am Limit: Drogen und die Angst vor Lungenkrebs begleiten ihn durchs Leben. Für den in schmutzige Geschäfte verwickelten Stan  erledigt er so manch Drecksarbeit. Doch bei seinem letzten Auftrag geht einiges schief und er wird zur Flucht mit der jungen Prostituierten Rocky gezwungen,  die noch dazu ihre kleine Schwester mit hineinzieht. Ausgerechnet Roys Heimatstadt Galveston wird zum letzten Zufluchtsort für das ungleiche Trio, das von Stans Killern gejagt wird …

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Was für ein Film! Ohne jegliche Spezialeffekte, sondern nur mit atemberaubenden Schauspielerleistungen kann dieses Drama uneingeschränkt auftrumpfen. Es ist unglaublich, und aus meiner Sicht schon oscarreif, wie Ben Foster seine Rolle in diesem Drama meistert. Schon nach den ersten Minuten weiß man, was dieser Film bietet. Ein intensives Drama, dass einem wirklich den Atem nimmt. Ruhig und intensiv, aber dennoch mitreißend und voller Action. Es ist ein wirklich gelungener Genremix, den Mélanie Laurent nach einem Drehbuch von Jim Hammett in Szene gesetzt hat. Jim Hammet hat das Script nach seiner eigenen Romanvorlage (die er unter seinem richtigen Namen Nic Pizzolatto veröffentlicht hat) verfasst und dürfte den meisten Film- und Serienfanatikern durch seine Vorlage für „True Detectives“ bekannt sein.

„Galveston“ ist in erster Linie ein Roadmovie, in dem sich aber neben einer actionreichen, teilweise gewalttätigen Handlung auch ein Drama und eine sehr poetische und nachdenklich stimmende Liebesgeschichte verbirgt. Gerade letztere hat es mir persönlich angetan und mich sehr gefesselt und emotional berührt. Ein Hauch von „Lolita“ vermischt sich mit dem dramatischen Lebensabschnitt der beiden Protagonisten, die sich ihre Zuneigung nicht immer direkt zu verstehen geben. Genau das macht aber den Reiz jenes Aspekts dieses Films aus. Man fühlt und leidet mit den beiden, fühlt sich schlecht und glücklich gleichermaßen und beginnt immer wieder einen Hoffnungsschimmer inmitten all der sinnlosen Gewalt zu entdecken. „Galveston“ hätte gut und gerne auch aus der Feder von Larry Brown stammen können, der seinen Protagonisten ähnliche Steine in den Lebensweg legt. Die Lebensumstände erscheinen auch hier hoffnungslos, aber dennoch steckt der Plot seltsamerweise irgendwie doch voller Hoffnung. Es ist eine Gratwanderung, die sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch absolut gelungen ist.

 „Galveston“ ist, wenn man sich darauf einlässt beziehungsweise einlassen kann, ein unglaublich emotionaler Film, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Der französischen Regisseurin Mélanie Laurent rechne ich hoch an, dass sie den Stoff konsequent ohne Hollywood-Touch inszeniert hat und schonungslos auf ein Ende hinarbeitet, mit dem der Durchschnittskinogänger mit Sicherheit nicht rechnet. Alleine aus diesem Grund, und natürlich den fulminanten Leistungen der Schauspieler – allen voran Ben Foster – ist „Galveston“ ein absolutes Muss für Filminteressierte. Diesen Film kann ich ohne Einschränkungen zu den Streifen zählen, die ich mir vierundzwanzig Stunden nach der Erstsichtung sofort wieder ansehen könnte. Energiegeladen und eindringlich, mit diesen beiden Wörtern lässt sich die Atmosphäre von „Galveston“ vielleicht am besten beschreiben. Der Spannungsbogen des Films entwickelt sich nach einem kurzen Intro, das der Beschreibung der Personen und der jeweiligen Situationen, in denen sie sich befinden, dient, zu einem Wirbelsturm aus den verschiedensten Emotionen. Bis hin zum dramatischen und ergreifenden Finale.
Dem Film wird immer wieder vorgeworfen, er vertiefe nicht genug die Charaktere, weswegen man ihnen nie genug nahekäme, um ihre Gefühle zu verstehen. Das kann ich definitiv nicht bestätigen. Beide Charaktere wuchsen mir ans Herz und ich konnte, gerade im letzten Drittel, die Liebe zwischen ihnen förmlich spüren. „Galveston“ ist für mich ein grandioser Film.

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Fazit: Roadmovie mit einer emotionaler Wucht, die zwischen den Bildern steckt.

