Interview mit dem Make-Up Artist Roman Braunhofer

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© Roman Braunhofer

Roman Braunhofer wurde am 28.11.1976 gebo© >Roman Braunhofer
ren und interessierte sich schon als Kind für künstlerische Gestaltungen.
Er absolvierte eine Ausbildung als Kunsttischler, während der sein Interesse an Malerei und Bildhauerei immer mehr zu Tage kam.

Seine Faszination für Science Fiction- und Horrorfilme war ausschlaggebend für eine Ausbildung zum Maskenbildner. In Los Angeles besuchte er weitere Weiterbildungsseminare.

2014 erhielt er zusammen mit Susanne Weichesmiller den österreichischen Fernsehpreis für die Maske und Spezialeffekte zum Film „Blutgletscher“ und zusammen mit Helene Lang den Deutschen Filmpreis 2014 für seine Arbeit zum Film „Das finstere Tal“.
Ich freue mich sehr, Roman Braunhofer ein paar Fragen zu seiner Arbeit stellen zu dürfen.

 

 

1. Dass Du Dich in Deiner Jugend schon für SF- und Horrorfilme interessiert hast, wissen wir. Hast Du denn schon als Kind auch Masken und Kunstblut hergestellt?


In meiner Kindheit habe ich es bereits geliebt, mich im Fasching zu verkleiden. Als ich in die Schule kam, habe ich dann auch schon mal begonnen, meine Mitschüler für das ein oder andere Faschingsfest zu schminken, vorausgesetzt sie wollten nicht als Prinzessin oder Indianer gehen. Halloween hat man in meiner Kindheit in Österreich leider noch nicht gefeiert, das wurde erst populär, als ich schon Teenager war. Masken habe ich in der Zeit noch keine gemacht, dafür schon sehr früh diverse Skulpturen und Modelationen aus den verschiedensten Materialien.

2. Auch in Deinem Beruf gibt es bestimmt Vorbilder, die man verehrt. Welche sind Deine?

Vorbilder gibt es einige. Einer der Grössten ist DICK SMITH, der heute als Begründer der Spezialeffektmaske gilt. Danach kamen RICK BAKER, ROB BOTTIN, STAN WINSTON, STEVE JOHNSON. Eines der grössten Talente derzeit im Bereich Modelation ist KAZUHIRO TSUJI, dessen Arbeiten mich besonders beeindrucken. HR GIGER muss da aber auch noch erwähnt werden, dessen Design zu ALIEN 1979 Filmgeschichte geschrieben hat und die Nummer Eins meiner Lieblingsfilme ist.

3. Was hältst Du persönlich von computergenerierten Effekten, die immer mehr in Mode kommen?

Computergenerierte Effekte müssen richtig eingesetzt werden, damit ich sie gut finde. Am besten ist immer eine gute Mischung aus Old-School und der Computertechnik, die in der Arbeit von SFX Masken im Zeitalter von Full HD auch nicht mehr wegzudenken ist. Wenns jedoch nur computergeneriert ist, kenne ich kein Beispiel, wo es mich überzeugt.

4. Auf welche Deiner Arbeiten bist Du besonders stolz?


Die Mitarbeit im Kinofilm „Das finstere Tal“ ist eine meiner schönsten Erfahrungen, die ich als Maskenbildner gemacht habe und auf die ich auch ganz besonders stolz bin. Dafür habe ich auch zusammen mit Helene Lang den deutschen Filmpreis 2014 erhalten.

5. Du hast für die Maske zu „Blutgletscher“ den österreichischen Filmpreis gewonnen. Wie fühlte sich das für Dich an?

Wenn man sein Hobby und seine Leidenschaft zum Beruf machen darf und dafür auch noch einen Preis, sprich eine Anerkennung bekommt, ist das natürlich etwas Besonderes, worüber ich mich sehr gefreut habe.

