Ohne dich (2018)

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Originaltitel: Ohne dich
Regie: Benjamin Bechtold
Drehbuch: Benjamin Bechtold
Kamera: Marc Schiemann
Musik: Richard Albert, Aljoscha Reinhardt
Laufzeit: 9 Minuten
Darsteller: Nikolai Will, Lilly Volk, Swantje Riechers
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Ein Mann auf der Suche nach der Liebe seines Lebens. Und nach etwas vollkommen anderem …

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Da ist es wieder: Das Gespann Benjamin Bechtold und Nikolai Will, das mich schon mit der kleinen Nachtgeschichte „Dämonisch“ begeistern konnte. Und mit „Ohne dich“ tun sie es aufs Neue. Es ist immer wieder toll, Nikolai Will dabei zu beobachten, wie er in seinen Rollen aufgeht. Hinzu kommt die sehr feinfühlige, fast schon poetische Inszenierung durch Benjamin Bechtold, die dem knapp neunminütigen Genremix aus melancholischem Liebesschmerz und kaltblütigem Thriller wieder einmal eine ganz besondere Note verleiht. Ich hätte den Bildern und dem Agieren von Nikolai Will gut und gerne eineinhalb Stunden zusehen können, so eindringlich ist das Ergebnis wieder geworden. „Ohne dich“ kann man gar nicht so einfach beschreiben, denn er bewegt sich, wie oben schon erwähnt, tatsächlich zwischen verschiedenen Genre und hinterlässt den Zuseher einerseits mit einer schmerzlichen Sehnsucht nach Liebe und andererseits mit einer schockierenden Konsequenz, mit der man am Ende konfrontiert wird.

Doch über die an sich grauenhafte Handlung legt sich ein nostalgischer Schleier, der wunderschön ist.  Genau diese Gratwanderung, nämlich ein „schlimmes“ Thema zu verzerren und sozusagen aus der geschönten Sicht eines „Täters“ zu zeigen, möchte ich fast schon typisch für die Zusammenarbeit von Bechtold und Will bezeichnen. „Ohne dich“ ist die erste Produktion von Nikolai Wills „Tante Dora Film“ in Zusammenarbeit mit Fearling Entertainment und kann sich absolut sehen lassen. Was den faszinierenden Kurzfilm noch auf optimale Weise abrundet, sind zum einen die von Kameramann Marc Schiemann wunderschön eingefangenen Bilder und zum anderen die tieftraurigen und elegischen Kompositionen von Richard Albert und Aljoscha Reinhardt. Der Score und die gemäldehaften Bilder erschaffen in der kurzen Laufzeit eine unglaublich intensive Atmosphäre, der man bereits nach den ersten Einstellungen verfällt. „Ohne dich“ entwickelt sich von einer Ode an die Liebe in einen deprimierenden Thriller, bei dem der Zuschauer nicht nur die Opfer, sondern auf bestimmte Art und Weise auch den Täter bedauert und bemitleidet. Es ist wirklich erstaunlich, dass Nikolai Will in dieser Rolle auch eine gewisse Sympathie auf den Zuschauer überträgt und Empathie empfinden lässt.

Man wünscht sich unweigerlich ein Langfilmprojekt, wenn man sich „Ohne dich“ ansieht. Gerade die inszenatorische Handschrift von Benjamin Bechtold in Verbindung mit der natürlichen Rollenbewältigung und -darstellung von Nikolai Will würde Großes versprechen. Es wäre mit Sicherheit ein besonderer, ruhiger und „schöner“ Film (selbst, wenn er, wie bei „Ohne dich“, ein unangenehmes Thema behandeln würde). „Ohne dich“ erzählt eine Geschichte die berührt und gleichzeitig schockiert. Man weiß nicht genau, was man über den Plot denken soll, empfindet auf der einen Seite „schöne“ und auf der anderen irgendwie „unschöne“ Gefühle. Und genau deswegen packt „Ohne dich“ den Zuschauer, denn er befindet sich in der Zwickmühle, weil er für einen „bösen“ Protagonisten Sympathie empfindet. Das nenne ich mal Zuschauerbeeinflussung: Chapeau! an die Herren Bechtold und Will. Aber auch an die gesamte Crew um diese kleine Kurzfilmperle, die über Kamera, Musik und perfekten Schnitt bis in die toll gespielten Nebenrollen fantastisch besetzt ist.

