Interview mit der Schauspielerin Thelma Buabeng

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© Thelma Buabeng

Thelma Buabeng ist eine deutsche Schauspielerin und sowohl beim Film wie auch Theater tätig. Sie besuchte für zwei Jahre die Schauspielschule „Theater der Keller“ in Köln und zog anschließend nach Berlin, wo sie ihre Schauspielausbildung an der „Filmschauspielschule Berlin“ absolvierte. Buabengs Debüt als Schauspielerin war 2003 in der TV-Serie „Lindenstraße“. Mittlerweile war sie unter anderem mehrfach im „Tatort“ zu sehen.

Sie spielte zum Beispiel auch in dem ZDF-Mehrteiler „Das Adlon – Eine Familiensaga“ und „Tod den Hippies, es lebe der Punk“ mit. Seit 2016 ist sie neben Ihrer Karriere als Schauspielerin auf youtube mit ihrem eigenen Comedy-Projekt „Tell Me Nothing From The Horse“ zu sehen.

Bald ist sie im neuen Tatort „Narben“ zu sehen.
Film-Besprechungen freut sich auf das Interview mit Thelma Buabeng.

1. Du spielst im neuen Tatort „Narben“ neben Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär und Jerry Kwarteng die Rolle der Cecile Mulolo? Du bist ja schon „Tatort“ erprobt. Bist Du selbst Fan dieser Serie und was machen diese Rollen interessant für Dich?

Ich bin, ehrlich gesagt, eher ein sporadischer Tatort-Gucker. Aber wenn dann macht es schon immer Spaß, egal ob gut oder schlecht, weil garantiert über jeden Tatort sehr viel diskutiert wird.
Meine Rolle für den kommenden Tatort war insofern spannend, weil ich eine traumatisierte Frau gespielt habe, die im Grunde völlig hoffnungslos ist. Als Figur war das natürlich eine Herausforderung und hinzu kam, dass ich wenig bis fast gar keinen Text habe. Diese Figur hat mich als Schauspielerin interessiert und hat Spaß gemacht, auch wenn es wieder eine Refugee-Rolle war.

2. Gibt es etwas in Deiner Schauspielkarriere, das Du heute anders machen würdest?

Mhhhmmm … Rückblickend, gibt es wahrscheinlich bei jedem immer einige Dinge die man anders gemacht hätte!
Aber ich denke, dass es schon gut so ist, wie es ist und ich meine Entscheidung in den Momenten so getroffen habe, wie ich es für richtig hielt.

Das Wichtigste ist glaube ich einfach, dass man aus gemachten Fehlern lernt und zu dem steht was war!

3. Welchen Schauspieler, Musiker oder wen auch immer würdest Du gerne einmal persönlich treffen?

Ich bin ein großer Fan von Idris Elba, hoffe er „darf“ James Bond spielen! Unfassbare, überflüssige Diskussion!!!
Ich liebe Cate Blanchet, sie ist an Vielfältigkeit kaum zu übertreffen, tolle Schauspielerin!
Ich wünschte, ich hätte Mandela die Hand schütteln können!

4. Welche Rolle wäre die größte Herausforderung für Dich?

Jede Rolle ist eine Herausforderung für mich, weil ich immer versuche mein Bestes zu geben. Manchmal gelingt es mir besonders gut und manchmal schäme ich mich und will mich am liebsten gar nicht sehen.
Gerade bei kleinen Rollen und kurzen Auftritten muss man sich noch eher überlegen, wie man seine Figur so interessant macht, dass sie den Leuten trotzdem im Gedächtnis bleibt.
5. Du widmest Dich auch gerne dem Theater. Was machst Du lieber? Film oder Theater?

Beides gleich gern!
Die Zeit, die man am Theater hat, sich mit dem Text zu beschäftigen, sich auf der Bühne auszuprobieren und in ewigen Diskussionen zu verharren, in den darüber sinniert wird was denn da eigentlich auf der Bühne verhandelt werden soll, ist natürlich ein Luxus!
Am Set geht es natürlich ganz anders zu, oft lernt man seine Spielpartner erst einige Stunden vorm gemeinsamen Dreh kennen, hat den Drehort vorher noch nie betreten und muss sofort funktionieren.

Beides total spannend wie ich finde!!!

6. Welche 5 Filme würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Die Farbe Lila
Good Will Hunting
Ray
Pulp Fiction
Das Leben ist schön

7. Auf welche eigene Leistung bist Du besonders stolz?

Mein Comedy Projekt „Tell Me Nothing From The Horse“!!
Ich habe 2007 schonmal meine ersten Schritte in Richtung Comedy gewagt, da hiess das ganze noch 3Sistas und es waren nur die drei Figuren, Vivian,  Annemie und Mary-Jo. Jetzt sind zwei weitere Figuren, Gladys & Naomi, dazugekommen und ich bin sehr stolz auf das Endergebnis!
Da ich mit der Idee und vor allem den Figuren schon so lange schwanger gehe, sind sie mir tatsächlich in Fleisch und Blut übergegangen. Ich liebe die Ladies!
Aber dass es so gut geworden ist, habe ich so vielen Freunden zu verdanken, die mich seit Jahren mit meiner Idee begleiten und mich unterstützen und mir Ratschläge geben bzw. gegeben haben!
Vor allen aber mein Regisseur und bester Freund Valdimir Burlakov, ohne ihn wäre das nicht so gut gelungen!

8. Du bist in Ghana geboren und in Deutschland aufgewachsen. Wie siehst Du Dich als schwarze Schauspielerin in Deutschland?