© 2019 Wolfgang Brunner

Spurlos – Ein Sturm wird kommen (2015)

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Originaltitel: Strangerland
Regie: Kim Farrant
Drehbuch: Michael Kinirons, Fiona Seres
Kamera: P. J. Dillon
Musik: Keefus Ciancia
Laufzeit: 107 Minuten
Darsteller: Nicole Kidman, Hugo Weaving, Joseph Fiennes, Lisa Flanagan, Maddison Brown, Meyne Watts, Nicholas Hamilton
Genre: Drama
Produktionsland: Australien, Irland
FSK: ab 12 Jahre

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Eines kann man Kim Farrants Film auf alle Fälle attestieren: Bei „Spurlos – Ein Sturm wird kommen“ handelt es sich eindeutig um einen ganz großen Schauspielerfilm. Im Mittelpunkt stehen schauspielerische Leistungen und keinerlei Spezialeffekte, was in der heutigen Zeit ein geradezu erfrischendes Erlebnis darstellt. Hinzu kommt eine sehr feinfühlige und außergewöhnliche Inszenierungsweise, die mich teilweise an „Walkabout“ von Nicolas Roeg erinnert hat.
Nicole Kidman zeigt hier in der Tat, welch phantastische und auch mutige Schauspielerin in ihr steckt. Sie trägt zusammen mit Hugo Weaving den Film. Und auch wenn Joseph Fiennes eine sehr gute Darbietung liefert, so wird er von Kidman und Weaving eindeutig in den Schatten gestellt, was vielleicht auch daran liegen mag, dass die Charakterzeichung seiner  Rolle nicht tief genug ausgearbeitet wurde.
Regisseurin Farrant zeigt großes inszenatorische Können, indem sie eine geradlinige Geschichte absolut unkonventionell erzählt. Daher ist es mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, diesem Drama zu folgen.
Mit einer unglaublichen Intensität wird hier eine dramatische Familiengeschichte erzählt, die unter anderem auch zwischenmenschliche Probleme zweier Ehepartner behandelt. Nicole Kidman stellt eine verzweifelte Frau unglaublich glaubhaft und emotional dar. Und auch wenn ihre Handlungen oftmals nicht ganz nachvollziehbar sind, so kann man sich gut durch ihre intensive Darstellung in den Charakter  hineinversetzen.

Man kann dem Film sicherlich vorwerfen, dass er sich nicht für ein bestimmtes Genre entscheiden kann. Das finde ich persönlich aber wiederum alles andere als schlimm, denn genau diese Mischung verschafft dem Zuschauer ein Gefühl, bei dem man absolut nicht weiß, wohin die Reise führt.
Hinzu kommt die wirklich sehr intensive Atmosphäre des Films, der man sich definitiv nicht entziehen kann. Manchmal möchte man gar nicht hinschauen, kann aber seinen Blick nicht von der Leinwand abwenden, weil man so fasziniert vom Agieren der Schauspieler ist und unbedingt wissen will, wie sich der Plot weiterentwickelt.
„Spurlos – Ein Sturm wird kommen“ wird den Großteil der Zuschauer ratlos (und vielleicht sogar ein bisschen enttäuscht) hinterlassen. Sicherlich ist die Haupthandlung nachvollziehbar, doch am Ende wird man verwirrt (und der ein oder andere auch unzufrieden) zurückgelassen. Denn es verhält sich ähnlich wie bei einem Film von David Lynch oder dem oben bereits erwähnten Nicolas Roeg: Die Inszenierung, und auch der Plot, lassen dem Zuschauer jede Menge eigene Interpretationsmöglichkeiten. Man versucht die philosophischen Aspekte und teilweise auch Lebensweisheiten zu erfassen, wird aber von dem Mysterium, das dieser Film ausstrahlt, schlichtweg manchmal überfordert.

Es ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber wer sich auf diesen Film einlassen kann, wird mit einem fulminanten Schauspielerfilm belohnt, der sich definitiv abseits des Mainstream bewegt. Für mich persönlich eine ganz große Überraschung, die mich sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch absolut begeistert und überzeugt hat. „Spurlos“ hat eine enorm nachhaltige Wirkung, die auch nach Tagen noch anhält. Einige Bilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf, was eindeutig für die Qualität und Intensität dieses Films spricht. Auch wenn nicht wirklich viel passiert, so steckt eine gewaltige Menge in diesem Drama. Der Kameramann leistet hervorragende Arbeit und auch der Score von Keefus Ciancia könnte nicht passender sein. „Spurlos – Ein Sturm wird kommen“ ist großes Kino, das sich nicht in Hollywood-Klischees und Mainstream-Blockbuster pressen lässt, sondern seinen ganz eigenen, fantastischen Weg geht. Und das ist auch gut so … denn ich wage glatt, diesen Film als eine Art Lebenserfahrung zu bezeichnen.

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Fazit: Mystisch, schockierend, philosophisch, schön und schrecklich zugleich.  Unkonventioneller Thriller mit atemberaubenden Schauspielern.

