Der Schneider von Panama (2001)

51E418B2NKL

Originaltitel: The Tailor Of Panama
Regie: John Boorman
Drehbuch: John le Carré, Andrew Davies, John Boorman
Kamera: Philippe Rousselot
Musik: Shaun Davey
Laufzeit: 105 Minuten
Darsteller: Pierce Brosnan, Geoffrey Rush, Jamie Lee Curtis, Brendan Gleeson, Catherine McCormack, Mark Margolis, Dylan Baker, Ken Jenkins, Daniel Radcliffe
Genre: Literaturverfilmung, Drama
Produktionsland: USA, Irland
FSK: ab 12 Jahren

*

Der Schneider Harry Pendel ist in der gehobenen Gesellschaft von Panama bekannt für gut sitzende Anzüge sowie für seine phantasievollen Geschichten. Sein Leben scheint sorgenfrei, bis eines Tages der gewissenlose britische Spion Andrew Osnard in seinem Laden erscheint. Er zwingt Pendel mittels Erpressung etwaige erlauschte Regierungsgeheimnisse der hohen Herren, die bei dem Schneider verkehren, an ihn weiterzugeben. Doch Harry erfährt nichts, seine Kunden sind weit mehr verschwiegen als Osnard annimmt. In seiner Not beginnt Harry Pendel eine Verschwörung zu erfinden, die sich durch alle Gesellschaftsschichten Panamas zieht und bald die Aufmerksamkeit der ausländischen Geheimdienste auf sich zieht. Doch dann wird ihm klar, dass das gefährliche Spiel eine Nummer zu groß für ihn geworden ist…

*

 „Der Schneider von Panama“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von John le Carré. Dieser wiederum ist von Graham Greenes „Unser Mann in Havanna“ inspiriert. Ausnahmsweise habe ich bisher keines der beiden Bücher gelesen. Da John le Carré nie so richtig mit der Verfilmung seiner Bücher zufrieden war, hat er diesen Film gleich mitproduziert.
Da er sich mit Spionageromanen auskennt, wählte er als Regisseur einen anderen Meister seines Faches: John Boorman, von dem Filme wie „Beim sterben ist jeder der erste“ oder „Point Blank“ längst Kultstatus erreicht haben. Besetzt mit etlichen hochkarätigen, bekannten Schauspielern ist „Der Schneider von Panama“ wirklich sehenswert. Le Carré meinte, diesmal würde die Verfilmung seinem Roman vollständig gerecht. Nur ist die Bewertung wie immer Geschmackssache. Viele Kritiker meinen, das Buch sei schon sehr schleppend und für die Leinwand hätte die Story noch eine Verbesserung gebraucht. Uns erwartet hier kein actionlastiger Agentenstreifen mit viel Getöse à la „James Bond“ oder „Mission Impossible“, sondern eher eine Art gehobenes Kammerspiel. Lobend erwähnen muss ich die exotische Kulisse. Und wer nichts von Panama weiß, außer das es in Amerika liegt, einen Kanal besitzt und von der Tigerente besucht wurde, erfährt hier nebenbei auch noch etwas Geschichte.

*

Fazit: Der Film versucht eine Satire zu sein, ihm fehlt es jedoch an Biss. Erst bei genauerem Hinschauen bemerkt man die Lügenpolitik der Geheimdienste und die Darstellung, dass führende Offiziere in den USA auf eine Gelegenheit lauern, in ein anderes Land einmarschieren zu können ist leider auch nicht aus der Luft gegriffen. Wer hier einen Actionthriller erwartet wird enttäuscht, jedoch für einen ruhigen Filmabend reicht der Film allemal.