6. Was macht Roman Braunhofer in seiner Freizeit? Welche Hobbys hast Du?

Eine grosse Leidenschaft von mir ist mein Garten, in dem ich ständig neue Sachen plane und umsetze und der auch einen gewissen Ausgleich schafft. Ansonsten verbringe ich selbst in meiner Freizeit viel Zeit in meinem Atelier und probiere neue Materialien aus baue Skulpturen, mache irgenwelche Modelationen … Außerdem habe ich ja auch noch zwei Kinder, die mich fordern, wenn ich mal zu Hause bin und eine tolle Frau, ohne die ich das alles gar nicht machen könnte. Langeweile kenne ich nicht.

7. Wie lange brauchst Du im Durchschnitt für einen vollständigen Dummy?

Wie lange ich für einen Ganzkörperdummy brauche, kann man so pauschal nicht sagen, weil viele verschiedene Aspekte, wie Aussehen, Zustand, Haare, Bart, usw. eine zeitliche Rolle spielen. Für meinen letzten Kinofilm habe ich in drei Wochen einen bewusstlosen 14 jährigen Jungen angefertigt.

8. Wenn Du Dir einen Horror- oder Science Fiction-Film aussuchen könntest, bei dessen Remake Du die Maske und Spezialeffekte übernehmen dürftest, welchen würdest Du wählen?

Ein Traum von mir wäre, wenn der Zeichentrickfilm „The Last Unicorn“ von Jules Bass und Arthur Rankin jr aus dem Jahr 1982 mit realen Menschen verfilmt werden würde und ich das Maskendesign machen könnte.
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nd sollte es noch eine weitere Fortsetzung von ALIEN geben, würde ich natürlich auch gerne dabei sein …

9. An welchem Projekt arbeitest Du derzeit?

Am Samstag hatte ich den letzten Drehtag für den Kinofilm THE WAY OF THE EAGLE, eine Produktion der Terra Mater Factual Studios mit den Schauspielern MANUEL CAMACHO, TOBIAS MORETTI und JEAN RENO. Jetzt beginne ich für eine Theaterinszenierung von Richard III, von drei Schauspielern, die enthauptet werden, Köpfe anzufertigen. Von einem anderen wird ein Ganzkörperdummy gebraucht. Danach freue ich mich schon auf die Vorbereitung eines Zombie-Kinofilms und auf die Dreharbeiten dazu, die bis Ende Januar dauern werden …

10. Nenne die fünf wichtigsten Dinge in Deinem Leben?

Die wichtigsten Dinge in meinem Leben sind natürlich meine Kinder und meine Frau.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die interessanten Antworten. Wer mehr über Roman Braunhofer erfahren möchte, dem sei ein Besuch auf seiner Homepage empfohlen, wo man neben den Film-Special Effects auch Zeichnungen, Bodypaintings und Tattoos bestaunen kann.

 

© 2014 Wolfgang Brunner / Roman Braunhofer

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Grand Piano (2013)

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Originaltitel: Grand Piano
Regie: Eugenio Mira
Drehbuch: Damien Chazelle
Kamera: Unax Mendía
Musik: Victor Reyes
Laufzeit: 90 Minuten
Darsteller: Elijah Wood, John Cusack, Kerry Bishé, Tamsin Egerton, Allen Leech, Don McManus
Genre: Thriller
Produktionsland: Spanien
FSK: ab 16 Jahren

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Starpianist Tom Selznick tritt nach 5 Jahren Pause wieder auf! Zu Ehren seines verstorbenen Lehrers will er das von ihm komponierte „Unspielbare Stück “ aufführen, das bislang von noch keinem Pianisten fehlerfrei gespielt werden konnte.
Während Selznick mit dem Konzert beginnt, findet er zwischen den Notenblättern Krakeleien eines Unbekannten, der ihm mit dem Tod droht, sollte er eine falsche Note in dem Stück spielen. Auch Selznicks Frau, eine bekannte Schauspielerin, die im Publikum sitzt, gerät in Gefahr. Der Pianist spielt um ihrer beiden Leben.

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Alfred Hitchcok hätte an diesem Film bestimmt seine Freude gehabt. Und wenn man über ein paar kleine Fehlerchen hinwegsehen kann, die im wirklichen Leben so niemals passieren würden, dann hat man als Zuschauer auch seine helle Freude an Grand Piano.

