Die Wiege des Bösen (1974)

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Originaltitel: It’s Alive
Regie: Larry Cohen
Drehbuch: Larry Cohen
Kamera: Fenton Hamilton
Musik: Bernard Herrmann
Laufzeit: 91 Minuten
Darsteller: John P. Ryan, Sharon Farrell, James Dixon, William Wellman jr., Shamus Locke, Andrew Duggan, Guy Stockwell, Daniel Holzman
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahre

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Sehnsüchtig erwarten Frank und Lenore Davis die Geburt ihres zweiten Kindes. Doch auf dem Weg ins Krankenhaus kündigt sich unter Schmerzen an, dass etwas nicht stimmt. Lenore bringt ein missgestaltetes Baby zur Welt, das Grauen und Schrecken verbreitet …

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Der mit geringem Budget gedrehte erste Teil von Larry Cohens „Wiege“-Trilogie zeigt auch nach vielen Jahren noch seine Wirkung, wenngleich er in manchen Dingen sehr veraltet wirkt. Der Beginn der Geschichte leuchtet erst einmal das Gefühlsleben der Eltern aus, nachdem sie erfahren haben, dass sie ein Monster als Kind haben. Diese bangen Momente im Leben einer Mutter und eines Vaters sind sehr gut in Szene gesetzt und von den Schauspielern wirklich überzeugend gemeistert.
Der Regisseur hat ein geringes Budget hervorragend vertuscht, in dem er waghalsige Kamerafahrten a la Hitchcock und einen sozialkritischen Touch in den Vordergrund stellte, als sich auf blutige Horroreffekte zu konzentrieren. Genau dieser Mix aus ruhigem Porträt der Eltern und einer gruseligen Story macht „Die Wiege des Bösen“ auch heute noch zu einem besonderen und interessanten Film. Auf der Grenze zwischen künstlerischem Film und Horror-Trash treibt Cohen die Handlung nach vorne und lässt den Zuschauer sogar Gefühle für das „unschuldige“ Kind entwickeln, dass eigentlich die Gefahr darstellt. Geschickt spielt der Regisseur mit unseren Urinstinkten, dass Kinder beschützt werden müssen und eigentlich nicht böse sein können. Diesen Effekt hat der Film bis heute noch nicht verloren.

Nahezu perfekt untermalt wird das Ganze von der Musik des Hitchcock-Stamm-Komponisten Bernard Herrmann, der eine wirklich gute Atmosphäre mit seinen Klängen erzeugt. Auch wenn die Story heutzutage wahrscheinlich keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken würde, sollte man sich einmal überlegen, wie es wäre, wenn es um sein eigenes Kind gehen würde. Genau diese Situation wurde hervorragend inszeniert und die Zweifel, Ängste und Hoffnungen des Vaters nehmen einen noch heute mit. „Die Wiege des Bösen“ ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne, sondern eher ein real gewordener Alptraum, der mit den Elementen eines Horrorfilms fortgeführt wird. Man merkt, dass Larry Cohen Vorbilder hat, denen er nacheifert (und dies bisweilen auch sehr gut macht) und trotzdem eigene Ideen hat.

Die wenigen Male, in denen das Killerbaby zu sehen ist (als billige Gummipuppe), wirken heute unfreiwillig komisch. Man muss sich einfach vor Augen halten, dass hier mit wenig Geld und ohne Computer gearbeitet wurde. Dafür sind die Kameraeinstellungen in diesen Szenen sehr geschickt und die Schnitte bei den Angriffen des Babys sehr schnell geschnitten.
Für mich zählt Larry Cohens Versuch, einen sozialkritischen Plot und das teils sogar einfühlsame Porträt einer Familie in eine Horror-Story zu verpacken, noch immer als kleine Trash-Perle, die mit überzeugenden Darstellern aufwarten kann. Mit welcher Vehemenz der Vater am Leben seines Kindes festhalten will, damit es nicht umgebracht wird, ist schon sehenswert. Und wie er einfach nicht glauben will, dass in seinem Kind etwas Böses heranwächst, hat in manchen Momenten etwas herzerweichendes. Horror und Gefühl, Kunstfilm und Trash … Larry Cohen hat einen wirklich interessanten Genremix erschaffen, der mir noch heute gefällt.