© 2014 Lucas Dämmig

Under The Skin (2013)

under the skin

Originaltitel: Under The Skin
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer, Walter Campbell
nach dem Roman „Die Weltenwanderin“ von Michel Faber
Kamera: Dan Landin
Musik: Mica Levi
Laufzeit: 107 Minuten
Darsteller: Scarlett Johansson, Joe Szula, Kryštof Hádek, Adam Pearson, Paul Brannigan, Michael Moreland
Genre: Science Fiction
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahre

*

Laura ist auf der Suche nach Männern. Die Frau ist allerdings nicht von dieser Welt und ihre Opfer bekommen nicht das, was sie nach Lauras Verführungskünsten eigentlich erwarten. Denn die Außerirdische ist hungrig …
Doch je länger sie auf der Erde verweilt und die Männer immer besser kennenlernt, tauchen Zweifel in Laura auf, ob sie das richtige tut. Sie versucht, aus ihrem natürlichen Kreislauf auszubrechen.

*

„Under The Skin“ macht mich (noch immer) sprachlos. Sowohl während des Films als auch im Nachhinein erscheinen mir die Bilder, die Ausnahmeregisseur Jonathan Glazer da präsentiert, wie aus einer anderen Dimension, die wir einerseits nicht begreifen können, aber andererseits von ihnen erfüllt werden, als wären sie eine Offenbarung.

Das klingt wahrscheinlich ziemlich abgehoben, was ich da schreibe, aber „Under The Skin“ ist eine filmische Erfahrung, wie es seinerzeit Samuel R. Delanys „Dhalgren“ für mich in literarischer Form war. Scarlet Johannsons Schauspiel ist grandios und bleibt so nachhaltig im Gedächtnis, dass es schon fast unheimlich ist.
Der ganze Film ist unheimlich. Unheimlich in Bezug auf gruselig, aber auch unheimlich, wenn man bedenkt, was und vor allem in welcher Form diese Geschichte erzählt wird. Glazer schafft es, den Zuschauer derart in den Bann zu ziehen, dass man manchmal nahe dran ist, vollkommen zu vergessen, ein Mensch zu sein. Man fühlt die Emotionen des Aliens und fängt sogar teilweise an, in der gleichen Art wie es zu denken. Und DAS ist wahrlich unheimlich!

„Under The Skin“ ist eine Reise, die wie ein Drogenrausch auf den Zuschauer wirkt. Vorausgesetzt natürlich, man lässt sich auf Glazer geniales, visuelles Feuerwerk ein. Im Arthaus-Stil, mit einer Prise David Lynch, David Cronenberg  und Nicholas Roeg, begleiten wir in wirren, aber ausgesprochen überirdisch schönen Bildern, das männermordende Alien durch die schottischen Highlands. Doch Glazer schafft es tatsächlich, uns die uns bekannte Welt durch die Augen eines fremden Eindringlings sehen zu lassen. Das ist wirklich enorm beeindruckend! Man sieht die Menschen durch die Augen eines Aliens, man spürt förmlich die  Unsicherheit seines eigenen Verhaltens und empfindet Verstörung, aber auch Hoffnung. In dieser Hinsicht ist „Under The Skin“ ein wahrliches Meisterwerk.
Ich bin versucht, „Under The Skin“ einfach „Die Frau, die vom Himmel fiel“ zu nennen, weil mich die ganze Inszenierung tatsächlich sehr an Nicholas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ mit David Bowie in der Hauptrolle erinnerte. Doch Glazer geht einen riesigen Schritt weiter und verzaubert uns durch geschickt über den Film verstreute visuelle Explosionen, die es in sich haben.

Diese surrealen Aufnahmen erreichen oftmals kubricksche „2001„-Dimensionen und könnten visionärer nicht sein. In einer wagemutigen Inszenierung entfernt sich Jonathan Glazer noch weiter als mit seinen bisherigen Filmen vom Mainstream und lässt uns mit staunenden, offenen Mündern zurück. Natürlich nur die Zuseher, die sich auf das filmische Experiment einlassen. Die anderen, die sich auf einen unterhaltsamen Filmabend mit Chips und Bier eingestellt haben, werden spätestens nach einer halben Stunde eingeschlafen sein und somit einen filmischen Triumph, der seinesgleichen sucht, verpassen.