Kurzweilig und spannend entführt der Film in eine Konzertaufführung der besonderen Art. Die Atmosphäre, die Eugenio Mira mit seinen Bildern einfängt, ist schon sehr fesselnd. Hinzu kommt dann auch das fantastische Schauspiel von Elijah Wood, Kerry Bishé und dem sehr sympathischen Don McManus als Dirigent. John Cusacks Part gerät eher in den Hintergrund, denn man hört eigentlich nur immer seine Stimme, bis er die letzten 15 Minuten dann doch noch zu sehen ist. Aber nichtsdestotrotz macht er seine Arbeit enorm gut.
Elijah Wood, der bereits mit dem hammermäßigen Maniac sein Frodo-Image hinter sich ließ, schafft dies auch mit der Rolle des Pianisten Selznick. Wood kann schauspielern, aber das wussten seine Fans bereits seit Der Eissturm oder Forever Young.

Die Spannung wird in Grand Piano durchgehend gehalten, was wirklich sehr beeindruckend ist. Aber auch die musikalische Seite, die geboten wird,  ist nicht zu verachten und hinterläßt Eindruck.
Das Finale erinnert dann wirklich sehr an Hitchcock, was aber aus meiner Sicht durchaus beabsichtigt und vollkommen legitim ist. Der Vergleich mit den beiden Filmen Nicht auflegen! und Panic Room ist gerechtfertigt, obwohl mich Grand Piano eher an den Erstgenannten erinnerte.
Von den angegebenen 90 Minuten Lauflänge dauert der Film allerdings nur 80, bevor der Abspann zu laufen beginnt.

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Fazit: Sehr spannender und intelligenter Thriller, der einen von der ersten Minute an in Atem hält. Die Schauspieler wissen allesamt zu begeistern und reißen einen mit. Aus musikalischer Sicht gesehen ist der Film ebenfalls nicht zu verachten.  Kurzweilig und hervorragend in Szene gesetzt, bietet Grand Piano ein wildes Katz- und Mausspiel, auch wenn Eugenio Mira das Thriller-Genre nicht neu definiert.

© 2014 Wolfgang Brunner

Repo! – The Genetic Opera (2008)

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Originaltitel: Repo! – The Genetic Opera
Regie: Darren Lynn Bousman
Drehbuch: Darren Smith, Terrance Zdunich
Kamera: Joseph White
Musik: Darren Smith, Terrance Zdunich
Laufzeit: 94 Minuten
Darsteller: Alexa Vega, Anthony Head,  Paul Sorvino, Sarah Brightman, Paris Hilton
Genre: Horror, Musical
Produktionsland: USA
FSK: ab 16 Jahren

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Wir schreiben das Jahr 2056. Aufgrund von Organversagen stirbt die Menschheit nahezu aus. Der Konzern GeneCo bietet Ersatzorgane an, die auch auf Kredit angeschafft werden können. Wer jedoch seine Raten nicht zahlt, wird vom sogenannten Repo-Man aufgesucht, der das unter Eigentumsvorbehalt eingepflanzte Organ wieder zurückholt.

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Darren ;ynn Bousmans Rockoper bietet so ziemlich alles, was ein Musikfilm braucht: Gute Musik, gute Schauspieler, gute SängerInnen, ein fantastisches, stylisches Bühnenbild und eine akzeptable Handlung. Für mich ist Repo! tatsächlich so etwas wie ein würdiger Nachfolger der Rocky Horror Picture Show. Wobei „Nachfolger“ eigentlich der falsche Ausdruck ist, eher der Bruder oder die Schwester des Kultmusicals mit Tim Curry.

