Schramm (1993)

schramm

Originaltitel: Schramm
Regie: Jörg Buttgereit
Drehbuch: Jörg Buttgereit, Franz Rodenkirchen
Kamera: Manfred O. Jelinski
Musik: Max Müller, Gundula Schmitz
Laufzeit: 65 Minuten
Darsteller: Florian Koerner von Gustorf, Monika M, Micha Brendel, Carolina Harnisch, Xaver Schwarzenberger, Gerd Horvath, Michael Brynntrup
Genre: Drama, Horror
Produktionsland: Deutschland
FSK: ungeprüft

*

Lothar Schramm ist ein schüchterner, einsamer Mann, der nur soziale Kontakte zu seiner Nachbarin pflegt. Unfähig, eine Beziehung mit einer Frau zu führen, gibt Schramm seiner dunklen Seite nach und tötet Menschen, um sie nackt zu fotografieren, damit er sich anschließend zumindest mit diesen Bildern sexuell stimulieren kann.

*

Für die einen uninspirierter, sinnloser Müll, für die anderen ein künstlerisches und schockierendes Porträt eines Serienkillers. Ich gehöre zu den anderen ;), denn ich finde Buttgereits Low-Budget-Produktion absolut interessant und gelungen. „Schramm“ gehört für mich auch zu den wenigen Ausnahmen, die zeigen, was man mit wenig Geld auf die Beine stellen kann.
Keine Frage: Man sieht Buttgereits Film desöfteren an, dass er mit geringem Aufwand gedreht wurde. Aber vielleicht ist es genau diese Tatsache, die diesen Trip in die menschlichen Abgründe so realitätsnah macht. Der Zuschauer rückt dem Protagonisten buchstäblich auf den Leib, nimmt an seinem abgedrehten , unbefriedigenden und intimen Leben teil, als wäre er ein Voyeur. Das erinnerte mich stark an „Cannibal“.

Schonungslos wird gezeigt, wie ein Mann mit seiner Sexualität umgeht, die er ohne Partner ausleben muss. Man bekommt einen Einblick in den tristen Alltag eines Mannes, der mit aller Gewalt sexuelle Befriedigung und körperliche Liebe erlangen will. Völlig unpornografisch bekommt der Zuschauer nicht nur den Penis des Protagonisten in Großaufnahme zu sehen, sondern nimmt auch an außergewöhnlichen „Selbstbefriedigungen“ teil.

Ich habe Buttgereits Film etwa ein Jahr nach dessen Entstehung das erste Mal gesehen und war damals einerseits schockierend fasziniert und andererseits enttäuscht, weil ich ein unperfektes „Machwerk“ serviert bekam, dass im ersten Moment „stümperhaft“ auf mich wirkte. Heute, circa 20 Jahre später, sehe ich „Schramm“ plötzlich mit völlig anderen Augen und erkenne sehr wohl die künstlerischen Ambitionen, die Buttgereit (aus meiner Sicht ziemlich gut) verfolgt. Filmkenner ahnen, welche Regiegrößen als Vorbilder dienten, wobei Buttgereit ganz klar seinen eigenen Weg geht. An einigen Stellen dachte ich tatsächlich, ich sehe gerade einen Film von Lars von Trier.

„Schramm“ polarisiert. Unspektakulär werden vereinzelt Splatterelemente in die ansonsten triste, bedrückende und deprimierende Handlung eingestreut und rütteln den Zuseher für Sekunden wach. Florian Koerner von Gustorf spielt die Rolle des einerseits sympathischen und bemitleidenswerten, andererseits kaltblütigen Vergewaltigers und Mörders Lothar Schramm nüchtern und augenscheinlich emotionslos, wobei dennoch erstaunlicherweise Gefühle im Zuschauer freigesetzt werden. In oft ästhethischen Bildern zeigt „Schramm“, wie ein verzweifelter Mann immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und erzwungenem Sex fällt, aus dem es letztendlich kein Entkommen gibt. Durch den hervorragend auf die Bilder abgestimmten Soundtrack kommt eine sehr bedrückende Stimmung zustande, die sich durch den gesamten Film zieht. Ich würde „Schramm“ als verstörendes, surrealistisches und visionäres kleines Meisterwerk völlig abseits des Mainstreams bezeichnen.

*

Fazit: Beklemmende, düstere und absolut realistische Charakterstudie eines verzweifelten Mannes, der auf der Suche nach Liebe und Sex nur Gewalt und Tod findet.

© 2015 Wolfgang Brunner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s