*

Fazit: Visionärer und visuell einzigartiger Alien-Roadmovie, der einem nachhaltig im Gedächtnis haften bleibt und für mich einen Genre-Meilenstein darstellt. Scarlett Johannson in ihrer bisher besten Rolle überzeugt ohne Einschränkungen und lässt uns die reale Welt vergessen. Muss man einfach gesehen haben! Ein ganz großer, künstlerischer  Film und für mich einer der wichtigsten Science Fiction-Filme der letzten Jahre.

© 2014 Wolfgang Brunner

Der Menschen Hörigkeit (1964)

Der_Menschen_H_rigkeit

Originaltitel: Of Human Bondage
Regie: Ken Hughes, Henry Hathaway, Bryan Forbes
Drehbuch: Bryan Forbes
Kamera: Oswald Morris
Musik: Ron Goodwin
Laufzeit: 99 Minuten
Darsteller: Kim Novak , Laurence Harvey , Robert Morley, Nanette Newman, Siobhan McKenna
Genre: Literaturverfilmung, Melodram
Produktionsland: Großbritannien
FSK: ab 16 Jahren

*

 Philip Carey ist voller Neugier auf die Liebe, das Leben und die Abenteuer, die es bereithält. In London, Heidelberg und Paris, über Umwege und Sackgassen, zwischen Liebesqual und Abneigung entdeckt der junge Mann, wer er ist und wer er sein will.

*

Der Film „Der Menschen Hörigkeit“ basiert auf dem gleichnamigen Entwicklungsroman von William Somerset Maugham. Dieser trägt autobiographische Züge und der Titel basiert auf dem 4. Buch der Ethik des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza. Darin beschreibt er unter anderem die innere und äußere Natur des Menschen. Unter der „Knechtschaft des Menschen“ versteht Spinoza menschliche Ohnmacht gegenüber leidenschaftlichen Gemütsverfassungen, die äußere Ursachen haben. Leidenschaften werde es für den Menschen solange geben, wie er Teil der Natur sei. Der Mensch könne aber lernen diese Leidenschaften zu überwinden und seiner inneren Natur nach zu handeln. Das klingt zugegebener Weise ein wenig kompliziert, seine Theorien sind aber ganz interessant, wenn man sich näher damit beschäftigt.

Doch nun zurück zum Film. Er ist in der Tat schon ein wenig alt. Das mag daran liegen, dass das Buch hochkomplex und so ein Stoff sicher nicht leicht zu verfilmen ist. Ich würde mir wünschen, dass ein fähiger Regisseur mit guten Schauspielern sich dieser Aufgabe zuwendet. Weil, das Buch ist wirklich gut. Es hat mich ziemlich beeindruckt, da ich teilweise meine eigenen Gedanken dort wiederfinden konnte. Im wesentlichen geht es dort um Selbstfindung und den Kampf mit sich selbst.
Da der Film leider nur den zweiten Teil des Romans behandelt, wird die unerwiderte Liebesbeziehung zu der jungen Kellnerin Mildred Rogers  (worin auch der Titelgedanke zum Vorschein kommt) und die umfangreiche Vorgeschichte nur kurz angerissen. Daher fand ich den Film jetzt nicht sonderlich berauschend. Da es sich um einen älteren Film handelt wurde dieser noch in schwarz-weiß gedreht. Die damals noch junge und hübsche Kim Novak macht sich hier gut als Verkörperung der Romanfigur Mildred Rogers. Doch auch Laurence Harvey als Philip Carey kann durchaus überzeugen. Hätte man die Geschichte noch weiter verfolgt, hätte womöglich ein richtig guter Film mit den beiden entstehen können.
Da der Film, wie schon mehrmals erwähnt, vor 50 Jahren gedreht wurde, ist er auch dementsprechend altmodisch. Der auf dem oben abgebildeten, damaligen Filmplakat zitierte Werbespruch „Einige Frauen können nichts dafür, dass sie so sind“ ist heute nicht mehr wirklich zeitgemäß. Ich muss bemerken, dass es auch genügend Männer gibt die „so“ sind – und sowohl Männer als auch Frauen wohl etwas „dafür“ können. So bleibt am Ende nur ein scheinrealistisches, aus dem Zusammenhang gerissenes Drama und rührseliger Kitsch.