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Fazit: Wunderbar gespielter und fantastisch inszenierter Poesie-Thriller, der den Zuschauer auch nach Sichtung noch beschäftigt.

© 2018 Wolfgang Brunner

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After Midnight (2018)

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Originaltitel: After Midnight
Regie: Daniele Misischa (Vlog: L’ultimo video di Sara), Davide Pesca (Taste of Survival), Francesco Longo & Paolo Mercadante (Nyctophobia), Davide Cancila (Nel Buio), Luca Bertossi (Io non le credo), Nicola Pegg (Escape from Madness), Roberto Albanesi (Che Serata di merda!) Eugenio Villani (Haselwurm)
Drehbuch: Daniele Misischa (Vlog: L’ultimo video di Sara), Davide Pesca (Taste of Survival), Francesco Longo (Nyctophobia), Davide Cancila (Nel Buio), Luca Bertossi (Io non le credo), Nicola Pegg (Escape from Madness), Roberto Albanesi (Che Serata di merda!) David C. Fragale (Haselwurm)
Kamera: Misha Isic (Vlog: L’ultimo video di Sara), Paolo Del Fiol (Taste of Survival), Paolo Mercadante (Nyctophobia), Davide Cancila (Nel Buio), Massimo Bocus & Luca Bertossi (Io non le credo), Nicola Pegg (Escape from Madness), Alessandro  Ferrari (Che Serata di merda!) Carlo David Mauri, Federico Fronterre`, Andrea Riboni (Haselwurm)
Musik: Francesco Tresca (Taste of Survival), Francesco Longo (Nyctophobia), Daniele Pistocchi (Nel Buio), Fabio Bertossi & Betty Maier (Io non le credo), Overcrown (Escape from Madness), Oscar Perticoni (Che Serata di merda!), Maresca Gambino (Haselwurm)
Laufzeit:  85 Minuten
Darsteller: Chiara Nicolanti, Claudio Camilli  (Vlog: L’ultimo video di Sara), Alex de Simoni, Elisabetta Rasero, Fabio Nobili (Taste of Survival), Roberto Ramón, Roberto D’Antona, Aurora Elli (Nyctophobia), Federico Mariotti,  Ela Fiorini, Gea Martina Landini (Nel Buio), Stefano Mussinano, Sebastiano Zoletto, Mariacristina Barbetti (Io non le credo), Anna Fraccaro, Luca Simeoni, Giacomo Casagrande (Escape from Madness), Massimo Mas, Sara Basile, Marco Piacentini (Che Serata di merda!), Giorgio Papa (Haselwurm)
Genre: Horror, Experimentalfilm, Undergroundfilm, Splatter
Produktionsland: Italien
FSK: k.A. – ungeprüft

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Acht Kurzfilme aus Italien, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise den Italo-Horror der 80er Jahre wiederauferstehen lassen.

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Die Kurzfilm-Sammlung beginnt mit „Vlog: L’ultimo video di Sara“.  Es geht dabei um eine Videobloggerin, die sich über die bösen Kommentare ihrer Follower beschwert und dabei von einem Unbekannten in ihrer Wohnung bedroht wird. Regisseur Daniele Misischa zeigt eine Art „Found Footage“-Horror, die von der ersten Minute an sehr authentisch und unterhaltsam wirkt. An einer Stelle bin ich zugegebenermaßen auch wirklich sehr erschrocken. Misischa übt scharfe Kritik am Verhalten von Internetnutzern und führt die oftmals übertriebene „Sucht“ nach Likes in sozialen Netzwerken zu einem konsequenten Ende. Wenngleich nicht die beste Geschichte von „After Midnight“, so doch eindeutig die gesellschaftskritischste.

„Taste of Survival“ von Davide Pesca ist eine apokalyptische Kannibalengeschichte, die an „Mad Max“ erinnert. Pesca ist eine zwar ausdrucksstarke, aber nicht wirklich innovative Story gelungen. Unterhaltsam ist die mit leichtem Gore-Anteil geschmückte Mär aber auf jeden Fall.