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Fazit: Leicht veraltet, aber immer noch mit Wirkung. Larry Cohens Real-Alptraum-Horror ist für mich emotionaler, sozialkritischer Kunst-Horror-Trash. Und ein klein wenig Kult.

© 2016 Wolfgang Brunner

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Nachtschicht (1990)

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Originaltitel: Graveyard Shift
Regie: Ralph S. Singleton
Drehbuch: Joe Esposito
nach einer Kurzgeschichte von Stephen King
Kamera: Beth Cotter
Musik: Brian Banks, Anthony Marinelli
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: David Andrews, Kelly Wolf, Stephen Macht, Andrew Divoff, Vic Polizos, Brad Dourif
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: Unrated

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John nimmt in einem Dorf eine Arbeitsstelle in einer Mühle an. Leiter der Firma ist ein gewisser Warwick, der mit einer unerbittlichen Härte seinen Arbeitnehmern gegenüber auftritt. John übernimmt meistens die  Nachtschicht, wo er schon bald feststellen muss, dass dort Ratten in immer größer werdenden Gruppen auftreten. Als John zufällig einen Zugang zu einem unterirdischen Labyrinth entdeckt, stößt er auf ein riesiges Rattenmonster. Zusammen mit Warwick und seinen Arbeitskollegen versucht John, die Bestie zu stoppen.

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Die Kurzgeschichte vom „Meister des Horrors“ liefert eigentlich nur die Ausgangssituation für diesen Film. Aber das ist man ja von einigen King-Verfilmungen hinreichend gewöhnt („Kinder des Zorns“, „The Mangler“ oder  „Manchmal kommen sie wieder“, um nur einige gravierende Beispiele zu nennen), ansonsten lassen die Drehbuchautoren und Regisseure ihren eigenen Ideen freien Lauf. „Nachtschicht“ hat eine schöne 80er Jahre Atmosphäre, die auch noch durch die nicht hundertprozentige Professionalität einiger Schauspieler unterstrichen wird. Die ersten beiden Drittel sind auch durchaus zu ertragen und vermögen angenehm zu unterhalten, zumal immer wieder wirklich stimmungsvolle Momente zur Geltung kommen.
Aber wirklich reich an Spannung ist „Nachtschicht“ leider nicht, denn zu viel unfreiwillige Komik verstreut sich zwischen den vermeintlichen Spannungsmomenten, die immer wieder ohne Wirkung verpuffen. Der Film wirkt gerade in der zweiten Hälfte plötzlich billig und trashig, was an sich nicht weiter schlimm wäre, wenn sich wenigstens etwas Spannung aufbauen würde und der Zuschauer mit gruseligen Szenen bei Laune gehalten würde.
Aber nichts dergleichen geschieht: Das Monster, das sich im Keller der Spinnerei versteckt, kommt viel zu selten vor, als dass man sich vor ihm gruseln würde.

Schauspielerisch bewegt sich „Nachtschicht“ auf einem eher unteren Niveau. Andrew Divoff kann als einziger wirklich zeigen, dass er schauspielern kann. Alle anderen geraten nach Ende des Films in Vergessenheit, leider auch Brad Dourif, der mit dieser Rolle eher extrem nervt.
Die Sets sind allerdings aus meiner Sicht sehr gut gelungen, die Spinnerei wirkt sehr autenthisch und atmosphärisch. Das kommt dem Film eindeutig zu Gute.
Leider wird aber auch bei der Charakterisierung der Personen kräftig in die Klischeeschublade gegriffen, was an einigen Stellen ziemlich ärgerlich ist. Dadurch schafft es die King-Verfilmung einfach nicht über das Mittelmaß hinauszukommen. Vieles wird richtig und an anderer Stelle sofort wieder zunichte gemacht. Ralph S. Singleton, der den Zuschauern als Regisseur lediglich noch zwei Folgen „Cagney & Lacey“ geliefert hat, gibt sich ohne Zweifel Mühe und fängt auch, wie bereits erwähnt, manchmal sehr stimmungsvolle Bilder ein. Aber im Endergebnis ist seine Arbeit leider unteres Mittelmaß und kann nicht wirklich überzeugen.
Stünde der Name Stephen King nicht auf dem Plakat, wäre „Nachtschicht“ schon längst in Vergessenheit geraten. So aber sieht man als Sammler zu, dass der Film nicht fehlt.