*

Fazit: Trotz meiner negativen Kritik ist der Film doch ein gutes Beispiel dafür, wie sehr wir durch unsere Gefühle und unser Unterbewußtsein gesteuert werden und unser Verstand dabei oft hilflos den Kopf schüttelt.

© 2014 Lucas Dämmig

Interview mit dem Schauspieler Harry Baer

Harry Baer
© Daniel Sonnentag

 

Harry Baer, Jahrgang 1947, begann seine Filmkarriere an der Seite von Rainer Werner Fassbinder, wo er vor und auch hinter der Kamera mitwirkte. Heute ist er als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig.
Unter der Regie von Hans Jürgen Syberberg übernahm er Anfang der 70er Jahre die Hauptrolle des König Ludwig II im Film „Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“ und 1980 den Part des Hausbesitzers in Werner Schroeters „Palermo oder Wolfsburg“.
Harry Baer ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und stellvertretender Chefredakteur des Internetportals regie.de

 

Film-Besprechungen freut sich, ein Interview mit einem langjährigen Wegbegleiter von Rainer Werner Fassbinder zu präsentieren.

1. Durch Deine jahrelange Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder kanntest Du ihn so gut wie wahrscheinlich kein anderer. Eine Frage bleibt daher für mich unvermeidlich, obwohl sie Dir bestimmt schon oft gestellt wurde: Wie war die Arbeit mit ihm? Was machte ihn aus?

Das mag schon sein, dass ich ihn gut kannte, zumindest bei der Arbeit. Privat war ich nicht immer dabei, auch logisch, oder? Am meisten hat mich seine Zärtlichkeit den Darstellern gegenüber beeindruckt, die konnte aber auch schon mal ins Gegenteil ausarten, da war er dann eher unlustig. Die Arbeit mit ihm machte eigentlich die meiste Zeit Spaß, aber bei seinem höllischen Tempo, war nicht immer Zeit zum Lachen. Und zu lachen hatte auch nicht jeder was, wenn der Herr ungnädig wurde.

2. Welchen Film aus der Fassbinder-Ära, in dem Du mitgespielt hast, magst Du am liebsten und warum?

Eigentlich natürlich WILDWECHSEL, aber den hat ja kaum einer gesehen, weil der F.X. Kroetz den Film seit 1973 nicht freigibt. Da hatte ich neben der Eva Mattes die männliche Hauptrolle. Also bleibt nur LOLA übrig, welches der einzige Film von RWF ist, der wirklich humorvoll ist. Meine kleine Rolle darin ist zwar nett, aber nicht unbedingt wegweisend. Und IN EINEM JAHR MIT DREIZEHN MONDEN ist sein radikalster Film, einfach genial, der tut weh beim Ansehen. Da war er in Frankfurt. War leider nicht dabei. DIE DRITTE GENERATION ist auch ne Komödie, aber die versteht auch nicht jeder. Da bin ich wieder mit von der Partie und sogar richtig gut.

3. Du stehst seit über 40 Jahren vor der Kamera. Was unterscheidet Deiner Meinung nach die „alten“ Filme von den „neuen“?

Erstens in der Unart vieler Regisseure einfach ohne Ende zu drehen, weil ja heute nicht mehr mit Filmmaterial gedreht wird, was damals viel Geld gekostet hat und zweitens wird heute viel zu viel produziert, weil die vielen Förderungen in Deutschland die Qualität dieses Kulturgutes in Gefahr bringen.

