Ossarium (2018)

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Poster Artwork by Jeff Clark.

Originaltitel: Ossarium
Regie: René Wiesner
Drehbuch: René Wiesner
Kamera: René Wiesner
Musik: Stephan Ortlepp
Laufzeit: 11 Minuten
Darsteller: Ans
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine Frau besucht ein Beinhaus (Ossarium) in Tschechien. Schon bald spürt sie, dass sie sich dem Bann der alten Gebeine und Schädel nicht entziehen kann.

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Das Sedletz-Ossarium, oder auch Kostnice Sedlec ist ein Beinhaus in tschechischen Sedletz und ist ein Ortsteil von Kutná Hora, einer Stadt 70 Kilometer östlich von Prag. Im Untergeschoss der Allerheiligenkirche auf dem Sedletzer Friedhof findet man einen überdachten Raum, der zur Aufbewahrung von Gebeinen bestimmt ist. Unter anderem diente dieses „Seelenhaus“ als Kulisse für Filme wie „Dungeons & Dragons“. René Wiesner hat am Originalschauplatz gedreht und eine wunderbare Arbeit abgeliefert.
Eine Frau sieht sich dieses Ossarium in René Wiesners Film an und verfällt den kunstvoll arrangierten Gebeinen und Schädeln. Auf den ersten Blick wirkt „Ossarium“ wie ein Dokumentarfilm, der in wunderschönen Bildern diesen mystischen Ort einfängt und eine faszinierende Stimmung verbreitet. Begleitet von sphärischen Klängen, die hervorragend diese Atmosphäre unterstreichen, führt uns der Filmemacher durch die Anlage, als wären wir selbst Besucher dieser Örtlichkeit. Die Sehenswürdigkeit wird in den knapp elf Minuten Laufzeit ausgiebig vorgestellt und durch die stimmungsvollen Bilder faszinierend in Szene gesetzt.

Wie gesagt, man meint anfangs, man schaut sich einen Dokumentarfilm an. Doch wenn man geduldig wartet, bis der Abspann durchgelaufen ist, wird man eines besseren belehrt. Denn erst dann erschließt sich einem Wiesners Anliegen und verwandelt den dokumentarischen Charakter des Kurzfilms in einen erzählerischen Kontext. Die Frau lauscht den Geschichten dieser Schädel, die sie gerade zuvor noch gesehen hat, und versinkt förmlich in deren Vergangenheit. Die junge Darstellerin mit dem geheimnisvollen, prägnanten Namen Ans verleiht dem Charakter der Protagonistin, die sie darstellt, nur durch ihre Mimik eine ganz eigene Persönlichkeit. Fast möchte man meinen, diese junge Frau persönlich zu kennen, so ausdrucksvoll „erzählt“ sie ihre Gedanken nach dem Erleben des Ossariums. Denkt man eine Weile über diesen Kurzfilm nach, kann man getrost sagen, dass René Wiesner auf eine ganz intime (und intensive) Weise dem tschechischen Beinhaus ein kleines (filmisches) Denkmal gesetzt hat.

René Wiesner übernahm bei diesem Kurzfilm Regie, Kamera und Schnitt. Man spürt die Hingabe an dieses Projekt in vielen Einstellungen und merkt, das dem Regisseur etwas an seinem Film und der Örtlichkeit, die er darstellt, liegt. Im Nachhinein wirkt „Ossarium“ wie eine Liebeserklärung an das geheimnisvolle Gewölbe unter der Kirche und eine nachträgliche „letzte Ehre“ an die Besitzer jener alten Knochen, die man dort zu sehen bekommt.  Abgerundet wird genau jener Eindruck auch noch durch die wirklich passende und sphärische Musik von Stephan Ortlepp, der unter anderem auch den Score zu Olaf Ittenbachs „Five Seasons“ komponierte.
„Ossarium“ ist ein Erlebnis, auf das man sich einlassen muss: Auf seine ruhige Erzählweise, auf seine im Grunde genommen simple Struktur, die aber zwischen den Bildern eine weitaus größere Geschichte zeigt, als man sie auf den ersten Blick zu sehen bekommt. „Ossarium“ könnte man als „Kurzfilm-Kino zum Genießen und Nachdenken“ bezeichnen. Denn eigentlich beginnen die eigentlichen Geschichten erst nach dem Film im Kopf des Zuschauers.

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Fazit: Absolut sehenswerter, stimmungsvoller Kurzfilm, der zum Träumen und Nachdenken einlädt.

© 2018 Wolfgang Brunner

Ein Gedanke zu “Ossarium (2018)

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