Puh! Ich glaube grundsätzlich, dass wir schwarzen Schauspieler noch eine harten und langen Weg vor uns haben, bevor wir selbstverständlich Rollen bekommen, die nichts mit unserer Hautfarbe zu tun haben …! Das ist ein Problem und es muss sich definitiv was ändern in den nächsten Jahren! Aber ich denke, unsere Stimmen werden immer lauter und wir werden immer mehr gehört und gesehen!

In meinem Fall ist es auch schon so, dass ich „normale“ Rollen bereits gespielt habe und mir immer mehr angeboten werden!

9. Die Rollen, die für afrodeutsche Schauspielerinnen und Schauspieler angeboten werden, sind in der Regel sehr stereotyp und oftmals klischeebehaftet. Warum ist das Deiner Meinung so und wie könnte man das ändern?

Ich glaube, dass die Entscheider (Produzenten, Caster und vor allem die Redakteure), meistens gar nicht auf die Idee kommen, UNS zu besetzten!
Ich schaue regelmäßig in überraschte oder peinlich berührte Gesichter, wenn ich dieses Thema bei den Besagten auf Veranstaltungen anspreche!

Wir können weiterhin darauf aufmerksam machen und  immer wieder betonen, dass wir KEINE OPFER sind und dementsprechend auch nicht nur Opferrollen spielen wollen!

10. In welchem Genre fühlst Du Dich als Schauspieler am wohlsten?

Für mich ist es schön, wenn ich mich in allen Möglichen Genres mal ausprobieren dürfte.
Vielschichtigkeit und das sich immer wieder neu Erfinden sind mein Antrieb für die Schauspielerei!

Ich liebe es Schauspieler in einem Film kaum wiederzuerkennen, weil sie so wandelbar sind!

Ich bedanke mich ganz herzlich für Deine Antworten und wünsche Dir alles Gute auf Deinen beruflichen und privaten Wegen.
Wer sich für Thelmas Comedy-Projekt  interessiert, findet dieses auf youtube ===> „Tell Me Nothing From The Horse“

©2016 Wolfgang Brunner / Thelma Buabeng

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The Visit (2015)

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Originaltitel: The Visit
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Kamera: Maryse Alberti
Musik: Paul Cantelon
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Kathryn Hahn, Deanna Dunagan, Peter McRobbie, Benjamin Kanes
Genre: Horror, Thriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 12 Jahre

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Die Geschwister Rebecca und Tyler wollen ihrer alleinerziehenden Mutter eine Kreuzreise mit ihrem neuen Freund ermöglich und erklären sich bereit, die gesamte Zet bei ihren Großeltern zu verbringen. Wegen eines Streits mit ihrem Exmann hat die Mutter den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen und die beiden Kinder kennen daher Oma und Opa überhaupt nicht. Schon kurz nachdem sie bei den älteren Herrschaften angekommen sind, bemerken die Kinder, dass sich ihre Großeltern etwas seltsam benehmen. Die Kinder nehmen alle Vorgänge mit einer Videokamera auf und analysieren die seltsamen Vorgänge, bis sie auf ein unheimliches Geheimnis stoßen …

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Ein neuer Film von M. Night Shyamalan? Gespannter wie ich konnte man kaum sein, wenn man Shyamalans Filme von Anfang an mochte und dann zusehen musste, wie er leider eine Stufe nach der anderen auf der Erfolgsleiter nach unten stieg.  War „The Happening“ noch grob erträglich, so endete „Die Legende von Aang“ für mich in einem ziemlichen Desaster. Genauso wie der nachfolgende „After Earth“, der zwar inszenatorisch schon wieder um Längen besser war, aber einfach nicht Shyamalans „Style“ entsprach. Zu kommerziell und uninspiriert waren seine letzten beiden Filme. Nun war ich natürlich neugierig, was der indisch abstammende Regisseur mit seinem neuesten Film, der scheinbar erfreulicherweise wieder weit abseits des Blockbuster-Mainstream angesiedelt war, gezaubert hat.

Tja, was soll ich sagen. Shyamalan hat zumindest wieder zu einer annehmbaren Form zurückgefunden, die an den Regisseur erinnert, der er einst war. „The Visit“ ist nicht weltbewegend, aber doch weitaus bewegender als viele andere Filme diese Art. Shyamalans Handlung merkt man sich wenigstens, das ist schon ein grundlegender Vorteil im Sumpf der Möchtegern-Grusler, die den Markt seit Jahren überschwemmen. Der Film ist ab 12 Jahren freigegeben, ergo rollen keine Köpfe und glitschen keine Gedärme über den Bildschirm. Shyamalan konzentriert sich fast schon eher auf die Genre Drama bzw. Thriller und sprenkelt seine Geschichte mit Zutaten leisen Gruselhorrors. Das funktioniert auch wirklich absolut gut und hält den Spannungsbogen stets aufrecht. Erfreulicherweise übertreibt Shyamalan das Kamerawackeln in seinem ersten Film im „Found Footage“-Stil nicht, so dass „The Visit“ niemals nervt. Erfrischend sind auch die augenzwinkernden, nicht ernstzunehmenden Humoreinlagen, die das Ganze unheimlich auflockern.

Aber am Ende bringt Shymalan dann wieder eine Wendung ins Spiel, die man von ihm in seinen alten Filmen gewohnt war. Von einer Sekunde auf die andere entwickelt sich die Handlung zu etwas völlig anderem und schlägt eine Richtung ein, mit der man niemals gerechnet hätte. Das ist Shyamalan, wie ich ihn kenne und mag. Sicherlich ist es keine Rückkehr zur alten Form, dazu ist „The Visit“ zu unspektakulär, aber ein Schritt in die richtige Richtung ist dieser kleine Grusler allemal.
Die Darsteller machen ihre Sache gut, vor allem Deanna Dunagan und Peter McRobbie in ihren herrlich schrägen und skurrilen Rollen als Großeltern sind wirklich sehenswert. Aber auch Olivia DeJonge und Ed Oxenbould bringen die Charaktere ihrem Alter entsprechend überzeugend rüber.
Wie gesagt, es ist kein „echter“ Shyamalan, aber auf alle Fälle schon alleine durch seinen Plot sehenswert. Logikfehler, die während des ganzen Films leider immer wieder mal auftauchen, sollte man einfach übersehen, um sich die Atmosphäre des seichten Familiengrusels nicht zu verderben.