4. Du hast ein Buch über die „Deutsche Eiche“, das Gasthaus in München geschrieben. Ich als Münchner war auch des öfteren dort und habe diese Zeit als sehr gut in Erinnerung. Die Faschingsbälle dort waren geradezu legendär.
War es für Dich schwierig über diese alten Zeiten zu schreiben, die wahrscheinlich in dieser Art nie mehr kommen werden?

Ich hatte mit vielen Leuten Interviews geführt, die ich dann in Berlin wie ein Puzzle zusammengesetzt habe. Dabei bin ich des Öfteren laut lachend oder tieftraurig und heulend durch meine Wohnung gelaufen.

5. Welche Bücher liest Harry Baer?

Joseph Roth, Karl Kraus und so manches andere…

6. Deine Filmografie reicht von Drama über Komödie bis hin zu Krimi. Welches Genre liegt Dir als Schauspieler am meisten und welches als Zuschauer?

Als Schauspieler natürlich der Bösewicht, weil immer nur gut sein, das kann jeder spielen. Also gute Kriminalfilme reizen mich schon sehr, auch als Zuschauer. Aber natürlich lache ich gerne über satte Komödien, die sind aber leider nicht so oft zu sehen.

7. Welche Rolle wäre die größte Herausforderung für Dich?

So etwas wie Michel Serrault in EIN KÄFIG VOLLER NARREN spielt. Da hätte ich ernsthafte Probleme. Die größte Herausforderung wäre der Himmler, der war nämlich gut zu seiner Familie und zu seinem Schäferhund. Und gleichzeitig hat er Millionen auf dem Gewissen, dieser widerliche Massen-Mörder. Hoffentlich bleibt mir das erspart.

8. Was war die schlimmste Situation, die Du während einer Dreharbeit erlebt hast?

Bei I PATRONI DELLA CITTÀ (1976) hat mir ein Pyrotechniker ins Auge geschossen, weil er die Rechnung Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel nicht bedacht hatte. Ich hatte aber sehr viel Glück und musste erst 25 Jahre später operiert. werden. Jeden Tag kam ein Krankenpfleger, der mir mit ein netten „Buon Giorno“ die Salbe ins Auge geschmiert hat, und dann die Augenklappen wieder verschlossen hat. So einsam war ich noch nie. Das Krankenhaus in Rom kann ich wirklich nur empfehlen, ohne Ironie gesagt!

9. Und was war die komischste?

1987 durfte ich eine von zwei Leichen in HELSINKI NAPOLI ALL NIGHT LONG spielen. Der finnische Hauptdarsteller wird uns aber nicht los, was immer er auch anstellt. Nach mehren Drehtagen wurde ich vom Team nicht mehr beachtet, die sind über mich gestiegen als ich sei eine Requisite. Das war hart.

10. Könntest Du Dir vorstellen, einen anderen Beruf als den des Schauspielers auszuüben? Welcher wäre es?

Ich würde gerne mehr schreiben. Schriftsteller vielleicht.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Beantwortung meiner Fragen und wüsche Dir alles Gute für Deine Zukunft.

Wer mehr über Harry Baer und seine Filme erfahren möchte, sollte sich mal auf seiner Homepage umschauen.
© 2014 Harry Baer / Wolfgang Brunner

 

Die Mächte des Wahnsinns (1994)

mächte des wahnsinns

Originaltitel: In The Mouth Of Madness
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Michael De Luca
Kamera: Gary B. Kibbe
Musik: John Carpenter & Jim Lang
Laufzeit: 95 Minuten
Darsteller: Sam Neill, Julie Carmen, Jürgen Prochnow, David Warner, John Glover, Charlton Heston
Genre: Horror
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahren

*

Kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Romans „Die Mächte des Wahnsinns“ ist der Horror-Schriftsteller Shutter Cane plötzlich nicht mehr auffindbar. Da Cane sehr bekannt ist und jede Menge Fans auf sein neuestes Werk gespannt sind, stößt sein Verschwinden auf großes öffentliches Interesse. Sein Verleger und die Lektorin beauftragen den Privatdetektiv John Trent, den Autor zu suchen. Als sich Trent immer mehr in die Bücher des Schriftstellers vertieft, um auf etwaige Spuren zu stoßen, verstrickt er sich immer mehr in einem Alptraum, der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sprengt.