Das Monster kann sich durchaus sehen lassen, wenn man es denn mal sieht, und erweckt an manchen Stellen sicherlich ein Animal-Creature-Feeling. Auch die wenigen Splatterszenen sind gut gemacht, aber leider, wie auch das Monster, zu selten. Man hätte durchaus mehr aus dem Plot machen können. So bleibt nur ein mittelmäßiges Trashvergnügen übrig.

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Fazit: Eher mittelmäßige Verfilmung einer Kurzgeschichte von Stephen King. Animal-Creature mit teils atmosphärischen Bildern, die aber leider immer wieder durch eine klischeebehaftete Handlung kaputtgemacht werden.

© 2016 Wolfgang Brunner

Ritual – Im Bann des Bösen (2001)

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Originaltitel: Ritual
Alternativtitel: Tales From The Crypt presents: Ritual
Regie: Avi Nesher
Drehbuch: Avi Nesher, Rob Cohen nach einer Story von Inez Wallace
undn dem Drehbuch „I Walked With A Zombie“ von Curt Siodmak, Ardel Wray
Kamera: David A. Armstrong, Douglas Milsome
Musik: Shirley Walker
Laufzeit: 106 Minuten
Darsteller: Jennifer Grey, Tim Curry, Craig Sheffer, Daniel Lapaine, Kristen Wilson, Gabriel Casseus, Ron Taylor, Erick Avari, Dorothy Cunningham
Genre: Horror
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahre

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Die Ärztin Alice geht nach Jamaika, um dort den Bruder eines reichen Plantagenbesitzers zu pflegen. Der Patient hat eine rätselhafte Krankheit und ist der Meinung, sich in einen Zombie zu verwandeln. Bei Nachforschungen kommt Alice Voodoo-Praktiken auf die Spur. Plötzlich geschehen um sie herum unheimliche Morde und Alice spürt, dass der Voodoo-Terror auch ihr gilt.
Remake von Jacques Tourneurs Horrorklassiker “Ich folgte einem Zombie” aus dem Jahr 1943.

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Träger dieses eher unbekannten Kinofilms aus der Reihe „Geschichten aus der Gruft“ sind eindeutig Jennifer Grey, die wir alle aus „Dirty Dancing“ kennen, und Tim Curry, dem berühmten Frank N. Furter aus „The Rocky Horror Picture Show“. Diesen beiden ist es zu verdanken, dass die eher seichte Neuinterpretation von „Ich folgte einem Zombie“ zumindest ansatzweise funktioniert.
Die Kulisse ist ohne Frage sehenswert und verschafft dem Horror eine wunderbare Umgebung, die man sich gerne ansieht. Regisseur Avi Nesher versucht immer wieder, eine der Serie ebenbürtige Atmosphäre zu schaffen, scheitert aber leider immer wieder. An manchen Stellen kommt ein leichtes Abenteuergefühl auf und man wähnt sich schon in Sicherheit, dass es so weitergeht. Aber Nesher kann diese Höhepunkte nicht halten und versumpft immer wieder in seichten, klischeehaften Gewässern, die leider manchmal langweilig wirken.

Sicherlich verfolgt man die Handlung, alleine schon wegen den beiden obengenannten Darstellern. Ansonsten verfolgt man einen leider durchschnittlichen Plot, den man in unzähligen anderen Filmen bereits schon einmal gesehen hat. Besonders ärgerlich fand ich die wirklich klischeehafte Darstellung der Woodoo-Riten, die absolut nichts Neues zeigen, sondern einem ausgetrampelten Pfad folgen, der bitter enttäuscht. Der Cryptkeeper wurde später sogar aus dem Vorspann des Films herausgeschnitten, weil sich die Produzenten wohl selbst nicht wohlfühlten, „Ritual“ in den Reigen von den um Längen besseren „Ritter der Dämonen“ und „Bordello Of Blood“ aufzunehmen. „Ritual“ unterhält, das ist keine Frage. Und auch die ein oder andere Splatterszene ist gelungen und sehenswert. Insgesamt wird der Film aber der Kultreihe um den Cryptkeeper und seine intelligenten Horrorgeschichten einfach nicht gerecht. Von den drei Kinofilmen also der schlechteste.