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Fazit: Außergewöhnlicher Familienfilm mit Gruseltouch und einer unerwarteten Wendung, die wieder in Richtung der ersten Filme von M. Night Shyamalan geht. Eindeutig sehenswert.

© 2016 Wolfgang Brunner

Der Staat gegen Fritz Bauer (2015)

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Originaltitel: Der Staat gegen Fritz Bauer
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
Kamera: Jens Harant
Musik: Julian Maas, Christoph M. Kaiser
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg,   Laura Tonke, Götz Schubert, Robert Atzorn, Matthias Weidenhöfer, Cornelia Gröschel, Rüdiger Klink, Dani Levy, Michael Schenk, Anna von Haebler, Nikolai Will
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 Jahre

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Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hat sich der NS-Verbrechensaufklärung verschrieben hat und bekommt im Jahr 1957 einen entscheidenden Hinweis auf den Aufenthaltsort des früheren SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann. Bauer will Eichmann vor Gericht bringen, doch er wird dabei immer wieder aus den Reihen deutscher Persönlichkeiten aus den höchsten Kreisen behindert. Der junge Staatsanwalt Karl Angermann fühlt sich Fritz Bauer verpflichtet und hilft ihm. Doch schon bald wird nicht nur beruflich, sondern auch privat die Suche nach Eichmann für beiden zu einer Herausforderung.

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Ich war sehr gespannt auf diesen Film, weil ich im Vorfeld schon einiges darüber gehört hatte. Aber was ich bei diesem Polit-Thriller letztendlich zu sehen bekommen habe, hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Unglaublich intensiv und vor allem sehr menschlich erzählt Regisseur Lars Kraume eine wahre Geschichte, die vor Bauers eigentlich wichtigster Leistung in seiner Karriere, nämlich der Heraufbeschwörung des Auschwitz-Prozesses und seinem Bemühen, sämtliche Altnazis aus der deutschen Justiz zu entfernen. Kraume erzählt also die Geschichte vor der eigentlich bedeutenderen historischen Begebenheit. Und das macht er so gut, dass man kaum bemerkt, wie die Zeit verstreicht. Bis in die kleinste Nebenrolle ist dieser wunderbare Film fantastisch besetzt und zeigt einen überaus sensiblen und emotionalen Menschen. Burghart Klaußner spielt oscarreif. Man nimmt ihm jede Handlung ohne Einschränkung ab und fühlt mit ihm. Das ist einfach unglaublich.
Genauso verhält es sich mit Ronald Zehrfeld als junger Staatsanwalt Karl Angermann. Auch er geht sichtlich in seiner Rolle auf und verleiht der Figur einen glaubwürdigen, liebenswerten Charakter.

In einem sehr ruhigen, fast schon melancholischen Stil wird der Kampf eines Mannes erzählt, der sein Ziel erreichen will, koste es was es wolle. Unspektakulär, aber nichtsdestoweniger eindringlich, begleitet der Zuschauer Fritz Bauer auf seinem steinigen Weg. Entgegen anderer Meinungen empfand ich die (angeblich erfundene) Homosexualität Bauers absolut gut in den Handlungsstrang integriert. Doch offenbar ist an dieser Homosexualität doch etwas Wahres dran, wenn man ein wenig recherchiert. Auf jeden Fall haben gerade diese Szenen aus meiner Sicht die Einsam- und Verletzlichkeit des Mannes unterstrichen und seiner Figur eine tragische Rolle verliehen. Fritz Bauer wäre durch diese Neigung auf jeden Fall erpressbar gewesen, da es zur damaligen Zeit schließlich noch immer den § 175 gab. Ich fand diese Entwicklung und Beleuchtung von Bauers Person auf jeden Fall sehr interessant und auch glaubwürdig.

Regisseur Lars Kraume hat zusammen mit wunderbaren Schauspielern ein Stück deutsche Geschichte auf Film gebannt, das man sich unbedingt ansehen sollte. Ich hätte auf jeden Fall gut und gerne noch weitere zwei Stunden zusehen können, wie Fritz Bauer sich seiner selbst auferlegten Aufgabe widmet. Die Kulissen sind sehr authentisch und auch die Dialoge vermitteln einen glaubhaften Eindruck, wie es in jener Zeit zugegangen ist. Mich hat der Film absolut gefesselt und fasziniert. In erster Linie lag das an der ausdrucksstarken Darstellung von Burghart Klaußner, der der Person des Fritz Bauer eine unglaubliche Tiefe und Wärme verpasste, die nachhaltig beeindruckt.  Aber auch die handwerklich perfekte Inszenierung des (menschlichen und politischen) Dramas hatte großen Anteil an meiner Begeisterung.

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Fazit: „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein beeindruckendes historisches Zeitgemälde mit einer oscarreifen Schauspielleistung von Burghart Klaußner.