*

Der mittlere Film von John Carpenters „Apokalyptischer Trilogie“ (Das Ding aus einer anderen Welt, Die Mächte des Wahnsinns, Die Fürsten der Dunkelheit) ist eine Hommage an den fantastischen und visionären Schriftsteller H.P. Lovecraft.  Virtous zieht uns Carpenter in den Bann dieser unglaublichen Geschichte, die voller verspielter Anspielungen auf das Lovecraft’sche Universum steckt.
Wer Lovecraft nicht kennt, wird dennoch Spaß an der Geschichte haben, die die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie gekonnt sprengt.

Sam Neill spielt seine Rolle wirklich gut und wie er aufgrund der Vorkomnisse vollkommen verrückt wird, nimmt man ihm ohne weiteres ab. Die Bilder, die uns Carpenter präsentiert, haben starke Ähnlichkeit mit denen, die wir in „Die Fürsten der Dunkelheit“ zu sehen bekommen. Der Regisseur hat also, was die Optik betrifft, in den letzten beiden Filmen seiner Trilogie (die handlungstechnisch übrigens absolut gar nichts miteinander zu tun haben) den gleichen Weg eingeschlagen.

Es ist sehr hilfreich bei diesem Film, wenn man zumindest einige der Geschichten von Lovecraft gelesen hat, um das „Denken“ dieses Schriftstellers zu verstehen. Es ist unübersehbar, dass Carpenter selbst ein Fan H.P. Lovecrafts ist, auch wenn er das Drehbuch, wie sonst bei vielen seiner Filme, nicht geschrieben hat.
Wie die Macht eines Schriftstellers über seine LeserInnen dargestellt wird, ist grandios. Prochnow spiet den wahnsinnigen Autor überzeugend und man spürt förmlich die Besessenheit.
Und wenn man dann am Ende die Kreaturen sieht, wie man sie sich als Lovecraft-Leser tatsächlich immer vorgestellt hat, dann macht das schon ungemein Spaß.
Die Mächte des Wahnsinns“ ist nicht unbedingt Carpenters Meisterwerk, aber ein außergewöhnlicher Film ist es allemal, weil er eine Thematik behandelt, die  im Grunde genommen nicht verfilmbar ist. Carpenter hat es meiner Meinung nach aber dennoch überzeugend und einigermaßen logisch rübergebracht.

*

Fazit: Stilsicher und überzeugend inszenierte Hommage an H.P. Lovecraft. Für Lovecraft- und John Carpenter-Fans daher ein Muss. Wer einen „einfachen“ Horrorfilm erwartet, wird mit den vielen Anspielungen überfordert sein und den wahren Gehalt dieses Films nicht erfassen.

© 2014 Wolfgang Brunner

Here Comes The Devil (2012)

here-comes-the-devilposter

Originaltitel: Ahi Va El Diablo
Regie: Adrián García Bogliano
Drehbuch: Adrián García Bogliano
Kamera: Ernesto Herrera
Musik: Julio Pillado
Laufzeit: 97 Minuten
Darsteller: Laura Caro, Francisco Barreiro. Michele Garcia, Alan Martinez, David Arturo Cabezud
Genre: Horror
Produktionsland: Mexiko
FSK: ab 18 Jahren

*

Felix ist mit seiner Frau Sol glücklich verheiratet. Bei einem Ausflug verschwinden ihre beiden Kinder spurlos und tauchen erst am nächsten Tag wie aus heiterem Himmel wieder auf. Aber sie sind verändert und verhalten sich völlig apathisch. Sie schwänzen die Schule und kehren immer wieder heimlich an den Ort zurück, an dem sie sich buchstäblich in Nichts aufgelöst hatten.
Die Menschen, die in der Nähe dieses Ortes wohnen, sprechen vom Teufel und dem absolut Bösen, das dort umgeht. Und dann gibt es da auch noch einen Serienmörder …
Felix macht sich mit Sol auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei entdecken sie ein Geheimnis, das ihre Vorstellungskraft überschreitet.