Die Story hätte ohne weiteres mehr hergegeben, da hat man sich wohl den falschen Regisseur an Bord geholt. Am sehenswertesten für mich war eindeutig,  Jennifer Grey einmal in einer anderen Rolle zu sehen. Diesen „Rollentausch“ hat sie auch sehr gut gemeistert und mich als Schauspielerin überzeugt. „Geschichten aus der Gruft“-Fans werden um den Film nicht herumkommen, alle anderen Horrorfreaks werden enttäuscht sein und sollten von diesem eher uninspirierten Machwerk die Finger lassen.

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Fazit: Mäßig inszenierte und eher „Geschichten aus der Gruft“-untypische Geschichte mit einer guten Schauspielleistung von Jennifer Grey. Nur bedingt empfehlenswert.

©2016 Wolfgang Brunner

Der Pagemaster – Richies fantastische Reise (1994)

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Originaltitel: The Pagemaster
Regie: Joe Johnston (Real), Pixote Hunt (Animation)
Drehbuch: David Kirschner, Ernie Contreras, David Casci
Kamera: Alexander Gruszynski
Musik: James Horner
Laufzeit: 76 Minuten
Darsteller: Macaulay Culkin, Mel Harris, Christopher Lloyd
Genre: Fantasy, Abenteuer, Animation, Kinderfilm
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 6 Jahre

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Richie Tyler ist ein ängstlicher Junge. Als er eines Tages auf dem Rad von einem Unwetter überrascht wird, sucht er schnellstmöglich eine sichere Unterkunft und findet sich in der Bibliothek von Mr. Dewey wieder. Als Richie in Ohnmacht fällt, erwacht er in einer Zeichentrickwelt wieder, die ihn durch verschiedene Welten aus Büchern führt. Begleitet wird er dabei von drei sprechenden Büchern, die Abenteuer, Fantasie und Grusel verkörpern.

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Kritiker warfen dem Mix aus Real- und Zeichentrickfilm damals vor, sich nur auf pseudoartige Weise mit dem Thema „Wir bringe ich Kinder zum Lesen?“ auseinanderzusetzen. Das sehe ich anders, denn es werden wirklich viele liebevolle Details in der Handlung versteckt, die einem Kind durchaus den Anreiz verschaffen könnte, einmal zu einem Buch zu greifen.
Die Drehbuchautoren haben wirklich innovative Ideen, die von den beiden Regisseuren genial umgesetzt wurden. Die Realfilmszenen erinnern unweigerlich an Spielberg-Produktionen aus den 80er und 90er-Jahren. Macaulay „Kevin“ Culkin spielt wirklich gut und überzeugend. Man spürt die Begeisterung der in jeder Minute.
Mich hat dieser Film bei seinem Erscheinen völlig in den Bann gezogen und das hat sich auch nach so vielen Jahren nicht geändert.

Hauptaugenmerk wird aber auf den Zeichentrickfilm gelegt, der eine wunderschöne Geschichte erzählt, die nicht nur Kinder sondern auch Erwachsene zum Träumen einlädt. In wunderbaren Zeichnungen, die nicht zu einfach aber auch nicht perfekt sind, wird eine abenteuerliche Reise durch ein Land voller Geschichten erzählt, die man aus bekannten Büchern kennt. Alleine die Idee, die Weggefährten des Jungen in Form von Büchern darzustellen, ist es wert, sich diesen Film anzusehen. Abenteuer, Grusel und Fantasie heißen die drei Bücher, die Richie auf seiner Reise begleiten und für manch einen Lacher sorgen. Ich finde diese Charaktere einfach nur gut, wie sie miteinander umgehen und ihren Namen alle Ehre machen.
„Der Pagemaster“ ist farbenfroh und absolut kurzweilig. Kinder dürften ihre helle Freude an den Abenteuern haben, in denen der Junge sich all seinen Ängsten stellen muss. Schön animiert und mit einem beeindruckenden Ideenreichtum vermag „Der Pagemaster“ einfach nur gut zu unterhalten. Und das, wie gesagt, trifft nicht nur auf Kinder zu. Schade, dass es solche Filme heutzutage nicht mehr gibt.

