Reeperbahn (2015)

Reeperban-Cover

Originaltitel: Reeperbahn
Regie: Timo Rose
Drehbuch: Timo Rose
Kamera: Christian Penn
Musik: Myra
Laufzeit: 87 Minuten
Darsteller: Lisa Katharina Volk, Max Evans, Marc Engel, Nikolai Will, Rebekka Mueller,  Andre Koock, Vanessa Eichholz, Thomas Binder, Vaile Fuchs, Tessa Bergmeier, Nils Henftling
Genre: Thriller, Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ? (es ist wohl von einer der folgenden Einstufungen auszugehen: SPIO/JK keine Jugendfreigabe oder FSK 18)

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Sarah arbeitet als Prostituierte auf der Reeperbahn. Ihr Bruder Markus hält sich zusammen mit seinem besten Freund Djängo mit kleinen kriminellen Geschäften über Wasser. Eines Tages fordert Uffuk, Sarahs “Zuhälter”, von Markus Geld zurück. Plötzlich ist nichts mehr wie es war und die Beteiligten werden in einen blutigen Sog gerissen …

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Ich hatte das Glück, Timo Roses neuen Film „Reeperbahn“ als Vorab-Screener zu begutachten. Was soll ich sagen? Ich habe nichts anderes erwartet, als das, was ich geboten bekam. Um meine Stimmung, die mich gleich von den ersten Minuten dieses Thriller-Dramas an ergriffen hat, etwas besser zu erklären, muss ich kurz weiter ausholen: Seit „Die Klapperschlange“ war ich großer John Carpenter-Fan und habe ab diesem Zeitpunkt rückwirkend all seine alten Filme „verschlungen“ und sehnsüchtig auf seine neuen gewartet. Ich möchte Timo Rose nicht unbedingt mit John Carpenter vergleichen, dazu hat er einen viel zu eigenwilligen Inszenierungsstil, aber das Feeling, das er dem Zuschauer rüberbringt, ist irgendwie das gleiche. Ich saß beim Vorspann von „Reeperbahn“ erwartungsvoll da und genoss, wie einst bei Carpenter, wie die Namen altbekannter Personen (Schauspieler, Musik, Schnitt etc.) genannt wurden und dabei überkam mich genau diese (vor)freudige Hochstimmung auf den Film, den ich gleich sehen würde.

Alleine schon der Vorspann ist sein „Geld wert“: Kai E. Bogatzki beherrscht es einfach, einen stimmungsvollen Einstieg zu schaffen. Auch dies ist Bestandteil meiner oben erklärten Begeisterung, die durch Myras Filmmusik noch unterstrichen wird. Es ist alles so herrlich stimmig, bevor der Film überhaupt richtig angefangen hat. Beide, Bogatzki wie auch Myra, stellen ihr Können während des ganzen Films in konstanter Qualität unter Beweis. Zusammen mit Roses visuell ansprechendem Inszenierungsstil ergeben diese Zutaten eine beeindruckende Milieu-Studie des Hamburger Kiez, die geschickt Elemente von Thriller und Drama mischt. Gekonnt werden die verschiedenen Handlungsstränge zusammengeführt und ergeben ein tristes und gewalttätiges Gesamtbild. Wie schon mit „Death Wish Zero“ kann Timo Rose auch mit seinem neuen Film absolut faszinieren.

Nun komme ich zu den Schauspielern. Da fällt es mir äußerst schwer, zwischen den verschiedenen, allesamt guten Leistungen zu differenzieren und eine Punktewertung abzugeben. Denn: Die sämtliche Schauspieler sind schlicht und einfach gut. Marc Engel tritt in „Reeperbahn“ so richtig in den Vordergrund und spielt virtuos und glaubwürdig ein arrogantes Macho-Arschloch. Das dürfte nicht jeder Schauspieler so exzellent hinbekommen. Engel hat mich in dieser Rolle absolut überzeugt. Aber auch Max Evans, den Regisseur Rose bereits für die Hauptrollen in seinem Film „Death Wish Zero“ und die Serie „Nature“ unter Vertrag hatte, brilliert als Markus in gewohnter Qualität. Durch seine natürliche Art punktet der Schauspieler beim Zuseher. Als Kumpel von Markus gesellt sich Nikolai Will an die Seite von Evans. Es ist eine wahre Freude, den beiden zuzusehen. Dass ich sowohl von Max Evans wie auch Nikolai Will als Schauspieler begeistert bin, ist kein Geheimnis. Deswegen hat es schon was, den beiden jetzt gemeinsam in einem Film zuzuschauen. 😉
Auf der Seite der Frauen gefiel mir Lisa Katharina Volk unglaublich gut. Aber eben auch Tessa Bergmeier, Vaile Fuchs und Rebekka Müller. Um es vereinfacht auszudrücken, der Cast (ob männlich oder weiblich) war einfach gut, die Nebendarsteller mit einbegriffen.
Timo Rose hat ein unglaublich gutes, engagiertes und talentiertes Team um sich versammelt. Ich hoffe nur, dass genau dieses Team für die weiteren Filme erhalten bleibt (eben wie in John Carpenters Anfangszeiten). 😉

Timo Rose bewegt sich mit seinem brutalen Milieu-Drama völlig abseits von weichgezeichneten Filmen und Serien, die eine ähnliche Thematik behandeln. Das beginnt schon mit der derben Sprache, die man zu hören bekommt. Aber so wird in diesen Kreisen nun einmal miteinander geredet, da hilft auch kein Schönreden. Rose setzt auf Authentizität und das schafft er hervorragend, wenngleich sich der ein oder andere Zuschauer so manches Mal die Ohren zuhalten möchte wegen der direkten und obszönen Dialoge. „Reeperbahn“ ist hart und erschütternd, andererseits stecken auch sehr viele ruhige und menschliche Momente darin. Diese Kombination hält uns schlicht vor Augen, wie das Leben ist: brutal aber manchmal auch schön und lebenswert. In der Realität und im Film. Roses Drama stimmt nachdenklich, macht wütend und lässt einen am Ende hilflos zurück, weil man sicher ist, dass es genau so geschehen kann und vielleicht sogar geschehen ist.

„Reeperbahn“ ist als Trilogie geplant. Soweit ich weiß, ist das Drehbuch für Teil 2 schon fertig und das für den abschließenden Film in Arbeit. Als Gesamtwerk gesehen könnte ich mir durchaus vorstellen, dass „Reeperbahn“ eines Tages Kultcharakter bekommt. Zu wünschen wäre es diesem Projekt.

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Fazit: Brutal, ruhig, schockierend und deprimierend. Timo Roses Ausflug in die Realität des Hamburger Reeperbahn-Kiez begeistert durch Regie, Schauspieler, Schnitt und Musik.

© 2015 Wolfgang Brunner

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7 Gedanken zu “Reeperbahn (2015)

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  4. Hab den Film irgendwie ganz anders gesehen, als der Vorkommentar…
    Langweilig, unnötig brutal, tlw. schlechte Schauspieler und miese Kameraführung.
    Vermutlich ist die Reeperbahn in Realität noch viel schlimmer und der Film daher berechtigt.
    Das ändert aber nichts an dem miesen Ergebnis.

    • Tja, so verschieden sind halt (Gott sei Dank) die Geschmäcker.
      Ich fand „Reeperbahn“ jedenfalls super und um Längen besser wie so manchen Hollywood „Blockbuster“ (zum Beispiel „I, Frankenstein“, der mir da gerade so einfällt.

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