© 2016 Wolfgang Brunner

Interview mit dem Regisseur Benni Dietz

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© Rat Pack Filmproduktion und XYZ Films
Fotograf: Peter Hacker

Benni Diez, geboren am 19. November 1979 in Starnberg, wuchs in Aschaffenburg auf. Bereits als Kind war er von Filmen und Spezialeffekten fasziniert.
Im Jahr 2002 studierte er an der Filmakademie Baden-Württemberg die Bereiche Visual Effects und Animation. In dieser Zeit arbeitete er für diverse Agenturen und Effekte-Firmen im Bereich Film- und Werbeproduktion.
Von 2008 bis 2011 war er Geschäftsführer der Produktions- und VFX-Firma Kingz Entertainment, die mit für die Effekte von Kinofilmen wie zum Beispiel Lars von Triers „Melancholia“ mitverantwortlich war.
Seit 2011 ist Benni Diez als selbständiger Regisseur und Autor tätig.
Sein erster Spielfilm „Stung“ lief im Jahr 2015 in über 20 Ländern im Kino.

Film-Besprechungen freut sich auf das Interview mit dem Regisseur.

1. „Stung“ ist eine liebevolle Verbeugung vor dem 80er Jahre Horror geworden. Wie kommt ein Mann Deines Jahrgangs gerade auf die 80er?

Die 80er waren der größte Teil meiner Kindheit (geb. ’79), daher, und weil ich das Glück hatte, in jungen Jahren schon meist gucken zu dürfen, was ich wollte, waren die Filme dieser Zeit eine Hauptinspiration für meine kreative Entwicklung.
Dazu kommt auch die ganze bewusste Entscheidung, als Erstlingsfilm einen Horrorstreifen zu machen, weil es mir im Vergleich zu z.B. Sci-fi oder Drama erst mal nicht so schwierig erschien.

2. Irgendwie komme ich einfach an der Frage nach Vorbildern nicht vorbei. Welche hast Du und aus welchen Gründen?

Ganz vorne dabei ist „Aliens“, da das für mich einer der einflussreichsten Filme überhaupt war. Immer noch einer der besten Thriller aller Zeiten, und die Designideen, basierend auf dem genialen Teil 1, waren zu der Zeit bahnbrechend und für mich eine Offenbarung. Natürlich gefolgt von „Der weiße Hai“ und spaßigeren Werken wie „Gremlins“ oder „Tremors“, die einem trotz ihrer Schrecken auch immer ein warmes menschliches Gefühl bei ihren Figuren mitgaben.

3. John Carpenter oder Steven Spielberg? Warum?

Auch wenn ich die viel waghalsigeren Ideen von Carpenter sehr schätze, war ich einfach immer mitgerissen von Spielbergs umfassender Perfektion bei der Verbindung von Emotionalität und visionärer Technik. Auch wenn in den letzten Jahren etwas die Luft raus zu sein scheint, immer noch einer der besten.

4. Welches literarische Werk würdest Du am liebsten verfilmen? Oder sind Literaturverfilmungen gar nicht so Dein Fall?

Oh doch, da gibt’s jede Menge. Besonders große, ernste Science-Fiction hat es mir literarisch schon immer angetan. Allen voran die Werke von Arthur C. Clarke. Von dem würde ich so ziemlich alles gerne verfilmen. Aber gut, eins nach dem anderen.

5. Was wäre Dein größter beruflicher Traum / Wunsch?

Den habe ich mir eigentlich schon ein Stück weit erfüllt, da ich mich jetzt endlich offiziell Regisseur nennen darf. Das war die meiste Zeit meines Lebens ein Traum gewesen. Jetzt heißt es natürlich, besser darin zu werden und vielleicht irgendwann wirklich mal einen großen Sci-Fi-Film hinzubekommen.

6. Was war das Witzigste bei den Dreharbeiten zu „Stung“?

Die Arbeit mit unseren großartigen Darstellern war immer besonders spaßig. Alle hatten schnell einen gemeinsamen, durchaus dreckigen Humor gefunden und ließen keinen Moment aus, die anderen zum Kaputtlachen zu bringen. Lance Henriksen, der alte Haudegen, war definitiv dabei der Vorreiter.

7. Und was das Schwierigste?

Der Wettlauf gegen die Zeit. Man weiß immer, man hat zuwenig Zeit, um alles so hinzubekommen, wie man es sich vorstellt. Das gilt für den Dreh genauso wie für die Vorbereitung oder die Nachbearbeitung. Daher muss man schnell lernen, Prioritäten zu setzen und vernünftige Kompromisse einzugehen, um trotzdem seiner Vision so nahe wie möglich zu kommen.

8. Hättest Du die Möglichkeit, ein Remake zu inszenieren, welchen Film würdest Du wählen und warum?

Ich finde es erschreckend, dass in all den Jahrzehnten noch kein großes Remake von Raumpatrouille gemacht wurde. Space-Sci-Fi ist schließlich beliebter denn je, und die technischen Möglichkeiten sollten doch mittlerweile auch hierzulande für sowas da sein. Wobei man storytechnisch schon einiges leisten muss, um gegen die aktuellen Top-Serien der Welt zu bestehen.
Ansonsten bin ich aber kein allzu großer Freund von Remakes. Die rechtfertigen sich nur selten durch mehr als vermeintlich leicht verdientes Geld.

9. Was fällt Dir spontan ein zu

– Robin Williams
Ein begnadeter Schauspieler und Comedian, der leider viel zu früh von uns ging.

– James Cameron
Ein begnadeter Visionär, der trotz seiner kleinen Ego-Macken einer der größten Filmemacher aller Zeiten ist, der uns hoffentlich noch länger erhalten bleibt.

– American Horror Story
Habe ich nur die erste Staffel komplett gesehen. Fand ich sehr erfrischend und unterhaltsam. Bei Gelegenheit werde ich sicher mal die weiteren Staffeln. Dazu muss ich allerdings erst mal geschätzte 30 andere Serien fertig gucken.