Mit „Nyctophobie“ komme ich auch schon zu einem der Highlights dieser Kurzfilm-Sammlung, die übrigens absolut keinen thematischen Zusammenhang aufweist. Die Regisseur Francesco Longo & Paolo Mercadante haben ein wirklich atmosphärisches, gruseliges und unheimliches Kammerspiel erschaffen, das einen von Anfang an in den Bann zieht. Das liegt aber nicht nur an der interessanten Story, die sich Francesco Longo ausgedacht hat, sondern auch an dem sehr passenden Hauptdarsteller Roberto Ramón. „Nyctophobie“ hat mir, wie gesagt, sehr gut gefallen, vor allem die bedrückende Atmosphäre.

Mit „Nel Buio“ (Deutsch: „Im Dunkeln“) folgt ein ebenso stimmungsvoller Kurzfilm, der noch mehr an ein psychologisches Kammerspiel erinnert wie „Nyctophobie“. Es geht um einen Autounfall und die damit verbundenen psychischen und alltäglichen Bewältigungen danach. Gewürzt mit ein paar gruseligen Horroreinlagen schildert der Film allerdings den Horror der Realität. Regisseur Davide Cancila hat mit seinen beiden Hauptdarstellern Federico Mariotti und Ela Fiorini einen Glücksgriff getan, denn sie vermitteln die bedrückende Atmosphäre exzellent.

Der nachfolgende „Io noin credo“ („Ich glaube nicht“) reiht sich weiterhin in die eher „ruhige Schiene“ ein, obwohl dort ein Geist sein Unwesen treibt, dass an einen aktuellen Film aus dem „Conjuring“-Universum erinnert. Auch hier fühlte ich mich auf jeden Fall sehr gut unterhalten.

„Escape from Madness“ von Regisseur Nicola Pegg geht dann aber wieder in eine völlig andere Richtung, die Fans von „Hostel“ und anderen Torture-Filmen Vergnügen bereiten wird. Pegg huldigt augenscheinlich einem Kultklassiker von Tobe Hooper und hat, genauso wie Darstellerin Anna Fraccaro, sichtbar große Freude daran. „Escape from Madness“ dürfte bei den Splatteranhängern auf Interesse stoßen.

„Che Serata di merda!“ („Was für ein Scheißabend!“) ist eine nicht ganz ernst zu nehmende Verneigung vor den italienischen Zombiefilmen der 80er Jahre. Was mit einem nebelumtosten, wankenden Untoten beginnt, endet in einer fast schon philosophischen Unterhaltung über erdachte Filmfiguren und deren Handlungen. Was von der Grundsatzidee wirklich gut ist, hat mich allerdings durch den gewöhnungsbedürftigen Humor etwas aus dem Kontext der vorgergehenden, ernsten Geschichten gerissen und mich leider, trotz der unübersehbaren Referenzen an alte Klassiker des Genres, am wenigsten aller Geschichten aus „After Midnight“ überzeugt.

„Haselwurm“ beendet den Reigen italienischer Underground-Independent-Filme und legt noch einmal einen echten Knaller hin. Weniger Horror als vielmehr auf mystischem Weg begleiten wir eine Frau, die sich für das Leben eines Freundes oder ihr eigenes Überleben entscheiden muss. Die Spezialeffekte wirken auf den ersten Blick und für eine Low Budget-Produktion absolut annehmbar. Und auch die Story, in Verbindung mit der stimmigen Musik von Maresca Gambino, wirkt ähnlich wie ein filmischer Drogenrausch a lá David Lynch. Ein gelungener und stimmungsvoller Abschluss des Filmes, wie ich finde.

Insgesamt gesehen stellt „After Midnight“ für Genrefreunde und Anhänger ideenreicher Independent-Filme eine absolut gute UNterhaltung dar, die in vielerlei Hinsicht die Zeit der 80er Jahre Italo-Horrorfilme aufleben lässt. Durch die unterschiedlichsten Themen kommt keine Minute Langeweile auf und, wer sich auf die manchmal amateurhaften Leistungen der Filmschaffenden einlassen kann, wird mit witzigen, melancholischen, ruhigen und auch blutigen Kurzfilmen belohnt, die, im Nachhinein betrachtet, auch tatsächlich im Gehirn des Zuschauers haften bleiben. Und das schafft so manch angeblicher Blockbuster bei weitem nicht. „After Midnight“ sind Filme von Filmfreaks für Filmfreaks. Underground pur mit einem Hauch Professionalität, wenn man genauer hinsieht. Ich persönlich fand „After Midnight“ unbedingt sehenswert und werde mir den Film mit Sicherheit auch noch einmal ansehen. Dank dem jungen Label „Dirt n Dust“ bleibt dem deutschen, interessierten Filmfan diese Sammlung italienischer Nachwuchstalente, die, wie gesagt, den Geist der 80er Jahre aufleben lassen, nicht verwehrt. Dafür möchte ich ausdrücklich meinen Dank aussprechen, dass wir solche unbekannten Filme zu sehen bekommen.
Meine Favoriten sind eindeutig „Nel Buio“, „Haselwurm“ und „Nyctophobie“.

