UFO – Es ist hier (2016)

UFO_Poster

Originaltitel: UFO
Regie: Daniele Grieco
Drehbuch: Daniele Grieco
Kamera: Daniele Grieco
Musik: —
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Laura Berlin, Olga von Luckwald, Dennis Mojen, Leonard Hohm, Jan Walter
Genre: Horror, Science Fiction
Produktionsland: Deutschland, Belgien, Luxemburg
FSK: ab 16 Jahre

*

Fünf Filmstudenten beobachten eine Feuerkugel am Himmel, die wie ein Meteoriten aussieht und in einiger Entfernung einschlägt. Sie machen sich auf den Weg zum Einschlagpunkt, um das Ereignis mit ihren Kameras zu dokumentieren. In einem abgelegenen Waldgebiet finden sie schließlich die Einschlagschneise,doch da es bereits zu dunkel zum Filmen ist, richten sie sich für die Nacht ein. Am nächsten Morgen stellen sie fest, dass einer von ihnen verschwunden ist. Auf der Suche nach ihm machen sie einen grauenhaften Fund: Sie finden die zerfetzten Überreste ihres Freundes. Voller Panik  verirren sie sich im Wald und bemerken schon bald, dass sie nicht allein sind …

*

Nach „Die Präsenz“ war ich natürlich sehr gespannt, wie Griecos zweiter Ausflug ins Found Footage-Genre ausfallen würde. Gerade in diesem Genre ist es bei mir immer so eine Sache, denn ich kann vielen Filmen dieser Art leider wenig bis gar nichts abgewinnen. Ausnahmen gibt es natürlich immer wieder. So zählt nun auch „UFO – Es ist hier“, wie schon „Die Präsenz“, wieder dazu. Und wieder ist es die relativ ruhige, unspektakuläre Machart Griecos, die mir absolut gut gefällt und mich von der ersten Minute an fasziniert hat. Es ist einfach toll, wie hier eine wunderbar authentische Stimmung aufgebaut wird. Schon nach wenigen Minuten vergisst man, dass es sich um einen fürs Kino produzierten Film handelt, sondern glaubt tatsächlich, es wäre echtes Filmmaterial. das man zu sehen bekommt. Das hat Grieco auch schon in „Die Präsenz“ super hinbekommen.

„UFO“ lebt von dieser spannenden Inszenierung, wenngleich sich ein paar Fehler hinsichtlich der Logik, warum in genau jenem Augenblick eine Kamera läuft, eingeschlichen haben. Aber das ist in diesem Genre einfach nun mal so und muss hingenommen werden. Die Darsteller agieren ausnahmslos gut und überzeugend, was dem Film den nötigen Real-Touch gibt. Man bekommt sicherlich auch den ein oder anderen Spezialeffekt zu sehen, wird aber niemals davon erschlagen. Es spielt sich, trotz unglaublich guter Spannung, eigentlich alles relativ ruhig ab und wird niemals übertrieben hysterisch oder aufgesetzt inszeniert. Die Spezialeffekte sind auf alle Fälle super gut gelungen. An manchen Szenen kam es mir fast so vor, als hätten die Darsteller ein wenig improvisiert, um die Handlung realistischer wirken zu lassen. Sollte dies der Fall gewesen sein, ist ihnen dadurch tatsächlich gelungen, das ganze Szenario glaubwürdig aussehen zu lassen.
Wie schon bei „Die Präsenz“ webt Grieco während des Films Filmzitate und liebevolle Anspielungen auf Horror- und Science Fiction-Klassiker ein, die so richtig Spaß machen, sofern man sie entdeckt. 😉

„UFO“ bewegt sich zwar auf altbewährtem Boden (man kann das Found Footage Genre ja auch schlecht neu erfinden), aber vermischt dennoch geschickt Anleihen aus den Klassikern „Blair Witch Project“, „Cloverfield“, „Alien“ und „Akte X“. Genau diese interessante Mischung kommt auch bereits im Trailer sehr gut rüber und wird beim gesamten Film durchgehend beibehalten. Es gibt zwar nur wenige Augenblicke, in denen ich wirklich erschrocken bin, aber das hat der Spannung absolut keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Viel mehr hat mich der unterschwellige Horror und das beklemmende Gefühl, das gegen Ende des Films heraufbeschwört wird, in Bann gezogen. Am Schluss meint man, Zeuge eines globalen Ereignisses aus der Sicht von nur wenigen Menschen geworden zu sein. Das gibt dem Film am Ende noch einmal einen richtig guten Schwung, der die vergangenen Ereignisse der Stunde davor in ein vollkommen anderes Licht rückt. Gerade davon war ich wirklich sehr beeindruckt und begeistert. Man merkt diesem Film auf jeden Fall an, dass er von einem Filmfan mit Herzblut inszeniert wurde. Und, wie gesagt, Daniele Grieco schafft es, mich für Found Footage zu begeistern, obwohl ich diese Art von Film eigentlich nicht (mehr) mag.