Vollkommen eigenständig wird hier eine Szenerie präsentiert, die vom Set her manchmal an Blade Runner erinnert. Dunkel und düster, geheimnisvoll und brutal. Bousmans Inszenierung kommt geradlinig daher und weiß von der ersten Minute an zu faszinieren und zu begeistern.
Die Musik passt absolut hervorragend zu der Handlung und den Schauspielern, dass es eine wahre Freude ist, den Bilderrausch, der einem präsentiert wird, aufzusaugen. Terrance Zdunich als „Graverobber“, der Erzähler der Geschichte, hätte ohne weiteres in der Rocky Horror Picture Show mitwirken können. Er ist exzellent und hätte in meinen Augen eine größere Rolle verdient.
Sarah Brightman als „Blind Mag“ ist cool. Überhaupt wirken die Musikstücke genial mit ihrem düsteren Gothic-Touch, der so hervorragend zu den Bildern passt, dass es besser nicht ginge. Neben besagter Rocky Horror Picture Show erinnerte mich die Musik oft auch an Frank Oz‘ fantastische Musicalverfilmung von „Little Shop Of Horrors„.

Aber nicht nur die Musik macht den Reiz dieser Rockoper aus. Die teils heftigen Splatter-Szenen tun ihren Teil dazu, Repo! zu einem außergewöhnlichen Filmereignis werden zu lassen. Die Kombination aus Horror und fast schon opernhaftem Musical machen den Film zu einem beeindruckenden Erlebnis.

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Fazit: Schauspielerisch, musikalisch, sängerisch und inszenatorisch gibt es nichts an Repo! auszusetzen. Auch wenn es andere Stimmen gibt: Für mich ist diese Rockoper der erwachsene Bruder der Rocky Horror Picture Show und fällt auf jeden Fall in dieser Kategorie unter „Kultfilm“!

© 2014 Wolfgang Brunner

1984 (1984)

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Originaltitel: Nineteen Eighty-Four
Regie: Michael Radford
Drehbuch: Michael Radford
Kamera: Roger Deakins
Musik: Dominic Muldowney, Eurythmics
Laufzeit: 106 Minuten
Darsteller: John Hurt, Richard Burton, Suzanna Hamilton
Genre: Science-Fiction
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
FSK: ab 16 Jahren

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Im totalitären Staat Ozeanien lebt der kleine Angestellte Winston Smith ein erbärmliches Leben unter den alles überwachenden Augen des regierenden „Großen Bruders“, dessen Kameras und Mikrofone jede Bewegung seiner Untertanen verfolgen. Tagsüber ist Winston Smiths Aufgabe im Ministerium für Wahrheit die Geschichte zu fälschen, indem er alte Nachrichtenmeldungen und Dokumente rückwirkend so ändert, dass sie der geänderten offiziellen Sichtweise des Staates entsprechen. Sein Leben nimmt eine verhängnisvolle Wendung, als er eine verbotene Liebesaffäre beginnt. Er vergisst die alles überagende Maxime des Regimes: Big Brother is watching you …

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Nachdem ich vor kurzem zum wiederholten Mal den genialen dystopischen Roman von George Orwell gelesen hatte (den meiner Meinung nach jeder Politiker der Welt als Pflichlektüre haben sollte, um zu zeigen, wie man es nicht macht),  aber bisher noch nie die Verfilmung gesehen habe, habe ich beschlossen, das nachzuholen. Gleich eines Vorweg: Der Film ist nur dann ganz verständlich, wenn man vorher das Buch gelesen hat, da er sich sehr eng an dieses hält, aber sich nicht damit aufhält, alles zu erklären. Das ist vielleicht auch die größte Schwäche des Films – und zugleich seine Stärke.

Die meisten werden sich jetzt wundern. Wie kann das sein? Wer das Buch kennt wird sich vielleicht an „Doppeldenk“ erinnert fühlen. „Doppeldenk“ bedeutet, an zwei sich gegenseitig widersprechende Ansichten zu glauben. Die perfekte irreführung des Bewusstseins. Wenn der fiktive Staat Ozeanien heute Krieg mit Ostasien führt, dann hat er schon immer Krieg gegen Ostasien geführt. Wenn jemand sich erinnert, das gestern noch Ostasien der Verbündete in einem Krieg gegen Eurasien war, dann ist das falsch und jedes Nachdenken darüber wäre ein „Gedankenverbrechen“. Der Protagonist Winston Smith hat in seinem Beruf oft mit solchen Widersprüchen zu tun. Er muss die Geschichte korrigieren. Daher fällt es ihm auch immer schwerer, „Doppeldenk“ anzuwenden. Zum Beispiel wurde die Schokoladenration auf 25 Gramm heraufgesetzt. Aber Winston weiß, das die Schokoladenration vorher 30 Gramm war. „Doppeldenk“ verlangt von ihm, überzeugt zu sein, dass die Schokoladenration heraufgesetzt statt herabgesetzt wurde.  Man erfährt zwar nicht direkt,  dass die Schokoladenration eigentlich herabgesetzt wurde aber man erkennt es an der Miene von John Hurt, wenn dieser als Winston Smith die Nachricht hört. Und man weiß es, wenn man das Buch gelesen hat.