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Fazit: Sehenswerte Independent-Produktionen im Stil der 80er Jahre Italo-Horrorfilme.

© 2018 Wolfgang Brunner

Ossarium (2018)

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Poster Artwork by Jeff Clark.

Originaltitel: Ossarium
Regie: René Wiesner
Drehbuch: René Wiesner
Kamera: René Wiesner
Musik: Stephan Ortlepp
Laufzeit: 11 Minuten
Darsteller: Ans
Genre: Drama, Kurzfilm
Produktionsland: Deutschland
FSK: k.A.

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Eine Frau besucht ein Beinhaus (Ossarium) in Tschechien. Schon bald spürt sie, dass sie sich dem Bann der alten Gebeine und Schädel nicht entziehen kann.

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Das Sedletz-Ossarium, oder auch Kostnice Sedlec ist ein Beinhaus in tschechischen Sedletz und ist ein Ortsteil von Kutná Hora, einer Stadt 70 Kilometer östlich von Prag. Im Untergeschoss der Allerheiligenkirche auf dem Sedletzer Friedhof findet man einen überdachten Raum, der zur Aufbewahrung von Gebeinen bestimmt ist. Unter anderem diente dieses „Seelenhaus“ als Kulisse für Filme wie „Dungeons & Dragons“. René Wiesner hat am Originalschauplatz gedreht und eine wunderbare Arbeit abgeliefert.
Eine Frau sieht sich dieses Ossarium in René Wiesners Film an und verfällt den kunstvoll arrangierten Gebeinen und Schädeln. Auf den ersten Blick wirkt „Ossarium“ wie ein Dokumentarfilm, der in wunderschönen Bildern diesen mystischen Ort einfängt und eine faszinierende Stimmung verbreitet. Begleitet von sphärischen Klängen, die hervorragend diese Atmosphäre unterstreichen, führt uns der Filmemacher durch die Anlage, als wären wir selbst Besucher dieser Örtlichkeit. Die Sehenswürdigkeit wird in den knapp elf Minuten Laufzeit ausgiebig vorgestellt und durch die stimmungsvollen Bilder faszinierend in Szene gesetzt.

Wie gesagt, man meint anfangs, man schaut sich einen Dokumentarfilm an. Doch wenn man geduldig wartet, bis der Abspann durchgelaufen ist, wird man eines besseren belehrt. Denn erst dann erschließt sich einem Wiesners Anliegen und verwandelt den dokumentarischen Charakter des Kurzfilms in einen erzählerischen Kontext. Die Frau lauscht den Geschichten dieser Schädel, die sie gerade zuvor noch gesehen hat, und versinkt förmlich in deren Vergangenheit. Die junge Darstellerin mit dem geheimnisvollen, prägnanten Namen Ans verleiht dem Charakter der Protagonistin, die sie darstellt, nur durch ihre Mimik eine ganz eigene Persönlichkeit. Fast möchte man meinen, diese junge Frau persönlich zu kennen, so ausdrucksvoll „erzählt“ sie ihre Gedanken nach dem Erleben des Ossariums. Denkt man eine Weile über diesen Kurzfilm nach, kann man getrost sagen, dass René Wiesner auf eine ganz intime (und intensive) Weise dem tschechischen Beinhaus ein kleines (filmisches) Denkmal gesetzt hat.