*

Der Film beginnt mit einer lesbischen Liebesszene, die zuerst etwas verwirrt, dann aber doch ein wenig neugierig macht, weil die Charaktere irgendwie ganz interessant dargestellt wurden. Es wirkt skandalös und man denkt, man bekommt einen etwas anderen Horrorfilm geboten. Das Dumme dabei ist, dass das Ganze aber lediglich das Intro ist und nichts mit dem weiteren Film zu tun hat.
Ich wurde durch den Trailer auf Here Comes The Devil aufmerksam und war zugegebenermaßen angetan davon. Der Film ist auch nicht unbedingt schlecht, aber leider auch nicht unbedingt gut. 😦

Wo soll ich anfangen? Am besten am Hauptkritikpunkt überhaupt: die Schauspieler! Die sind nämlich, ausgenommen vielleicht Francisco Barreiro, der mir in „Wir sind was wir sind“ total gut gefallen hat, absolut schlecht! Sie spielten amateurhaft und unsicher. Und so manches Mal wirkten sie auch völlig lustlos. Das daraus resultierende Ergebnis war einfach nicht zufriedenstellend.
Was mir ebenfalls aufgefallen ist, waren die oftmals uninspirierten Kameraeinstellungen, die „billig“ und ebenfalls amateurhaft auf mich wirkten.
Sicherlich gab es die ein oder andere Szene, die mir ganz gut gefallen hat. „Here Comes The Devil“ war zumindest ein Film, den ich nicht nach einer halben Stunde frustriert ausgeschaltet habe. Man wollte schon irgendwie wissen, wie es weitergeht. Die Szenen zwischen den Eheleuten (wie sie sich in der Verzweiflung wegen der verschwundenen Kinder annähern) haben mir absolut gut gefallen und wirkten auch überzeugend, auch wenn Laura Caro eine Fehlbesetzung war.
Auch erinnerten mich manche Stimmungen an Picknick am Valentinstag oder Twin Peaks, wobei ich ausdrücklich darauf hinweisen möchte, dass „Here Comes The Devil“ nicht einmal annähernd die Qualitäten der beiden genannten Kultfilme erreicht. Ich spreche lediglich von der aufkommenden Stimmung, die wirklich manchmal ähnlich war.

Warum der Film eine FSK 18-Freigabe bekam, kann nur an einer einzigen Stelle liegen, die dies rechtfertigen würde. Ansonsten dümpelt der Film eher seicht dahin.
Leider gibt auch die Handlung nach längerem Nachdenken irgendwie keinen so richtigen Sinn (und ich spreche nicht von einer  „intelligenten Sinnlosigkeit“ a la David Lynch). Da fehlt es einfach an sämtlichen Enden. Grundsätzlich hättte man aus dem Plot sicherlich mehr machen können und auch eine gewisse Logik reinbringen können. Aber da war wohl Adrián García Bogliano als Regisseur und Drehbuchautor überfordert.

*

Fazit: Schauspielerisch schlechter Mix aus Mystery und Exorzismus-Thriller, dem leider jegliche Logik fehlt. Sicherlich vermögen manche Szenen leicht zu begeistern, aber insgesamt überwiegen die negativen Punkte um ein Vielfaches.