– Nicolas Roeg
Ui, den musste ich jetzt googlen. Der hat u.a. auch mal ne Folge Young Indiana Jones gemacht. Aha. Fand ich ganz gut.

10. Darfst und möchtest Du uns verraten, welche Art Film Du uns als nächstes präsentieren wirst?

Das würde ich sehr gerne, aber im Moment weiß ich noch nicht sicher, welches meiner diversen Projekte als nächstes umgesetzt wird. Ich schreibe jedenfalls gerade u.a. an einem futuristischen Actionfilm, einem deutschen Zombiefilm und einer Art Sci-Fi-Found-Footage-Idee. Darüber hinaus noch an ein paar TV-Projekten. Mal sehen, was das Jahr noch so bringt. Ich werde berichten.

11. Welche fünf Dinge möchtest Du in Deinem Leben nicht missen?

Meinen 60 Zoll Plasmafernseher, meinen Vray-Dongle, meinen Kühlschrank, meine Turnschuhe und Bier.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Beantwortung meiner Fragen und wünsche Dir viel Erfolg für Deine kommenden Projekte.

© 2016 Benni Diez / Wolfgang Brunner

Mad Max: Fury Road (2015)

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Originaltitel: Mad Max: Fury Road
Regie: George Miller
Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nick Lathouris
Kamera: John Seale
Musik: Junkie XL
Laufzeit: 120 Minuten
Darsteller: Tom Hardy Charlize Theron, Nicholas Hoult, Hugh Keays-Byrne, Zoë Kravitz,Abbey Lee, Courtney Eaton
Genre: Action, Science Fiction
Produktionsland: Australien, USA
Freigabe: ab 16 Jahren

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In einer postapokalyptischen Welt, in der Wasser knapp ist und jeder an sein eigenes Überleben denkt, durchstreift Max das verwüstete Land, das von einem Warlord beherrscht wird. Frauen werden nur noch als Gebärmaschinen behandelt. Eines Tages flieht die Kriegerin Furiosa mit fünf Frauen aus dem Harem des Warlords und wird natürlich sofort von den Soldaten des Herrschers verfolgt. Max trifft auf die Gruppe von Frauen und schließt sich ihnen an. Eine Verfolgungsjagd durch eine apokalyptische Welt beginnt …

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Es ist schon ein verdammt komisches Gefühl, wenn eine Filmreihe wieder zum Leben erweckt wird, die mich in meiner Jugend begleitet und begeistert hat. Mad Max ist wieder da! George Millers Endzeit-Apocalypse hat mich damals schwer beeindruckt und besonders der zweite Teil mit seinen wilden Gestalten und brutalen, atemberaubenden Autorennen durch die Wüste hatte es mir angetan.
Nun gut, so war ich bis zum Zerreissen gespannt, was mir „Mad Max: Fury Road“ zu bieten hatte. Es dauerte nicht lange und ich war wieder mittendrin im Mad Max-Feeling der 80er Jahre. Miller ging nur bedingt Kompromisse in seinem neuen Film ein und richtete sein Hauptaugenmerk auf die Stimmung der ersten Filme, wie ich finde. Und das ist schon einer der großen Pluspunkte des neuesten Mad Max-Abenteuers: Ein Film der „alten“ Schule und ein Action-Knaller wie er besser nicht sein könnte.
Sicherlich nutzt Miller die ihm heute gebotenen technischen Möglichkeiten, aber er setzt sie so ein, dass man es kaum merkt, sondern im Großen und Ganzen einfach einen „Handmade“-Film zu sehen bekommt. Und was für einen …

Auch handlungstechnisch knüpft „Mad Max:Fury Road“ an die alten Filme an, denn es gibt im Grunde genommen nicht viel zu erzählen. Wobei ich die Handlung bei „Fury Road“ gar nicht einmal so schlecht finde, wie viele immer wieder betonen, weil sie das Heldenepos dieses Mal eher den Frauen als an den Männern auf den Leib schreibt. Aber um die Handlung geht es bei Millers Rückkehr in die postapokalyptische Welt gar nicht, sie ist vielmehr lediglich das Gerüst für eine Aneinanderreihung der explosivsten, abgedrehtesten und stylisch choreographiertesten Actionszenen seit Langem. Man kommt nicht zum Luftholen, so rasant folgt eine irrwitzige Idee der nächsten, so brachial brechen die Actionszenen über einen herein. Skurrile Gestalten, innovative Fahrzeugcrashs und eine bildgewaltige Inszenierung, die einem den Atem stocken lässt, überfordert den Zuschauer schier, so intensiv werden die Sinne beschäftigt. Miller ist da etwas geglückt, auf das Actionfans lange Zeit gewartet haben.
Die bombastische, wummernde Musik von Junkie XL tut ihr übriges dazu, um „Mad Max:Fury Road“ zu einem modernen Meilenstein des Actionfilms zu machen. Man kann gar nicht genug von dieser Mischung bekommen.

Schauspielerisch kann aufgrund der wortkargen Rollen keine Meisterleistung erwartet werden. Aber die Darsteller geben alles, was man den ihnen zugewiesenen Rollen vermitteln kann. Tom Hardy begeistert mich in jedem Film, so auch in diesem. Und auch wenn er hier nicht zeigen kann, was er schauspielerisch alles so drauf hat, gibt er Mad Max einen einmaligen, coolen Charakter, der mir absolut gefällt. Charlize Theron als Kampf-Amazone wirkte ebenfalls sehr glaubwürdig auf mich. Aber auch die übrigen Schauspieler konnten mich vollkommen überzeugen und es hat wirklich riesigen Spaß gemacht, all diese traurigen, melancholischen, wütenden und verrückten Charaktere dabei zu begleiten, wie sie in einer untergehenden Welt um Anerkennung und ihr Leben kämpften.