© 2019 Wolfgang Brunner

Montrak (2017)

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Originaltitel: Montrak
Regie: Stefan Schwenk
Drehbuch: Stefan Schwenk
Kamera: Marco Kies, Florian Weich
Musik: Myra
Laufzeit: 121 Minuten
Darsteller: Julia Dietze, Florian Freiberger, Csoma Shiva Hagen, Dustin Semmelrogge, Cosma Shiva Hagen, Martin Kesici, Adam Jaskolka, Sönke Möring, Udo Schenk, Nikolai Will, Ralph Stieber
Genre: Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 16 Jahre

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Der Burggraf Montrak wird im Mittelalter durch einen Ring, der Luzifer gehört, in einen Vampir verwandelt. Als die Menschen ihn jagen, lässt er sich töten, damit der Mythos seines Vampirdaseins in Vergessenheit gerät. In der Gegenwart verschwinden dann in Deutschland immer mehr Menschen. Man vermutet anfangs, dass Wölfe dahinter stecken, doch es sind Vampire. Montraks Untertanen wollen einen neuen Meister erwecken, der ihnen die Herrschaft über die ganze Welt verschaffen soll. Eine kleine Gruppe von Menschen stellt sich der Bedrohung in den Weg.

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Da ist er nun also: „Montrak“, der Vampirfilm von Stefan Schwenk, der durch eine Startnext-Kampagne ermöglicht werden konnte. Und was soll ich sagen? Das Warten hat sich eindeutig gelohnt. Schwenk hat eine Art Episodenfilm geschaffen, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt und ein stimmiges Gesamtbild am Ende ergibt.
Was mir schon am gleich am Anfang aufgefallen ist, ist die wunderbare Musik von Myra. Da kam sofort ein 80er Jahre Flair auf, dass mich in seinen Bann gezogen hat. Es gab einige Szenen, die mich gerade durch diese fantastische Musikuntermalung an einen Film von John Carpenter erinnert haben. Aber der Score ist natürlich nicht alles, was diesen deutschen Film ausmacht.

Schwenk hat ein geschicktes Händchen, was das Inszenieren eines Films angeht. Wunderbare Natur- und Landschaftsaufnahmen wechseln sich mit stimmungsvollen Bildkompositionen ab, die sehr professionell wirken. Durch die episodenartige Erzählweise kommt in zwei Stunden Laufzeit niemals Langeweile auf, denn man möchte natürlich wissen, wie es weitergeht und wo die Verbindung zwischen den Geschichten steckt. Mir persönlich hat übrigens Kapitel 2 besonders gut gefallen, in dem der Bauer die Saat des Bösen weiterträgt. Schwenk hat auch eine ansehnliche Schauspielerriege um sich versammelt, die durchwegs kompetente Arbeit abliefert. Manchmal geht es auch so richtig zur Sache, wenn zum Beispiel die Vampire ihre Angriffe starten. Die Spezialeffekte sind durchwegs gelungen und wirken ebenfalls äußerst professionell.

Stefan Schwenk ist eindeutig ein Filmfreak. Und wenn man genauer hinsieht, entdeckt man unzählige Anspielungen auf Horrofilmklassiker der 80er Jahre wie z.b. „Lost Boys“, „Highlander“, „Terminator“, „Near Dark“ und eben auch Carpenter Filme. „Montrak“ macht einfach Spaß und kann sich in vielerlei Hinsicht mit ausländischen Produktionen messen. Es ist wirklich erstaunlich, mit welch relativem geringem Budget Stefan Schwenk diesen Film auf die Beine stellen konnte. Hier wird in erster Linie mit Schauspielerei, filmischer Inszenierung und gekonnten Schnitten und Musikeinsätzen gearbeitet, was den Film ohnehin sympathisch macht.
Schwenks „Montrak“ kann sich sehen und hören lassen. Schwenk, der übrigens bei Olaf Ittenbachs „Legend Of Hell“ auch die Regieassistenz übernommen hat, arbeitete fünf Jahre lang an diesem Film und wenn man sich das vor Augen hält, erkennt man vielleicht, wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt. Erstaunlicherweise verhält es sich auch so, dass Schwenk die wenigen Momente, in denen der Film amateuermäßig wirkt (beziehungsweise wirken könnte 😉 ), so geschickt mit Schnitten und stylischen Einstellungen / Bildern kaschiert, dass es letztendlich gar nicht richtig auffällt.

Mir persönlich hat „Montrak“ wirklich sehr gut gefallen, auch wenn ich mir beim Drehbuch ein wenig mehr Raffinesse gewünscht hätte. Aber in erster Linie soll solcherart Film erst einmal unterhalten und das tut er auf alle Fälle. Schwenkt bringt keinen frischen Wind in das Vampirgenre, sondern versteift sich eher auf Gewohntes. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wichtig ist, wie er es macht. Und, wie oben schon erwähnt, seine Anspielungen auf Klassiker bis hin zu einem eignen kleinen Cameo-Auftritt machen diesen Film zu etwas besonderem in der deutschen Filmlandschaft, in der in der Regel nur flache Komödien (pseudo-)erfolgreich sind oder von Produzenten unterstützt werden. Umso genialer empfinde ich es, dass sich das Label Nameless diesem Film angenommen und in einem schicken Mediabook veröffentlicht hat. Man wünscht sich eindeutig mehr solcher Produktionen und ich will gar nicht daran denken, was für ein Hammerfilm herausgekommen wäre, hätte Stefan Schwenk das zehnfache Budget zur Verfügung gehabt.

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Fazit: Hochwertiger, stylischer Vampirfilm aus Deutschland, der absolute Professionalität zeigt.

© 2019 Wolfgang Brunner

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