Es ist also eine Schwäche des Filmes, aus der Sichtweise derer, die das Buch nicht gelesen haben. Aus ihrer Sicht wirkt der Film schwer verständlich. Für jene aber, die das Buch kennen, ist der Film eine unglaubliche Visualisierung der Worte und eine hervorragende Ergänzung zum Buch. Der Film beeindruckt vor allem durch seine Bilder. Es wurde eine Welt geschaffen, die wie eine Zukunft vom Standpunkt aus dem Jahre 1948 (dem Jahr in dem das Buch vollendet wurde) aussieht. Das Design von Fernsehgeräten sieht so aus, wie man sich 1948 zukünftige Fernseher vorgestellt hat. Die Bilder zeigen auch schonungslos die Abartigkeit der Welt von 1984. Sexualität ist in der Welt von 1984 etwas Anstößiges, die Menschen empfinden ihre eigene Sexualität als abartig und die Bilder unterstreichen das.

Heute verbindet man mit „1984“ in erster Linie den perfekten Überwachungsstaat. „Big Brother is watching you“. Oft wird der Grad der Überwachung unserer Realität mit der Überwachung in 1984 gemessen und verglichen. Beunruhigt müssen wir feststellen, dass das Ganze gar nicht mehr so sehr der Utopie gleicht wie noch 1984. Mit unseren heutigen technischen Möglichkeiten eröffnen sich erschreckende Perspektiven zu dem Werk von Orwell.  „Doppeldenk“ ist auch hier bei uns schon gegenwärtig. Nach jeder Wahl will plötzlich auch keiner mehr all die schönen Worte und Versprechen gesagt haben.

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Fazit: Die Wirkung des Filmes ist zu einem großen Teil den Schauspielern zu verdanken. Vor allem John Hurt erweist sich als ideale Besetzung für den nachdenklichen Winston Smith, während Suzanna Hamilton die Julia sehr gut darstellt. Auch Richard Burton legt in seiner letzten Rolle – er starb kurz nach der Fertigstellung des Films – als zynischer und emotionsloser Parteifunktionär O’Brien eine beachtliche Vorstellung hin. Michael Radford hält sich bei seiner Umsetzung eng an Orwells Vorlage ohne Zugeständnisse an den Massengeschmack zu machen. In seiner deprimierenden Hoffnungslosigkeit dürfte der Film für viele zwar eher schwer verdaulich sein, aber er sollte als Warnung für unsere heutige Generation dienen.

© 2014 Lucas Dämmig

I Saw The Devil (2010)

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Originaltitel: Akmareul boatda
Regie: Kim Jee-woon
Drehbuch: Park Hoon-jung
Kamera: Lee Mo-gae
Musik: Mowg
Laufzeit: 142 Minuten (uncut)
Darsteller: Lee Byung-hun, Choi Min-sik, Jeon Gook-hwan, Jeon Ho-jin, Oh San-ha
Genre: Thriller
Produktionsland: Südkorea
FSK: FSK kJ (gekürzt), juristisch geprüft (ungekürzt)

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Kyung-chul ist ein Psychopath, der aus purem Vergnügen Frauen entführt, foltert und dann tötet, um sie zu zerstückeln.
Als er eines Tages die Tochter eines ehemaligen Polizeichefs ermordert, nimmt das Unheil seinen Lauf, denn der Verlobte des Opfer, der Geheimagent Soo-hyeon, schwört Rache und begibt sich auf einen blutigen und schonungslosen Selbstjustiz-Feldzug gegen den gefährlichen Massenmörder.