George Millers Action-Feuerwerk kommt so gut wie ohne computeranimierten Effekte aus und macht den Film deswegen zu einem erfreulichen Einzelfall in Zeiten von CGI-Blockbustern. Handlung hin oder her – das Endergebnis ist eine Wucht von einem Film, der nachhaltig beeindruckt und süchtig macht. Ich will einfach mehr davon …

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Fazit: Bombastisch, brachial und bildgewaltig. George Millers Rückkehr in die Welt von Mad Max ist ein gelungener Film über Ängste und Hoffnungen … und ein handmade Action-Feuerwerk allererster Klasse. Zwei Daumen nach oben!

© 2016 Wolfgang Brunner

Scream At The Devil (2015)

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Originaltitel: Scream At The Devil
Regie: Joseph P. Stachura
Drehbuch: Joseph P. Stachura
Kamera: David Doko
Musik: Tim Borquez
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Shari Shattuck, Eric Etebari, Jane Park Smith, Tony Todd, Kiko Ellsworth, Bill Oberst Jr., Jennifer Lyons, Amy Argyle, Corina Boettger
Genre: Mystery, Thriller, Drama
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: ab 18 Jahre

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Mirium leidet unter Schizophrenie und zieht sich aufgrund einer Affäre ihres Mannes mit einer jüngeren Frau in ihre eigene Traumwelt zurück. Sie reist alleine nach Venedig, wo sie in einer alten Basilika dem Teufel begegnet. Mirium will nach ihrer Rückkehr einen Neuanfang mit ihrem Ehemann wagen. Doch schon bald wird sie von schrecklichen Visionen geplagt und als dann plötzlich ihr Mann spurlos verschwindet, beginnt sie an ihrem Verstand zu zweifeln. Steckt der Teufel hinter dem Ganzen?

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Ich hatte mir aufgrund des Covers etwas völlig anderes vorgestellt. Wer einen Horror-Grusel-Schocker erwartet, wird von diesem Psychodrama mit Horrortouch eher enttäuscht und vor allem gelangweilt sein. Schon der Beginn lässt erahnen, dass man kein Mainstream-Produkt sondern eher einen „Kunstfilm“ serviert bekommt. Man fühlt sich irgendwie sofort an Nicholas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ erinnert, wenn man die Protagonistin durch das Venedig und seine Kirchen begleitet. Aber „Scream At The Devil“ ist kein Abklatsch, sondern astreiner Psychohorror auf relativ hohem Niveau.  Aufgrund der ziemlich schlechten Synchronisation (was sehr schade ist, weil sie der wirklich guten Atmosphäre des Filmes schadet) sollte man sich der englischsprachigen Originalversion widmen. Da kommt dann eindeutig die vom Regisseur beabsichtigte, deprimierende Stimmung auf.
Genauso wie das irreführende Cover wird auch die FSK 18-Freigabe das falsche Publikum auf den Plan rufen.

Regisseur Joseph P. Stachura beherrscht sein Handwerk und nimmt den Zuschauer auf eine Reise von der Wirklichkeit in eine schizophrene Halluzinationswelt mit, die sich ab der Mitte des Films immer mehr steigert. Es ist schon beachtlich, wie Hauptdarstellerin Shari Shattuck (am ehesten noch bekannt durch ihre Rolle als Liles  in „Auf brennendem Eis“) diese Entwicklung schauspielerisch meistert. Auch wenn sie an manchen Stellen leicht amateurhaft wirkt, so zeigt sie durchaus glaubhaft, wie sich ihre Psyche immer mehr ändert und sie Realität und Einbildung nicht mehr unterscheiden kann. Das macht durchaus Spaß und lässt einen die Zeit vergessen.
Ich würde „Scream At The Devil“ wirklich eher als experimentierfreudiges Kammerspiel a la Nicholas Roeg betrachten, wobei Joseph P. Stachuras dritter Langfilm dem Vorbild nicht das Wasser reichen kann. Aber nichtsdestotrotz ist ihm eine überzeugende Charakterstudie gelungen, die aus meiner Sicht hervorragend unterhält.

Besonders zu erwähnen sind die Stilmittel, mit denen uns Regisseur Stachura und Schauspielerin Shattuck in ihren verwirrenden Alptraum entführen. Ungewohnte Kameraeinstellungen, gepaart mit schräger Musik und teils schnellen Schnitten dürften nicht jedem Zuschauer gefallen. Hinzu kommt die eher schleppend wirkende Handlung, die sich einem nur erschließt, wenn man sich auf die Bilder und die Entwicklung der Geschichte einlässt beziehungsweise einlassen kann.
Die Story wirkt anfangs sehr undurchsichtig und nicht nachvollziehbar. Hält man durch, wird alles ein wenig greifbarer und die wirren Puzzlestücke setzen sich immer mehr zu einem Gesamtbild zusammen. Wie gesagt, „Scream At The Devil“ ist alles andere als Mainstream und bewegt sich weitab von den gängigen Grusel-Horror-Schockern, mit denen das Cover eine Gemeinsamkeit suggerieren will.
Wer Lust auf Neues im Genre verspürt und Spaß an einer komplizierten Geschichte über die Gedanken einer schizophrenen Frau hat, wird sich wie ich gut unterhalten. Leute, die sich nicht wirklich für das Medium Film als Kunstausdruck interessieren, sei abgeraten.

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Fazit: Experimentiell wirkendes Psychodrama mit Horroreinschlägen, das wohl den gängigen Mainstream-Zuschauer zutiefst verstören und vor allem verärgern wird. Wer Film auch als Kunst sehen mag, wird schon eher begeistert sein.