Unbedingt erwähnt werden muss auch die hervorragende Musik von James Horner, die grandios passt und die Szenen hervorragend untermalt. Sein mitreissender Abenteuerscore kann definitiv auch ohne Filmbilder bestehen. Die typischen Horner-Passagen wechseln sich mit flotten Einlagen ab, die das Können des Komponisten zeigen.

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Fazit: Liebevoll gezeichnetes Abenteuer, dessen Rahmenhandlung aus einem Realfilm besteht. Für mich ein Schatz aus den 90er Jahren, den ich mir immer wieder gerne ansehe.

© 2016 Wolfgang Brunner

Stung – Sie werden dich stechen (2015)

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Originaltitel: Stung
Regie: Benni Diez
Drehbuch: Adam Aresty
Kamera: Stephan Burchardt
Musik: Antonio Gambale, David Menke
Laufzeit: 87 Minuten
Darsteller: Matt O’Leary, Jessica Cook, Lance Henriksen, Clifton Collins jr., Tony De Maeyer, Daniele Rizzo, Florentine Lahme, Eve Slatner
Genre: Horror, Komödie
Produktionsland: Deutschland, Vereinigte Staaten
FSK: ab 16 Jahre

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Auf der Gartenparty einer älteren Dame tauchen plötzlich riesige, mutierte Killerwespen auf. Der Catering-Mitarbeiter Paul bemerkt schnell, dass diese Wespen eine tödliche Gefahr sind und verschanzt sich mit einer Kollegin und Gästen im Haus. Ein erbitterter Kampf ums Überleben beginnt …

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Ich hätte nicht gedacht, dass mir „Stung“ so gut gefällt, wie er es letzten Endes dann doch getan hat. Ich habe Trash erwartet und Trash bekommen. Aber wirklich guten, ideenreichen Trash, der meistens mit absolut guten Effekten aufwarten kann. Bei manchen Szenen fühlt man sich unweigerlich an John Carpenters Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt“ erinnert. Ich bin nicht sicher, ob das als Hommage beabsichtigt oder einfach nur „nachgemacht“ ist. Auf jeden Fall haben die Szenen einen enormen Reiz. Spannungstechnisch wird nicht lange herumgefackelt, bis die Wespenangriffe und der Kampf ums Überleben beginnen. Adam Aresty hat ein zwar nicht weltbewegendes, innovatives Drehbuch geschrieben, aber für einen Creature-Film dieser Art reicht es allemal. Träger dieses Films sind eindeutig die gelungenen Spezialeffekte, die trashige Grundstimmung und die aus meiner Sicht sehr talentierten Hauptdarsteller.

Allen voran hat mich Matt O’Leary am meisten überzeugt. Mit seinem sympathischen, überaus menschlichen und natürlichen Schauspiel hat er mich wirklich vollkommen in seinen Bann gezogen. Es war eine wahre Freude, ihm dabei zuzusehen, wie er um die Gunst seiner Catering-Kollegin und ihrer beider Überleben kämpft. Neben Jessica Cook, eben jener Kollegin, glänzt Altstar Lance Henriksen als tougher Bürgermeister.
Das Regiedebüt von Benni Diez ist eine Verneigung vor Creature-Horror-Filmen und funktioniert sowohl aus der Komik- wie auch der Trash-Splatter-Sicht. Man merkt „Stung“ nicht wirklich an, dass es eigentlich eher ein Low Budget-Film ist, zu perfekt sind die Effekte gelungen und zu stylisch die Aufnahmen. Horror aus Deutschland funktioniert, wenngleich man sich hier zu sehr an amerikanischen Vorbildern gehalten hat und keine eigenen Ideen entwickelte. „Stung“ ist zwar ein deutscher Film, wirkt aber wie ein amerikanischer. Aber sei’s drum, er macht auf jeden Fall gewaltig Spaß.