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Die Grundstimmung dieses kleinen Meisterwerks erinnert tatsächlich an David Finchers Sieben. Begleitet von einer ruhigen, klassischen Musik nehmen wir an einem Rachefeldzug im Stil von Ein Mann sieht rot teil, nur dass es hier bedeutend härter zur Sache geht.

Kim Jee-woon, der schon mit A Bittersweet Life überzeugen konnte, setzt mit I Saw The Devil noch eins drauf. In brillanter Optik und beeindruckenden Bildern erzählt er eine Geschichte, die man ohne weiteres nachvollziehen kann. Auch wenn der Rächer in einer ähnlich brutalen Weise wie der Mörder vorgeht, versteht man seine Wut und Verzweiflung dennoch.

Coi Min-sik als Serienkiller überzeugt auf ganzer Länge. Sein Charme, wenn er die Opfer verführt, seine Brutalität, wenn er seine Opfer quält und tötet, und seine Angst, wenn er seinem eigenen Tod gegenübersteht: All diese Facetten beherrscht der Südkoreaner perfekt. Gerade die kaltblütige Art, wenn er zum verabscheuungswürdigen Schlächter wird, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Hervorzuheben sind auch die hervorragenden Spezialeffekte und Gore-Szenen, die I Saw The Devil zu einem sehr brutalen Stück Filmgeschichte machen. Aber gerade diese Szenen (die in der deutschen kJ-Version natürlich wieder einmal alle fehlen) machen den Thriller zu einem unvergesslichen Erlebnis, das einem noch lange in Erinnerung bleibt. Wenn ich nur an die Taxifahrt denke, auf der der Killer zwei Menschen während der Fahrt umbringt, stockt mir noch immer der Atem. Das ist astreines Action-Kino, wie man es besser nicht inszenieren kann.

I Saw The Devil ist spannend und heftig, aufwühlend emotional und schauspielerisch auf hohem Niveau. Was kann man mehr von einem Thriller erwarten?

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Fazit: I Saw The Devil ist ein Meisterwerk in Sachen Selbstjustiz-Rache-Thriller. Durch seine blutigen und brutalen Szenen (die nur in der ungekürzten Fassung zu sehen sind) hinterlässt der zwar actionlastige, aber auch sehr ruhige, melancholische Film, einen bleibenden Eindruck. Für mich ist der Film jetzt schon ein Klassiker.

© 2014 Wolfgang Brunner

Hard Candy (2005)

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Originaltitel: Hard Candy
Regie: David Slade
Drehbuch: Brian Nelson
Kamera: Jo Willems
Musik: Harry Escott, Molly Nyman
Laufzeit: 100 Minuten
Darsteller: Ellen Page, Patrick Wilson, Sandra Oh
Genre: Psychothriller
Produktionsland: Vereinigte Staaten
FSK: keine Jugendfreigabe

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Der erfolgreiche Modefotograf Jeff und die 14-jährige Hayley lernen sich im Internet kennen. Beim ersten Treffen im Coffeeshop ist Jeff sehr angetan von dem aufgeweckten und charmanten Mädchen. Allerdings überrascht es ihn, dass Hayley sich kein bisschen scheut, mit ihm nach Hause zu gehen. In seinem Apartment angekommen, mag der Fotograf seinen Augen kaum trauen, denn Hayley legt den Vorwärtsgang ein: Nicht nur, dass sie beginnt, an der Bar Cocktails zu mischen – bald bietet sie sich auch für erotische Fotos an. Da kann Jeff natürlich nicht Nein sagen. Doch schon am Beginn des Shootings fängt Jeff an, sich seltsam zu fühlen. Kurz darauf wird er ohnmächtig…