René Wiesner übernahm bei diesem Kurzfilm Regie, Kamera und Schnitt. Man spürt die Hingabe an dieses Projekt in vielen Einstellungen und merkt, das dem Regisseur etwas an seinem Film und der Örtlichkeit, die er darstellt, liegt. Im Nachhinein wirkt „Ossarium“ wie eine Liebeserklärung an das geheimnisvolle Gewölbe unter der Kirche und eine nachträgliche „letzte Ehre“ an die Besitzer jener alten Knochen, die man dort zu sehen bekommt.  Abgerundet wird genau jener Eindruck auch noch durch die wirklich passende und sphärische Musik von Stephan Ortlepp, der unter anderem auch den Score zu Olaf Ittenbachs „Five Seasons“ komponierte.
„Ossarium“ ist ein Erlebnis, auf das man sich einlassen muss: Auf seine ruhige Erzählweise, auf seine im Grunde genommen simple Struktur, die aber zwischen den Bildern eine weitaus größere Geschichte zeigt, als man sie auf den ersten Blick zu sehen bekommt. „Ossarium“ könnte man als „Kurzfilm-Kino zum Genießen und Nachdenken“ bezeichnen. Denn eigentlich beginnen die eigentlichen Geschichten erst nach dem Film im Kopf des Zuschauers.

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Fazit: Absolut sehenswerter, stimmungsvoller Kurzfilm, der zum Träumen und Nachdenken einlädt.

© 2018 Wolfgang Brunner

The Bliss (2018)

Originaltitel: The Bliss
Regie: James Bell
Drehbuch: James Bell
Kamera: James Bell, Mae Bell
Musik: Kids Kill Kids (James Bell)
Laufzeit: 23 Minuten
Darsteller: James Bell, Mae Bell
Genre: Experimentalfilm, Undergroundfilm
Produktionsland: USA
FSK: keine deutsche Veröffentlichung

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James Bells Kurzfilm The Bliss hat keine Narration im klassischen Sinne. Er hat keine Story, der man auf konventionelle Art folgen kann. Am ehesten könnte man ihn als musikvideo-artigen Experimentalfilm bezeichnen. Der Regisseur schafft es auch mit geringen Mitteln eine glaubwürdige, audiovisuelle Traumwelt zu schaffen. Der Film beginnt mit schriller Zirkusmusik, die aufs Äußerste entfremdet ist und sich so durch den ganzen Film zieht. Alles ist entstellt. Von der Musik über die grellen Farben und psychedelischen Lichteffekte, bis zu den Charakteren. Die Camcorder-Qualität, die man heutzutage wohl am ehesten mit Snuff-Filmen assoziiert, ist da nur konsequent und folgerichtig. Die anachronistische Imperfektion ist der Kleber des Ganzen. Freunde von Practical Effects kommen vollkommen auf ihre Kosten, denn auf diese wird besonderes Augenmerk gelegt. Obwohl überaus realistische Effekte angewandt werden, lässt diese Welt jedoch keine emotionale Bindung zu. Ein explizit dargestellter Schwangerschaftsabbruch per Kleiderhaken oder ein Lampenschirm aus menschlichen Gesichtern, der selbst Ed Geins Augen zum Funkeln bringen würde, lassen einem zwar die Kinnlade herunterklappen, aber schaffen keine Empathie.

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Schaut man sich die Filmografie des Regisseurs an, verwundert diese Detailverliebtheit nicht. Der mittlerweile als Independent-Filmemacher etablierte Bell kommt ursprünglich aus dem Practical Effects-Bereich und hat bereits viele Low-to-No-Budget-Filme durch seine Beiträge veredelt. Bereits in mehreren eigenen Kurzfilmen konnte er seinen speziellen Stil unter Beweis stellen. The Bliss ist sicherlich nicht jedermanns Sache – zu unkonventionell, zu unbequem. Eine hoffnungslose Welt, die tonal an den B-Klassiker Street Trash erinnern lässt, jedoch komplett auf Humor verzichtet. Wer seine Freude an experimentellem, surrealem Undergroundkino hat, wird hier sicherlich funkelnde Augen bekommen, wie der vormals erwähnte Farmer aus Plainfield.

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Fazit: Mr Bell, es wird Zeit für einen Langfilm!