„Stung“ legt an manchen Stellen eine harte Gangart ein, die Splatterfans begeistern wird. An anderen Stellen werden etwas ruhigere Szenen eingefügt, damit nicht nur die Protagoisten sondern auch die Zuschauer sich etwas erholen können. Vermischt mit ein paar netten, lockeren Sprüchen vereint „Stung“ somit gekonnt die Genre „Horror“, „Drama“ und „Komödie“ und mausert sich in meinen Augen zu einer echten, kleinen Perle, die man sich ruhig öfter anschauen kann. Ich bin sicher, man wird in Zukunft noch einiges von Regisseur Bennie Diez hören, denn routiniert und solide wirkt seine Arbeit auf jeden Fall.

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Fazit: Durchgeknallt, mit hervorragenden Effekten und sympathischen Darstellern, legt ein deutscher Regisseur sein Debüt vor. Den Namen Bennie Diez sollte man sich merken.

© 2016 Wolfgang Brunner

Interview mit Schauspielerin und Regisseurin Sheri Hagen

Sheri Hagen
© v. Hardy Brackmann

Sheri Hagen, geboren 1968 in Lagos (Nigeria), ist in Hamburg aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Ihre Ausbildung zur Schauspielerin absolvierte sie in Hamburg und Wien. Danach spielte sie in zahlreichen Film- und TV-Produktionen wie zum Beispiel „Tatort“ mit. Außerdem agierte sie auch in Theaterproduktionen. Im Jahr 2007 inszenierte Sheri Hagen ihren ersten Film, den Kinderfilm „Stella und die Störche“.

Seitdem ist sie als Regisseurin und Schauspielerin tätig. Gerade hat sie ihren zweiten Langfilm „Fenster Blau“ abgedreht.
Film-Besprechungen hat dem interessanten Multitalent ein paar Fragen gestellt.

1. Zuerst einmal interessiert mich Dein neuer Film. Es handelt sich dabei um die Adaption eines Theaterstückes. Da Du selbst auch Theater spielst, war es bestimmt eine Herausforderung, das Stück in einen Film zu „verwandeln“ Möchtest Du uns ein wenig über Deine Arbeit an „Fenster Blau“ erzählen?

‚Muttermale Fenster Blau‘ von Sasha Marianna Salzmann wurde mir empfohlen. Ich las das Stück und ich wurde die Figuren nicht mehr los. Sie blieben an mir haften.

Ich mochte die schonungslose Brutalität der Geschichte und zugleich den Schmerz des Protagonisten Ljöschas, der auf einer sachten, aber beharrlichen Art und Weise versucht, das Geheimnis seiner Familie zu lüften.

Mit dem ‚Schreibtisch am Meer‘-Preis des Internationalen Filmfests Emden Norderney im Gepäck, habe ich ‚Muttermale Fenster Blau‘ mit auf die Insel Norderney genommen, um mich dort von der Nordsee, mit all seiner Schönheit und Rauheit inspirieren zu lassen. Die Reise hat sich gelohnt. Das Ergebnis ist nun ‚Fenster Blau‘ geworden, welches 2017 in den deutschen Kinos laufen wird.

2. Welche 5 Filme würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen und warum?

‚Sugar Cane Alley‘ von Euzhan Palcy

‚Sidewalk Stories‘ von Charles Lane

‚The Cyring Game‘ von Neil Jordan

‚Baal‘ von Uwe Janson

‚Biutiful‘ von Alejandro Inarritu

Diese Fünf inspirieren und überraschen mich immer wieder aufs Neue.

 

3. Stell Dir vor, Du dürftest Dir die Hauptrolle in einem Remake Deiner Wahl aussuchen. Welche Rolle wäre das und warum? Und wie sieht es da aus der Sicht der Regisseurin aus?