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„Hard Candy“ ist einer der kontroversesten Filme, die ich je gesehen habe. Nicht nur, weil er ein Tabuthema behandelt, sondern auch, weil er genügend Stoff zum Nachdenken beinhaltet. Außerdem ist es ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel mit einer gelungenen Inszenierung. Hier wird die Rolle des Täters und des Opfers öfters getauscht. Als Zuschauer fühlt man sich regelrecht hin und her gerissen. Man weiß nicht so recht, auf welche Seite man sich schlagen soll. Und genau dieser Aspekt macht den Film interessant. Gut, die Ausgangssituation ist unglaubwürdig und auch die Handlungen der beiden Charaktere sind nicht immer logisch, aber das finde ich hier ausnahmsweise mal nicht ganz so schlimm. Die vermeintlich unschuldige Ellen Page zeigt eine wirklich grandiose Leistung. Anfänglich noch lieb und clever, wird sie langsam zu einer richtig perfiden und durchgeknallten Jugendlichen. Ebenso kann Patrick Wilson dem charmanten, aber dennoch unglücklichen Playboy genau die Seele vermitteln, die er benötigt. Beide Charaktere durchlaufen eine Wende. Während Hayley ihr wahres Gesicht schon recht bald offenbart, wird die Geschichte von Jeff erst nach und nach erzählt. Das ist ein dramaturgischer Kniff, welcher viel zur Spannung beiträgt. Durch diese Erzählweise ist es schwer, ihn einzuordnen und bis zum Schluss ist nicht ganz klar, ob er jetzt pädophil ist oder nicht. Generell erfährt man als Zuschauer erst recht spät, was eigentlich Sache ist.

Es ist schon ziemlich erstaunlich: Mit gerade mal 2 Akteuren und einer Location schafft es Regisseure David Slade den Zuschauer an einem spannungsgeladenen Film teilhaben zu lassen, welcher nie wirklich ins Stocken gerät. Doch gibt es da ein paar Ungereimtheiten gegen Ende hin.  Besonders die Handlungen von Jason sind nicht immer ganz glaubwürdig und die Entscheidung am Ende ist nicht wirklich nachvollziehbar. Vielleicht wäre sie das, wenn man mehr auf die Beziehung zwischen ihm und seiner Ex-Freundin eingegangen wäre. Auch Hayley wird als ein bisschen zu übermächtig dargestellt. Zwar behält sie nicht immer die Oberhand, aber sie ist doch diejenige, welche die Zügel in der Hand hat. Sie hat alles feinsäuberlich geplant und so funktioniert auch das Meiste, was sie sich vorgenommen hat.

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Fazit: Wenn es ein Film schafft, den Zuschauer die ganze Spieldauer lang unter Spannung zu halten, dann hat er schon Lob verdient. Der Film ist zwar ein eindeutiges Statement gegen Pädophilie, aber dadurch, dass er dieses Thema in Zusammenhang mit Selbstjustiz bringt, wird er sicherlich nicht jedem gefallen. Anderseits greift Slade damit auch geschickt das oftmals angesprochene Bedürfnis nach höheren Strafen von pädophilen Straftätern auf. Denn viele werden vielleicht, ehe sie sich versehen, Mitleid mit dem in die Falle gegangenen Jeff bekommen.

© 2014 Lucas Dämmig

The ABCs Of Death (2012)

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Originaltitel: The ABCs Of Death
Regie: Bruno Forzani ,Hélène Cattet. Kaare Andrews, Angela Bettis, Adrián García Bogliano, Jason Eisener, Ernesto Díaz Espinozo, Xavier Gens, Jorge Michel Grau. Noboru Iguchi, Thomas Cappelen Malling, Yoshihiro Nishimura, Banjong Pisanthanakun, Simon Rumley, Marcel Sarmiento, Jon Schnepp, Srdjan Spasojevic,Andrew Traucki, Timo Tjahjanto, Nacho Vigalond, Jake West, Ti Wes, Ben Wheatley, Adam Wingard, Yudai Yamaguchi ,Lee Hardcastle
Drehbuch: diverse
Kamera: diverse
Musik: diverse
Laufzeit: 129 Minuten (Uncut)
Darsteller:  Erik Aude, Iván González, Dallas Malloy, Kyra Zagorsky, Fraser Corbett u.a.
Genre: Horror
Produktionsland: USA, Neuseeland, Japan, Großbritannien, Indonesien, Spanien, Frankreich, Mexico u.a.
FSK: SPIO/JK: strafrechtlich unbedenklich (ungekürzt)

