Tretbootfahrer (2015)

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Originaltitel: Tretbootfahrer
Regie: Markus Pelzl
Drehbuch: Markus Pelzl
Kamera: —
Musik: Florian Faltermeier
Laufzeit: 72 Minuten
Darsteller: Mika Metz, Giulia Beckmann, Olaf Krätke, Thomas Binder, Jarah Maria Anders, Christl Spyra, Chris Michels
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
FSK: ?

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Frank hat sich von seiner Freundin getrennt und lebt wieder bei seiner Mutter. In einer Bar lernt er die attraktive Tanja kennen. Wenig später verlieben sich beide ineinander. Unbemerkt schleicht sich der Alkoholismus in ihre Beziehung und schon bald sind beide von der Volksdroge Nummer Eins abhängig. Und auch Tanjas Vergangenheit ist diesbezüglich nicht hilfreich und so zerstören beide gegenseitig das eigene Leben und das des anderen …

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Was für ein Film!
Ich bin durch Zufall auf Markus Pelzls Alkoholiker-Drama gestoßen und obwohl ich wusste, was die Thematik des Films ist, hat mich die Echtheit der Darstellung umgehauen. Handwerklich sauber und mit zwei beeindruckenden Hauptdarstellern zeigt das Filmdrama die schrecklichen Seiten einer Alkoholabhängigkeit. Schonungslos und realitätsnah zeichnet Regisseur Pelzl den Weg vom „Alltagstrinker“ zum Alkoholiker. Man spürt die Authentizität in jeder Einstellung und verliert sich in den Bildern, weil man über seinen eigenen Alkoholkonsum nachzudenken beginnt. Ich bin noch immer tief beeindruckt von der Realitätsnähe, die Pelzl mit seiner Geschichte eingefangen hat. Denn in einer meiner Beziehungen spielte das Thema „Alkohol“ leider auch eine sehr bedeutende Rolle und ich kann die detailgetreue Charakterzeichnung der Hauptdarsteller Mika Metz und Giulia Beckmann gar nicht genug bewundern. Die beiden agieren dermaßen überzeugend, dass es einem Angst macht. Die Parallelen zwischen dem Film und den Erfahrungen, die ich selbst erleben habe (um eines klar zustellen: nicht ich hatte die Alkoholprobleme, sondern meine „bessere“ Hälfte) sind erschreckend.

Drehbuchautor und Regisseur Markus Pelzl hat ein melancholisches, deprimierendes und unter die Haut gehendes Drama gedreht, das einen noch eine Zeitlang begleitet. Gezeigt wird ein alltägliches Bild von nach außen hin „ganz normalen“ Menschen, die Ängste und Hoffnungen haben und sich ihre Zukunft schönreden und -trinken. Schon nach kurzer Zeit entsteht ein flaues und unangenehmes Gefühl im Magen des Zusehers, wenn er erkennt, dass nach einem Sonnenscheinerlebnis der Protagonisten unweigerlich der Regen (in Form von Streit und Gewalt) kommt. Pelzl geht das in unserer Gesellschaft leider etwas tabuisierte Thema sehr geschickt und auch gefühlvoll an. Man kann nachvollziehen, wie schleichend das Bierchen in der Kneipe zu permanentem Alkohol“genuß“ führen kann und stellt mit Grauen fest, wohin dies führt. Pelzls „Tretbootfahrer“ ist ein Schlag in die Magengrube, der, so bitter er ist, keinen Ausweg bietet, sondern einfach nur die grausame Realität dieser Sucht zeigt.

Auch wenn Giulia Beckmann superb ihre Rolle meistert, so wird sie doch von Mika Metz übertrumpft. Es ist schlichtweg nicht zu glauben, in welcher Intensität dieser Mann den alkoholabhängigen Frank darstellt. Da gibt es eine Szene, in der er an einem Morgen mit Kreislaufbeschwerden und Entzugserscheinungen zu  kämpfen hat. Ich möchte nicht spoilern, aber diese Szene ist dermaßen schockierend und dramatisch inszeniert, als sähe man eine Fortsetzung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Das in seiner Konsequenz unausweichliche Ende stimmt traurig und hoffnungslos. Aber das soll es auch, denn ich bin sicher, dass „Tretbootfahrer“ als Film gedreht wurde, der auf- und wachrütteln soll. Und das tut er, und zwar ganz ordentlich.

Die ruhige, unspektakuläre Kameraführung vermittelt schon nach kurzer Zeit den Eindruck, als sähe man eine Dokumentation. Das macht das Ganze sehr intensiv und Pelzls Regie und die grandiosen Darsteller tragen das ihrige dazu bei, um „Tretbootfahrer“ zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

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Fazit: Unglaublich intensives und schockierendes Drama um ein alkoholabhängiges Paar. Mika Metz liefert ein oscarreifes Schauspiel ab. „Tretbootfahrer“ bleibt nachhaltig im Gedächtnis haften. Es ist ein kleines Meisterwerk, das Regisseur Markus Pelzl da abgeliefert hat.

© 2015 Wolfgang Brunner

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