Interview mit der Schauspielerin Anita Olatunji

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© Jeanne Degraa

Anita Olatunji wurde in München geboren, verlebte aber einige Jahre in Lagos, Nigeria, und kehrte dann zurück nach Deutschland ins Ruhrgebiet.
Sie studierte an der Folkwanghochschule in Essen Schauspiel und verbrachte dann ein Jahr durch ein Stipendium an der Webber Douglas Acadamy of Dramatic Arts in London.
Nach verschiedenen Film, TV und Theaterrollen nahm sie an einem Kurs für Creative Writing in London teil und studierte dann Film und Drehbuch an der Hamburg Media School. Jetzt widmet sie sich auch dem Schreiben von Gedichten, Kurzgeschichten und Drehbüchern.

1. Wie bereitest Du Dich auf Deine Rollen vor? Nimmst Du auch schon mal eine Rolle mit nach Hause ins Privatleben?

Das ist ganz unterschiedlich und kommt darauf an, wieviel Zeit mir vor dem Dreh zur Vorbereitung bleibt. Bei meiner allerersten festen Fernsehrolle (eine durchgehende Rolle als Lernschwester bei der RTL Serie „Stadtklinik“) hatte ich kaum Schauspielerfahrung, habe aber zwei Wochen lang in einem Krankenhaus auf der HNO Station ausgeholfen.
Für meine Rolle als blinde Jazzsängerin in dem Film „Auf den Zweiten Blick“ habe ich mit einer ganz fantastischen blinden Frau gearbeitet. Ich trug eine Augenbinde und wir sind zu zweit durch Berlin gelaufen und U-Bahn gefahren. Ich denke, wir haben recht viel Aufmerksamkeit erregt. Nicht sehen zu können, und ganz auf Gehör, Gespür und Blindenstock angewiesen zu sein, war eine Erfahrung, die mich bis in meine Träume verfolgt hat. 

2. Du schreibst Gedichte, Kurzgeschichten und Drehbücher. Ich bin selbst Schriftsteller und interessiere mich deshalb natürlich brennend, welchen Ursprung diese Leidenschaft hat.  Wie kamst Du zum Schreiben und kannst Du uns ein paar Vorbilder nennen?

Ich habe einen Drang zum Geschichten erzählen, ob dies nun als Schauspielerin vor der Kamera, auf der Bühne oder beim Schreiben ist. Bei Gedichten folge ich eher einem starken Gefühl, während ich bei Prosa oft von einer Figur motiviert bin, einem Charakter, der mich besonders fasziniert und meine Fantasie anregt. Vorbilder zum Schreiben sind für mich Elena Ferrante, Damon Lindelof und das Autorenteam von der dänischen Krimi-Serie „The Killing“.

3. Was macht Anita Olatunji in ihrer Freizeit? Filme schauen oder auch mal lesen? Was ist Dein bevorzugtes Genre im Film und welche Art von Büchern liest Du?

Ich lese viel und schaue auch gerne Serien Box Sets – vor allem Krimis. Besonders begeistert war ich zuletzt von Elena Ferrante. „Meine geniale Freundin“  und die drei Folgebände habe ich mir in London gekauft und in kürzester Zeit verschlungen. Spannend finde ich gerade auch Yuval Noah Hararis Buch „Sapiens“.
Ansonsten habe ich mir neuerdings angewöhnt, so viel wie möglich zu Fuss zu Terminen zu gehen, selbst wenn es mich eine ganze Stunde „kostet“: Man sieht und lernt dabei so viel Neues und Überraschendes von der Stadt, in der man lebt!

4. Auf welche Leistung als Schauspielerin bist Du besonders stolz?

Das schönste Kompliment wurde mir nach einer Kinovorführung von „Auf den Zweiten Blick“ gemacht. Es war eine Vorstellung, in der viele Sehbehinderte und Blinde mit Begleitung da waren, und dort sagten mir einige Betroffene aus dem Publikum, dass sie meine Darstellung der Jazzsängerin, die ihren Verlobten durch ihr plötzliches Erblinden verliert, echt und deshalb berührend fanden. Ich schreibe dies der grossartigen Frau zu, mit der ich üben durfte. Meine damalige Agentin sagte mir nach der Vorstellung, sie hätte an meiner Stelle einiges anders gemacht, aber das war mir nach dem Lob dieses besonderen Kinopublikums egal.

5. Welche Schauspielerin und welchen Schauspieler bewunderst Du und warum?

Ich liebe Barbara Auer, vor allem in „Polizeiruf 110 Wölfe“: Zum Niederknien. Ich habe mir kürzlich auch einmal wieder „Der Prinz von Zamunda“ angesehen und halte Eddie Murphy und Arsenio Hall für absolute Genies.  

6. Ein Künstler entwickelt sich während seiner Karriere ständig. Welche Rolle wäre Dein größter Wunsch?

Ich würde sehr gerne eine deutsche Polizistin spielen. Das ist mein absolut grösster konkreter Rollenwunsch!

8. An welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

Ich arbeite zur Zeit an einem TV Krimi über eine afro-deutsche Polizistin mit einem sehr schwierigen Verhältnis zum Vater, die durch einen Fall mit ihrer Herkunft konfrontiert wird – ein sehr persönliches Thema für mich.

9. Was fühlt sich für Dich besser an? Für das Fernsehen oder das Kino zu drehen?

Ich liebe Fernsehen. Ich wollte schon als Kind immer zum Fernsehen, vielleicht weil ich nicht mit einer starken Kinokultur aufgewachsen bin. Das habe ich dann auf der Filmhochschule ausgiebig nachgeholt. Seitdem sind Kinodrehs für mich eine grosse Ehre, weil ich jetzt viel mehr begreife, welches Risiko bei jedem Dreh, mit jeder Entscheidung, mit jeder Besetzung eingegangen wird. Das gilt natürlich auch fürs Fernsehen.

10. Welchen Menschen aus der Gegenwart oder der Vergangenheit würdest Du gerne treffen oder hättest Du gerne getroffen?

Wenn ich für einen sehr kurzen Zeitraum in die Vergangenheit reisen dürfte, dann wäre ich gerne Augenzeuge für den Moment, als Rosa Parks sich weigerte, ihren Sitz im Bus aufzugeben und sich damit 1955 in den USA der Rassentrennung widersetzte.

11. Legst Du auch etwas Persönliches von Dir in die Rollen, die Du spielst, oder hältst Du Dich strikt an das Drehbuch bzw. die Vorgaben des Regisseurs?

Es ist immer etwas persönliches von mir in jeder Rolle, auch wenn ich mich strikt an das Drehbuch und die Vorgaben des Regisseurs halte. Letztendlich ist jede Rolle eine Kollaboration der drei Bereiche.

Film-Besprechungen bedankt sich ganz herzlich für die ausführliche Beantwortung der Fragen und wünscht Dir alles Gute auf dem privaten und beruflichem Weg.

© 2016 Wolfgang Brunner / Anita Olatunji

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