Der Tod weint rote Tränen (2013)

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Originaltitel: L’estrange couleur des larmes de ton corps / The Strange Colour Of Your Body’s Tears
Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani
Drehbuch: Hélène Cattet, Bruno Forzani
Kamera: Manuel Dacosse
Musik: Yves Bemelmans, Mathieu Cox
Laufzeit: 98 Minuten
Darsteller: Klaus Tange, Ursula Bedena, Joe Koener, Hans de Munter, Birgit Yew, Anna D’Annunzio, Jean-Michel Vovk
Genre: Horror, Kunstfilm
Produktionsland: Belgien, Frankreich, Luxemburg
FSK: ab 16 Jahren

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Als Dan Kristensen von einer Geschäftsreise nach Brüssel heimkehrt, stellt er mit Erschrecken fest, dass seine Ehefrau verschwunden zu sein scheint, obwohl die Wohnungstür bei seiner Ankunft von innen verriegelt war. Hat sie ihn verlassen? Oder ist es zu einem Verbrechen gekommen? Im Haus kann ihm niemand weiterhelfen, bis er auf eine Nachbarin trifft, die ebenfalls ihren Ehepartner vermisst. Als am nächsten Tag ein gewisser Kommissar Vincentelli vor Dans Tür steht, geraten die Ereignisse auf immer erschreckendere Bahnen und bald befindet sich Dan auf einer albtraumhaften Reise, während sich die Grenze zwischen Realität und Einbildung langsam aufzulösen scheint…

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Er ist endlich da! Seit Wochen habe ich auf diesen Film gewartet. Schon von dem vorherigen Film des Regieduos Amer war ich ziemlich begeistert und bin so mit großen Erwartungen an diesen Film herangegangen. Ich wurde nicht enttäuscht.

Wie schon sein Vorgänger ist dieser Film ein einziger visueller Rausch mit den markantesten Attributen seines Vorbild-Genres – des italienisches Gialli – gewürzt. Das Ergebnis ist ein Experimentalfilm mit Horrorflair der wie bei Amer hauptsächlich über Bilder und Töne funktioniert. Es ist zwar eine Handlung vorhanden, doch muss man die gezeigten Szenen genau verfolgen, um nicht den Faden zu verlieren. Denn Worte fallen in diesem Film kaum. Doch die mehr als beeindruckenden Bilder, die atmosphärische Soundkulisse und die tollen Schauspieler lassen diese auch nicht vermissen. Außerdem hat das Regieduo zusätzlich noch mit vielen Effekten gearbeitet, um mit dem Spiel von Licht und Schatten, kaleidoskopartigen Wirbeln, extremen Close-Ups, Splitscreens und noch vielem mehr den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Bei mir ist ihnen das definitiv gelungen.

Das ist wieder so ein Film, den man nicht einfach so nebenbei schauen kann. Und ihn bei der ersten Sichtung gleich verstehen zu wollen, ist wohl auch Utopie. Die Bilder strömen förmlich auf einen ein und es ist einem am Ende nicht so ganz klar, was man eigentlich gesehen hat. Deshalb ist esb meiner Meinung nach wichtig, den Film erstmal auf sich wirken zu lassen und nicht gleich auf die Replay-Taste zu drücken. Es ist natürlich leicht für Kritiker, so einen Film als „style-over-substance“ zu bezeichnen. Doch in Zeiten, wo das Horror-Genre fast nur noch aus streng wirtschaftlich kalkulierten Spin-Offs, Remakes und berechenbaren Handlungen besteht, wirkt so ein Film richtig erfrischend. Natürlich handelt es sich hier nicht um einen konventionellen Horrorfilm, doch bei einigen Stellen kommt man doch in’s Gruseln.

Leider wird der Film jedoch auch von ein paar Längen geplagt. Die vielen verschachtelten Geschichten innerhalb der Geschichte sind etwas ermüdend. Die Filme der beiden Franzosen erinnern mich bist jetzt ein wenig an den argentinischen Regisseur Gaspar Noé. Und obwohl mit Der Tod weint rote Tränen eindeutig ein Hommage an ein bestimmtes Genre vorliegt, wird hier nichts per Strichliste abgearbeitet, sondern dem aufgeschlossenen Publikum etwas Eigenständiges vorgesetzt. Die Regisseure präsentieren ihr Werk als verworrenes, doch atmosphärisch brilliantes, Puzzlespiel. Doch gerade seine Verworrenheit kommt dem Film zugute. Es wäre doch zu schade gewesen, diese tolle Antmosphäre, die sich im Laufe des Filmes aufbaut, am Ende einer banalen Auflösung zu opfern.

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Fazit: Ist es heutzutage eigentlich noch möglich, das Publikum zu überraschen, das gerade im Bereich des Thrillers schon alles Erdenkliche gesehen haben dürfte? Mit diesem Film scheint die Antwort „Ja“ zu lauten. Beide Regisseure legen ihren Fokus hier zwar eher auf die Inszenierung als auf die Story, doch das macht den Film erst zu einem unvergesslichen Erlebnis. Ich werde ihn mir bestimmt noch öfters ansehen.

© 2015 Lucas Dämmig

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