© 2014 Wolfgang Brunner

To Kill A Man (2014)

Kill_A-Man

Originaltitel: Matar A Un Hombre
Regie: Alejandro Fernández Almendras
Drehbuch: Alejandro Fernández Almendras
Kamera: Inti Briones
Musik: Pablo Vergara
Laufzeit: 82 Minuten
Darsteller: Daniel Candia, Alejandra Yañez, Daniel Antivilo, Ariel Mateluna, Jennifer Salas
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Chile, Frankreich
FSK: ab 16 Jahren

*

Jorge wird immer wieder von einer Gruppe asozialer Kleinverbrecher schikaniert. Als er eines Tages ausgeraubt wird, wendet er sich an die Behörden, die ihm zwar Hilfe versprechen, aber einfach zu langsam reagieren. Jorges Sohn will seinen Vater beschützen und das geraubte Eigentum von den Ganoven zurückfordern. Dabei wird er von einem der Verbrecher schwer verletzt. Doch die Schuldigen verdrehen die Sachlage und stellen das Ganze als Notwehr hin. Allerdings muss der Anführer der Bande dennoch für eineinhalb Jahre in den Knast.
Als er nach Absitzen der Strafe in die Stadt zurückkommt, tyrannisiert er weiterhin Jorges Familie. Und wieder mahlen die Mühlen der Behörden, bei denen Jorge Hilfe sucht, zu langsam. Ehefrau, Tochter, Sohn und Jorge selbst werden auf immer eindringlichere Art von den Straftätern bedroht, sodass Jorge nur noch einen Ausweg sieht: Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen …

*

Ich hatte von diesem Film etwas völlig anderes erwartet, nämlich Action und Blut. „To Kill A Man“ ist aber in erster Linie ein Drama, und zwar ein ziemlich gutes und überzeugendes, das unter die Haut geht.
Mit minimalistischen Mitteln und einem realistisch wirkenden Erzählstil wirft Regisseur Almendras den Zuschauer in Jorges Welt, die zwar trist, aber auch voller kleiner Freuden ist. Daniel Candia spielt seine Rolle hervorragend und weiß mit seinem Charme zu überzeugen. Man nimmt ihm ohne weiteres den sympathischen, vernünftig denkenden „Loser“ ab, der, zwar verunsichert, aber dennoch voller Überzeugung den Weg der Selbstjustiz einschlägt, nachdem die Behörden ihn im Stich lassen.‘
Sein Spiel ist es auch, das den Film zum Großteil trägt. Fast könnte man schon sagen, „To Kill A Man“ ist eine Einmannshow von Candia, der damit beweisen kann, was er drauf hat.

Die ruhige Grundstimmung des Films mit wunderschönen Landschaftsaufnahmen lässt einen die Tragik, die sich  hinter der Handlung verbirgt, fast vergessen, Melancholisch und aufs Wesentliche beschränkt, inszenierte Almendras ein Drama, das angeblich auf wahren Begebenheiten beruht und sich auch tatsächlich so zugetragen haben könnte.
In ArtHaus-ähnlichem Stil begleiten wir den verzweifelten Familienvater, der sich im Laufe der Zeit immer mehr verändert und seinen Rachegedanken schließlich nachgibt.

„To Kill A Man“ hinterlässt den Zuseher mit einem bedrückenden Gefühl in der Magengegend und man kommt nicht darüber hinweg, sich selbst Gedanken zu machen, wie man in so einer Situation reagieren würde. Es ist ein ganz besonderes Drama, das hier erzählt wird. Für die einen mag es an Langweiligkeit fast nicht zu überbieten sein, denn auf Actionszenen wartet man vergebens, für den anderen ist es ein authentischer Thriller, der völlig abseits vom Mainstream seinen geradlinigen und eigenständigen Weg geht.

*

Fazit: Einfühlsames Rachedrama mit einem überwältigenden Daniel Candia. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen wechseln sich mit deprimierenden Stadtbildern und allgegenwärtiger Bedrohungen durch asoziale Banden ab und zaubern ein Ergebnis auf die Leinwand, das beeindruckt und beschäftigt. Ein kleiner Film, der bei mir ganz großen Eindruck hinterließ.

© 2014 Wolfgang Brunner