Videodrome (1983)

1983_videodrome

Originaltitel: Videodrome
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Kamera: Mark Irwin
Musik: Howard Shore
Laufzeit: 89 Minuten
Darsteller: James Woods, Deborah Harry, Jack Creley, Leslie Carlson
Genre: Science-Fiction
Produktionsland: Kanada, USA
FSK: ab 18 Jahren (indiziert)

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Auf der Suche nach immer neueren und extremeren TV-Formaten stößt Max Wren, der Programmchef eines Kabelfernsehsenders, auf eine mysteriöse Sendung namens Videodrome, welche Folter und Mord beinhaltet. Wren ist begeistert, sieht eine neue Chance, Kunden zu gewinnen, und will mehr über Videodrome erfahren. Doch Videodrome übersteigt nicht nur seine Vorstellungskraft, sondern hat auch die Macht, die Realität auf groteske Art und Weise zu verändern ……

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Welche Filme gibt es, in denen ein Film und dessen Betrachtung böse Wirkung haben? Der durchschnittliche Kinogänger würde jetzt wahrscheinlich The Ring oder Scary Movie nennen. Doch die Idee dazu ist keineswegs erst vor kurzem aufgetaucht. Schon in den frühen 80er Jahren hat sich der kanadische Kultregisseur David Cronenberg mit diesem Thema auseinandergesetzt. Und das auf ziemlich beeindruckende Weise.

Tag für Tag werden die meisten Menschen manipuliert. Oft, ohne das sie sich dessen überhaupt bewusst sind. Wodurch? Natürlich durch das Fernsehen. Sensationsgier und Voyeurismus treibt die Konsumgesellschaft von heute an, sich immer hirnlosere und extremere Sachen anzusehen und ernsthaft darüber zu diskutieren. Wer wie ich keinen Fernsehanschluss hat und den Fernseher nur dazu benutzt, um DVD’s zu sehen, ist noch in der Minderheit.  Viele mögen das zwar anders sehen, doch dies ist meine Sichtweise des Themas. Und genau das wird auch in Videodrome thematisiert.

Sex sells – und Gewalt bestimmt erst recht, denkt sich der Programmdirektor im Film und steht damit stellvertretend für Produzenten und Fernsehanstalten heute. Doch ganz so schlimm wie in Videodrome dargestellt ist es zum Glück nicht. Cronenberg stellt in seinem Film jedoch eine solche möglich Welt gekonnt dar und stellt die alte Frage über den Einfluss der Medien erneut. Besonders die Sehnsucht nach Gewalt wird in dem Film kritisch aufgegriffen. Videodrome tritt in die Fußstapfen von Cannibal Holocaust, einer der wohl berühmt-berüchtigtesten Filme dieser Art, der seine Gewaltdarstellungen in ein medienkritisches Gewand verpackte („Ich frage mich, wer die echten Kannibalen sind?“).  Auch ist er Vorreiter von Filmen wie Running Man oder A Hole In My Heart, die sich ebenfalls kritisch mit medialisierter Gewalt auseinandersetzen. Diese Darstellung war schon 1983 nicht allzu realitätsfern, doch heute ist sie realer als je zuvor. Duch das Internet sind solche Inhalte oft nur ein paar Klicks entfernt.

David Cronenberg hat mit Videodrome einen derart intensiven Film geschaffen, dass man blind sein muss, um an seiner Klasse als Regisseur zu zweifeln. Die beabsichtigten Effekte und Denkanstöße treffen genau in’s Schwarze. Jedoch geht es hier nicht pauschal darum, den Medien und insbesondere dem Medium Fernsehen die Schuld in die Schuhe zu schieben, sondern es wird die Symbiose von Medium und Mensch behandelt. Der Mensch ist oft von den Medien abhängig, was umgekehrt genauso gilt, denn wenn es keiner sehen wöllte, käme auch kein Sender auf die Idee, weiterhin zu senden. Und Videodrome setzt noch eins drauf: Hier geht es nicht nur um die Wechselwirkung zwischen Mensch und Medium, sondern Cronenbergs Werk wird hier in seiner unnachahmlichen Art und Weise zum sogenannten „Körperhorror“. Wie schon in Die Brut oder eXistenZ kommen hier groteske körperliche Veränderungen und Mutationen in’s Spiel. Funkioniert das? Auf jeden Fall! Der Horrorbeigeschmack nimmt dem Thema etwas von seiner Schärfe. Der Regisseur vermengt einmal mehr die reale und die virtuelle Welt und schafft daraus eine erschreckende Mischung. Diese trifft sicherlich nicht alle Geschmäcker. Dafür ist sie einfach zu sperrig und zu unberechenbar. Auch wird der Zuschauer oftmals ziemlich im Dunkeln gelassen und muss selbst deuten, was er sieht. Hören kann er jedenfalls den dazu passenden, albtraumhaften Score des Starkomponisten Howard Shore. Im Großen und Ganzen bekommt man hier einen interessanten Film geboten, der provokant, nachdenklich stimmend und seiner Zeit weit vorraus ist.

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Fazit: Angesichts heutiger Errungenschaften wie dem Internet mag Videodrome mit seiner Röhrenfernseherwelt etwas retro wirken. Wer weiß, was Cronenberg heute drehen würde, würde er sich medienkritisch mit dem Internet auseinandersetzen? Das Thema ist trotzdem hochaktuell. Es geht hier im speziellen nicht um die Medien an sich, sondern um die ungefragte Bereitschaft vieler Menschen, einfach alles ohne Rückfragen zu konsumieren. Sicherlich wird das hier in einer sehr krassen Form dargestellt, doch wer weiß, was die Zukunft bringt. Ob nun Occulus Rift oder Android Wear – die Vernetzung von Mensch und medialer Technik schreitet heute immer schneller voran. Es bleibt abzuwarten ob das nun Segen oder Fluch ist. So grotesk wie in Cronenbergs Horrorvision wird es zwar wohl nicht und vielleicht hat der „Mensch 2.0“ ja wirklich Zukunft. Abschließend bleibt nur noch die Worte von Max Wren am Ende des Filmes zu wiederholen: „Lang lebe das neue Fleisch!“

© 2015 Lucas Dämmig

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