© 2016 Wolfgang Brunner

Interview mit dem Regisseur Daniele Grieco

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© 2016 Stella Maris Film

 

Daniele Grieco wurde am 15. September 1967 in Köln geboren und studierte ursprünglich Meeresbiologie in Neapel. Allerdings brach er das Studium ab, um als WDR-Radioreporter zu arbeiten.
1995 studierte Grieco vier Jahre lang an der New School of Social Research und der New York University den Fachbereich Filmproduktion und sammelt erste Erfahrungen als Autor und Regieassistent.
Nach dem Abschluss des Studiums kehrte Grieco nach Köln zurück, wo er als freier Autor und Regisseur (unter anderem für Sat1) tätig war.
Der Dokumentarfilm „The Last Giants – Wenn das Meer stirbt“ aus dem Jahr 2009 war Griecos Langfilmdebüt. 2014 folgte dann der Found Footage Horrorfilm „Die Präsenz“.

Film-Besprechungen freut sich sehr über das Interview mit Daniele Grieco.

1. Dein erster Film war eine Dokumentation über Wale. Vom Dokumentarfilm zum Horrorstreifen. Du scheinst sehr vielfältig zu sein. Was kommt als nächstes von Dir? War da nicht ein blutiger Film über eine Alien-Invasion in Planung?

„The Last Giants“ und „Die Präsenz“ waren die Erfüllungen von Kindheitsträumen, denn seit ich klein war, haben mich vor allem drei Dinge fasziniert: Erstens das Meer, zweitens Dämonen und drittens das Weltall. Es ist richtig, dass es in meinem dritten Film um eine Alien-Invasion geht. Mein dritter Film wird also die Erfüllung meines dritten Kindheitstraums. In diesem Fall geht es um etwas aus dem Weltall, das auf der Erde landet. Ridley Scotts „Alien“ war eine große Inspiration für mich, aber das traue ich mich kaum zu sagen, denn natürlich kann niemand an dieses Meisterwerk herankommen. Für einen solch anmaßenden Versuch hätten wir auch nicht genug Geld gehabt, denn auch mein dritter Film ist wieder eine Low-Budget Produktion im Found Footage Stil. Bei den Testscreenings haben sich die Zuschauer allerdings schon ziemlich gefürchtet. Im Oktober starten wir damit, im nächsten Monat legen wir mit der Facebook-Kampagne los. Dann können wir auch den Titel verraten.

2. Warum hast Du bei „Die Präsenz“ die Form des Found Footage gewählt? War dieses Stilmittel zwingend notwendig aus Deiner Sicht?

Es gab zwei Gründe: Zunächst mal Geldmangel – ich hatte keine Lust, jahrelang zu versuchen, ein großes Budget zusammen zu kratzen – Ausgang ungewiss – und wer weiß, ob einem dann am Ende nicht so viele Leute über die Schulter gucken, dass das Ergebnis nur noch bescheiden sein kann.

Der zweite Grund ist mindestens ebenso gewichtig: Bei „The Blair Witch Project“ und „Paranormal Activity“ habe ich am eigenen Leib erlebt, dass einem ein derart günstig produzierter Film genauso viel Angst machen kann wie ein teurer – vielleicht sogar mehr! Denn erstens darf man bei so wenig Geld jede noch so extreme und freakige Idee ausleben, die einem kommt und zum anderen sind die Zuschauer heutzutage alle möglichen Tricks und Kniffe aus der Geschichte des Horrorfilms gewohnt, so dass sie gegenüber konventionell produzierten Horrorfilmen eine gewisse Distanz zu den Ereignissen einnehmen. Einfacher gesagt: Sie sind nicht so leicht zu erschrecken. Wenn man nun etwas Scheindokumentarisches (eben Found Footage) zeigt, dann wissen die Zuschauer spätestens seit The Blair Witch Project zwar, dass dies nur ein Stilmittel ist, dennoch verfallen sie wider besseren Wissens dem dokumentarischen Stil und halten alles für etwas echter als in einer Hochglanzproduktion – die Distanz zur Leinwand schwindet so.

3. Mir persönlich haben in „Die Präsenz“ die vielen Anspielungen auf andere Horrorklassiker gefallen. Wie kamst Du auf die Idee, solche Kleinigkeiten darin zu verbauen?

Danke! Ich denke, jeder Filmemacher kämpft bei jedem Film erneut um jeden einzelnen Moment. Wenn man einen Horrorfilm macht, will man den Zuschauern etwas für ihr Geld geben. Das heißt: Man will sie so oft wie möglich erschrecken (und niemand ist wütender, als ein Horrorpublikum, dem man keine Angst gemacht hat!). Dafür muss man sich inspirieren lassen und sehen, wie das die Besten der Besten in früheren Jahrzehnten gemacht haben. Natürlich ist das auch jedesmal eine Hommage gegenüber den Genies, deren Filme man liebt und deren Tricks man kopiert. Andererseits braucht man dabei kein schlechtes Gewissen zu haben, denn auch diese Meister haben ihre Filme ganz genauso erschaffen. Niemand produziert im luftleeren Raum – alle bedienen sich bei denen, die vor ihnen waren.

4. Welches Projekt wäre bei finanzieller Unabhängigkeit Dein größter Traum?

Mein nächstes Projekt! Film Nummer 4 soll eine Dystopie werden. Titel und Inhalt kann ich noch nicht verraten, und ich habe auch noch keine Idee, wie ich ihn finanzieren soll. Mir schwebt allerdings nur ein Budget von 1,5 Millionen vor, denn ein Riesenbudget hat für mich mehr Nach- als Vorteile. So gut wie alle Kultfilme hatten ein geringes Budget. Für 150 Millionen kann man nur ein Studio-Monstrum drehen mit den üblichen Verdächtigen in der Hauptrolle und jeder Menge CGI, bis das Ganze nur noch wie ein riesiges Stück Plastik aussieht.