*

Fazit: Spannend, unheimlich und sehr glaubwürdig. „UFO“ hinterlässt am Ende ein wirklich komisches Gefühl im Magen. Für Freunde des Found Footage-Genres absolut empfehlenswert. Wer Kameragewackel nicht so sehr mag, sollte dennoch einmal einen Blick auf diese deutsche Produktion werfen, denn interessante Ideen sind durchaus zu verzeichnen.

© 2016 Wolfgang Brunner

Advertisements

The Zero Theorem (2013)

zero-theorem-alternate-poster

Originaltitel: The Zero Theore
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Pat Rushin
Kamera: Nicola Pecorini
Musik: George Fenton
Laufzeit: 107 Minuten
Darsteller: Christoph Waltz, David Thewlis, Mélanie Thierry, Lucas Hedges, Matt Damon, Ben Whishaw,  Tilda Swinton, Peter Stormare, Rupert Friend
Genre: Drama, Science Fiction
Produktionsland: Großbritannien, Rumänien
FSK: ab 12 Jahre

*

Das exzentrische Computergenie Qohen Leth arbeitet und lebt vollkommen zurückgezogen in einer ausgebrannten Kapelle. Einzig mit der sinnlichen Bainsley genießt er virtuellen Sex und hin und wieder besucht ihn Bob, der Sohn des  Vorsitzenden der Firma, für die Qohen arbeitet.
Momentan arbeitet Qohen daran, das „Zero Theorem“ zu lösen, eine Formel, durch die sich eventuell der Sinn des Lebens bestimmen lassen könnte. Seine Arbeit daran wird zur Besessenheit, bis er erkennt, dass die Wahrheit nicht im Computer, sondern im Leben zu finden ist.

*

Terry Gilliam setzt seinen Grundgedanken von „Brasil“ in diesem Film fort. Fast könnte man sagen, es ist eine Art Neuinterpretation seiner Dystopie. Man muss sich auf Gilliams Inszenierungsstil und seine Gedankenkonstruktionen einlassen, um solcherart Filme zu mögen (und vielleicht auch zu begreifen). Gilliam geht auf die heutige, hochaktuelle Problematik von Computer- und Internetabhängigkeit ein und führt uns vor Augen, wie dicht wir vor einem Abgrund stehen, der die Menschlichkeit in uns auslöscht. Jeder lebt und arbeitet für sich allein, ist menschenscheu und argwöhnisch gegenüber allem Neuen und Ungewohnten. Das Szenario, das Gilliam uns da zeigt, ist absolut düster und auf erschreckende Weise ganz dicht an der Wahrheit dran. Zumindest in einigen Belangen.
Nicht selten dachte ich für mich, dass einige der gezeigten Szenen schon heute der Wirklichkeit verdammt nahe kommen.
Die Botschaft, die uns der Regisseur aufzeigt, ist klar und eindeutig: Wendet euch wieder der Realität und dem wahren Leben zu. Aber es steckt noch so viel mehr in diesem Film, den man sich ohne weiteres öfters ansehen kann (und vielleicht auch sollte).

Christoph Waltz ist hier in einer mehr als außergewöhnlichen Rolle zu sehen. Und, um es gleich vorweg zu sagen, er meistert sie hervorragend. Seine Angst vor Menschen und seine Unsicherheit bezüglich seines eigenen Lebens nimmt man ihm in jeder Einstellung ab. Waltz zeigt, wie wandlungsfähig er ist und wie problemlos er in verschiedene, auch skurrile, Rollen schlüpfen kann. Ihm zuzusehen macht auf jeden Fall Spaß. Matt Damon tritt dagegen irgendwie in den Hintergrund, sein Charakter hinterlässt bei weitem nicht die Spuren wie der von Waltz.

Gilliam hat einen weitschichtigen Film gedreht, der dem Zuschauer so manches Mal klar macht, dass unser derzeitiges Leben von Werbung, Computern und virtuellen Realitäten dermaßen gesteuert wird, dass es einem Angst machen sollte. Der Regisseur will zeigen, wie es um uns in ein paar Jahren steht, wenn wir uns nur noch auf diese Dinge konzentrieren und das wirkliche Leben außer Acht lassen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass vielen Zusehern der Film nicht besonders gefällt, weil er wenig Action bietet und durch seine skurrile Machart auf manch einen womöglich langweilig wirkt. Wie schon erwähnt, man muss sich darauf einlassen, um die Genialität zu erkennen, die sich zwischen den gezeigten Bildern versteckt.
Zu der wirklich außergewöhnlichen und exzentrischen Stimmung gesellt sich ein wunderbar stimmiger Soundtrack von George Fenton hinzu, der das Ganze passend untermalt.
Manche Bilder erinnern an „Blade Runner“ oder „Das fünfte Element“, wobei man „The Zero Theorem“ auf keinen Fall mit diesen Filmen vergleichen kann. Es ist lediglich die Optik, die mich an die genannten Filme denken ließ.
Wer virtuelles Künstlerkino abseits des Mainstreams mag, wird mit Terry Gilliams Dystopie seine Freude haben, alle anderen werden sich im visuellen und philosophisch angehauchten Wirrwarr unwohl fühlen.