© René Wiesner 2018

Die Mumie (2017)

Originaltitel: The Mummy
Regie: Alex Kurtzman
Drehbuch: Jon Spaihts, Christopher McQuarrie
Kamera: Ben Seresin
Musik: Brian Tyler
Laufzeit: 111 Minuten
Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Jake Johnson, Courtney B. Vance, Russell Crowe, Javier Botet
Genre: Horror, Abenteuer
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahre

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Vor 2.000 Jahren wollte die ägyptische Prinzessin Ahmanet den Königsthron mit teuflischer Hilfe erobern. Doch sie konnte überwältigt und bei lebendigem Leib begaben werden. Durch eine Bombenexplosion wird ihr Grab 2000 Jahre später freigelegt und der Schatzsucher Nick Morton findet es. Und dann erwacht die Mumie wieder zum Leben und fordert erneut Macht über die Menschheit …

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Das Remake, das Reboot, die Neuinterpretation von „Die Mumie“ – wie immer man den vorliegenden Film auch nennen möchte – ist wieder einmal ein Werk, das die unterschiedlichsten Meinungen bei den Zuschauern hervorruft. Die einen finden, dass ein Original unschlagbar und unerreichbar ist, die anderen mögen die „Modernisierung“ eines solchen Klassikers.  Regisseur Alex Kurtzman hat einen eigenständigen Film erschaffen, der sich, zumindest aus meiner Sicht, wohltuend von seiner filmischen Vorlage abhebt. „Die Mumie“ erstrahlt praktisch in neuem Gewand und auch wenn manch einer der zahlreichen Effekte übertrieben wirkt, so vermag das Endergebnis definitiv zu unterhalten und die Zeit nur so dahinfliegen zu lassen. Ich hatte auf jeden Fall jede Menge Spaß bei dieser Neuinterpretation und bin sicher, dass ich mir den Film noch mindestens einmal ansehen werde. Natürlich geht die Story fast schon unter in der Menge an Spezialeffekten, aber war das nicht seinerzeit schon beim Original der Fall gewesen? 😉

Das ewige Genörgle um den Schauspieler Tom Cruise und seine private, religiöse Gesinnung kann ich, ehrlich gesagt, auch schon lange nicht mehr hören. Wenn ich mir den Film unabhängig von solchen Vorurteilen ansehe, muss ich eindeutig feststellen, dass Cruise aus meiner Sicht eine bessere Arbeit leistet als seinerzeit Brendan Fraser. Es wird schlichtweg ein neuer Ansatz angewandt, der, wie ich finde, absolut funktioniert. Es ist schlichtweg ein Actionfilm, der in erster Linie Wert auf Spezialeffekte (die im übrigen sehr gut gelungen sind) und Unterhaltung legt. Beides ist dem Team um Regisseur Kurtzman gelungen. Wer Wert auf tiefe Charaktere oder eine logisch durchdachte Handlung legt,ist hier ohnehin im falschen Genre unterwegs. „Die Mumie“ ist einer jener Filme, die zum guten Popkorn-Kino gehören. Man kann sich einfach berieseln lassen und die Show genießen. Nicht mehr oder weniger wollten auch die Macher dieses Streifens.

Man sollte sich den Film auch nicht in der Erwartung ansehen, ein astreines Remake des Klassikers mit Brendan Fraser serviert zu bekommen. Alex Kurtzman geht einen neuen Weg, der schlichtweg anders ist und nicht den „alten“ Film kopieren will. Dieses Reboot mutet eher wie eine Modernisierung für ein jüngeres Publikum an, das mit den alten Filmen eh nicht viel anfangen kann. Doch, obwohl ich Jahrgang 1964 bin, hat mich dieser „Aufguss“ blendend unterhalten. Was mit persönlich einfach hier besser gefallen hat, war, dass die Thematik schon ein wenig ernster (und damit gruseliger) gehandhabt wurde und nicht durch ständige Witze ins Lächerliche gezogen wurde wie bei den alten Filmen. Das hebt diese Neuinterpretation für mich auf jeden Fall hervor. Das heißt aber nicht, dass auch hier der ein oder andere Spruch fällt, von denen allerdings viele meinen, sie wären bei weitem nicht so lustig, wie in den Originalfilmen. Ich finde, man kann die Art der Witze in diesem Film Humor nennen und im Original würde ich sie eher als Klamauk oder Slapstick bezeichnen. Humor liegt mir einfach mehr. 🙂
Handwerklich gibt es an diesem Film nichts auszusetzen, Kurtzman beweist, das er eine Hand für eine geradlinige, spektakuläre und optisch ansprechende Inszenierung hat. Da gibt es nichts zu meckern.

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Fazit: Optisch ansprechende Neuinterpretation der Mumien-Thematik, die absolut zu unterhalten vermag.

© 2018 Wolfgang Brunner