Der Spiegel (1975)

Originaltitel: Зеркало
Regie: Andrei Tarkowski
Drehbuch: Alexander Mischarin, Andrei Tarkowski
Kamera: Georgi Rerberg
Musik: Eduard Artemjew
Laufzeit: 108 Minuten
Darsteller: Margarita Terechowa, Nikolai Grinko, Oleg Jankowski, Filipp Jankowski, Ignat Danilzew
Genre: Drama, Kunstfilm
Produktionsland: Sowjetunion
FSK: ab 12 Jahren

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Alexei hat sich von seiner Frau Natalja getrennt und fragt den gemeinsamen Sohn Ignat, bei wem er leben möchte. Natalja sieht in Alexeis Kindheitserinnerungen aus den 30er Jahren genauso aus wie seine Mutter Maria. Alexei philosophiert in einem Gemisch aus geträumter und realer Erinnerung über sein Leben, geprägt von historischen Ereignissen …

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Keine Zeit haben. Wem kommt das nicht bekannt vor? In unser schnellebigen Zeit beklagen sich tagtäglich sicher mehr als genug Menschen darüber, keine Zeit zu haben. Eine ganz eigene Interpretation von Zeit präsentiert Tarkowski uns hier in seinem Werk Der Spiegel. Bevor man sich den Film jedoch zu Gemüte führt, ist es wichtig zu wissen, dass es in demselben keinerlei chronologische Erzählweise gibt, und man streckenweise auch den roten Faden, der sich durch so ziemlich jeden Film zieht, vermisst. Je nachdem, wie man den Film interpretiert, hat der Zuschauer am Ende garantiert noch einige offene Fragen. Dieser Film gilt zurecht als Tarkowskis unzugänglichstes Werk. Doch gerade das macht ihn für mich interessant. Ich liebe Filme, bei denen man nachdenken muss, und die einem eine relativ frei interpretierbare Handlung bieten.

Der Spiegel folgt jedoch keiner dramatischen Handlung sondern besteht eher aus einer Reihe von Gedanken, die auf Film gebannt wurden. Wichtige Momente der Weltgeschichte vermischen sich mit autobiografischen  Erinnerungen und Träumen. Auffällig ist, dass Nebenfiguren sich immer wieder in kurzen Auftritten über die Hast um sie herum beklagen. Doch der Protagonist Alexei fragt ahnungslos nach der Uhrzeit, es scheint als hätte Zeit für ihn keine Bedeutung. Es ist ein bisschen wie in einer Parabel von Kafka. Eine mögliche Aussageabsicht der Szene könnte sein, das man im Leben immer nur Dingen hinterher läuft, von einer Sache zur anderen hastet, rastlos nach einem Weg sucht und somit keine Zeit für spätere Erinnerungen und/oder Träume hat. Vielleicht ist es eine Aufforderung, sich die Zeit zu nehmen und sich mal umzusehen. Im Verlauf dieser Rezension werde ich darauf zurückkommen.

Nach der ersten und zweiten Sichtung des Filmes wurde zumindest ich etwas ratlos zurückgelassen. Bei mir entstand ein Eindruck der Willkür, mit dem die Szenen aneinander gereiht sind. Doch nach der dritten Betrachtung konnte ich eine Art System erkennen. Zunächst gibt es die filmische Gegenwart (in Farbe), die sich um die Hauptfigur Alexei dreht. Dann die Rückblenden, hauptsächlich bestehend aus Alexeis Kindheitserinnerungen (in Sepia). Desweiteren gibt es traumartige Sequenzen und schließlich immer wieder eingeflochtene dokumentarische „Wochenschau“-Rückblenden (in Schwarz-Weiß) aus verschiedenen Ländern. Dadurch entsteht eine Art träumerischer Rhytmus, den Tarkowski vor allem dadurch erreicht, dass die Szenen der filmischen Gegenwart mit den gleichen Bildern oft in die Traumsequenzen hinübergleiten und somit erlebte und geträumte Wirklichkeit schwer auseinanderzuhalten ist.  „Alle sind unsterblich, alles ist unsterblich… das Zukünftige geschieht schon jetzt.“ Mit dieser aus dem Off rezitierten Strophe aus einem Gedicht von Tarkowskis Vater Arseni (der ein großer russischer Dichter war) wird das Ganze kommentiert. Auch davon, dass „alles schonmal dagewesen ist“ wird gesprochen. Jedoch trägt dies nichts zum besseren Verständnis des Filmes bei, sondern verwirrt meiner Meinung nach nur. Die zitierten Strophen sind nichts weiter als eine Form der Kunst – ein Merkmal der Erhabenheit über die Zeit. Kunst kann Jahrtausende überdauern. Wir Menschen nicht.

Als ob das noch nicht kompliziert genug wäre, hat Tarkowski auch noch Alexeis Frau und die junge Version seiner Mutter sowie Alexeis Sohn in der Gegenwart und den jungen Alexei der Erinnerung mit den gleichen Schauspieler besetzt. „Das einzige, was deine Mutter braucht, ist, dass du wieder zum Kind wirst, das sie auf Händen tragen kann“, sagt Natalja zu Alexei. Freud hätte seine helle Freude daran gehabt. Doch das ist ganz im Sinne des Erfinders, wie man so schön sagt. Die Gegenwart und die Erinnerung laufen ineinander, genauso wie die kollektive Geschichte die persönliche von Tarkowski wiederspiegelt (wir erinnern uns, der Film enthält autobiografische Elemente). Zusätzlich inszenierte Tarkowski als zentrales Motiv immer wieder die Natur mit ihren Elementen als das über die Zeit erhabene, wonach Alexei zu suchen scheint, aber auch als „dunklen Wald“, der womöglich die Unsicherheit des Lebens darstellen soll.

Am Anfang des Filmes sagt ein geheilter Stotterer: „Ich kann sprechen.“ Ist das vielleicht ein Symbol dafür, in den Spiegel zu blicken, zu reflektieren aber auch den „dunklen Wald“, also das Leben/Sterben, selbst zu erkunden? Der Spiegel könnte somit ein Film sein, der am Ende eines Lebens – oder in seiner Mitte – an einem vorbeizieht. In der kritischen Zone der Lebensmitte zum Beispiel (auch Midlife-Crisis genannt) versuchen viele, eine neue Wegfindung durchzuführen. Aber gleichzeitig muss man auch durch den „dunklen Wald“ – durch seelische Krisen und dergleichen gehen. “Mittwegs auf unseres Lebens Reise fand in finsteren Waldes Nacht ich mich verschlagen, weil mir die Spur vom geraden Wege schwand” sinnierte einst ein sehr berühmter Dichter. Jedoch bleibt die Deutung des Filmes wohl jedem selbst überlassen. Für mich ist Der Spiegel ein faszinierendes Bilderrätsel. Tolle Kamerafahrten, lange Einstellungen, die Verwendung akustischer Effekte und sehr gute Schauspieler – all das was ich von Tarkowski schon gewohnt war, hat er hier zur Perfektion gebracht.  Sicher bleibt einem der Film trotz der Erklärungsversuche ein bisschen verschlossen und schwer zugänglich, fast wie ein Labyrinth. Der Zuschauer verliert sich leicht darin und macht das, was ein Zuschauer hauptsächlich tun sollte – zuschauen.

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Fazit: Ein eigenwilliges und visionäres Experiment. Anders wüsste ich den Film nicht zu beschreiben. Nichts für zwischendurch, aber für mich war es eine neue Erfahrung 🙂

© 2015 Lucas Dämmig

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