*

Fazit: Visuell reizvolles Kino zum Nachdenken mit einem wunderbaren Christoph Waltz.

© 2016 Wolfgang Brunner

Der Gott des Gemetzels (2011)

gemetzel

Originaltitel: Carnage
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Yasmina Reza
nach dem gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza
Kamera: Paweł Edelman
Musik: Alexandre Desplat
Laufzeit: 80 Minuten
Darsteller: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly
Genre: Drama, Literatur
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Polen
FSK: ab 12 Jahre

*

Zwei Elfjährige prügeln sich. Daraufhin treffen sich die Eltern der beiden Jungs und versuchen, die Situation vernünftig zu klären. Doch während des Gesprächs entsteht ein immer heftig werdender Streit, der die vier Beteiligten schon bald sämtlichen guten Anstand vergessen lässt.

*

Roman Polanskis kammerspielartiges Drama ist einfach nur genial. Absolut grandios wurde das Theaterstück mit einem wahrhaft göttlichen Ensemble in Szene gesetzt. Es dauert nicht lange, bis diese Beobachtung gesellschaftlicher Entgleisungen den Zuschauer in den Bann zieht. Man kann sich schwer diesen bitterböse, sarkastischen und teilweise absolut realistischen Dialogen entziehen, die da siebzig Minuten lang auf einen einprasseln. Während des Films dachte ich immer nur abwechselnd: Jodie Foster ist am besten, nein Christoph Waltz … ähm Kate Winslet hat’s aber echt drauf, wow, John C. Reilly ist aber auch nicht ohne.
Es ist eine wahre Freude, wie sich die vier Schauspieler gegenseitig übertrumpfen und dennoch auf fabelhafte Weise ergänzen.

Man mag verschiedener Auffassungen sein, was die im Film vorkommenden Erziehungsmaßnahmen bzw. die Forderungen der Elternpaare an die jeweils anderen betrifft. Aber dennoch zeigt der Film eine Wirkung, die es in sich hat, die aufzeigt, wie sehr wir uns von einem echten Problem entfernen können und uns letztendlich mit Hingabe völlig anderen Streitpunkten zuwenden. Man kommt während einer Diskussion bzw. einer Auseinandersetzung von einem Punkt zu anderen, entfernt sich vom wesentlichen und geht immer mehr unter die Gürtellinie. Polanski zeigt auf, wie sich Menschen während eines Streites und unter Alkoholeinfluss verändern,  wie unbeherrscht und unfair sie werden können. Die vier Schauspieler reizen diese Situation mit ihrem unglaublichen Können vollends aus, zeigen sich in den unterschiedlichsten Stimmungsvarianten und beweisen, welch gute SchauspielerInnen sie sind. Das trifft uneingeschränkt auf alle vier Darsteller zu, die mich während der gesamten Filmdauer mit ihrem Schauspiel derart hypnotisiert haben, dass es kaum zu glauben ist. Man bekommt von jedem eine oscarreife Schauspielerleistung zu sehen.

Polanski hat ein cineastisches Meisterwerk geschaffen, einen Dialogfilm, wie man ihn meist nur noch aus früheren Zeiten kennt. Keine Spezialeffekte, kein hochkomplizierter Plot und keine bombastische Musikuntermalung, die den Kinosaal zum Dröhnen bringt. „Der Gott des Gemetzels“ ist ein ruhiger, nachdenklicher, böser, satirischer und manchmal erschreckender Film über die Spezies Mensch, die sich in bestimmten Situationen zu einer Art Tier zurück entwickelt und seine Zivilisiertheit vergisst. Auch wenn der ein oder andere behauptet, das alles sei ein wenig übertrieben, letztendlich werden viele solcher Gespräche zwischen Erwachsenen zumindest in ähnlicher Form ablaufen, während die Streitobjekte – nämlich die Kinder – schon längst die Sache unter sich geregelt haben.
Für mich ist Polanskis Umsetzung des bekannten Theaterstücks eine ganz große Entdeckung, die ich mir mit Sicherheit noch einmal ansehen werde. Alleine Kate Winslet als Betrunkene ist schon Grund genug, hinzu kommt dann auch noch John C. Reillys, vor allem gegen Ende des Films, beeindruckende Darstellung. Aber auch Jodie Foster und Christoph Walz sind … siehe oben. 🙂
Man kann sich wirklich nicht entscheiden, welche der Schauspielerinnen oder welcher der Schauspieler am besten ist. Einfache Antwort: Alle vier!

Roman Polanski ist mit „Der Gott des Gemetzels“ großartiges, beeindruckendes Schauspielkino gelungen. Ein agressives Spiegelbild unserer Gesellschaft, die einen Konflikt aus einer Situation heraufbeschwört, die eigentlich keiner Auseinandersetzung bedürfte. Die Betroffenen bilden lediglich die Arena für einen Streit, den man mit verbalen Beleidigungen zu lösen versucht und dabei den Blick auf das Wesentliche verliert.
Darstellerkino vom Feinsten!

*

Fazit: Hier wird noch echte Schauspielkunst gezeigt. Unbedingt ansehen. Polanski in Hochform!

© 2016 Wolfgang Brunner