5. Was sind Deine absoluten Lieblingsfilme? Verrätst Du uns auch, warum das so ist?

„Alien“: Weil es der größte Science-Fiction Film aller Zeiten ist, weil dieses Wesen so grausam, so real, so zerstörerisch und so vollkommen ist wie die Physik der Sterne – so dass man eine tiefe, existentielle Wahrheit befürchten darf: Dies ist es, was die Tiefen des Alls für uns bereit halten. Das ist absolut erhabener Horror!

„Halloween“: Weil er es wie kein anderer Film geschafft hat, die größte Angst, die wir haben können, auf die Leinwand zu bringen: Die Angst vor uns selbst – die Angst vor dem schwarzen Mann.

Fellinis „Achteinhalb“: Fellini war kein Regisseur. Fellini war ein Magier. Er war der einzige Mensch, bei dem ich zu hundert Prozent sicher bin, dass er und nur er allein diese Filme hätte schaffen können. Wie? Das wird für immer ein Geheimnis bleiben.

Fellinis „Satyricon“: Der einzige Historienfilm, bei dem ich nicht das Gefühl habe, dass ein paar Schauspieler ein paar Sandalen angezogen haben, sondern bei dem ich mich so fühle, als hätte tatsächlich jemand vor 2000 Jahren eine Kamera aufgestellt.

6. Als Regisseur hat man es in Deutschland nicht leicht, wenn man sich dem Horrorgenre verschreibt. Du machst es trotzdem.:)
Siehst Du in der Zukunft eine Chance für den deutschen Horrorfilm?

Die Deutschen merken: Überall auf der Welt gehören Genre-Filme zum Filmsystem, nur in Deutschland traut man es sich entweder nicht oder die Ergebnisse sind nicht sehr spannend. Horrorfilme sind hierzulande etwas für Freaks, dabei waren sie seit Beginns des Kinos immer unter den größten Blockbustern: Von Murnaus „Nosferatu“ über „Psycho“ und „Halloween“ zu „Paranormal Activity“. Ein weiteres Problem ist, dass deutsche Kinofilme oft in Wahrheit Fernsehfilme sind, weil sie durch einen Sender mitfinanziert werden: Hätte bei Carpenters „Halloween“ damals eine Horde von TV-Redakteuren mitreden dürfen, wäre es wahrscheinlich ein Art weiterer Tatort geworden.

7. Was war das Witzigste bei den Dreharbeiten zu „Die Präsenz“?

Als Lukas Rebecca erschreckt, indem er mit einer Eishockey-Maske hinter den Möbelschonern hervorspringt: Die Szene stand nicht im Skript, und wir haben es mit Henning Nöhren geschafft, Liv Lisa Fries tatsächlich so zu erschrecken, dass ihr Schrei echt war! Was haben wir alle gelacht. Liv nicht. Doch, eigentlich sie auch – aber erst, nachdem ihr Herz wieder anfing zu schlagen.

8. Welche Art von Filmen schaut sich Daniele Grieco in seiner Freizeit an?

Vor allem alte Filme, immer wieder. Ich habe eine sehr große und einigermaßen vielfältige DVD-Sammlung, in der Sci-Fi- und Horror -Klassiker stehen wie „Der Exorzist“, „Alien“ (nur der erste!), „Blade-Runner“, „Halloween“, dann aber auch italienische Filme der 60er u.a. Fellini, mein Lieblingsregisseur, Pasolini, Antonioni, aber auch 70er Giallos von Fernando Di Leo etc. etc. Ich glaube, der einzige deutsche Film in der Sammlung ist der großartige „Es geschah am hellichten Tag“ von 1958, der mich als Kind mit Angst und Schrecken erfüllt hat.

9. Woran denkst Du spontan bei

– James Cameron
– Arnold Schwarzenegger
– Bob Hoskins
– Werner Herzog

James Cameron: „Terminator“! Ein großartiger und am Anfang von den Studios sträflich unterschätzter Film, der von einer Episode der 60er Jahre Serie „The Outer Limits“ inspiriert ist (die Episode hieß „Soldier“).

Arnold Schwarzenegger: Siehe Eintrag zu Cameron.

Bob Hoskins: Ein sympathischer Schauspieler, der aber in Filmen mitspielt, die mich nicht sehr interessieren.

Werner Herzog: Klaus Kinski.

10. Wie offen bist Du als Regisseur gegenüber verschiedenen Genre? Könntest Du Dir denn zum Beispiel vorstellen, einen Liebesfilm oder einen Western zu drehen?

Als vierten Film nach unserem Release im Oktober plane ich gerade einen dystopischen Film, sofern wir ihn finanziert bekommen. Einen Western könnte ich mir gut vorstellen, aber er wäre extrem realistisch und wohl auch ziemlich blutrünstig.

11. Welche fünf Dinge möchtest Du in Deinem Leben nicht missen?

Erstens: Die Menschen, die ich um mich herum habe, klar.

Zweitens: Surfen, so oft im Jahr wie möglich

Drittens: Gute Filme und Bücher.

Viertens: Wein

Fünftens: Vorzügliches Essen!

Vielen Dank für die interessanten Antworten. Ich freue mich schon sehr auf Deine nächsten Projekte und wünsche Dir alles Gute, sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich.
Wer wisen will, wie mir Griecos „Die Präsenz“ gefallen hat, kann hier meine Rezension nachlesen.

© 2016 Daniele Grieco / Wolfgang Brunner