Ich mag keine Remakes. Ich habe sie selten gut gesehen. Ich bevorzuge Adaptionen oder Neuerzählungen. Ich finde es spannender und vielfältiger, unterschiedliche Perspektiven zu sehen und zu entdecken, als Altes neu aufzubrühen.

4. In Deinem Kopf geistern mit Sicherheit eine Vielzahl an Projekten herum. Welches davon wäre Dein größter Wunsch, es zu verwirklichen?

‚Equality Film‘, meine Produktionsfirma zu etablieren.

Ich möchte mutige Geschichten realisieren, die nicht ausschließlich nach marktrelevanten Kriterien ausgewählt werden, aber trotzdem eine gute Unterhaltung bieten.

Filme, die Menschen unterschiedlicher Herkunft, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung und Behinderung in ihrer Normalität zeigen, um Klischees aufzubrechen, um ein miteinander reden, statt übereinander reden zu ermöglichen. Spannende und ungewöhnliche Filme, die neue Perspektiven bieten, ermöglichen.

5. Was fällt Dir spontan ein bei

– Spike Lee

Nicht weg zu denken aus dem internationalen, schwarzen Film. Ein mutiger und spannender Regisseur, der Rückgrat besitzt.

Ich freue mich auf ‚Chi-Raq‘, den ich noch nicht gesehen habe und nicht missen möchte.

– Jada Pinkett Smith

Eine starke Frau, könnte ein Vorbild sein, schade, dass sie Scientologin ist, oder war???

– Steven Spielberg

Großartig: ‚Duell‘ – sein einziger Film, der nicht verkitsch ist, wie ich finde.

– Roland Emmerich

Ich würde gerne eine führende Rolle in einem seiner Filme spielen. Eine Figur, die alle Widrigkeiten im Angesicht einer drohenden Katastrophe, aus Liebe überwindet, zum Beispiel….

6. Wie siehst Du die Zukunft des deutschen Films?
Ich bin ein Optimist, daher gut, wenn Sender und Förderanstalten die Kraft der Kreativen wirklich erkennen und sie kreieren lassen und die Kreativen nicht aus Angst beschneiden.

7. Verrätst Du uns Deinen größten beruflichen Wunsch / Traum als Schauspielerin?

Eine Zusammenarbeit mit Alexandre Inarritu.

8. Bei welcher großen Hollywood-Produktion hättest Du gerne die Regie übernommen und warum?

9. Wie wichtig ist Filmmusik für Dich? Hörst Du sie auch in Deiner Freizeit? Oder was hört Sheri Hagen privat?

Sehr wichtig. Gute Filmmusik arbeitet Hand in Hand mit der Erzählung des Films, unterstützt Handlung und Figuren des Films, weitet die Synapsen der Zuschauer.

Ich betrachte die Filmmusik, wie eine weitere Film-Figur, die sich am Ende des Schnitts den anderen Figuren nähert, gehört werden möchte, aber nicht dominieren will.

10. Welche Dinge müssten Deiner Meinung nach in der Filmbranche geändert werden?

Definitiv die Trennung von Sender und Förderanstalten.

Es muss möglich sein Filmförderung erhalten zu können, ohne einen Sender mit im Boot zu haben. Die Sender haben Einfluss auf das deutsche Kino, welches sich dadurch immer mehr und mehr dem deutschen Fernsehen angleicht. Dabei gibt es eine Menge gute und mutige Kreative in Deutschland, deren Filme ich gerne im Kino sehen möchte. Quentin Tarantino oder Steven Spielberg z. B. brauchen keine deutsche Filmförderung.

Filmförderungen, mit angstfreien Entscheidern, denen die Drehbücher anonym eingereicht werden. Entscheider, die Lust auf mutige Geschichten und Vielfalt im Kino haben. Die frei von finanziellen Interessen und Politik sind.

11. Was sind für Dich die fünf wichtigsten Dinge in Deinem Leben?

Meine Familie, meine Kreativität, meine Freundinnen, meine Tiere und die Umwelt.

Ich bedanke mich für die Zeit, die Du uns gewidmet hast und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft und viel Erfolg.

© 2016 Wolfgang Brunner / Sheri Hagen