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Horror-Anthologie mit 26 Episoden, die je einem Buchstaben aus dem Alphabet zugeordnet sind. 26 Regisseure bekamen je ein Budget von 5.000 USD und sollten damit einen Kurzfilm produzieren, der nicht länger als 5 Minuten dauert und das Thema Tod behandelt. Den Regisseuren wurden dabei alle Freiheiten gelassen.

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26 Regisseure aus 15 Ländern gehen auf verschiedenartige Weise mit dem Thema Tod um. Da sind inhaltlich und visuell berauschende Episoden dabei (Dogfight, Orgasm, Apocalpyse), dann kommt ein ganzer Schwung Mittelmaß, der mal lustig, mal ernst, dann wieder abgedreht oder brutal ist, gefolgt von Geschichten, die mir so überhaupt nicht gefallen haben (Fart, Gravity, Hydro-Electric Diffusion. Jiday Geki).

Die Bandbreite ist wirklich sehr groß und bei einer Lauflänge von 5 Minuten je Episode ist es auch nicht weiter tragisch, wenn die ein oder andere Story daneben geht. Insgesamt ist der Film auf jeden Fall unterhaltsam, zeigt er doch auch, wie unterschiedlich Regisseure mit der Thematik umgehen.

In der deutchen FSK 18-Fassung sind 4 Geschichten komplett der Schere zum Opfer gefallen. Es handelt sich dabei um die Episoden „L is for LIBIDO“, „V is for VAGITUS“, „X is for XXL“ und „Y is for YOUNG BUCK“, deren Fehlen den Film um fast 25 Minuten (!!!) kürzer machen. Da dadurch nicht nur der Film, sondern auch das Alphabet zerstückelt wurde, benannte man dieses gekürzte Etwas  kurzerhand in „22 Ways To Die“ um. So einfach geht das mit der Zensur. Warum aber ausgerechnet „Vagitus“, „XXL“ und „Young Buck“ gestrichen wurden und nicht „Zetsumetsu“ bleibt mir allerdings ein Rätsel.

Auch wenn die ein oder andere Episode die Grenze des guten Geschmacks überschreitet, sollte man den Film komplett sehen, um eben die oben erwähnte Vielfalt und die Mentalitäten der verschiedenen Länder entdecken zu können. „Libido“ zum Beispiel ist sehr sexbezogen und wird so manchen Zuseher ekeln, aber dennoch fand ich die Idee und die Umsetzung sehr gut gelungen. Der letzte Beitrag mit dem Titel „Zetsumetsu“ ist (zumindest für mich) auch oft grenzwertig, erinnerte aber so manches Mal an die besten Werke des 2011 verstorbenen Ken Russell (Gothic, Der Höllentrip, Lisztomania, Tommy).

Die japanischen Beiträge waren fast allesamt uninteressant für mich, am schlimmsten und sinnlosesten fand ich die Furzerei in „Fart“, das war für mich eindeutig die schlechteste Episode.
Die beste Geschichte war, nach „Orgasm“, eindeutig „Dogfight“. Die Inszenierung und die Ästethik der Aufnahmen raubten mir echt den Atem. Und das Ende war cool … 😉
Außerdem fand ich den Knetmassen-Film „Toilet“ und die John Carpenter-„Sie leben„-Hommage „WTF!“ ziemlich gut.

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Fazit: The ABCs Of Death ist eine durchaus sehenswerte Horror-Antholgie, die vor allem durch ihren Abwechslungsreichtum besticht, auch wenn es Episoden gibt, die einem nicht zusagen. Durch die 5-Minuten-Dauer der Geschichten ist das Ganze aber ein sehr kurzweiliges Vergnügen, das man sich allerdings nur in der ungeschnittenen Fassung ansehen sollte.

© 2014 Wolfgang Brunner